Das Klima. Geschichte des Begriffs (III)

Das Klima. Geschichte des Begriffs, 3.Teil

von Alexander von Pechmann

Alexander von Humboldts Erforschung des Klimas

Wie kein anderer ist Humboldt diesem umfassenden Forschungsprogramm selbst gefolgt: auf seinen Erderkundungen kroch er mit einer Vielzahl von Messinstrumenten in die tiefsten Schächte und Erdlöcher und erkletterte die höchsten Berge; er vermaß nahezu jeden Fluss, Berg und See, den er traf, und beobachtete die Variationen der Pflanzen- und der Tierwelt in ihren jeweiligen Lebensräumen; er seilte sich fest im Sturm, um die Höhe der Meereswellen zu messen; er sammelte unzählige Gesteins- und Pflanzenproben, die er sorgfältig etikettierte … Sein waches Interesse am Einzelnen wie seine Datensammelwut dürften wohl erst von „Google“ übertroffen worden sein.

Aristokrat, der er war, dienten diese Datenmassen Humboldt allerdings nicht der schnöden Vermarktung, sondern der Entdeckung der Zusammenhänge in der Natur. So gehen auf ihn die „isothermen Linien“ zurück, die Orte mit gleicher Jahrestemperatur verbinden und zugleich Schlüsse auf die Art der Pflanzen erlauben. Er entdeckte den nach ihm benannten „Humboldtstrom“, die Zirkulation des Wassers im Pazifik. Als allgemeines Resultat seiner Erderforschung und -vermessung ergab sich für ihn die Definition der Erde als System: die Erdkugel sei von zwei „Meeren“ bedeckt, einem aus Wasser und einem aus Luft. Durch beide laufe ein ständiges Strömen: im atlantischen Ozean der Golf-, im Pazifik der Humboldtstrom. Die Ströme des „Luftozeans“, die von den Schwankungen der Sonnenwärme in Bewegung gehalten und an den Schräghängen der großen Steinmassive gebrochen werden, bewirken, dass die Verteilung der Gewächsarten nicht den linearen Breitengraden, sondern den geschwungenen isothermischen Linien folge. Dieses System der Ströme des Wassers und der Luft verbinde die Kontinente zu einer Einheit.

Humboldt bleibt damit letztlich bei dem Dualismus zweier Welten stehen: einer physischen Welt und einer intellektuellen Welt, die jeweils nach fundamental anderen Gesetzen funktionieren. Einerseits gehöre der Mensch der Natur als eines „lebendigen Ganzen“ an – diese wäre sonst kein Ganzes –, andererseits aber unterliege er Gesetzen von ganz anderer Art als den Naturgesetzen. Er zieht offenbar wie Kant die strikte Grenze zwischen dem Menschen und der Natur, die Herders „dynamischer Spinozismus“ doch überwinden wollte. Humboldt starb sechs Monate, bevor Charles Darwins Buch „Über die Entstehung der Arten“ erschien, das einen neuen Diskurs über das „Tier-Mensch-Übergangsfeld“ eröffnen sollte.

Die Klimatologie als Wissenschaft

Neben der Fertigstellung und Veröffentlichung seines Alterswerks war Humboldt bis zuletzt bemüht, die Klimaforschung zu institutionalisieren. Sie sollte nicht mehr nur Sache einzelner Abenteurer sein, sondern zu einer staatlich geförderten Angelegenheit werden. So hatte er schon 1831 eine „mathematische Betrachtung der Klimate“ gefordert, worunter er eine systematische Sammlung und Auswertung von Messdaten verstand, sowie den Aufbau eines Netzwerks meteorologischer Stationen. Auf seine Veranlassung wurde das „Königlich Preußische Meteorologische Institut“ in Berlin als Zentrum eines Beobachtungsnetzes gegründet. In der Folge entstanden Institute wie 1851 die „Hohe Warte“ in Wien, 1854 der „Königlich-niederländische Wetterdienst“ in Utrecht und 1872 das „Physikalische Zentralinstitut“ in St. Peterburg.

Es war dann vor allem der Meteorologe Heinrich Wilhelm Dove, Leiter des Berliner Instituts, der auf den simplen Sachverhalt verwies, dass das Klima keine staatlichen Grenzen kenne, und darauf insistierte, dass man zur Erforschung der physikalischen wie chemischen Prozesse wie zur Voraussage des Wetters die Prozesse in der Atmosphäre wie ihre geophysikalischen Ursachen weltweit in den Blick nehmen müsse. Zudem machte auch das Wachstum der Wirtschaft mit ihrem zunehmenden Schiffsverkehr die meteorologische Forschung auf globaler Ebene aus praktischen Gründen erforderlich.

Im Weiteren suchte dann vor allem der Meteorologe Christoph Buys Ballot als Leiter des holländischen Instituts nach Wegen zur internationalen Kooperation. Er veröffentlichte die „Suggestions on a uniform system of meteorological observations“, die sowohl die Eindeutigkeit der Messdaten als auch ihren freien Austausch und damit ihre Vergleichbarkeit zum Inhalt hatten. Sie sollten sich als ein wegweisendes Programm erweisen, das noch heute der globalen Wetterbeobachtung zugrunde liegt.

Auf der Meteorologen-Versammlung 1972 in Leipzig waren schließlich zwanzig Regierungen vertreten, die übereinkamen, eine internationale Organisation zu schaffen. Anschließend wurde 1879 die „Internationale Meteorologische Organisation“ (IMO) gegründet, deren erster Direktor Buys Ballot wurde.

Auf Initiative dieser Organisation wurden im Rahmen des sog. „Internationalen Polarjahres“ 1882-3 Wetterstationen auch in den Polarregionen, 14 in der Arktis, zwei in der Antarktis, eingerichtet. Hinzu kamen Wetterstationen auf den Bergen, 1886 auf dem Sonnblick in Österreich und auf dem Säntis in der Schweiz sowie 1895 auf dem Brocken und 1900 auf der Zugspitze in Deutschland. Bis Ende des 19. Jahrhunderts entstand so in der Tat das von Humboldt geforderte globale Netz der Wetterbeobachtung.

Als in den 30er Jahren in Nazi-Deutschland die meteorologischen Daten unter den Geheimnisvorbehalt gerieten und 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, kamen die meteorologischen Kooperationen zwischen den Staaten zum Erliegen. Nach dem Krieg wurde dann 1947 in Washington von den 42 anwesenden Staaten der Beschluss zur Gründung der „World Meteorological Organisation“ (WMO) als Nachfolgeorganisation gefasst, die 1950 ins Leben gerufen und ein Jahr später zu einer Organisation der Vereinten Nationen wurde. Sie veranstaltete 1979 die erste Weltklimakonferenz, und 2007 erhielt der von ihr eingerichtete „Weltklimarat“ den Friedensnobelpreis.

Parallel zur Institutionalisierung der globalen Wetterbeobachtung etablierten sich die Meteorologie und Klimatologie als systematisch aufgebaute Naturwissenschaften. Anders als von Humboldt war sie jedoch nicht darauf gerichtet, „den Geist der Natur zu ergreifen“, sondern auf die Herstellung eines nützlichen Wissens von den weltweiten meteorologischen Vorgängen und klimatischen Verhältnissen, das für den wachsenden Welthandel und die kolonialen Eroberungen gebraucht wurde. Aus dieser anthropo- oder, wohl besser, eurozentrischen Perspektive wurden diese Wissenschaften vom Wetter und vom Klima zunächst auf drei Ebenen aufgebaut: die Erhebung der meteorologischen Daten, ihre Vergleichung in einer „synoptischen Meteorologie“ und ihre Zusammenfassung in der Klimatologie.

Der Ausgangspunkt der Klimatologie ist also nicht der sinnliche Augenschein des Wetters und auch keine theoretische Definition des Klimas, sondern das enge Netz von Messstationen, das die Erdkugel umspannt, das je örtliche Wetter kontinuierlich erfasst und die Daten in Zentralen sammelt.

