Herzog – Der neue Faschistische Körper

Dagmar Herzog

Der neue Faschistische Körper

Tb., 124 Seiten, 18,- €

Berlin 2025 (Wirklichkeit Books)

von Ottmar Mareis

Autoritarismus und Rechtsradikalismus bedrohen aktuell westliche Demokratien. Anlass genug für Dagmar Herzog, zu Beginn ihres Bandes auf zentrale Aspekte des postmodernen Faschismus einzugehen. Sie identifiziert drei Punkte, die sie mit typischen Wahlplakaten der AfD illustriert. Den markantesten Massenappeal kennzeichnet sie als „sexy Rassismus“. Zwar setze die AfD vordergründig auf Familienwerte, aber auf den Plakaten werden verdächtig oft weiße erotisierte Frauen/körper abgebildet. Sie sollen in ihrer übertriebenen Vulnerabilität vor finster dargestellten Migranten, PoC und „dubiosen Ethnien“ „beschützt“ werden. Sogar homosexuelle Paare werden verletzlich porträtiert, mit der angeblichen Selbstauskunft, vor „ausländischen, dunklen, autoritären Muslimen“ geschützt werden zu wollen. Die AfD umwerbe damit eine Wählergruppe, die sie in anderen Plakaten durch die Ästhetisierung der deutschen Normal-Familie, die durch „Genderirrsinn“ und „Homoehe“ bedroht sei, ansonsten verachtet und diskriminiert. Herzog betont, dass die erotisierten Frauen einen sexy Rassismus vermittels bitzelnder Erregung ausstrahlen. Sie erwähnt in diesem Band aber nicht, was Konsens vieler Faschismusanalysen der 70er Jahre war. Dass der „Besitz der Sexualität der Frau“ sowohl bei der AfD als auch besonders bei den Nazis an die „Züchtung“, treffender an den Wahn eines „reinrassigen Volks“, geknüpft ist. Nirgends scheint bei der Analyse des heutigen als auch des NS-Faschismus Wagners Beobachtung aus den „Meistersingern“ angebrachter: Wahn, Wahn, überall Wahn! (und Gier, Gier …!). Herzog zeigt auch ein Bild, auf dem Schaulustige sich auf Marktplätzen vor Schaukästen des NS-Propagandablatts „der Stürmer“ versammeln. Dort wurden erotische blonde Frauen abgebildet, die von Karikaturen jüdischer Männer und Schlangen mit jüdischen Namen bedrängt wurden. Sie spielten mit der Lust am Sex genau so, wie sie die Gefahren für das „Volk“ beschwörten.

Herzog analysiert die Sexualität in der NS-Propaganda als ein foucaultsches Relais, wobei ihre Referenzen auf Foucault wesentlich ausführlicher hätten ausfallen können, um das Sexdispositiv der Nazis noch transparenter zu machen. Denn die NS-Propaganda setzte Sexualität sehr strategisch und, falls nötig, ambivalent ein. Den protestantischen wie katholischen Kirchen gab sie in der Weimarer Republik wahltaktisch zu verstehen, dass sie bei der Machtergreifung traditionelle Familienwerte wie auch die konservative Sexualmoral wiedereinführen werde. Doch schon nach wenigen Jahren äußerten Priester, Pastoren und Kirchenräte ihren Ärger, dass dies nicht der Fall sei. Denn der NS propagierte gleichzeitig den aus der Jugendbewegung und dem Jugendstil kommenden nackten, wilden, schönen, jungen, vor Kraft und Reinheit strotzenden jugendlichen Körper, der mit viel Sexyness und Erotik aufgeladen war. In ihrem Vortrag im NS-Dokumentationszentrum in München (2026) sprach Herzog davon, dass die Weimarer Republik die bis dahin liberalste, experimentierfreudigste Sexualität hervorgebracht hatte, dass der Markt mit Ratgeberliteratur geflutet wurde. Magnus Hirschfeld, Sigmund Freud, Wilhelm Reich und Psychoanalytiker:innen waren während der 1920er Jahre in den unterschiedlichsten Medien en vogue. Die Psychoanalyse mit der daraus abgeleiteten Pädagogik faszinierten als neue populäre Wissenschaften. Eine der wichtigsten Erkenntnisse Herzogs ist jedoch, dass die Nazis diese erregende Body Positivity, mehr noch, diese Erfüllung verheißende Sexualpädagogik eben nicht, wie bisher angenommen, unterdrückt, sondern nach der Machtergreifung für die „arischen Deutschen“ weiter propagiert haben. Entgegen der repressiven Sexualmoral der Kirchen gaben sie sozusagen die Erlaubnis: „Du darfst.“ Herzog argumentiert damit, ohne dies zu thematisieren, gegen Wilhelm Reichs in der Massenpsychologie des Faschismus (1933) vertretene These, der NS basiere auf Sexualunterdrückung und der daraus entstehenden perversen, sadomasochistischen Aggression. Vor allem die Freudomarxisten der 68er Jahre beriefen sich auf Wilhelm Reichs Buch, das darüber hinaus lange den linken Diskurs über die psychoökonomischen Ursachen des Dritten Reichs bestimmte. Herzogs empirische Untersuchungen u. a. über Die Politisierung der Lust (2021) und der neue faschistische Körper (2025) widerlegen diese These, was das Tätervolk betrifft. Denn in ihrer Propaganda gingen die Nazis höchst selektiv vor: Für die Arier wurde zum lustvollen ehelichen und sogar außerehelichen Sex angespornt; der Sex mit Juden wurde jedoch als „schmutzig“, als strafrechtlich verfolgte „Rassenschande“ angeprangert. Alltägliche Ehen, Partnerschaften und Liaisons mit Juden wurden nach der Machtergreifung plötzlich repressiver Diskriminierung, Denunziation und KZ-Haft ausgesetzt. So schrieb sich der NS in den “Volkskörper“ ein. Aus der Opferperspektive hat Wilhelm Reich deshalb durchaus weiter Relevanz.

Die andere dunkle Seite des foucaultschen Relais der gehypten Sexualität, das die AfD und der NS teilen, ist die obsessiv abwertende Beschäftigung mit Behinderung respektive mit Menschen bzw. „Körpern“ mit Behinderung. Dies geht einher mit der propagandistischen Sorge über die angebliche Verminderung der Intelligenz (IQ) des „Volkes“ durch „Behinderte“ bzw. heute durch die Inklusionspädagogik. Sehr erhellend wird hierzu auf die Epoche des Präfaschismus seit Ende des 19. Jahrhunderts eingegangen. 1895 veröffentlichte Alfred Plötz die pseudowissenschaftliche, aber einflussreiche Schrift „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen. Ein Versuch über Rassenhygiene und ihr Verhältnis zu den humanen Idealen, besonders zum Sozialismus“. Sie wurde später zum „Rassenhygiene Programm“ des NS. Zudem thematisiert Herzog die Niederlage im ersten Weltkrieg als kollektive narzisstische Kränkung, die sich über die Weimarer Republik hinaus auswirkte. Besonders in der vom Strafrechtler Karl Binding und einem der renommiertesten Psychiater der Weimarer Republik, Alfred Hoche, herausgegebenen Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (1920). In ihr wurde suggeriert, dass die prekäre Lage Deutschlands mit den „vielen Behinderten“ und „Schwachsinnigen“ korreliere. Herzog hätte diese Schriften noch mehr auf den Mainstream der damaligen politischen Romantik, universitären Biologie und Medizin beziehen können, der sich hauptsächlich mit Erblehre, Eugenik, Rassenkunde und Darwinismus beschäftigte. Allein diese eugenische Begrifflichkeit trägt den Horror schon in sich, den die Nazis später umsetzten. So ließ der damalige NS-Kultusminister in Bayern, Hans Schemm, verlauten, der NS sei angewandte Biologie, und Rudolf Hess sprach vom NS als angewandter Rassenkunde. Schon zum 1.1.1934 trat das sog. „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchs“ in Kraft. Es war die Rechtsgrundlage für das NS-Euthanasieprogramm und die T4-Aktion, denen ca. 350 000 Menschen zum Opfer fielen. Dies bedeutete zudem für mehr als 400 000 Menschen die Zwangssterilisation. Ärzt:innen, Erzieher:innen, Lehrer:innen und Sozialarbeiter:innen waren aufgefordert, Personen zu melden, die unter dieses Gesetz fallen; was sie gegen ihren Berufseid auf verstörend gründliche Weise taten. Solchermaßen schrieb sich der NS in viele Professionen ein. Am Ende stand die Zerstörung Europas, Eurasiens, die Shoa, d.h. ca. 60 Millionen Tote.

Sehr interessant ist auch das Nachwort von Alberto Toscano, der Herzogs Forschungen rekapituliert. Besonders wird hier die faschistische Obsession des schönen, starken, (jugendlichen) Körpers thematisiert. Viele Forschungen über den Faschismus, so Toskano, kommen zu dem Schluss, dass es praktisch unmöglich sei, „die somatischen Praktiken von den symbolischen, allegorischen und metaphorischen Verwendungen des Körpers“ in der NS-Propaganda zu trennen. Sie wollte, dass „all ihre Metaphern verkörpert werden und die Verkörperungen mit den Metaphern korrespondieren, … bis sie deckungsgleich werden“, woraus sich „vielfältige Umschlagpunkte und Verdichtungen zwischen Fantasie und Realität ergeben“. Der Körper wurde zur Projektionsfläche einer ausufernden „semantischen Produktivität“, wodurch die Metaphern des Politischen krass körperlich werden – vom „Staatskörper“ bis zum „Staatsoberhaupt“.

Die Forschungen über den Körper des Führers bilden inzwischen eine eigene Disziplin, die weiterer Explorationen bedarf. Denn im Faschismus wird der Körper sowohl Subjekt als auch Objekt – „von Erfahrungen über Prozesse der Bedeutungskonstitution hinaus oder ihnen unterliegend“. Nach Herzog erreiche „der Faschismus ein körperliches Unbewusstes, das nicht wie eine Sprache strukturiert ist“. So habe der italienische Psychoanalytiker Elvio Fachinelli dies in seiner Auseinandersetzung mit Lacan verdeutlicht. Freud folgend ergänzt er, dass es sich um „die große Macht unbewusster Ideen (handelt), die sich direkt auf den Körper auswirken“ und mit ihm rückgekoppelt sind. Dies weise auf „eine Sprache des Körpers hin, die sich nicht auf das universale System der Sprache reduzieren lässt“. Weiter führt Toscano aus, „man sollte auch von Reagan bis Trump über ein Schema der Identifikation hinausgehen, d.h. Propriozeption – die nonvisuelle Empfindung für die Verformung des Körpers in der Bewegung – einbeziehen, sowie die infralinguistische Faszination“, die der Körper des Führers in der Propaganda unterhalb der eigentlichen Sprachstruktur ausübt. Hier eröffnen sich in der Tat interessante Forschungsdimensionen.

Für all die angerissenen Themen ist das 120 Seiten-Bändchen allerdings zu schmal. Nicht mal angetippt sind in der Rezension die von Herzog angeführte heutige Körperoptimierung, Wellness, Lookmaxing und Fitnesspropaganda, die sie als gefährliche, disziplinäre Formen postmoderner Biopolitik interpretiert. Um all die Punkte themengerecht abzuhandeln, wäre ein Band von wesentlich größerem Umfang oder mehrere Bände nötig gewesen. Nur später im Buch kommt sie auf die schon von Horkheimer thematisierte Problematik zu sprechen, ohne ihn zu erwähnen, dass wer nicht vom Kapitalismus reden will, auch vom Faschismus schweigen müsse. Sie verweist darauf, dass in Verwertungs- und Reproduktionskrisen des Kapitalismus rechte wie konservative Stimmen laut werden, die Überschussbevölkerungen definieren, identifizieren und anprangern. In ihnen finden sich schnell alle, die „dem Staat nur Geld kosten“ respektive im Arbeitsprozess nicht integrierbar sind. Dieses Problem, das doch eigentlich eine große gesellschaftliche Fürsorge- und Sozialstaatskrise ist, wird in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit plus Krisenhaftigkeit des Kapitalismus gerne auf Minderheitsethnien ausgedehnt, die entbehrlich erscheinen. Zur damaligen Zeit waren dies vor allem „Juden“, „Zigeuner“, „Behinderte“, „Homosexuelle“ etc. Heute zählt Herzog, neben lateinamerikanische Migrant:innen in den USA und Migrant:innen generell, auch Palästinenser:innen zur postmodernen „Überschussbevölkerung“, denen je nach politischer Entwicklung „die Auslöschung drohen könnte“.

Nach der Lektüre des Buches wirken die Wahlplakate und Forderungen der AfD noch einmal schockierender. Es ist nun definitiv gewiss, dass wir in einer Zeit des wiederkehrenden Prä/Faschismus leben. Äußerst bedauerlich ist es daher für Deutschlands Universitäten, dass Dagmar Herzog an der City University of New York lehrt. Einmal mehr scheint New York ein Ort zu sein, wo Unmögliches möglich ist. Denn ihre Forschungen wären gerade für Deutschland wichtig. Doch mit Faschismusforschung bekommt man heute dort, wo es am nötigsten wäre, keine universitäre Zulassung. Alle hierfür Verantwortlichen sollten sich an die eigene Nase fassen.

Epochenbruch? – Umfrage des „Widerspruch“

Unsere Redaktion hat eine Umfrage zum Gegenwartsthema „Epochenbruch“ initiiert. An ihr haben bislang drei Wissenschaftler aus unterschiedlichen Perspektiven teilgenommen:

Christoph Demmerling, Dr. phil., Prof. für Theoretische Philosophie an der Universität Jena

Jens van Scherpenberg, Dr. rer. pol., ehem. Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik sowie Lehrbeauftragter für internationale politische Ökonomie an der Universität München

Klaus Weber, Dr. phil, Prof. für Psychologie an der Hochschule München und Vertrauensdozent der Rosa-Luxemburg- und Hanns Böckler-Stiftung.

Wir laden unsere Leser ein, mit Beiträgen oder Kommentaren an der Umfrage zum „Epochenbruch“ teilzunehmen.


Vier Fragen:

Vom „Epochenbruch“ ist die Rede:

  • Klimaforscher und Geologen debattieren seit Beginn des Jahrhunderts über das Anthropozän als einem Erdzeitalter, das menschliches Handeln mit der Ökologie in neuer Weise verbindet.
  • Ökonomen konstatieren, dass nach einer Phase der Globalisierung und Öffnung der Märkte wieder eine Rückkehr zur Abschottung der Waren- und Arbeitsmärkte erfolgt. Sie diskutieren deren Folgen für den ‚Wohlstand der Nationen‘.
  • Juristen und Politologen stellen nach einer Phase der Bemühungen um Kooperation und internationale Verträge wie dem Pariser Klimaabkommen die gegenläufige Tendenz zum Nationalismus und zur Remilitarisierung der geopolitischen Konflikte fest.
  • Soziologen und Sozialpsychologen erkennen weltweit eine wachsende Verunsicherung mit ihren irrationalen Folgen, die ein vormaliges Vertrauen in die Zukunftsbewältigung abzulösen droht.

Angesichts dieser Vielfalt an gegenwärtigen Umbrüchen, die etablierte Gewissheiten in Frage stellen, erscheint uns die Frage naheliegend, ob sie unter dem Begriff eines „Epochenbruchs“ zusammengefasst werden können, der einerseits alte und überwunden geglaubte, andererseits neue und unerprobte Muster der Krisen- und Konfliktbewältigung hervorbringt.

1. Warum sollte man heute über einen möglichen Epochenbruch reflektieren, wenn sich Epochenbrüche doch erst im Rückblick feststellen lassen?

2. Gesetzt, es findet ein Epochenbruch statt; worin sehen Sie dessen wesentlichen Inhalt?

3. Wo machen Sie den Beginn der in der Gegenwart zu Ende gehenden Epoche fest?

4. Entwickeln sich gegen die genannten negativen Tendenzen auch emanzipatorische Momente? Welche Aufgaben stellen sich heute für ein emanzipatorisches Denken und Handeln?

Christoph Demmerling

ad 1.

Epochenbrüche oder Zeitenwenden lassen sich in der Tat häufig erst im Rückblick erfassen. Hinzu kommt, dass die Signatur einer Zeit von Zeitgenossen mitunter ganz anders wahrgenommen wird als von den Nachgeborenen. Der gelebte Augenblick ist dunkel, so hat Ernst Bloch einmal formuliert. Auf das Problem von Zeitdiagnosen angewandt, die sich auf die Gegenwart beziehen, müsste man sagen: Es bedarf eines Abstands, um klar zu sehen und erkennen zu können, was die grundlegenden Eigenschaften einer Zeit sind, die man unter kulturellen, sozialen, politischen und auch ökonomischen Gesichtspunkten als eine Einheit ansehen zu können glaubt. Andererseits kann die Nähe zu Umständen und die Vertrautheit mit Gepflogenheiten auch zu einer besonderen Sensibilität gegenüber den Eigentümlichkeiten einer Zeit führen. Im Rückblick werden viele Aspekte abgeschliffen und zurechtgestutzt, andere Maßstäbe einer Beurteilung werden zugrunde gelegt, was den Blick auch trüben kann und einen Verlust von Differenzierungen nach sich zieht. In diesem Sinne ist es eine offene Frage, ob der Blick auf die Gegenwart getrübter ist als der Blick auf die Vergangenheit. Aufs Ganze gesehen dürfte man gut beraten sein, wenn man Gegenwartsdiagnose und rückblickende Sichtungen als komplementäre Perspektiven auf eine Zeit ansieht, die zusammengenommen ein vollständigeres Bild ergeben können als jeweils nur für sich betrachtet.

Man sollte nicht jede Veränderung kultureller, sozialer, politischer oder ökonomischer Art gleich als einen Epochenbruch ansehen. Der Ausdruck legt nahe, dass es einen scharfen Schnitt zwischen einer Zeit vor und nach dem Bruch gibt. Geistesgeschichtlich wird häufig mit sehr groben und sehr großen Einteilungen gearbeitet, man denke etwa an die Unterscheidung von Antike, Mittelalter, Neuzeit und Moderne. Wer mehrere Jahrhunderte als eine Einheit ansieht, ist genötigt, von starken Vergröberungen Gebrauch zu machen. Umbrüche kommen zumeist ja nicht geradlinig, sondern auf Umwegen und mit Unterbrechungen zustande. Hinzu kommt, dass man es zu einer Zeit immer wieder auch mit vielfältigen Ungleichzeitigkeiten zu tun hat. Denken wir beispielsweise an die Rede von der Moderne. Für die aufgeklärten Gesellschaften des Westens mag man geltend machen, dass die Lebensverhältnisse in vielen Belangen als „modern“ anzusehen sind, in kultureller, politischer und auch in technischer Hinsicht. Für andere Weltregionen würde ich dies nicht unbedingt im selben Sinne geltend machen wollen. Und selbst innerhalb des Westens gibt es zum Teil gravierende Differenzen in Bezug auf die Modernität. Man denke an die Unterschiede zwischen Stadt und Land. So bin ich mir nicht einmal sicher, ob man in allen Winkeln der dem eigenen Selbstverständnis zufolge liberalen Demokratie und aufgeklärten Industrienation Deutschland davon sprechen kann, dass moderne Lebensformen vorherrschen. Darüber lässt sich sicher streiten.

Ganz unabhängig von den Schwierigkeiten, welcher der Gebrauch von Epochenbegriffen mit sich bringt, tut man sicher gut daran, und zwar zu jeder Zeit, darüber nachzudenken, ob und in welchem Sinne sich kulturelle, soziale, politische und ökonomische Verhältnisse verändern. Dies schult nicht nur die Sensibilität für die maßgeblichen Eigenschaften der eigenen Zeit, sondern kann auch die Entwicklung von Kriterien erlauben, auf deren Grundlage sich vielleicht die Frage beantworten lässt, ob Gesellschaften ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden, und mithin können so erwünschte und unerwünschte Entwicklungen voneinander unterschieden werden.

ad 2.

Die Rede von einem „Epochenbruch“ scheint mir für die Veränderungen, mit denen wir es heute zu tun haben, zu groß zu sein. Auch andere Begriffe wie „Zeitenwende“ oder die Metapher der „Weichenstellung“ bereiten mir Unbehagen. Ich will es einmal vorsichtiger formulieren und sagen, es gibt Entwicklungen, welche den Charakter einer Zäsur haben könnten. Ob und in welchem Umfang es so kommen wird, bleibt abzuwarten. Die Inhalte lassen sich wohl gar nicht aus einer neutralen Perspektive erfassen und benennen, sondern ich kann mich ihnen lediglich – wie man heute gerne sagt – als ein ‚situierter‘ Sprecher annähern. Als Mann und Exemplar der gegenwärtig oft als ‚Boomer‘ angesprochenen Generation bin ich in Westdeutschland und in Zeiten sozialliberaler Wohlfahrtspolitik aufgewachsen. Mein Beruf bereitet mir Freude und meine wirtschaftliche Situation führt nicht zu schlaflosen Nächten. Das ist aus der Sicht vieler eine privilegierte Situation. Ich bin aber nicht als älterer weißer Mann auf die Welt gekommen, sondern habe die historischen, politischen und kulturelle Entwicklungen in den Jahrzehnten meines Lebens und durchaus auch bis heute aus unterschiedlichen Perspektiven verfolgt.

Wenn ich nur die kulturellen, sozialen, politischen und technischen Entwicklungen nach dem zweiten Weltkrieg in den Blick zu nehmen versuche, dann sehe ich vor allem drei Stränge, die zu großen Veränderungen in den Lebensformen nicht nur der westlichen Welt, sondern auch in globaler Perspektive geführt haben. Es ist aus meiner Sicht heute noch nicht recht abzusehen, inwieweit diese Entwicklungen weitere Veränderungen nach sich ziehen, so dass man im Rückblick dann vielleicht von einem „Epochenbruch“ sprechen würde.

Ein erster Strang ist politischer Art: Es handelt sich um das Ende des so genannten kalten Krieges und den damit verbundenen Wegfall der Blöcke der kapitalistischen und der kommunistischen Welt. Durch diesen Wegfall hat sich die Ordnung der Welt deutlich verändert. Neben Freiheitsgewinnen und Entlastungen, die mit diesem Ereignis verbunden waren, sind in der Folge neue Instabilitäten und Bedrohungen entstanden. Die Solidarität in den Ländern des Westens hat nicht nur zu bröckeln begonnen, sondern sich zum Teil schon wahrnehmbar zersetzt. Ich denke an das Verhältnis zwischen Amerika und Europa, aber auch an die Rückkehr von nationalistischen Perspektiven in vielen Ländern Europas (und auch anderswo). Auf der anderen Seite steht Russland mit einer aggressiven Expansions- und Kriegspolitik in der eigenen Nachbarschaft und darüber hinaus. Das ist eine Situation, die man durchaus als bedrohlich empfinden kann.

Der zweite Strang ist technischer und kultureller Art: In den vergangenen fünfzig Jahren ist es zu bahnbrechenden Entwicklungen in der Computer- und Datentechnologie gekommen. Der Gebrauch von Computern, Handys, des Internets, Digitalisierungsprozesse in allen Lebensbereichen haben die menschliche Lebensform – weltweit, in einigen Regionen mehr, in anderen weniger – deutlich verändert. Mit Blick auf diese Entwicklung kann man vielleicht sogar tatsächlich von einem „Epochenbruch“ sprechen, vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks, der ja neben der Entdeckung Amerikas und der Reformation immer wieder als ein entscheidender Faktor im Zusammenhang mit dem Beginn der Neuzeit angeführt wird. Die Partizipation an Datenströmen und die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien haben die menschliche Lebensform bis in die entlegensten Winkel verändert. Die Geschichte dieses Umbruchs und seiner Konsequenzen für das Selbstverständnis des Menschen ist allenfalls in Ansätzen geschrieben.

Der dritte Strang ist politischer, kultureller und ökonomischer Natur und nicht immer leicht von dem zweiten Strang zu trennen: Zu diesem Strang gehören alle jene Entwicklungen, die man gemeinhin mit dem Begriff der Globalisierung zu bezeichnen pflegt. Durch die immer enger werdenden Verflechtungen innerhalb der gesamten Welt ist das Zusammentreffen und Zusammenleben von Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen zu regeln. Ökonomisch entstehen vielfältige Abhängigkeits- und auch neue Ausbeutungsverhältnisse, wenn etwa Kostendruck und Optimierungszwänge dazu führen, die Warenproduktion in Länder auszulagern, in denen Arbeitskraft günstiger zu haben ist als in den Zentren der westlichen Welt.

ad 3.

Das ist schwierig zu sagen. Womit beginnt unsere Gegenwart? Sind es die Revolutionen in Amerika und Frankreich im 18. Jahrhundert? Sind es die industriellen Revolutionen des 19. Jahrhunderts? Ist es in Deutschland das Ende des Kaiserreichs oder das des zweiten Weltkriegs? Leichter als über den Beginn fällt es mir über den Beginn des Endes zu reden. Sollte eine Epoche zu Ende gehen, dann würde ich den Beginn des Endes in den 1990er Jahren verorten: nach dem kalten Krieg und zu dem Zeitpunkt, an dem Computer- und Datentechnologien langsam in den Alltag einzusickern beginnen. Die Globalisierung beginnt sicher früher. In einem bestimmten Sinn lässt sich der Verlauf der gesamten Weltgeschichte als ein fortschreitender Prozess der Globalisierung auffassen. Aber mit der Verbreitung von Computer- und Datentechnologien kommt sicher noch einmal eine neue Dimension ins Spiel: Produktionsprozesse lassen sich nunmehr weltweit und von überall her steuern und abwickeln. Gleiches gilt im Übrigen auch für politische Prozesse oder Terrorakte, man denke an den 11. September 2001.

ad 4.

Ich habe das Ende des kalten Krieges, die Digitalisierung und die Globalisierung genannt. Von keinem dieser Ereignisse und keiner dieser Entwicklungen würde ich sagen, dass sich mit ihm bzw. ihnen ausschließlich negative Tendenzen verbinden. Das Ende des kalten Krieges ist zunächst einmal sicher ein erfreuliches Ereignis gewesen. Auch Digitalisierung und Globalisierung bringen für viele Menschen sehr große Vorteile mit sich. Es ist hier nicht der Ort, Gewinne und Verluste, die mit Digitalisierungsschüben und einer stets weiter um sich greifenden Globalisierung einhergehen, aufzuzählen. Über alle politischen und weltanschaulichen Lager hinweg wird sich sicher auch keine Einigkeit bezogen auf eine Bewertung der neueren Entwicklungen finden lassen. Aber bei allen Schattenseiten, welche Digitalisierung und Globalisierung haben mögen, sind mit ihnen mit Sicherheit auch eine Vielzahl emanzipatorischer Momente verbunden. Menschen können viele ihrer Bedürfnisse mit weniger Aufwand und schneller als in früheren Zeiten befriedigen, sie sind in der Lage, sich jederzeit und zügig eine Vielzahl von Informationen beschaffen zu können. Wo mehr Information im Umlauf ist und mehr Austausch stattfindet, ergibt sich immer auch eine Möglichkeit für mehr Aufklärung. Und da könnte eine Chance für emanzipatorisches Denken und Handeln liegen. Kulturelle, soziale, politische und ökonomische Entwicklungen sind in der Regel nur selten an und für sich betrachtet negativ oder positiv, vielmehr enthalten sie häufig unterschiedliche Potentiale. Sie können Wegbreiter für soziale Regression sein, aber auch zu Schrittmachern für Emanzipationsprozesse werden. Eine Aufgabe für das emanzipatorische Denken und Handeln würde ich darin sehen, diese Potentiale zu bergen und fruchtbar zu machen.

