Johan F. Hartle / Gerhard Schweppenhäuser
Universale Vermittlung
Zur kritischen Theorie des digitalen Medienkapitalismus
geb., 415 Seiten, 38,- €
Berlin 2025 (Matthes & Seitz)
von Frank Beiler
Johan F. Hartle und Gerhard Schweppenhäuser unternehmen in ihrem Buch den Versuch, die Medien der digitale Gegenwart nicht als partikulare, strategische Kommunikationsmittel, sondern als materialisierte soziale Vermittlung zu begreifen. Die Grundthese des Buches lautet, dass digitale Kultur nichts anderes als reelle Subsumtion unter das Kapital ist. Digitalität ist keine neue Sphäre, sondern die jüngste Ausprägung der kapitalistischen Vergesellschaftung. Daten, Bilder, Plattformen sind Kapitalverhältnisse, nicht bloß ihre Begleiterscheinung.
In Universale Vermittlung legen Hartle und Schweppenhäuser eine materialistische Theorie des digitalen Medienkapitalismus vor, die den Anspruch erhebt, historische Tiefenschärfe mit Gegenwartsanalyse zu verbinden. Ihr zentrales Argument, dass digitale Medien als Apparaturen kapitalistischer Realabstraktion zu begreifen sind und nicht als immaterielle Datenwolken, ist ein Gegengewicht zu kulturtheoretischen Strömungen, die digitale Machtverhältnisse vorwiegend als Diskursphänomene verstehen. Mit dem Fokus auf Infrastruktur und Ökonomie – von extraktiven Ressourcenketten bis zu Plattformregimen – können Verhältnisse aufgearbeitet werden, wie sie beispielsweise auch in Digitaler Kolonialismus: Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen (Beck-Verlag) von Ingo Dachwitz und Ingo Hilbig untersucht werden.
Das erste Kapitel entwickelt die grundlegende These des Buches: Digitale Kultur ist weder bloß technologischer Fortschritt noch kulturelle Spielart, sondern Ausdruck der reellen Subsumtion sozialer Praxis unter das Kapital. Plattformen, Datenströme und Nutzeraktivitäten werden als wertförmige Prozesse begriffen, deren Struktur der Warenform entspricht. Digitale Kultur erscheint damit als historische Fortsetzung kapitalistischer Vermittlungsweisen – zugleich totalisierend und von einem Universalitätsversprechen begleitet, das politische Kämpfe nicht überflüssig macht, sondern erst motiviert. Dieses Kapitel legt die theoretische Matrix frei, in der sich alle folgenden Überlegungen bewegen.
Im zweiten Kapitel analysieren die Autoren, wie die digitale Vermittlungsform das Subjekt affektiv und wahrnehmungsökonomisch prägt. Die Bildproduktion der sozialen Medien, die permanente Sichtbarkeit und das algorithmisch geordnete Zeigen und Gesehenwerden erzeugen neue Formen subjektiver Orientierung, die zugleich Selbstinszenierung und Kontrollform sind. Unter Rückgriff auf Adorno, Benjamin und phänomenologische Ansätze zeigen sie, dass das Digitale nicht nur äußere Bedingungen verändert, sondern tief in die leiblich vermittelten Grundlagen der Wahrnehmung eingreift. Subjektivierung im digitalen Kapitalismus vollzieht sich als Teil der Wertschöpfungsprozesse der Plattformökonomie.
Das dritte Kapitel beschreibt, wie die digitale Kultur ihre eigenen Formen des Wissens hervorbringt. Daten werden zu neuen Realabstraktionen, deren algorithmische Verarbeitung den kapitalistischen Zugriff verstärkt, indem sie Verhalten quantifizierbar und vorhersagbar macht. Die Autoren lesen diese Entwicklung als epistemische Zuspitzung der Warenform: Wissen wird funktionalisiert, Wahrheit durch statistische Wahrscheinlichkeit ersetzt und die algorithmische Rationalität verlagert die gesellschaftliche Steuerung in opake technische Systeme. Damit zeigt das Kapitel, wie Digitalität nicht nur ökonomische Prozesse, sondern auch Erkenntnisformen in Richtung verwertbarer Informationsflüsse transformiert.
Ausgehend von der Frage nach der „conditio humana“ zeigt das vierte Kapitel, wie digitale Medien leibliche und praktische Grundlagen menschlichen Handelns verändern. Hartle und Schweppenhäuser sprechen von einer kulturindustriellen Durchdringung des Leibes, in der Wahrnehmungsdispositionen, Handlungsbereitschaften und soziale Erwartungen zunehmend von digitalen Protokollen gelenkt werden. Diese Verschiebung betrifft nicht nur Verhaltensmuster, sondern die Grundformen des In-der-Welt-Seins. Die Anthropologie des Digitalen wird dadurch zu einem zentralen Baustein kritischer Medienanalyse, weil sie zeigt, dass die Transformation der Medien immer auch eine Transformation menschlicher Möglichkeitsräume ist.
