Heft 60: Grenzen der Anpassung

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35. Jahrgang, 2015, 160 Seiten, broschiert

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Zum Thema

Der Begriff der Anpassung hat nicht nur mehrere Bedeutungen, er wird auch gegensätzlich bewertet. Mit positivem Vorzeichen wird er z.B. in der Biologie, speziell in der Evolutionstheorie, verwendet: Je besser ein Lebewesen an seine Umwelt angepasst ist, desto erfolgreicher kann es sich im Kampf ums Dasein behaupten. Ebenso positiv erscheint er in der Medizin oder der Psychiatrie. Beide begreifen Anpassungsstörungen als Krankheit und versuchen, sie durch geeignete Therapien zu heilen. Mit negativem Vorzeichen ist der Begriff dagegen zumeist in der Politik oder (Sozial-) Psychologie versehen, wo Anpassung mit Konformismus, Opportunismus oder Mitläufertum assoziiert wird. Manche

Bildungspolitiker warnen inzwischen vor allzu großer Anpassung, die schon im Kindergarten auf die (Leistungs-) Anforderungen des Gymnasiums und der (Elite-) Universität vorbereitet: Überanpassung mache steril und unkreativ und bewirke das Gegenteil dessen, was Schule und Ausbildung bewirken sollen, die Vorbereitung auf eine gehobene berufliche Karriere. Dagegen hat die emanzipatorische Pädagogik den Begriff der kritischen Anpassung geprägt. Ohne Anpassung ist kein soziales Leben möglich; doch sollten mündige Menschen auch die Fähigkeit besitzen, die Ziele und das Ausmaß ihrer Anpassung zu reflektieren und selbst bestimmen.

Das philosophische Interesse, das dem vorliegenden Heft zugrunde liegt, ist allgemeiner: Ausgelotet werden darin die Grenzen der Anpassung an eine Gesellschaft, die sich im Interesse des ökonomischen Wachstums und des Profits ständig beschleunigt. Es sind nicht nur die Produktion und die Zirkulation, die sich infolge fortschreitender Produktivkräfte ständig beschleunigen und höhere Anforderungen an das Können, die Verantwortung, die Konzentrationsfähigkeit  und Ausdauer der Menschen stellen. Es sind auch die Produktions- oder Arbeitsverhältnisse, die ihm immer mehr Mobilität und Flexibilität abverlangen. Davon ausgehend findet eine fortwährende Veränderung der Lebenswelt statt, die ein ständiges Umlernen und  Neu-Orientieren erfordert und vielen Menschen das Gefühl vermittelt, sich auf slippery slopes oder „rutschenden Abhängen“ (Hartmut Rosa) zu bewegen, ohne Aussicht, die eigenen Lebensumstände noch beherrschen zu können.

Nicht eingestimmt werden soll in die Klage der Kulturpessimisten, die in der Folge der zunehmenden Beschleunigung eine „neue Barbarei“ (Nietzsche) heraufziehen oder das Leben in der Sphäre der „Uneigentlichkeit“ (Heidegger) versinken sehen. Zwar ist der Mensch anpassungsfähig und entwickelt unter dem Einfluss der gesellschaftlichen Verhältnisse eine „zweite Natur“, die die erste, biologische Natur überformt. Gleichzeitig aber stellt sich die Frage, wie weit diese Anpassungsfähigkeit geht und ob, bei fortschreitender Beschleunigung, nicht Grenzen sichtbar werden, die ihn physisch und psychisch überfordern und seine menschliche Integrität beschädigen. Vor allem aber stellt sich die Frage, ob mit dem Offenbar-Werden dieser Grenzen nicht auch die Bereitschaft der Menschen wächst, sich den entfremdeten Verhältnissen entgegenzustellen.

Konrad Lotter stellt einleitend eine Reihe von positiven und negativen „Utopien der Anpassung“ vor. In ihnen werden „neue Menschen“ entworfen, die an die Bedürfnisse der kapitalistischen Produktion und die Steigerung der Profitrate angepasst sind und dabei zu Maschinen mutieren. In seinem Beitrag „Wider den Urteilszwang“ kritisiert Pravu Mazumdar den Normierungswahn der herrschenden Kunstkritik und formuliert Kriterien für einen produktiven und kreativen Umgang mit Kunstwerken.

Unter dem Titel „Wann ist es genug?“ gibt Fritz Reheis einen Überblick zum gegenwärtigen Stand der Diskussion über die soziale Beschleunigung. Mit den zunehmenden Zwängen der Anpassung des Menschen und der Natur an den technischen Fortschritt und das beschleunigte ökonomische Wachstum werden zugleich deren Grenzen aufgezeigt. Burkhard Wilk entwickelt den Gedanken einer „monopluralistische Integration“ als eines „ethischen Konzepts der Multikulturalität“. Es handelt sich dabei um einen

Spezialfall der Anpassung: die Anpassung von Einwanderern an ihre neue soziale, politische und kulturelle Umwelt.

Das Gespräch mit Heiner Keupp, das zugleich die Rubrik „Münchner Philosophie“ repräsentiert, problematisiert die Grenzen der Anpassung anhand konkreter Beispiele. Es zeigt die psychischen Mechanismen und schichtenspezifischen Formen der Anpassung auf, versucht die Grenzen zwischen notwendiger Anpassung bei der Ausbildung der Persönlichkeit und der Überanpassung an „falsche“ gesellschaftliche Normen und Ideologien zu ziehen und diagnostiziert die Grenzen der Anpassung als Erkrankung.

Die Liste der Rezensionen zum Thema ist in diesem Heft verhältnismäßig kurz, was daran liegt, dass das Thema „Anpassung“ trotz gesteigerten Drucks durch neue Techniken, soziale Medien, Mode, Überwachung derzeit nur wenig diskutiert wird.

Das Sonderthema des Hefts behandelt das Verhältnis von Fetischismus und Antisemitismus. Adrian Fritz geht dem Fetischbegriff nach und stellt Theorien vor, die den Antisemitismus als Projektionsform des Marxschen ‚Kapitalfetischs‘ erklären.

Lang fällt dagegen dieses Mal die Liste der Rezensionen von Neuerscheinungen aus. Ein Tagungsbericht zum Antisemitismus in Heideggers Schwarzen Heften von Emanuel Kapfinger schließt das Heft ab.

Die Redaktion