Jens van Scherpenberg

ad 1.

„Epochenbrüche“ zu identifizieren, ist eigentlich Sache der Historiker. Und je nachdem, ob sie mit der Lupe oder dem Weitwinkelobjektiv auf zurückliegende Entwicklungen blicken, mag die Antwort unterschiedlich ausfallen. Der „Weitwinkelblick“ wird zum Beispiel einen Epochenbruch zwischen Mittelalter und Neuzeit, also um das 15. und 16. Jahrhundert,konstatieren und ihn am Beginn der Renaissance in Italien, der Erfindung des Buchdrucks, der Entdeckung Amerikas und schließlich der Reformation festmachen.

Je näher der untersuchte Zeitraum an der Gegenwart liegt, desto eher ist man versucht, Brüche mit einem nahen Fokus zu betrachten und zu charakterisieren, wie es die Zeitgeschichtsforschung tut. Die Lupe aber nehmen vor allem die politischen Akteure in die Hand, um Ereignissen oder Entwicklungen die Überhöhung zukommen zulassen, die zugleich ihrer eigenen Bedeutung als Handelnde in dieser „kritischen Phase“ besonderes historisches Gewicht verleihen soll.

Gehört der von Friedrich Merz in seiner Regierungserklärung am 14. Mai 2025 ausgerufene „Epochenbruch“ in diese letztere Abteilung? Wird hier das normale Politikgeschäft mit seinen täglichen Krisen zum Ruhme der Akteure dramatisch überhöht?

Für die Bundesrepublik möchte ich das verneinen. Was seit 2022 die deutsche Politik bestimmt, die Außen- wie zunehmend auch die Innenpolitik, das dürfte auch aus dem Blick späterer Zeithistoriker als scharfer Einschnitt in der Geschichte Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg gelten. Siehe dazu: 2.

ad 2.

Mit der Zeitenwende, erst recht mit der Ansage von Bundeskanzler Merz, Deutschland solle zur führenden konventionellen Militärmacht in Europa werden, hat die deutsche Außenpolitik einen distinkt neuen Inhalt bekommen. Nach dem Ende der Sowjetunion ging es der deutschen Außenpolitik darum, nicht nur die osteuropäischen Staaten ökonomisch und politisch durch Aufnahme in die EU in den eigenen Einflussbereich zu integrieren. Auch Russland hoffte man durch das Angebot einer „strategischen Partnerschaft“ und wachsende wirtschaftliche Verflechtung immer mehr in ein von der EU mit Hausordnung versehenes, unter ihrer Regie verwaltetes „gemeinsames europäisches Haus“ zu integrieren. Das hätte für Russland bedeutet, auf seine eigene Rolle als nuklear hochgerüstete Weltmacht zu verzichten und seine Sicherheitsinteressen der einer „europäischen Friedensordnung“ unterzuordnen, dem Titel, unter dem die EU und ihre deutsche Führungsmacht ihre eigene ausgreifende Einflusszonenpolitik verfolgen.

Im Fall der Ukraine kam es zur erwartbaren Kollision. Dass Deutschland daraus – nach einigem Zögern – inzwischen die Konsequenz gezogen hat, „all in“ zu gehen, sich an die Spitze der militärischen Unterstützer der Ukraine zu stellen, hat nun auch entscheidende innenpolitische Konsequenzen. Die frühere „Friedensmacht“ will nun ihre Gesellschaft in wenigen Jahren kriegstüchtig und resilient, ihre Streitkräfte kriegsfähig machen für eine direkte Konfrontation mit Russland.

Dafür werden alle wirtschaftlichen Ressourcen der stärksten Wirtschaftsmacht der EU mobilisiert, vor allem ihre allen anderen EU-Staaten überlegene Verschuldungsfähigkeit.

Das droht zunehmend den inneren Zusammenhalt der EU zu sprengen. Vor allem die ambivalente Partnerschaft der beiden Rivalen um die Führung der EU, Frankreich und Deutschland, wird aufs äußerste strapaziert. Es ist zunehmend wahrscheinlich,dass aus den Präsidentschaftswahlen in Frankreich einer der beiden extremistischen Kandidaten, der Linke Jean-Luc Melenchon (La Françe Insoumise) oder Jordan Bardella vom rechten Rassemblement National als Sieger hervorgehen wird. Für beide ist der Kampf gegen die deutsche Dominanz der EU ein programmatischer Kernpunkt ihrer Kampagne. Aber auch Polen, das seinerseits die stärksten Landstreitkräfte in Europa aufbauen will und dafür inzwischen 5% des Bruttoinlandsprodukts aufwendet, sieht den deutschen militärischen Führungsanspruch mit großer Skepsis.

Das drastische Ausmalen des Szenarios einer Bedrohung Deutschlands durch Russland, wie es der Generalinspekteur der Bundeswehr Breuer praktiziert, wenn er feststellt, Russland bereite einen großen Krieg gegen die NATO vor, gegen den Deutschland bis spätestens 2029 abwehrfähig sein müsse, droht immer mehr zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden. Denn Russland sieht das seinerseits genauso, sieht sich nicht nur durch die massive militärische Unterstützung der NATO für die Ukraine, sondern auch durch deren eigene gewaltige Aufrüstung bedroht. Die jüngsten Äußerungen des Bundestagsabgeordneten Kiesewetter (Focus, 11.5.2026), Russland müsse dazu gebracht werden zu kapitulieren, werden in Moskau aufmerksam registriert und fließen in das eigene Bedrohungsszenario ein.

Aber auch der Begriff der „Abschreckung“, auch wenn er sich auf den zu Tode zitierten Spruch aus dem eroberungssüchtigen römischen Imperium beruft – „Si vis pacem, para bellum“ – hat mit Kriegsvermeidung nichts zu tun. Es geht um die Herstellung militärischer Überlegenheit gegenüber dem vermuteten Militärpotenzial des Großmachtrivalen, so dass dieser seinerseits auf die Durchsetzung seiner Großmachtinteressen von vorneherein verzichtet. Die Abschreckungsideologie nährt sich damit aus sich selbst. Denn Bezugspunkt für die Worst Case-Projektionen über die gegnerische Militärmacht sind die eigenen militärischen Potenzen, an denen laufend Schwachstellen ermittelt werden, um sie durch neue Rüstungsanstrengungen zu überwinden.

Da das für alle großen Mächte gilt, ist „Abschreckung als Kriegsvermeidung“ ein nie erreichtes und zudem grundfalsches Ideal, heißt Abschreckung im Gegenteil ständig vorangetriebenes konkretes militärisches Kräftemessen, ständige Kriegsbereitschaft – bis hin zur kriegerischen Entscheidung der anders nicht zu klärenden Hierarchie unter den Mächten.

Nicht den Durchmarsch von Putins Truppen bis nach Berlin, das von den Kriegspropagandisten aus Politik und Medien beschworene Szenario, gilt es zu verhindern. Den unterstellt kein ernsthafter Politiker und Militärstratege dem russischen Präsidenten als sein Ziel. Was an der russischen Machtdemonstration in der Ukraine stört, das ist das drohende Scheitern des deutsch-europäischen Großmachtanspruchs auf Einbeziehung der Ukraine in die eigene „europäische Friedensordnung“. Worum es also wirklich geht: zu verhindern, dass Russland durch einen militärischen Sieg über die Ukraine seinen Status als gleichrangige Weltmacht sichert.

Für diesen höchsten Zweck sind in der Ukraine inzwischen hunderttausende Menschen gestorben – ihr Tod belegt die bemerkenswerten beidseitigen Fortschritte in der militärischen Abschreckungsfähigkeit.

„The proof of the pudding is in the eating“ lautet ein englisches Sprichwort: Erfolgreiche Abschreckung beweist sich erst im Krieg.

ad 3.

Will man die Geschichte der Bundesrepublik in „Epochen“ im zeithistorischen Sinne unterteilen, dann bietet sich diese Dreiteilung an:

Von 1949 bis etwa 1972 (Kanzlerschaft Willy Brandts) war die BRD der Frontstaat im Kalten Krieg, mit ihrem Anspruch auf die DDR zugleich eine offen revisionistische Macht.

Von 1972 bis zum Ukrainekrieg 2022 verstand sich die Bundesrepublik mit ihrer Ostpolitik, ab 1990 auch als vereintes Deutschland, als „Friedensmacht“. Mit der Ostpolitik hatte sie den revisionistischen Anspruch gegenüber den östlichen Nachbarn DDR und Polen aufgegeben. Und gegenüber der Sowjetunion setzte sie auf „Wandel durch Annäherung“, konkreter: Wandel durch Handel. Damit verband sich die Hoffnung auf eine allmähliche Überwindung des Systemgegensatzes, der dem Ost-West-Konflikt zugrunde lag. Als dessen Ende mit der Auflösung des Ostblock und dem Ende der Sowjetunion Wirklichkeit wurde, reduzierte Deutschland – nunmehr „umgeben von Freunden“ – drastisch seine Militärmacht und setzte auf die friedliche wirtschaftliche Eroberung der osteuropäischen Staaten und Russlands, ihre Heranführung an die EU und ihre entgrenzte Ordnung eines einheitlichen Marktes für Güter, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräfte. Die enge wirtschaftliche Verflechtung mit Russland als Energielieferant verschaffte zumal der Bundesrepublik einen beträchtlichen wirtschaftlichen Aufschwung und erlaubte ihr, ihren Führungsanspruch in der EU zu festigen. Die militärische Absicherung dieser deutsch geführten Ausdehnung der EU-Einflusszone konnte angesichts kaum vorhandener Gegnerschaft seitens Russlands getrost outgesourct, der NATO und dem amerikanischen Nuklearschirm überlassen werden.

Diese Epoche der deutschen „Friedensmacht“ fand ihr hartes Ende, als der russische Präsident Putin im Februar 2022 gegen die absehbare Herauslösung der Ukraine aus ihrer engen Verbindung mit Russland militärisch intervenierte.

Damit war klar, dass das Projekt einer unter dem Titel der „europäischen Friedensordnung“ immer weiter nach Osten ausgreifenden EU an seine Grenzen gestoßen war. Vor allem wurde damit der Versuch für gescheitert erklärt, Russland durch enge wirtschaftliche Verflechtung allmählich friedlich in den Orbit der EU einzugliedern. Deutschland vollzog den abrupten Übergang von der „Friedensmacht“ zu einer kriegsfähigen Großmacht, die als nicht nur wirtschaftliche und politische, sondern nun auch militärische Führungsmacht der EU zusammen mit ihren europäischen Partnern in der Lage sein will, Russland als Weltmacht in die Schranken zu weisen – so lange der amerikanische Atomschirm hält.

ad 4.

Dieser Übergang erfordert nicht nur massive Aufrüstung, sondern auch eine erhebliche personelle Aufstockung der Bundeswehr und vor allem, wie Bundesverteidigungsminister Pistorius nicht müde wird zu fordern, eine kriegstüchtige, kriegsbereite Gesellschaft. War in den ersten Jahren der Bundesrepublik noch „Nie wieder Krieg“ die weit verbreitete Losung, als Lehre aus dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs, steht nun Kriegspropaganda und Feindbildpflege an. Abweichende Stellungnahmen – ob pazifistisch geprägt oder auch nur realpolitisch begründet – erfahren dagegen Ausgrenzung aus dem Kanon des politisch erwünschten gesellschaftlichen Diskurses.

Um so entschlossener und nachdrücklicher muss sich emanzipatorisches Denken und Handeln der von Staatsinstanzen und staatstragenden Medien betriebenen bellizistischen Öffentlichkeitsarbeit entgegenstellen. Emanzipatorisches Handeln muss deutlich machen, welchen staatlichen Zwecken Aufrüstung und Propaganda für eine kriegstüchtige Gesellschaft dienen und in welch krassem Widerspruch zu den Lebensinteressen der Menschen in Deutschland diese Zwecke stehen. Das kann gezeigt werden an den vielfältigen Beispielen der Kürzung sozialer Leistungen, an den Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten wie Meinungsfreiheit, Wissenschaftsfreiheit, nicht zuletzt an der absehbaren staatlichen Inanspruchnahme junger Männer für den Kriegsdienst, sprich dafür, zur Verfolgung der Großmachtinteressen ihres Staates ihr Leben zu riskieren.

Autoren wie Ole Nymoen („Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“), wie auch ich mit meinem Buch „Großmachtsucht – Deutschland rüstet für die Führung Europas“, können hier aufklärend wirken. Die Schülerdemonstrationen gegen Aufrüstung und Wehrpflicht signalisieren den Willen zum Widerstand ebenso wie Proteste gegen Sozialkürzungen oder gegen die Unterordnung des wissenschaftlichen Diskurses unter außenpolitische Vorgaben des Staates. Praktisch wird dieser Widerstand zudem vor allem durch massenhafte Kriegsdienstverweigerung.

Was der bekannte Militärexperte Carlo Masala beklagt: „Es gibt zu wenige Demokraten und Demokratinnen, die für die Demokratie zu sterben bereit sind“, ist aus emanzipatorischer Sicht, die dem Leben Vorrang gibt, ein Hoffnungsschimmer.

Klaus Weber

Zeitenwenden werden ausgerufen. Vor Olaf Scholz, der damit die Aufrüstung Deutschlands zur stärksten Kriegsmacht in Europa propagierte (mit Unterstützung und Forcierung durch die Grünen, die von einem »Sieg« über Russland träumten) war es Hitlers Stellvertreter Franz von Papen, der am 21.2.1933 vor Berliner Studenten eine »Zeitenwende« ausrief. Mit etwas anderen Worten als Merz und die künftige vaterländische Koalition aus CDU und SPD stimmte von Papen die Zuhörer auf Krieg und Sozialabbau ein: »Ziel einer wirklichen Sozialpolitik muss sein, jeden Deutschen womöglichst in den Stand zu setzen, das eigene Lebensrisiko zu tragen«.

Aus der Geschichte lernen« heißt für die Vertreter_innen des bürgerlichen Blocks sie aktiv vergessen zu machen. »Die Vergangenheit wird nicht mehr über die Zukunft triumphieren«, lässt Scholz am 9. Mai 2023, anlässlich des Europatags, alle diejenigen wissen, die ein antifaschistisches, demokratisches Deutschland als Gegenentwurf zum sich entwickelnden Polizei- und Militärstaat imaginierten. Die deutschen Verbrechen durch Wehrmacht und Vernichtungsapparat, an der ein Großteil der »Volksgenossen« beteiligt war, können aus der Erinnerungskiste ausgesondert werden. Kein schlechtes Gewissen mehr wegen der 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs; der neue deutsche »Triumph des Willens« siegt über die in manchen Jahren von emanzipierten Kräften erhoffte »andere Republik«, die zumindest ein sozialdemokratisch eingehegter Kapitalismus sein sollte.

Nun wird das Land überschwemmt mit hohlen Erinnerungsphrasen und -ritualen an einen »Nationalsozialismus«, die den Deutschen geradezu die Pflicht auferlegen, einen neuen Krieg vorzubereiten und die Russen als barbarischen und unmenschlichen Feind zu propagieren. Aufrüstung verlangt von den Untertanen, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sie – wie von Papen wusste – ihr »Lebensrisiko« selbst tragen und an Essen, Wohnung, Urlaub, Genuss und Vernunft sparen sollen. Der Krieg wird vorbereitet, die Massen werden darauf eingeschworen – und die antimilitaristische Bewegung ist schwach. Ist das der »Epochenbruch«?

ad 1.

Ein Epochenbruch ist was? Das Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus, das Fredric Jameson als Stichwortautor nennt, weiß zu berichten, dass das griechische époché nichts anderes heißt wie »Aufhören, Einhalt, Unterbrechung« (1997, 659); er geht soweit zu erklären, dass »Epoche auch einen Bruch bezeichnen kann« (ebd., 660). Ein Zeitalter, »ein Zeitabschnitt der Geschichte, der durch bestimmte qualitative Merkmale zusammengefasst und dadurch von anderen Zeitabschnitten unterschieden werden kann« (Rupprecht 1990, 761), soll selbst ein »Bruch« sein? Da halte ich mich besser an die Marxsche Überlegung, dass die Veränderung der Produktivkräfte eine Veränderung der Produktionsweise(n) erheischt und damit die Arbeits- und Lebensweise der Subjekte eine radikale Umgestaltung erfährt, womit der Einschnitt zwischen zwei Epochen markiert wäre, Antonio Gramsci führt den Gedanken der »passiven Revolution« in die marxistische Debatte ein, mit der auch ein (vielleicht) aktueller Epochenbruch markiert werden könnte. In den Gefängnisheften bezieht sich der Begriff »auf diejenigen Länder, >die den Staat über eine Reihe von Reformen oder nationalen Kriegen modernisierten, ohne die politische Revolution radikal-jakobinischen Typs zu durchlaufen<« (Gramsci, zit.n. Rehmann 1998, 15). Veränderungen, auch radikale, werden nicht von den Menschen erkämpft oder erarbeitet; ein Übergang von einer Produktionsweise zu einer anderen findet statt, ohne dass die »Volksklassen« aktiv beteiligt wären; sie sind die Passiven in diesem Prozess, diejenigen, die ihn erleben, ertragen, erdulden müssen. Wieso – so die Frage der Redaktion, die eine durch kein Argument belegte Behauptung aufstellt – sollte eine Veränderung der Produktionsweise (als Folge einer Produktivkraftänderung) erst »im Rückblick« feststellbar sein. Auch wenn wir keine Hellseher sind, so haben wir doch als Marxist_innen ein enorm nützliches Handwerkszeug von Charlie an die Hand bekommen, um über die Gleichzeitigkeiten von Produktions-, Arbeits- und Lebensweisen nachzudenken. Alle Lebensbereiche sind heute durchsetzt von der High-Tech-Produktionsweise, durch KI und weiteren technologischen Neuerungen, die als Erfindungen von ein paar »great men« (Zuckerberg, Gates, Jobs und später Musk und Thiel,) gelten; doch solcherart Personalisierungen sollen nur ideologisch verschleiern, was eine Lehre von politischer Ökonomie erklären kann.

Die Vorstellung, hätte ich meiner Großmutter erzählt, ich sendete ihr aus dem Urlaub einen Film zu, den sie auf ihrem Telefon mit Bildschirm anschauen könne, hätte bei ihr die Frage nach meiner Psychiatrieeinweisung eher nahegelegt denn eine Frage wie: »Wie soll denn das funktionieren?« Diese Vorstellung kann uns zeigen, wie in wenigen Jahren und Jahrzehnten eine neue Produktivkraft alles umwälzte, was vorher Sicherheit und Klarheit verrschaffte. Wenn das kein Epochen-Umschlag ist, was dann?

ad 2 und 3.

Neben den neuen Produktivkräften und mit ihnen wird – auch das ist Marx – mehr als jemals zuvor der arbeitende Mensch und die Natur mit ihm vernichtet. Wenn wir »Stoffwechselpolitik« von Simon Schaupp (2024) oder »Die Revolte der Erde« von Heinrich Detering lesen, der eine ein junger kluger Ökosoziologe, der andere ein alter, konservativer Literaturwissenschaftler und Katholik, so kommen beide, explizit oder implizit, in ihrer Analyse der ökologischen Wirklichkeit nicht aus ohne das berühmte Marx-Zitat aus dem ersten Band des Kapital: »Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprocesses, indem sie zugleich die Springquellen dieses Reichthums untergräbt: die Erde und den Arbeiter« ([1890] 1979, 529/30). Wer nachlesen will, wie KI, wie die »clouds« (ein harmloser Name für gigantische Rechnereinheiten, die in kalten Gegenden der Welt stehen und von dort aus die Welt zerstören) und wie andere technologische »Neuerungen« Energiequellen in ungeahnten Größenordnungen verbrauchen, der kann wie ich froh sein, dass er die 60 bereits überschritten hat und die ökologichen Katastrophen, die auf uns zukommen, nicht mehr miterleben muss. In der ersten Fußnote von Schaupps Buch ist zu lesen, dass 2024 bereits »sechs von neun planetaren Grenzen überschritten« (2024, 365) waren. Detering nennt den Kapitalismus als weltzerstörende Wirtschaftsform »die tödliche Stoffwechselstörung dieses Leibes« (bezugnehmend auf ein Marxzitat von der Natur als dem »Leib des Menschen«, 2025, 57).

Soviel zur Vernichtung der Natur. Die Zerstörung des Menschen, der zweite »Sprinquell« eines Reichtums, den sich wenige auf Kosten der Vielen aneignen, ist in den Industrieländern an den Zahlen zur psychischen und körperlichen Erschöpfung und Erkrankung nicht nur der »poor workers« zu erkennen, in den Ländern der Peripherie an der (im Verhältnis zu Europa und den USA) immer noch kurzen Lebensdauer der Ausgebeuteten, deren tägliches Leid durch unsere »imperiale Lebensweise« (Ulrich Brand) und die Externalisierung unseres Drecks, unseres Plastikabfalls und der bei uns verbotenen Arbeitsvorgänge (Asbestarbeiten an Tankern etc.) erzeugt wird. Doch der Gedanke ist gleichzeitig falsch: Ein »wir« gibt es nicht und gibt es doch. Wir alle leben auf Kosten anderer; trotzdem ist nicht zu vergessen, dass die meisten von uns keinen Einfluss auf die Warenproduktion haben, deren einziges Ziel der Profit und nicht die Herstellung sinnvoller Waren ist.

Auch hier ist die Frage zu stellen: Handelt es sich um einen Bruch oder nicht vielmehr um einen Übergang im kapitalistischen Wirtschaften, der – wie so oft – als das Ende des Kapitalismus und mit ihm der Erde bedeutet?

ad 4.

Emanzipatorische Momente? »Gegen die genannten negativen Tendenzen«? Für Bloch ist die Analyse der Gegenwart in all ihrer Deutlich- und Grausamkeit der »Kältestrom des Marxismus«, der den »Wärmestrom« benötigte, damit eine zukunftsweisende Perspektive mit und für die Menschen möglich ist. Bei Gramsci ist es der »Pessimismus der Intellligenz und der Optimismus der Tat«. Mein Optimismus geht gegen Null, Hoffnung habe ich keine – so steht es auch in dem Briefwechsel, den ich mit meinem Freund, dem holländischen evangelischen Pfarrer und Kommunisten Dick Boer führte (»Hoffen gegen jede Hoffnung. Klima – Krieg – Kapitalismus«). Doch darin ist auch ein Handke-Zitat zu finden, das mir ein gemeinschaftliches Arbeiten mit anderen für eine bessere Welt immer noch ermöglicht: »Hoffnungslos ist nicht verzweifelt«. Und dann ist da noch – gegen jeden täglichen Propagandadreck der bürgerlichen Presse – der Blick, den ich durch meinen potsdamer Freund Wolfram Adolphi auf China werfen kann. Er, Japan- und Chinaexperte in der DDR, selbstverständlich »abgewickelt« wie alle klug und dialektisch denkenden Wissenschaftler_innen der DDR, schafft es immer wieder, mir durch seine Romane (drei Stück über China) und Sachbücher deutlich zu machen, dass der chinesische Weg nicht einfach so etwas wie »westlicher Kapitalismus« ist. Und sicher ist das chinesische Experiment nicht das, was sich viele Linke – und auch ich – als utopischen »Verein freier Menschen« imaginieren. Doch eins ist offensichtlich: Die ökologische Vernichtung der Welt ist durch die KP Chinas erkannt und kein westliches Land ist in der Lage, die dortigen Anstrengungen auch nur ansatzweise zu »toppen« (außer vielleicht Uruguay). Und: Aus China kommt kein Wort zu einem Krieg, der zu führen wäre (und schon gar nicht zu gewinnen sein soll), sondern es kommen vom großen Vorsitzenden immer wieder Aufforderungen zur weltweiten Zusammenarbeit der Nationen – für eine menschheitliche Zukunft.

Wir laden unsere Leser ein, mit Beiträgen oder Kommentaren an der Umfrage zum „Epochenbruch“ teilzunehmen. Die Redaktion

Peña Aguado – Philosophieren zwischen den Grenzen


María Isabel Peña Aguado (geb. 1962) studierte Philosophie an der Universidad Autónoma de Madrid und wurde an der Universität Würzburg promoviert. Sie war Professorin für Philosophie und Ästhetik an der Akademie der Bildenden Künste München sowie am Instituto de Filosofía der Universidad Diego Portales in Santiago de Chile, dem sie weiterhin verbunden ist. Sie ist Life Member des Clare Hall College der University of Cambridge und wirkt zudem als interkulturelle Mediatorin sowie als philosophische Beraterin für Frauen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Ästhetik, Postmoderne, Feminismus und Gender Studies. Sie ist auch literarisch tätig; ihr neuestes Buch „FrauRMord“ erscheint im November 2026.

María Isabel Peña Aguado

Philosophieren zwischen den Grenzen

Ein Gespräch mit der spanischen Philosophin

Widerspruch: Kannst du erzählen, wie du als Spanierin zur Philosophie ge kommen bist?

Peña Aguado: Ja, gern. Was mich aber wundert, ist die Frage, wie man a) in Spanien und b) als Frau zur Philosophie kommt. Als Spanierin kommt man dazu, weil auch wir eine philosophische Tradition haben, die vielleicht weniger bekannt ist, weil sie zum Teil mit unserer Literatur verflochten ist und weniger in Form von Traktaten veröffentlicht wurde. Es wird auch gern vergessen, welchen Einfluss einige unserer Philosophen innerhalb der europäischen Tradition gehabt haben: Ich meine nicht nur Autoren wie Ramon Llull, Francisco Suárez, sondern auch Baltasar Gracián oder Dono so Cortés und Ortega y Gasset. Ich finde interessant, dass in Spanien Philosophie zwei Jahre lang Pflichtfach war, und zwar für alle Abiturienten, was in deutschen Gymnasien nicht der Fall war und ist. Und als Frau bin ich zur Philosophie so gekommen, wie man wohl auch als Mann dazu kommt, nämlich aus Neugierde und Freude am Denken. Ich kann mich erinnern, wie schwer es für mich war, als ich mich mit fünfzehn Jahren zwischen Mathematik, Physik und Chemie oder Latein und Griechisch entscheiden musste. Ich konnte nicht verstehen, warum ich nicht, wie bis dahin, alles machen könnte, denn ich fand alles spannend. Die Philosophie war ein Trost, denn unter ihrer Obhut schien diese Trennung etwas überbrückbarer zu sein. Dazu kam, dass ich immer gern geschrieben habe und dachte, Philosophie sei auch eine gute Übung für das Schreiben. Später musste ich dann meine Meinung etwas revidieren; denn ein zu formales Denken kann die Sinnlichkeit und den imaginativen Gehalt literarischen Schreibens doch beeinträchtigen.