Diese örtlichen Klimata werden nun ihrerseits in den sog. „Klimakarten“ nach gewissen Klimazonen verzeichnet. Dabei gilt das von dem Geowissenschaftler Wladimir Köppen veröffentlichte Werk „Das geographische System der Klimate“ von 1936 als eine Klassifizierung des Klimas, die auch noch heute Verwendung findet. In ihm werden statt der bislang vier thermischen Großklimazonen (Tropen, Subtropen, Mittelbreiten, Polargebiete) auch die hygrischen Klimaelemente als fünfte Zone einbezogen. Sie werden ihrerseits wieder in ca. 30 Klimazonen unterteilt.

Somit verweist das Äußerliche und Subjektive in der Zusammenfassung und Ordnung der Klimate in möglichst anschaulichen Karten selbst darauf, dass die klimatischen Verhältnisse als solche oder „ihrem Wesen nach“ nicht in einem Bild darzustellen sind. Die tatsächlichen Wechselwirkungen und gegenseitigen Bedingtheiten sind vielmehr im Begriff des einen globalen Klimas zusammenzufassen, in dem all die unterschiedlichen Klimate Momente des Klimasystems sind. Das aber heißt: Die Klimatologie muss die bisherige bildlich-anschauliche Ebene verlassen, die zwar subjektiv praktisch ist zur Orientierung, die aber das Klima selbst nicht erfassen kann. Dessen Zusammenhänge sind nur begrifflich zu fassen. Mit diesem Übergang vom Bild zum Begriff aber wird die Klimatologie aus einer empirisch vergleichenden und klassifizierenden Wissenschaft zu einer Systemwissenschaft oder, wie es später dann heißen wird, Earth System Science.

Die beschriebenen Ebenen zusammenfassend beginnt also die Klimatologie als Wissenschaft mit der Erhebung der meteorologischen Messdaten, sie schreitet fort, die gemessenen Daten zu vergleichen und hinsichtlich ihrer Größen zu ordnen. Daraufhin wird der langjährige Durchschnitt gebildet, also die Klimata, und die Durchschnittswerte werden ihrerseits verglichen und geordnet. Ziel aber ist, diese Durchschnittswerte in einen objektiven Zusammenhang zu stellen, um sie so als Momente eines Systems zu begreifen. In diesem Klimasystem aber hängt nun in der Tat „alles mit allem zusammen“.

Die Erdsystemwissenschaft

Mit der Systemebene hat sich der Charakter der Klimatologie gewandelt. Denn ihr Ausgangspunkt ist jetzt nicht mehr die Mannigfaltigkeit all der örtlichen Messdaten, sondern das Klima als ein Ganzes. Ihre Aufgabe ist es daher, den umgekehrten Weg zu gehen, nämlich eben jene „Wechselwirkung und gegenseitige Bedingtheit“ der Elemente dieses Systems nachzuweisen, von der schon Julius von Hann gesprochen hatte. War es bei Herder jedoch noch die eine göttlich-organische Kraft, die diesen allgemeinen Zusammenhang stiftet, über den er allerdings nur in Metaphern oder Vermutungen reden konnte, und hatte auch von Humboldt das „physische Ganze“ mehr beschworen als begrifflich erfasst, so wurde es die Aufgabe der Klimatologie als Systemwissenschaft, diese globalen wechselseitigen Bedingtheiten und Bewirkungen auch in Begriffe, d.h. nach Gesetzen, zu fassen.

Auf dem Fundament dieses Grundsatzes der Stabilität des Erdklimas bestand nun die Aufgabe der Klimatologie darin, die Ungleichverteilung der Wärme auf der Erdkugel, die durch die Rotation der Erde um sich und um die Sonne bewirkt ist, in all ihren einander bedingenden, wechselseitigen und damit rückläufig-zyklischen Verläufen und Prozessen zu erforschen und darzustellen. Diese Aufgabe hatte Julius von Hann so beschrieben: „Die ungleiche Vertheilung der Wärme in den unteren Luftschichten an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten, das hierdurch gestörte Gleichgewicht der Atmosphäre, das sich durch die ungleichen Barometerstände am Niveau des Meeres ausspricht, und durch die Luftströmungen eine Wiederherstellung sucht, endlich die verschiedene Vertheilung des Wasserdampfes, seine Ausscheidungen aus der Atmosphäre als Wolke, Regen und Schnee: das sind die Haupterscheinungen, deren gesetzmäßigen Zusammenhang darzustellen die Aufgabe der Meteorologie ist; deren Zusammenspiel an einem bestimmten Orte wir mit dem Worte Klima bezeichnen.

Wenn wir uns hier nur auf die wesentlichen Erkenntnisse der Klimatologie als Systemwissenschaft, die seither gewonnen wurden, konzentrieren, so lagen sie zum einen in der detaillierten Erforschung der physikalischen Vorgänge, dann aber auch der chemischen und biologischen Austausch- und Stoffwechselprozesse sowohl innerhalb als auch zwischen den Sphären der Luft, der Erde, des Wassers, des Lebens und des Menschen. Zum anderen wurde insbesondere mit den Beobachtungen des Klimasystems durch Satelliten sowie mit der Datenverarbeitung durch elektronische Rechner seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts der globale Kreislaufcharakter derjenigen Stoffe erkannt, die wie der Sauerstoff, der Kohlenstoff, der Stickstoff oder der Phosphor für die Stabilität des Klimasystems wesentlich sind. Sie zeigten, dass die physikalischen Vorgänge wie biochemischen Stoffwechselprozesse auf der Erde im Großen und Ganzen, gleichsam als Negation der Negation, rückläufig sind.

Das Resultat dieser Erkenntnisse wurde schließlich in den 70er Jahren von dem Chemiker und Geowissenschaftler James Lovelock und der Biologin Lynn Margalis in der sog. Gaia-Hypothese zusammengefasst, nach der das Erdsystem nicht nur ein thermodynamisches System im Gleichgewicht ist, sondern auch – wie ein Lebewesen – als ein sich selbst organisierendes und regulierendes System aufzufassen sei. Die Wechselwirkungen zwischen der Biosphäre und den anorganischen Erdsphären, der Atmo-, Hydro- und der Pedosphäre, seien demnach dergestalt, dass sie zugleich die Bedingungen für die Erhaltung des Lebens auf der Erde wiederherstellen. Diese Hypothese wurde zur Grundlage der sich in den 80er Jahren etablierenden „Earth System Science“, deren Begriff 1985 vom Vorsitzenden des von der NASA eingerichteten Komitees, Francis Bretherton, geprägt wurde. Ihr Ziel sei es, diese Selbstorganisation durch die Messungen der physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse in der Erdevolution zu verstehen.

Nun scheint diese neue Hypothese von der aktiven Selbstorganisation des Klimasystems wieder auf jene alte universelle „organische Kraft“ zurückzugreifen, die schon Herder im Zusammenwirken all der natürlichen und kulturellen Erscheinungen walten sah, oder auf jenen „Geist der Natur“, dessen Wirken Humboldt in und hinter den Erscheinungen begreifen wollte. Und eben diesen idealistischen „Geist“ hatte ja die Klimatologie als eine empirisch begründete bzw. datenbasierte Wissenschaft der Natur austreiben wollen. Mit der Gaia-Hypothese schien nun die Idee einer solch inneren organisierenden Kraft in die Klimatologie wieder zurückzukehren, gegen die ja schon Kant argumentiert hatte, weil sie Unerklärliches durch noch Unerklärlicheres erkläre.

