Gabriel – Moralische Tatsachen

Markus Gabriel

Moralische Tatsachen

Warum sie existieren und wie wir sie erkennen können

geb., 464 Seiten, 36,- €

München 2025 (C.H. Beck-Verlag)

von Bernhard Schindlbeck

„Hauptmann: Woyzeck, Er hat keine Moral! Moral, das ist,

wenn man moralisch ist, versteht Er. Es ist ein gutes Wort.“

(Georg Büchner, Woyzeck)

Einigermaßen berühmt ist der Anfang von John Leslie Mackies Ethik, deren erster Satz ganz lapidar lautet: „Es gibt keine objektiven Werte.“ Laut Wolfgang Stegmüller ist sie das „am besten durchdachte subjektivistische System“ der Ethik. Es steht in der Tradition von Pyrrhon von Elis und Sextus Empiricus, von Montaigne, Hume, Nietzsche, Ayer und Wittgenstein („Es ist klar, daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt.“), die alle die Möglichkeit der Objektivität moralischer Urteile bezweifeln. Ihnen zum Trotz und auch wenn heute die Welt in einem Chaos aus Krisen und Kriegen versinkt, wenn alle sogenannten Werte, alle Normen und Regeln sich aufzulösen drohen wie der weiße Zucker im schwarzen Kaffee, verkündet Markus Gabriel: Und es gibt sie doch! Es gibt die objektiven Werte und moralischen Tatsachen! Es muss sie geben. Und noch viel mehr: Sogar einen moralischen Fortschritt gibt es. Auch wenn es ganz und gar nicht so aussieht, die Menschheit wird immer besser im Erkennen der moralischen Tatsachen.

Na gut, denkt man sich, irgendjemand muss ja auch mal ein wenig Optimismus verbreiten. Vielleicht ist es ja das letzte Residuum, das der (ansonsten nutzlosen) akademischen Philosophie verblieben ist, warum also nicht? Schon 2024 nannte Gabriel sein moralphilosophisches Buch Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Diese als populärwissenschaftlich eingeordnete Schrift unterfüttert er nun ontologisch mit seinem im Buch Sinn und Existenz (2016) grundgelegten „neuen Realismus“, d.h. seiner „Sinnfeldontologie“. Er will der Moral nicht nur ein fundamentum in re geben; er erklärt sie in seiner Neuerfindung des moralischen Realismus gleich zu einer Wirklichkeit sui generis, zur Sache selbst. Der Trick dabei ist ziemlich einfach. „Zu existieren heißt, in einem Sinnfeld zu erscheinen“, definiert Gabriel in Sinn und Existenz, und: „Was in einem Sinnfeld erscheint, ist ein Gegenstand.“ Ferner: „Gegenstände existieren nur in Sinnfeldern.“ Und somit gibt es nichts, was nicht (wie etwa ein Salzfass, Gott, Darth Vader oder das Einhorn) in einem Sinnfeld erscheinen könnte. Man erinnert sich an Quines Feststellung (von 1948), dass das Problem der Ontologie mit drei Wörtern beschrieben werden könne: „Was gibt es?“ Und diese Frage lasse sich mit einem einzigen Wort beantworten: „Alles“. Dieses Bonmot wird durch Gabriels Sinnfeldontologie noch überboten. Denn auch jede Schimäre, alles nur Imaginierte existiert, weil es in einem Sinnfeld vorkommt. Sogar der quadratische Kreis, allein weil wir mit dem sprachlichen Ausdruck nach ihm fragen und anschließend die Existenz negieren können, kommt in einem Sinnfeld vor und existiert, obwohl wir wissen, dass es ihn nicht geben kann. Haben wir es mit einer Ontologie zu tun, die die Logik unterläuft? Nur „die Welt“ als umfassende Totalität gibt es in ihr nicht. (Dass wir „nie das Ganze des Seienden an sich absolut erfassen“, erklärte uns zwar schon Heidegger 1929 in seiner Freiburger Antrittsvorlesung Was ist Metaphysik?, und bereits Kant hatte in seiner ersten Kritik geschrieben, dass die Welt „nur im empirischen Regressus der Reihe der Erscheinungen und für sich selbst gar nicht anzutreffen“, somit „niemals ganz gegeben“ sei. Aber erst Gabriel machte mit seinem Warum es die Welt nicht gibt 2013 einen Spiegel-Bestseller daraus.) Dass es die Welt nicht gibt, hat, wie sich im letzten Kapitel zeigt, sogar etwas beruhigendes, denn: „Die Welt kann nicht untergehen, weil es sie niemals gab“ (332).

Da nun aber auch Sinnfelder „existieren“, muss auch wohl jedes spezifische Sinnfeld in einem anderen Sinnfeld erscheinen, und dieses ebenso, so dass sich die Sinnfelder unendlich iterieren. Das ist für Gabriel kein Einwand, denn es gibt ohnehin „indefinit viele Sinnfelder“. Einigermaßen problematisch ist allerdings der Sinnbegriff, den sich Gabriel (zum Teil) von Frege entlehnt (44 f. und 50 f.), wobei er aber zum einen einfach ausklammert, dass schon Freges sprachlogischer Sinnbegriff unbefriedigend ist, und zum anderen die existenziell-lebensweltliche Dimension des Sinnbegriffs in seiner Ethik unterschlägt. Sinn ist eben weit mehr als nur eine Art des Gegeben-Seins von Zeichen (Namen, Wortverbindungen, Sätze, Schriftzeichen). Dass die inzwischen doch recht abgenutzte Feld-Metapher hier wieder einmal überdehnt wird, sei nur am Rande bemerkt.

Ein einfacher Verfahrenstrick Gabriels besteht im Definieren nach dem Muster Unter z verstehe ich ein x, das y ist. „Unter einer Situation werde ich ein Sinnfeld verstehen, in dem sich Personen befinden, an die normative Erwartungen adressiert werden“ (39). – „Offensichtliche moralische Tatsachen sind solche, die faktisch niemand sinnvoll bestreitet“ (60). – „Akteure sind solche Lebewesen, die für die normative Spannung einer Situation empfänglich sind“ (186). – „Fortschritt ist wünschenswerter sozialer Wandel, Verbesserung der Verhältnisse“ (210). – „Moralischer Fortschritt ist eine bestimmte Form des positiven sozialen Wandels, namentlich derjenige, die an den ethischen Werten des Guten, Bösen und Neutralen bemessen wird“ (208). – „Das Böse ist eine partielle Abweichung vom Guten, so wie das Falsche eine partielle Abweichung vom Wahren ist“ (61). – „Arbeit ist dann entfremdet, wenn sie nicht mehr der Ausbildung der Fähigkeiten dient“ (148). – „Freiheit ist die Dimensionen [sic] unserer Handlungen, in der wir unser Selbst kontinuierlich bestimmen“ (254). Und so weiter.

Dass die Gut-Böse-Dichotomie und der daran angebundene Freiheitsbegriff ein Schellingsches Erbe sind, wird schnell erkennbar – und am Ende des Buches explizit bekräftigt: „Das Gute bedarf des Bösen nicht, um zu sein. Es existiert im Kontrast zu ihm, der durch unsere Freiheit aufgespannt ist, die, um mit Schellings Einsicht zu schließen, das ‚Vermögen des Guten und des Bösen‘ ist.“ (ebd.)

Man muss also nur die eigenen Definitionen (begrifflichen Festlegungen) so anlegen und gegebenenfalls nachjustieren, dass man dann alles, was man zeigen („beweisen“) möchte und für das Theoriegebäude braucht, daraus deduzieren, zumindest aber damit kompatibel machen kann. Ganz nach Maß und zumeist ad hoc, nämlich dann, wenn er gerade eine passende Definition braucht, definiert Gabriel etwa Existenz, Gegenstand, Wert, Ethik, Moral, Politik, Gesellschaft, Mensch, Person, Freiheit, Handlung, das Gute, Wirklichkeit, Situation, entfremdete Arbeit, Kapitalismus etc. – und natürlich „Tatsache“. Was ist eine Tatsache? Die Antwort fällt nicht ganz einfach aus: „Viele sinnvoll gestellte Fragen lassen sich beantworten. Eine Frage ist dabei insbesondere dann sinnvoll gestellt, wenn wir sie durch Angabe von Tatsachen beantworten können. Wer auf eine entsprechende Tatsachenfrage richtig antwortet, kennt die Wahrheit. Denn die Wahrheit lautet dann, dass es sich so und so verhält, und dass es sich soundso verhält, ist der Inhalt einer Tatsache“ (29). Üblicherweise hat eine Aussage (nicht eine Tatsache) einen Inhalt (nämlich das über die Tatsache ausgesagte). Leicht durchschaubar ist also der theoriestrategische Zweck der Behauptung, eine Frage sei „insbesondere dann sinnvoll gestellt, wenn wir sie durch Angabe von Tatsachen beantworten können.“ Natürlich sind auch jede Menge Fragen anderer Art sinnvoll gestellt. Aber Gabriel erschleicht sich mit dieser Behauptung, hinter der sich nichts anderes als die Abbildtheorie von Sprache und die Korrespondenztheorie der Wahrheit verbergen, wobei deren Problematiken durch die komplizierte Darstellungsform raffiniert verborgen werden, die Möglichkeit, die Differenz zwischen intellectus und res geschickt zu verwischen, sodass das ursprünglich nur im Denken seiende Sollen sich nun ontologisch in der Sachwirklichkeit auffinden lässt. So soll es möglich sein, „genuine ethische Urteile durch empirische Forschung zu stützen“, und es gibt „keinen ontologischen Graben zwischen Werten und Tatsachen, keine irgendwie geartete Dichotomie von Sein und Sollen, Faktizität und Geltung. Die Geltung ist selbst faktisch, das Sollen selbst ein Sein – nur nicht irgendein Sein, sondern eben das Sein des Sollens“ (58 f.). Den Ausdruck „Sein des Sollens“ findet man auch bei Hermann Cohen (Kants Begründung der Ethik, wo es sogar ein „Sollenssein“ genannt wird), aber eben nicht in einem ontologischen Sinn; es ist dort Erkenntnisgegenstand im transzendentalphilosophischen Sinn.

Alles, die Kaffeetasse, Gott, das Einhorn, das Sollen, hat also sein Sein. Und so unterläuft Gabriel von Anfang an Humes Diktum, dass es keinen Übergang vom Sein zum Sollen gibt (für das auch eine Anmerkung mit Hinweis auf Humes Treatise fehlt). Das Sollen wird einfach ontologisch objektiviert, wodurch es sich, so die Absicht, der Bestreitbarkeit entzieht. Zu Gabriels weiterer Strategie gehört auch, dass er schon in der Einleitung die „mit der modernen Willensmetaphysik verbundene formale Normativität“ (d.h. Kants und Fichtes Ethik) etwas plump abräumt. Sie „entlarvte sich wohlgemerkt schon in der ersten Welle der Kantkritik – man denke hier an Jacobis begründeten Nihilismusvorwurf und Hegels überzeugenden Nachweis, dass der Formalismus des kategorischen Imperativs dazu führt, dass dieser keine Anwendungsbedingungen in realen Situationen haben kann, als illusionär, geistert aber immer noch in der Ethik herum“ (10). Es fällt auf, dass trotz Gabriels ansonsten extensivem Anmerkungsapparat ausgerechnet hier ein Hinweis auf Hegels Naturrechtsaufsatz von 1802/1803 fehlt. Eine genaue Hegel-Lektüre würde nämlich zeigen, inwiefern Hegel selber schon den kategorischen Imperativ missversteht und der angebliche „Nachweis“ seine Überzeugungskraft sofort verliert. Die berühmten Anfangssätze von Kants Grundlegung („Es ist überall nichts in der Welt …“) und den guten Willen nennt Gabriel „eine abwegige Auffassung, die das Gute in die Verfügungsgewalt des Wollens stellt, das sich durch die Form seiner Selbstbehauptung für gut erklärt“; sie seien „der Sündenfall der Moderne. Kant hat damit wider Willen den voluntaristischen Positionen von Nietzsche bis in die Untiefen vulgärer Relativismen der Gegenwart Tür und Tor geöffnet“ (9). Solch abwegiges Missverständnis geht nicht ohne böswilligen Vorsatz, da von einer „Verfügungsgewalt des Wollens“ in der Grundlegung nun wirklich nicht die Rede sein kann. Obwohl also Kant zunächst eskamotiert wird, bedient Gabriel sich seiner, immer wenn es sich gerade anbietet, so zum Beispiel, wenn er die „Menschheitsformel des kategorischen Imperativs“ (gemeint ist die Selbstzweckformel aus der Grundlegung) etwa als „wegweisenden Beitrag zur ‚definition of morality‘“ (81) betrachtet. Und sogar bei der „Willensmetaphysik“ Kants macht er später „eine Anleihe“, wenn er „den Willen im Allgemeinen als das Vermögen versteht, ‚nach der Vorstellung der Gesetze, d.i. nach Prinzipien zu handeln‘“ (146). Wenige Zeilen später jedoch ist der Wille wieder nur „dasjenige, was wir zu tun oder zu unterlassen wünschen“ (147). Gelegentlich gebricht es der Argumentation also erkennbar an Kohärenz.

Tatsachen werden in Gabriels Ontologie in nicht-moralische und moralische Tatsachen unterschieden. Letztere wiederum in offensichtliche und nicht-offensichtliche. „Eine moralische Tatsache ist offensichtlich, wenn es keines weiteren Gedankens bedarf, um sie zu erkennen“ (315). Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass man jemandem, der dennoch einen weiteren Gedanken auf eine von Markus Gabriel behauptete „offensichtliche moralische Tatsache“ aufwendet, entweder Dummheit oder Bosheit unterstellen müsste. Aber gerade für Philosophen ist es doch typisch, dass sie lieber noch einmal über etwas nachdenken, statt sich mit einem ersten Eindruck zufriedengeben. Um ein weiteres Mal gegen Kant zu polemisieren, schreibt Gabriel: „Wer sich angesichts eines ertrinkenden Kindes noch fragt, ob er es dem kategorischen Imperativ zufolge auch wirklich retten soll, hat damit ‚einen Gedanken zu viel‘, um eine berühmte Formulierung von Bernard Williams aufzugreifen“ (62). Nur am Rande: Auch schon das „one thought too many“ von Williams zeugt von einem krassen Missverständnis, denn der kategorische Imperativ verlangt keine Begründung dafür, dass man in einer Situation diese oder jene Person zuerst rettet.

Nicht-offensichtliche moralische Tatsachen sind wegen ihrer Komplexität schwer zu erkennen. Dies wiederum ist nicht einer sozialen, politischen oder sonstigen „externen“ Komplexität geschuldet, sondern nur der moralischen. Diese macht die Erkenntnis schwer.

Für die offensichtlichen moralischen Tatsachen liefert Gabriel auf Seite 60 gleich mehrere – wie er sie nennt – „Paradebeispiele“ (130), und weil sich seine Liste „beliebig erweitern“ lasse, schließt er, dass es „indefinit viele offensichtliche moralische Tatsachen“ gibt (60). Deren Offensichtlichkeit ist jedoch durchaus zweifelhaft. Das vor dem Ertrinken aus niedrigem Wasser zu rettende Kleinkind leuchtet als Beispiel für unbedingtes Sollen (wie mit Fichte zu formulieren wäre) unmittelbar ein, aber weshalb soll das eine Tatsache sein? Tatsachen sind üblicherweise Ergebnisse eines Geschehens. Gabriels „moralische Tatsachen“ jedoch kommen nicht zustande, sondern bestehen immer schon als solche und müssen, sofern sie nicht schon offensichtlich sind, nur immer noch besser erkannt werden. Sie sind überzeitlich und repräsentieren damit (auch wenn Gabriel des nicht so nennt) das absolut Gute, dem „wir“ uns im Lauf der Geschichte, die natürlich kein Ende hat, annähern. Das ist also eine seltsame Melange aus Positivismus und Hegelianismus. Aufgrund der „Überzeitlichkeit moralischer Tatsachen“ (289) lässt sich auch nicht feststellen, woher sie kommen, wie sie entstanden sind, kurz: warum sie existieren. Ergo: Der Untertitel des Buches nimmt (vielleicht im Zielen auf Bestseller-Listen) den Mund etwas zu voll.

Die Rettung des in den Teich gefallenen Kindes soll erst noch geschehen, kann also keine Tatsache als Ergebnis eines Geschehens (einer Handlung) sein. Gabriel will natürlich das schon vor der Rettung bestehende Sollen als Tatsache ausgeben, was er jedoch nur im Modus der Behauptung tun kann. Diese wiederholt er dann ad nauseam; einmal bringt er den Ausdruck „offensichtliche moralische Tatsachen“ vier Mal auf einer halben Seite (64), was den Eindruck einer befremdlichen Mischung aus Influencertum und kindlichem Trotz erweckt. Und sogar im Schlusskapitel noch einmal: „Es gibt moralische Tatsachen. Einige sind offensichtlich, andere nicht“ (320). Rhetorik (hier repetitio) muss immer wieder für die mangelnde Plausibilität einspringen. Wiederholungen gehören überhaupt zu Gabriels beliebtesten rhetorischen Mitteln. „Wir sind in die moralischen Tatsachen eingeschrieben.“ (157) Das ist eigentlich trivial, denn die moralische Tatsache (MT) besteht ja in nichts anderem, als dass das Subjekt S etwas Bestimmtes φ tun soll: „(MT) S soll φ.“ (182; manche Philosophen erfreuen sich offensichtlich an solchen der Logiknotation nachempfundenen, aber überflüssigen Formalisierungen.) Die Banalität „Der Mensch gehört zum Inhalt der moralischen Tatsachen …“ wird auf derselben Seite gleich wiederholt: „Hierbei gehören Menschen zum Inhalt dieser Tatsachen, nicht aber etwa zum Wahrheitsprädikat“ (157). Und wenige Seiten später abermals: „Der Mensch (und damit Subjekte) ist Inhalt moralischer Tatsachen … “ (163).