Widerspruch: Es war also kein bestimmter Philosoph wie Sartre oder eine bestimmte Richtung wie der Existentialismus, die dein Interesse geweckt haben?

Peña Aguado: Nein, das kann ich so nicht sagen. Ich hatte schon als Teenager viel Freude am Lesen und Denken und habe gerne, auch mit anderen zusammen, nachgedacht. Für mich war die Philosophie schon immer mit einer gewissen Haltung verbunden. Das ist sie immer noch. Es ist klar: wenn man auf der Suche ist, liest man bestimmte Bücher, die einen weiter bringen und motivieren. Ich habe in dieser Zeit Sartre gelesen, den literarischen Sartre, aber auch spanische Philosophen und Schriftsteller, die als Existentialisten gelten, z.B. Miguel De Unamunos „Del sentimiento trágico de la vida en los hombres y en los pueblos (Das tragische Lebensgefühl). Das hat mich auf meinem Weg bestärkt. Aber es war nicht so, dass ich ein Buch gelesen und gedacht habe: „Oh, das müsste ich auch machen.“ Ich war und bin immer noch auf der Suche und die Philosophie ist eine große Hilfe; denn für mich bietet sie mehr Fragen als Antworten.

Widerspruch: Es macht sicher einen Unterschied, wenn man Philosophie schon in der Schule hat. Deutsche Abiturienten wissen meist gar nicht, was Philosophie ist, und müssen sie dann erst entdecken.

Peña Aguado: In den letzten Abiturjahren haben wir Geschichte der Philosophie gemacht. Wir mussten Platon und Aristoteles lesen und sind die wichtigsten Meilensteine der Geschichte der Philosophie bis zu Sartre durchgegangen. Als ich mit dem Studium an der Universidad Autónoma de Madrid anfing, war ich 18 Jahre. Das war die Zeit des Umbruchs in Spanien; Franco war gerade fünf Jahre tot und unsere Demokratie sehr jung. Damals war Madrid eine höchst lebendige Stadt, in der alles vibrierte und man in der „Movida“, in dieser Bewegung, alles Mögliche ausprobiert hat. Es war eine Zeit großer Kreativität, gerade in der Musik und Kunst. Das war sensationell, denn die Spanier waren freiheitshungrig und haben die neue Freiheit sehr zu schätzen gewusst. Madrid wurde eine Art europäisches Kulturzentrum, nicht zuletzt weil wir damals einen sozialistischen Bürgermeister hatten, Enrique Tierno Galván, der diese Bewegung sehr unterstützt hat. Er selber war ein brillanter Intellektueller, Jurist und Philo soph, der unter anderem Wittgensteins „Traktatus“ auf Spanisch übersetzt hatte. Eine der zentralen Figur dieser Movida war übrigens der Filmregisseur Pedro Almodóvar. Zwischendurch kam der Putschversuch der Franquisten, und ich kann mich erinnern, was da an der Uni ablief, wie entschlossen die Leute sich für das Bestehen der Demokratie eingesetzt haben Allerdings musste ich gleichzeitig mein Studium verdienen. Ich habe 8 Stunden täglich bei der spanischen Bahn gearbeitet, und das hat mir sehr wenig gefallen, weil ich mich nicht ganz dem Studium der Philosophie hingeben konnte. Wenigstens 8 Stunden pro Tag musste ich zurück in die Realität.

Widerspruch: Wie lange hast du das gemacht?

Peña Aguado: Fast sechs Jahre. In dieser Zeit dachte ich, dass ich kaum eine Chance habe, an der Uni Fuß zu fassen; denn wenn man neben dem Studi um arbeitet, sind die Ergebnisse, trotz aller Mühe, natürlich nicht so brillant wie bei den anderen. Vom Beginn des Studiums an hatte ich einen Profes sor, der bei seinen Vorlesungen so viele deutsche und griechische Wörter verwendet hat, dass man den Eindruck hatte, nur die Präpositionen und Konjunktionen sind spanisch und der Rest besteht aus Fremdwörtern. Irgendwann wurde mir klar, dass ich Deutsch lernen muss, wenn ich es mit der Philosophie ernst meine.

Widerspruch: Warum ausgerechnet deutsch?

Peña Aguado: Vielleicht durch Vermittlung dieses Professors, Felix Duque, den ich damals sehr bewundert habe.

Widerspruch: Hatte er deutsche Philosophie gelehrt?

Peña Aguado: Ja, aber auch Aristoteles zum Beispiel. Er hatte gleich mit der „Metaphysik“ angefangen; und einige haben das Studium bald abgebrochen, weil sie dachten, das nie zu schaffen. Es war sehr anstrengend zu Beginn. Dieser Professor ist immer noch tätig und seine Begeisterung für die deutsche Philosophie hat kein bisschen nachgelassen.

Widerspruch: Du hast fünf Jahre lang studiert. Womit hast du abgeschlossen?

Peña Aguado: Mit dem Magister.

Widerspruch: Wie war das Studium aufgebaut? Es gibt ja die spanische Tradition, die hauptsächlich auf Aristoteles und der scholastischen Tradition basiert. Knüpft man daran noch an?

Peña Aguado: Es gibt eine Tradition in Spanien, die nicht nur mit der Scholastik zu tun hat. Francisco Sánchez El escéptico z. B. war ein Zeitgenosse von Suárez, der bereits vor René Descartes sich des Zweifelns als Methode bedient hat. Damals hat man deswegen Descartes als Plagiator von Sánchez angesehen. Aber es gibt auch die Schule von Ortega y Gasset, die allerdings durch den Bürgerkrieg vertrieben wurde. Sie hätten die Lehrer meiner Lehrer sein müssen. Von ihnen hat jedoch vor allem Lateinamerika profitiert, weil die meisten von ihnen dorthin ins Exil gingen. Ortega y Gasset hatte sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr bemüht, die spanische Philosophie wieder zu beleben und dafür gesorgt, dass auch vieles von außen nach Spanien kommt. Er selbst war in Deutschland gewesen und hat Deutsch gelernt. 1905 hat er bei Wundt in Leipzig dessen Psychologievorlesungen gehört, Kant gelesen und später, als er Professor in Madrid war, viele wichtige philosophische Texte ins Spanische übersetzen lassen. Allerdings gab es schon vor Ortega y Gasset einige Leute, die nach Deutschland kamen und hier Krause gelesen haben. Daraus entstand Ende des 19. Jahr hundert in Spanien der Krausismo, den hier kein Mensch kennt. Aber er hat eine ganze Generation bis zum Beginn des spanischen Bürgerkriegs beein flusst.

Widerspruch: War Krause nicht ein Kantianer?

Peña Aguado: Ja, ich kenne ihn als Kantianer. Er stand für eine bestimmte ethische Haltung, die auch in der Institution Libre de Enseñanza weitergegeben wurde. Aus ihr sind Pädagogen entstanden, die mehrere Generationen in Spanien stark beeinflusst haben.

Aber zurück zu Ortega y Gasset. Er hat in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts viel für die spanische Philosophie getan und die Richtung der spanischen Philosophie in entscheidender Weise bestimmt. 1923 gründete er die Revista de Occidente, wo die wichtigsten Autoren und Tendenzen der Zeit auf Spanisch übersetzt und bekannt wurden. Es gab damals schon eine Gruppe, auch von Frauen, die philosophisch sehr aktiv war und ihn sehr verehrt hat. Eine seiner bekanntesten Schülerinnen war María Zambrano, die Anfang der 90er Jahre gestorben ist. Sie musste am Ende des spanischen Bürgerkrieges auch ins Exil gehen.

Widerspruch: Hast du sie noch kennen gelernt?

Peña Aguado: Naja, von ‚Kennenlernen‘ kann nicht die Rede sein. Als ich 19 Jahre alt war, kam María Zambrano aus dem Exil zurück. Sie hatte sich lange überlegt, ob sie zurückkehren sollte. Ich hatte ein Mal die Gelegenheit sie kurz zu begrüßen. Sie war eine alte, gebrechliche Dame. Mehr geärgert hat mich jedoch, dass wir an der Uni nichts von ihr gelesen haben. Wir mussten zwar die Geschichte des spanischen Denkens lernen. Sie wurde aber nicht erwähnt. Ich fand das umso schlimmer, da sie gerade zurückgekommen war. Sie wäre für uns ein lebendiger Zeuge dieser Zeit gewesen.

Widerspruch: Fand in dieser Zeit nicht auch ein Umbruch in der Philosophie statt?

Peña Aguado: Auf jeden Fall. Meine Generation hat von der Scholastik nichts mehr gehört. Das waren die Reaktionäre. Stark vertreten waren noch die Natur- und Sprachphilosophie und die Logik. Wir haben uns aber neben der deutschen Philosophie, Kant und dem deutschen Idealismus, vor allem mit den Franzosen, Foucault oder Deleuze, beschäftigt. Es waren allerdings die jüngeren Dozenten, die damit angefangen hatten. Auch Habermas fand viel Zuspruch. Ich habe ihn noch in Madrid erlebt. Mir wurde bald klar, dass für das, was mich interessierte, deutsch oder altgriechisch wichtig sind. Schließlich habe ich mich für Deutsch entschieden.

Widerspruch: Hast du deutsch noch in Spanien gelernt?

Peña Aguado: Ich habe versucht, nebenbei Deutsch zu lernen, was sehr schwer war. Ich konnte nur sehr früh morgens, bevor ich zur Uni ging, das deutsche Kulturinstitut besuchen, und es gelang mir nicht recht. Als ich dann nach Deutschland kam, habe ich mir eingebildet, vielleicht ein oder zwei Sätze sagen zu können, musste aber feststellen, dass ich, außer zu wissen, dass ich deklinieren muss, nicht viel mehr konnte. Wie es dazu kam, dass ich nach Deutschland ging, ist eine sehr lustige Geschichte. Ich weiß nicht, ob ihr das hören wollt?

Widerspruch: Doch.

Peña Aguado: Ich hatte damals bei der spanischen Eisenbahn in einem großen Bahnhof in Madrid, Chamartín, Auskunft gegeben. Im Sommer kamen deutsche Jugendliche, eine Gruppe von sechs oder sieben, und einer von ihnen hatte alles mitsamt Reisepass und Interrailfahrkarte im Zug liegen gelassen. Ich habe ihnen geholfen und dem, der seine Sachen verloren hatte, erzählt, dass ich Philosophie studiere und danach sehr gerne nach Deutschland möchte; wenn ich allerdings für die Bundesrepublik kein Geld habe, dass ich dann vielleicht in die DDR gehen werde. Da hat er gesagt: Um Gottes willen. Wie es der Zufall oder das Schicksal wollte, haben wir seine Sachen gefunden, und sie sind dann weitergefahren. Aber wir haben Kontakt gehalten. Eines Tages hat er mir geschrieben, ich könne nach Deutschland kommen, da seine Schwester nach England geht und ich ihr Zimmer haben könnte. Am Anfang war ich etwas unentschlossen. Doch einige Professoren an der Universität waren schon öfters in Deutschland gewesen und haben mir Mut gemacht. Ich habe mich mein letztes Jahr sehr bemüht, alle Prüfungen zu machen und zu bestehen. Ende Juni hatte ich meinen Magister in der Tasche und im September war ich in Deutschland.

Widerspruch: Wann war das und wo?

Peña Aguado: Das war im Jahr 1985 in der Nähe von Würzburg. Ich habe dann tatsächlich einige Monate in diesem Zimmer für wenig Geld gewohnt. Es war ein Kaff, aber so nahe an Würzburg, dass ich immer zur Uni gehen konnte. Eigentlich kam ich für drei Monate; inzwischen sind daraus 26 Jahre geworden. Damals wurde mir relativ schnell klar, dass man diese Sprache nicht in drei Monaten lernt. Dafür ist sie viel zu komplex. Ich konnte an der Universität „Deutsch für Ausländer“ besuchen und hatte einen ausgesprochen guten Deutschlehrer, vor allem auch das Glück, viel mit Deutschen zusammen zu sein. Dann kam die Entscheidung, ob ich zurück nach Spanien gehe oder hier bleibe.

Widerspruch: Nach den 3 Monaten?

Peña Aguado: Ja. Ich musste auch das Zimmer wieder räumen. In diesen Monaten hatte ich jedoch den Direktor des Sprachlabors der Universität Würzburg kennen gelernt, der ausgesprochen gut Spanisch sprach und für Spanisch eine neue Lehrmethode entwickelt hatte. Hinzu kam, dass zu der Zeit fast jeder Spanisch lernen wollte, und sie nicht wussten, wohin mit den vielen Studenten. Er hat mir deshalb einen Lehrauftrag angeboten. Ich bin daraufhin kurz nach Spanien zurück, um mich wieder beurlauben zu lassen, bin dann wiedergekommen, um den Lehrauftrag anzunehmen, und musste mir nun ein neues Zimmer suchen.

Diese Zimmersuche ist eine Geschichte, die sehr persönlich ist, die ich aber doch erzählen möchte. Da mein Deutsch recht schlecht war, verwies mich der Direktor des Sprachlabors an einen Kartographen, der in der Nähe wohnte und Zimmer für Studenten vermietete. Er meinte, dessen Frau sei mal in Spanien gewesen und spräche Spanisch. Ich habe mich mit ihnen in Verbindung gesetzt, und es stellte sich heraus, dass diese Frau 1949 im Alter von elf Jahren nach Spanien geschickt wurde. Damals hatte die Caritas deutsche Kinder in verschiedene, vor allem katholische Länder wie Portugal, Irland oder Spanien vermittelt. Kinderreiche Familien durften nach dem Krieg für ein Jahr ein Kind zur Entlastung weggeben. Und dieses Mädchen, das nicht einmal wusste, wo Spanien liegt, und auch nicht dorthin wollte, wurde dahin geschickt und kam nach Pamplona, die Hauptstadt von Navarra, die Region, wo ich herkomme. Sie kam in einem Kloster an und sollte, weil sie sehr dünn und mager war, an eine der Familien verteilt werden. Sie wurde von einer Familie abgeholt, die in La Rioja lebte und sehr reich war. Denn 1949, 10 Jahre nach dem spanischen Bürgerkrieg, konnten nur sehr reiche Leute noch ein Kind aufnehmen. Sie, die hier, wie sie mir immer wieder erzählte, nicht einmal einen Mantel hatte, kam zu einer reichen Familie, die sie sofort zur Schneiderin brachte, die für sie tolle Kleider nähte. Ein ganzes Jahr wurde sie von der Tochter des Hauses, die damals 27 Jahre alt war, wahnsinnig verwöhnt und hat von einer Privatlehrerin Spanisch gelernt. Als sie zurück nach Deutschland kam, hat sie die Schule fertig gemacht und ging, bevor sie ihre Ausbildung begann, wieder für ein Jahr zurück nach Spanien und hatte dort eine wunderbare Zeit. Als sie mich kennen gelernt hat, sagte sie zu mir, dass sie mehr als 30 Jahre auf die Gelegenheit gewartet habe, das wieder zurückgeben zu können. Dann kam ich, und sie hat mir wirklich sehr viel gegeben.

Widerspruch: Kennst du diese spanische Familie?

Peña Aguado: Persönlich nicht. Ich weiß nur, dass sie Winzer in der Nähe meiner Heimat waren, die ein sehr florierendes Geschäft hatten. Das Schicksal wollte es, dass, nachdem ich schon einige Monate bei dieser Familie wohnte, Besuch aus Spanien kam. Sie haben einen Wein aus La Rioja mitgebracht, und als sie ihr die Flasche überreichten, kamen ihr die Tränen. Wir waren alle verblüfft. Es hat sich dann herausgestellt, dass der Wein von dieser Winzerfamilie war. Damals dachte ich mir: Ja, hier musste ich landen. Seitdem sind sie sozusagen meine Adoptiveltern, und sie ist die Patentante meiner Tochter.

Als ich dann mit meinem noch miserablen Deutsch in der Uni in Würzburg angefangen habe, Philosophieseminare zu besuchen, kam ich mir mit 24 Jahren zunächst sehr alt vor. Ich habe dort sehr nette Leute kennen gelernt, aber ich war verblüfft, als ich merkte, dass sie älter sind als ich und noch immer nicht wissen, in welche Richtung sie gehen wollen. Auch wenn mir bewusst ist, wie kontrovers die Diskussion um Bachelor und Master und die Verschulung der Universitäten ist, – ich muss zugeben, dass ich zu der Zeit dachte, was für ein Glück ich hatte, dass mein Studium so verschult war. Wir konnten zwar im letzten und vorletzten Jahr ein paar Fächer selber auswählen, hatten dann aber schon einen Überblick über das, was die Philosophie bietet. Natürlich hatten wir keine Anwesenheitspflicht und waren sehr frei – was bei dem neuen Modell von Bachelor und Master leider nicht der Fall ist. In Würzburg habe ich Studierende kennen gelernt, die drei oder vier Seminare über dasselbe Thema besuchten, aber kaum einen Überblick über die Geschichte der Philosophie hatten. Das hat mich schon sehr verwundert. Andererseits habe ich auch gedacht: Mensch, leben die Studenten hier gut. Die Universität war mehr oder weniger umsonst; in Spanien mussten wir Studiengebühren zahlen und konnten es uns deswegen nicht leisten, ewig zu studieren. Die Studenten hier hatten Geld, Wohnungen, lebten unabhängig, immer noch an der Uni, 13 Semester, 17 Semester, da war ich schon sehr verblüfft.

Widerspruch: Du hast dann in Würzburg weiterstudiert?

Peña Aguado: Ja, ich wollte promovieren. Ich hatte das Glück, dass ich ein Promotionsstipendium von der Friedrich-Ebert-Stiftung bekommen habe.

Widerspruch: Und wie bist du zu deinem Promotionsthema gekommen?

Peña Aguado: In Madrid hatte ich, als ich wählen konnte, zunächst ein Jahr Metaphysik gemacht, das nächste Jahr dann Ästhetik, die mir großen Spaß gemacht hat. Denn ich hatte die Literatur sehr geliebt und selber auch geschrieben, und hatte den Eindruck, dass sich diese beiden Interessen gut vereinen lassen. Zudem hatte ich einen Professor, Valeriano Bozal, den ich sehr bewundert habe und bei dem ich gern promoviert hätte, wäre ich in Madrid geblieben. Er hat mir schon damals empfohlen, eine Arbeit über den Begriff des Erhabenen zu schreiben.

Widerspruch: Wie heißt das auf Spanisch?

Peña Aguado: Lo sublime. Als ich in Würzburg dann angefangen habe, mich nach Professoren und Dozenten zu erkundigen, die meine Arbeit betreuen könnten, haben mir Kommilitonen von Wolfgang Welsch erzählt, der damals Privatdozent in Würzburg war. Ich habe ihm von meiner Idee über das Erhabene erzählt, und er hat gesagt: „Das ist doch ein gutes Thema.“ So kam ich dazu, darüber zu promovieren. Es gab Zeiten, in denen ich mich geärgert habe, das Thema genommen zu haben, weil dann der ganze Diskurs über die Postmoderne und mit François Lyotard über das Erhabene kam. Jeder hat darüber geredet. Ich fand das schlimm und dachte mir: Warum hast du nicht über Wilhelm von Ockham promoviert oder jedenfalls über ein Thema, das nicht so ‚in’ ist?

Widerspruch: Als du über das Erhabene gearbeitet hast, war da das Thema schon in der Diskussion? Peña Aguado: Und wie. Nachdem ich das Thema mit Welsch abgesprochen hatte, gab es einen Artikel von Lyotard über „Das Erhabene und die Avantgarde“, der hier eine große Diskussion auslöste. In Spanien dagegen hat der Diskurs über das Erhabene im Zusammenhang mit der Postmoderne überhaupt keine Rolle gespielt. Zwar haben sich gleich nach Francos Tod viele Sänger als postmodern bezeichnet und über die „postmodernidad“ gesprochen, aber kein Mensch hat über das Erhabene geredet. Es ist schon interessant, wie verschieden Diskurse in verschiedenen Ländern rezipiert werden. Dass es in Deutschland mehr Gewicht hatte, liegt sicher auch daran, dass Lyotard sich sehr auf Kant, auf die deutsche Tradition bezogen hatte.

Widerspruch: Das Ästhetische war auch das, was du weiterverfolgt hast. Hat dich das Thema auch als Frau interessiert, weil im Ästhetischen doch eine Art zu Denken vorherrscht, die nicht dieses streng Rationale ist?

Peña Aguado: Wenn wir so beginnen, dann frage ich: Was heißt: „das streng Rationale?“ Ist Philosophie nur dies streng Rationale? Ich denke, gerade in der Ästhetik gibt es viele Ansätze, die für die Philosophie absolut relevant sind. Vielleicht hört sich das für einige skandalös an, aber ich denke, dass die Ästhetik viel mehr Gewicht in der Philosophie haben sollte, weil es dort vieles gibt, was für das Denken wichtig ist. Man kann über vieles reflektieren, was uns zum Menschen macht, unsere ganze Sinnlichkeit, aber auch unsere Rationalität, die viel umfassender ist, als die Vorstellung nahelegt, dass wir getrennt wären in sinnliche und in transzendentale Wesen. Das Rationale lebt auch von dieser Sinnlichkeit; selbst Kant hat das schon gemerkt. Deshalb denke ich, dass die Ästhetik mehr Gewicht haben müsste. Vor allem lässt sich mit Hilfe von Kunst und Literatur vieles sagen, was man vielleicht nicht benennen, aber zeigen kann. Wenn man davon ausgeht, dass Philosophie nur mit logischen Argumenten arbeiten könne und dies allein ihr Organon sei, dann ist die Ästhetik natürlich fehl am Platz. Aber ich denke, die Philosophie ist viel mehr als das. Allerdings muss ich zugeben, dass ich zu jener Zeit noch wenig darüber nachgedacht habe, ob das aus der Sicht meines Daseins als Frau resultiert. Ich war blind zu dieser Zeit.

Widerspruch: Feministisch blind?

Peña Aguado: Ich habe damals mit großem Nachdruck an die Neutralität des Denkens geglaubt. Ich dachte, wenn ich denke, spielt es doch keine Rolle, ob ich Frau oder Mann bin, so wenig es eine Rolle spielt, ob meine Augen braun oder blau oder meine Haare lang oder kurz sind. Da musste ich, gerade in Deutschland, schnell umdenken. Ich musste selber in meinem Promotionsverfahren erleben, dass man als Frau anders wahrgenommen und geprüft wird. Ich möchte mich darüber nicht ausbreiten; aber das waren bittere Erfahrungen.

Widerspruch: Das war deine Erfahrung: An und für sich denken Männer und Frauen gleich; aber in der Wirklichkeit verhält es sich anders?

Peña Aguado: Heute würde ich sagen, dass man nicht gleich denkt, weil man anders in der Welt ist.

Widerspruch: So siehst du das heute, aber damals?

Peña Aguado: Damals habe ich wirklich gedacht, dass „das Denken“ neutral sei …

Widerspruch: … und die Männer haben das noch nicht kapiert, und deswegen werden die Frauen ausgegrenzt. Es waren diese Erfahrungen der Ausgrenzung?

Peña Aguado: Ja. Es war die Erfahrung, auf das Biologische zurückgeworfen zu werden. Dass das Nachdenken und die Freude am Denken einen anderen Wert bekommen, weil man eine Frau ist. Ich habe mich dadurch auf eine sehr unproduktive Art und Weise auf meine Weiblichkeit zurückgeworfen gesehen.

Widerspruch: War das im akademischen Bereich?

Peña Aguado: Nicht nur, aber hauptsächlich im akademischen Bereich.

Widerspruch: Wenn es um Posten und Chancen geht?

Peña Aguado: Schon in den Seminaren. Ich habe Kommentare gehört, die nicht mich, aber andere Kommilitoninnen betroffen haben, die ich absolut demütigend fand. Ich kann mich an eine Studentin erinnern, die sehr engagiert und leidenschaftlich bei der Sache war, aber nicht besonders gut, auch nicht besonders weiblich aussah. Als wir einmal vor der Sitzung auf den Professor und andere Studenten warteten, wurde das zu meiner Verblüffung auf einmal zum Thema. Da dachte ich: ‚Moment mal, würde einer von euch im Seminar so reden, dann hieltet ihr ihn für großartig.‘ Aber wenn eine Frau kommt, die fundiert etwas sagt, dann wird das nicht nur außer Acht gelassen, sondern es wird betont, wie sie aussieht. Das hat mich so verblüfft, dass ich mich fragen musste, ob wir paar anderen toleriert wurden, weil wir der Schmuck in der Runde waren.

Widerspruch: Das war Ende der 80er Jahre?

Peña Aguado: Ja. Dazu gehörten auch so Kommentare en passant wie: „Sie haben sicher sehr gut gearbeitet, weil Sie so gut aussehen.“ Das sind keine Komplimente, sondern eine Demontage der eigenen Arbeit. Mit diesen Strategien schafft man Unbehagen und Verunsicherung. Deswegen habe ich gesagt, ich wurde auf eine sehr unproduktive Art und Weise auf meine Weiblichkeit zurückgeworfen. Diesen Aspekt habe ich auch in meinen Publikationen zum Feminismus thematisiert.

Widerspruch: Ist denn der Machismo in Spanien nicht ausgeprägter als in Deutschland?

Peña Aguado: Nein. Das glauben die Deutschen gerne, aber er ist in Deutschland viel stärker, immer noch. In Spanien kann es dir passieren, dass einer auf der Straße sagt: „He, du siehst ja toll aus!“ Dagegen kann man sich wehren und sagen: „Du Idiot!“ Aber in Deutschland habe ich viel subtilere Mechanismen erlebt, durch die viele Frauen verunsichert werden. Es entsteht ein Unbehagen und die Frauen wissen öfters keinen Weg, sich dagegen zu wehren.

Widerspruch: Du würdest sagen, dass diese Mechanismen in Deutschland stärker sind, gerade im akademischen Bereich?

Peña Aguado: Viel stärker.

Widerspruch: Wo man bei uns doch darauf stolz ist, dass das in den südlichen Ländern passiert, nicht bei uns.