Das Abschlusskapitel richtet den Blick auf die politischen Implikationen der zuvor analysierten Prozesse. Digitale Vermittlung eröffnet neue Kooperationsformen; doch diese entfalten ihr Potenzial nur innerhalb und gegen die kapitalistische Struktur, die sie hervorbringt. Die Autoren nehmen hier die Tradition von Negt und Kluge auf und diskutieren Möglichkeiten kollektiver Gegenmacht, demokratischer Mediengestaltung und alternativer Eigentumsformen. Gleichzeitig zeigen sie die Grenzen digitaler Emanzipation auf: Ohne Bruch mit der kapitalförmigen Organisation der Medien bleibt Kooperation stets vorläufig und gefährdet. Das Kapitel verdeutlicht, dass politische Handlungsmöglichkeiten existieren – aber nur gegen die strukturelle Logik digitaler Verwertung.
Gerade dort, wo das Buch seine Stärken entfaltet, offenbaren sich jedoch zugleich auch seine Grenzen. Die Autoren wollen eine Ontologie der digitalen Vermittlung formulieren, die dem Kapital als universaler Form sozialer Beziehung gerecht wird. Diese Pointe ist zwar treffend: Die digitale Welt operiert nicht jenseits politischer Ökonomie – sie ist deren jüngster Modus. Das Buch bleibt aber in einer Dialektik verhaftet, die zwar die Ambivalenz digitaler Technologien betont, die jedoch die spezifische Dynamik gegenwärtiger Subjektivierungsprozesse streckenweise unterbelichtet.
Die Passagen zur Selbstinszenierung, Sichtbarkeit und Bildkultur greifen die klassische Kritische Theorie auf; doch die Frage, was das zeitgenössische Subjekt im digitalen Kapitalismus wirklich formt – die Unbestimmbarkeit, die affektive Modulation, die permanente Erzeugung von Kontingenz – erscheint nur am Rand. Begriffe aus einem poststrukturalistischen Feld (Archäologie, Genealogie, Macht, Maschine, Disziplinargesellschaft, Kontrollgesellschaft etc.) werden verkürzt beziehungsweise kritisch gewendet. Das erlaubt dann auch Schlussfolgerungen wie die, dass Marx‘ „Begriff der Maschinerie wesentlich dem voraus[geht], was Michel Foucault Dispositiv nennt: nämlich die technisch-räumliche Anordnung der gesellschaftlichen Praxis“ (vgl. 91). Der Dispositivbegriff ist jedoch anders ausgerichtet. Denn Foucault untersucht historisch kontingente Macht-Wissens-Arrangements, die Körper, Räume, Diskurse und Subjektivierungsformen bestimmen, die jedoch weder notwendig durch ökonomischen Kategorien bestimmt noch machtanalytisch strukturell angeordnet sind. Macht ist für Foucault relational, heterogen und produktiv, nicht repressiv.
Auch die Bezüge zu Deleuze sind im Rückgriff auf den Begriff der Maschine und der Kontrollgesellschaft (vgl. 149 f.) nicht stimmig. So geht die Kontrollgesellschaft für Deleuze weit über eine „digitale Konditionierung im ‚Daten-Behaviourismus‘“ (ebd.) hinaus, und der Maschinenbegriff ist in den Arbeiten von Deleuze und Guattari prozessual, produktiv, anti-organisch und anti-repräsentational angelegt, d.h. er überschreitet die kapitalistische Infrastruktur der Verwertung und Kontrolle. Kontrolle ist für Deleuze nicht Behaviorismus, sondern eine offene, metastabile Form der Beeinflussung. Die digitale Kultur ist für ihn nicht nur ein System der Konditionierung, sondern vor allem ein Gefüge der Anomie, der permanenten Destabilisierung – ein Feld, das nicht allein durch Begriffe wie „reelle Subsumtion“ oder „Datenpositivismus“ kartiert werden kann.
Das geopolitische Moment – die autoritäre Versuchsanordnung vieler Regime im digitalen Zeitalter – wird treffend herausgearbeitet. Zugleich drängt sich jedoch Frage auf, ob die gegenwärtige Phase des Kapitalismus überhaupt noch dialektisch in klassischer Weise beschreibbar ist. Die neuen Formen des Kontrollverlusts, der irrationalen Überlagerung von Ideologie und Realitätsverweigerung, die Durchsetzung politischer Fantasien mittels digitaler Infrastrukturen – sie lassen sich nicht restlos in das Modell kritischer Aufklärung ökonomischer und infrastruktureller Machtverhältnisse einpassen. Eine Theorie, die den Zusammenhang zwischen digitaler Fragmentierung, irreversiblen Ambivalenzen und gesellschaftlicher Desorientierung ernst nimmt, hätte Neukonfigurationen von Subjektivität, Affekt und politischer Organisation mehr Raum geben müssen.