  1. Alexander von Humboldt, Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, Bd. 1, Stuttgart 1845, 5 f. ↩︎
  2. Siehe: Bernhard Hunger, Spurensuche einer Rezeptionsgeschichte Alexander von Humboldt und Johann Gottfried Herder. ↩︎
  3. Alexander von Humboldt, Kosmos, a.a.O., 5. ↩︎
  4. ebd. ↩︎
  5. ebd., 6 f. ↩︎
  6. siehe: Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Reinbek 2005, 238. ↩︎
  7. Alexander von Humboldt, Kosmos, a.a.O., 378. ↩︎
  8. ebd., 386. ↩︎
  9. ebd. ↩︎
  10. siehe zur Geschichte der IMO: wettermuseum.de/meteorologie/internationale-organisation. ↩︎
  11. Julius Hann, Handbuch der Klimatologie, Stuttgart 1883, 4. ↩︎
  12. ebd., 3. ↩︎
  13. ebd. ↩︎
  14. ebd., 1. ↩︎
  15. Wladimir Köppen, Das geographische System der Klimate, Berlin 1936, 6. ↩︎
  16. Julius Hann, Handbuch der Klimatologie, a.a.O., 3. ↩︎
  17. ebd. ↩︎
  18. ebd., 6. ↩︎
  19. So hatte noch von Humboldt in „Kosmos“, Bd. 1, 340 das Klima folgendermaßen definiert: „Der Ausdruck Klima bezeichnet in seinem allgemeinen Sinne alle Veränderungen in der Atmosphäre, die unsere Organe merklich affizieren.“ (H.v.m.) ↩︎
  20. Julius Hann, Handbuch der Klimatologie, a.a.O., 5. ↩︎
  21. ebd., 6. ↩︎
  22. ebd. ↩︎
  23. „Das Weltall bildet die Umwelt des Erde-Atmosphären-Systems. In weiterer Folge wird dafür der Ausdruck Klimasystem verwendet … Mit seiner Umwelt, dem Weltall, steht das Klimasystem im Strahlungsgleichgewicht. Dabei erhält dieses System kurzwellige Strahlung (kleiner als m) von der Sonne und emittiert in gleichem Maße langwellige Strahlung (größer als ca. 4 mym)“ Energiebilanz der Erde (www.zamg.ac.at) ↩︎
  24. S. Arrhenius, The Influence of Carbonic Acid in the Air upon Temperature of the Ground., 254. ↩︎
  25. Julius Hann, Die Erde als Weltkörper. Ihre Atmosphäre und Hydrosphäre, Leipzig 1884, 70. ↩︎
  26. Wernadski sagte die Umgestaltung der Biosphäre zur „Noosphäre“ im Interesse der frei denkenden und demokratisch verfassten Menschheit voraus. ↩︎
  27. Erich Jantsch, Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist, mit einem Vorwort von Paul Feyerabend, München 1982, 33. ↩︎
  28. Grégoire Nicolis, Ilya Prigogine, Die Erforschung des Komplexen. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis der Naturwissenschaften, München 1987, 12. ↩︎
  29. ebd., 20. ↩︎
  30. ebd., 11. ↩︎
  31. Erich Jantsch, Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist, München 1982, 19. ↩︎

Frank, Berchtold (Hg) – Ethos der Macht

Johann Frank, Johannes Berchtold (Hg)

Ethos der Macht

br., 740 Seiten, 59,90 €

Duncker & Humblot, Berlin 2025

von Alexander von Pechmann

Ethos der Macht – die Analyse der Zuordnung und Verknüpfung dieser zwei schillernden Grundbegriffe dürfte nicht nur für Philosophen von Interesse sein. Doch höchst irritierend ist auf den zweiten Blick, dass als Herausgeber dieses umfangreichen Sammelbands die Landesverteidigungsakademie in Wien, Stiftsgasse 2a firmiert und mit ihr der Generalmajor Johann Frank sowie der vormalige Leiter der „Männerpolitischen Grundsatzabteilung“ im österreichischen Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Johannes Berchtold. Die Irritation löst sich jedoch bald, da die Herausgeber im Nachwort klar bekennen, dass die Beiträge zum Ethos der Macht angesichts der globalen Herausforderungen dem „Ziel der Stärkung EUropäischer Handlungsmacht“ (731) dienen. Das Werk verhandelt also in diesem militärpolitischen Kontext die Frage nach der geistig-moralischen Aufrüstung der europäischen Bürgerinnen und Bürger, um der Europäischen Union im Konzert der Weltmächte (wieder) einen ‚Platz an der Sonne’ zu verschaffen oder, wie es heißt, „ihre Rolle im internationalen Machtgefüge neu (zu) bestimmen, wenn sie nicht zum ‚Werk anderer’ werden“ will (733).

Mit seinen insgesamt 24 Beiträgen umfasst der Band in der Tat ein breites Themenspektrum, das von der Analyse prägender Machtkonstellationen in der Geschichte Europas über die begrifflich-systematische Erörterung des Machtbegriffs bis hin zu Untersuchungen der Bedingungen und Potentiale europäischer Machtpolitik reicht. Zwar werden die Artikel etwas großspurig als „Forschungsbeiträge“ zu dieser Thematik vorgestellt, sie sind jedoch einzelne, relativ selbständige Aufsätze, die sich sowohl methodisch als auch der Qualität nach stark unterscheiden. Sie kreisen allerdings allesamt um die Thematik und Problematik der Herstellung eines „europäischen Identitätsbewusstseins“. An diesem Projekt haben Autoren – um nur die bekanntesten zu nennen – wie Peter Sloterdijk mit einem einleitenden Beitrag zum europäischen „Geist selbstverstärkender Prozesse“, Herfried Münkler zur Militärgeschichte der frühen Neuzeit sowie zum Ukrainekrieg, der Linzer Philosoph Max Gottschlich zum Begriff der Macht sowie zu Fragen des „kulturellen Verfalls“, der Hagener Philosoph Klaus Honrath zum Vorstellungswandel vom „gerechten Krieg“ bei Thomas Mann sowie zum Konzept der Friedenssicherung bei Kant mitgewirkt sowie schließlich der umstrittene Rostocker Historiker Egon Flaig mit seiner streckenweise ermüdenden Philippika „Ohne Opferbereitschaft können Demokratien nicht überleben“, die sich gegen einen unpatriotisch selbstgefälligen ‚Zeitgeist’ richtet. Erwähnenswert sind darüber hinaus die thematisch etwas quer liegenden Beiträge des Wiener Philosophen Valentin Schwab zur „Anerkennung als konstitutive(m) Moment der Selbstbestimmung“ sowie des Amsterdamer Philosophen Christian Krijnen über die „Vielfalt der Kulturen und die Macht der Freiheit“, die sich in ihren Argumentationen nicht nahtlos ins Schema der geistig-moralischen Aufrüstung einfügen.

Sieht man angesichts dieser Themenvielfalt auf die politisch-ideologische Gemeinsamkeit der beitragenden Autoren, so nehmen sie im Blick auf Europa überwiegend eine liberal-konservative Perspektive ein, die sich – mehr oder weniger – nach rechts von einem dumpfen und revisionistischen Nationalismus, vor allem aber nach links von einem ‚kritisch-zersetzenden’ Individualismus oder ‚unpatriotischen’ Kosmopolitismus abgrenzt.

Überraschend oder nicht ist der Hintergrund und die Folie der meisten Beiträge zum „Ethos der Macht“ die Philosophie Hegels, die bei den Explikationen des Begriffs der Macht hinsichtlich deren innerer Logik, ihrer natürlichen Dynamik sowie ihrer geistigen Wirksamkeit, aber auch bei den Interpretationen der real-geschichtlichen Machtverhältnisse Pate steht. Hegel, so der Tenor der Beiträge, der vor allem im ersten Teil des Bandes ausgearbeitet wird, habe das (Vor-)Bild von einem „Ethos der Macht“ geliefert, in dem die Grundbegriffe der Freiheit, des Ethischen, des Rechts sowie der Macht und ihrer Ausübung in ein solch dialektisches, einander ergänzendes System gebracht sind, das sich in die Formel einer „vernunftbestimmten Freiheitsordnung“ fassen lässt. Und das moderne Europa bzw. die Europäische Union gilt den Autoren als der historische wie räumliche Hort einer solchen vernunftbestimmten Freiheitsordnung, die allerdings immer wieder von innen wie besonders auch von außen bedroht und gefährdet und daher zu verteidigen sei.

Um diese Idee von Europa kreisen die Beiträge, ob historisch ihrer Genese bei den alten Griechen wie in der Neuzeit und Moderne nachgegangen wird, ob es um die Verankerung dieser Idee in der Gefühlswelt der Bürger qua Bildung oder um die Analyse und Konzeption einer europäischen Machtpolitik sowohl nach innen als auch nach außen in den Machtbeziehungen zu nicht-europäischen Kulturen bzw. Machtzentren geht.