Bei vielen der angeführten Beispiele für „offensichtliche moralische Tatsachen“ fällt auf, dass die verwendeten Worte so interpretationsbedürftig sind wie die jeweilige Situation. Bei der Behauptung: „Man soll niemandem mit einem Messer in den Hals stechen“ kann man sich ja fragen, ob der heute hoch verehrte Attentäter Graf Schenk von Stauffenberg am 20. Juli 1944 statt eine Bombe zu verwenden, nicht doch lieber ein Messer in Hitlers Hals stechen hätte sollen. Die indefinit lange Liste angeblicher moralischer Tatsachen weitet sich bei genügend Nachdenken also nur zu einer so endlosen wie zweifelhaften Kasuistik aus. Dass Situationen stets interpretationsfähig und -bedürftig sind, unterschlägt Gabriel, der es sich mit seinem prima facie unabweisbaren Beispiel sehr einfach macht. Dass das Kind gerettet werden muss, erschließt sich jedoch nur dem, der die Situation richtig versteht. Woher weiß man denn, dass das Kind im Teich tatsächlich am Ertrinken ist? Es kann ja sein, dass es nur Theater spielt, und möglicherweise hat man im Augenblick eine andere unaufschiebbare lebenswichtige Verpflichtung, die einer irrtümlichen Interpretation Vorschub leistet. Dies bringt dann auch die berühmten moralischen Dilemmata ins Spiel, von denen Gabriel schlicht behauptet, dass es sie nicht gebe. In Philippa Foots Trolley Problem (das er als „Weichenstellerfalle“ (92) bezeichnet, vielleicht weil es eine Falle ist, in die jeder moralische Realismus tappt) sieht er die „theoretische Pointe“ darin, „dass sie für jede formulierbare ethische Theorie Szenarien generiert, die sich nur durch Anerkennung moralischer Dilemmata modellieren lassen.“ Er konzediert aber, „dass sich beliebig viele moralische Dilemmata generieren lassen, die durch keine ethische Theorie gelöst werden können“ (94). Auch der Dialetheismus einer parakonsistenten Logik bietet hier keinen Ausweg, und so kommt Gabriel zur Abgrenzung genuin moralischer von existenziellen Dilemmata und Tragödien. Letztere sind uns allen geläufig, erstere dagegen kann es, „beweist“ Gabriel, nicht geben. „Gäbe es sie, wäre dies der Anfang vom Ende der Ethik. Moralische Dilemmata untertunneln die Ethik, bis sie kollabiert. Doch damit heben sie sich selbst auf“ (96). Überzeugend ist diese Begründung nicht. Moralische Dilemmata gibt es nur zusammen mit der Ethik, aber gleichzeitig, so Gabriel, destruieren sie die Ethik, und deshalb, d.h. ohne Ethik, kann es sie nicht geben. Man müsste eher sagen, sie enthalten einen performativen Selbstwiderspruch. Allerdings übersieht Gabriel zum einen, dass moralische Dilemmata am Schreibtisch ausgedachte (oft abstrus unrealistische) Szenarien sind und, falls sie im realen Leben tatsächlich vorkommen, existentiell-tragisch sind; zum anderen, dass sie nur seine eigene, seine ontologische Tatsachen-Ethik „untertunneln“, keineswegs die Ethik. (Foots Trolley-Beispiel zielt ja primär auf Utilitaristen, die mit Menschenleben rechnen wie mit Gegenständen und durch das Dilemma zur intuitiven Einsicht gebracht werden können, dass etwas nicht stimmt an ihrer teleologisch-kalkülisierenden Ethik.)

Mit seiner moralischen Tatsachen-Ontologie will Gabriel offensichtlich dem Sollen seinen merkwürdigen modalen unentschiedenen Status zwischen problematischem Urteil (Möglichkeit) und apodiktischem Urteil (Notwendigkeit) nehmen, durch den Sollens-Aussagen in den Ruch „bloßer“ Subjektivität geraten. Aber diese Ontologie ergeht sich selber nur in Behauptungen, die „das Sein des Sollens“ gegen Zweifel immunisieren wollen. Weil aber diese ontologisierende Moralphilosophie alles zugleich will (Situationsgebundenheit und Allgemeinheit, Subjektbezug und Objektivität, Konkretheit und Universalisierung, Gefühlsgewissheit und Wissenschaftlichkeit) verheddert sie sich in Aporien, Paradoxien, Zirkelschlüssen und Tautologien, aus denen sie jeweils nur mit weiteren schlechthinnigen Behauptungen herausfindet. Die Gabriel widersprechende Feststellung etwa, dass es keine moralischen Tatsachen gibt, „nenne ich moralischen Nihilismus …“ (65). So einfach ist das. Wie unsinnig überzogen und pauschal diese Kategorisierung ist, könnte eine kurze Überlegung zeigen, wie viele und welche Philosophen da in die gleiche nihilistische Schublade gesteckt werden. Vor allem gegen Kant richtet sich der Nihilismus-Vorwurf immer wieder. „Kants nihilistischer Grundirrtum“ beruhe darauf, dass er die „Menschheit in meiner Person“ (als Struktur, „die Teil der geteilten Wirklichkeit ist“) im mundus intelligibilis verortet, weil er „die Wirklichkeit für subjekt- und wertfrei“ halte (183). Und kurz darauf, die Behauptung, dass „Kant die Freiheit in den mundus intelligibilis verlegen musste, womit er uns empirisch unfrei machte“ (194). Die anschließende Passage ist ein Musterbeispiel dafür, wie gründlich man den kategorischen Imperativ missverstehen kann. Gabriel versteht nicht, wie bei Kant Intelligibilität sich in der Empirie geltend macht, wie Vernunft über den bloßen Verstand hinausführt. Er weiß nur: „Die kantische Vernunft ist tot …“ (368).

Darüber hinaus versucht Gabriel, seine Moralphilosophie als eine empirische, wenn auch nicht „exakte“, so doch zuverlässige Wissenschaft auszugeben, wobei er sich gerne auf deren „gegenwärtigen Forschungsstand“ (64) beruft, der sich (vergleichbar den Naturwissenschaften) kontinuierlich weiterentwickle, sodass man stets auf weitere „ethische Forschungsergebnisse“ (323) und auf „die faktischen Erkenntnisse aus der progressiven Forschungslage der Geistes- und Sozialwissenschaften“ (342) hoffen darf. Die Menschheit ist ihm die einzige bisher bekannte „Spezies, die über explizite praktische Vernunft und wissenschaftliche Ethik verfügt“ (323). Und – er kann es nicht oft genug sagen –: „Die Ethik ist demnach eine Wissenschaft“ (69). Auch Georg Simmel z.B. verwendet bekanntlich den Ausdruck „Moralwissenschaft“, allerdings im Sinn eines mit wissenschaftlichen Standards betriebenen Nachdenkens über jeweils geltende Normen, Sitten, Moral, ethische Grundbegriffe, Moralphilosophien etc., während Gabriel meint, ganz konkrete moralische Gebote und Verbote (die er Tatsachen nennt) als wissenschaftlich begründet ausweisen zu können. Dabei setzt er sich ausdrücklich vom Szientismus ab: „Die Ethik ist auch Wissenschaft, wenn auch nicht ‚science‘ im Sinne des Szientismus. Das macht sie noch lange nicht zu einer bloßen Gefühlsangelegenheit, die sich in respektablem Unsinn bekundet, wie Wittgenstein dachte“ (136). Nun ist aber Gabriels eigene „Wissenschaftlichkeit“, die von allerlei Heuristiken, Modellierungen, Statistiken, Hirnforschung, Biologie, empirischer Psychologie und Soziologie bis zur Verhaltensökonomik und „Bewusstseinsforschung“ (370) alles aufrafft, was zu finden ist, auch nur eine Art multipler Szientismus. Hier wird die derzeit angesagte Wissenschaftsgläubigkeit unüberbietbar. Gabriel mag noch so sehr gegen Kants mundus intelligibilis wettern; dass eine transzendentale Kategorie wie Menschenwürde nur insofern Gegenstand empirischer Forschung ist, als diese herausfindet, was faktisch (von welchen Leuten und unter welchen Gegebenheiten etc.) darüber gedacht und gesagt wird, begreift er nicht.Und dass Wittgenstein dachte, Ethik sei eine bloße „Gefühlsangelegenheit, die sich in respektablem Unsinn bekundet“, ist nun wirklich grober, an Verleumdung grenzender Unfug. Gabriel hat schlicht nicht kapiert, worum es Wittgenstein geht.

Wittgenstein, glaubt Gabriel, bleibe in seinem Nachdenken über Ethik und Ästhetik „letztlich dem Weltbegriff des Tractatus“ verhaftet (136). Hier wird einmal mehr (wie schon bei Kant) einiges ziemlich falsch. Unmittelbar vorher bezieht sich Gabriel auf Wittgensteins Vortrag über Ethik von 1930, dessen Ende er ausführlich zitiert und dafür kritisiert, dass er „sich hier auf das Phantasma der Wissenschaft als ‚science‘ – sprich: den Szientismus – stützt, der uns vorgaukelt, wissenschaftliches Wissen sei theoretische Erkenntnis der Faktenlage von der Seitenlinie.“ (ebd.) Aber das stimmt schlicht nicht. Gabriel unterschlägt (oder hat nicht verstanden) Wittgensteins Unterscheidung zwischen deskriptiven und normativen Sätzen, die das Wort gut (resp. richtig) enthalten, wobei erstere einen mit einem realen Maßstab operieren („ein gutes Messer“; „ein guter Läufer“; die „richtige Straße nach Granchester“), während es für letztere einen solchen Maßstab nicht gibt, weshalb sie das absolut Gute bzw. Richtige zum Ausdruck bringen, das jedoch in der Sprache unserer Lebensform nicht formulierbar ist. Die, so Wittgenstein in besagtem Vortrag, absolut richtige Straße „wäre die Straße, die jeder wenn er sie erblickte mit logischer Notwendigkeit gehen müßte; ginge er sie nicht, müßte er sich schämen.“ Genau das unterschlägt Gabriel in seiner Bezugnahme auf den Wittgenstein-Text, und vermutlich deshalb, weil er selber in Anspruch nimmt, absolut gute Handlungsregeln ausweisen zu können, wobei diese aber immer nur die in „unserer“ (d.h. kapitalistischen) Gesellschaft und Kultur geltenden sind, für die, und vor allem für deren Entwicklung, er (bei aller grundsätzlichen Fallibilität) einen Maßstab zu haben glaubt. Er verobjektiviert und verabsolutiert in seiner Moral-Ontologie etwas Relatives, während Wittgenstein klar sieht, dass „unsere“ Lebensform gewiss keine absolut richtige ist. Wie ungenau Gabriel Wittgensteins Text rezipiert, zeigt eine Stelle, wo dieser von „the experience of feeling absolutely safe“ spricht, die Gabriel nach der englischen Ausgabe zitiert (135). „Dieses Gefühl hält er wohlgemerkt für ‚nonsense‘ …“ (ebd.) Dieses „Gefühl“ (Wittgenstein nennt es Erlebnis: „Ich bin in Sicherheit, nichts kann mir weh tun, egal, was passiert.“) war für Wittgenstein aber alles andere als Unsinn, wie man etwa bei Brian McGuinness, Norman Malcolm oder Joachim Schulte nachlesen kann. In Wittgensteins Text heißt es, „daß der sprachliche Ausdruck [H. v. m.] dieses Erlebnisses Unsinn ist.“ Und das ist bei Wittgenstein ein Unterschied (nämlich zwischen Erlebnis und sprachlichem Ausdruck) ums Ganze. Es gebricht Gabriel hier also an Genauigkeit in der Rezeption und der nachfolgenden Interpretation, was der Absicht geschuldet sein mag, sein eigenes Verständnis von „Ethik“ nicht mit dem Wittgensteins konfrontieren zu müssen und damit in Gefahr zu bringen. Wittgenstein zeigt ja, dass Absolutheit nicht ein Maßstab sein kann, an dem empirische Normen und deren Entwicklungen zu messen wären, während Gabriel die für ihn als absolut geltenden moralischen Tatsachen ausdrücklich als Maßstab für den moralischen Fortschritt verstanden wissen will.

Dass er (wenn es ihm dienlich ist) auch, anders als bei Kant und Wittgenstein, sehr genau am rezipierten Text arbeiten kann, zeigt Gabriel auf den lesenswerten Seiten (174-180), wo er Hegels Ausführungen zu Identität und Unterschied in der Enzyklopädie (§§ 115-120) interpretiert.

Im zweiten Kapitel (Praktische Erkenntnis) geht es um die „Epistemologie der moralischen Wirklichkeit“, darum also, wie und wodurch die moralischen Tatsachen erkannt werden. Praktische Erkenntnis manifestiert sich in Verantwortung, die „eine Kategorie der praktischen Erkenntnis ist“ (144) und, insofern letztere „insgesamt fallibel“ ist, im Gewissen; dieses „ist eine Form des Wissens, eben das Ge-Wissen“ (ebd.). Es meldet sich als Gefühl, und diese „Erkenntnisquelle vermeldet, dass wir uns in einer Situation befinden, in der wir eine Entscheidung treffen müssen“ (146). Diese Einsicht ist so alt und trivial wie die folgende: „Weil wir wollen können, was wir nicht tun sollen, sind wir frei“ (ebd.). Das „alltäglich jedem bekannte Bauchgefühl spielt gerade in moralisch relevanten Situationen eine wichtige Rolle, was psychologisch, neurowissenschaftlich und kognitionstheoretisch in der Theorietradition der ‚bounded rationality‘ gut erforscht ist“ (152). Einerseits ist das Gewissen also Gegenstand empirischer Wissenschaften, gleichzeitig ist es ein kollektives Gefühl. „Wir haben Gefühle, nicht ich oder du“ (ebd.). Hier wird die Erschleichung einer unterstellten gemeinsamen Erkenntnis manifest, denn nun ist das (sozusagen kollektive) Gewissen „der Inbegriff unserer praktischen Erkenntnis“ (153).

Nun ist nicht mehr das individuelle Subjekt, sondern das Wir „Bestandteil der moralischen Wirklichkeit“ (158). Damit beginnen die endlosen Wiederholungen des „Wir“, mit dem die Affirmation der bestehenden Gesellschaft begründet werden soll. „Es steckt ein ‚Wir‘ in der moralischen Wirklichkeit. Dieses Wir sind Menschen als Adressaten moralischer Tatsachen, die in ihre Inhalte eigeschrieben sind“ (ebd.). „Das Wir der moralischen Tatsachen sind wir alle, ohne Ausnahme“ (159). „Das Wir bildet sich als historisches Sein der moralischen Tatsachen“ (161).

Dabei bleibt bei aller Universalisierung die „anthropologische Diversität (…) ein Wertträger.“ (181) Das Wir stellt sich gegen die Polarisierung der Gesellschaft und bedeutet vor allem, wie man es von unzähligen Politikerappellen kennt, Zusammenhalt. Nicht zufällig rutscht Gabriels Text hier wie an anderen Stellen in den pastoralen Tonfall von billigen Sonntagspredigten und Plattitüden ab. „Die konkrete Ethik versteht das Gute als ein lebendiges gemeinsames Wachsen, als das Gedeihliche“ (192). „Alles Lebendige soll in seinem Gedeihen gefördert werden …“ (196). „Wir müssen in der Ethik stets berücksichtigen, dass wir mit Anderen und mit Anderem zusammenleben“ (197). „Das Gute ist das lebendige Gute, dasjenige, was uns wachsen und gedeihen lässt“ (203). „Was wir tun sollen, ist immer auch etwas, was Menschen guttut“ (361). Dass der politisch-ökonomische Rahmen dieses Gedeihlichen der „demokratische Kapitalismus“ ist, der „Staat und Wirtschaft mit dem Ziel fairen Wettbewerbs und gelingender Umverteilung verschweißt“ (201), liegt dann nahe. Der liberale demokratische Rechtsstaat als „eine unter mehreren normativen Sphären“ (337) ist für Gabriel, der die handelsübliche Ideologie unkritisch übernimmt, als a priori gut und wertvoll nicht hinterfragbar. Wie in den Subreptionen aller Apologeten des Kapitalismus üblich, gibt auch Gabriel den liberalen Rechtsstaat als eine Lebensform aus, die wir angeblich alle teilen, und weil wir sie teilen (soll heißen: gemeinsam wollen) ist sie gut und schön. Man sieht hier, wie mit der doppeldeutigen Semantik des Wortes „teilen“ Schindluder getrieben wird. Nur weil man notgedrungen irgendwo lebt, d.h. Zeit und Raum mit anderen gemeinsam hat („teilt“), heißt das nicht, dass man die dort etablierte Herrschaftsform und alle weiteren Regeln auch genuin will. Mit dem Wir werden Bürger, Untertanen, Subalterne seit ewigen Zeiten zum Zusammenhalt mit den Herrschenden überredet. Bekanntlich gelang das schon Agrippa Menenius Lanatus, der 494 v. Chr. im Auftrag der Patrizier die streikenden Plebejer Roms dazu überredete, wieder zu kooperieren. Und auch Gabriel propagiert dasselbe, was uns seit Locke und Rousseau über Hegel bis Habermas, Honneth & Co. immer wieder bis zum Überdruss erzählt wird, dass wir doch so tun sollten, als hätten wir alle die Gesetze und Regeln dieses Staates gemeinsam gemacht. Ohne Ende wird die Basisideologie der bürgerlichen Demokratie neu aufgewärmt. Zwar versucht Gabriel an einer Stelle sein Wir als eine Form des objektiven Geistes auszugeben, ergeht sich dabei aber nur in substanzlosen, vagen und letztlich tautologischen Wortgebilden: „Nationalstaaten sind zwar die moderne Form, in der wir moralischen Fortschritt institutionell verankern, anerkennen und damit erst verwirklichen. ‚Wir‘ bedeutet dabei natürlich nicht, dass es irgendeine sehr große Gruppe gibt, die Entscheidungen darüber trifft, welchen Verlauf die Geschichte nimmt. ‚Wir‘ haben das Schicksal der menschlichen Schicksalsgemeinschaft nicht in diesem Sinn in der Hand. Institutionen sind vielmehr als Formen des objektiven Geistes soziale Formationen auf verschiedenen Skalen, die als juridische Konfigurationen überwiegend nationalstaatlich verankert sind, aber durch ihre Werturteile imstande sind, Grenzen zu überschreiten“ (287). Aber auch damit wird nicht klar, was „Wir“ bedeuten soll. Es ist ein Wort mit einem fliehenden, sich entziehenden Denotat, das dadurch beliebige ideologische Funktionen erfüllen kann.

