Heft 21: Multikulturelle Gesellschaft

5,00 

11. Jahrgang, 1991, 132 Seiten, broschiert

2 vorrätig

Artikelnummer: 20 Kategorie:

Zum Thema

Die Welt wird zur Einheit: der Wirtschaftsraum ist global geworden und mit ihm hat die Abhängigkeit der armen Völker von den reichen Metropolen sich zur Hoffnungslosigkeit gesteigert.

Das Konzept der multikulturellen Gesellschaft ist doppeldeutig: es beschreibt den Vorgang, daß und wie der neue Wirtschaftsraum traditionelle Identitäten und Verhaltensmuster dysfunktional werden läßt, und die Reichen sich auf den Zuzug derer einstellen, die der materiellen Not und politischer Verfolgung entfliehen. Aber es benennt auch die Utopie: alte tief verwurzelte Feindschaften, Überheblichkeiten und Verständnislosigkeiten in einem erträglichen Miteinander der Völker und Kulturen zu überwinden.

Es war die Kultur in Europa, die – nach blutigen Schlachten – die Idee einer universellen Vernunft hervorgebracht hat. Diese segnete die Kolonisierung und Ausbeutung anderer Völker ebenso ab wie sie die Menschenrechte, Toleranz und Rationalität einklagte. Wird sie weiterhin das Grundmuster und die Berufungsinstanz abgeben, wonach die internationalen Kapitalinteressen gegen Widerstände möglichst reibungsfrei und effizient zu organisieren sind; formuliert sie die Grundsätze und Bedingungen, unter denen national wie international ein Dialog der Kulturen möglich ist; oder werden wir uns an anderen, außereuropäischen Denkstrukturen und Weltmodellen orientieren müssen?

Karl Homuth skizziert in seinem Beitrag zunächst die integrativen Funktionen, die das neue Hegemoniekonzept der multikulturellen Gesellschaft in der Bundesrepublik erfüllt.

Heinz Kimmerles beschreibt in „Multikulturelle Gesellschaft und interkulturelle Philosophie“ die möglichen Herausforderungen an das eigene Philosophieverständnis, die sich aus der Konfrontation mit der Philosophie in Afrika ergeben.

Ram A. Mall wendet sich in „Jenseits von Einheit und Differenz“ kritisch gegen das europäische Identitätsmodell in Hermeneutik und Kulturphilosophie und skizziert Grundzüge einer interkulturellen Verstehensstruktur.

Demgegenber plädiert Hermann Glaser in seinem Beitrag „Ohne Fremde(s) keine Kultur!“ dafür, die Potentiale des Humanradikalismus in der europäischen Aufklärungstradition weiterzuführen.

Kritisch wendet sich Wolfgang Habermeyer gegen die eurozentrischen Methodologie-Implikate in Philosophie und Ethnologie.

Das Gespräch schließlich, das die Widerspruch-Redaktion mit auereuropäischen KommilitonInnen geführt hat, macht die unterschiedlichen Sichtweisen, Konflikte und Erwartungen an die eigene kulturelle Identität und an die fremden Kulturen deutlich, die aus der Globalität des „Modernisierungsprozesses“ erwachsen sind.

Der Haltung von Staat und Wirtschaft zur kritischen Intelligenz ist das Sonderthema gewidmet. Ekkehart Krippendorff stellt anhand der gegenwärtigen staatlichen Industrie- und Forschungspolitik die „Ohnmacht des Intellektuellen“ dar.

Den Artikeln schließen sich Rezensionen von Büchern zum Thema sowie von Neuerscheinungen an.

Harald Wasser führt die Diskussion zum Thema des letzten WIDERSPRUCH: Ende der Linken? mit seinem Beitrag „Orthodoxe Paradoxe“ weiter. Das Heft beschließen Berichte von der Tagung „Kapitalismuskritik heute“ in Frankfurt/Main und vom „Gramsci-Kongreß“ in Berlin.

Die Redaktion