Ein wesentlicher, auf Hegel zurückgehender Gedanke ist dabei, dass es abstrakt sei, die inner- wie zwischenstaatlichen Beziehungen auf die bloße Macht ohne Ethos zu reduzieren, sondern dass beide, Ethos und Macht, zusammengehören, weil die Ausübung von Macht immer schon mit einem bestimmten Ethos, d.h. mit Werten und Überzeugungen, verbunden sei, und dass daher den diversen Machtspielen unterschiedliche, auch gegensätzliche Wertsysteme zugrunde liegen. In diesem Sinne bilden die sogenannte ‚realistische’ sowie die ‚idealistische’ Perspektive auf Machtverhältnisse keinen Gegensatz, sondern gehören in Wirklichkeit zusammen und sind nur mühsam voneinander zu trennen (wobei dann die strikte Trennung beider Sphären ihrerseits wieder zu einem Wert bzw. Ethos werden kann).

Statt im Weiteren in die Details zu gehen, möchte ich hier nur der philosophisch interessanten Frage nach der inneren Konsistenz der zugrundegelegten Idee von Europa nachgehen sowie der Frage, warum sich gerade Hegels Philosophie als Folie eignet, um die auch militärische Handlungsmacht der Europäischen Union bestimmen und stärken zu können. Bekanntlich hat Hegel – im Gegensatz zu Kant – den Gedanken von „Vereinten Nationen“ als Endziel aller menschlichen Anstrengungen in seiner „Rechtsphilosophie“ strikt abgelehnt. Für ihn ist die Geschichte der Menschheit zwar der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit, das zunächst innerlich im christlichen Europa, im Bewusstsein der Freiheit und Gleichheit aller Menschen vor Gott, seinen Ausdruck fand und sich dann zu seiner Zeit in der Gestalt des Rechtstaats, der die gleiche Freiheit aller anerkennt, auch äußerlich realisiert und institutionalisiert hat. Hegel hat sich jedoch entschieden gegen die kantische Idee gewandt, dass ein solcher Fortschritt zum Rechtsstaat auch auf der Ebene zwischen den Staaten stattfinden könne und müsse. Für Hegel ist und bleibt der rechtlich verfasste Volks- oder Nationalstaat die „höchste Macht auf Erden“, und daher befinden sich die Beziehungen dieser Mächte notwendigerweise in einem rechtlos natürlichen Zustand, der jederzeit die Gewalt, d.h. Kriege zwischen den souveränen Staaten, möglich macht. Daher bleibt für ihn die Idee von im Recht vereinten Nationen, so sein Einwand gegen Kant, das bloß moralische Sollen einer abstrakt praktischen Vernunft, das ohne jede geschichtliche Wirksamkeit sei.

Und es ist offensichtlich dieser unaufgelöste Gegensatz in Hegels Geschichtsphilosophie zwischen dem erreichten rechtlich-friedlichen Zustand der Staaten im Inneren und dem rechtlos-natürlichen Zustand im Äußeren, der der Landesverteidigungsakademie auf der einen Seite dazu dient, in den Beiträgen mit Hegel das Ethos einer „vernunftbestimmten Freiheitsordnung“ zu entfalten, das heute – über den Nationalstaat hinaus – die Europäische Union trägt, auf der anderen jedoch dazu, die machtpolitischen ‚Notwendigkeiten’ formulieren zu können, um im globalen Machtkampf weiter zu bestehen. Diese ‚Notwendigkeiten’ kreisen insbesondere im letzten Teil des Bandes, neben der wirtschaftlichen und politischen, vor allem um die militärische Macht.

Meist implizit, manchmal auch explizit wird damit der Gedanke Kants von den „Vereinten Nationen“ oder eines „globalen Rechtsstaats“ als politischem Handlungsziel verworfen. Denn würde man hierin nicht Hegel, sondern Kant folgen, so wäre in militärischer Hinsicht Abrüstung die notwendige Konsequenz dieser Zielstellung. „Stehende Heere (miles perpetuus [Berufssoldaten]) sollen mit der Zeit ganz aufhören“, heißt es im dritten Präliminarartikel zum „Ewigen Frieden“. Stehende Heere, so Kants Argumente, bedrohen schon durch ihre schiere Existenz „andere Staaten unaufhörlich mit Krieg“, sie reizen an, sich gegenseitig zu übertreffen, kosten oft im Frieden mehr als im Krieg und sie machen einen Gebrauch vom Menschen „als bloßen Maschinen und Werkzeugen“ in der Hand des Staates, „der sich nicht wohl mit dem Rechte der Menschheit in unserer eigenen Person vereinigen lässt.“ Diese kantische Forderung der Abrüstung freilich hätte für die Landesverteidigungsakademie langfristig die bittere Folge, sich überflüssig zu machen. Doch wer will das schon?

Bezeichnenderweise wird denn auch nirgends auf den Widerspruch in der Realität verwiesen, dass die Nationalstaaten, ganz im Sinne Kants, einerseits mit ihrem Beitritt zu den „Vereinten Nationen“ in ihrem Verhältnis zueinander ausdrücklich auf die Androhung und Ausübung von Gewalt verzichtet haben, um Streitigkeiten durch friedliche Mittel beizulegen, dass andererseits aber zugleich die militärtechnischen Innovationen und die Militärinvestitionen dieser Staaten immer wieder kaum vorstellbare Dimensionen annehmen. Offensichtlich besteht bei allen Autoren des Bandes die stillschweigende Übereinkunft, dass der ehrwürdige Grundsatz des Völkerrechts „pacta sunt servanda“ – für Rechtsphilosophen wie Hans Kelsen die Quelle allen Rechts – in der gegenwärtig „unerlösten Welt“ ohne Bedeutung und damit die Vernunft in ihrer Gesetzgebung machtlos sei.

Dennoch blitzt in manchen Beiträgen der Gedanke auf, dass die Gewalt, ihre Androhung und Ausübung nicht das Letzte ist. So etwa formuliert Max Gottschlich am Schluss seiner Analyse des Machtbegriffs in Sinne Kants: „In der Überwindung des Naturzustands … durch eine vernunftbestimmte Ordnung liegt die Hauptaufgabe der Gestaltung der internationalen Beziehungen“ (69). Aber er deutet diese „vernunftbestimmte Ordnung“ sofort wieder im Sinne der europäischen Tradition, nach der andere Kulturen und ihre politischen Systeme als defizitär beurteilt werden, so dass ein solcher Austritt aus dem Naturzustand nur dann als möglich erscheint, wenn andere Kulturen sich dem entworfenen Modell europäischer Vernunft anschließen. In eben dieser Bedingung sieht nun aber Valentin Schwab in seinem Aufsatz „Anerkennung als konstitutives Moment der Selbstbestimmung“ die Gefahr, „dass das eigentlich freiheitskonstitutive Anerkennungsgeschehen nicht zum Frei-Setzen des jeweils anderen kommt, sondern in der bestimmenden Vorschreibung eines Sollens stecken bleibt“ (209). Für ihn ist diese frei-setzende Anerkennung des anderen „die Bedingung der Erkenntnis dessen, ‚was im [des anderen Staates] Innern vorgeht“ (209). Was allerdings diese Erkenntnis des ‚Innern’ des anderen Staates, dessen Geschichte und Tradition, dessen Ethos, d.h. Welt- und Gesellschaftsverständnisses, wäre, wird nirgends ausgeführt. Man beruhigt sich stattdessen meist bei der abstrakten Gegenüberstellung eines freiheitlichen vs. autoritären Systems, die den ganz unterschiedlichen Kulturen und ihren Werte- und Rechtssystemen übergestülpt wird.