Peña Aguado: Ich habe viele Frauen meiner Generation in Deutschland kennengelernt, die ein erfolgreiches und noch dazu kostenloses Studium und später gute Jobs hatten, aber spätestens bei der ersten Schwangerschaft zu arbeiten aufgehört haben. Das war für meine Generation in Spanien undenkbar. Das habe ich nur hier erlebt. Jedenfalls habe ich damals angefangen, etwas wacher zu werden und das in einem Artikel verarbeitet: „Man kommt nicht als Frau zur Universität, man wird dazu gemacht“ – eine Paraphrase von Simone de Beauvoirs Satz: „Man kommt nicht als Frau zur Welt.“ Das hat mich sehr beschäftigt und mich auch zur feministischen Philosophie gebracht.

Widerspruch: Du würdest also sagen, dass das Ästhetische und das Feministische bei dir zunächst zwei Stränge waren.

Peña Aguado: Ja, kann man so sagen. Ich habe dann aber einige Artikel geschrieben, in denen ich versucht habe, sie zusammenzubringen. Denn im 18. Jahrhundert diente die Ästhetik ja durchaus dazu, eine gesellschaftliche Ordnung und eine Ordnung der Geschlechter zu etablieren und zu rechtfertigen, die anhand der Unterscheidung vom „Schönen“ und dem „Erhabenen“ gemacht wurde. Das kann man sehr schön am Beispiel von Edmund Burke und Immanuel Kant sehen. Ich habe dann auch einiges über den Begriff der Urteilskraft geschrieben, den ich nach wie vor sehr spannend finde, weil er Ansatzpunkte für ein Denken liefert, das auch für das feministische Denken ein Gewinn sein kann.

Widerspruch: Dann hast du die Sache für dich letztlich doch produktiv gemacht.

Peña Aguado: Naja. Nachdem ich bei Wolfgang Welsch promoviert habe, bin ich für eine kurze Zeit nach München gekommen und dann aus privaten Gründen nach Leipzig gegangen. Dort habe ich sehr schnell Anschluss an die Universität gefunden und angefangen, mit Lehraufträgen Ästhetik, aber auch Feminismus zu lehren. Ich glaube, ich war die erste, die an diesem Institut die feministische Theorie eingeführt hat.

Widerspruch: Wann war das?

Peña Aguado: Das war 1996. Ich habe dort erlebt, dass ich für die Einführung in feministische Philosophie einen Lehrauftrag problemlos bekommen habe; als dann aber die Studentinnen ihren Schein geltend machen wollten, wurde ihnen gesagt: Nein, das sei keine Philosophie. So raffiniert war man. Zum Glück haben die Studentinnen sich erfolgreich gewehrt, und der Schein wurde anerkannt. Das war wirklich eine wichtige Erfahrung.

Widerspruch: Ging das von der Universitätsleitung oder der philosophischen Fakultät aus?

Peña Aguado: Von den Philosophen. Ich war auch die erste, die in Leipzig Hannah Arendt gelesen hat. In der Kollegiumssitzung, in der die Lehraufträge besprochen wurden, wurde mir gesagt: Aber das ist doch keine Philosophin. Solche Sachen hörte man immer wieder.

Widerspruch: Waren das die Professoren, die aus dem Westen gekommen waren?

Peña Aguado: Ja. Interessant waren auch die Erfahrungen mit den Frauen aus dem Osten. Ich hatte eine Gruppe von Studentinnen, in der einige aus dem Osten waren, und die mir gesagt haben: Ach ja, der Feminismus ist ein Wessi-Problem. Wir haben dieses Problem nicht, wir waren schon immer emanzipiert. Ich habe dann gefragt: Hattet ihr keine Doppelbelastung? Doch, wir haben auch zu Hause gearbeitet. – Wie war es denn bei der Parteiführung? Waren da viele Frauen dabei? Jahre später hat mir eine Studentin geschrieben: Wie recht du hattest. Jetzt macht sie auch feministische Theorie und hat inzwischen über das Thema zwei Bücher herausgegeben.

Widerspruch: Wie ging es dann in Leipzig weiter?

Peña Aguado: Ich habe dort mit der ehemaligen Frauenbeauftragten, einer Germanistin, der Professorin Ilse Nagelschmidt, das Zentrum für Frauen und Geschlechterforschung namens FraGes gegründet, das nun gut in der Leipziger Universität verankert ist. Wir haben viel Arbeit investiert und auch eine Tagung organisiert, aus der ein Buch entstand, das wir herausgegeben haben. Enttäuschend war, dass am Ende, als das Zentrum institutionalisiert war, nur Professorinnen und diejenigen, die einen festen Vertrag hatten, dort weiter machen konnten.

Widerspruch: Und du warst außen vor.

Peña Aguado: Leider ja, denn ich hatte das alles als Lehrbeauftragte gemacht. Deshalb hatte ich mich in dieser Zeit gefragt, ob ich als Frau und Ausländerin überhaupt eine Chance habe, an der Universität voranzukommen. Als ich mich mehr oder weniger aus dem akademischen Betrieb schon verabschiedet hatte, kam ein Angebot von der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Professor Christoph Türcke, der mein Buch über das Erhabene kannte, bot mir die Vertretung seiner Professur an. Anfangs war ich etwas unsicher, schließlich aber sagte ich doch zu. Für mich war das eine Entdeckung, weil die Arbeit mit den Künstlern ganz anders war.

Widerspruch: Mit den Studenten wie den Dozenten?

Peña Aguado: Vor allem mit den Studenten. Sie waren vielleicht nicht so belesen, dafür aber sehr reflektiert. Vor allem haben sie einfach geredet, diskutiert, gefragt und waren interessiert. In der letzten Zeit hatte ich die Universität so erlebt, dass ich mich gefragt habe, ob wir die Leute nicht eher zum Schweigen als zum Denken bringen. An der HGB Leipzig war es anders. Ich habe dort einige Diplomarbeiten betreut, und das war ein Vergnügen, weil sie so unbeschwert mit der Tradition umgegangen sind. Sie hatten nicht diese ganze Angst, dass wenn man diesen oder jenen nicht gelesen hat, sich gar nicht anmaßen kann, überhaupt einen Satz zu sagen. Das war sehr befreiend und hat richtig Spaß gemacht. Ich hatte auch das Glück, mit einigen Professorinnen wie Alba d’Urbano oder Tina Bara zusammenarbeiten zu können. Bara ist Professorin für Fotografie und Alba D’Urbano für Computergraphik und Intermedia, eine Italienerin übrigens. Ich habe an einem Projekt teilgenommen, das „Bellissima“ hieß und mir viel Freude bereitet hat.

Widerspruch: Ich hatte den Eindruck, dass die Frauen in der DDR selbstbewusster waren als hier. Hier gab es den konservativen Druck, dass die Frau im Zweifelsfall Mutter ist. Trügt dieser Eindruck?

Peña Aguado: Also, für mich war der Umzug nach Leipzig im Nachhinein die Rettung, weil ich in München gerade ein Kind bekommen hatte und hier als Intellektuelle zu Grunde gegangen wäre. Hier herrschte ein Diskurs über das Muttersein, den ich erdrückend fand, verheerend für die Frauen. Es lief viel auf der Ebene der Schuldgefühle, und das fand ich sehr manipulativ. Ich hatte zu dieser Zeit eine Nachbarin, auch eine Spanierin und Juristin, die gerade ein Kind bekommen hatte. Sie hat Dinge erlebt, die für uns in Spanien undenkbar gewesen wären. Ihr wurde auf dem Jugendamt beigebracht, dass sie mit der Arbeit aufhören müsse, um sich um das Kind zu kümmern. Ich fand auch diesen Diskurs verheerend, der damals herrschte: Ach, die arme Frau; sie kann nicht zu Hause bleiben, weil ihr Mann nicht genug verdient. In diesem Punkt war Leipzig für mich eine Befreiung. Dort gab es Kindergärten, die ab 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends geöffnet waren, und kein Mensch hat sich gewundert, wenn man die Kinder ab einem bestimmten Alter in den Kindergarten gab. Ich habe mich nicht als Mutter in Frage gestellt gesehen, weil ich zur Universität gegangen bin. Später habe ich die andere Seite kennengelernt, dass es nämlich auch im Osten Frauen gab, die gern bei ihren Kindern geblieben wären. Ihnen hat man ein schlechtes Gewissen gemacht nach dem Motto: Wie kannst du deswegen deine Arbeit vernachlässigen? Keine von den beiden Haltungen fand ich in Ordnung. Jede Frau muss doch die Möglichkeit haben, ohne schlechtes Gewissen zu entscheiden, ob und wann sie ihre Kinder in die Einrichtung bringt.

Widerspruch: Du hast vorher erzählt, Studentinnen hätten gesagt, der Feminismus sei ein Wessi-Problem. Wie du es jetzt schilderst, hatten die Frauen im Osten tatsächlich diese Probleme nicht. Dass du im akademischen Betrieb aber als Frau wahrgenommen wurdest, deren Leistung anders beurteilt wird als die eines Mannes, das war ja im Osten auch so, als du dort warst. Lag das daran, dass fast lauter Männer aus dem Westen an die Universitäten im Osten geströmt sind, und dass dann dasselbe Klima herrschte wie an den Universitäten im Westen?

Peña Aguado: Ja, so würde ich das sehen. Aber auf der sozialen Ebene war es einfacher, Mutter zu sein, weil keiner dir ein schlechtes Gewissen gemacht hat, wenn du deine Kinder in den Kindergarten gebracht hast.

Widerspruch: Und der Eindruck, dass die Frauen im Osten selbstbewusster waren?

Peña Aguado: Auf eine gewisse Art waren die Frauen schon selbstbewusster, da sie gewohnt waren, dass alle arbeiten, und sie daher finanziell unabhängig waren. Ich muss natürlich sagen, dass der Kontrast besonders krass war, weil ich aus München, aus Bayern nach Leipzig kam. Es war eine gute Erfahrung, als Ausländerin in den „wilden Osten“ zu kommen, der doch gar nicht so wild war.

Widerspruch: 2003 bist du nach England gegangen. Wie war es dort als Philosophin?

Peña Aguado: Cambridge ist ein Paradies – mit allen wunderschönen und allen gefährlichen Aspekten, die ein Paradies eben hat. Ich hatte das große Glück, dort mit meiner Familie in einem College zu leben. Das war das Clare Hall College, dessen Life Member ich noch immer bin. Es war bis vor kurzem das einzige College in Cambridge, wo man mit der Familie leben konnte. Ansonsten ist die Struktur der Cambridge Universität sehr konservativ und patriarchal. Man muss bedenken, dass die Ursprünge in der Kirche liegen, die geholfen hat, die Universität zu gründen. Und diese Colleges wurden so gegründet, dass man ein monastisches Leben zu führen hatte. In ihnen waren Frauen nicht zugelassen, und auch die fellows mussten, sobald sie geheiratet haben, das College verlassen. Man muss sich im Klaren sein, dass wir von einer Universität sprechen, die bis 1948 keinen Titel, kein Diplom an Frauen vergab. Man denkt, das liegt 200 Jahre zurück; aber so ist das nicht. Es gab zwar Frauen, die studiert haben; sie konnten aber keinen Abschluss machen. Und die paar weiblichen Colleges waren ganz außerhalb, damit die jungen Männer nicht in Versuchung kamen. Das bekannte Newnham College, in dem Virginia Wolff den berühmten Vortrag gehalten hat: A Room of One’s Own war damals außerhalb. Übrigens ist dieses College nach wie vor nur für Frauen, aus dem sehr tatkräftige Frauen herausgekommen sind. Die Schriftstellerin Silvia Plath, die Wissenschaftlerin Rosalind Elsie Franklin oder die Philosophin Onora O’Neill sind gute Beispiele dafür. Mir war bewusst, wie patriarchalisch diese College-Struktur ist. Mein College jedoch, das als eine Art Center for advanced studies gegründet wurde, war und ist viel offener. Es hat keine Studenten, sondern nur Promovierende und Professoren aus der ganzen Welt, die für ein Forschungsjahr kommen. Es gab die Variante, dass Männer forschten und ihre Frauen dazu kamen, aber auch umgekehrt, dass Männer ihre Frauen begleiteten. Dort habe ich erlebt, dass es viele Professorinnen aus den USA und aus England gab, die Kinder hatten. Das war überhaupt keine Frage. In Deutschland hingegen sind viele Professorinnen aus Karrieregründen immer noch kinderlos. Und das konnten die Frauen, die ich dort kennengelernt habe, nicht verstehen. Ich wurde auch angesprochen: „Wie kannst du in Deutschland leben? Wir haben gehört, wie schlimm es dort mit den Männern ist, so konservativ und patriarchal.“ Jedenfalls war es für mich eine wunderschöne Zeit, weil ich das alles ohne Probleme vereinbaren konnte. In dieser Zeit habe ich weniger gelehrt als geforscht und geschrieben. Auf dem College gab es eine sehr aktive Frauengruppe, und ich durfte meine Arbeiten vorstellen. Ich habe mit meiner guten Freundin und Philosophin, Bettina Schmitz, in Deutschland ein Buch publiziert, das heißt: Das zerstückelte Leben. Es ist ein fiktiver Briefwechsel zwischen zwei Philosophinnen. Das Buch ist 2004 in Deutschland erschienen. Wir haben dazu mehrere Lesungen in Deutschland und in Österreich gemacht und einen Teil daraus ins Englische übersetzen lassen, den ich auf dem College vortragen durfte. Die Begeisterung war so groß, dass einige das Buch auf deutsch gekauft haben, obwohl sie kein deutsch konnten, und Amerikanerinnen wollten, dass es sofort auf englisch erscheint. Das war eine tolle Erfahrung. Damals habe ich mehr meinen feministischen Teil ausgelebt, auch in der Theorie.

Widerspruch: Gibt es vergleichbare Institutionen in Deutschland? Das Wissenschaftszentrum in Berlin?

Peña Aguado: Ja, oder die Max-Planck-Institute, z.B. für Wissenschaftsgeschichte. Aber das sind Institutionen, wo man sich trifft, jeder jedoch woanders wohnt. Wir aber haben in diesem großen Areal zusammengelebt. Ich bekam auch ein foundation’s visiting Fellowship, so dass ich zusätzlich etwas Geld für meine Forschung hatte, was ja eine große Ehre war. Während dieser Zeit habe ich über ein Thema gearbeitet, das mich immer noch sehr beschäftigt. Es geht um intellektuelle Frauen und ihre Räume. Und das fand viel Zuspruch dort. Das Buch wird, wie ich hoffe, bald in Spanien erscheinen.

Widerspruch: Das ging bis 2006?

Peña Aguado: In Cambridge habe ich bis 2007 gelebt, im College bis 2005. Denn die College-Zeit war ja begrenzt.

Widerspruch: Wie lange warst du insgesamt in England?

Peña Aguado: 2003 bin ich angekommen. Meinen Ruf nach München habe ich im September 2006 bekommen und hier im Dezember 2006 angefangen.

Widerspruch: Wieder nach München, so konservativ und verstockt?

Peña Aguado: Ja, aber ich kam in die Akademie der bildenden Künste. Ich habe mich dort beworben, nachdem ich schon längere Zeit in England war, und habe eigentlich gedacht, dass ich keine große Chance habe. Umso schöner war es, dass ich doch die Professur bekam. Ein Jahr lang bin ich dann zwischen Cambridge und München gependelt und lebe hier seit 2007. Also, wie ist die Philosophie an der Akademie? Jedenfalls ist der Stand der Theoretiker im Hause nicht einfach.

Widerspruch: Du hast nur Studenten der Akademie?

Peña Aguado: Ab und zu kommen auch Studenten der LMU oder der Hochschule für Philosophie. Ich habe versucht, die Studenten hier zu gewinnen, und eine Art „Gespräch im Atelier“, so nenne ich das, eingeführt, wo ich selber die Klassen besuche. Ich habe nicht gewartet, bis sie kommen, sondern habe mich einladen lassen und wenigstens einen Tag mit ihnen über Ästhetik geredet. Auf diese Weise kamen einige Studenten zur Philosophie, andere haben überhaupt registriert, dass es so etwas gibt. Es ist schwierig, weil hier ein Diskurs herrscht, der sehr mit Genialität und großer Freiheit zu tun hat. Manche kommen gerne, aber nicht regelmäßig, weil sie Exkursionen machen oder Ausstellungen vorbereiten müssen. Andere nehmen in den ersten Semestern an den Seminaren teil; dann werden es immer weniger, weil sie Ausstellungen haben oder sich die Zeit des Diploms nähert. Das muss man akzeptieren. Wir bilden hier keine Philosophen, sondern Künstler aus. Damit muss man umgehen können.

Widerspruch: Gibt es ein Kontingent, das sie machen müssen?

Peña Aguado: Nein, die freien Künstler nicht. Ich kenne das anders aus Leipzig an der Hochschule für Graphik und Buchkunst. Dort sind die ersten zwei Jahre für alle Studenten gemeinsam, und sie müssen auch Theorie belegen. Hier haben wir um die 700 Studenten. Ungefähr 250 machen Kunstpädagogik, einige verbinden das mit freier Kunst; wir haben eine kleine Gruppe für das Aufbaustudium der Kunsttherapie und eine kleine Gruppe für Architektur. Die Mehrheit bilden die freien Künstler, die zu nichts verpflichtet sind. Sie kommen von Anfang an in eine bestimmte Klasse. Und es kommt dann darauf an, wie der Professor oder die Professorin gegenüber allgemeinem Wissen oder der Theorie eingestellt ist. Von den Studenten gibt es natürlich die, die so frei sind, dass sie kommen, egal was sie hören; aber es gibt auch die, die nicht kommen, weil sie der Meinung sind, dass es nicht relevant ist.

Widerspruch: Welche Themen bietest du an?

Peña Aguado: Eine Zeit lang habe ich eine Vorlesung über Ästhetik im Kontext angeboten. Meine Absicht war, anhand der Geschichte der Ästhetik einen Überblick über die Geschichte der Philosophie zu vermitteln. Das war eine Mischung aus Vorlesung und Seminar. Zuerst habe ich etwa eine Stunde Vorlesung gehalten, dann haben wir gemeinsam Texte gelesen. Darüber hinaus habe ich Seminare abgehalten und darauf geschaut, Klassiker der Ästhetik oder Autoren anzubieten, die interessant sind. Zusätzlich zu den regelmäßig stattfindenden Seminaren biete ich Blockseminare an, die sehr gut ankommen. Die Studenten nehmen sich dann wirklich die Zeit, sind von nichts anderem abgelenkt und die Zusammenarbeit ist großartig. Ich habe zwei Mal kurz nach der Jahresausstellung Blockseminare angeboten. Die Studenten haben dann schon ausgestellt, sind schon etwas freier und können sich konzentrieren. Das sind kleine Gruppen, mit denen man sehr gut zusammenarbeiten kann.

Widerspruch: Am Wochenende?

Peña Aguado: Nicht nur; Dienstag und Donnerstag oder Freitag und Samstag. Nächste Woche lesen wir Foucaults „Geschichte der Sexualität“, 1. Band. Mit den Kunsttherapeuten habe ich in zwei Seminaren „Wahnsinn und Gesellschaft“ gelesen, weil viele von ihnen danach in der Psychiatrie arbeiten. Das war für alle Beteiligten, auch für mich, sehr schön und interessant.

Widerspruch: Sind nicht die Kunstpädagogen dazu verpflichtet?

Peña Aguado: Inzwischen schon. Mit der Einführung des Bachelors und Masters für den Studiengang Kunstpädagogik ist die Philosophie mit zwei Modulen im Studiengang der Kunstpädagogen vertreten.

Widerspruch: Und das machst du?

Peña Aguado: Ja. Eine Sache, die mir sehr am Herzen liegt, sind die „Schelling Lectures“, die ich 2008, dem Jubiläumsjahr des 200-jährigen Bestehens der Akademie, initiiert habe. Die Anregung hatte ich durch meine Erfahrung in Cambridge. Die Idee dieser internationalen Vorlesung ist, renommierte Persönlichkeiten einzuladen, die interdisziplinär arbeiten. Sie kommen hierher, um ein Seminar für unsere Studenten und dann eine öffentliche Vorlesung zu halten, damit die Akademie im Bewusstsein Münchens einen Platz bekommt und nicht nur als ein Ort wahrgenommen wird, an dem Kunst ausgestellt wird, sondern auch Ideen, und an dem man sich austauscht. Zu meiner großen Freude wurde diese Idee in der Akademie positiv aufgenommen. Die Leitung war angetan und hat mich sehr unterstützt. Wir haben 2008 gleich im Januar, dem Geburtstag Schellings, begonnen. Die Schelling Lectures werden auch dank der großzügigen Unterstützung der Ingrid Werndl-Laue Stiftung jährlich beim Deutschen Kunstverlag veröffentlicht. Die Reihe heißt auch so: „The Schelling Lectures“.

Widerspruch: Warum Schelling?

Peña Aguado: Es geht nicht um Schelling-Forschung. Der Name der Reihe ist eine Hommage an den Gründer der Akademie; aber die Themen sind sehr verschieden. Der erste, der kam, war der Historiker und Kulturwissenschaftler aus Cambridge, Peter Burke. Dann kam eine Architektin und Komponistin aus Barcelona, Anna Bofill Levi; ihr Bruder Ricardo, mit dem sie gearbeitet und wichtige Werke mitgestaltet hat, ist ja ebenfalls sehr bekannt. Inzwischen ist sie eine sehr interessante Komponistin, so dass sie auch ihre Musik vorgestellt hat. Im folgenden Jahr war die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt hier, die einige Essays über Kunst geschrieben hatte, aber auch den Roman What I loved, in dem es um die Künstlerszene in New York geht. Letztes Jahr hatten wir Hans-Peter Dürr, den Physiker hier und im Januar 2012 kommt Humberto Maturana.

Widerspruch: Bei Herrn Dürr war das ja nicht so schwierig.

Peña Aguado: So würde ich es nicht sagen. Ich musste ihn überreden und ihm klar machen, dass seine Arbeit auch für Künstler von Interesse ist. Die Studenten waren begeistert von ihm. Die alte Aula war total voll. Auch bei Siri Hustvedt mussten wir die Türen zumachen.

Widerspruch: Noch einmal zurück zu den Blockseminaren. Was bietest du an?

Peña Aguado: Ich versuche eine Mischung zwischen Klassiker der Ästhetik und aktuellen Themen zu finden, vor allem im philosophischen Kontext. Zurzeit arbeiten wir am Begriff der Revolution, weil dieses revolutionäre Potential jetzt sehr präsent ist. In Madrid waren es viele Künstler und Künstlergruppen, die der Bewegung den Input gegeben haben. Zudem behandelt eine Kunsthistorikerin die politische Praxis in der bildenden Kunst. Das ergänzt sich sehr gut. Was aber für mich unabhängig von den Themen oder Inhalten von äußerster Wichtigkeit ist, ist, in meiner Lehre die Erfahrung des Denkens zu vermitteln, dass die Studierenden einen kritischen Geist entwickeln und selbständig reflektieren können.

Widerspruch: Der Studentenstreik vor zwei Jahren hat ja hier, in der Akademie, angefangen. Merkt man das an den Studenten, dass sie wacher, interessierter, offener oder auch kreativer sind als an der Universität?

Peña Aguado: Es ist schon eine andere Art und Weise der Arbeit. Sie haben, wie gesagt, weniger Berührungsängste und sind offener, auch wenn sie reden. Manchmal entdecken sie das Mittelmeer. Aber egal; das ist ihr Mittelmeer, und es ist gut so. Es gibt natürlich Studenten, die auf der Suche sind und mit interessanten und aufregenden Themen kommen. Manchmal zeigen sie mir auch ihre künstlerische Arbeit. Das war vor allem, als wir Umberto Ecos Das offene Kunstwerk gelesen haben. Sie waren alle interessiert und wollten ihre Arbeit zeigen. Das erlebe ich als sehr offen. Es gibt auch eine Gruppe von Studenten, die sehr aktiv ist und selbst Vorträge organisiert, wie zum Beispiel die Initiative „Jour Fixe“, in deren Rahmen der spanische Künstler Santiago Sierra vorgetragen hat. Es gibt auch einen sogenannten „Salong“. Hier gibt es viele, die Initiative haben; andere gehen dabei unter. Bei diesem System besteht immer ein wenig die Gefahr, dass einige untergehen, die sich nicht so gut orientieren können. Aber die es schaffen, sind großartig. Für etliche ist es das zweite Studium, und sie wissen zu schätzen, was die Akademie ihnen bietet. Es ist phantastisch, was es für Ateliers und Werkstätten gibt. Für mich aber kommt bei aller Kreativität derzeit leider das Denken, Reflektieren und die Forschung etwas zu kurz. Das Wort „Forschung“ wird in der Akademie nicht so gern gehört. Das sind leider Vorurteile. Es gilt noch immer diese Trennung zwischen Wissenschaft und Kunst, als ob Künstler für ihre Arbeiten nicht auch forschen würden oder für die Wissenschaftler Kreativität nicht vonnöten wäre.

Widerspruch: Liebe Frau Peña Aguado. Wir danken für das Gespräch.

Das Gespräch führten Sibylle Weicker und Alexander von Pechmann.

Arnold/Fuchs – Das unersättliche Selbst

Thomas Arnold, Thomas Fuchs

Das unersättliche Selbst

Phänomenologie des Narzissmus

geb., 250 Seiten, 28.- €

Berlin 2026 (Suhrkamp-Verlag)

von Fritz Reheis

Selfis, Tatoos und Likes sind überaus beliebte Praktiken eines Lebensstils, bei dem sich fast alles um das Selbst des Menschen dreht. Es will wahrgenommen, anerkannt, wertgeschätzt, es will geliebt werden – und leidet darunter, dass es nie genug kriegen kann, dass es nie wirklich satt wird. Das Gefühl der Zufriedenheit, der ersehnte Zustand von Geborgenheit und Liebe, will sich nicht einstellen, das Verlangen nach Mehr ist übermächtig. In „Das unersättliche Selbst“ präsentieren Thomas Arnold und Thomas Fuchs eine „Phänomenologie des Narzissmus“, in der sie philosophische, soziologische und psychologischen Diskurse zusammenführen und so die Diagnose „Narzissmus“ zugleich psychiatrisch und gesellschaftstheoretisch verorten. Die beiden Autoren lehren und forschen an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Arnold als Akademischer Rat am Philosophischen Seminar, Thomas Fuchs als Karl-Jaspers-Professor für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie. Fuchs wurde für sein Werk („Das überforderte Subjekt“, „Verteidigung des Menschen“ und „Verkörperte Gefühle“) unter anderem mit dem Erich-Fromm-Preis ausgezeichnet.

