Heft 54: Fortschritt

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31. Jahrgang, 2011, 142 Seiten, broschiert

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Bislang ging der Begriff des Fortschritts mit den wissenschaftlich-technischen Umwälzungen der Neuzeit einher. Mit ihm verband sich zunächst die Erschütterung des traditionellen Weltbilds einer ordo naturae, an dessen Stelle nun der Mensch und seine Fähigkeiten, die Welt selbst zu gestalten, ins Zentrum traten. Das Vertrauen auf die wissenschaftlich begründete Erfahrung und die Vernunft sowie die Postulate der Emanzipation des Subjekts und der moralischen und sozialen Vervollkommnung der Menschheit bildeten die Grundlagen des Fortschrittsbegriffs von Aufklärung und Humanismus. Sie fanden ökonomisch ihren Ausdruck in einer ungeheuren Entfaltung der Produktivkräfte und politisch in den Postulaten der Bürger- und Menschenrechte und der demokratischen Gestaltung der Gesellschaft.

Die Reaktionen auf seine Folgen waren unterschiedlich und widersprüchlich. Auf der einen Seite artikulierten sich die konservative Kritik an der Herausbildung einer liberalen und demokratischen Gesellschaft sowie eine fundamentale Zivilisationskritik, wie sie von Rousseau und den Romantikern, dann von Nietzsche oder Heidegger formuliert wurde. Auf der anderen Seite bestanden die gegensätzlichen Auffassungen vom Fortschritt vor allem darin, ob er vorrangig als ökonomischer Fortschritt (Produktivitätssteigerung und Gütervermehrung) zu verstehen sei, ob er darüber hinaus als ein sozialer Fortschritt (Steigerung von Wohlstand und Lebensqualität) begriffen werden müsse, oder ob er als ein historischer Fortschritt zu interpretieren sei, der eine Umwälzung der Produktionsverhältnisse herbeiführt, die eine humane Gesellschaft erst ermöglicht.

Die Erfahrungen von zwei Weltkriegen, dem Holocaust und den totalitären Gesellschaften des 20. Jahrhunderts riefen insbesondere bei der Frankfurter Schule eine dialektische und ambivalente Sichtweise hervor, welche auch die destruktiven und antihumanen Tendenzen des Fortschritts in den Blick nahm. Während sie selbst noch kritisch an der Tradition festhielt, verwarf die Postmoderne das Fortschrittsdenken dann in Gänze, erkannte im „Logozentrismus“ der Aufklärung die Ursache aller Herrschaftsformen und beharrte auf dem Partikularen und Differenten.

Mit den neueren globalen ökonomischen Entwicklungen und ökologischen Bedrohungen rückte die Frage der wissenschaftlich-technischen „Beherrschbarkeit“ in den Fokus der Diskussion. Sie stellte neue Herausforderungen an die Philosophie, einerseits das Emanzipationspotential des Fortschritts zu verteidigen, sich andererseits mit seinen Risiken und Folgen auseinander zu setzen. So machte die Anti-Atom-Bewegung auf die nicht beherrschbaren Folgen bestimmter (Groß-)Technologien aufmerksam, der Club of Rome zeigte die „Grenzen des Wachstums“ auf und die Ökologen prangerten die fortschreitende Zerstörung der menschlichen Lebensräume an. In den Blickpunkt traten nun die zerstörerische Potenz von Wissenschaft und Technik. Das bislang dominierende Argument, Wissenschaft und Technik seien ihrem Wesen nach neutral und erhielten ihren Wert erst durch die Zwecke, für die sie eingesetzt würden, verlor seine Plausibilität. Damit polarisierte sich die Diskussion auf neue Weise. Nun standen auf der einen Seite diejenigen, die den technischen und ökonomischen Fortschritt weiterhin als unaufhebbare Grundlage der Moderne vorantrieben, seine Risiken marginalisierten oder durch eine künftige, bessere Technik für beherrschbar hielten. Ihnen gegenüber kristallisierte sich eine Perspektive heraus, die im Namen einer unversehrten Natur oder der Verantwortung für künftiges Leben den Fortschritt in Frage stellte und die Lebensqualität der Menschen zum Maßstab erhob, an dem der Fortschritt sich messen lassen muss.

