Heft 71: Problemfall Arbeit

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40. Jahrgang 2021, 146 Seiten, broschiert

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Der Begriff der Arbeit beinhaltet von jeher eine Ambivalenz hinsichtlich sowohl ihrer Bewertung als auch ihrer Auswirkungen. Für die Kritiker der kapitalistischen Produktionsweise ist die Lohnarbeit, aus der das Kapital seine Profite zieht, schon immer problematisch und verbunden mit Ausbeutung und Entfremdung. Für die meisten Menschen jedoch hatte die Arbeit nicht nur einen hohen Stellenwert, sondern war auch äußerst positiv besetzt. Bildete sie doch den Grundbestandteil ihrer Lebensplanung und war ein Mittel der persönlichen Entwicklung und der sozialen Integration. Aus ihr leiteten die Arbeitenden ihren Lebensstandard und ihr Selbstwertgefühl ab.

Immer schon bedeutete Arbeit Eingriff in die Natur und damit auch deren Veränderung. Dabei machte die menschliche Arbeit lange Zeit die Natur für den Menschen lebenswerter. Durch sie wurde der Boden bearbeitet, die Pflanzen kultiviert und die Tiere gezähmt. Durch die Arbeit entwickelte sich der städtische Lebensraum und letztlich die menschliche Zivilisation.

Inzwischen hat die Arbeit viel von ihrer ehemaligen Wertschätzung eingebüßt, sowohl bei den Arbeitenden selbst als auch in ihrer gesamtgesellschaftlichen Bedeutung. Sie ist aus verschiedenen Gründen zum Problemfall geworden.

Ein erster Grund ist die beunruhigende Zunahme atypischer Arbeitsverhältnisse: Während global agierende Konzerne ihre Monopolmacht ausbauen, wächst die Zahl befristeter Arbeitsverträge, Teilzeitarbeiten, Ich-AGs, unbezahlter Praktika und anderer prekärer Beschäftigungsverhältnisse. Hinzu kommt die erschreckende Zunahme körperlicher Erschöpfung und psychischer Erkrankungen, die nicht nur durch die Leistungsanforderungen, sondern auch durch die Arbeitsbedingungen verursacht werden.

Einen weiteren Grund stellt der verstärkte Einsatz von Künstlicher Intelligenz und das Projekt „Industrie 4.0“ dar, wodurch in absehbarer Zeit viele traditionelle Arbeitsplätze vernichtet und durch Roboter ersetzt werden. Welcher Ersatz aber steht zur Verfügung, wenn die Arbeit als Form der individuellen Entwicklung, als Lebensinhalt und Sinnstiftung ausgedient hat?

Mehr und mehr tritt darüber hinaus die Arbeit durch ihre ruinösen Auswirkungen auf die Umwelt in den Blick. Sie stellt nicht nur eine ungeheure Menge an Gebrauchsgütern her, sondern verbraucht auch einerseits durch ihren wachsenden Material- und Energiebedarf die natürlichen Ressourcen und erzeugt andererseits Müll und Giftstoffe, bewirkt den Klimawandel, bedroht die Biosphäre und das Leben künftiger Generationen.

Zuletzt ist infolge der Corona-Pandemie, zumindest in Ansätzen, ein neues Bewusstsein über den Wert der Arbeit entstanden: Nicht die so genannten „Leistungsträger“ der Gesellschaft, sondern die schlecht bezahlten Sanitäter, Krankenschwestern, Pflegedienste oder Kassiererinnen haben sich als „systemrelevant“ erwiesen, – was allerdings nichts an ihrer tatsächlichen Bezahlung geändert hat.

Diese Entwicklungen fordern heraus, über die künftige Rolle und Funktion der Arbeit in der Gesellschaft nachzudenken.

In seinem historisch-kritischen Beitrag dokumentiert Georg Koch, wie die Arbeit im Gegensatz zu ihrem Antipoden, der Muße, im Laufe der verschiedenen Epochen und Weltanschauungen in der Moderne schließlich zu einem „Wert an sich“ geworden ist. Über die Kritik hinaus entwirft er Grundzüge einer künftigen Neubewertung der Arbeit.

Lisa Herzog geht in ihrem Interview für den Widerspruch von der Diskrepanz aus, die zwischen der Bewertung der Arbeit durch die Gesellschaft und ihrer Bewertung durch den Markt besteht. Sie lotet die Möglichkeiten zukünftiger Arbeit unter den Prinzipien der Gerechtigkeit und der Humanität aus, die für sie mit der Überwindung neoliberaler Wirtschaftspolitik und der durch sie vertieften sozialen Ungleichheit verbunden sind.

Der „ökologische Grundwiderspruch“ steht im Zentrum des Artikels von Herbert Hörz. Von jeher hatte die Arbeit zwei Seiten: die Ausnutzung und Gestaltung der natürlichen Ressourcen, um durch sie die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen, sowie den zerstörerischen Eingriff in die natürlichen Kreisläufe. Dieser hat heute allerdings ein bedrohliches Ausmaß erreicht. In Anlehnung an die Kapitalismuskritik von Noam Chomsky und Robert Pollin schlägt Hörz einen Global Green New Deal vor, der den ökologischen Grundwiderspruch des 21. Jahrhunderts durch die ethischen Imperative der Respektierung der Natur und des humanen Fortbestands der Menschheit zu lösen unternimmt.

Konrad Lotter erinnert an die Diskussion um die Arbeit im Zeichen der Thermodynamik. Er beschreibt die Arbeit als einen irreversiblen Prozess, in dem wertvolle Naturressourcen, vor allem an Energie, verbraucht und in Entropie, Müll und Giftstoffe verwandelt werden. Im Zentrum seines Artikels steht die Frage, ob die Physik in der Lage ist, Grenzen des kapitalistischen Wachstums aufzuzeigen.

In seinem Bericht über die „Benjamin-Lectures 2021“ kommentiert und kritisiert Emanuel Kapfinger Axel Honneth, der sich mit den heute vielfach prekären Arbeitsverhältnissen und deren möglicher Überwindung befasst.

Den Beiträgen folgt der Rezensionsteil von aktuellen Büchern zum Thema.

Als Sonderthema erscheint ein „Offener Brief“ von Alexander von Pechmann an Sahra Wagenknecht. In ihm übt er eine (konstruktive) Kritik an ihrer Programmatik linker Politik, die sie vor allem im Buch über „Die Selbstgerechten“ entwickelt hat: zum einen an ihrer Ausgrenzung der Linksliberalen aus dem Spektrum der Linken, zum anderen an ihrer Verabschiedung des Internationalismus zugunsten des Nationalstaats.

Abgeschlossen wird das Heft durch eine Reihe von Rezensionen bemerkenswerter Neuerscheinungen.

In eigener Sache: Im Frühjahr und Sommer 2021 war die Münchner Universität wegen der Corona-Epidemie geschlossen. Aus dem gleichen Grund konnten auch keine Sitzungen der Redaktion des Widerspruch stattfinden, was unsere Arbeit so weitgehend behindert hat, dass im Jahr 2021 lediglich dieses eine Heft erscheint. Wir bitten dafür um Verständnis. Bleiben Sie uns weiterhin gewogen.

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