Narzissmus ist für die Autoren weder eine Modediagnose noch eine anthropologische Grundbestimmung des Menschen. Der übersteigerten Selbstliebe und Ichbezogenheit liege, so die Autoren, eine „tiefe, innere Leere“, ein „Mangel an eigenem Sein“, an „Selbstgefühl, Selbstwert, aber auch Selbstkongruenz, im Sinne einer Übereinstimmung mit sich selbst“ zugrunde. Dem Narzissten gelingt es nicht, mit sich selbst befreundet zu sein. Weil äußere Güter diesen Mangel nicht zu stillen vermögen, suche der Narzisst verzweifelt danach, sich durch andere Menschen spiegeln zu können, um sich seiner selbst zu versichern. „Videor ergo sum, ich werde gesehen (bzw. gespiegelt), also bin ich…“ (15, Herv. i. Orig.). Aber der Spiegel eröffnet keinen echten, keinen leiblich spürbaren Raum, sondern nur einen virtuellen. Die Enttäuschung bleibt, es droht eine unendliche Spiegelung, ein „Abgrund des Scheinens“ – mit einem „immensen Sog“. Jede Gelegenheit zur Spiegelung zieht das narzisstische Subjekt magisch an und verfehlt zugleich den leiblichen Kontakt immer mehr (16).

Das narzisstische Subjekt sei also „gewissermaßen zwischen zwei Leeren eingespannt, der inneren Leere des Selbst und der äußeren Leere der Spiegel, die es sucht“ (17). Die Unersättlichkeit, so weiter, sei „Ausdruck einer doppelten Leere: Hunger, Gier und Mangel, Spiegelungssucht und zugleich deren Vergeblichkeit, schließlich eine existenzielle Verzweiflung – dies zeichnet die narzisstische Subjektivität aus“ (ebd.). Der Narzissmus sei zutiefst in der spätmodernen Lebenswelt verankert, in deren kapitalistischer Grundstruktur. Denn die „zentrale Triebfeder“ des Kapitalismus sei der Mangel, der nie wirklich gestillt werden dürfe, „sondern durch neue Bedürfnisse, neue Waren und ihren ‚Verbrauch‘ stets von Neuem erzeugt, ja immer weiter gesteigert werden muss“ (18). Die strukturelle Unersättlichkeit des Kapitalismus zeige sich auch in der „Virtualität des Finanzkapitalismus“, dessen immer neue Kreationen (Derivate, Leerverkäufe) an unendliche Spiegelungen erinnern. Und sie zeige sich in den „Spiegelspielchen der Sozialen Medien“ sowie den Filterblasen und Echokammern des Internets (ebd.).

Kapitel 1 erzählt Ovids Spiegelmythos, in dem viele Themen dieses Buches bereits angesprochen sind. Kapitel 2 kennzeichnet den Narzissmus als existenzielle Leere. Kapitel 3 fragt nach der Möglichkeit eines gesunden Narzissmus. Kapitel 4 beleuchtet die Leiblichkeit vor dem Hintergrund narzisstischer Phänomene. Kapitel 5 analysiert den Zusammenhang zwischen Narzissmus und Zeitlichkeit. Kapitel 6 untersucht die Intersubjektivität narzisstischer Verhältnisse. Kapitel 7 behandelt den Zusammenhang zwischen Narzissmus und Geschlecht. Kapitel 8 beschreibt narzisstische Strukturen in Kultur und Gesellschaft. Kapitel 9 thematisiert schließlich therapeutische Möglichkeiten. Ein Schlusskapitel bietet eine knappe Zusammenfassung. Insgesamt ein wichtiges und ausgesprochen gut lesbares Buch.

Dass sich die Autoren bei den Therapiemöglichkeiten auf die individuelle Perspektive beschränken, enttäuscht und irritiert freilich. Einmal, weil die Autoren in der Einführung den Kapitalismus mit seiner strukturellen Unersättlichkeit treffend charakterisiert haben und man sich fragt, wie individuelle Therapien, die am Verhalten ansetzen, angesichts gesellschaftlicher Strukturen, die die Verhältnisse betreffen, überhaupt nachhaltig greifen können. Und der Rezensent vermisst eine Erweiterung der therapeutischen Perspektive über das Individuelle hinaus auch deshalb, weil im Schlusskapitel zwar die Notwendigkeit der Umorientierung vom „Haben“ zum „Sein“ angesprochen wird, Erich Fromms Überlegungen in „Haben oder Sein“ zur Notwendigkeit der Heilung der „kranken“ Gesellschaft jedoch in „Das unersättliche Selbst“ nicht einmal in den Anmerkungen auftauchen. In der nunmehr weiter fortgeschrittenen Spätmoderne – in Vergleich zu den 1960er Jahren Fromms – darf die „Therapie“ der Gesellschaft in Gestalt einer radikalen Transformation ihrer Wirtschafts- und Lebensweise meines Erachtens aus dem Narzissmus-Diskurs nicht ausgeblendet werden.

Ott – Sittlichkeit und Nachhaltigkeit

Konrad Ott

Sittlichkeit und Nachhaltigkeit

Aussichten auf eine bürgerliche Postwachstumsgesellschaft

geb., 975 Seiten, 69.- €

Baden-Baden 2026 (Karl Alber-Verlag)

von Fritz Reheis

Transformationen gab es in der Menschheitsgeschichte schon viele. Die anstehende Nachhaltigkeitstransformation, so Konrad Ott, Professor für Philosophie und Ethik der Umwelt, hat den Anspruch, die erste „ihrer selbst bewusste, d.h. eine wissentliche (epistemische) und willentliche (volitive)“ Transformation zu sein (34). Um diesem Anspruch gerecht zu werden, holt Ott weit aus. Er weist nicht nur alle auf Marx aufbauenden und an die Kritische Theorie anschließenden Perspektiven, etwa die seines japanischen Kollegen Kohei Saito („Systemsturz“), vehement zurück, sondern auch andere Anhänger von Postwachstumskonzepten, die nicht explizit „bürgerlich“ sind (Muraca, Schmelzer/Vetter). Ihnen wirft er vor, sich mit der bloßen Umkehrung der bestehenden Verhältnisse („abstrakte Negation“) zu begnügen. Da Marx jedoch längst widerlegt sei, müsse eine sich selbst bewusste Transformation den Umweg über Marx beenden und sich auf Hegels Phänomenologie des Geistes besinnen. Das Buch wolle, so heißt es in der Vorrede, eine „bestimmte Negation des Bestehenden“ anbieten: „eine theoretisch robuste, ethisch seriöse und politisch wirklichkeitsnahe Alternative“, „eine Konzeption des transformativen Wandels hin zu einer nachhaltigen Postwachstumsgesellschaft (WNPWG) auf dem Boden der modernen bürgerlichen Gesellschaft, die für deren Mitglieder überwiegend zustimmungswürdig sein kann.“ (35, Hervorhebung im Original). Aus der Hegelschen Perspektive der Phänomenologie des Geistes sei die WNPWG im Kern nichts anderes als eine Hervorbringung des „objektiven Geistes“.

Im ersten Kapitel begründet Ott am Beispiel Deutschlands, warum dystopische Narrative über das Projekt des Umbaus der Industriegesellschaft falsch sind. Das zweite Kapitel legt die normativen Voraussetzungen der WNPWG dar: eine Verbindung von Diskursethik, anthropozentrischer Umweltethik und starker Nachhaltigkeit. Das dritte Kapitel ist „ein Krebsgang durch die maßgeblichen Gesellschaftstheorien“ und plädiert für eine „Befreiung“ von Marx und der Kritischen Theorie. Das vierte Kapitel enthält Otts Hegel-Deutung, wobei er die Idee der Freiheit als „absolute Idee des Geistes“ bestimmt. Im fünften Kapitel werden daraus Folgerungen für das positive Recht und für den strategischen Ansatz bei der Staatszielbestimmung (Art. 20 a GG) gezogen; das Konzept der Rechte für die Natur wird jedoch zurückgewiesen. Das sechste und siebte Kapitel behandelt aus diskursethischer Perspektive Fragen der Bereichsethiken (Moral, Moralität, Moralismus) und der Stufungen von Familiarität (Familie, Gemeinschaft, Kultur). Im achten Kapitel plädiert Ott für einen „grünen Kapitalismus“, im neunten für eine „environmental deliberative democracy“. Das zehnte Kapitel widmet sich schließlich der Ebene der internationalen Politik. Ott betont, was seit 1948 global erreicht worden sei, räumt aber ein, dass dies möglicherweise auch wieder durch eine „Geopolitik multipolarer Einflusssphären und Raubbau an der Natur zunichte gemacht“ werden könnte (56).

Das Urteil des Rezensenten ist zwiegespalten. Einerseits ist die breit angelegte theoretische Grundlegung einer Postwachstumsgesellschaft, die sich vom Zwang des Wachstums des in Geld gemessenen Sozialprodukts befreit, beeindruckend. Dazu gehört auch die Sprache und die gute Erschließbarkeit der fast eintausend Seiten durch ein Personen- und ein Sachregister. In Letzterem fehlen jedoch Begriffe, die für eine umfassende Thematisierung von „Nachhaltigkeit“ und „Transformation“ nach Auffassung des Rezensenten unverzichtbar sind, wenn diese Thematisierung auch an naturwissenschaftliche Diskurse anschließbar sein soll: die Begriffe „Entropie“ und „Syntropie“ („Negentropie“), „Leben“, „Kreislauf“ und vor allem „Zeit“. Allein schon die bloße Definition von „Nachhaltigkeit“ erfordert zwingend den Rekurs auf die Zeitdimension (Veränderung, Erneuerung, Geschwindigkeit, Dauer). Und ohne die banale Tatsache, dass menschliches Wirtschaften mit der Wirtschaft der Natur irgendwie synchronisiert sein muss, Menschen das Werk der Natur also immer nur fortsetzen können (Vandana Shiva), lässt sich ökologische Nachhaltigkeit nicht verstehen. Im Text wird dies unter dem Stichwort „Kreislauf- und Bioökonomie“ vielfach angesprochen, ohne jedoch die Temporalität als Kern von Nachhaltigkeit herauszuarbeiten. Bezeichnenderweise führt Ott in seinem Personenregister zwar Hermann Daly als Pionier eines starken Nachhaltigkeitsverständnisses an, übergeht aber dessen Konzept einer konsequenten Regenerativität (die sogenannten Daly-Regeln). Im Text erwähnte Autoren wie Sabine Hofmeister und Adelheid Biesecker, die aus einem zeitökologischen Interesse heraus das Thema Reproduktivität ins Zentrum des Transformationsdiskurses geholt haben, fehlen im Personenregister. Die fundamentale Bedeutung des Tutzinger Projekts einer „Ökologie der Zeit“ für den Nachhaltigkeitsdiskurs ist Ott offenbar völlig entgangen. Der Rezensent fragt sich, wie Ott die „tendenziell totalitäre“ und „kolonisierende“ Wirkung von Geld als allgemeines Äquivalent einräumen kann (661), ohne die Möglichkeit auch nur anzudeuten, dass die Zeit als Maßstab für Heterogenes, als „Zweitcode für Systeme“ (Luhmann), eine freiheitlichere (Hegel!) Alternative zu jener „Zeit-ist-Geld“-Formel sein könnte, die uns offensichtlich immer mehr in die Irre führt.

von Pechmann – Kant und die Philosophie als System. Eine Erwiderung auf den Beitrag Bernhard Schindlbecks

Alexander von Pechmann

Kant und die Philosophie als System

Eine Erwiderung auf Bernhard Schindlbecks „Ethik und Verständigung“

I.

In seinem Artikel „Ethik und Verständigung“ wirft Bernhard Schindlbeck Jürgen Habermas vor, er habe Kant falsch verstanden. Das Missverständnis liege darin, dass Habermas meint, das ethisch Unbedingte, das Kant im kategorischen Imperativ gefasst hatte, in das Apriori oder den Telos der Kommunikation bzw. des Diskurses verwandeln zu dürfen, sodass die faktisch stattfindenden Diskurse je schon auf Verständigung zielen. „Verständigung“, zitiert er aus der Theorie des kommunikativen Handelns, „wohnt als Telos der menschlichen Sprache inne.“ Diesen Telos der Sprache hat Habermas in die berühmt gewordene Formel vom „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ gefasst, der in Diskursen wirksam sei. Das ‚Innewohnen’ eines solchen Zwangs sei jedoch, so Schindlbecks Einwand, schon deshalb falsch, weil die Sprache als Medium der Kommunikation, wie das die Alltagsrealität belegt, aber auch Wittgenstein mit seiner Verknüpfung der Sprache mit den vielfältigen Lebensformen gezeigt hat, keineswegs nur der Verständigung dient, sondern weil sie ebenso sehr auch ein „Medium der Gewalt bzw. der Drohung mit ihr“ ist. Habermas’ „schön und friedlich klingende Floskel, um nicht zu sagen: Leerformel, suggeriert nur, dass das Miteinandersprechen (die Sprache) grundsätzlich andere Arten der Auseinandersetzung, etwa die physische (Gewalt), ersetzen würde.“ Der Sprache, so Schindlbecks Fazit, sei „keinerlei ethische Komponente inhärent“.

II.

Unabhängig von der Frage, ob der Sprache ein solcher ethischer Zweck der Verständigung innewohnt oder nicht, möchte ich mich im Folgenden nur dem Vorwurf zuwenden, Habermas habe Kant gänzlich missverstanden, wenn er der Auffassung war, man könne und müsse die bei Kant nur monologisch verfasste praktische Vernunft heutzutage in die Gestalt einer kommunikativen und diskursiven Vernunft verwandeln bzw. zeitgemäß weiterentwickeln. Diese Umwandlung der kantischen Ethik in Habermas’ Theorie der Kommunikation, so der Einwand, geht nicht; sie ist unmöglich. Denn sie macht aus dem Unbedingten des Ethischen ein empirisch-historisch Bedingtes, wie es die tatsächlichen Diskurse allemal sind. Sie verfehlt damit ganz die Intention der kantischen Philosophie, das ethisch Unbedingte – und mit ihm das Reich der Freiheit – ausdrücklich von allem kausal Bedingten und damit Kontingenten freizuhalten. Kant, so Schindlbeck, habe das Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft, den kategorischen Imperativ, sauber und konsequent von den Kategorien des theoretischen Verstandes getrennt, der nur auf dem Gebiet des empirisch Kontingenten der sinnlichen Erfahrung gesetzgebend ist. Und in der Tat war es ja das Ansinnen und die Leistung Kants, das Apriorische und Kategorische des ethischen Sollens strikt von dem allemal Aposteriorischen und Hypothetischen des anschaulich gegebenen Seins zu unterscheiden. So gesehen widerspricht also eine Vermischung dieser beiden ‚Reiche’ im Begriff einer „kommunikativen Vernunft“ klar der Intention Kants; und Schindlbeck hat mit seiner Kritik recht: „Habermas hat den kategorischen Imperativ, dessen Zweck und innere Logik so wenig verstanden wie [darüber hinaus auch schon] Hegel.“

III.

Aber. Im Folgenden möchte ich zeigen, dass Schindlbecks Kant, der Ethik und Natur in die zwei Welten der Freiheit und der Notwendigkeit getrennt hat, nicht der ganze Kant ist. So hatte Kant schon in seiner „Kritik der reinen Vernunft“, im Schlusskapitel der „Architektonik der reinen Vernunft“, das Ganze seiner Philosophie skizziert. Die Philosophie, schreibt er dort, „hat nun zwei Gegenstände, Natur und Freiheit, und enthält also sowohl das Naturgesetz, als auch das Sittengesetz, anfangs in zwei besonderen, zuletzt aber in einem einzigen philosophischen System“ (B 868; H.v.m.). Kant lässt es hier jedoch, so weit ich sehe, offen, wodurch denn diese zwei besonderen Systeme der Natur und der Freiheit zu einem solchen einzigen philosophischen System verbunden seien. Dennoch lässt sich daraus schließen, dass es für ihn offenbar schon zur Zeit der „Kritik der reinen Vernunft“ klar war, dass die Philosophie nicht nur aus den zwei getrennten Teilen, dem theoretischen und dem praktischen System, besteht, sondern dass sie noch eines dritten Teils bedarf, das diese Teile zu einem Ganzen, einem einzigen philosophischen System verbindet.

Exakt dieser Frage nach der Philosophie als einem System hat sich Kant dann in der Einleitung zu seiner dritten Kritik, der „Kritik der Urteilskraft“ zugewandt: „Ob nun zwar eine unübersehbare Kluft zwischen dem Gebiete des Naturbegriffs, als dem Sinnlichen, und dem Gebiete des Freiheitsbegriffs, als dem Übersinnlichen, befestigt ist, so dass von dem ersteren zum anderen (also vermittelst des theoretischen Gebrauchs der Vernunft) kein Übergang möglich ist, gleich als ob es so viel verschiedene Welten wären, deren erste auf die zweite keinen Einfluss haben kann: so s o l l doch diese auf jene einen Einfluss haben, nämlich der Freiheitsbegriff soll den durch seine Gesetze aufgegebenen Zweck in der Sinnenwelt wirklich machen; und die Natur m u s s (H.v.m.) folglich auch so gedacht werden können, dass die Gesetzmäßigkeit ihrer Form wenigstens zur Möglichkeit der in ihr zu bewirkenden Zwecke nach Freiheitsgesetzen zusammenstimme“ (B XX).

„Also muss es doch“, fährt er fort, „ einen Grund der E i n h e i t des Übersinnlichen, welches der Natur zum Grunde liegt, mit dem, was der Freiheitsbegriff praktisch enthält, geben, wovon der Begriff, wenn er gleich weder theoretisch noch praktisch zu einem Erkenntnisse desselben gelangt, mithin kein eigentümliches Gebiet [‚neben’ Natur und Freiheit] hat, dennoch den Ü b e r g a n g (H.v.m.) von der Denkungsart nach den Prinzipien des einen, zu der nach Prinzipien der anderen, möglich macht“ (ebd). Erst dann, mit diesem Übergang vom einen Gebiet zu dem anderen, so schließe ich daraus, ist die Philosophie, wie sie Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ konzipiert hatte, ein „einziges philosophisches System“. In genau diesem Sinne versteht Kant denn auch seine „Kritik der Urteilskraft“ als das „Verbindungsmittel der zwei Teile der Philosophie zu einem Ganzen“ (ebd.).

Diese Urteilskraft als Verbindungsmittel zu einem Ganzen gebe jedoch keine Gesetze wie die Vernunft in der übersinnlichen und der Verstand in der sinnlichen Welt; aber sie schlägt „eine Brücke“ (B LIV) zwischen beiden Welten; sie „vermittelt’ beide, wie es später dann heißt.

IV.

Kants Kritik will nun zeigen, dass die Urteilskraft diese Vermittlung nicht dadurch leistet, dass sie aus dem einen Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft, dem kategorischen Imperativ, ein Vielzahl konkreter und besonderer Gesetze der Moral deduziert bzw. solche Ge- und Verbote unter das eine Prinzip subsumiert. Wäre dem so, hätte also Kant auf diese Weise aus dem Allgemeinen das Besondere deduziert oder abgeleitet, dann wäre Schindlbeck im Recht, wenn er nicht nur Kant selbst vorhält, er habe in seiner „Metaphysik der Sitten“ höchst fragwürdig und undurchsichtig aus dem kategorischen Imperativ allerlei kontingente, doch nur bedingte Handlungsver- und -gebote herausgezaubert. Es sei darüber hinaus ein „weitverbreitetes Missverständnis“ der Ethik Kants, wenn man meint, der kategorische Imperativ solle allgemeine Verbindlichkeit für diese oder jene moralische Regel generieren, oder dass man, auf ihm aufbauend, konkrete Normen ausbuchstabieren könne. Der kategorische Imperativ diene vielmehr allein, worauf Schindlbeck insistiert, der „logischen Prüfung“ von Maximen auf die Möglichkeit ihrer Verallgemeinerung.

Nimmt man also an, dass es diese deduzierende oder „bestimmende Urteilkraft“ ist, wie Kant sie nennt, welche die „Brücke“ zwischen jenen beiden Welten schlägt, zwischen dem ethischen Unbedingten und Kategorischen einerseits und dem allemal historisch Bedingten und Hypothetischen gegebener moralischer Normen andererseits, so wäre das in der Tat ein grundlegendes Missverständnis der Kantischen Philosophie.

Für Kant leistet die Urteilskraft diese Vermittlung der beiden Welten jedoch allein dadurch, dass sie nicht von einem ihr gegebenen Prinzip ausgeht, sondern dass sie, genau umgekehrt, vom anschaulich gegebenen Mannigfaltigen des Natürlich-Historischen ausgeht, um auf einen inneren Zweck dieses Mannigfaltigen zu reflektieren, oder dass sie, wie es im obigen Zitat heißt, nach der „Einheit des Übersinnlichen, welches der Natur zum Grunde liegt“, sucht, das ihr aber nicht gegeben ist. Dieses einheitssuchende Verfahren nennt Kant die „reflektierende Urteilskraft“ und fasst es im Begriff einer „Zweckmäßigkeit der Natur ohne Zweck“. Nur als ein solches suchendes Verfahren sei die Urteilskraft ein eigenständig gesetzgebendes Vermögen, das aber weder dem Gebiet der Freiheit noch dem der Natur etwas vorschreibt, sondern das nur sich selbst, ihrem Verfahren der Reflexion, das Gesetz gibt, das damit aber den Übergang von der einen Denkungsart zur anderen möglich macht.

Ich erspare mir, diesem Verfahren der Reflexion, wie Kant es in der „Kritik der Urteilskraft“ dann tut, auf den Gebieten des Ästhetischen und des Organischen nachzugehen, und möchte mich nur auf das Gebiet des Geschichtlichen konzentrieren, auf das sich auch Schindlbeck in seinem Artikel bezieht. Hier, am Ende seiner „Kritik der Urteilskraft“, will Kant zeigen, dass wir geschichtliche Ereignisse nicht nur registrieren und sie mittels der Kausalzusammenhänge zwischen ihnen erklären können, sondern dass wir das Kontingente der Geschichte nach dem Gesetz der Urteilskraft auch als zweckmäßig in Hinblick auf das Ethische als ihren Endzweck beurteilen müssen. Denn nur dann, so meine Folgerung, wenn wir die Geschichte nach dieser Idee der Zweckmäßigkeit denken, haben wir den erforderlichen Übergang von der einen Denkungsart zur anderen möglich gemacht. Erst mit dieser Verbindung der zwei Teile der Philosophie ist die Philosophie, wie sie Kant konzipiert hatte, schließlich zu einem Ganzen geworden.

V.

Aus dieser Darlegung folgt insbesondere, dass es in Kants System offenbar zwei Naturbegriffe gibt. Der eine ist der gleichsam ‚mechanische’ Naturbegriff, nach dem das Mannigfaltige des sinnlich Gegebenen als ein durchgängiger Kausalzusammenhang verstanden und erkannt wird. Nach diesem Begriff hat die Natur in der Tat nichts mit dem unbedingten ethisch-praktischen Sollen zu tun, das ja keiner Notwendigkeit folgt, sondern das der Freiheit und Autonomie des Willens entspringt. Nach ihm ist all das, was in Raum und Zeit geschieht, durch eine „unübersehbare Kluft“ vom überzeitlich Ethischen des Sittengesetzes geschieden. Und allein diesen Naturbegriff hat Schindlbeck offensichtlich vor Augen, wenn er Habermas, Hegel und viele andere des Missverständnisses zeiht, Ethisches mit sinnlich Historischem zu vermischen.

Habe ich Bernhard Schindlbeck recht verstanden, so ist für ihn nun diese Idee, dass in Natur und Geschichte ein solcher Telos waltet, kein Wissen, sondern ein bloßer Glaube, den man haben kann oder auch nicht. Er schreibt: „Mit Hegel glaubt Habermas, dass ‚die Vernunft’ grundsätzlich in der empirischen Realität hier und jetzt am Walten sei“ (H.v.m.). Und diesem bloßen Glauben setzt er die ‚Wahrheit’ entgegen, nach der die Vernunft nur in dem zeitlosen Reich der selbstgesetzgebenden Freiheit wirkt, während in der geschichtlichen Realität allemal nur die Naturgesetze des Dschungels herrschen. Er rekurriert dabei allerdings nur auf den halben, den anfänglichen Kant. Für den ganzen und letzten Kant hingegen gilt, wie ich zu zeigen versucht habe, dass diese Idee des Waltens der Vernunft in der Geschichte für ihn kein bloßer Glaube ist, der etwa dem frommen Wunsch nach ‚Harmonie’ entspringt, sondern dass ihr zum einen das logische Vermögen der Urteilskraft zugrunde liegt, nach deren Gesetz das Geschichtliche zugleich als zweckmäßig gedacht werden muss, und dass zum anderen erst mit dieser Idee der Zusammenstimmung von Geschichte und Ethik die Philosophie zu einem Ganzen, zu „einem einzigen philosophischen System“ geworden ist.

VI.

Wenn wir nun abschließend einen Blick auf das Ganze des Kantischen Systems werfen, dann fällt es leicht zu verstehen, dass seine Nachfolger erhebliche Bedenken haben konnten. So grundlegend, großartig und ausgearbeitet dieses System auch war, es knirschte doch an den entscheidenden Stellen: Denn auf der einen Seite sollten die zwei Gebiete der Natur und der Freiheit radikal voneinander verschieden sein, sodass kein Übergang vom einen zum anderen möglich wäre; auf der anderen Seite aber müssen sie doch so gedacht werden, dass beide Gebiete zusammenstimmen. Was nun? Kants Erklärung für dieses Widersprechende war, dass beide Gebiete objektiv oder an sich gänzlich verschieden sind, dass wir aber subjektiv oder für uns ihre Zusammenstimmung und Einheit (hinzu)denken müssen. Hier sind die Logiken des Unterscheidens und die der Vereinheitlichung jedoch auf eine merkwürdige und letztlich undurchsichtige Weise verteilt. So gesehen ist es nachvollziehbar, dass die Konzeptionen seiner Nachfolger wie Fichte, Schelling und Hegel, aber auch von Habermas als Unternehmungen zu verstehen sind, dieses widersprüchliche Verhältnis von Natur- und Freiheitsphilosophie grundsätzlicher, besser und durchsichtiger zu fassen. Das von Kant hinterlassene ‚Stückwerk’ aus theoretischem Verstand, praktischer Vernunft und reflektierender Urteilskraft sollte zu einem kohärenten philosophischen System zusammengefügt werden, von dem Hegels Fassung von ‚Einheit und Unterschied’ als Methode der Dialektik die eventuell gelungenste, sicher aber folgenreichste Unternehmung war.

