Widerspruch - Münchner Zeitschrift für Philosophie

Aktuelles Heft

Die Eigentumsfrage

Die Eigentumsfrage ist heute tabu. Wurde noch bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts öffentlich in West und Ost über das Für und Wider zwischen einer privaten und einer gemeinwirtschaftlichen Eigentums­ord­nung gestritten, ist spätestens seit dem Zusammenbruch des realen Sozialis­mus und der Hinwendung Chinas zur Marktwirtschaft das Privateigentum als Rechtsinstitut für „alternativlos“ erklärt worden. Seither gilt die Öffnung der nationalen Ökonomien für den Weltmarkt als Ausweis ihrer Fortschrittlichkeit.

Die vielen Gegenstimmen freilich, die sich der stattfindenden Globalisierung widersetzen, stellen nicht die Eigentumsfrage, sondern wenden sich an die Politik, um durch gesetzliche Maßnahmen des Staates die krassen Auswüchse eines Wirtschaftssystems zu korrigieren, das auf dem Privateigentum gründet. Sie verhandeln die Verteilungsfrage, nicht die Eigentumsfrage. Sie sind nicht radikal, sie fassen das Problem nicht an der Wurzel.

Dabei häufen sich in den letzten Jahrzehnten die empirischen Belege, dass die Institution des privaten Eigentums nicht, wie es heißt, Wohlstand und Entwicklung verheißt, sondern dass sie unverschämten Reichtum auf der einen Seite und unerträgliche Armut auf der anderen Seite schafft; dass sie zwar eine stetig wachsende Menge an Gütern produziert, doch mit ihr zugleich unseren Planeten zerstört.

Über diese evidenten Tatsachen hinaus erscheinen auch die Begründungen, die für das private Eigentum gegeben worden sind, in logischer Hinsicht wenig überzeugend. Dass privates Eigentum Freiheit schaffe – das gilt nur für die Wenigen, die über den Reichtum als ihr Eigentum verfügen; für die Vielen jedoch schafft es unüberwindliche rechtliche Barrieren und schließt sie vom vorhandenen Reichtum aus. Sie sind unfrei. Dass privates Eigentum als Lohn für harte und rechtschaffene Arbeit erworben werde – diese Begründung muss dem hohl klingen, der weiß, dass niemand durch seine Arbeit Reichtum erwirbt. Sonst wären die „hart arbeitenden Menschen“ ja reich; je härter, desto mehr.

Das Privateigentum besteht daher nur fort, weil es keine überzeugende Alternative gibt. Für verantwortungsbewusste Intellektuelle und Theoretiker muss sich deshalb erneut die Eigentumsfrage stellen: Welcher Rechtsinstitute bedarf es – jenseits des Privateigentums –, die das künftige Leben der globalisierten Menschheit sichern und garantieren? Welche Rolle werden darin die internationalen Organisationen, die nationalstaatlichen Institutionen, die kommunalen Einrichtungen und die genossenschaftlichen Verbände spielen müssen? Auf diese Fragen sind in den letzten Jahren (allzu) viele Antworten gegeben worden; was fehlt, ist ein bündelndes, bündiges und überzeugendes Konzept.

Angesichts dieser Lage wäre es vermessen zu behaupten, wir hätten ein solches Konzept. Die Beiträge des Hefts stellen sich jedoch der Aufgabe, die tabuisierte Eigentumsfrage zu thematisieren, ihre zentrale Bedeutung für viele andere Probleme politischer, sozialer und ökologischer Natur hervorzuheben und nach Alternativen zu suchen.

Heft 64: Die Eigentumsfrage
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