Mit Recht stellt daher Christian Krijnen in seinem Aufsatz „Die Vielfalt der Kulturen und die Macht der Freiheit“ die Frage, wie sich „angesichts heutiger Diskussionen über Rassismus und Kolonialismus noch Wertunterschiede zwischen bzw. Fortschrittsstufen von Kulturen unterscheiden lassen? Sind sie nicht als Kultur alle das Werk des Geistes und damit der Freiheit?“ (362). Würde ein Anerkennungsgeschehen „nicht geradezu verhindert, wenn die Philosophie von der Überlegenheit der Moderne ausgeht und dem Anderen durch ihre Macht ein ihm äußerliches Modell aufdrängt oder aufzudrängen sucht?“ (ebd.) Allerdings ist seine Antwort auf diese berechtigte Frage nur eine höchst ausführliche Rekonstruktion des Hegelschen Gesamtsystems als einer „Philosophie der Freiheit“. Dieser Philosophie entsprechend müssen dann, so seine Schlussfolgerung, „Staaten, Kulturen, Identitäten usw. … als Konkretisierung des Prinzips der Freiheit gedacht werden können. Nur insofern sind sie anzuerkennen“ (379). Allerdings räumt er bei diesem „Gedachtwerden“ ein, dass im Rahmen einer solchen vergleichenden interkulturellen Philosophie nicht ‚wir’ den Inhalt vorgeben, sondern „dass die Repräsentanten der thematischen Kultur … die Freiheitsbestimmtheit ihrer Kultur selbst dartun und damit das Material für die dialogische philosophische Reflexion vorgeben“ (385). Auf der Grundlage dieses Materials wäre dann, so Krijnen, „aus Hegel’scher Sicht zu prüfen, was es mit der Freiheitsbestimmtheit auf sich hat“ (ebd.). Wer die Note „6“ bekommt, fliegt raus. Nicht ansatzweise wird in dem Sammelband die Breite der methodischen und inhaltlichen Debatten und Resultate im Rahmen der interkulturellen Dialoge zur Kenntnis genommen.

Gänzlich außen vor bleibt schließlich die große geistige Herausforderung, wie das „Ethos der Macht“ denn im gegenwärtigen Zeitalter des Anthropozäns zu bestimmen wäre. Sie müsste Antworten auf den Machtgebrauch unter den Bedingungen des rasanten Klimawandels, des Artensterbens, der Umweltverschmutzung etc. geben. Dafür dürfte freilich weder Hegels Philosophie der Freiheit, die doch ihre Zeit auf den Begriff zu bringen unternahm, die rechte Folie sein, noch dürfte die militärische Stärkung der „Europäischen Handlungsmacht“ das rechte Mittel sein, um die langfristig bedrohte Fortexistenz der Weltgesellschaft dauerhaft zu sichern. Aus einer solch planetaren Perspektive haben all diese Bemühungen um eine wehrhafte „europäische Identität“ etwas Kläglich-Provinzielles und Verantwortungsloses. So enthält der Band, abgesehen von der beträchtlichen Gelehrsamkeit der Autoren, leider nichts, was über die Gewalt, ihre Androhung und mögliche Ausübung, sowie über deren ethische Legimitation hinausweist.

Das Klima. Geschichte des Begriffs (II)

Das Klima. Geschichte des Begriffs, 2. Teil

von Alexander von Pechmann

Die Klimatheorie von Johann Gottfried Herder und ihre Kritik durch Immanuel Kant

Das Klima ist für Herder folglich nicht mehr nur ein mehr oder weniger wichtiger Faktor, sondern gleichsam ein in sich „dynamisches System im Gleichgewicht“, wie wir heute sagen würden, das in höchst komplexer Weise die unterschiedlichen Sphären der Luft, des Wassers, der Erde sowie des außer- wie menschlichen Lebens miteinander verknüpft und verbindet. Es wird bei ihm zum Medium und zur Chiffre eines ökologischen Gleichgewichts, innerhalb dessen sich die Mannigfaltigkeit und die Kette der Organisationsformen ausbilden, angefangen von der unbelebten Natur, den Steinen und Salzen, über die Pflanzen- und Tierwelt bis hin zur menschlichen Gattung mit ihrem Verstand und Vernunft. In diesem ganzheitlichen Modell ist der Mensch weder das Zentrum noch herrscht er von außen und souverän über die Dinge, sondern steht in einem durchdringenden Gestaltungsverhältnis von Natur und Kultur.

Wichtiger als diese Methoden- und Sprachkritik war allerdings die inhaltliche Kritik, die Kant übte. Denn Kants Philosophie ging nach seiner „kopernikanischen Wende“ aus anthropozentrischer Perspektive systematisch von einem autonomen und transzendentalen „Ich“ aus, vom „Ich denke“, das den Menschen als Subjekt jeglicher Erkenntnis fundamental von der Natur als dem Objekt seiner Erkenntnis unterscheidet, sodass eine wahre Erkenntnis der Natur allemal nur unter der Leitung und der Kontrolle des Verstandes stattfinden kann. Daher könne die Natur nur als das durch das transzendentale Subjekt gesetzte Objekt ein Gegenstand der Erkenntnis sein. Herder hingegen dreht das um. Er geht nicht vom „transzendentalen Ich“ aus, sondern in kosmologischer Perspektive umgekehrt vom Ganzen der Natur, vom „Himmel“, und stellt die Geschichte des Menschen in Form einer Erzählung als einen sukzessiven Prozess seiner Entstehung auf der Erde und aus der lebenden Natur dar. In ihr ist der Mensch weder das Zentrum noch herrscht er souverän über die Dinge, sondern steht in einem wechselseitigen Gestaltungsverhältnis von Natur und Kultur.

Diese philosophische Kritik Kants traf damals auch mit dem Zeitgeist überein. Denn im Politischen warf die Französische Revolution gerade alles Natürliche und Tradierte ab, das die Menschen bislang gefesselt hatte, um einen Neuanfang zu wagen; und mit dem Beginn der „industriellen Revolution“ kam die Natur nur mehr als vorhandene Verfügungsmasse zur Realisierung menschlicher Bedürfnisse in den Blick, und der gesellschaftliche Fortschritt wurde am Grad der Herrschaft über die Natur gemessen. In den Naturwissenschaften verfestigte sich das Paradigma, die umgebende Natur in klar umrissene, sich gegenseitig begrenzende Gebiete der Physik, Chemie und Biologie einzuteilen, um deren jeweilige Gesetze zu erforschen. Und die Kulturwissenschaften erkundeten, getrennt davon, die Produkte des Menschen hermeneutisch als Äußerungen des zu sich kommenden aufgeklärten Geistes. Dort, wo in dieser anthropozentrischen Zeit der Naturbeherrschung und -kontrolle das Wort „Klima“ überhaupt noch auftauchte, hatte es entweder die Bedeutung eines rein meteorologischen Phänomens oder erklärte im kulturwissenschaftlichen Kontext die unterschiedlichen „Racen“ und Kulturen. Hinter diesem Paradigma der Trennung von Kultur und Natur verschwand der „alte Herder“ als „romantischer Träumer“ von der Bildfläche.