Haben nun Hegel, Habermas und viele andere Kant missverstanden, wenn sie es unternommen haben, was Schindlbeck ihnen vorhält, das Übersinnliche zu versinnlichen bzw. das zeitlos Ethische banalisierend zu verzeitlichen? In Hegels sozialphilosophisch zentralem Begriff der Sittlichkeit wie auch in Habermas’ Konzept der „kommunikativen Vernunft“ sind ausdrücklich das ethische Sollen praktischer Vernunft mit dem kontingenten Sein einer gelebten Erfahrungswelt verbunden. Sie gehen beide davon aus, dass in der geschichtlichen Wirklichkeit die Vernunft waltet. Bei Hegel ist dies die Geschichte als „Fortschritt zur Freiheit“; in Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns ist es die Verständigung als Telos der Sprachgemeinschaften. Sie können bei dieser Verknüpfung der geschichtlichen Wirklichkeit mit dem Ethischen jedoch problemlos an denjenigen Kant anknüpfen, der diese Verbindung, wie oben zitiert, aus praktischen Gründen ausdrücklich gefordert hat.

Der Vorwurf des Missverständnisses, den Schindlbeck gegen Habermas und auch Hegel erhebt, trägt also nur dann, wenn man nicht den ganzen, sondern nur den halben Kant vor Augen hat; denn dieser hat in der Tat klar zwischen dem Reich der Freiheit des Willens und dem Reich der Naturnotwendigkeit unterschieden. Aber der ganze Kant hat seine Bemühungen zugleich darauf gerichtet, diese strikte Trennung im Begriff der Zweckmäßigkeit der Natur oder ihres inhärenten Telos zu überwinden. Hegel und Habermas haben, so das Fazit, Kants Philosophie nicht einfach missverstanden; sie haben es unternommen – wie andere auch – Kants ‚unfertiges System’ auf je ihre Weise besser oder zeitgemäßer zu machen. Ob ihnen das gelungen ist, steht freilich auf einem anderen Blatt.

  1. Vgl. zu diesem Schlussstein der Kantischen Philosophie: Alexander von Pechmann, Autonomie und Autorität. Studien zur Genese des europäischen Denkens, Freiburg/München 2008, 684-700. ↩︎

Kim Lan Thai Thi – „Warum ging Bodhidharma gen Osten?“


Kim Lan Thai Thi (geb. in Hué, Vietnam) promovierte 1976 in Philosophie an der LMU München und lehrte dort bis zu ihrer Rückkehr nach Hué 2007 als Privatdozentin für vergleichende Philosophie. Sie gewann 1980 den Universitätspreis für nicht-deutschsprachige Autoren und veröffentlichte mehrere deutsch-vietnamesische Sammelbände.

Kim Lan Thai Thi

„Warum ging Bodhidharma gen Osten?“

Ein Koan zur Lehrbiografie

Wenn ich die Augen schließe und versuche, einen Moment an den Ursprung meines Geisteslebens zurückzudenken, sehe ich mich zunächst als Kind im Schoß meiner Großmutter schlummern – es war kein dogmatischer Schlummer nach kantischer Art, sondern ein sinnlich angenehmerer –, ihrer singend rezitierenden Stimme zuhörend: „Nhan chi so tinh ban thien, tinh tuong can tap tuong vien“. Es war der erste Satz im Buch der Lehre von Konfuzius. Er besagt, daß die menschliche Natur im Ursprung gut ist, daß diese gute Natur jedem innewohnt, und erst die Erfahrung den Menschen von ihr entfernt!

Natürlich habe ich in jenen Stunden nichts davon verstanden. Mir ist nur für immer die sanfte Stimme der gutmütigen alten Dame von der königlichen Familie Vietnams aus der Kaiserstadt Hue im Herzen zurückgeblieben. Das Wort „Thien“ – GUT – klang wohltuend wie der direkt in mein Ohr dringende warme Herzschlag der lieben Frau. Es war gut und beruhigend wie jener tiefer Gongklang aus der Pagode nahe unserem Haus, der jeden Abend das Rezitieren des Meta-sutras – des Sutras des Mitgefühls – meiner Mutter vor dem Einschlafen begleitete. Rezitierte buddhistische Sutren und das gesungene konfuzianistische Lehrbuch liegen meinem Herzen-geist (Tam) zugrunde, ohne daß ich zunächst davon begrifflich etwas verstanden hatte. Doch Jahre später stellte ich mit angenehmem Erstaunen fest, daß mich meine Großmutter bereits in meiner Kindheit neben vielen Wiegenliedern in die konfuzianische Lehre und meine Mutter in die buddhistische Lehre eingeführt hatten. Beide Frauen waren Witwen, deren Männer als Opfer des vietnamesischen Krieges früh verstorben waren. Sie haben mich aber einerseits nach der Überlieferung des von Menzius traditionell ausgelegten Konfuzianismus sowie andererseits des Amidismus der buddhistischen Mahayana-Richtung sanft in den Schlaf gewiegt. – Die andere Hälfte der Lehre des Konfuzius, die zu Menzius’ Interpretation gegensätzliche Auslegung des Tzuanzu, nach der die menschliche Natur vom Ursprung böse ist, erfuhr ich erst später am Gymnasium im Unterricht der traditionellen chinesisch-vietnamesischen Geistesgeschichte, aber auch in der politisch-philosophischen Debatte im gesellschaftlichen Leben einer Vietnamesin, deren Land das gleiche Schicksal des ehemaligen Deutschlands erfuhr, geteilt in zwei von gegensätzlichen Ideologien beherrschten Hälften: einer sozialistischen und einer kapitalistischen.

Ich bin also in einem Land geboren, dessen Geschichte von verschiedensten kulturellen Strömungen getragen ist: aufgrund der 1000 Jahre langen chinesischen Herrschaft wurde das geistige Leben der Vietnamesen bis zum 9. Jhdt. durch den Konfuzianismus und den Taoismus bestimmt; und gleichzeitig beeinflusste der Buddhismus die vietnamesische Lebensanschauung mit der Lehre von der Befreiung vom Leiden, sprich: vom Leiden eines unterdrückten Volkes. Während der tausendjährigen Unabhängigkeit wurde so trotz Fremdherrschaft das ungebrochene Nationalbewußtsein immer wieder hergestellt. Danach wurde während der fast 100 Jahre langen französischen Kolonialherrschaft (von 1884 bis 1954) der Einfluß der westlichen Zivilisation unvermeidbar; aber gleichzeitig prägte der ununterbrochene nationale Befreiungskampf im vietnamesischen Geist jene Sehnsucht nach Selbständigkeit und Behauptung der kulturellen Unabhängigkeit. Mit der Teilung Vietnams (1954) in das kommunistisch-demokratische Nordvietnam und das republikanische Südvietnam entbrannte dann während eines halben Jahrhunderts die Auseinandersetzung zwischen dem Marxismus, der geistigen Grundlage des Aufbaus und des Kampfs gegen den amerikanische Imperialismus, und dem von den sog. neo-kolonialistischen amerikanischen Mächten unterstützten Kapitalismus. Zu den „Opfern“ dieses Konfliktes kann man die vietnamesische Tradition des Geistes zählen.

Ich bin also in einer der bewegtesten Perioden der Geschichte meines Landes herangewachsen: in den 40er Jahren erklärte Ho Chi Minh die Unabhängigkeit Vietnams von der französischen Kolonialherrschaft, die erst 1954 mit dem Sieg von Dien Bien Phu auf der Konferenz in Genf anerkannt wurde. 1954 mußte der König Bao Dai unter dem Druck der Amerikaner und Franzosen abdanken, und sein eigener – zunächst auch von den Amerikanern aufgestellter – Ministerpräsident Ngo Dinh Diem übernahm die Rolle des Staatsoberhaupts von Südvietnam. Die ideologische Auseinandersetzung zwischen Nord und Süd nahm deutlich eine kriegerische Gestalt an.

Ich bin aber auch in einer Stadt geboren, die hundert Jahre lang das feudale Zentrum des traditionellen, kulturellen und geistigen Lebens darstellte: die Kaiserstadt Hue in Zentralvietnam, deren Lebensstil zum Teil mein Denken beeinflußte. An einem solchen Ort war es nicht ungewöhnlich, neben dem politischen Trubel die Frage nach der menschlichen Natur zu erörtern oder zu besingen, wie meine Großmutter es getan hat; denn das Streben der Menschen in dieser Stadt war, allen wirtschaftlichen und politisch-gesellschaftlichen Schwierigkeiten zum Trotz, auf das Ideal als Lebensziel gerichtet, sich nach dem Vorbild des Konfuzius zum Philosophen ausbilden zu lassen. „Philosoph“ ist hier jedoch eher als „der Weise“ nach asiatischer Vorstellung, nicht aber als rein intellektueller Denker zu verstehen.

Als Kind einer traditionell buddhistisch-konfuzianischen Großfamilie kaiserlicher Abstammung sah ich mich an dieser Lerntradition orientiert. Zunächst aber erlebte ich Enttäuschungen angesichts der Unterentwicklung des Landes. Unsere Zuflucht in den alten Lehren zu suchen, lehnten wir junge Menschen ab. Es bot sich an, sich mit dem Marxismus und anderen westlichen Denkrichtungen auseinanderzusetzen. Die Begegnung mit der westlichen Kultur geschah bereits in der Schule, wo wir unsere Fächer nach französischem Erziehungsmuster auswählen und uns zum Abitur vorbereiteten mussten. Ich kann heute keine Erklärung für meine eigenartige Entscheidung geben, erst Mathematik und dann Philosophie gewählt zu haben. Ich war die einzige Frau meiner Klasse, die sich für das Studium der Philosophie – so unpraktisch und unökonomisch – entschied. Aber ich weiß, daß mich in dieser Zeit die Konfrontation mit der westlichen Philosophie sehr bewegte. Sie überzeugte mich zunächst mit Descartes’ Denkweise, „klar und deutlich“ zu denken; und besonders die Methode der Analyse und das systematische Denken schienen mir den richtigen Weg zur Wahrheit zu zeigen. Damals artikulierte sich die Sehnsucht nach einer totalen und endgültigen Lösung auf allen Gebieten des Lebens meiner Heimat: individuell-existentiell, sozial und politisch; der Durst und der Hunger nach einem vollkommenen Wissen, das allein die Philosophie in ihrer klassischen Bedeutung zu befriedigen vermochte. Es war eine durch und durch berechtigte Hoffnung, die ich während des Philosophiestudiums an der philosophischen Fakultät der Universität Hue hegte und pflegte. Der Lerneifer war wie selbstverständlich. Die Erwerbung einer Licence en Lettre in Philosophie umfaßte die verschiedensten Gebiete der westlichen Philosophie: Metaphysik, Logik, Ethik, Staatsphilosophie, Soziologie, Psychologie, Psychopathologie und Geschichte der Philosophie; während die östliche Philosophie stiefmütterlich und fast wie eine Nebensache behandelt wurde. Der Einfluß der westlichen geistigen Strömungen von der griechischen Philosophie über Descartes, Kant, Hegel, Marx bis zum französischen Positivismus und Heideggers Existentialismus war gewaltig. Die Auffassung, es gebe nur EINE Philosophie, nämlich die westliche Philosophie, klang aus dem Mund der in Frankreich ausgebildeten vietnamesischen Professoren wie ein blindes Dogma der Kirche.

Zu dieser Zeit wäre ich sogar bereit gewesen, meine eigene kulturelle Identität zu verleugnen, wenn mich nicht 1963 das politische Engagement in einer studentischen Bewegung, die sich gegen die Diskriminierung des buddhistischen Glaubens der Südvietnamesen durch das Diem-Regime zugunsten des Katholizismus richtete, zu meinem eigenen Ursprung zurückgeholt hätte. Ich war damals Gründungsmitglied des Studentenvereins des Buddhistischen Sanghas in Hue, als das Verbot verkündet wurde, dass Buddhisten zu Buddhas Geburtstag ihre Flagge nicht mehr vor dem Haus als Zeichen der Begrüßung der Geburt von Gautama Buddha zeigen durften. Dieser gewaltlose Hungerstreik für die Gleichberechtigung der 85% Buddhisten der südvietnamesischen Bevölkerung kostete mich zwar drei Monate Haft ohne Gerichtsurteil; er brachte mir jedoch ungewöhnlich viele Einsichten in die buddhistische Lehre, die ich bis dahin nur der Familientradition gemäß ausübte, ohne in der Gewaltlosigkeit (ahimsa) und im Mitgefühl (meta) für den Mitmenschen die buddhistischen Tugenden zu erkennen. Diese Zeit des Engagements gab mir die wundervolle Gelegenheit, das Wesen des vietnamesischen Buddhismus in seiner wahrhaftigen Lebendigkeit zu erfassen, in der das ethische Handeln nicht vom theoretischen Wissen zu trennen ist, sie vielmehr die Ganzheit des Seins ausmachen. Zum ersten Mal wurde ich mir zu dieser Zeit der Verblendung des Einflusses der westlichen Philosophie bewußt; und ich ahnte, eine Reise zur Rückkehr nach innen anzutreten, die auch als eine „Reise nach Osten“ zu verstehen ist. Ich widmete mich bei bekannten Mönchen im Land dem Studium des Buddhismus.

Diese „Reise nach Osten“ wurde nach dem Absolvieren der Licence en Lettre in Philosophie und einem sich anschließenden Jahr der Lehrtätigkeit für Philosophie am Gymnasium mit einer anderen verkoppelt und begleitet, nämlich mit der „Reise nach Westen“: 1965 bekam ich vom DAAD ein Stipendium für das Studium in Deutschland. Das Merkwürdigste dieser Studienreise verdient hier vor allem Erwähnung: gerade am Standort Deutschland nahm ich Abschied von der westlichen Verblendung, von Griechenland, vom dogmatischen Marxismus und von Hegel – Hegel, der die chinesische Philosophie als „Kindheit der Philosophie“ betrachtet hatte. Ich begann mit Hegel – um mit Hegels Hochmut über die chinesische Philosophie zu sprechen – Hegel zu vergessen! Nichts wie raus aus dem Nebel des dogmatischen Schlummers, des Mißverständnisses der Philosophie von Ost und West!

„Der dicke Nebel im Gebirge Lo Son und die hohen Wogen auf dem Fluß Triet Giang!

Nicht dorthin reisen zu können machte mich unendlich krank

Nun bin ich dort angekommen und entdecke nichts Besonderes außer

Dem dicken Nebel in Lo Son und den hohen Wogen von Triet Giang!“

So heißt es in den berühmten Versen von To Dong Pha, einem Zen-Dichter der Tangzeit.

Doch für mich war es das höchste Glück, an den deutschen Quellen, befreit von allen Vorurteilen, die größten deutschen Philosophen untersuchen zu können. Dabei konnte ich nach und nach den Wesensunterschied zwischen westlichem und östlichem Denken entdecken, der gerade in den philosophischen Schlüsselbegriffen besteht. Denn die Asiaten legen keinen Wert darauf, ein System der Ontologie festzulegen. Eine ontologische Begründung dient ihnen nur dazu, das ethische Handeln zur Wirksamkeit zu bringen, d.h. zu realisieren. Allein aus diesem Grund ist die ontologische Begründung von funktionaler Bedeutung, und zwar derart, dass sie sich ins Nichtsein der Dinge erschöpft, d.h. aus der aktiven Teilnahme am Werdeprozeß der Dinge zur Ganzheit der Wirklichkeit. Im westlichen Denken aber wird das Sein in Sein und Nichts gespaltet, und so das Nichts zur Tragödie verdammt. Im chinesischen Denken aber besteht kein Sein; und daher auch nicht das fatale Nichts eines Nihilismus.

Das Tao, der „Weg“, ist als Grundlage des Werdens nicht zu trennen vom „Te“, der ethischen Realisierung. In diesem ethischen Handeln besteht kein: „es soll …“ als Grundsatz. „Te“ ist vielmehr als die Verwirklichung des Taos, als dessen andere Seite, zu sehen. Beide bilden eine dynamische Einheit, so daß aus dem „In-Bewegungsetzen“ des Tao das ethische Handeln sich vollzieht und umgekehrt; gerade in dieser ethischen Realisierung zeigt sich das Tao im Licht. Die Morallehre des „Te“ verdient daher eine Erklärung, gehört zur Sprache, zum Lernen. Das Tao zu realisieren, ist am besten im Schweigen. Beide, Tao und Te, liegen der Natur des Menschen zugrunde, sind Weg und Tun eines Menschen, der Inbegriff von Menschlichkeit und Sittlichkeit.

Daher sollen wir beim Begriff „Mensch“ nicht dem des „Individuums“ verfallen, der ja der Grund der Schwierigkeit ist, das Obengesagte über Tao zu verstehen. So bedeutet das chinesische Schriftzeichen „yen“ sowohl „Mensch“ als auch „zwei“ oder „Mensch und Mitmensch“; „Ich und Du“ sind nach der buddhistischen Auffassung eins. Im Denken des Konfuzius besteht keine Unterscheidung zwischen dem „ästhetisch Unverbindlichen“ und dem „ethisch Verbindlichen“, oder, um mit Jaspers zu sprechen, „dem Schönen und dem Guten“. Das Schöne ist nicht schön, ohne gut zu sein; und das Gute ist nicht gut, ohne schön zu sein. Musik und Ritus fordern die Entfaltung der Natur des Menschen. Und das Wissen um die Einheit von Tao und Te bedeutet das Wissen der Ganzheit des Seins.

Dieses Wissen kann nicht als begriffliches Wissen betrachtet werden, sondern als eine Art von „pris de conscience“, vom Bewußtsein des Ganzen. Es ist verschieden von der westlichen Philosophie, die mit Nachdruck das Bewußtsein, nicht aber das Bewußtwerden betont. Im buddhistischen und chinesischen Sinne ist dies Bewußtwerden nicht ontologisch zu verstehen, so als werde hier ein Objekt oder ein Subjekt wie ein Begriff gebildet. Vielmehr ist das Tao, das ‚Reale’ oder der ‚Grund der Immanenz’, die Bezeichnung für etwas, das mit einer solchen Evidenz bereits vorliegt, daß wir es, obwohl wir es – oder besser –, weil wir es immer vor Augen haben, nicht mehr sehen.

Diese Evidenz verdeutlicht ein Zen-Dialog:

Ein Schüler fragt Meister Chao Chou: „Was ist der Weg?“

Chao Chou: „Er liegt vor deinen Augen.“

Der Schüler fragt: „Was ist der wahre Weg?“

Chao Chou: „der alltägliche.“

In diesem Sinne sagt Wittgenstein: „Möge Gott dem Philosophen die Fähigkeit geben, einzudringen in das, was vor allen Augen liegt.“

Gerade in der Auffassung des Grundes besteht der Unterschied zwischen westlicher und östlicher Philosophie: im gewöhnlichen Sinn wird der Begriff des „Grundes“ wie der Hintergrund eines Bildes oder wie das Kapital als Reserve benutzt. Wie aber kann man dieses Reale unter dem Begrifflich-Monumentalen der künstlichen Zusammenstellungen westlicher Philosophie erfassen? Entrinnt damit der Philosophie nicht etwas Wesentliches; und ist der Plan der Immanenz mit Deleuze nicht doch stillschweigend als die Idee des Chaos verstehen, wie er dies in „Qu’est ce que la Philosophie“ beschreibt? Im chinesischen Denken heißt Tao der Weg, der nicht zur Wahrheit führt, sondern den wir passieren; er ist der Weg der Vitalität, der Lebensfähigkeit und der Fahrbarkeit: der Philosoph konzipiert; aber der Weise überquert!

Im buddhistischen und chinesischen Denken ist der Weise derjenigen, der sich in der richtigen Mitte befindet; einem Standort der Immanenz, wo alle Möglichkeiten, auch die extremsten, offen sind, wo keine Position festgelegt wird, sondern sich der Wechsel, der Widerspruch vom einen Pol zum anderen, ohne Behinderung vollziehen kann. Der Weise ist offen für jedes „so sein“ und „also“. Nach taoistischer Auffassung ergreift der Weise das Tao in der Art, wie es kommt, erscheint, passiert, in seinem „Von sich selbst so sein“; also beliebig und je nach dem, wie ein hervorgebrachter Klang. Es wird nicht mehr gesucht zu wissen, indem wir dauernd die Objekte zu determinieren versuchen, sondern sich spontan bewußt zu werden – des Grundes der Immanenz, der das Denken mit dem Sein verbindet.

Diese Erstarrung ist auch der Grund meines Nachdenkens über meine jetzige Lehrtätigkeit an der Münchner Universität: wie kann ich den Studenten die Vitalität der Philosophie von Ost und West vermitteln; es ihnen ermöglichen, das Vermögen der Heilung durch vollkommenes Wissen zu erschließen und nicht in der Krankheit der konzeptuellen Erstarrung zu verharren? Einige bescheidene Schritte habe ich im Lauf der Lehrjahre gemacht – von manchen Kollegen als nicht zur Philosophie gehörend getadelt. Aber die fünf Minuten „ruhig zu sitzen und auf das Atmen zu achten“ vor dem Beginn der Diskussion und die Wochenenden mit Meditation und Begegnung im Gespräch wurden von den Studenten immer auf- und angenommen als zu den fruchtbarsten Momente ihres Philosophiestudiums gehörend.

Die Weisheit muß passierbar sein. Die Liebe zur Weisheit und Wahrheit sollte mehr denn je entfaltet werden, besonders in dieser Zeit, in der Macht und Hass wie noch nie mit erschreckendem Geschrei die Welt beherrschen.

Saito – Am Ende des Fortschritts

Kohei Saito

Am Ende des Fortschritts

Überleben in den Ruinen des Kapitalismus

geb, 368 Seiten, 26,– €

München 2026 (dtv)

von Percy Turtur

Confusion will be my epitaph,

As I crawl a cracked and broken path

If we make it we can all sit back and laugh,

But I fear tomorrow I‘ll be crying.

Diese letzten Liedzeilen von King Crimson aus „Epitaph“ von 1968 sind heute aktueller, als sie es damals waren. Damals war es in erster Linie der Kalte Krieg mit atomarem Overkill; doch die Ökologie war damals auch schon ein Thema. Seither haben wir eine Chance bekommen und sie nahezu verspielt. In diesem Sinn kann man das aktuelle Buch von Kohei Saito lesen. Er beschönigt nichts an unserer gegenwärtigen globalen Situation, die auf eine nahezu biblische Apokalypse zuläuft, wie er schonungslos deutlich macht. Und es sind gerade die hypertrophen Utopien der Techno-Giganten, die als Brandbeschleuniger umso schneller in die Katastrophe führen.

Die Zukunft heißt Faschismus! Mit dieser steilen, aber nicht unbegründbaren These startet Saito in seine Dystopie. IT-Milliardäre wie Elon Musk wollen uns eine strahlende Zukunft verkaufen, in der es keinen Mangel mehr gibt – außer an begrenzten Luxusgütern, zu denen, wie Saito in Anlehnung an Sam Altman (CEO von OpenAI) sarkastisch anmerkt, auch bald „Land, Wasser, Nahrung und Energie“ (8) gehören werden. Mithin also lebensnotwendige Resourcen, die „buchstäblich zu einer Frage über Leben und Tod werden“. Diese begrenzten Resourcen werden von den Superreichen monopolisiert, so die These. Saitos Programm ist, mit Marx sowohl gegen den „Faschismus der auserwählten Eliten“ wie auch gegen den Neoliberalismus etwa von Friedrich August Hayek (1899-1992) anzutreten und „eine Pforte in die Zukunft zu öffnen, die dem Faschismus keinen Fußbreit zugesteht“ (10).

Doch zunächst erfolgt eine Bestandsaufnahme: Mit dem sich abzeichnenden Klimakollaps hat die Menschheit „das Tor zur Hölle geöffnet“. Wie nicht als Erste:r Saito zeigt, ist dieser Klimakollaps ein sich selbst verstärkender Prozess – je wärmer es wird, desto mehr Kohlendioxid und Methan werden zusätzlich zu den menschengemachten Emissionen aus natürlichen Speichern freigesetzt und heizen den Prozess der Erderhitzung weiter an. Nicht, dass das nicht alle halbwegs kompetenten klimatologischen Spatzen seit mittlerweile Jahrzehnten von allen Dächern pfeifen würden, aber: Was wahr ist, kann nicht oft genug gesagt werden! Und Saito sagt es in schmerzhafter Deutlichkeit.

Zuerst beschreibt er jedoch die dystopische Entwicklung hin zu einer Gesellschaft, in der eine Handvoll Menschen unfassbaren Reichtum anhäuft und die Menschheit in einer klimabedingt lebensbedrohlichen Mangelwirtschaft überleben muss. Sein Grundkurs zum Marxschen „Kapital“, erweitert um die neuen Formen des Technokapitalismus, ist kompetent und lehrreich. Die vorhersehbare Entwicklung führe zu mehr und mehr Ressourcenverschwendung und letzten Endes zum Ende der kapitalistischen Wirtschaft in ihrer heutigen Form. Die akuten Folgen lassen sich den alltäglichen Nachrichten und den Dokumentationen besorgter Ökologen leider nur allzu deutlich entnehmen, sofern sie nicht ohnehin am eigenen Leib, Leben und Geldbeutel gespürt werden. Krieg schließlich ist die denkbar schlimmste Ressourcenverschwendung. Das Bild, das Saito hier in Anschluss an Marx malt, ist nur allzu düster.

Saito geht davon aus, dass die Tech-Milliardäre sich längst auf die massiven Verschlechterungen der Lebensbedingungen eingestellt haben und lediglich am eigenen möglichst komfortablen Überleben arbeiten: „Eine universelle Fortschrittsidee für die Menschheit haben sie aufgegeben, bereiten sich auf das ‚Ende der Welt‘ vor und konzipieren eine Zukunft, die allein für eine auserwählte Elite bestimmt ist“ (80). Wenn man, wie der Rezensent, US-amerikanische Dystopien aus den 70ern kennt, weiß man, dass es damals bereits Konzepte gab, wie der Weltuntergang (der in verschiedenen Szenarien ausgemalt wurde) in stark bewachten Festungen, die Superreiche nebst Anhang und willfährigen Geistern aufnehmen sollten, möglichst komfortabel zu überstehen und nicht bloß zu überleben wäre. Je nach politischer Einstellung der Autoren entwickeln sich diese Untergangsszenarien unterschiedlich, meist scheitern sie. Eine neuere Dystopie dieser Art ist der Film „2012“ von Roland Emmerich, wo Reiche und Superreiche auf Archen eine Überschwemmung der Erde überstehen wollen. Letztlich endet dieser Film in einer falschen Versöhnung der Reichen und der weniger Privilegierten – einem gestohlenen und unglaubwürdigen Happy-End.