Moralischer Fortschritt ist das dritte Kapitel überschrieben, in dem zum Begriff des Fortschritts eine reichlich platte Definition gegeben wird: „Fortschritt ist wünschenswerter sozialer Wandel, Verbesserung der Verhältnisse“ (210). Was kurz später wiederholt wird: „Fortschritt ist eine Form des sozialen Wandels, nämlich eine positive“ (233). Gabriel erwähnt zwar Adornos Aufsatz Fortschritt von 1962 (zitiert auch daraus), kann aber nichts davon für die eigenen Überlegungen fruchtbar machen.

„Moralischer Fortschritt ist eine bestimmte Form des positiven sozialen Wandels, namentlich diejenige, die an den ethischen Werten des Guten, Bösen und Neutralen bemessen wird“ (208). Gabriels Beispiele sind die üblichen Verdächtigen: Sozialstaat, Arbeitnehmerrechte (deren Abbau durch die neoliberale Politik seit den 1980er Jahren er ausdrücklich kritisiert), historische Erfolge des Feminismus, insbesondere das Frauenwahrecht und die Überwindung der Sklaverei. In Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten von 2024 schrieb er in einem Einwand gegen den Kulturrelativismus noch über Aristoteles: „Es ist grober Unfug zu meinen, diejenigen, die versklavt werden, seien sozusagen schon vorher von Natur aus Sklaven. Aristoteles täuscht sich hier. Und selbstverständlich war es auch für Aristoteles nicht, dass es Sklaven von Natur aus gibt, weshalb er umso vehementer dafür argumentierte und versuchte, die herrschende Sklaverei zu rechtfertigen.“ Dass Sklaverei eine natürliche und dadurch gerechtfertigte Angelegenheit sei, „war nur die Ideologie von moralisch verwerflichen Sklavenhaltern, der Aristoteles (der selbst Sklavenhalter war) sich in einigen seiner Schriften anschloss.“ In Moralische Tatsachen hingegen fällt sein Urteil milder aus: „Sollte die historische Forschung zum Ergebnis kommen, dass Aristoteles‘ Lebensform sich von unserer derart radikal unterschied, dass es ihm und allen anderen in einer vergleichbaren Lage geradezu so erscheinen musste, als wären Sklaven ‚lebendige Werkzeuge‘, die sich mehr oder weniger nach Belieben instrumentalisieren lassen, wäre die athenische Sklaverei damit nicht moralisch gerechtfertigt, Aristoteles aber teilweise entschuldigt“ (165). Im vorhergehenden Buch bestand Gabriel noch darauf, dass durchaus nicht alle die Sklaverei billigten, z.B. mehrere Stoiker, und dass viele wussten, dass sie falsch ist, vor allem die Sklaven selbst.

Gabriels „Theorie des moralischen Fortschritts“ erlaubt es, „Geschichte als Akkumulation praktischer Erkenntnis aufzufassen.“ Und das wiederum bedeutet: „Fortschritt setzt als Akkumulation gerade voraus, dass ein einmal erkanntes Gutes nicht schlecht oder gar böse werden kann“ (206). Dennoch vollzieht sich dieser Fortschritt nicht linear, „weil es keine temporale (geschichtliche) Linie gibt, in die er sich einschreibt. Vielmehr können wir hier Hegels Einsicht aufgreifen, dass selbst die reine Form des Fortschreitens (der Wissenschaften) einen ‚Kreis von Kreisen‘, d.h. Spiralen oder Wirbel bildet“ (286). Den „Kreis von Kreisen“ nimmt Gabriel aus Hegels Wissenschaft der Logik, ignoriert jedoch, dass deren basales Prinzip die Dialektik ist, welche Gabriel keinesfalls (etwa als antreibenden Motor) in seiner Theorie des moralischen Fortschritts dulden will, „weil moralischer Fortschritt nicht dialektisch ist“ (290). Moralischer Fortschritt „ist nicht linear, er bildet vielmehr einen Kreislauf, der im Idealfall als Spirale verläuft. Dieser Kreislauf wird liberal, d.h. autonom orchestriert, er kann kein Automatismus sein“ (321). Unter dieser ‚autonomen Orchestrierung‘ kann man sich vorstellen, was immer man will. Mehr als großspurige Rhetorik steckt nicht dahinter.

Akkumulierte praktische Erkenntnis wird „mit institutioneller Anerkennung“ verbunden und dadurch gesichert, weshalb „die Institutionen des liberalen demokratischen Rechtsstaats Vehikel des moralischen Fortschritts“ sind, „weil sie praktische Erkenntnis durch demokratische Verfahren akkumulieren“ (207). Mithin gilt: „Der faktisch erreichte moralische Fortschritt der Moderne“ (233) findet sich im liberalen Rechtsstaat manifestiert und wahrnehmbar dargestellt. „Die Schnittstelle der Überzeitlichkeit moralischer Tatsachen und ihrer historischen Verankerung verläuft nicht durch das individuelle Subjekt und auch nicht von Gruppen von Subjekten, sondern verkörpert sich in Institutionen, die der Willkür der Einzelnen (und damit auch derjenigen aller Einzelnen, die gerade existieren) entzogen ist [sic]. Auf diese Weise überwindet der Begriff des moralischen Fortschritts die vermeintliche Dialektik des Fortschritts. Der Begriff des Fortschritts ist nicht ‚dialektischer Natur‘“ (289).

Wichtig ist es Gabriel, „die Kollateralschäden eines gegebenen moralischen Fortschritts zu berücksichtigen, um sie in einem weiteren moralischen Fortschritt aufzuheben“ (286). Dieses „aufheben“ darf man freilich nicht hegelianisch verstehen, es meint nur: beseitigen und wieder gut machen. Aber mit den „Kollateralschäden“ macht es sich Gabriel wieder sehr leicht. War denn der Genozid an der indigenen Bevölkerung Nordamerikas beim Entstehen und Aufbau der liberaldemokratischen Institutionen der heutigen USA ein Kollateralschaden? Und wie ließe er sich „aufheben“? War er nicht eher die Voraussetzung? Genauso wie der transatlantische Sklavenhandel und die Sklaverei in den britischen und anderen Kolonien in Amerika, ohne die der „demokratische Kapitalismus“ dort nicht ins Laufen gekommen wäre. Den Blick zurück des Angelus Novus von Walter Benjamin (Über den Begriff der Geschichte), der auch den vom vermeintlichen Fortschritt hinterlassenen und zum Himmel wachsenden „Trümmerhaufen“ sieht, kennt Markus Gabriel nicht.

Im vierten Kapitel (Die Verdunkelung und die neue Aufklärung) stellt der Autor sein Konzept einer notwendig gewordenen neuen Aufklärung vor, die durch die seit Jahren in Politik, Moral und Gesellschaft stattfindende „Verdunkelung“ notwendig wurde. Für letztere werden die gängigen Verdächtigen (Trump, Putin, die einschlägigen Autokraten und Rechtspopulisten in aller Welt, der Islamismus, die Tech-Oligarchen, rechte Wahlerfolge, Menschenrechtsverletzungen, die in Kriegen an der Tagesordnung sind) als Repräsentanten genannt. „Die Neue Aufklärung“, die der Verdunkelung entgegentritt, „ist ein transdisziplinäres Projekt menschlicher Selbstbestimmung. Sie ist im starken Sinne transdisziplinär, indem sie eine sowohl interdisziplinäre wie transsektorale Kooperation darstellt. Die Humanwissenschaften in ihrer gesamten (und somit freilich auch natur- und technowissenschaftlichen) Bandbreite tragen gemeinsam mit den großen Sektoren der Moderne (Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft) sowie den nicht auf Ethik reduzierbaren Normsystemen (Kunst, Recht, Religion) zur Heuristik der ethischen Erkenntnis bei. Auf diese Weise verspricht sie einen Vorschein einer erreichbaren neuen ‚Vision des Guten‘“ (303). [Den Ausdruck „Vision des Guten“ borgt sich Gabriel von dem Chicagoer Rechtsphilosophen Brian Leiter aus dessen Buch Why Tolerate Religion, 2014.] Unter dieser verheißungsvollen Ansammlung von allerlei (nach Belieben und Gutdünken verbundenen) Begriffen und Ausdrücken kann man sich nun wieder einmal vorstellen, was man will. Sicher ist allemal, dass eine „Vision des Guten“, worin immer sie bestehen mag, herauskommt. Mehrere Seiten später liest sich die wortreiche Verheißung so: „Die Epistemologie für die realistische Metaethik und Ethik der Neuen Aufklärung sind demnach die Humanwissenschaften im umfassenden Sinn aller Wissenschaften, die uns erlauben, die Tatsachen menschlicher Existenz festzustellen. Je genauer wir uns selbst verstehen, desto besser kann es uns gelingen, neue moralische Tatsachen zu erkennen und damit die Akkumulation ethischer Erkenntnis voranzutreiben“ (320). Eine Konkretisierung all seiner vagen Visionen des Guten muss Gabriel natürlich schuldig bleiben. Er weiß nur, dass es Sache nicht der Ethik selbst ist, sondern anderer Normsysteme wie Politik, Wirtschaft und Recht, in der Praxis die neu erkannten moralischen Tatschen „zu habitualisieren“ (ebd.).

Mehrfach nennt Gabriel Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung, jedoch ohne sich inhaltlich auf das Buch einzulassen, er bedient sich nur des berühmten Titels. „Die negative Dialektik der Aufklärung muss durch eine positive Ausrichtung, eine Orientierung ergänzt werden, die es erlaubt, das Gute dingfest zu machen. An die Stelle der Negativität und Kritik der alten Aufklärung tritt in der neuen Aufklärung die Positivität und damit der Begriff der Guten“ (311 f.).

„Das Vokabular einer Neuen Aufklärung“ sei, so Gabriel, in den Reaktionen auf mehrere Krisen seit den 1980er Jahren, beginnend mit den „neoliberalen Reformen“ in den USA, England und der EU entstanden. (317). Den Neoliberalismus Friedrich von Hayeks und Milton Friedmans, auch ihre Unterstützung von Pinochets Militärdiktatur in Chile ab 1973, kritisiert Gabriel als eine Verkürzung des Ordo-Liberalismus um dessen „moralisch-werthafte“ Dimension (349 f.). Die Neue Aufklärung geht Hand in Hand mit einem unverzichtbaren „zeitgemäßen Liberalismus“, der nach Lösungen strebt, „die Freiheitserweiterungen für alle vorsehen, weshalb er an Gerechtigkeit und damit am Rechtsstaat interessiert ist, der Interessenkonflikte, die zwangsläufig unter Freiheitsbedingungen auftreten, durch universal akzeptierte Spieregeln überwindet, die es erlauben die Interessen anderer als berechtigt anzuerkennen. Die Grenze findet auch diese Freiheit an den moralischen Tatsachen, da es keine freie Gesellschaft geben kann, in der einige auf Kosten anderer ihre individuellen Handlungsspielräume erweitern“ (347). Dass in einer Konkurrenzgesellschaft mehr Freiheit des einen zwangsläufig auf Kosten der Freiheit des anderen geht, will Gabriel nicht sehen. Dass in der kapitalistischen Gesellschaft Freiheit immer von Geld abhängig ist (was derzeit am besten im Wohnungsmarkt sichtbar wird, in dem für manche die Freiheit zu wohnen unbezahlbar wird), ignoriert Gabriel wie alle Liberalen. Er hält es mit Rawls‘ „Differenzprinzip“, als wäre dessen Mangel an Plausibilität nicht offensichtlich. Die Frage, wie Ungleichheit ursprünglich zustande kam, stellen Liberale tunlichst nicht. Sowohl in der Antike als auch in der frühen Neuzeit wurde man Großgrundbesitzer – auch John Locke wusste und verschwieg es – niemals ohne Gewalt. Ungleichheit wird von Gabriel, wie auch das Eigentum, als nicht zu hinterfragende Gegebenheit behandelt; dass sich Privateigentum an Grund und Boden (vor allem Großgrundbesitz) philosophisch nicht plausibel (weder von Locke noch von Kant oder Hegel) begründen lässt, stört Gabriel nicht. Er stellt sich die Begründungsfrage gar nicht. Ihm genügt es, wenn er es als „modernes Privateigentum“ deklarieren kann, „das kollektiv durch Rechtsstaaten abgesichert ist“ (345). Zweimal zitiert er den Artikel 14 des Grundgesetzes, dass „Eigentum verpflichtet“, und diese unverbindliche Rechtfertigungsfloskel genügt ihm als Legitimation von Privateigentum. „Es ist die Verantwortung der besonders Vermögenden, Sorge für diejenigen zu tragen, die sich am untersten Ende des Wohlstands befinden … Wenn dieser contrat social verletzt wird, wird eine Gesellschaft unmenschlich, es kommt zu Gewalt“ (318). Weshalb es die „besonders Vermögenden“ hier und die Habenichtse dort überhaupt gibt, danach fragt Gabriel nicht. Und die Fiktion eines Vertrags zwischen Armen und Reichen hält er für Realität.

Die Neue Aufklärung entwickle, so ihr fabulierender Prophet, „einen neuen tatsachenbasierten Liberalismus, der sowohl politisch als auch ökonomisch ist. Politisch ist er, weil eine gute Gesellschaft darin besteht, dass sie auf die größtmögliche Erweiterung positiver, sozialer Freiheit ausgerichtet ist; und ökonomisch ist er, weil er die negativen Freiheiten des Kapitalismus (d.h. Vertragsfreiheit im Kontrast zum Lehnswesen sowie Freiheit des Marktes im Unterschied zu einer durchgängigen Planwirtschaft) als Grundlage einer auch moralisch wertvollen Wertschöpfung auffasst“ (321). Dass in der Bereitstellung bezahlbaren Wohnraums keine Planwirtschaft so sehr versagen kann wie gegenwärtig der „freie Markt“, blendet Gabriel einfach aus.

In einer arg vereinfachenden Gegenüberstellung lehnt er den Konservatismus wegen dessen ungerechter Umverteilung von unten nach oben ebenso ab wie den Sozialismus, dessen Umverteilung von oben nach unten nicht minder ungerecht sei. Gerechtigkeit verbürge dagegen der Liberalismus (351).

In seinen Vorstellungen von Eigentum, Liberalismus, Vertrag und Kapitalismus sieht man, was Gabriel nicht reflektiert und deshalb einfach übergeht. Nicht zufällig waren Väter des Liberalismus wie Locke und Jefferson Apologeten der Sklaverei. Denn die wichtigste Freiheit ist für jeden (ob Ordo-, Neo-, tatsachenbasierten oder sonstigen) Liberalismus, die unternehmerische Freiheit, sich die Arbeitskraft anderer Menschen anzueignen. Sklaverei ist das Ursprungsparadigma dieser Verwendung von Menschen, als wären sie Dinge. In der kapitalistischen Lohnarbeit geschieht diese Verdinglichung nicht durch Gewalt, sondern mit Geld. Wer reich genug ist (egal, wie er zu diesem Reichtum gekommen ist), sich die Arbeitskraft anderer zu kaufen, die sonst nichts besitzen als diese Arbeitskraft, muss selbst nicht arbeiten, sondern lebt von der Arbeit anderer und vermehrt seinen Reichtum dadurch. Es geht um das „Ausgenommensein von Arbeit kraft der Verfügung über fremde“, so Adorno in Minima Moralia. Wer über genügend Eigentum (vulgo Reichtum) verfügt, isst sein Brot nicht im Schweiße seines Angesichts und fährt nicht einmal sein Auto selbst, sondern lässt sich vom Chauffeur fahren. Freilich hält er dabei die Verwaltung und Vermehrung seines Reichtums für Arbeit. Der „Torf, den mein Knecht gestochen“, weiß Locke, ist „mein Eigentum.“ Man kann das nun für moralisch in Ordnung halten – oder auch nicht. Wenn nicht, kann man es Ausbeutung nennen. Man könnte sogar die (irgendwann noch zu entdeckende) moralische Tatsache postulieren, dass man sich grundsätzlich nicht (egal ob mit Gewalt oder Geld) die Arbeitskraft anderer Menschen aneignen soll. Dass Gabriel dafür das nötige Erkenntnisvermögen und die Heuristik fehlen, versteht sich von selbst.

Die Aneignung fremder Arbeitskraft ist auch das Grundprinzip der liberalen Vertragsfreiheit, wie sie sich im Arbeitsvertrag geltend macht. Die vom politischen Liberalismus so hoch gehaltenen Freiheiten (Religions-, Meinungs-, Versammlungsfreiheit usw.) sind sekundär und camouflieren die primäre Freiheit der Aneignung fremder Arbeitskraft.

Was den Kapitalismus betrifft, kümmert sich Gabriel nicht um die Theorie von Karl Marx. Dessen Name dient ihm lediglich dazu, einen heute angeblich beliebten und an „Theoriemangel“ leidenden „Pauschalverdacht gegen den Kapitalismus“, dem „die vage Marx-Referenz als Autoritätsargument dient“ (360), abzuweisen. Definiert werde der Kapitalismus von seinen Kritikern „vor allem über versteckte Ausbeutung, illegitime Kapitalakkumulation, Wirtschaftskriminalität und Naturzerstörung“ (ebd.). Mit dem Wesen des Kapitals, das in der Selbstverwertung besteht, im tendenziell unaufhaltbaren Immer-mehr-werden, beschäftigt sich Gabriel nicht. Man muss ja durchaus kein Marxist sein, man muss nicht einmal Marx lesen, um dieses Wesen zu erkennen, man muss nur den Investoren, den Konzernvorständen, den Banken und Börsenakteuren usw. bei ihrem Schalten und Walten zusehen und die einschlägigen Zeitungen und Magazine lesen.