  1. Vgl. dazu die Ausführungen von Eva Horn zur „thermischen Anthropologie“ in: dies., Klima. Eine Wahrnehmungsgeschichte, Frankfurt/Main 2024, 115-125. ↩︎
  2. J. G. Herder, Ideen zur Geschichte der Menschheit, hg. von J. Schmidt. Bd 1., Leipzig 1869, 9. ↩︎
  3. ebd., 18. – „Nur eine kleine andere Richtung der Erde zur Sonne, und alles auf ihr wäre anders“ (ebd., 21). ↩︎
  4. ebd., 35. ↩︎
  5. ebd., 48. – „Er (der Mensch), der Sohn aller Elemente und Wesen, ihr erlesener Inbegriff und gleichsam die Blüte der Erdschöpfung, konnte nicht anders als das letzte Schoßkind der Natur sein, zu dessen Bildung und Empfang viele Entwicklungen und Revolutionen vorhergegangen sein mussten.“ (ebd., 17) ↩︎
  6. ebd., Bd. 2, 45. ↩︎
  7. ebd., 47. ↩︎
  8. „Seitdem er das Feuer vom Himmel stahl und seine Faust das Eisen lenkte, seitdem er Tiere und seine Mitbrüder selbst zusammenzwang …, hat er auf mancherlei Weise zur Veränderung desselben [des Klimas] mitgewirkt. Europa war vormals ein feuchter Wald … es ist gelichtet, und mit dem Klima haben sich die Einwohner selbst geändert Wir können also das Menschengeschlecht als eine Schar kühner, obwohl kleiner Riesen betrachten, die allmählich von den Bergen herabstiegen, die Erde zu unterjochen und das Klima mit ihrer schwachen Faust zu verändern. Wie weit sie es darin gebracht haben mögen, wird uns die Zukunft lehren“ (ebd., 48) – Ähnlich dann Dipesh Chakrabarty (2010, 293): Der Mensch ist ein „Riese“, insofern er – wie die Natur selbst in ihren Umwälzungen – Landschaften und Klimata ändert: der selbstmächtige, zerstörerische Mensch des Anthropozäns, der das Projekt von Freiheit als Naturbeherrschung über alle anderen Rücksichten stellt. Er ist aber auch »klein«, da er dem Klima unterworfen ist wie alle anderen Lebewesen auch, eine Spezies, die untergehen wird, wenn sie die natürlichen Parameter, innerhalb derer ihre gegenwärtige Existenz möglich wurde, mutwillig verändert“. ↩︎
  9. ebd., 46. ↩︎
  10. J. G. Herder, Gott. Einige Gespräche über Spinozas System nebst Shaftesburys Naturhymus, 3. und 5.Gespräch: In: Herders Werke, Berlin. ↩︎
  11. T. Borsche, Vorkritisch oder metakritisch? Die philosophische Aktualität Herders. In: T. Borsche (Hg), Herder im Spiegel der Zeiten, München 2006, 126. ↩︎
  12. Rezensionen von J. G. Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. In: Immanuel Kants sämtliche Werke in sechs Bänden, 1. Bd., Leipzig 1922, 243. ↩︎
  13. ebd., 254. ↩︎
  14. ebd., 253. ↩︎
  15. ebd., 255. ↩︎
  16. Kuno Fischer, Geschichte der neuern Philosophie, Bd. 3, Heidelberg 1902, 685. ↩︎

Das Klima. Geschichte des Begriffs (I)

Das Klima. Geschichte des Begriffs, 1. Teil

von Alexander von Pechmann

Einleitung

Auf den ersten Blick scheint das Klima eng mit unserem Wetter verbunden zu sein. Während wir mit dem Wetter den momentanen meteorologische Zustand an einem bestimmten Ort bezeichnen, wird unter dem Klima der meteorologische Zustand verstanden, der sich über einen langen Zeitraum erstreckt. Das Wetter, so heißt es, entscheidet, was wir heute anziehen, das Klima, was wir im Kleiderschrank haben.

Doch wegen dieser zeitlichen Differenz von Gegenwart und Dauer bezeichnet das Klima eigentlich keinen ‚Zustand’; es bildet vielmehr eine statistisch gewonnene Durchschnittsgröße, die aus einer Vielzahl von Wetterbeobachtungen errechnet worden ist. Das Wetter erfahren wir jederzeit; das Klima jedoch entzieht sich unserer Wahrnehmung; es ist ein allgemeiner Begriff, der von uns hinzugedacht werden muss.

Dieser Unterschied zwischen dem Wetter, mit dem wir täglich konfrontiert sind, und dem Klima, von dem wir uns erst einen Begriff bilden müssen, zeigt sich gegenwärtig daran, dass wohl niemand daran zweifelt, dass sich das Wetter jederzeit ändern kann – weshalb wir an dessen Vorhersage so interessiert sind –, dass es heute jedoch eine weltweite Kontroverse darüber gibt, ob das auch für das Klima gilt, ob also das Klima sich wandelt. So gilt den Befürwortern des Wandels der Schutz des Klimas als eine der größten Herausforderung dieses Jahrhunderts, die Skeptiker hingegen betrachten ihn oft als ein kostspieliges Luxusproblem. So klar und unstrittig unser Bild vom jeweiligen Wetter ist, so unscharf und umstritten ist offenbar unser Bild vom Klima als einer höchst abstrakten Vorstellung.

Im Folgenden soll in vier Kapiteln gezeigt werden, dass der Begriff des Klimas in der Tat eine wechselvolle Geschichte von unterschiedlichen Bedeutungen hatte, die in ihrer Zeit jeweils eng mit philosophischen und weltanschaulichen Kontroversen verbunden waren. Das erste Kapitel befasst sich mit der Kontroverse in der Antike, das zweite mit der erkenntnistheoretischen und weltanschaulichen Auseinandersetzung zwischen Johann Gottfried Herder und Immanuel Kant um den Begriff des Klimas, das folgende mit Alexander von Humboldt und der Entstehung der Klimatologie als Wissenschaft, das letzte Kapitel schließlich mit der gegenwärtigen wissenschaftlichen und politischen Debatte um den Klimawandel. Was das Klima ist und wie wir es erkennen können, so das Fazit, war bis in die Gegenwart Gegenstand wissenschaftlicher und philosophischer Kontroversen.

I. Antike: Das Klima als „Neigung“

Mit dieser mathematischen Erklärung der Erdzonen durch die „Neigung“ war jedoch noch nichts über das wirkliche bzw. physische Verhältnis von Erde und Sonne gesagt. Denn entweder gehen wir von unserer Alltagserfahrung aus, nach der die Erde das ruhende Zentrum des Universums bildet und die Sonne als Quelle der Wärme (und mit ihr die anderen Gestirne) die Erde umkreist. Oder wir setzen, kontrafaktisch, umgekehrt voraus, dass die Sonne das Zentrum bildet und die Erde sie als ein Planet in einer bestimmten Weise umkreist. Im ersten Fall, der Erde als Zentrum, liegt nun aus einer menschlichen bzw. anthropozentrischen Perspektive die Annahme nahe, dass sich hinter den Unterschieden des Klimas eine gewisse Absicht oder Vernunft verbirgt, durch die im Mittelpunkt des Universums eine bestimmte Zone der Erde gerade so beschaffen ist, dass sie für den Menschen zum bewohnbaren Lebensraum geworden ist. Im entgegengesetzten Fall wäre es aus kosmologischer Perspektive jedoch unmöglich, dem Universum eine solche Absicht oder Vernunft zu unterstellen. Die klimatischen Unterschiede wären schlicht physikalische Wirkungen der Sonneneinstrahlung. Hat also die Aufteilung der Erdkugel in jene fünf Klimazonen einen höheren Sinn, oder hat sie keinen? Diese Frage nach dem wirklichen Verhältnis von Erde und Sonne aber war bei der Erdvermessung der ‚alten Griechen’ von zentraler philosophischer und ideologischer Bedeutung.

Nun war und ist es bis heute unsere unmittelbare Erfahrung, dass die Erde im Zentrum ruht, während der „gestirnte Himmel“ sich um sie dreht. Doch prinzipiell spricht nichts dagegen, dass es sich in Wirklichkeit, wie wir heute – bis auf wenige Ausnahmen – annehmen, umgekehrt verhält, dass wir uns also durch die wissenschaftliche Erforschung vom Gegenteil unserer Erfahrungen überzeugen lassen. Dennoch ist der erste Fall, das sog. „geozentrische System“, in der Folge über eineinhalb Jahrtausend zum allgemein verbindlichen Standard geworden, der das Verhältnis von Erde und Sonne vermeintlich ‚richtig’ beschreibt. Da diese Verbindlichkeit jedoch weder auf die unmittelbare Erfahrung zurückgeführt werden kann, die uns ja des Öfteren täuscht, noch auf den damaligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse, wie sich zeigen wird, muss das Motiv für diesen Standard des geozentrischen Systems letztlich philosophisch-weltanschaulicher Natur gewesen sein. Zu deren Erklärung müssen wir uns der damaligen philosophischen Debatte zuwenden.