So gelangen wir zu der mehr oder weniger utopischen Alternative, für die Saito in seinem Buch wirbt:

Zunächst präzisiert er den Unterschied zwischen Kommunismus und Sozialismus: Während in Ersterem sich idealerweise das Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsumtion in einer egalitären Kultur zwangsfrei und ohne zentrale Planung einpendelt, bedeutet Sozialismus zentrale und – im besten Falle – demokratische Planung der Produktion anhand der tatsächlichen Bedürfnisse aller Menschen. Damit wird die ressourcenverschlingende Fehl- und Überproduktion der anarchischen Produktionsprozesse im Kapitalismus vermieden und so eine der Hauptquellen der Umweltzerstörung aus der Welt geschafft. Und die Produktion kann so geplant werden, dass sie einem zentralen Bedürfnis der Menschen, in einer ökologisch intakten Umwelt zu leben, Rechnung trägt, ohne zu übermäßigem Verzicht an Lebensqualität zu führen.

Damit begibt sich Saito in unmittelbare Gegnerschaft zu Hayek, der Planwirtschaft generell als absolutistisch ablehnt und das lauthals und leider mit einigem Erfolg verkündet hat. Er räumt ein, dass Hayeks Kritik an einer Planwirtschaft sowjetrussischer Art, wie sie im Osten der Normalfall war, nicht unberechtigt war. Er stellt sich aber die Frage, ob das die einzige Möglichkeit einer Planwirtschaft darstellt, so dass es keine planwirtschaftlichen Alternativen gibt. Was den Kapitalismus allgemein, aber besonders in seiner neoliberalen Spielart angeht, so stützt sich Saitos Kritik auf Marx und das ‚Kapital‘, um zu zeigen, dass dieser auch keine längerfristige Lösung der Menschheitsprobleme sein kann. Die „Falle“, in die Hayek uns geschickt hat, liegt nach Saito darin, dass er nur die Alternative: Planwirtschaft sowjetischer Prägung – unkontrollierte und unkontrollierbare Marktwirtschaft aufmacht. Da Erstere gescheitert ist, bleibt nach Hayek nur der Kapitalismus in seiner wildwüchsigen Ausprägung übrig.

Dagegen argumentiert Saito und für eine „Wirtschaftsdebatte 2.0“ (153). Gegen von Hayeks Behauptung, dass gesamtwirtschaftliche Planung schon theoretisch unmöglich sei, setzt er die neuen Technologien: Mit heutigen Supercomputern und den vorhandenen Daten über Ressourcen auf der einen Seite und den Bedürfnissen der Menschen auf der anderen Seite, so Saito, sei eine umfassende Planwirtschaft möglich, „die ohne Verschwendung produzierte“ (155). Auch die Art der Datenerfassung habe sich inzwischen revolutioniert, so dass das gesamtgesellschaftliche Wissen in einer Weise erfassbar sei, die früher undenkbar war. Das ermögliche eine Wirtschaftsplanung – für Hayek noch unvorstellbar – der Produktion ebenso wie der Nachfrage. Damit sei auch Geld als einziges Kriterium nach neueren Entwicklungen obsolet und ineffizient für die Planung der Wirtschaft. Der Preis sei nicht mehr allein die adäquate Lösung für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage, da er eine Vielfalt von Marktinformationen auf nur eine einzige Zahl für jedes Produkt bündele. Dazu sei das Preisgefüge ein viel zu träger Mechanismus, da Unternehmen erst im Nachhinein auf mangelnde Nachfrage reagieren können. Statt lediglich durch Veränderung des Preises auf veränderte Produktions- und Nachfragesituationen zu reagieren, könne mit moderner, flexibler und demokratischer Planung präventiv agiert werden, im Gegensatz zu der starren, bürokratischen Planung im untergegangenen „real existierenden Sozialismus“.

Saito dreht also Hayeks Argument für den Markt um, dass diesem eine spontane Ordnung innewohne, die einer Planung entgegenstünde: Der Markt sei eine „künstliche Ordnung, die durch nicht marktliche Institutionen geschützt und getragen wird“ (188). Ohne staatliche Ordnung, die dem Markt einerseits die notwendigen Fundamente liefert (etwa Geld und eine Eigentumsordung) und ihn andererseits lenkt und einhegt, sei eine Marktwirtschaft nicht möglich. Und in Krisensituationen bedürfe es starker staatlicher Intervention; so wäre die Corona-Krise anders nicht zu bewältigen gewesen (der Markt hat, wie sich hinterher gezeigt hat, eher für zusätzliche ökonomische Probleme in der Pandemie gesorgt; Anm. des Rez.). Und auch bei der umfassenden Klimakrise werde ‚der Markt‘ keines der damit verbundenen Probleme ‚von selber‘ lösen, geschweige denn das gesamtgesellschaftliche Problem.

Die ‚erste Phase‘ der Klimakrise, wie er sie diagnostiziert, sei vorbei und die damit verbundene Chance vertan, durch Aufgabe der Wachstumsideologie den Klimawandel zu stoppen oder wenigstens spürbar zu verlangsamen. In der zu erwartenden „permanenten Mangelwirtschaft“ der zweiten Phase, so Saito, werde man dennoch weiter auf ‚Degrowth‘ oder ‚Negativwachstum‘ setzen müssen. Er setzt auf das Korrektiv von „starke[r] Autonomie und Selbstorganisation von unten“ (190), um gegen das Kapital staatliche Maßnahmen durchführen zu können. Es müsse eine Art „Kriegswirtschaftssystem“ etabliert werden, um unter Wahrung der Demokratie gegen die Zerstörung der Umwelt vorgehen zu können. Er nimmt sich dabei die britische Kriegswirtschaft während des Zweiten Weltkriegs zum Vorbild, die dazu diente, einerseits die Ressourcen zur Verteidigung bereitzustellen, andererseits der Bevölkerung ihre grundlegende Versorgung zu garantieren. Als neuen „Feind“, meint Sato polemisch, haben die großen Ölkonzerne als CO2-Schleudern Hitler abgelöst. Sollte man am Kapitalismus und damit am Wirtschaftswachstum festhalten, würde das zwangsweise in einen regelrechte Teufelskreis führen.

Im Kapitel mit dem provokanten Titel „Der späte Marx und die Diktatur des Proletariats“ (205) setzt Saito der „kapitalistischen grünen Kriegswirtschaft“ einiger Ökonomen eine „sozialistische grüne Kriegswirtschaft“ entgegen. Dabei denkt er an „eine neue Form der Diktatur“. Bei Marx ist dabei für eine Übergangszeit an eine Herrschaft der Armen anstelle einer Herrschaft der Superreichen gedacht. Saito möchte so den scheinbaren Widerspruch auflösen, der zwischen Marx’ Eintreten für eine demokratische Gesellschaft und seiner Vorstellung einer „Diktatur des Proletariats“ besteht. Der Wandel des Diktaturbegriffs gehe vom altrömischen Begriff einer Diktatur zur kurzfristigen Beilegung einer Krise und Rückkehr zur alten Ordnung über den Begriff in der Französischen Revolution zur „Befreiung des Volkes“ mittels einer elitären Minderheit über mehrere Jahre zum Marx’schen Begriff der Diktatur über, in dem die ganze Arbeiterklasse die Rolle des revolutionären Subjekts einnimmt, mit einer Übergangszeit von etwa einer Generation. „In ihrer Substanz ist sie außerordentlich demokratisch und antiautoritär“. In der Pariser Kommune von 1871 beispielsweise konnten sehr schnell sehr weitgehende soziale Reformen und eine demokratische Volksvertretung durchgesetzt werden, bevor sie mit militärischer Gewalt zerschlagen wurde. Deshalb sei sie als „reichhaltige Inspirationsquelle“ (221) auch heute noch ein Vorbild.

Saito plädiert für eine vierte Form von ‚Diktatur‘: „Die Diktatur der Ökologie“ (DdÖ), um die Leidtragenden vor den Folgen der unvermeidlichen Umweltkrise zu schützen (232). Statt eines Technofaschismus, der lediglich einer Elite das Überleben ermöglicht, müsse eine „auf Gleichheit ausgerichtete ökonomische Ordnung“ (233) errichtet werden. Für eine Übergangsperiode solle, wie bei früheren Diktaturen, eine DdÖ die Herrschaft übernehmen. Basisdemokratie und sozialistische Diktatur von oben greifen dabei ineinander. Saito denkt dabei langfristig: Bis 2050 sieht er wenig Chancen für den überlebensnotwendigen Umbau der Gesellschaft, der seiner Ansicht nach bis 2080 durchgeführt sein muss, damit eine Bewältigung der ökologischen Krise noch möglich ist. (Mir scheinen beide Vorstellungen optimistisch: Dass es bis 2050 eine ausreichend starke Volksbewegung gegen den Kapitalismus geben wird, ebenso, dass sich 2080 der endgültige Klimakollaps, wie auch immer er aussehen mag, noch verhindern lässt. Ich meine, die Realität ist noch härter als Saito sie ausmalt, A.d.R.).

Schon in der Pariser Kommune wurden fünf Maßnahmen umgesetzt, die Saito für zentral zur Errichtung einer DdÖ hält:

Arbeit und Industrie müssen demokratisiert werden, um eine wirksame Dekorbonisierung der Produktion zu ermöglichen. Die Machtverhältnisse in der Industrie müssen dafür ‚dekonstruiert‘ (239) und umgekehrt werden. In einzelnen Fällen ist es schon gelungen, so Saito, lebenswichtige Versorgungsstrukturen wieder aus privater Hand in kommunale Kontrolle zurückzuführen. Aus profitbestimmter Arbeit muss die Arbeit in die Erhaltung der Lebensbedingungen umgewandelt werden.

Als zweiter Punkt müssen Bürgerrechte gestärkt werden, und zwar nicht exklusiv, regional beschränkt, sondern für alle Bürger:innen dieses Planeten, wo auch immer sie leben und arbeiten, um durch gemeinschaftliches Handeln zu Synergien zu kommen (248).

Drittens müssen in der DdÖ im Interesse des Umbaus der Ökonomie Ressourcen requiriert und Arbeitskräfte für eine „grüne universelle Armee“ einberufen werden (250). Die Bürger:innen können für eine bestimmte Zeit dazu verpflichtet werden, „sich … an Aktivitäten zum Schutz der Umwelt zu beteiligen“ (251). Dabei sollen, um diktatorische Zwangsmaßnahmen zu vermeiden, die Tätigkeit, Ort und Zeit nach individuellen Präferenzen gewählt werden können, wie das im „Ersatzdienst“ zum Wehrdienst mehr oder weniger ähnlich geregelt war.

Viertens müssen „Rationierung und Enteignung“ (254) im Interesse der Allgemeinheit und im Rahmen einer Selbstverwaltung möglich sein, wenn sie notwendig sind. Als Besipiel nennt Saito die Initiative in Berlin, Wohnraum zu enteignen, der zur Spekulation missbraucht wird, auch wenn diese Initiative letztlich gegen den demokratischen Entscheid gescheitert ist. Beispielweise bietet das deutsche Grundgesetz die Möglichkeit einer Enteignung, wenn sie im Interesse der Allgemeinheit ist. Um die Allgemeinheit zu schützen, sei auch die Enteignung der großen Rechenzentren erforderlich, um die „digitale Souveränität“ (258) der Menschen wiederherzustellen. Auch KI-Grundmodelle müssen Gemeingut werden.

Auch müssen „Verbotsmaßnahmen“ (260) ergriffen werden können, wenn sie zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und zur Dekarbonisierung erforderlich sind. Der Individualverkehr mittels fossiler Brennstoffe (Verbrenner-Autos, Privatflugzeuge) muss stark eingeschränkt werden, bis hin zu deren Abschaffung.

Alle diese Maßnahmen sollen, so die Vorstellung Saitos, im Rahmen einer „radikalen Demokratie“ (262) verwirklicht werden. Bei den vorgenannten einschneidenden Maßnahmen bestehe starker Diskussionsbedarf, der zu einer Stärkung demokratischer Entscheidungsprozesse führen werde. Als Beispiel nennt er die demokratisch gewählte Linksregierung Kolumbiens, die unter Führung von Gustavo Petro die Ölförderung des Landes stark eingeschränkt hat. Saito betont, dass die ökologischen Maßnahmen nicht gegen die Bevölkerung, sondern demokratisch durch Bürgerbewegungen, Wahlen und Streiks zustande kamen.

Die Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft nennt Saito „Dunklen Sozialismus“ (272). Mit dem Beispiel von Ecuador, wo unter Rafael Correa eine „partizipative Planwirtschaft“ errichtet wurde, mithilfe der Arbeiterschaft, der Bauern, der Frauen und der Ureinwohner. Dabei wurden auch weltweit erstmalig die „Rechte der Natur“ anerkannt. Neben Legislative, Exekutive und Judikative gibt es in Ecuador mit dem „Rat für Bürgerbeteiligung und soziale Kontrolle“ (273) eine vierte Macht im Staat. In einem Vierjahresplan soll das „Buen Vivir“ (gutes Leben, schöne Erde) gefördert werden. Dabei soll dezentralisiert geplant werden.

Der Dunkle Sozialismus soll nach Saito auf fünf Säulen (Tabelle, S. 277) ruhen:

Gegen die „institutionalisierte Verschwendung“ des Kapitalismus soll es einen „Wandel hin zu Dekommodifizierung (Verringerung der Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt; A.d.R.) und bedarfsorientierten Wirtschaft“ geben; damit soll die Dynamik unbegrenzter Profitmaximierung im Kapitalismus gestoppt werden. Durch den Übergang zur Bedarfsorientierung sollen auch die Interessen künftiger Generationen, die am demokratischen Prozess noch nicht teilnehmen können, besser berücksichtigt werden.

Gegen den „Despotismus des Kapitals“ soll die Vergesellschaftung der Investitionen wirken. Statt, wie im „real existierenden Sozialismus“, die Investitionen in die Hände von Bürokraten zu legen, sollen sie im demokratischen Prozess verhandelt werden.

Der „Pseudorationalismus“ des Marktmechanismus mit der Reduktion auf den Preis als einziges Kriterium wird durch die „Mehrdimensionalität der Preise“ demokratisiert, der plurale Kriterien wie Umwelt, Ethik und Glück einbezieht.

Der Wettbewerb als „Verschleierungsverfahren“ soll mithilfe der „Nutzung von implizitem Wissen durch partizipative Wirtschaft“ ausgehebelt werden. Statt Konkurrenz wird auf Zusammenarbeit gesetzt.

Der „Riss im Stoffwechsel“ (mit der Natur; A.d.R.) soll durch die Einbeziehung ökologischer Grenzen in die Wirtschaft geschlossen werden. Daten von Weltraumsatelliten, aus dem Boden und gesellschaftliche Daten werden gesammelt und damit die Umweltauswirkungen bestimmter Maßnahmen erfasst, um ein „Umweltrechnungswesen“ (294) zu erstellen.

VonSeiten des Kapitalismus in Gestalt seiner Vertreter ist, darüber ist Saito sich im Klaren, „erbitterter Widerstand“ (301) zu erwarten. Eines der Probleme sind die Fragen der geistigen Eigentumsrechte: Da diese derzeit hauptsächlich im globalen Norden, vor allem in den USA, liegen, erfordert das für viele Länder des Südens hohe Lizenzzahlungen. Der „Faschismus der Eliten“ (303) werde in der Entwicklung hin zur permanenten Mangelwirtschaft wahrscheinlich weiter zunehmen. Dagegen führt er Beispiele wie das ‚Rote Wien‘ von 1918 bis 1935 an, wo sich für eine gewisse Zeit ein auf Commons (Gemeineigentum) basiertes Wirtschaften durchsetzen konnte. Im ‚Roten New York‘ startet der sozialistische Bürgermeister Zohran Mamdani gerade ein Programm für eine solidarischere Stadt. Durch „demokratische Planung [sollen] gemeinsam die Commons“ (310) ausgeweitet werden.

Im Nachwort „Die Apokalypse der Niemande“ (316) beschreibt Saito die derzeitigen gesellschaftlichen Umbrüche als eine Art stiller Revolution von oben. Am Beispiel das Internets zeigt er, wie eine Verbindung von Tech-Milliardären mit der Staatsmacht im Stillen die Kontrolle über das ursprünglich ‚freie‘ Internet übernommen haben. Der „Keil der gesellschaftlichen Spaltung“ (317) wurde damit tiefer geschlagen, Kontrolle und Überwachung im digitalen Raum nehmen überhand, mit dem „Technofaschismus“ als Endergebnis.

Nach Einschätzung von Saito befinden wir uns mitten in Klimakollaps und Katastrophe. In seinem „Dunklen Sozialismus“ soll ein Wandel verwirklicht werden, der ein Überleben der Menschheit ermögliche. Er setzt dabei auf eine „langfristige Leitidee“ (319), um die richtigen Entscheidungen treffen und eine „planwirtschaftlichen Ordnung“ etablieren zu können: „Die Zukunft hängt davon ab, ob wir eine demokratische Planung Realität werden lassen können oder nicht“ (321).

Wie bei allen derartigen utopischen Ausführungen bleibt jedoch die Frage: Wer hängt der Katze die Schelle um? Oder, anders ausgedrückt: Die Menschheit als revolutionäres Subjekt (abzüglich einer Handvoll Multimilliardäre und Politiker, die sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen von je einem kleinen Teil der Erdbevölkerung wählen lassen – oder nicht einmal das) bleibt weit hinter allen Erwartungen zurück, die sich legitimerweise an sie stellen ließen, würde sie (die Menschheit) ihre eigenen (un-)verstandenen Interessen mit etwas Verstand, wenn nicht gar ein wenig Vernunft verfolgen. Kohei Saito jedenfalls hat sich gerettet, insofern er einen vernünftig klingenden Vorschlag zur Rettung der Menschheit an eine vermutlich allzu geringe und machtlose Minderheit gerichtet hat.

… we can turn the world around

we can turn the earth‘s revolution …

People have the power!

Patty Smith 1987

Wenn sie‘s bloß wüssten.


Postscriptum: Dies ist eine Rezension eines sehr ernsthaften Buches über ein sehr ernstes Thema. Darüber soll der flotte, leicht ironische Ton in Teilen der Rezension auf keinen Fall hinwegtäuschen. Wirklich wichtige Probleme lassen sich bloß mit Humor ertragen.

Karl Homann – Philosophie und Ökonomik


Karl Homann (geb.1943) wurde an der Uni Münster 1972 in Philosophie (Dr. phil.) und 1979 in der Volkswirtschaftslehre (Dr. rer. pol.) promoviert. 1985 habilitierte er sich für Philosophie an der Uni Göttingen. Von 1986 bis 1990 hatte er eine Professur für Volkswirtschaftslehre und Philosophie an der Universität Witten/Herdecke und von 1990 bis 1999 für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Universität Eichstätt inne. Er war damit in Deutschland der erste Inhaber eines Lehrstuhls dieser Art.
Von 1999 bis 2008 war er Professor für Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der philosophischen und ethischen Grundlagen der Ökonomie (Wirtschaftsethik) an der LMU München.
Homann ist Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech).

Karl Homann

Philosophie und Ökonomik: Ökonomischer Imperialismus?

I.

Philosophie-Professor in München: Dieses Ziel war mir keineswegs in die Wiege gelegt!

Geboren 1943 als Ältester von insgesamt fünf Geschwistern auf einem kleinen münsterländischen Bauernhof in einem Dorf mit nicht ganz tausend „Seelen“, war mir eigentlich ein ganz anderer Weg vorgezeichnet. Wie nicht selten in diesem Milieu waren es der Pfarrer und der Lehrer, die der Entwicklung des aufgeweckten Jungen eine andere Richtung gaben: Er sollte „studieren“, was nach damaligem örtlichem Sprachgebrauch hieß: aufs Gymnasium gehen. Und natürlich auf das klassische, das heißt: altsprachliche Gymnasium – anderes wurde gar nicht erwogen, mit meinen Eltern wohl nicht und mit mir schon gar nicht. Da der Junge noch etwas „schmächtig“ war, gab man ihm noch ein fünftes Jahr in der Volksschule, und da die Verkehrsverbindungen zum nächsten Gymnasium in Münster zu Anfang der 50er Jahre schlecht waren, kam er 1954 ins Internat.

Anfangs habe ich mich dort durchaus wohl gefühlt: Die Gemeinschaft mit anderen Jungen, die Möglichkeiten, Sport zu treiben, und der Abstand von den täglichen Mühen und Sorgen meiner Eltern und Geschwister in dem Ende der 50er Jahre voll einsetzenden Strukturwandel in der Landwirtschaft haben meiner Entwicklung sicher gut getan. Es handelte sich um ein katholisches Internat, die Mitschüler stammten aus ähnlichem kleinbürgerlichem Milieu. Als mir später, im Alter von 16 Jahren, das Erziehungskonzept zu eng wurde, habe ich bei meinen Eltern, die mir keinen Widerstand entgegen setzten, den Wechsel auf ein öffentliches Gymnasium durchgesetzt.

So besuchte ich die letzten drei Jahre vor dem Abitur das Gymnasium Paulinum in Münster. Es lebte in dem Bewusstsein, bereits von Karl dem Großen gegründet worden zu sein und seitdem ununterbrochen bestanden zu haben. Hier begegnete ich Söhnen von Ärzten, Richtern und Professoren und kam in einer Arbeitsgemeinschaft Philosophie und in Latein und Griechisch erstmals mit der Philosophie in Berührung. Ich las A. Camus, J.-P. Sartre, J. Pieper und dann auch W. Dilthey und Texte zur Geschichtsphilosophie. Wenn im Juli in der Schule schon eine oder zwei Wochen Ferien waren, die Universität aber noch weiter lief, habe ich mich auch einige Male in die Philosophie-Vorlesungen an der Universität Münster geschlichen, um zu sehen, wie es dort zuging.

Doch was wollte man mit der Philosophie anfangen? Diese Frage stellte sich mir damals genau so, wie sie sich heutigen Abiturienten und Studenten stellt.

II.

Im Rückblick muss ich sagen, dass mir die Wahl des Studiums sehr schwer gefallen ist: Ich wusste anfangs gar nicht, was ich studieren sollte. Schließlich fiel die Wahl auf die Fächer Philosophie, katholische Theologie – aus Interesse – und Germanistik – für den Broterwerb; mit der Kombination Germanistik und Philosophie konnte man in den Schuldienst gehen. 1963 schrieb ich mich an der Universität Münster ein, an der ich bis zur ersten Berufung 1986 – von einem Auswärts-Semester 1965 in Tübingen abgesehen – hängen geblieben bin.

In der Philosophie kam ich in die Endphase der Lehrtätigkeit von Joachim Ritter, der damals schon stark mit der Herausgabe des „Historischen Wörterbuchs der Philosophie“ beschäftigt war. Ich habe das letzte Referat in seiner aktiven Zeit gehalten – über Hegels Rechts- und Geschichtsphilosophie natürlich. O. Marquard, K. Gründer und W. Oelmüller waren noch am Seminar; Oelmüller kannte ich bereits vom Gymnasium her.

Die katholische Theologie befand sich unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Vaticanums im Aufbruch. In meinem ersten Semester habe ich die gerade neu berufenen Professoren J. B. Metz und J. Ratzinger gehört. Obwohl ich immer auch die Vorlesungen von Ratzinger besuchte, hielt ich mich später stärker an Metz, der sich mit philosophischer und theologischer Hermeneutik befasste und seine politische Theologie entwickelte.

Als die Kommilitonen 1968/69 auf die Straße gingen, um die Gesellschaft nicht nur zu verändern, sondern total umzukrempeln – und das am liebsten in 14 Tagen und ohne von der Funktionsweise der Gesellschaft allzu viel zu verstehen –, habe ich bewusst eine andere Konsequenz gezogen: Zunächst habe ich 3000 Seiten Hegel und Hegel-Literatur gelesen und mich dann für ein zweites Studium entschieden. Dabei war mir die Soziologie, damals Hoffnungsträgerin der „kritischen“ Wissenschaft, methodisch zu dicht an dem, was ich bisher gemacht hatte, und die Rechtswissenschaft erschien mir zu dogmatisch. Ich suchte eine echte Herausforderung hinsichtlich der Methode, und so fiel die Wahl 1971 schließlich auf die Volkswirtschaftslehre. Auch unter dem Eindruck einer kurzfristigen Tätigkeit in der Leibniz-Forschungsstelle in Münster, in der an der großen Akademie-Ausgabe von Leibniz’ Schriften gearbeitet wurde, wollte ich nicht länger nur die Philosophiegeschichte „von Zeus bis Heuß“, wie ein Freund sich auszudrücken pflegte, interpretieren, sondern gesellschaftspolitisch kompetent mitreden und mitphilosophieren.

In der Ökonomie traf ich in Münster auf Erik Boettcher. Er hatte einen Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpolitik und Genossenschaftswesen. Genossenschaften waren für ihn Wirtschaftsdemokratien; meine Demokratiekonzeption verdankt sich in großen Teilen der Arbeit im Genossenschaftsinstitut. Methodisch war Boettcher K. R. Popper verpflichtet, dessen „Logik der Forschung“ er als Volkswirt 30 Jahre nach dem Erst-Erscheinen wieder herausgebracht hat. Boettcher war Rationalist im besten Sinne und dabei so liberal, dass er meinen Hegel-Neigungen durchaus etwas abgewinnen konnte. Er hatte die Schriftenreihe „Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften“ zusammen mit Hans Albert begründet, die ich heute federführend herausgebe. Hier sind neben den Arbeiten von Popper, Albert und anderen „kritischen Rationalisten“ auch Werke späterr Nobelpreisträger der Ökonomie in Deutsch erschienen, so von Th. Schultz, D.C. North, G.S. Becker und J. M. Buchanan.

III.

Ziel des Ökonomie-Studiums war für mich von Anfang an die konstruktive Integration von Philosophie und Ökonomik. Dass daraus später einmal die „Wirtschaftsethik“ werden sollte, ahnte ich damals nicht; auch halte ich nach wie vor diese Disziplinenbezeichnung nicht für glücklich.

Um die Integration voranzutreiben, musste ich zunächst zum Ökonomen werden: Ich habe mir ca. fünf Jahre lang jedes philosophische Argument zur Lösung wirtschaftspolitischer Fragen verboten, um zu lernen, besser: zu erfahren, wie Ökonomen denken, wie sie ihre Probleme strukturieren, um sie dann methodisch einer Lösung näher zu bringen.

Da ich als Assistent bei Boettcher und später als Professor in Witten-Herdecke und Eichstätt-Ingolstadt, also von 1977-1999, in wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten gearbeitet habe, geriet ich immer mehr in Identitätsprobleme: War ich nun Ökonom oder Philosoph? Gegen Mitte der 90er Jahre habe ich die Formel gefunden: Der Intention nach bin ich Philosoph, der Methode nach Ökonom. Den Hegelianer in mir, der Hegels Kritik an der „Ohnmacht des Sollens“ im Ohr hatte, hat immer gestört, dass die praktische Philosophie sich vielfach in – „gut begründeten“ – Postulaten und Appellen erschöpfte, ohne der Implementationsfrage die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Für den Ökonomen ist demgegenüber klar, dass Moral unter den Bedingungen von Marktwirtschaft und Wettbewerb im Normalbetrieb der Gesellschaft nur dann Bestand haben kann, wenn die Akteure vom moralischen Handeln langfristig individuelle Vorteile erwarten können; dabei versteht die moderne Ökonomik unter „Vorteil“ alles, was die Menschen selbst als Vorteil ansehen, also Einkommen und Vermögen ebenso wie Gesundheit, Muße und ein gelingendes Leben. Zur Zeit arbeite ich an einer Monographie, die den Ertrag des Durchgangs durch die Ökonomik und die „Wirtschaftsethik“ für die praktische Philosophie bzw. Ethik bilanzieren soll.