Profit, so Markus Gabriel, sei keineswegs (er zitiert dazu Colin Mayer) „das Ergebnis von Ausbeutung und damit Ergebnis einer Machtlücke, die sich dadurch auftut, dass diejenigen, die über investierbares Privateigentum verfügen, die Arbeitskraft anderer einsetzen können, um diese dann in Profit zu verwandeln“ (ebd.). Diese Formulierung trifft zwar den Sachverhalt ziemlich genau, aber Gabriel sagt einfach ganz dogmatisch: So ist es nicht. Denn „Profit bedeutet ursprünglich (von proficere) dasjenige, was nützlich ist, jemandem wohltut“ (ebd.). Die dabei übergangene Frage ist eben nur, wem der Profit wohltut. In erster Linie wohl dem Unternehmer resp. Aktionär, der sich qua „Machtlücke“ (d.h. qua Reichtum) die Arbeitskraft anderer kaufen kann. Zum Wesen von Kapital gehört nicht nur, dass es sich verwerten und mehr werden will, sondern auch, dass das in möglichst kurzer Zeit geschieht, weshalb technologische Innovationen von Fordismus und Taylorismus bis zur künstlichen Intelligenz von heute auf den Plan treten. Davon weiß Gabriel nichts. Ebenso wenig versteht er, dass das durch die Sklaverei in die Welt gekommene Prinzip der Verdinglichung von Menschen nicht dadurch aufhört, dass die fremde Arbeitskraft nicht mehr durch Gewalt, sondern durch Geld angeeignet wird. Lohnarbeit statt Sklaverei wird gemeinhin (sogar von Marxisten) als Fortschritt interpretiert. Man übersieht dabei jedoch, dass jede Form von Verdinglichung von Menschen und ihrer Arbeitskraft (wozu die Sklaverei der ursprüngliche Einstieg ist) eine nachhaltige Zerstörung gelingender Intersubjektivität bedeutet und eine grundlegend falsche Lebensform präjudiziert, aus der auch die Tatsache, dass irgendwann fremde Arbeitskraft nicht mehr durch Gewalt, sondern durch Geld angeeignet wird, nicht herausführt. Die Verdinglichung wird nur subtiler, umfassender, besser verborgen und undurchschaubarer, sodass sie gar nicht mehr wahrgenommen wird. Alles wird zu Ware, zu einem Ding gemacht, alles wird käuflich – und dieses ganze Unwahre (um mit Adorno zu reden) wird an allen Ecken und Enden als Freiheit ausgegeben. Die vom Liberalismus so hoch gehaltene unternehmerische Freiheit ist ein bloßes Verfügen über Menschen und Natur und wirkt sich letztlich immer zerstörerisch aus. Verfügt wird nicht nur über die Arbeitskraft; auch als Konsument wird der Mensch verdinglicht zum würdelosen Objekt der (auf Sozial- und Humanwissenschaften basierenden) Lifestyle-, Werbe- und sonstigen Manipulationsindustrie; an seiner Kaufkraft, einem Faktor in der auf endloses Wachstum ausgelegten gesamtwirtschaftlichen Rechnung, machen sich Status, Anerkennung und Selbstwertgefühl fest. Reichtum (Vermögen) gilt der liberalen Gesellschaft als erstrebenswert, wenn nicht gar als Ziel des Lebens – und damit einher geht wieder die Möglichkeit, von anderer Menschen Arbeit zu leben, andere zu verdinglichen. In der modernen Demokratie gilt diese misslingende Intersubjektivität als eine gute Gesellschaftsform.

Markus Gabriels eigene Definition des Kapitalismus geht so: „Der Kapitalismus ist ein loses Bündel seiner Bedingungen, die aber zusammen genommen kein System, sondern einen Haufen bilden, der von keinem übergeordneten Prinzip (und schon gar nicht von einer Menschengruppe, sei sie klein oder groß) zusammengehalten wird. Als dynamisches, offenes Ganzes sozioökonomischer Transaktionen ist er mithin an-archisch, was Teil der – letztlich irregeleiteten – Auffassung ist, die freiheitsfördernden Aspekte des Kapitalismus richteten sich prinzipiell gegen politische Herrschaft, sofern sie über einen gerade noch gerechtfertigten Minimalstaat hinausgeht“ (352). Zu dieser „extern“ genannten Bedingung kommen die „internen Bedingungen“, als da sind: „1. Die negative Freiheit vom Feudalismus durch positive Vertragsfreiheit. 2. Die negative Freiheit von der Planwirtschaft durch unkontrollierbare Märkte. 3. Die Existenz von kollektiv-institutionell gesichertem Privateigentum. 4. Damit Kapital investiert und reinvestiert werden kann, was Teil der Wertschöpfungskette ist, wird ein Bankensystem benötigt …“ (ebd.). Niemand bezweifelt das Erfordernis solcher Institutionen, aber sie alle können das Faktum des Wachstums nicht erklären. Dieses Verständnis von Kapitalismus ist also entscheidend unterbelichtet.

Des Weiteren greift Gabriel auf Martin Wolfs (The Crisis of Democratic Capitalism) Unterscheidung zwischen demokratischem und autoritärem Kapitalismus zurück, um sodann seine eigene Unterscheidung, zwischen autoritärem und ethischem Kapitalismus in den Raum zu stellen.

Leider muss man hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass Arbeitnehmer keinerlei Mitsprache bei Entscheidungen von Konzernleitungen über Investitionen, Stellenabbau, Werksschließungen, Werksverlagerungen ins Ausland usw. haben, um zu zeigen, dass der Ausdruck „demokratischer Kapitalismus“ ein so billiger wie unverschämter Euphemismus ist. Nirgendwo auf der Welt gibt es demokratischen Kapitalismus. Wozu diese Pseudounterscheidungen dienen, zeigt sich alsbald: „Dass der autoritäre Kapitalismus böse ist, erkennt man daran, dass er beabsichtigt, durch das erkennbare Tun des Bösen (wie Imperialismus, Kolonialismus, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, rücksichtlose Naturzerstörung, illegale Ausbeutung, Erpressung und viele andere Schandtaten) kurzfristigen Profit zu erwirtschaften. Der autoritäre Kapitalismus ist eine Ökonomie des Bösen und nicht nur eine ideologische Verblendung derjenigen, die von ihm profitieren“ (365). Realistischerweise muss man sich also die Frage stellen, ob es jemals einen anderen als den autoritären Kapitalismus und dessen Tun des Bösen gegeben hat. Dass er überwunden werden muss, ist für Gabriel klar. „Dass es den autoritären Kapitalismus zu überwinden gilt, ist eine moralische Tatsache, die sich als Handlungsoption der ökonomischen Sphäre erweist“ (364). Und nun hagelt es wieder Verheißungen: „Der ethische Kapitalismus betrachtet Wertschöpfung als ethisch und ökonomisch. Nachhaltige und tradierbare Wertschöpfung (im Unterschied etwa zum zufälligen Börsengewinn, der einem Zufallstreffer im Casino gleicht) ist kein Glücksspiel, sondern setzt eine Kenntnis menschlicher Bedürfnisse und Probleme voraus, die jemand mit unternehmerischen Mitteln lösen kann. Die dabei entstehenden, vorab unvorhersehbaren Probleme, die die Problemlösung erzeugt, lassen sich wieder unternehmerisch lösen, sodass sich im Idealfall eine Fortschrittsspirale ergibt“ (361). So weit, so naiv. Der Verbrennungsmotor im Pkw als unternehmerische Lösung des Bedürfnisses nach Mobilität hat nicht zu einer Fortschrittsspirale, sondern in die Klimakatastrophe geführt, für die auch die Elektromobilität keine moralisch einwandfreie Lösung ist, solange die dafür nötigen Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Mangan im Globalen Süden von Kindern in Sklavenarbeit mit den Händen ausgegraben werden.

„Der ethische Kapitalismus versteht Mehrwertproduktion somit nach einem freilich modifizierten Modell des höchsten Gutes, das Glückseligkeit (Präferenzbefriedigung) und Glückswürdigkeit (dank des Tuns des moralisch Guten) verschweißt“ (362). Hier also doch wieder mal Kant, obwohl dessen Vernunft längst für tot erklärt ist. Was bei Kant im Kanon der reinen Vernunft unter der Frage „Was darf ich hoffen?“ verhandelt wird, interpretiert Gabriel so: „Anders als Kant sich dies ausmalte, kann diese Synthese nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden. Eine irgendwie geartete karmische prästabilierte Harmonie, die bösen Profit abstraft und guten irgendwie belohnt, ist auch nicht intendiert“ (ebd.). Wenn man Kants höchstes Gut für den ethischen Kapitalismus einspannt, kann nur verqueres Zeug („Sankt-Nimmerleins-Tag“, „karmische prästabilierte Harmonie“ usw.) herauskommen. Dass Gabriel hier einfach Kants etwas primitives Verständnis von Glückseligkeit (in der Metaphysik der Sitten: „Daß es dir alles und immer nach Wunsch und Willen gehe.“) als „Präferenzbefriedigung“ abkupfert, ist enttäuschend, zumal sich hier mit der neueren Übersetzung von eudamonia als „gelingendes Leben“ ein Ansatz zu einer echten Ethik bieten würde, in der die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen des individuellen Lebens kritisch reflektiert und als einem Gelingen abträglich erkannt werden.

„Der ethische Kapitalismus“, heißt es weiterhin, „nimmt … an, dass das höchste Gut durch Freiheit sowohl erkennbar als auch erreichbar ist.“ Schön. Aber wie? „Es besteht demnach nicht darin, dass dasjenige, was jemand tut, um seine Präferenzen zu befriedigen, in irgendeiner Zeitdimension in einigen Fällen belohnt und in anderen Fällen bestraft wird. Vielmehr gibt es ein irreduzibel ethisches Erfolgsmaß, das ökonomische Handlungen (auf allen Skalen vom individuellen Konsum bis hin zum Großkonzern oder der Wirtschaftspolitik) bewertet“ (ebd.). Wie aber werden dieses ethische Erfolgsmaß und die durch es ermöglichten Bewertungen konkretisiert? Worin drückt es sich aus? In Zahlen, Raten, Quoten, Indizes? Wenn nicht in geldwerten Größen, wie dann? Gabriel weiß es nicht. Das „ethische Erfolgsmaß“ ist nur eine Schimäre, wie sie eben in einem „Sinnfeld“ jederzeit vorkommt. Und mit der contradictio in adjecto des „ethischen Kapitalismus“ kommt man schließlich wieder beim quadratischen Kreis an.

Da Gabriel das Wesen des Kapitalismus nicht begreift, kann er ohne Begriff nach Belieben dahinfabulieren. Und „eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein“, könnte man mit Goethe sagen. Das sich bei Markus Gabriel einstellende Wort ist „ethisch“, das heutzutage einen so guten Klang hat (nicht zufällig gibt es so viele „Ethik-Räte“) und sich einem nicht begriffenen Kapitalismus jederzeit ohne weiteres andichten lässt. Auf dessen „mutabor“ wird man allerdings vergeblich warten.

Den Abschluss des Buches bilden, ohne substantiell Neues zu bieten, die Abschnitte „Ökosozialer Liberalismus“ und „Progressive Politik und rationaler Widerstand“. Hier wird noch allerlei (vom Mutter-Kind-Verhältnis über personale Identität und deren Leiblichkeit, Religion und Heiligkeit, die Nicht-Gegensätzlichkeit von individueller und sozialer Freiheit bis hin zur politischen Polarisierung) aufgerafft, um den Leser mit der beruhigenden Note zu entlassen: „Die moralischen Tatsachen und die moralische Wirklichkeit, die aus ihnen besteht, sind nämlich keine Autoritäten, sondern sanfte Mächte, die uns das Gute zeigen, damit aber auch das Böse zulassen, ohne es freilich zu wollen oder auf irgendeine andere Weise zu befördern“ (385). Sanfte Mächte sind bekanntlich nicht weit von süßen Träumen.

Das Interessante an dem Buch ist, was der Autor alles ausblenden und ignorieren muss, um seine moralontologische Ideologie ausbreiten zu können. Eine Antwort auf die sinnvoll gestellte Frage, wie und von wem (von welchen Investoren, wenn nicht sowieso wieder mal ganz einfach von uns allen) all die netten und reizvollen Formulierungen Gabriels („Ideen“ wäre zu viel gesagt) konkretisiert und „umgesetzt“ werden sollen, bleibt Markus Gabriel – wie nicht anders zu erwarten – schuldig. Stattdessen läuft (um nicht zu sagen marschiert) er im Wahrheitsregime der liberal-bürgerlichen Demokratie mit und schwadroniert mit den Wörtern frei, gerecht, sozial usw. herum wie Politiker im Wahlkampf. Dass auch im hoch gelobten Herrschaftsmodell Demokratie das Ressentiment eine herausragende Rolle spielt, versteht er – obwohl es in jedem Wahlkampf als Ressource dient – so wenig wie die Tatsache, dass dieses Herrschaftsmodell seine Versprechen (Selbstbestimmung, Aufstieg, Glück etc.) nicht einlösen kann und an dieser Unmöglichkeit scheitert. Weder für die allumfassende, teils offene, teils verdeckte Verdinglichung in der modernen Gesellschaft noch für die auch im Kapitalismus notwendige Sklaverei an seiner Peripherie (also im Globalen Süden) hat er einen Blick. Auch ein akademischer Philosoph könnte wissen, dass die unteren Schichten in den Staaten des liberal-demokratischen Kapitalismus ihre Kleidung nur deshalb so billig kaufen können, weil diese in der Dritten Welt in Sklavenarbeit von Menschen hergestellt wird, die somit den Preis für den sozialen Frieden hierzulande bezahlen. Markus Gabriel erwähnt zwar Lieferketten, aber über die Frage, weshalb europäische Unternehmer gegen das vor nicht langer Zeit beschlossene und dann wieder (so gut wie) abgeschaffte „Lieferkettengesetz“, das kapitalistische Unternehmen auf die Beachtung von Menschenrechten nicht nur im eigenen Land verpflichten wollte, ihren Lobbyeinfluss zum Einsatz brachten (Tenor: Einhaltung von Menschenrechten ist ein Wettbewerbsnachteil, den wir uns nicht leisten können), schweigt er sich aus. An den ganz konkreten Fragen, die Gabriels Moralphilosophie, obwohl sie eine „konkrete Ethik“ sein will, gar nicht auf dem Bildschirm hat, erkennt man, warum sich die endlosen Phrasen vom ethischen Kapitalismus mit so unendlich viel Versatzstücken aus der abendländischen (darüber hinaus asiatischen) Philosophie umgeben müssen. Etwas zu „hinterfragen“ hält Gabriel für „eine Einstiegsdroge in die Verschwörungstheorie“ (383), deshalb hält er sich lieber die Augen zu. Einige „Fehlstellungen“ des Kapitalismus benennt er, aber die sind durch „sanfte Mächte“ überwindbar.

Nicht einmal die „handelsüblichen Gedankenexperimente“ wie etwa das von John Rawls und das von Harry G. Frankfurt (Dieses gibt er sogar in eigenen Worten leicht umgedichtet und noch absurder als das Original wieder) hinterfragt er daraufhin, ob sie wirklich überzeugen. Sie tun es nicht. Aber weil er nicht hinterfragt, weiß er es nicht.

Typischerweise konstatiert das Buch nur eine „dunkle Aufklärung“, bietet aber keinerlei Ansatz für ein Verstehen der gegenwärtigen (politischen, ökonomischen und ökologischen) Entwicklungen und ihrer Ursachen; das liegt an seinem hartnäckigen – für einen Philosophen ungewöhnlichen – Nicht-Wissen-Wollen. Denn am Ende will Markus Gabriels Buch ja vor allem eine (das Wort „ethisch“ missbrauchende) verheißungs- und wortreiche prokapitalistische PR-Kampagne eines philosophierenden liberalen Influencers sein. Mehr nicht. Seriöse Philosophie geht anders.

Lotter – zur Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV.

Konrad Lotter


Anmerkungen zur Enzyklika „Magnifica Humanitas“

Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz von Papst Leo XIV.

I.

Die Namen, die sich Päpste selbst geben, sind nicht zufällig, sondern beinhalten ein Programm. Sie ordnen sich damit in die Geschichte des Papsttums ein und setzten das Werk des so gewählten Namensvorgängers fort. Wie die erste Enzyklika von Leo XIV. Magnifica humanitas („Die großartige Menschheit“) zeigt, bedeutet die Wahl seines Namens sogar mehr als das. Leo XIII. bezeichnet für ihn eine Zäsur und einen Wendepunkt. Vor dem Jahr 1891, in dem er seine Enzyklika Rerum novarum („Vom Geist der Erneuerung“) veröffentlichte, dominierte ein antimodernes, menschenfeindliches und, in diesem Sinne, dummes Papsttum. In der Zeit danach gewann dagegen mit der Fortentwicklung der katholischen Soziallehre eine moderne, weltoffene und der Geschichte zugeneigte Richtung an Einfluss.

Ihren Höhepunkt erlebte das dumme Papsttum 1864 mit der Enzyklika Syllabus errorum („Verzeichnis der Irrtümer“), mit der sich Papst Pius IX. gegen besseres Wissen sträubte, die Vorurteile des Mittelalters gegen die Aufklärung verteidigte und sich dem „Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“ entgegenstellte. Unter anderem bekämpfte er darin die Proklamation der Menschenrechte, in denen mit der Freiheit von Wissenschaft und Religion auch die Trennung von Staat und Kirche gefordert wurde. Leo XIV. erklärt die angeprangerten „Irrtümern“ nun seinerseits kurzerhand zu einem Irrtum. Im Gegensatz zur Absicht von Pius IX., Staat und Kirche wieder zu einer Einheit zu verbinden, besteht er (im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil) auf der Trennung beider Institutionen und einer Kirche, die sich nicht mehr anmaßt, „die Aufgaben zu übernehmen, die dem Staat obliegen“ (24). Im Gegensatz zu Pius IX., der die Menschenrechte erbittert als ein Werk des „Antichristen“ bekämpfte, erklärt Leo die Menschenrechte (im Anschluss an Johannes Paul II.) zu einem „wahren Meilenstein auf dem Weg des moralischen Fortschritts der Menschheit“ (55) und räumt den Menschen überraschend das „universale und unveräußerliche“ Recht ein, sich ihre Religion selbst zu wählen.