Im Zuge der ökonomischen Krisen seit Beginn des Jahrhunderts, der spürbarer werdenden Veränderung des Weltklimas und schließlich der Reaktorkatastrophe in Fukushima bahnt sich eine neuerliche Rollenverteilung in der Diskussion um den Fortschritt an. Während die einen nun mehr entschieden für den Ausstieg aus der traditionellen Großtechnologie und für einen „grünen Fortschritt“ plädieren, erkennen die anderen den bestehenden Kapitalismus nicht mehr als die gesellschaftliche Form an, in der Fortschritte zu erzielen sind. Sie suchen nach einer Neudefinition des Fortschritts, der sich nicht quantitativ an der Steigerung des Bruttoinlandsprodukts bemisst, sondern qualitativ an der Lebensqualität und der Nachhaltigkeit des Wirtschaftens sowie an der gerechten Verteilung des Reichtums und der demokratischen Teilhabe bemessen soll. An dieser Diskussion setzen die Beiträge des vorliegenden Heftes an.

Der Artikel „FAQ Fortschritt“ von Konrad Lotter gibt einen einleitenden Überblick über die philosophischen Dimensionen des Themas. In der Beantwortung von Frequently Asked Questions zeigt er in Thesenform eine Reihe von Positionen und Differenzierungen auf, die der gegenwärtigen Diskussion um den Begriff des Fortschritts zugrunde liegen.

Auf den Fortschrittsbegriff der Aufklärung geht der Beitrag von Johannes Rohbeck ein. Er weist darauf hin, dass der Begriff keineswegs so linear verwandt wurde, wie meist unterstellt, sondern dass er im Gegenteil von Beginn das Moment der Selbstreflexion enthielt und durchaus geeignet ist, der gegenwärtigen geschichtsphilosophischen Diskussion als Grundlage zu dienen.

Den Veränderungen in der Bewertung des technischen Fortschritts geht der Artikel von Reinhard Meiners nach: vom „Bacon-Projekt“, das den technischen mit dem gesellschaftlichen Fortschritt identifizierte, bis zur wachsenden Skepsis, die das Projekt einer Ethik der Technik, ihrer Kritik und Bewertung, ins Leben rief.

Unter dem Titel „Fortschritt durch Wachstum“ zeichnet Alexander v. Pechmann den Aufstieg und Fall eines Paradigmas nach, auf dem nicht zuletzt die Dominanz der „Ersten Welt“ beruhte.

In der Rubrik „Münchner Philosophie“ wird María Isabel Peña Aguado vorgestellt, die den Lehrstuhl für Philosophie und Ästhetische Theorie an Akademie der Bildenden Künste innehat. Sie berichtet von ihrem Werdegang, der sie von Madrid über Cambridge nach München geführt hat sowie von ihren Erfahrungen als Philosophin.

Das Sonderthema ist dieses Mal „Walter Benjamin in Dachau“ gewidmet. Johann Jakob Grund erzählt von einem Aufenthalt im Dachauer „Moorbad“, der nicht nur einen Einschnitt in Benjamins Leben, sondern auch eine Wende in seiner geistigen Entwicklung brachten.

Der Aktualität des Themas und der Menge von Neuerscheinungen einschlägiger Büchern ist es zu verdanken, dass die Liste der Rezensionen zum Thema in diesem Heft ungewöhnlich lang ist; die Liste der Neuerscheinungen fällt entsprechend kürzer aus.

Das Heft beschließt der Bericht von Ignaz Knips über die Veranstaltungsreihe mit Noam Chomsky im Rahmen der Albertus-Magnus-Professur im Juni 2011 an der Universität Köln.

Die Redaktion