Noch ein Zweites hat mir der zwischenzeitliche Verzicht auf philosophische Argumente eingebracht: Ich habe – nicht aus Theorien, sondern aus der Erfahrung eigener Arbeit – gelernt, dass Theorien nicht unmittelbar auf „die Wirklichkeit“ referieren, wie ein naiver kritischer Rationalismus meint, sondern auf Probleme. Oft nur marginal verschiedene Problemstellungen ziehen unterschiedliche Theoriegebäude nach sich, ohne dass zwischen ihnen ein Widerspruch bestehen muss. J. Ritter hatte einmal – in einer Nebenbemerkung im Seminar, die für mich wegweisend geworden ist – gesagt, die wichtigste Frage an einen Text sei: Was für ein Problem hat der Autor eigentlich? Um ein Beispiel zu nennen: Wer, verführt durch das Wort „homo“, den Homo oeconomicus für das „Menschenbild“ der Ökonomie hält, hat die Probleme, auf die dieses Konstrukt antwortet, einfach nicht verstanden. Das gilt für Anhänger und Kritiker des Homo oeconomicus in Ökonomik und Philosophie/Theologie gleichermaßen. So bin ich durch eigene Erfahrungen zu einem – gemäßigten – „Konstruktivisten“ geworden und finde ähnlich „konstruktivistische“ Überlegungen auch bei Kant und Hegel, Max Weber und Popper.

IV.

Die Themenschwerpunkte meiner wissenschaftlichen Arbeit und ihre Entwicklung lassen sich an den Monographien illustrieren. Die philosophische Dissertation „F. H. Jacobis Philosophie der Freiheit“ (Freiburg, München 1973) geht auf das Thema Freiheit. Die ökonomische Dissertation „Die Interdependenz von Zielen und Mitteln“ (Tübingen 1980) befasst sich mit der immer wieder neuen Frage nach dem Zusammenspiel positiver und normativer Überlegungen, hier am Beispiel der Wirtschaftspolitik. Die Habilitationsschrift setzt im ersten Begriff diese Überlegungen fort und fokussiert im zweiten auf die politische Variante von Freiheit: Sie trägt den Titel „Rationalität und Demokratie“ (Tübingen 1988). Die – zusammen mit F. Blome-Drees verfasste – „Wirtschafts- und Unternehmensethik“ (Göttingen 1992) ist der neuen Disziplin geschuldet, deren ersten Lehrstuhl in Deutschland an der Universität Eichstätt-Ingolstadt ich 1990 übernahm. Die mit A. Suchanek verfasste „Ökonomik. Eine Einführung“ (Tübingen 2000, 2. Aufl. 2005) versucht, Ökonomen und Nicht-Ökonomen ein Gespür für Problemstellung, Grundbegriffe und grundlegende Zusammenhänge der modernen Ökonomik in weitgehend untechnischer Methode und unter Einschluss der normativen Fragen wie zum Beispiel der Demokratie zu vermitteln. Die geplante Monographie schließlich soll den Ertrag für die philosophische Ethik darlegen.

V.

Ich bin bei meinem Weg durch die zwei Disziplinen allein meinen Interessen gefolgt. Ich habe glücklicherweise immer wieder Förderer gefunden: die Studienstiftung des deutschen Volkes, den Theologen und Freund Ernst Feil, der mir für fast vier Jahre eine Assistentenstelle zur Verfügung stellte und mein Zweitstudium auch auf diese Weise gefördert hat (1971-1975), E. Boettcher, der mich von 1977-1985 als Assistenten hielt, obwohl ich in Philosophie habilitierte, Günter Patzig, der meine externe Habilitation in Göttingen betreut hat, Helmut Hesse, der von Patzig als ökonomischer Zweitbetreuer hinzugezogen wurde, und viele andere mehr. Dennoch war der Weg riskant: Für meine erste Professoren-Stelle musste eine Universität neu gegründet werden, und eine private noch dazu: Witten-Herdecke; für die zweite eine neue Fakultät: die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät Ingolstadt an der Katholischen Universität Eichstätt; und für die Stelle in München musste für die ersten fünf Jahre eine Stiftung her, und selbst dann hat die damalige Hochschulleitung – wohl mangels Interesse von Teilen derselben – bis zur Besetzung noch rund dreieinhalb Jahre gebraucht: Interdisziplinarität ist trotz aller Sonntagsreden im Alltag etablierter Universitäten nur mit größten Schwierigkeiten unterzubringen.

VI.

Wie die zahlreichen Skandalfälle in der Wirtschaft und die vielfältigen öffentlichen Diskurse über Standortverlagerungen von Unternehmen, Entlassungen, Globalisierung und Armut etc. zeigen, haben ethische Fragen der Wirtschaft gegenwärtig Konjunktur. So ist es nicht verwunderlich, dass ich zu Vorträgen und Beratungen eingeladen werde, die über die rein universitäre Tätigkeit hinausgehen. Ich halte dies grundsätzlich für eine Dienstpflicht von Professoren, auch von Philosophie-Professoren, wenn sie die entsprechende Kompetenz haben. Es ist für die Philosophie als akademische Disziplin entscheidend, kompetent an den gesellschaftlichen Diskursen teilzunehmen: Dies ist vielleicht ein Weg, die in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Stellenkürzungsrunden endlich zum Stillstand zu bringen. Ich habe Vorträge in der Wirtschaft gehalten, wobei das Spektrum der Zuhörer von Kolping-Vereinen bis zu Vorständen großer deutscher Unternehmen reicht. Auch zur Politikberatung bin ich hinzugezogen worden, ohne Mitglied in einer Partei zu sein. Ich habe diese Mühen überwiegend aus einem Gefühl der Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft auf mich genommen, die mir diese Karriere ermöglicht hat, und ich freue mich auch über die Erfolge auf diesem Gebiet – doch mein bevorzugtes Spielfeld ist das nie geworden: Wirklich zu Hause habe ich mich immer nur im Umgang mit engagierten und klugen Studierenden gefühlt, mit Menschen, die die Gesellschaft künftig voranbringen und dafür mit belastbaren Theoriekonzepten ausgestattet werden müssen.

VII.

Meine aktive Zeit an der Universität neigt sich dem Ende zu. Die Monographie zur praktischen Philosophie bzw. Ethik steht aus. Ich will abschließend versuchen, einige der zentralen Gedanken vorweg in eher thetischer Form und ohne Begründungen zu formulieren.

1. Die Menschen müssen selbst und gemeinsam die Regeln festlegen, nach denen sie miteinander umgehen wollen: Autonomie, Demokratie; grundlegende Werte sind: die Freiheit und Würde jedes Einzelnen und die Solidarität aller Menschen.

2. Philosophie hat sich der Aufgabe zu stellen, diese klassisch abendländischen Werte unter den grundlegend veränderten Strukturen der modernen (Welt-)Gesellschaft zur Geltung zu bringen. Das führt in der Ethik zu kontraintuitiven Handlungsmaximen wie z.B.: Wettbewerb ist solidarischer als Teilen.

3. Da keine Ethik vom Einzelnen verlangen kann, dass er dauerhaft und systematisch gegen seine Interessen handelt, ist die Ethik zweistufig zu entwickeln, als Handlungs- und als Ordnungsethik: Dabei hat die Ordnung dafür zu sorgen, dass moralische Handlungen im Normalfall nicht ausgebeutet, sondern – zumindest langfristig – individuell belohnt werden; andernfalls kann Moral unter Bedingungen des Wettbewerbs nicht stabil bleiben.

Um diese Leitideen argumentativ zu untermauern und zur Tradition der Ethik in Beziehung zu setzen, ist ein erheblicher Theorieumbau in Philosophie und Ökonomik notwendig. Die Vorarbeiten in der Ökonomik sind weit gediehen: vgl. Homann, Suchanek: Ökonomik, a.a.O.; die Umsetzung in die Ethik ist in den Grundzügen klar; ich bin zuversichtlich, dass die Ausführung in absehbarer Zeit gelingt.

VIII.

Ist dieses Programm nun als „ökonomischer Imperialismus“ zu betrachten? Ich glaube nicht. Es geht in meiner Philosophie ganz klassisch um Eudaimonia, Glückseligkeit, um ein gelingendes Leben für alle Einzelnen. Will die Philosophie nicht beim „leeren Sollen“ Hegels stehen bleiben, muss sie sich allerdings mit den Bedingungen befassen, unter denen die Einzelnen dieses Ziel angehen müssen. Praktische Philosophie braucht als integralen Bestandteil eine Theorie der Stabilitätsbedingungen von Moral unter den Bedingungen von Marktwirtschaft und globalem Wettbewerb, und diese kommt ohne Rückgriff auf die ökonomische Methode der individuellen Vorteils-/Nachteils-Kalkulation nicht aus.

Hans-Martin Schönherr-Mann – Mein kurvenreicher Weg zur Philosophie

Hans-Martin Schönherr-Mann: Mein kurvenreicher Weg zur Philosophie

„Was treibt Sie an?“ fragte mich letzthin ein Kollege. Vor 30 Jahren hätte ich das leicht beantworten können: Die Verdammten dieser Erde! Aber heute? Nein, die sind es nicht mehr, jedenfalls nicht mehr als Volk, Masse oder Klasse. Heute wundere ich mich überhaupt, wie man sich nach der Gemeinschaft sehnen kann. Aber ich gebe zu, ich mag keine Kinder, würde mir nie mehr einen Hund anschaffen, küsse gerne nur meine Freundin, während ich andere Leute im Begrüßungszeremoniell allein aus Pflicht umarme – sicher: der lutheranische Geist ostpreußischer Großeltern.

Was treibt mich also heute an? Warum komme ich auf die Idee, schon seit Jahren meine Vorlesungen an der LMU um ein Programm herum zu gruppieren, das in ein umfängliches Buch über die hermeneutischen Grundlagen der Ethik münden soll? 2010 muss es entweder unter dem Titel „Macht und Moral“ oder „Sein und Fragen“ 50 Jahre nach Hans-Georg Gadamers Wahrheit und Methode erscheinen. Aber wozu? Weshalb schreibe ich im Entwurf folgende Sätze?

„Der Mensch versteht zu viel! Daher verortet sich die Ethik primär in der Sprache. Die Triebfeder der Ethik schuldet sich nämlich dem Nichtverstehen, das dem Verstehen nicht nur seinen Bereich anweist, vielmehr sein Zuviel enttarnt, und zwar just dadurch dass es Fragen stellt, die sich nicht beantworten lassen.“

Versteht man indes nicht immer zu wenig? Oder habe ich nicht genug von meinen beiden wichtigsten akademischen Lehrern Gadamer und Gianni Vattimo verstanden? Wie könnte ich dem widersprechen! Verstehen soll ein sprachlicher Prozess sein, durch den der Mensch seine Welt konstruiert. Nur folgen daraus für Vattimos Pensiero debole keine objektive Realität, sondern viele Welten, zwischen denen man sich nur schwierig zu orientieren vermag. Immer stellen sich mir Fragen, die ich nicht beantworten kann. Nur wenn ich sie stelle, warnen sie mich vor Fehl- und Übergriffen meinerseits wie durch die anderen. Denn – das habe ich vom bedeutendsten Ethiker des 20. Jahrhunderts, Emmanuel Lévinas, gelernt – niemals erreiche ich in meinem Verständnis den anderen. Just deswegen muss man in der Ethik die Andersheit des anderen berücksichtigen: ergo auch das Nichtverstehen.

Was ich in meinen beiden wichtigsten Texten, in der Aphorismensammlung Mosaik des Verstehens (edition fatal 2001) und dem Essay Sein und Fragen (edition question 2003) entwerfe, das will ich bis 2010 vollenden: Die Grundlage des Verstehens im Nichtverstehen weist die Hermeneutik als Ethik auf. So lauten die weiteren Sätze aus besagtem Programm:

„Im Fragen äußert sich ein hermeneutischer Wille zur Macht als Ethik, der dem Verstehen als solchem widerstreitet, somit das Verständnis beschränkt. Das, was sich wirklich sagen lässt, das lässt sich nur fragen; denn das Individuum – oder die gesprochene Sprache, die immer jemand sprechen muss – entzieht sich seinem Verständnis.“

Was treibt mich zu solchen Sätzen? Sicher nicht mehr das große Ideal der Befreiung des Menschen. Vom späten Ludwig Wittgenstein habe ich vielmehr gelernt, dass Sprache keinen Körper, kein Wesen und keine unveränderlichen Strukturen oder feste Regeln hat. Ich gebe zu, das mag eine eigenwillige Wittgensteinauslegung sein.

So höre ich schon die Proteste: Alles falsch verstanden! Auch gut. Kopf einziehen, weiterträumen! Letztlich war mein Vorbild doch immer eher Sartre als Gadamer, wollte ich doch nie Beamter werden, was man mir nun auch erfolgreich nicht gewährte. Dann bleibt es eben beim freien Autor im freien Fluss der Sprache und der Welt.

Allemal muss der einzelne Mensch verstehen, was er hört und liest. Ob nun, weil nach Jacques Lacan ein Subtext alles Sprechen begleitet, der gleichzeitig was anderes sagt als das, was man ausdrücken will; oder weil ich es immer alleine bin, der hier und jetzt nur über beschränkte Verstehensmöglichkeiten verfügt: den Verstehenden plagen immer blinde Flecken. Man kann sich nicht mal selbst verstehen, so Sören Kierkegaard: Das erträgt man nur mit Humor, Wittgensteins Sprachspiel oder Nietzsches Aphorismen – den avanciertesten Stilen, wenn die große Theorie das, was in der Welt passiert, das Ereignis, nicht erfassen kann. Aber warum soll man dann noch Philosophie treiben? Ergeben die folgenden Sätze eine Antwort?

„Das Nichtverstehen entfaltet die Macht, die das Individuum braucht, um sich den Ansprüchen jeder Gruppe wie der politischen Macht nicht unterwerfen zu müssen. Nichtverstehen und Fragen verkörpern sowohl die Macht des Individuums als auch dessen Ethos, sein Ethos der Macht in der Sprache, mit dem es sich dem Allgemeinen verweigert.“

„Was treibt Sie an?“ Das Individuum! Nicht Klasse, nicht Abendland und nicht die Menschheit, sowenig wie deren Zukunft. Gelegentlich darf man aber das eine oder andere davon schon ernst nehmen, nur nicht ohne Unterlass.

Ich selbst habe manchmal mit viel zu großem Engagement dergleichen verfolgt. Als mich mit 16 Jahren die Osterunruhen aus dem kindlichen Schlummer rissen, verfiel ich doch schnell wieder in den dogmatischen: von Marx zu Mao. Mich erschütterten natürlich das Elend der Armen und der Vietnam-Krieg der Reichen. Doch noch mehr ärgerten mich meine fleißigen Eltern, autoritäre Lehrer, die gemütlichen Wohnzimmer mit den Nachkriegsmöbeln. Mit Bertrand Russell befreite ich mich von der Unterordnung unter den bürgerlichen Gott. Mit A.S. Neills antiautoritärer Erziehung ließ ich mich von der Schule verweisen, um mich trotzdem, aber ohne Achtung vor disziplinierenden Noten und bürgerlichen Lerninhalten durch das Abitur zu mogeln. Anstatt arbeiten zu gehen, wollte ich doch lieber ein rotes Studium genießen. Gleichermaßen frönte ich sozialistischen Träumen und einem libertären Individualismus. Letzterer muss wohl geblieben sein: Ob das die richtige Entscheidung war? Warum suchte ich keinen goldenen Mittelweg? Warum begab ich mich nicht in die Arme der Religion? Frieden schließen mit der Gemeinschaft! Dann lieber bei der Alternative ‚Teufel oder Beelzebub‘ den Bub wählen! „Ich kann nicht unsterblich werden in Kompanie mit zwei anderen alleinstehenden Herren und der Reihe nach,“ bemerkt Kierkegaard, der als erster die Ethik als autonome Lebensgestaltung des Individuums aus der Orientierung an Allgemeinheit und Gemeinschaft befreite.

In den westlichen Gesellschaften beschleunigen sich heute die schon seit längerem stattfindenden Individualisierungsprozesse. Man heiratet einfach nicht mehr, weil es sich gehört, oder eher, weil die Ehe ein Sakrament ist. Gerade dass die Hochzeit noch Romantisches ausstrahlt; trotzdem vergesse man dabei den Ehevertrag nicht. Ich selbst lebte lange in Wohngemeinschaften und bis heute mit meinen verschiedenen Freundinnen nie zusammen und häufig in offenen Beziehungen, die andere sexuelle Kontakte nicht ausschlossen. Ja, wie bei Sartre? Und längst tun das viele, ist es nichts Besonderes mehr!

Indes: „Nur ein Zuviel des Individuums kann es nicht geben; denn es bleibt ja immer eines. Nicht der Individualismus hat in die Kriege des 20. Jahrhunderts geführt – wiewohl er letztlich daran beteiligt war, eignet ihm natürlich manch Scheinheiliges –, sondern die Gemeinschaften, was aber schon für den Peloponnesischen Krieg oder die Kreuzzüge gilt. So kommt es darauf an, die Macht in eine Form zu gießen, die dem Individuum nützt, was auch deren Begrenzung impliziert.“

Natürlich verweigerte ich den Wehrdienst. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob man zum Militär gezwungen wird oder nicht! Es ist ein entscheidender Unterschied, ob man seine Sexualität ausleben darf, dazu verhüten und abtreiben, oder ob man höchstens zum Preis seiner selbst die biologische Kette vermeiden kann, wie es heute vielen Musliminnen ergeht. Ein Pazifist war ich sicherlich nie. Aber ich hätte mich nicht in die autoritären Strukturen einer Armee pressen lassen. Ich würde meine Individualität nicht opfern, um sie angeblich zu retten, sollte man nach intelligenteren Lösungen suchen. Wer mag, darf in eine Berufsarmee eintreten, wenn man nicht andere dazu zwingt:

„Das Individuum kann sich nicht für andere, nur für sich selbst zum Maßstab erheben. Das Individuum lebt dabei natürlich nicht alleine, sondern immer zusammen mit anderen Individuen. Doch niemand hat einen berechtigten Anspruch, in einer Welt zu leben, in der alle dasselbe denken.“

Man muss das wohl mit Leo Strauss ‚political hedonism‘ nennen, der seit Hobbes am Untergang des gemeinschaftsorientierten Abendlandes arbeiten soll. Für mich heißt Hedonismus dagegen, dass man keine übergeordneten Maßstäbe mehr hat, dass man sich auch für solche, die so aussehen, selber entscheiden muss, und diese damit unvermeidlich relativiert. So darf man heute wohl von einer großen politischen, sozialen und philosophischen Auseinandersetzung sprechen: zwischen den Vertretern der Ordnung, der alten Weltbilder, Ideologien und Religionen und andererseits den liberalen Denkern des Chaos, des Ereignisses, die ob der Sachlage, dass dem Menschen Einsicht in einen kosmologischen oder ganzheitlichen Zusammenhang verwehrt ist, nicht mehr versuchen, einen solchen künstlich zu konstruieren, die sich vielmehr mit der beschränkten Reichweite ihres Wissen bescheiden.

Solches Denken, wie ich es in meinem Essay Politischer Liberalismus in der Postmoderne (Wilhelm Fink 2000) skizzierte, mag elitäre Züge annehmen, weil niemals alle dergleichen ausnützen können oder wollen, konzeptionell kann es sich jedoch nicht auf wenige beschränken. Der Anspruch auf Mündigkeit erreicht alle Menschen, wenn ich mit ihnen so umgehe, dass sie frei und für sich selbst verantwortlich sind. Sartre – das habe ich in meinem Essay Sartre – Philosophie als Lebensform (C.H. Beck 2005) erläutert – hat nach Max Weber die Verantwortung auf alle Menschen übertragen und damit diese originäre Form der Ethik des 20. Jahrhunderts beschleunigt:

„Insofern ergibt sich aus dem Nichtverstehen eine nichtelitaristische Ethik, die auf jeden Autoritarismus verzichtet … Die Ethik entbirgt sich als Macht, indem sie das Individuum entfaltet, was nur funktioniert, wenn allen solche Entfaltungsmöglichkeiten offen stehen.“

Sicher schließe ich hier an meine neomarxistische Vergangenheit aus den siebziger Jahren an. Während meines Studiums in Düsseldorf und in Erlangen las ich vor allem Theodor Adorno und Heinrich Heine. Bis heute sind mir sozialdemokratische und grüne Politiker einfach sympathischer als liberale oder konservative. Nichtverstehen weist zum Egalitarismus: Jeder andere ist anders. Aristokratischem dagegen begegnet man in der Boulevardpresse, geistig-moralischen Wendern im Puff.

Wenn man sich auf einem trudelnden Himmelskörper in einem abseitigen Winkel der Sternenwelt wiederfindet, auf Erdplatten, die auf Magmaseen schwimmen, wenn sich anzeigt, dass nichts auf dieser Welt stabil oder dauerhaft ist, schon gar nicht das Klima, dann mag man sich ja vielleicht gelegentlich in die Kindheit zurückwünschen, als behütende Eltern romantischen Unsinn über die Welt erzählten, vom Christkind, vom Osterhasen, vom lieben Gott. Aber nur weil man sich etwas wünscht, tritt das nicht ein – man denke an den Lottogewinn: Ich habe noch nie Lotto gespielt, sowenig wie ich mich für Fußball interessiere oder gerne etwas glaube. Alle diese großen Probleme gehen einen nicht unbedingt etwas an: Man muss sich nicht für Engel interessieren; nur für gelbe, wenn man alte Autos fährt. Deshalb miete ich heute lieber.

Ende der siebziger Jahre trieb ich von den Illusionen des Neomarxismus in Visionen des ökologischen Denkens. Vor Ende meiner Doktorarbeit über Kants und Hegels praktische Philosophie entwickelte ich einen ersten Entwurf, um die ökologische Herausforderung auf den philosophischen Begriff zu bringen.

Immer noch weigerte ich mich, einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, richtete mich lieber mit einem Volkshochschulkurs in der Nürnberger Alternativszene ein und begann das Schreiben über die Zerstörung der inneren wie der äußeren Natur. Vielleicht verdankt die Welt meine bis heute ca. 400 Publikationen nur jenem Zweitgutachter. Mit einer Summa hat man Kompetenz bewiesen und kann Geld verdienen gehen. Eine Rite treibt, noch dazu, wenn einen Sartresche Arroganz beseelt.

Meinem Düsseldorfer Lehrer Rudolf Heinz verdanke ich den Hinweis, dass Rationalisierungskonzepte im Anschluss an Max Weber und Jürgen Habermas doch eher antiquiert klingen, dass ich mal nach Frankreich schauen sollte, wobei mir zunächst nur Sartre einfiel. Doch schnell faszinierte mich die postmoderne Philosophie. So lernte ich die Orientierungslosigkeit des Individuums kennen, die sicher meine eigene bleibt. Wenn Gott tot ist, wenn es keine gemeinsamen obersten Werte mehr gibt – und unter Globalisierungsbedingungen wie in der EU wird das immer evidenter – dann sieht sich der einzelne einer übermenschlichen Herausforderung gegenüber, die bereits Nietzsche erkannte: Er muss trotz seiner Zerstreutheit sein Leben selbst gestalten und kann auf niemanden mehr die Verantwortung dafür abwälzen, eine Einsicht, die mich in jungen Jahren Sartre lehrte, der mich in die Philosophie zog und den ich erst in den letzten Jahren wieder als aktuell entdeckte.

So wurde ich ein seltsamer Ökologe, der einen positiven Naturbegriff ablehnte und statt dessen im Anschluss an Adorno und Heidegger über Negative Ökologie schrieb: Ökologie sagt, was man von Natur nicht weiß. Mein sicher fundiertestes Manuskript liegt seither in der Schublade und wird nicht mehr veröffentlicht werden, da ich seinen Pathos und die drängende Sorge um zerstörte Natur nicht mehr teile. Es war meine Habil-Schrift, es sollte sie werden. Doch die schlechte Promotionsnote erregte in der Fakultät jahrelangen Widerstand. Um diesen auszuhebeln, reichte ich einen anderen Text über Ethik ein, der biederer klang, der mich aber von der ökologischen zur postmodernen Ethik abbrachte.

Diese habe ich heute längst in eine hedonistische transformiert. Nach Auschwitz weiß man, dass man auf dem Vulkan lebt, auf dem das Individuum tanzen muss, natürlich nicht allein, sondern immer mit anderen, nicht unter den Blicken eines gestrengen Vaters, sondern nach Sigmund Freuds Vatermord, der Familie, Volk und Vaterland auflässt.

„Die Norm, dass sich Auschwitz nicht wiederholen dürfe, ist genau deshalb richtig, weil sie sich nicht realisieren lässt und weil sie der Lust des Augenblicks am schärfsten widerstreitet. Würde man aber diesen Imperativ als eine Art Grundprinzip verstehen, operierte man ethisch letztlich mit Carl Schmitts Ausnahmezustand. Beugte man sich ihm, verliehe man den Schlächtern eine ewige Macht über das Denken. Man kann nicht gegen Auschwitz denken, wenn man in seinem Bann denkt.“

Zu einem solchen Tanz auf dem Vulkan braucht man natürlich jede Menge Rotwein und andere Drogen, wobei ich gestehen muss, mich an harte nie herangewagt zu haben. Dass sich hier die Konfliktlinie zwischen einer hedonistischen Ethik und allem gemeinschaftsdominierten Denken eröffnet, das sieht man natürlich an den Kampagnen gegen das Rauchen. Sartre hat unablässig geraucht, Hannah Arendt auch. Vielleicht beschäftige ich mich momentan mit diesen Denkern, weil sie sich in jeder Hinsicht den Üblichkeiten, dem Biederen und Braven entzogen, beide aber das Leben feierten. Wahrscheinlich ist das mit Norbert Bolz jedoch längst im Normalen aufgegangen; wenn nicht alle, so tun das heute viele. Es wird sich nicht vermeiden lassen, was mir mein Philosophen- und Dichterfreund Reinhard Knodt vor vielen Jahren sagte: Wenn einer von uns beiden plötzlich stirbt, bewundern die Verwandten die Bibliothek und bemerken dazu: „Er war ein richtiger kleiner Gelehrter.“