Nicht genug damit. Zu den „Irrtümern“ der Aufklärung zählte die Kirche offenbar auch deren Ächtung der Sklaverei, die stillschweigend geduldet wurde. Erst in den Jahren 1888/89 fand eine „formale, absolute und universale Verurteilung der Sklaverei“ (141) statt, was Leo ebenfalls seinem Namens-Vorgänger als Verdienst anrechnet. Ihm selbst scheint es (im Jahr 2026) an der Zeit und angebracht zu sein, die betroffenen und längst verstorbenen Menschen und Völker wegen der durch das Fehlverhaltens der Kirche verursachten Schmerzen und Demütigungen „aufrichtig um Vergebung“ zu bitten (142).

II.

Durch die Abkehr von der Dummheit entstehen zwar intelligente, aber noch keine guten Menschen. Dazu gehört noch mehr, nämlich ein guter Wille, der sich im Fall der Päpste in der Abfassung menschenfreundlicher Sozial-Enzykliken niedergeschlagen hat. An ihre Geschichte erinnert Leo XIV. nicht nur, weil er sich dieser Tradition zugehörig begreift, sondern auch, weil er diese Tradition fortsetzen und bereichern möchte. An ihrem Anfang steht die bereits genannte Enzyklika Rerum novarum. Sie bildet den Grundstein der katholischen Soziallehre und handelt von der „Würde der Arbeit und des Arbeiters“, klagt „das Recht auf einen gerechten Lohn“ ein und räumt dem Menschen den „Vorrang vor Kapital und Arbeit“ ein (33). Davon ausgehend werden in späteren Enzykliken weitere soziale Themen angesprochen, die die katholische Soziallehre – entlang der „Herausforderungen der Zeit“ (47) – weiterentwickelt und vervollständigt hat:

Quatrogesimo anno (1931 von Pius XI.) etwa prangert „die Konzentration der Wirtschaftsmacht in den Händen weniger“ an. Mater et magistra (1961 von Johannes XXIII.) kritisiert die „wachsende Ungleichheit“ zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern und propagiert eine neue (globale) „Ordnung“ des Zusammenlebens. Populorum progressio (1967 von Paul VI.) erweitert den Friedensauftrag der Kirche und verbindet „Frieden“ mit der ungehinderten Entwicklung der eigenen Fähigkeiten, nicht nur der Individuen, sondern auch der Völker der „Dritten Welt“. Centesimus annus (1991 von Johannes Paul II.) feiert – zwei Jahre nach dem Kollaps des Realen Sozialismus – die liberale Demokratie und die soziale Marktwirtschaft. Laudato siʼ und Fratelli tutti (2015 und 2020 von Franziskus) verurteilen die Armut des globalen Südens und die ökologischen Schäden der Umwelt, fordern „Klimagerechtigkeit“ und klagen über die Abschottung der reichen Länder gegenüber Migranten.

Haben die Enzykliken irgendwelche sozialen Fortschritte und Besserungen bewirkt? Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Die angeprangerte Konzentration der Wirtschaftsmacht in den Händen weniger hat immer größere Dimensionen angenommen; wie in Russland herrschen auch in den USA und anderen Ländern kleine Cliquen von milliardenschweren Oligarchen. Statt die „Dritte Welt“ in ihrer nachholenden Entwicklung zu fördern, haben die Mitgliedsländer der OECD die Entwicklungshilfe von 223,9 Milliarden US-Dollar (2024) auf 174,3 Milliarden (2025) gekürzt. Statt Frieden scheint der Krieg als Dauerzustand institutionalisiert, offenbar als gutes Geschäft für die Rüstungsindustrie: Seit 11 Jahren sind die weltweiten Militärausgaben kontinuierlich auf zuletzt 2,9 Billionen US-Dollar (2025) gestiegen. Nicht die liberale Demokratie und die soziale Marktwirtschaft haben sich seit dem angeblichen „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) durchgesetzt; stattdessen sind rechtsradikale und fundamentalistische Parteien auf dem Vormarsch. Sozialleistungen werden unter dem Einfluss neoliberaler Wirtschaftspolitik gekürzt. Der drohenden Umwelt- und Klimakrise wird immer weniger entgegeggesetzt, der Zeitpunkt der angestrebten Klimaneutralität immer weiter nach hinten verschoben, nicht zuletzt aus Unterwürfigkeit gegenüber Donald Trump, der Windräder und Sonnenpaneele hasst und amerikanisches Fracking-Öl und -Gas verkaufen will.

Ein Scheitern der katholischen Soziallehre auf der ganzen Linie! Die Päpste zeigen mit ihren Sozialenzykliken nur, dass sie guten Willens sind. Von Hegel freilich hätten sie lernen können, dass „die Lorbeeren des guten Willens niemals gegrünt haben“. Bewundernswert ist allerdings der Realismus Leos XIV., der dieses Scheitern an verschiedenen Stellen seines Buches einräumt und das Scheitern vieler Versuche, den „wirtschaftlichen Rückstand der armen Völker aufzuholen“ (42), oder das Scheitern der Friedensbemühungen angesichts der Macht der Rüstungskonzerne (155 ff.) selbst zur Sprache bringt. Realistische Gedanken darüber, woran dieses Scheitern liegen könnte, macht er sich allerdings keine. Symptome werden benannt und angeklagt, die Ursachen – bedauert wird nur eine mangelnde „Zivilisation der Liebe“ – bleiben im Vagen. Am Privateigentum halten die Soziallehre und Leo XIV. gleichermaßen fest, wobei zwischen dem Privateigentum an den Produktionsmitteln, das die private Aneignung des gesellschaftlich erzeugten Mehrwerts ermöglicht, und dem Privateigentum an dem Haus, das jemand selbst bewohnt, nicht differenziert wird.

Neben der Würde des Menschen, dem Gemeinwohl, der Subsidiarität und der Solidarität steht die Gerechtigkeit im Wertesystem der Soziallehre an erster Stelle. Gerechtigkeit soll verwirklicht werden und zur Herrschaft gelangen. Nicht zur Kenntnis nimmt Leo dabei, dass Gerechtigkeit doch längst, seit über 200 Jahren, verwirklicht und zur Herrschaft gekommen ist: selbstredend in ihrer kapitalistischen Form. Früher herrschte die feudale Gerechtigkeit, bei der die Leibeigenen zur Scholle gehörten, dem Landesherrn den „Zehnten“ schuldeten und die Handwerker rigiden Zunftordnungen unterstellt waren. Unter kapitalistischen Verhältnissen wurden die Arbeiter frei und können selbst entscheiden, wem sie ihre Arbeitskraft verkaufen wollen. Auch die Käufer sind frei und konnen die Arbeitskraft kaufen, wenn sie ihnen nützlich ist und sie Gewinn daraus erzielen können – oder dem Arbeiter kündigen, wenn das nicht mehr der Fall ist. Aus dieser Freiheit, verbunden mit dem (von der Soziallehre akzeptierten) Privateigentum an den Produktionsmitteln, das den Kapitalisten in die Lage versetzt, die Arbeitskraft zu kaufen, sind eben die Probleme entstanden, die die Soziallehre anprangert: allen voran die Konzentration des Kapitals und der Wirtschaftsmacht oder die wachsende Kluft zwischen Reichtum und Armut.

Natürlich strebt Leo XIV. nach einer „höheren“, nicht kapitalistischen Form der Gerechtigkeit. Dem Arbeiter soll der „Vorrang vor Kapital und Profit“ (33) eingeräumt werden. Der Unternehmer soll ihm also nicht gleich kündigen, wenn er keine Aufträge hat, sein Kapital also nicht verwerten und damit keinen Gewinn aus der gekauften Arbeitskraft ziehen kann. Das wäre freilich nur der Weg, um den Unternehmer in Konkurs zu treiben. Kein Zweifel: Die Arbeitnehmer sind heute durch Kranken-, Unfall-, Renten- und Arbeitslosenversicherung besser abgesichert, als sie es zur Zeit der Enzyklika Rerum novarum im 19. Jahrhundert waren. Das ist freilich ein Verdienst der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, denen Bismarck, aus Angst vor einem Sieg der Sozialdemokratie, entgegengekommen ist, und 1883 bis 1889 die Sozialgesetzgebung eingeführt hat. Leo XIII. ist mit seiner Enzyklika dieser Entwicklung nur hinterhergerannt.

III.

Nach der Abkehr von der antimodernen, menschenfeindlichen und dummen Ausrichtung früherer Päpste und der Geschichte der katholischen Soziallehre (samt ihrem Scheitern) behandelt Leos Enzyklika Magnifica humanitas ein drittes Thema, auf dem ihr eigentlicher Schwerpunkt liegt. Es geht um die Fortentwicklung der Soziallehre unter den technischen Bedingungen der Gegenwart und, wie es im Untertitel heißt, um die „Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“. Leo entfaltet darin ein ganzes System von Gefahren der KI, das von psychischen Schäden der User (intellektuelle Trägheit, Suchtverhalten), über ökologische Folgeerscheinungen (hoher Energie- und Wasserbedarf der Rechenzentren mit entsprechendem CO2-Ausstoß und Klimaschäden), die Verzerrung zwischenmenschlicher Kommunikation (Mobbing, Ausgrenzung, Cyber-Kriminalität) bis zu menschenunwürdigen Formen der Arbeit (Prekariat, Kinderarbeit bei undurchsichtigen Lieferketten, „neue Sklaverei“) führt. Am Ende warnt er vor dem Transhumanismus, der Gottes Werk, die Erschaffung der „großartigen Menschheit“ nach seinem Ebenbilde, durch die Erschaffung von „Hybriden aus Mensch und Maschine“ (97) „verbessern“, aber eigentlich zunichte macht.

Die gegenwärtig größten Gefahren der KI sieht Leo in der Manipulation von Fakten und der Verbreitung von Lügen. Wahrheit verliere so ihre verbindende Kraft und führe (wie er Hannah Arendt zitiert) „zu einem langsamen aber unaufhaltsamen Abgleiten zum Totalitarismus“ (112). Weiterhin bietet die KI die Möglichkeit, massenhafte Daten ihrer Nutzer abzugreifen, zu „Profilen“ zu verdichten, die Menschen wie noch nie zuvor zu überwachen und in ihren Entscheidungen (als Konsumenten oder Wähler) zu beeinflussen. (137). Zuletzt verbreiten sich auch noch die Risiken durch mögliche Fehler autonomer Waffensysteme, denen die Entscheidung über militärische Aktionen übertragen wurde.

Leos Kritik gehen in Richtung Silicon Valley: Die „Machtkonzentration in der digitalen Welt“ ist weder mit der „unveräußerlichen Würde des Menschen“ noch mit dem „Gemeinwohl“ zu vereinen (84). Die KI müsse der „Logik des …Wettbewerbs“ entzogen werden. Es reiche nicht aus, sie durch den Staat „zu regulieren“, sie „muss entwaffnet … werden“ (95). Starke Worte und berechtigte Forderungen, bei denen allerdings der Hinweis auf die Möglichkeit einer Enteignung der Tech-Giganten außer Acht bleibt. Auch die Möglichkeit der Verwaltung der IT-Konzerne durch unabhängige Institutionen, deren Ausrichtung auf das „Gemeinwohl“ transparent ist und überprüft werden kann, wird nicht in Erwägung gezogen. Am Privateigentum rüttelt, wie schon gesagt, weder Leo XIV. noch die katholische Soziallehre. Auf diese Weise wird die Ursache vieler Missstände beibehalten, die durch moralische Appelle beseitigt werden sollen.

Im Besonderen richtet sich Leos Kritik am Silicon Valley gegen den Marktradikalismus der Neoliberalen, deren Thinktanks wie etwa dem einflussreichen Ludwig von Mises Institute, Center for Libertarian Studies die Tech-Giganten nahestehen, da sie im „freien Markt“ die Garantie ihrer wirtschaftlichen Macht besitzen. „Im Zeitalter von KI und Robotik“, schreibt Leo, ist es nicht mehr möglich, sich „allein auf die ‚unsichtbare Hand‘ des Marktes zu verlassen“. Auch hier, in wirtschaftlicher Hinsicht, spricht er dem Staat die Aufgabe zu, „die wirtschaftlich-technischen Dynamiken auf das Gemeinwohl auszurichten“ (132). Das ist, wie er klar sieht, nicht ohne „internationale Zusammenarbeit“ und eine staats-übergreifende Verständigung auf „gemeinsame Strategien“ möglich. Einzelne Namen nennt Leo XIV. nicht; es ist jedoch klar, wen er mit seiner Kritik meint. Der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Hermann Hoppe, der einflussreiche Blogger Curtis Yarvin oder der Investor Peter Thiel huldigen einhellig der Meinung, dass Freiheit – ihre Freiheit – nicht mit Demokratie zu vereinen sei, dass die Fortschritte der Technologie durch demokratische Vorgaben (wie Datenschutz, Wettbewebsrecht, Schutz des geistigen Eigentums, Kinder- und Jugendschutz u.a.) behindert werden, dass Demokratie infolgedessen abgebaut werden sollte. Vor allem bekämpfen sie überstaatliche Organisationen, von denen sie Kontrolle und Einschränkungen ihrer Wirtschaftsmacht befürchten. Ihre politischen Vorstellungen gehen stattdessen dahin, die bestehenden Staaten zu zerschlagen und in Aktiengesellschaften zu verwandeln, bei denen CEOs an die Stelle gewählter Präsidenten treten. Indem sich Leo diesen Tendenzen entgegenstellt, schließt er sich den Bestrebungen von Jürgen Habermas oder Hans Jonas an, die versucht haben, die Herrschaft der Demokratie über die verselbständigte Technik zurückzugewinnen: nicht allerdings durch Kommunikation und die Macht der öffentlichen Meinung (wie Habermas) oder die an Kant orientierte Ethik der Verantwortung (wie Jonas), sondern durch die katholische Soziallehre.

Auf keinen Fall möchte Leo den Eindruck erwecken, seine Kritik an den unheilvollen Begleiterscheinungen der KI und den politischen Vorstellungen ihrer Entwickler erstrecke sich auch auf die KI selbst. Er möchte nicht als Technikfeind angesehen werden. Vielmehr bezeichne die KI ein „wertvolles Hilfsmittel“, das aber „Vorsicht erfordert“ (87). Im Gegensatz zu den vielen Nebenwirkungen, die er benennt, sind Beispiele, wofür die KI als „wertvolles Hilfsmittel“ dienen könnte, in der Enzyklika allerdings kaum zu finden. Dominant ist vielmehr die Kritik an der zunehmenden Macht des „technologischen Paradigmas“, das alle persönlichen, politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen dem Maßstab „der Effizienz, der Kontrolle und des Profits“ unterwirft (82). Die Technik habe sich dem Menschen gegenüber verselbständigt, führe ein Eigenleben, erniedrige die „großartige Menschheit“ und mache sie zu „Opfern ihrer eigenen Errungenschaften“. (83) Dieses Argument ist nicht neu; es ist seit Marx bekannt und zu einem Stereotyp der Technikkritik geworden. Im Gegensatz zu Leo hat Marx allerdings die Genese der genannten Entfremdung detailliert dargestellt und damit die Ursachen der Entfremdung benannt. Sie sind es letztlich, die beseitigt werden müssten, wenn das „Gemeinwohl“ die Herrschaft über die Technik erringen soll.

Schmidgen – Maschinische Normativität

Henning Schmidgen

Maschinische Normativität

Über Leben und Technik im digitalen Kapitalismus nach Félix Guattari

Pb., 206 Seiten, 39,- €; E-Book (pdf), Open Access

Bielefeld 2026 (transcript Verlag)

von Andreas Köpke

„Menschen sind Lebewesen, die sich selbst hervorbringen, bis hin zu ihren Werkzeugen und Organen. Im Zusammenwirken mit diesen bestimmen sie aktiv die Normen, nach denen sie leben wollen. Ihre Lebensformen sind ihre Lebensnormen“ (204). Mit diesen Sätzen beschließt Henning Schmidgen, Medienphilosoph an der Weimarer Bauhaus-Universität, sein aktuelles Buch „Maschinische Normativität“. Starke Worte, gerade in Zeiten eines sich explosionsartig im Windschatten der von ihm entfesselten KI ausbreitenden digitalen Kapitalismus.

„Maschinische Normativität“ ist eine leidenschaftliche Streitschrift voller Suchbewegungen für eine dringend erforderliche Selbstvergewisserung angesichts der KI-Revolution. Es geht Schmidgen um nicht mehr und nicht weniger als darum, dass wir die Normen, nach denen wir leben wollen, auch und gerade im Umgang mit KI selbst bestimmen – im Kleinen wie im Großen, kurzfristig und täglich neu, etwa im Umgang mit ChatGPT, Copilot, Gemini, Claude usf., sowie langfristig in grundlegender Perspektive. Schmidgens Text setzt sich dabei wohltuend von jenem dystopisch-apokalyptischen Untergangsgeraune ab, wie es etwa Asma Mhalla in „Cyberpunk. Das neue totalitäre System“ (2026) anstimmt und damit das französische wie deutsche Feuilleton in Wallung versetzt.

Mit seinen Analysen begibt sich Schmidgen mitten hinein in jene ambivalent-paradoxale Problemkonstellation, wonach digitale Technologien, allen voran KI, einerseits als das Leben ihrer Nutzer:innen produktiv unterstützende Techniken wahrgenommen werden, sich andererseits aber auch als von unersättlichem Datenhunger getriebene, energieintensive, algorithmengesteuerte, zunehmend ein Eigenleben ausbildende Instrumentarien erweisen, die steuernd, kontrollierend unseren Alltag mehr und mehr dominieren. An dieser Scharnierstelle setzt Schmidgen an, eruiert Möglichkeiten für einen selbstbestimmten und kreativen Umgang mit diesen Technologien. Das Ausgangsplateau hierfür findet er in den Arbeiten des französischen Philosophen, Psychoanalytikers und leidenschaftlichen Kommunisten Félix Guattari (1930-1992), jenes im Schatten von Deleuze, Derrida, Lyotard und Foucault gern übersehenen Denkers des französischen Poststrukturalismus.