Der Streit ums Weltbild

Im damals geistig führenden Zentrum Athen war mit Sokrates, Platon und Aristoteles eine Denkströmung prägend geworden, die sich von der theoretischen Erforschung des Wahren, wie sie zuvor insbesondere von den ionischen Philosophen betrieben worden war, abgewandt und sich den praktischen Fragen nach dem Guten zugewandt hatte. Von ihnen wurde das Gute und Vollkommene als das Vernünftige zum höchsten Prinzip erhoben, das nicht nur das praktische Handeln, sondern auch die denkende Erkenntnis bestimmen sollte. Während Platon dieses Gute jedoch als ein jenseitiges Reich der ewigen Ideen konzipiert hatte, nach dem die menschliche Erkenntnis strebe, war die Philosophie des Aristoteles vom Gedanken getragen, das Gute auch in der sinnlich gegebenen Natur aufzufinden, die, wie er annahm, zu ihm als ihrem letzten und höchsten Zweck strebe. Diese teleologische Weltanschauung aber musste an dem Unterschied vom Himmel und der Erde in der Weise festhalten, dass die von den Menschen bewohnte Erde das selbst ruhende Zentrum des Universums ist, während am Himmel die Gestirne und mit ihnen die Sonne als „selige Götter“ ihre ewigen Kreisbahnen um die Erde ziehen.

Einer solchen, nach dem Prinzip des Guten und Vollkommenen organisierten Weltordnung musste nun aber die Annahme völlig widersprechen, die Erde – und auf ihr das Volk der Griechen – sei nicht das Zentrum des Universums, sondern sei ein kugelförmiger Körper, der ständig um sich und die Sonne kreist, und die Klimazonen seien nur die Folge dieser Bewegungen der Erde. Aus dieser Perspektive war eine solche Annahme vor allem in ethisch-praktischer Hinsicht verwerflich: sie leugnete das Gute und Vernünftige der Weltordnung.

Alexandria – Zentrum der Wissenschaften

  1. Die „verbrannte“ wie die „kalten“ Zonen fasste man später dann als „zonae inhabilitabiles“ (unbewohnbare Zonen) zusammen. ↩︎
  2. Eine wichtige Grundlage für die Erdkugellehre hatte bereits Anaximander mit seiner These von dem im kugelförmigen All freischwebenden Erdzylinder geliefert. So lag der Analogieschluss von der Kugelgestalt des Himmels auf die im Zentrum ruhende Erde zumindest nahe. Er wurde durch Aristoteles’ Beobachtung der runden Gestalt des Erdschattens bei der Mondfinsternis erhärtet sowie durch die theoretischen Erwägungen über die Kugel als vollkommenen Körper begünstigt. Wie die theoretische Genese jedoch im einzelnen verlief, entzieht sich unserer Kenntnis. ↩︎
  3. Stephan Heilen, Eudoxos von Knidos und Pytheas von Massalis, In: Wolfgang Hüber (Hg), Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften in der Antike, Bd. 2, Geographie und verwandte Wissenschaften, Stuttgart 2000, 60. ↩︎
  4. Aristoteles, Politik, VII, 7. – Eine ‚klimatologische Völkerlehre’, der sich schon sein Schüler Alexander der Große widersetzen sollte. ↩︎
  5. Zudem konnte Aristarchs heliozentrisches Modell die Unregelmäßigkeiten der Planetenbewegungen erklären. ↩︎
  6. In seinem Werk über die hellenistische Wissenschaft schreibt der Wissenschaftshistoriker Lucio Russo: „Wir haben Lukrez’ herrliches Gedicht über die Natur, nicht jedoch die Werke eines Straton von Lampsakos, bei dem einiges darauf hindeutet, dass er der wahre Begründer der Wissenschaften im eigentlichen Sinne des Wortes sein könnte“ (L. Rosso, Die vergessene Revolution oder die Wiedergeburt des Antiken Wissens, Berlin/Heidelberg/New York 2004, 11). ↩︎
  7. „Die hellenistischen Herrscher förderten die Kultur weniger aus innerem Großmut, sondern weil Wissen für sie eine wichtige Machtquelle war“ (ebd., 285). ↩︎
  8. „Die Beweiskraft der induktiven Methode“, schreibt der Philosophiehistoriker Friedrich Lange, „beruht aber auf der Voraussetzung eben jener Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit des Weltganges, welche Demokrit zuerst entscheidend zum Bewusstsein gebracht hatte.“ (F.A. Lange, Geschichte des Materialismus, Bd. 1, Frankfurt/Main 1974, 91). ↩︎
  9. Dies scheint anders bei seinem einzigen Nachfolger, dem Astronomen Seleukos von Seleukeia, gewesen zu sein, der den Heliozentrismus durch theoretische Überlegungen bewiesen haben soll. ↩︎
  10. Plutarch, de facie 6, 923 A = SVF I 500 (zit. nach: Eric R. Dodds, Mentalitätswandel von der griechischen Aufklärung zur Spätantike und zum Christentum. In: Jochen Schmidt, Aufklärung und Gegenaufklärung in der europäischen Literatur, Philosophie und Politik von der Antike bis zur Gegenwart, Darmstadt 1089, 111) – „(D)ie Stoa hatte schon immer versucht, durch ihren Einfluss den heliozentrischen Ansatz des Aristarch zu Fall zu bringen, weil er, falls man ihn akzeptiert hätte, die Fundamente sowohl der Astrologie als auch der stoischen Religion umgestürzt hätte“ (ebd.). ↩︎
  11. ebd., 93-128. ↩︎

Osrečki – Laien. Eine Soziologie des Nichtwissens

Fran Osrečki

Laien. Eine Soziologie des Nichtwissens

br., 336 Seiten, 24,- €

Berlin 2025 (Suhrkamp-Verlag)

von Alexander von Pechmann

Die Moderne, beginnt Osrečki seine Untersuchung, gründe auf dem Versprechen der Gleichheit aller Menschen und lebe seither in den Kämpfen um diese Gleichheit. In ihr sind das ideelle Element der Inklusion aller ins gesellschaftliche System, zugleich aber auch das permanent reale Element der Ungleichheit und Exklusion miteinander verbunden. Dieses Gegensätzliche, teils Widersprüchliche ist schon oft anhand der „bürgerlichen Gesellschaft“ verhandelt worden: als citoyen gelten die Bürger als Gleiche unter Gleichen und haben gleiche Rechte; als bourgeois hingegen sind sie ungleich und grenzen einander ab: der Bürger vom Proletarier, der Besitzlose vom Besitzlosen etc. Osrečki verhandelt dieses Gegensätzliche in der Moderne jedoch nicht anhand der sozialen Gruppen oder Klassen, sondern anhand der Kategorien des Laien und des Experten, des Nichtwissenden und Unkundigen bzw. des Wissenden und Kundigen.

Entscheidend bei dieser Unterteilung sei, dass – im Unterschied zu sozialen Gruppen – in der modernen, auf Arbeitsteilung beruhenden Gesellschaft jede/r sowohl als Laie als auch als Experte gilt. So erweist sich etwa der qualifizierte Jurist als unkundiger Laie auf dem Gebiet der Sanitärinstallation oder der kenntnisreiche Postzusteller bei der Autoreparatur als kenntnisarmer Laie. In modernen Gesellschaften, so Osrečki, sind Menschen „sehr oft Laien und sehr selten Spezialisten“ (16). Laien bilden also keine bestimmte und abgrenzbare Gruppe, sondern entziehen sich gerade dieser Begrenz- und Bestimmbarkeit. Sie seien daher „überall und nirgends“ (16).

Spannend wird dieses Verhältnis von Laien und Experten dann, wenn die Laien – nach dem modernen Grundsatz der Gleichheit – meinen, in Expertensachen mitreden zu dürfen und zu können, oder umgekehrt – nach demselben Grundsatz – Experten meinen, dem unkundigen Laien ihr Expertenwissen mitteilen zu müssen und zu können. Denn dann verwischen sich die Grenzen; und die Grenzüberschreitungen liefen in der Konsequenz auf die Aufhebung eines Verhältnisses hinaus, das doch ein Element moderner arbeitsteiliger und funktional ausdifferenzierter Gesellschaften ist. Man sieht, dass ‚der Laie’ offenbar ein spannender soziologischer Gegenstand ist, um die Dynamik der modernen „bürgerlichen Gesellschaft“ verstehen und begrifflich fassen zu können.

