Heft 46: Zukunft der Stadt

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27. Jahrgang, 2007, 190 Seiten, broschiert

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Seit mehr als zwei Jahrtausenden ist die Stadt das Zentrum und der Hort des Geistes, der Wissenschaft und Aufklärung, der Kommunikation und des Verkehrs, Austragungsort der gesellschaftlichen Konflikte. Ohne die Entstehung der griechischen Polis sind die Ideen des Politischen und der Demokratie, ohne die römische res publica die Vorstellungen von Öffentlichkeit und städtischer Selbstverwaltung kaum denkbar. Dass die Stadtluft frei vom Banausentum des Landes macht, formulierte das Leitbild von der Antike bis zur Moderne.

Wie sehr auch die Philosophie ein Produkt städtischer Kultur ist, sie hat die Stadt kaum zum Thema gemacht. Sie erschien als etwas Selbstverständliches, Gegebenes, und die Philosophen haben es den Kulturwissenschaftlern überlassen, das städtische Leben und seine Veränderungen zu beschreiben, den Soziologen, die soziale Struktur der Städte zu analysieren, und den Architekten und Städteplanern, die Städte zu bauen und zu gestalten.

Heute ist die Selbstverständlichkeit, was mit „Stadt“ gemeint ist, im Schwinden. Die Urbanisierungswellen der letzten drei Jahrzehnte haben nicht nur dazu geführt, dass heute erstmals mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land leben, sie haben auch das vertraute Bild der Stadt geändert. Gab es 1950 noch weltweit nur 86 Städte mit mehr als einer Million Einwohner, sind es heute 400 und 2015 werden es 550 sein. Jede der Hyperstädte wie Tokio, Mexiko City, Bombay, Sao Paulo oder Lagos hat mit ihren über 20 Millionen Einwohner heute mehr Menschen, als die gesamte Weltbevölkerung zur Zeit der französischen Revolution betrug. Statt sich zu Zentren für Wachstum und Wohlstand zu entwickeln, sind diese neuen Städte, so der UN-Bericht The Challenge of Slums, „zum Müllabladeplatz für eine überschüssige Bevölkerung ungelernter, unterbezahlter und entgarantierter Arbeitskräfte“ geworden. Vom Land vertrieben und angezogen von den Versprechungen des Weltmarkts bildet das Gros dieser Mega-Cities die überflüssige Menschheit, von der niemand weiß, wie sie in die Weltwirtschaft integriert werden kann. Was einmal „Stadt“ war, scheint von der durch sie selbst freigesetzten Dynamik überrollt zu werden.

Angesichts dieses urbanen Wandels genügt es nicht mehr, Städte nur nach Gesichtspunkten der Ästhetik zu beschreiben und zu beurteilen oder die Dynamik und ihren sozialen Wandel zu analysieren. Es bedarf heute einer kritischen Theorie der Stadt, die die verschiedenen Aspekte zusammenfasst, die sowohl auf die bisherigen und vertrauten „Stadt-Bilder“ reflektiert, die den Motiven und treibenden Kräften der globalen Urbanisierung nachgeht und nach einem Begriff von Stadt sucht, der auch in Zukunft Bestand haben kann.

Roger Behrens stellt in seinem Artikel die Grundlinien einer solchen kritischen Theorie der Stadt vor. Sie bindet die Entwicklung der städtischen Lebensformen und Architekturen an die Entwicklung der Produktionsverhältnisse zurück und zeigt das Scheitern aller Versuche, urbanes Leben nur von der architektonischen Neuordnung der Städte her zu verändern und zu humanisieren.

Auch Elmar Treptow entwickelt im Gespräch mit dem „Widerspruch“ eine kritische Theorie der Stadt, in deren Zentrum das Verhältnis der Stadt zum Land und zur Natur steht. Trotz gemeinsamer philosophischer Quellen bestehen zwischen den beiden Beiträgen erhebliche Unterschiede, die zu weiterer Diskussion Anlass geben könnten.

Nicole Wiedinger und Wolf-Dieter Enkelmann richten in ihrem Artikel „Städte – Das Leben von der Spekulation auf die Zukunft“ den Blick auf die Wünsche und Hoffnungen, die seit der Antike mit der Stadt und der städtischen Existenz verbunden waren, sowie deren Bedeutung für das Verständnis von Welt. – Die Autoren zeigen eine Denkungsart, die Zukunft schafft, ebendiese Zukunft dabei aber strukturell auch immer aufs Spiel setzt.

In ihrem Beitrag zu „Architektur, Kunst und Raumgestaltung“ unterscheidet Silke Kapp zwischen zwei Perspektiven der Stadt- und Raumgestaltung. Die heute dominierende Stadtarchitektur gehorcht der visuell-intellektuellen Perspektive, die aus der Distanz plant und den Raum vorab nach vorgegebenen Kriterien ordnet. Die körperlich-taktile Perspektive hingegen erschließt den Raum, ungeplant, in der produktiven Raumgestaltung selbst; sie äußert sich heute jedoch nur in verzerrter Form in den „negativen Räumen“ der Favelas oder in Gegenmodellen konkreter Stadtutopie.

Anhand der Münchner Situation stellt die Stadtbaurätin Elisabeth Merk im Gespräch mit dem „Widerspruch“ unter dem Motto „Stadt ist etwas Gelebtes“ die städteplanerischen Herausforderungen dar, denen sich die „europäische Stadt“ unter globalen Bedingungen heute stellen muss.

Das Thema des Hefts wird mit einem Bericht über den diesjährigen Deutschen Städtetag von Jadwiga Adamiak und einer Reihe von Rezensionen abgeschlossen, die einen einführenden Überblick über den heutigen Stand der Diskussion geben.

In unserer Reihe „Münchner Philosophie“ stellt Karl Homann biografisch die Entwicklungen und Motive seines Denkens dar, das Philosophie mit Ökonomik verbindet.

Das Sonderthema dieses Hefts bildet der Artikel von Ottmar Mareis, der das Projekt der reflexiven Modernisierung und der postmodernen Identitätsforschung und -suche der Kritik unterzieht.

Rezensionen interessanter Neuerscheinungen schließen den Band ab.

Die Redaktion