Grundlegend für die Arbeiten Guattaris ist die marxistische Auffassung, dass Menschen und Maschinen untrennbar miteinander verwoben sind. Doch statt dieses Zusammenwirken schlicht, etwa im Sinne von Donna Haraways „Cyborg“ (1985), zu konstatieren, geht es Schmidgen mit Guattari darum, Maschinen und also gerade auch KI zur Entfaltung neuer ökologischer, emanzipatorischer und sozialer Lebensformen einzusetzen:„Deswegen betrachtet Guattari die Verkopplungen von Menschen und Maschinen auch nicht einfach unter Gesichtspunkten der Rationalisierung und der Effizienzsteigerung, mithin der Profitmaximierung. Im Vordergrund stehen nicht Fragen der Ergonomie, des Managements oder des ‚relativen Mehrwerts‘. Zentral ist vielmehr das Problem, wie der ‚Umgang mit Maschinen‘ zur selbstbestimmten Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens beitragen kann – oder wie er ihm entgegensteht“ (9).

Seinen Ausgangspunkt findet der Maschinismusbegriff Guattaris in dessen jahrzehntelanger Tätigkeit in der reformpsychiatrischen Klinik La Borde in Cour-Cheverny nahe Blois, die er von 1955 bis zu seinem Tod 1992 maßgeblich prägte. Im Zentrum seiner dortigen Arbeit standen zahlreiche Bemühungen, welche auf die Partizipation der Patient:innen abzielten: „Neben der Mitarbeit in der Verwaltung, der Übernahme von Telefon- und Fahrdiensten sowie helfenden Tätigkeiten in Küche, Wäscherei und Apotheke beinhaltete dies vielfältige Angebote, die eine selbständige Nutzung von Medientechniken ermöglichten, beispielsweise von Schreibmaschinen, von Tonbandgeräten sowie von Photo- und Filmkameras“ (11). Die eigenaktive Nutzung solcher Medienmaschinen diente dazu, dass die Patient:innen ihre Alltags-, Lebens- und Subjektstrukturen in La Borde selbstbestimmt (re-)organisierten, etwa mit Hilfe einer eigenen Zeitung, von Kunst-, Theater- und Filmprojekten, was Schmidgen anhand einiger Fotografien zu den dortigen Filmarbeiten René Laloux‘ und Guattaris illustriert. Diese Erfahrungen bilden die Grundlage für Guattaris Maschinismus, den er in seinen diversen Arbeiten zu Kino, Kunst, Architektur, Ökologie usf. ausbaut, worüber Schmidgen ausführlich wie kenntnisreich informiert und diesem wie seinem eigenen Projekt einer maschinischen Normativität so Form und Format verleiht.

Spätestens an dieser Stelle wird ein zweiter französischer Denker für „Maschinische Normativität“ bedeutsam. Die Rede ist von Georges Canguilhem (1904–1995), dem Mediziner, Philosophen und Résistancekämpfer, der u. a. Foucault, Derrida, Deleuze, Bourdieu stark prägte. Richtungsweisend für Schmidgen ist Canguilhems biologisch-sozialer Normativitätsbegriff, wonach Leben inhärent normativ ist, was nicht weniger bedeutet, als dass Lebewesen ihre Umwelt nach eigenen Regeln und Maßstäben aktiv gestalten. Ein derart perspektiviertes Verständnis von Technik „als umweltgestaltende[m] Handeln“ (12) ist leitfigürlich für Schmidgens maschinische Normativität. Letztere bezeichnet demnach die biologisch-soziale Kompetenz, das Wirkgefüge zwischen Mensch und Maschine zur selbstbestimmten Gestaltung unseres Lebens einzusetzen. Hinsichtlich des digitalen Kapitalismus zielt maschinische Normativität auf einen Gebrauch von KI, der den Formen und Normen unseres Lebens folgt, was Schmidgen im Rückgriff auf Guattari beispielhaft als eine Praxis existentiellen Experimentierens anskizziert. Guattari geht es insofern um „echte Prozesshaftigkeit, eine tiefgehende und dauerhafte Verschränkung von Experiment und Existenz …, um das existenzielle Experimentieren ebenso wie das experimentierende Existieren“ (76), welche ihren normativen Kompass eben in der emanzipatorisch-experimentellen Verwendung von Maschinen finden.

Die Befreiung aus den Zwängen, Unterwerfungs- und Kontrollmechanismen digitaler Infrastrukturen erfordert genau dies – mutige, von Neugier und Kreativität getragene Akte der Selbstermächtigung, was Schmidgen plastisch vergegenwärtigt: „Unter den Bedingungen fortgeschrittener digitaler Medientechnik ist die überwiegende Mehrzahl von Texten und Bildern, die uns betrachtet, uns am Ärmel zieht und sich wie ein Saugnapf an uns heftet, letztlich darauf ausgerichtet, Kommerzialisierung und Kontrolle weiter voranzutreiben. Umso dringender wird es, dieser Gegenwart durch existenzielles Experimentieren und experimentierendes Existieren zu widerstehen“ (81).

„Maschinische Normativität“ ist ein mutmachender Weckruf, KI & Co. nicht nur als Kontrollinstrumente anonym-multinationaler Konzerne zu kritisieren, sondern sie durch einen existentiell-experimentellen Gebrauch für die Entwicklung neuer ökologischer, emanzipatorischer, solidarischer Lebensformen zu nutzen und so den digitalen Kapitalismus maschinisch-normativ zu begrenzen, im günstigen Fall ein Stück weit zu transformieren.

Hier lässt sich weiterdenken, hieran lässt sich anknüpfen. Schmidgens Streitschrift hätte vielleicht noch mehr gewonnen, wenn er den existentiell-experimentellen Gebrauch von Maschinen, insbesondere KI, weiter konkretisiert, mit Beispielen unterlegt hätte – fraglos keine leichte Aufgabe. Eine Herausforderung, der wir uns alle stellen sollten. Die Grundlagen hierfür hat Schmidgen mit „Maschinische Normativität“ allemal gelegt.

Tatjana Schönwälder-Kuntze – ‚Selbst‘-Portrait

Tatjana Schönwälder-Kuntze (geb. in München) hat in Philosophie, Logik und Wissenschaftstheorie sowie in Psychologie promoviert. 2007 habilitierte sie sich in Philosophie und ist seit 2014 außerplanmäßige Professorin für Philosophie an der Ludwig- Maximilians-Universität München.

Tatjana Schönwälder-Kuntze

‚Selbst‘-Portrait

Was ist ein Werk? Was ist ein Autor? Gibt es einen roten Entwicklungsfaden zum Hier und Heute im Leben der Menschen im Allgemeinen und in dem der Wissenschaftlerin im Besonderen? Diese identitätskritischen Fragen an Identität stiftende Verfahren stellen sich mir ausnahmsweise nicht theoretisch, sondern aktuell, weil ich aufgefordert bin, für den Widerspruch ein ‚Selbstporträt’ zu verfassen. Da mein Interesse an der Philosophie bislang vor allem gesellschafts- und subjektkritischen Positionen gilt, sollte ich ein paar Antworten auf diese Fragen zur Hand haben …

Mit Jean-Paul Sartre und Michel Foucault könnte beispielsweise gesagt werden, dass die geforderte Porträtierung ein Narrativ ist, das nicht nur jederzeit aus der Position der Gegenwart möglich ist, sondern auch einen gegenwärtig nicht zu unterschätzenden Zweck zu erfüllen vermag. Selbstdarstellungen dienen aus deren Perspektive nämlich nicht nur der nachträglichen oder retrospektiven Sinnfindung im eigenen Lebensweg, sondern zugleich der Identitätsbildung, so dass neben der Selbstlegitimationspraxis auch noch der Forderung nachgekommen wird, die Porträtierte als autonome Herrin über das eigene Gewordensein und zugleich als berechenbaren Vertragspartner in einer unberechenbaren Welt auszuweisen. Fragt man also dekonstruktiv nach den Denkvoraussetzungen einer solchen Aufforderung zum Selbstporträt, dann zeigt sich darin ein Instrument zur Identitätsbildung schlechthin und diese wiederum die uneingeschränkt vorausgesetzte Notwendigkeit, überhaupt eine narrativierbare Identität aufweisen zu können. In diesem Sinne würde Judith Butler antworten, dass wir zwar – aus den genannten Gründen – einem sozio-kulturellen und damit historisch gewordenem Zwang zur Selbst-Narration unterliegen, dass wir diesem aber nur vermeintlich gerecht werden können, weil ‚unser Selbst’ immer vor allem von anderen abhängig ist und formiert wird und es vielleicht überhaupt nur in Erscheinung tritt, weil andere von uns solche Selbsterzählungen und -darstellungen fordern und so das erzählende und zu erzählende ‚Selbst’ erst generieren.

Was bedeutet das aber in Bezug auf die vorliegende konkrete Erwartung, der Aufforderung, eine solche Erzählung über mich zu verfassen, nachzukommen? Zunächst den Widerspruch auszuhalten und trotz besseren Wissens um das dreifache Nichtzutreffen des Genres ‚Selbstporträt’ – es gibt weder das autonome ‚Selbst’, das von sich aus porträtieren wollte, noch ein fixes Selbst, das nur porträtiert zu werden brauchte, und es wird auch nicht gezeichnet – ein solches dennoch zu ‚skizzieren’, und zwar so, wie es mir aus der heutigen Perspektive retrospektiv erscheint.

Warum habe ich ausgerechnet Philosophie studiert und nicht Jura, wie ich es mir während der Schulzeit erträumt hatte? Weil sie mich von Anfang an herausgefordert hat mit ihrer Hinterfragung der scheinbaren Selbstverständlichkeiten des Alltags und ihren merkwürdigen Themen? Weil sie dem Fragen einfach keine Grenzen setzt, ohne deshalb undiszipliniert auszuschweifen, und sich meist nicht mit Einzelheiten zufrieden gibt, sondern das Ganze in den Blick nehmen will? Weil sie sich nicht mit Zufälligkeiten, sondern mit dem profunden Ganzen und dem Prinzipiellen beschäftigt?

Wenn ich mich frage, wie ich zu diesem ‚Orchideenfach’ gekommen bin, dann lautet die Antwort wie folgt: Nach dem Abitur an einem Münchner Mädchengymnasium mit den Leistungskursen Geschichte und Mathematik fing ich zunächst an, Neuere und Neueste Geschichte zu studieren, weil ich dort zu erfahren glaubte, wie das, was uns als gottgegebene und unausweichliche Normalität und Realität erscheint, eigentlich geworden ist. Philosophie wagte ich ebenso wie Psychologie nur als Nebenfach zu wählen. Das Studium der Geschichte war mir dann aber zu langweilig, weil zu detailversessen in Bezug auf das Konkrete, während mich die Philosophie vor allem in der Person Peter Reisingers immer mehr faszinierte: Da saß ich in der Vorlesung über Modelle des Absoluten bei Spinoza, Hegel und Schelling, hörte meine eigene Sprache und stellte erstaunt fest, dass ich zwar Worte hörte, die ich kannte, deren Bedeutung und Bedeutungszusammenhang sich mir jedoch vollständig entzogen – womit die Leidenschaft (in all ihrer Ambivalenz) zur Philosophie geweckt war und die Herausforderung, so viel und so lange das Philosophieren zu lernen, bis ich verstehen könnte, worum es ihr nun ‚eigentlich’ ginge …

Bis zum Magister studierte ich vor allem bei Rolf Schönberger und Anton Koch, das hieß, zum einen semesterlang systematisch die von Platon bis Sartre je verschieden gefassten Begriffe der Spontaneität zu untersuchen, und zum anderen Schritt für Schritt Hegels Logik zu lesen. Beide, aber auch der Logiker Matthias Varga von Kibéd, der politische Philosoph Hans Maier und der Wirtschaftsphilosoph Karl Homann stehen trotz ihrer unterschiedlichen inhaltlichen Ausrichtung für mich vor allem für zwei philosophische Tugenden oder Praktiken: Eine fast unbegrenzte akademische Offenheit gegenüber anderen Denkrichtungen und -stilen sowie für die ungebrochene Bereitschaft zur Hinterfragung des eigenen Standpunktes. Deshalb sah ich mich nie gezwungen, mir eine philosophische Identität, ein Profil zu definieren, durch das ich mich dem einen oder anderen Lager hätte zuordnen können, das mich systematisch oder philosophiehistorisch festgelegt hätte. Auch wenn mich die europäische Moderne nicht mehr losgelassen hat und immer mehr fesselt – ist sie es doch, die unser Heute und Jetzt mit ermöglicht hat.

Dem Magister – Thema der Arbeit war Jean-Paul Sartres Bewusstseinskonzeption, auf deren Basis ich herausfinden wollte, was ‚Denken’ ist – folgte ein dreijähriger Ausflug in den Journalismus, der aber mangels geistiger Herausforderung zunehmend unbefriedigend wurde, weshalb ich das Angebot, das damals neu etablierte Philosophie-Propädeutikum für zwei Semester zu übernehmen, erfreut annahm. So bin ich von der Lernenden zur Lehrenden geworden und habe die damals irrigerweise ‚Erziehungsurlaub’ genannte Zeit nach der Geburt unserer Kinder genutzt, um mit Hilfe des Graduiertenstipendiums der LMU meine Dissertation zur Grundlegung der Sartreschen Ethik in seiner Ontologie zu verfassen. Kurz zusammengefasst, lässt sich das Ergebnis wie folgt formulieren: Die Strukturen des modernen oder cartesischen Bewusstseins, die von Sartre in Anlehnung an Hegel, Husserl und Heidegger in Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie beschrieben werden, zeigen ein ‚falsches’, weil einen unauthentischen Entwurf verfolgendes Bewusstsein. Das liegt vor allem daran, dass dieses moderne Bewusstsein nach Sartre werden will, was es niemals sein kann: Ein mit sich identisches, kohärentes Seiendes, dessen Leben keine Brüche aufweist, und das etwas geworden ist. So wie ein Baum ein Baum geworden ist: fest stehend, sicher, authentifizierbar – und eben erzählbar.

Diesem unauthentischen, der Realität des eigenen Daseins entfliehenden Entwurf lässt sich aber nach Sartre durch eine radikale conversion entkommen, indem der/die Einzelne gleichsam de-ontologisierend sich dem Faktum stellt, ‚nur’ als bewusstes Sein zu existieren und damit gerade nicht den gleichen ontologischen Status besitzt wie das materielle Sein. Das ist für Sartre gleichbedeutend damit, als reine Freiheit zu existieren – der ethische Appell geht dann dahin, auf dieser Grundlage und nicht gegen sie zu leben. Das beinhaltet beispielsweise unser ominöses ‚Selbst’, das derzeit z.B. in Form eines Profils von uns erwartet wird, und das immer wichtiger zu werden scheint, vollständig zu vergessen bzw. nicht mehr wichtig sein zu lassen und sich stattdessen unmittelbar den sachlichen Inhalten zu widmen. Oder noch einmal anders formuliert geht es in dieser Ethik in Bezug auf den Einzelnen darum, das Handeln an der Sache zu orientieren und nicht am Porträt oder an der (zukünftigen) Narration, die durch diese oder jene Handlung erzeugt werden. Das würde, so banal es zunächst erscheinen mag, eine wahrlich radikale Abkehr von den durch unser (unauthentisches) Selbstverhältnis bestimmten Praktiken bedeuten.

Die Dissertation ließ mich mit zwei brennenden Fragen zurück: Zum einen der nach den faktischen Möglichkeitsbedingungen von Authentizität überhaupt, die Sartre vor allem in der allgemeinen und individuellen ökonomischen Situation verortet, denen der/die Einzelne ausgesetzt ist. Hier scheint es mir, dass das konkrete Handeln aufgrund dieses Ethikentwurfes gerade darin bestehen müsste, zur Verbesserung der gegenwärtig vorzufindenden ökonomischen Bedingungen seinen Teil beizutragen. Die zweite Frage galt der Authentizität der Theorien selbst, insofern sich bei Sartre immer wieder latent und auch explizit eine scharfe Kritik an der ethischen Theoriebildung der Moderne, in der Philosophie wie in den Sozial- und Geisteswissenschaften, findet. So stellte sich die Frage, ob sich nicht bereits in diesen Theorien die Konzepte finden, die das ‚falsche Bewusstsein’ (mit)hervorbringen, indem sie es als erstrebenswert und allgemeine Norm beschreiben – neben den ökonomischen Bedingungen und der Flucht vor der spontanen Freiheit, die für Sartre den Stoff ausmacht, aus dem sich Bewusstsein strukturiert und realisiert. Beiden Fragen konnte ich glücklicherweise nachgehen, weil ich mit ihnen bei Karl Homann, Inhaber des damals neu etablierten Stiftungs-Lehrstuhls für Philosophie und Ökonomik, auf offene Ohren gestoßen war und weil mir erst ein Post-doc-Stipendium und dann die Arbeit am Lehrstuhl als Assistentin ein tiefes Verständnis für die modernen ökonomischen Zusammenhänge und die philosophische Theoriebildung erlaubt haben.

Wiederum unorthodox habe ich mich für meine weiteren Forschungen, die einer kritischen Offenlegung der impliziten Grenzen unseres modernen, (moral-)theoretischen Denkens und deren möglicher Überschreitung gelten, mit der Systemtheorie Niklas Luhmanns sowie mit der Differenzlogik Spencer Browns beschäftigt. Parallel dazu aber auch mit der Kritischen Theorie und mit den archäologischen und genealogischen Analysen Michel Foucaults, der als ‚kritischer Ontologe’ in der Tradition einer ideologiekritischen Aufklärung steht, die über die Definition der Grenzen des Wissbaren hinausgeht. Wenn es einen passenden Ort für mein Interesse an der Feministischen Theorie und Theoriebildung gibt, dann müsste er wohl hier angesiedelt werden, da wir es hier ebenfalls mit dem Versuch zu tun haben, eine der ältesten, aufklärungsresistentesten und zugleich zutiefst Gesellschaft formierenden Ideologien und Praktiken aufzudecken: die der binären Geschlechtskonstruktion.