Wo also findet man den Laien? Osrečki sagt mit Niklas Luhmann: in sozialen Systemen. Im politischen System fungiert der Laie als Wähler, der – zumindest im Parlamentarismus – dem Abgeordneten ausdrücklich seine Stimme überträgt; im ökonomischen fungiert er als Konsument, der die Produkte der Experten erwirbt und ohne Detailwissen gebraucht; im pädagogischen System ist er Schüler, der vom Lehrer Wissen erwirbt, im Gesundheitswesen nimmt er die Rolle des unkundigen Patienten ein, der sich dem kundigen Arzt anvertraut; im Kultur- und Sportbetrieb fungiert er als Zuschauer oder -hörer, der die Handlungen professioneller Akteure verfolgt. Allein im familiären System sowie unter Freunden, so Osrečki, funktioniert diese Begrifflichkeit nicht; denn weder die Liebe noch die Freundschaft lassen sich nach dem „Laie-Experte“-Schema verstehen.

Im Weiteren unterscheidet Osrečki zwischen dem „schwachen“ und dem „starken“ Laien. Laien sind oder gelten als schwach, wenn sie sich nicht artikulieren und als „wenig durchsetzungsstark“ (54) erscheinen. Als „schwach“ seien die Laien von den Sozialwissenschaften daher lange Zeit als marginal, unspezifisch und uninteressant beurteilt worden, oder sie wurden, vor allem in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, ihrer Artikulationslosigkeit wegen als dumpfe, unter Umständen auch als zivilisationsbedrohende Masse etikettiert.

In der Mitte des letzten Jahrhunderts seien dann von Talcott Parsons die Grundlagen für das gelegt worden, was Osrečki die „starken Laien“ nennt. Parsons ging davon aus, dass es ohne Laien gar keine Experten geben könne, und dass zwischen ihnen eine spezifische Art der Kooperation bestehe, die er allerdings nicht näher analysiert hatte. An diesen Gedanken der Kooperation knüpften im Weiteren dann die Soziologen Thomas H. Marshall, Theodor Geiger und Norbert Elias an. Sie nahmen an, dass es zwar weiterhin Machtunterschiede zwischen Laien und Experten gebe, dass sich jedoch – im Zuge der „Demokratisierung“ – diese Ungleichheiten zunehmend einebnen würden. Schließlich habe Luhmann mit seiner Systemtheorie die Vorlage gegeben, um die spezifische und auch notwendige Rolle der Laien oder des „Publikums“ innerhalb sozialer Systeme studieren zu können. Darauf aufbauend habe dann Rudolf Stichweh den starken oder aktiven Laien ins Zentrum gerückt und auf die wichtige Rolle hingewiesen, die Laien in modernen Gesellschaften für die sozialen Inklusionsprozesse spielen.

Verstehe ich Osrečkis Überblick über die „schwachen“ und „starken“ Laien recht, so ist er offenbar der Auffassung, dass die Sozialwissenschaften lange Zeit, von Karl Marx über Émile Durkheim bis Max Weber, mit dem abstrakten und vagen Begriff des „Laien“ nichts anzufangen wussten. Gegenstände waren für sie bestimmbare soziale Gruppen wie die Arbeiter, die Frauen, der Mittelstand etc. Fassbar und sichtbar sind Laien erst mit den „sozialen Bewegungen“ seit Ende der 60er Jahre geworden, als die Experten als „Technokraten“ auf den verschiedensten gesellschaftlichen Feldern durch Laien mit ganz unterschiedlichen Motiven herausgefordert wurden. Seither konzentrierte sich die Sozialwissenschaft nicht nur auf die Untersuchung dieser „starken Laien“, sondern sympathisierte und unterstützte oft auch deren „bürgerschaftliches Engagement“ (171) gegen das Expertenwissen, von dem sie sich eine Demokratisierung und einen Abbau von Herrschaft erwartete. Bei dieser idealisierenden Konzentration auf die engagierten und meinungsstarken Laien ließ sie jedoch, so Osrečkis Kritik, die ‚schweigende Mehrheit’ der indifferenten Laien weitgehend außer Acht.

Den entscheidenden und neuen Gesichtspunkt seiner Untersuchung sehe ich nun darin, dass er nicht mehr jenen „starken Laien“, den engagierten Bürger:innen, eine gestaltende und verändernde Handlungsmacht zuspricht und zutraut, die sich weitgehend verflüchtigt habe, sondern dass er umgekehrt gerade der „Unwissenheit“, die den Laien gegenüber dem Experten auszeichnet, eine eigentümliche Macht im Rahmen der Reproduktion der gegenwärtigen sozialen Systeme zuweist. Um diese neue „Macht der Unwissenheit“ zu erläutern, geht er davon aus, dass vormals das soziale System „versäult“ gewesen sei. Es gab unterschiedliche „Milieus“ oder „Säulen“, welche die Beziehungen zwischen Laien und Experten überwölbten und prägten. So gab man etwa als Arbeiter mehr oder weniger selbstverständlich Experten die Stimme, die die Anliegen der Arbeiter politisch vertraten; man kaufte in den Konsumgenossenschaften ein oder nahm an Arbeiterbildungsvereinen und deren Kulturangeboten teil. Ähnliches galt für die „Säulen“ des Katholizismus, des liberalen bzw. rot-grünen Bürgertums.

Doch diese „Versäulung“ der Gesellschaft sieht Osrečki schwinden; und damit ändern sich auch die Beziehungen zwischen Laien und Experten. Denn mit dem Schwinden der Milieus werde das Verhalten der Laien „überdeterminiert“, es wird diffuser, zufälliger und unberechenbarer. Diese Unbestimmtheit des Laienverhaltens bedeute für die Profis jedoch ihrerseits eine zunehmende Unwissenheit vom Laien. So wissen die Parteien nicht nur immer weniger über ihre ‚Wechselwähler’, sie müssen ihnen in ihrer Programmatik auch hinterherlaufen; gleichfalls können Wirtschaft und Handel das Konsumverhalten ihrer Käufer immer weniger vorhersehen, so dass ihre Investitionen riskanter werden; Lehrer sehen sich durch das unberechenbare Verhalten ihrer Schüler zunehmend überfordert, usw. Diese „Macht der Unwissenheit“ erkennt Osrečki auf Seiten der Laien darin, dass ihre jeweilige soziale Rolle für sie selbst ungewisser und unvorhersehbarer wird – er spricht vom „Nichtwissen um die genaue Präferenzordnung“ (242) –, und dass sie gerade durch dieses Nichtwissen ihre Macht auf die ratloser werdenden Experten ausüben.

Nun ist diese Auflösung der ‚alten Ordnung’ oder der ‚Entsäulung’ seit Ulrich Becks „Risikogesellschaft“ und dann erneut durch Andreas Reckwitz’ „Gesellschaft der Singularitäten“ von den Sozialwissenschaften oft beschrieben worden. Verstehe ich Osrečki richtig, dann bedeutet für ihn diese Auflösung jedoch zugleich einen Zuwachs an Freiheit. Auf der Seite der Experten finde eine Autonomisierung der Systeme statt, die programmatisch nicht mehr an die diffuser gewordenen Bedürfnisse und Interessen ihrer ‚Kunden’ gebunden sind und daher in ihrer Programmgestaltung unabhängiger, aber auch unbestimmter geworden sind. Auf der Seite der Laien hingegen ist mit der Entsäulung der Gesellschaft die Freiheit zur eigenen Meinung im Rahmen der Öffentlichkeit, zur Wahl verschiedener Parteien oder zur Entscheidung der Konsumenten beim Einkauf gewachsen, die doch alle tief im Versprechen moderner Gesellschaften verankert seien.

Offen bei Osrečkis „Lob der Inkonsequenz … und des Nichtwissens“ (293) in seiner Beschreibung einer solch ‚offenen Gesellschaft’ scheint mir allerdings zu sein, ob sich dieses „Nichtwissen“, das er konstatiert, sowohl auf Seiten der Laien als auch der Experten tatsächlich optimistisch als ein Zugewinn an Freiheit interpretieren lässt, oder ob es sich, eher pessimistisch, nicht doch in einer zunehmenden Unberechenbarkeit und Irrationalität des gesellschaftlichen Gesamtsystems ausdrückt, die – wovor andere Soziologen warnen und die Zeichen sich mehren – durchaus in ein äußerst dumpfes, diffuses wie homogenes, Wollen umschlagen kann. Das wäre jedoch der Gegensatz zu einer ausdifferenzierten und rationalen modernen Gesellschaft.