In der Habilitationsschrift Freiheit als Norm? habe ich bezogen auf das Sujet ganz konservativ und in archäologischer Absicht diekritische Moralphilosophie Kants einer umfassenden Konstruktionsanalyse unterzogen, da sie, nicht nur von Sartre, als eine der ‚unauthentischen Moraltheorien’ par excellence bewertet worden ist. Unauthentisch in dem Sinne, als sie genau die Form von Freiheit zur (moralischen) Norm erklärt, in der sich das moderne Bewusstsein seit Descartes entwirft: als seiende Identität, die selbstbestimmt erreicht werden könnte. Die Arbeit zeigt im Resultat, dass der Raum, den Kant mit seiner Bestimmung des praktischen Freiheitsbegriffes aufgemacht hat, bis heute zu weiten Teilen die Grenzen festschreibt, innerhalb derer philosophisch-ethische, aber auch angewandte ethische Fragen gestellt und beantwortet werden. Mit anderen Worten bestimmt die Kantische Konstruktion praktischer Freiheit bis heute den normativen Raum, innerhalb dessen wir ‚praktische Probleme’ überhaupt denken und (philosophisch) zu lösen versuchen.

Der Kantische coup, wenn man so will, besteht einerseits darin, dass er bei der Reformulierung des Freiheitsbegriffes theoretische Prinzipien – d.i. Identität, Kausalität und Zweckgerichtetheit – in praktische Prinzipien transformiert. Auf diese Weise gelingt es Kant – wenn auch möglicherweise nolens volens – einen Freiheitsbegriff zu etablieren, der in ständigem Wechsel mit den Naturwissenschaften diese sowohl legitimiert als auch durch sie legitimiert wird. Dass die Naturwissenschaften heute versuchen, z.B. durch neurophysiologische Forschungen ‚Freiheit’ zu negieren, zeigt gerade die enge Kopplung an dieses Paradigma und stellt die Frage in den Raum, welche Wissenschaftskultur sich von welcher anderen eigentlich ihre Fragen diktieren lässt: definieren vielleicht die älteren philosophischen Fragen die gegenwärtigen der Naturwissenschaften?

Darüber hinaus entwickelt Kant seinen Freiheitsbegriff als immer schon mit der Menschheit vermittelten Begriff, so dass bereits hier die Idee individueller Freiheit aufgrund (geordneter) gesellschaftlicher Strukturen gedacht wird – und nicht erst, wie häufig konstatiert wird, durch Hegel. Der wichtigste Aspekt scheint mir aber, dass die Analyse zeigen kann, dass Kants Praktische Philosophie keinesfalls gegen die Ökonomie und deren Anforderungen an den Einzelnen konzipiert worden ist, sondern im Gegenteil gerade die Idee des selbstbestimmten, sich selbst Zwecke setzenden und sich autonom verwirklichenden Subjektes ausformuliert, die durch und durch anschlussfähig war und ist an das moderne Arbeitsethos und die dies auch noch als moralische und universell geltende Norm propagiert. So hat die vorgenommene Rekonstruktion der Kantischen Theoriebildung in Bezug auf die praktische Philosophie zugleich kritisch und dekonstruktiv die Grenzen des Denkraumes gegenwärtiger ethischer Diskurse aufgedeckt und trägt so vielleicht ihren Teil zu einer Öffnung bei, die uns unser Freisein und unser gesellschaftliches Miteinander nochmals in einer anderen, neuen Form denkbar werden lässt – bleibt die Frage, ob die akademische und professionelle Philosophie derzeit an so einer Öffnung oder Grenzüberschreitung interessiert ist.

aus aktuellem Anlass – Gemeineigentum

Gemeineigentum

Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie, Nr. 73

geb., 163 Seiten, 12,- €

München (Widerspruch-Verlag)

Der Band „Gemeineigentum“ diskutiert praktische wie theoretische Alternativen, die nicht auf dem exklusiven Privateigentum, sondern auf gemeinschaftlichem und demokratisch organisiertem Eigentumsrecht beruhen.

Jenny Stupka, eine der Sprecher:innen, stellt die Initiative „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ vor. Ihr geht es – erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik – nicht nur darum, der Wohnungsnot durch staatliche Zuschüsse oder Eingriffe in den Markt zu begegnen, sondern fordert zum Zweck bezahlbaren Wohnens die Vergesellschaftung des großen, bislang privaten Wohnungsbestands in Berlin und dessen Überführung in eine Anstalt des öffentlichen Rechts, in der Bewohner:innen wie die Stadtbevölkerung das Recht der Mitbestimmung besitzen.

Silke van Dyk, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs „Strukturwandel des Eigentums“ an den Universitäten Jena und Erfurt, geht der Frage nach: „Wem gehört das Öffentliche?“ Sie plädiert dafür, dass die zentralen Elemente der „Daseinsvorsorge“, Existenzsicherung, Gesundheit, Bildung, Kommunikation usw., die Rechtsgestalt eines „Sozialeigentums“ erhalten, die allen den Zugang zu den öffentlichen Gütern garantiert und dem gesellschaftlichen Kollektiv die Verfügungsgewalt über die Gestaltung des Öffentlichen zuerkennt.

Die Ökonomin und Historikerin Friederike Habermann hebt hervor, dass die gegenwärtig vorherrschende Form des Privateigentums eine neue Erfindung war, die die vormaligen gemeinwirtschaftlichen Praktiken mit brachialer Gewalt abgelöst und die Menschen in die Abhängigkeit entfremdeter Lohnarbeit geführt habe. Sie plädiert für eine menschengerechte und solidarische Ökonomie jenseits der Arbeit und des Eigentums. In deren Zentrum stehen nicht Markt und Tausch, sondern das Teilen, das gegenseitige Geben und Nehmen, sowie die Arbeit als selbstbestimmte Tätigkeit. Ihr Vorbild hat sie in Netzwerken wie dem „Now-Net“, in dem praktische Erfahrungen ausgetauscht und theoretische Überlegungen diskutiert werden.

Alexander von Pechmann, Philosoph und Mitherausgeber des „Widerspruch“, richtet die Aufmerksamkeit auf die Bewältigung der globalen ökologischen wie sozialen Krise in diesem Jahrhundert. Er plädiert für eine notwendig gewordene internationale Kooperation, in der die letzte Verfügungsgewalt die „Vereinten Nationen“ als Repräsentantin der Menschheit insgesamt innehaben.

Der anschließende Beitrag befasst sich mit den zwei Eigentumsartikeln im deutschen Grundgesetz. Während Art. 14 GG das private Eigentum zum Inhalt hat, enthält Art. 15 GG die Grundsätze der Vergesellschaftung und der Überführung in Gemeineigentum. Die Rekonstruktion ihrer Entstehungsgeschichte zeigt, dass den „Müttern und Vätern des Grundgesetzes“ nicht die „Soziale Marktwirtschaft“ vor Augen stand, sondern die alternative Wahl zwischen Privat- und Gemeineigentum.

Abschließend setzt sich Bernhard Schindlbeck kritisch mit den rechtsphilosophischen Begründungen des Privateigentums durch Kant, Hegel und Fichte auseinander sowie mit den historisch unterschiedlichen Theorien von Aristoteles bis zum Liberalismus des 20. Jahrhunderts. Sie haben das vermeintliche Recht auf das Eigentum an der Arbeitskraft anderer und damit der Ausbeutung zu legitimieren versucht.

Der Rezensionsteil des Hefts bespricht Bücher u.a. von Michael Jäger, Stefan Lessenich, Sabine Nuss und Halina Wawzyniak.

Der Band ist über den Widerspruch-Shop in der Rubrik ‚Hefte‘ erhältlich.

Hösle – Warum wir den Liberalismus reformieren müssen

Vittorio Hösle

Warum wir den Liberalismus reformieren müssen, statt ihn aufzugeben

Tb., 121 Seiten, 19,- €

Baden-Baden 2026 (Karl Alber-Verlag)

von Bruno Heidlberger

Der Ausgangspunkt von Hösles Essay ist die Hypothese des 2018 erschienenen Bestsellers Why Liberalism Failed seines Kollegen, des katholischen politischen Philosophen Patrick J. Deneen, wonach der Liberalismus an sich selbst gescheitert sei. Dessen Argumentation stützt sich vor allem auf Aristoteles, Thomas von Aquin und die katholische Soziallehre. Für Deneen hat der Liberalismus nicht nur seine politischen, sondern auch seine moralischen und kulturellen Grundlagen zerstört: Familie, lokale Gemeinschaften, Religion und Tugend seien durch Individualismus und Marktlogik geschwächt worden. Deneen verbindet eine protektionistische und arbeiterorientierte Wirtschaftspolitik mit einer konservativen Gesellschaftspolitik und plädiert für eine postliberale Ordnung, die auf starken lokalen Gemeinschaften, christlich geprägten Tugenden, regionaler Wirtschaft sowie auf Familie und Ehe aufbaut, die von einer neuen Elite, die sich durch besondere Tugendhaftigkeit auszeichnet, verwirklicht werden soll; eine Mischung aus Elitenherrschaft und Volkswille – ein Einfallstor für autoritäre Ordnungen.

Als Vertreter eines objektiven Idealismus zielt Hösle in seinem Essay weniger auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem realen Liberalismus als auf seine ethische Erneuerung und metaphysische Verankerung in einer absoluten Vernunftordnung. Denn die aktuellen Entwicklungen seien nicht nur Ausdruck der Krise der politischen Ordnung, sondern auch der Erschütterung ihrer philosophischen Grundlagen. Die Argumente von Deneen aufnehmend, argumentiert er, dass ein zügelloser Neoliberalismus, der alle Lebensbereiche rein ökonomisch betrachtet, soziale und moralische Verwerfungen erzeuge. Diese Destabilisierung treibe frustrierte Bürger in die Arme von Populisten. Für Hösle ist der Liberalismus jedoch eine große Errungenschaft der Moderne, deren Fortbestand allerdings von den moralischen Voraussetzungen abhänge, aus denen er hervorgegangen sei. Er kritisiert daher nicht den Liberalismus als solchen, sondern dessen Entkopplung von seinen ethischen und kulturellen Wurzeln. Der Schutz von Minderheiten und individuellen Freiheitsrechten müsse im Zweifel schwerer wiegen als ein bloßer Mehrheits- oder Volkswille, da die Demokratie sonst schnell in eine Tyrannei umschlagen könne.

Insgesamt diagnostiziert der Autor dem Liberalismus eine Krise, die sowohl auf innere Erosion als auch auf äußeren Druck zurückzuführen sei. Die „größte Gefahr der aktuellen Situation“ (117) sei nicht nur Russlands revanchistischer Imperialismus, sondern auch, dass die USA offen Gebietsansprüche selbst gegenüber Verbündeten wie Dänemark erwägen – ein Bruch mit ihrer Nachkriegstradition und ein Schritt, den selbst die Sowjetunion nach 1945 nicht vollzogen habe. Nach seiner Auffassung erfordere der Frieden eine glaubwürdige Abschreckung und Verteidigungsbereitschaft sowie die Durchsetzung des Völkerrechts, „einschließlich militärischer Gewalt“; insbesondere, „wenn sich der Aggressor gegen das Mitglied eines Verteidigungsbündnisses wendet“, sei es „moralisch geboten, dass die anderen Mitglieder sich seiner Verteidigung“ (116) anschließen.

Hösle räumt ein, dass die Definition des Liberalismus schwierig ist, da es viele Ausprägungen gebe und der Begriff politisch aufgeladen sei. Für ihn selbst besteht der Kern des Liberalismus in der Anerkennung individueller Rechte, die allen Menschen zustehen, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück, sowie in der Forderung, dass die Legitimität des Staates wesentlich auf dem Schutz dieser Rechte und auf Zustimmung beruht. Er unterscheidet dabei zwischen den negativen Abwehrrechten, z. B. dem Schutz vor staatlichen Eingriffen, und den positiven Leistungsrechten, z. B. Anspruch auf Bildung oder soziale Sicherheit. Jedes dieser Rechte impliziere aber auch Pflichten anderer, und deren Durchsetzung setze institutionelle Verfahren voraus.

Wie schon Kant spricht auch Hösle dem Rechtssystem eine herausragende Bedeutung für die Kultivierung, Gestaltung und Stabilisierung demokratischer Systeme zu. Das „Rechtssystem müsse so gestaltet sein, dass jeder durch Arbeit zu einem Zustand der Unabhängigkeit aufsteigen könne“ (26). Im Unterschied zu Hobbes und Locke sieht Hösle daher in Kants Ansatz die erste wirklich tragfähige Grundlage für den Liberalismus. Denn da Kant moralische Normen nicht aus der Natur, aus Gottes Willen oder aus empirischen Tatsachen ableite, sondern aus der Autonomie der Vernunft, könne er Freiheit und Rechte auf einer eigenständigen normativen Grundlage begründen. Kant habe erkannt, dass das Sollen sich nicht aus einem Sein ableiten lasse. Damit liefere er eine objektive, rationale Begründung für individuelle Rechte und Freiheiten und biete daher „als Erster eine solide Grundlage für den Liberalismus“ (30). Gemeinschaften bleiben dabei individuellen Rechten oder moralischer Selbstvervollkommnung untergeordnet.

Dies, so Hösle, ändert sich jedoch mit Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts: Sein Begriff der „Sittlichkeit“ bezeichne die soziale Wirklichkeit von Familie, bürgerlicher Gesellschaft und Staat, die dem abstrakten Recht und der Moralität übergeordnet werde. Hegel argumentiere, dass Freiheit nicht allein durch Rechte gesichert werden könne. Er verbinde deshalb den liberalen Gedanken individueller Freiheit mit der kommunitaristischen Einsicht, dass Menschen nur innerhalb traditioneller Gemeinschaften wirklich frei leben können. Damit versucht Hösle, Kant und Hegel miteinander zu versöhnen: zwar habe Kant Freiheit richtig begründet, sie aber zu sehr vom objektiven Sein und von den sittlichen Institutionen getrennt. Hegels „Verbindung von Liberalismus und Kommunitarismus“ (31) mache die besondere Stärke dessen politischer Philosophie aus.

Auch Hösle geht, wie die klassische Naturrechtslehre, von moralischen Normen aus, die er aus einer objektiven Vernunftordnung begründet, gegen die allerdings sowohl naturwissenschaftliche Erklärungen wie die Evolutionstheorie als auch das Vorhandensein von Leid und Unordnung sowie die philosophische Kritik sprechen. Dabei grenzt er sich freilich von Thomas von Aquin ab; denn im Zeitalter der Moderne könne das Naturrecht nicht mehr allein durch den Verweis auf Gott begründet werden. Vielmehr bedürften moralische Normen einer rationalen, philosophischen Letztbegründung. Zudem übernimmt er zentrale Errungenschaften der Aufklärung – insbesondere Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat. Seine Philosophie kann so als ein anspruchsvoller Versuch verstanden werden, das klassische Naturrechtsdenken und dessen Glaube an die Schöpfung mit dem universalistischen Erbe der Aufklärung zu verbinden. Aus kantischer Sicht stellt sich jedoch die Frage, ob eine philosophische Letztbegründung tatsächlich autonom sein kann, wenn ihre metaphysische Grundlage ihrerseits nicht rational begründbar ist? Hösles Philosophie verschiebt das Begründungsproblem lediglich von der Theologie auf die Metaphysik.

  1. Vgl. Patrick J. Deneen, Warum der Liberalismus gescheitert ist, Wien/Salzburg 2019, insb. Kap. 3. ↩︎
  2. Krise des Liberalismus in transatlantischer Perspektive. Katholische Akademie Berlin, 1.7.2025 [www.youtube.com/watch?v=rYvjT0ourts&t=47s] ↩︎
  3. Frauke Steffens: Hierarchie und Hetze, FAZ 16.12.2026, 12. ↩︎
  4. Vgl. Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht, Gütersloh 2026. ↩︎
  5. Elisabeth Zoll im Interview mit Arnd Henze: „Donald Trump als Rächer der Frommen“, Heidenheimer Zeitung, 18.6.26, 4 ↩︎
  6. Krise des Liberalismus in transatlantischer Perspektive [www.youtube.com/watch?v=rYvjT0ourts&t=9s] ↩︎
  7. Papst Leo XIV, Nachfolger von Papst Franziskus, hatte auf seinem Account bei X wiederholt Kritik an Donald Trump und JD Vance geübt. So am 3.2.2025 im Artikel: „JD Vance liegt falsch: Jesus verlangt von uns nicht, unsere Liebe zu anderen abzustufen.“ [www.zeit.de/gesellschaft/2025-05/papst-leo-kritik-donald-trump-jd-vance-migration] ↩︎
  8. Papst Franziskus: Enzyklika Fratelli Tutti: Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft. [www.vatican.va/content/francesco/de/ encyclicals/documents/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html] ↩︎
  9. Papst Johannes XXIII: Enzyklika Pacem In Terris [www.vatican.va/content/john-xxiii/de/encyclicals/documents/hf_j-xxiii_enc_11041963_pacem.html] ↩︎
  10. ebd. ↩︎
  11. Thomas Migge: Staat und Religion. Der Vatikan und die Menschenrechte, 9.1.2015 [www.deutschlandfunk.de/staat-und-religion-der-vatikan-und-die-menschenrechte-100.html] ↩︎
  12. Maßnahmen wie Abtreibung und Euthanasie werden als schwerer Verstoß gegen die Menschenwürde abgelehnt. Medizinische Geschlechtsumwandlungen und die sogenannte „Gender-Theorie“ lehnt der Vatikan ab. [www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2024-04/vatikan-erklaerung-menschenwuerde-dignitas-infinita-glaube-recht.html?utm_source=chatgpt.com] ↩︎
  13. praefaktisch.de/interview/objektiver-idealismus-fragen-an-vittorio-hoesle/ ↩︎
  14. „Der objektive Idealismus hält diese objektive Vernunft nicht für eine Seinssphäre neben anderen, sondern für das Wesen aller realen Sphären […] und jene Objektive Vernunft für den Grund allen Seins. Sie ist zugleich der Grund aller Geltungsansprüche, aller Normen und Werte.“ Vittorio Hösle: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. München 19973, 208. ↩︎
  15. Vgl. Vittorio Hösle: Gott als Vernunft, Berlin/Heidelberg 2021. [link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-62683-2] ↩︎
  16. Vittorio Hösle: „Gott ist wichtiger als wir“. Ein Gespräch mit dem Philosophen Vittorio Hösle über die Krise und die Zukunft des Christentums in Europa. 11.7.2024. [www.die-tagespost.de/kultur/feuilleton/vittorio-hoesle-gott-ist-wichtiger-als-wir-art-253096?utm_source=chatgpt.com] ↩︎
  17. Interview mit Vittorio Hössle: Weil wir zur Wahrheit fähig sind. FAZ, 5.2.2017 [www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/philosophischer-idealismus-ein-gespraech-mit-vittorio-hoesle-14781890.html] ↩︎
  18. Thomas von Aquin: Summa Theologiae (I–II, q. 91–94) und ihrer Rezeption im Katechismus der Katholischen Kirche (Nr. 1954–1960). Siehe: Thomas von Aquin: Naturgesetz und Naturrecht, 1996, Buchvertrieb und Verlag GmbH [www.stiftung-utz.de/file/1/NaturgesetzundNaturrecht.pdf] ↩︎
  19. Gero Bauer, Regina Ammicht Quinn, Ingrid Hotz-Davies (Hg.): Die Naturalisierung des Geschlechts. Zur Beharrlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit, Bielefeld 2018. ↩︎
  20. „Von der Entmystifizierung des Muttertriebes in den 1970er Jahren über die soziale Konstruktion von Heterosexualität hin zu aktuellen Studien zur Sexualisierung der Natur hat die Entlarvung der Deutung sozialer Phänomene als natürliche immer einen wesentlichen Schwerpunkt der Gender Studies gebildet.“ Naturalisierung von Geschlecht – Einleitung: Martina Löw und Mechthild Bereswill [www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/36064/ssoar-2008-low_et_al-Naturalisierung_von_Geschlecht_-_Einleitung.pdf] ↩︎
  21. Frauke Steffens: Hierarchie und Hetze, FAZ 16.12.2026, 12. ↩︎
  22. Harald Seubert: Der Unbestechliche. Hans Albert zum 100. Geburtstag, Aufklärung und Kritik 2/2021, 29 [gkpn.de/Albert100_Seubert.pdf] ↩︎
  23. Hans Albert: Hösles Sprung in den objektiven Idealismus: Über die Verwirrungen eines ganz gewöhnlichen Genies. In: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie / Journal for General Philosophy of Science, Vol. 20, No. 1 (1989), 124-131, [www.jstor.org/stable/25170834] ↩︎
  24. Nach Albert nähert sich wissenschaftliche Erkenntnis der Wahrheit nicht durch endgültige Beweise, sondern durch kritische Prüfung und Falsifikation von Hypothesen, wodurch fehlerhafte Annahmen schrittweise ausgeschieden werden. Siehe: Zum Tod des Philosophen Hans Albert, 24.10.2023 [www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/zum-tod-des-philosophen-hans-albert] ↩︎
  25. Vgl. Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft. 5. verbesserte und erweiterte Auflage. Tübingen 1991. ↩︎
  26. Ernst Cassirer: Vom Mythus des Staates, Hamburg 2002, 339. ↩︎
  27. Emanuel Kapfinger: Hegel und die Revolution, 9.9.2025 [praefaktisch.de/hegel/hegel-und-die-revolution/] ↩︎
  28. „Er erkannte keine höhere ethische Ordnung als die, welche in der Sitte erscheint. Die Prinzipien eines wahren politischen Lebens können wir nicht in Tradition und Routine finden. Diese Prinzipien gründen nicht in ‚richtiger Meinung‘ (Doxa), sondern im ‚Wissen‘ (episteme), jener neuen Form von Rationalität und moralische Bewußtheit, die von Sokrates entdeckt worden war. ‚Vernunft‘ ist für Hegel nicht von dieser platonischen Art.“ (Ernst Cassirer: Vom Mythus des Staates, Hamburg 2002, 326f.) ↩︎
  29. www.information-philosophie.de/habermas-religion.html ↩︎
  30. Moyn verortet sich dezidiert in der Tradition des emanzipatorischen und utopischen Projekts der Aufklärung und der Französischen Revolution. Freiheit bedeutet für ihn die kollektive Gestaltung der Gesellschaft durch echte Demokratie und vor allem die Überwindung materieller Ungleichheit – ganz im Geiste einer unvollendeten, fortschrittlichen Aufklärung. – Siehe: Der Liberalismus gegen sich selbst und die Rückkehr des Kalten Krieges. Ein Gespräch mit Samuel Moyn – Teil 1, 9.4.2024. [www.theorieblog.de/index.php/2024/04/der-liberalismus-gegen-sich-selbst-und-die-rueckkehr-des-kalten-krieges-ein-gespraech-mit-samuel-moyn/] ↩︎
  31. Moyn wirft den Denkern des Kalten Krieges (wie Isaiah Berlin, Hannah Arendt oder Karl Popper) vor, den Liberalismus aus Angst vor dem Totalitarismus „gezähmt“, beschnitten und verängstigt zu haben. Sie hätten das utopische Element gestrichen und den Liberalismus zu einer reinen „Abwehr-Ideologie“ degradiert. Moyn argumentiert, dass der heutige Liberalismus dadurch zu einer reinen Abwehr-Ideologie geschrumpft ist, der nur noch „das Schlimmste verhindern“ will, statt das Beste zu wagen. ↩︎
  32. Jana Katharina Funk: Liberalismus als politisches Ordnungssystem. Positive Freiheit und die Frage nach dem guten Leben, Bielefeld 2023, 200. ↩︎

Schönher – Die Naturphilosophie von Deleuze

Mathias Schönher

Die Naturphilosophie von Deleuze

System und Methode seines späten Hauptwerks „Was ist Philosophie?“

Tb., 378 Seiten, 49.- € (und open access)

Bielefeld 2025 (transcript-Verlag)

von Olaf Sanders

Mathias Schönher legt eine profunde Auslegung von Deleuzes letztem Buch vor. Er liest das Buch, das Gilles Deleuze wie zuvor Anti-Ödipus, Kafka und Tausend Plateaus gemeinsam mit dem – wahlweise – Nicht-Philosophen, Psychoanalytiker oder politischen Aktivisten Félix Guattari geschrieben hat als Naturphilosophie, was zugleich nahe- und fernliegt. Naheliegend erscheint Schönhers Einordnung vor dem Hintergrund, dass Deleuze sich selbst als Spinozist verstand, der Spinozas eine Substanz in Bewegung gesetzt und als dahinwirbelnden Materiestrom konzipiert hat. Diese eine Substanz nennt Spinoza „Gott“. Wolfgang Bartuschat hat wiederholt darauf hingewiesen, dass man sie auch „Natur“ nennen könne. Nicht ganz so naheliegend erscheint Schönhers Auslegung angesichts des Umstands, dass es in Was ist Philosophie? zwar um das unaufhebbare Verhältnis der Philosophie zur Nicht-Philosophie geht – und als Nicht-Philosophie interessieren sich Deleuze und Guattari vor allem für Kunst und Wissenschaft einschließlich der Naturwissenschaften, nicht aber im engeren Sinn für diese oder andere Naturverständnisse. Auch dass es sich bei Was ist Philosophie? um Deleuzes „spätes Hauptwerk“ handelt, ist – wie Schönher selbst ausführt – alles andere als unumstritten. Gemeinhin wird Differenz und Wiederholung als dessen Hauptwerk genannt, was Schönher aus guten Gründen für falsch hält (335), wohingegen seine Kollaborationen mit Guattari außerhalb der internationalen Deleuze-Community manchmal gar nicht der Philosophie zugeschlagen werden.

Schönher schlägt drei Hauptwerke vor, die jeweils eine Werkphase von Deleuze abschließen: Logik des Sinns für das Frühwerk, Tausend Plateaus für die mittlere Phase und Was ist Philosophie? für die späte Periode. Diese Auswahl begründet Schönher plausibel durch ihren auf die Spitze getriebenen Stil (334 ff.). Logik des Sinns funktioniere seriell, Tausend Plateaus bilde ein Rhizom und Was ist Philosophie? buchstabiere die schöpferischen Vermögen des Zusammenspiels von Philosophie und Nicht-Philosophie, also vor allem Kunst und Wissenschaft, aus. Dass Schönher den Anteil Guattaris an den gemeinsam verfassten Büchern tendenziell, wie üblich, zu unterschätzen droht, resultiert nicht wie zumeist aus Deleuzes größerem Bekanntheitsgrad. Er begründet seine Wahl damit, dass Deleuze dem Buch Was ist Philosophie? nicht nur – wie bei den anderen gemeinsamen Büchern auch – den letzten Schliff gegeben habe, sondern es mit seiner zunächst rätselhaften Botschaft noch stärker in seinem Denken verwurzelt sei als die früheren Bücher. Immerhin widmet Schönher Guattari zwischen den beiden ersten Teilen zum System der Natur, über die Logik der Ereignisse und der Theorie der zerebralen Gefüge, und dem zweiten Teil über die Methode der philosophischen Schöpfung einen Exkurs, der Guattaris Animismus aufklärt. Guattaris Bedeutung zu ermessen, wird anderen Büchern vorbehalten bleiben.

Bei den Begriffen System (Hegel) und Methode (Descartes) werden sich der einen oder anderen Deleuze-Leser:in die Nackenhaare aufstellen – und ich möchte offen lassen, ob nicht ‚Gefüge‘ und ‚Experiment‘ geeignetere Begriffe aus Deleuzes Vokabular gewesen wären. Gemessen an dem, was Schönher mit seinem Buch gelingt, scheinen derartige Einwände gering. Sein gleichermaßen gut lesbares und sehr informiertes Buch führt nicht nur in Was ist Philosophie? ein, sondern belegt nebenbei, dass es sich lohnt, Deleuze „von hinten“ zu lesen und genealogische Linien zu ziehen, wodurch es Wege in dessen Gesamtwerk bahnt, dem es zeitlebens darum ging, etwas Neues zu schaffen und zu verhindern, dass Philosophie zur Ware verkommt (vgl. 21 und 25).

Schönher folgt Deleuze in dessen Lektüren und lässt auf diese Weise eine Mannigfaltigkeit – multiplicité ist neben ensemble, Menge, ein Schlüsselbegriff in Deleuzes Philosophie – plastisch werden, in der Progogine und Stengers, Heidegger und Badiou, Platon, Bergson und Blanchot, Leibniz, Simondon, Uexküll und Foucault sowie Spinoza immer wieder, aber auch Kant, Russell und Whitehead sowie Mallarmé und Melville ihre Linien ziehen. Kreise gibt es bei Deleuze nicht, nur Rundes. Mit Melville schließt Deleuze in Was ist Philosophie? an Motive aus Tausend Plateaus an; und Schönher erinnert daran, wie das Anomal, der weiße Wal Moby Dick, Kapitän Ahab in ein Wal-Werden hineinzieht und ihm so ermöglicht, „die unsichtbaren Kräfte des Ozeans in einer Vision zu erfassen“ (328). Schönher unterfüttert seine Ausführungen auch hier durch umsichtig modifizierte Zitate, wobei die Übersetzung von Was ist Philosophie? meines Erachtens zu den gelungeneren Deleuze-Übersetzungen zählt. Ahab ist eine ästhetische Figur (Kunst), die Deleuze von Begriffspersonen (Philosophie) und psycho-sozialen Typen (Wissenschaft) unterscheidet. Als prominente Begriffspersonen nennen Deleuze und Guattari u.a. Platons Sokrates, Nikolaus von Kues‘ Idiot oder Nietzsches Zarathustra. Warum Schönher den Idioten, anders als Deleuze, Descartes zuschlägt, erschließt sich mir nicht; seine Bezugnahme auf einen der paradigmatischen glatten Räume von Deleuze/Guattari dafür umso mehr. So gerät auch der Surfer in den Fokus – und zwar als Begriffsperson von Deleuze (vgl. 326) und als psycho-sozialer Typ in der Kontrollgesellschaft im Verband mit Snowboardern, Windsurfern oder Drachenfliegern. Schönher stellt fest, dass „der Mensch der Kontrollgesellschaft für Deleuze wellenhaft“ (323) sei. Nun bedeutet Welle-Werden bekanntlich nicht wie eine Welle zu werden, sondern eher die Welle zu bewohnen, wie Deleuze im Abécédaire im Hinblick auf Wellenreiter äußert, die ihm geschrieben hatten, genau das zu tun, was er in Die Falte, seinem Buch über Leibniz und den Barock, beschreibt. Trotz des auch seinerzeit schon länger andauernden Surf-Booms scheint mir Deleuzes, von Schönher aus dem Postskriptum über die Kontrollgesellschaften zitierte, Beobachtung, dass das Surfen überall schon die alten Sportarten abgelöst habe, empirisch selbst heute unhaltbar, wo die Entwicklung viel weiter fortgeschritten ist und es in der Welle bisweilen eng wird. Als psychosoziale Typen wirken Surfer:innen dennoch eher als schöpferische Kritiker:innen der Kontrollgesellschaft, weil sie mit den Kräften, die sie vorfinden, Neues schaffen. Deleuze selbst war kein Surfer und wohl nicht einmal ein guter Schwimmer; und auch Schönher scheint keine Wellen zu reiten. Das ist kein Manko. Er hat ein lesenswertes Buch geschrieben, das dank open access so frei zugänglich ist wie der Ozean und mit dem sich – ganz im Sinn von Deleuze und Guattari – etwas anfangen lässt.

Weiss – Katechon

Volker Weiss

Katechon

Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart

Tb., 128 Seiten, 18.- €

Stuttgart 2026 (Cotta-Verlag)

von Konrad Lotter

Während die Religion im täglichen Leben, zumindest in Europa, immer mehr an Bedeutung verliert, feiert sie in der Politik, in Form der politischen Theologie, fröhliche Urständ. Wer dafür nach Gründen sucht, kommt schnell auf die allgemeine Stimmungslage. Klimakastastrophe, nicht endende Kriege mit Atomkriegspotenzial, unberechenbare Politiker, Rückfall in den Naturzustand oder Künstliche Intelligenz, die den Menschen tendenziell überflüssig macht, vermitteln den Eindruck einer Endzeit, die an biblische Vorstellungen der Apokalypse erinnert. Damit tut sich ein Tummelfeld für rechte und religiöse Fundamentalisten auf, auf dem der Begriff des Katechons gegenwärtig Karriere macht und die theologischen und politischen Feuilletons durchgeistert.

Wörtlich aus dem Griechischen übersetzt, heißt Katechon der „Aufhalter“ oder „Verzögerer“. Seinen Ursprung hat er im zweiten Paulus-Brief an die frühchristliche Gemeinde in Thessaloniki, die die Sorge wegen des bevorstehenden Weltuntergangs, verbunden mit der Hoffnung auf die Wiederkehr Christi, umtrieb. Paulus versuchte, sie zu beruhigen. Bevor die Welt untergeht, so schreibt er, wird erst der Antichrist auftreten, der Böse, der sich „erhebt über alles, was Gott oder Heiligtum heißt“, der sich auf den Thron Gottes setzt und „vorgibt, er sei Gott“. Erst dann wird Christus zurückkehren, den Bösen besiegen und sein Reich errichten. Vorläufig aber, so heißt es im Paulus-Brief weiter, herrscht noch der „Aufhalter“, der sich der Ankunft des Antichristen entgegensetzt. Damit hat der Katechon freilich von Anfang an etwas Paradoxes und Zweideutiges an sich. Zum einen bezeichnet er etwas Wünschenwertes, da er die Ankunft des Antichristen verhindert, zum anderen verzögert er aber auch die Wiederkehr Christi, die diese Ankunft zur Voraussetzung hat. Nur so kann es ja zum „Endkampf“ des Guten mit dem Bösen und die „Erlösung“ der Menschheit kommen.

Es liegt nahe, diese phantastische Geschichte zu säkularisieren und mit realen, geschichtlichen Ereignissen zu assoziieren. Schon kurz nach dem Ableben des Paulus hatten die frühen Christen das römische Kaisertum als Katechon und „Aufhalter“ des Weltuntergangs begriffen. Auch viele Kaiser des Mittelalters hatten sich selbst so verstanden und präsentiert. Auf diese lange Geschichte geht Volker Weiss, Historiker und Spezialist für die Geschichte der „Konservativen Revolution“, allerdings nur im Vorübergehen ein. Sein Hauptinteresse liegt auf der Gegenwart, in der das Katechon-Motiv von rechten und rechtsextremen Aktivisten in Anspruch genommen wird. Dabei verdeutlicht er nicht nur, wie beliebig die politischen Ziele sein können, für die es funktionalisiert wird, sondern auch, wie verkürzt es als „Aufhalter“ des Bösen eingesetzt wird.

Der Propagandist der deutschen und österreichischen Identitären, Markus Sellner, etwa versuchte zur Zeit der Corona-Pandemie in der Rolle des „Bremsers, ‚Aufhalters‘ und Bewahrers“ – gegen den „Teufelskreis der Technik“ gerichtet – auf Stimmenfang zu gehen. Der Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah hält dagegen Donald Trump für den Katechon. Er nämlich „bringt den Wandel, den wir immer beschrieben, gefordert und erhofft haben“, d.h. den Wandel hin zu einer neuen „Großraumordnung“ und bekämpft das „‘rules-based‘ Losertum à la Baerbock“ (und offenbar überhaupt der UNO). Beide stehen in der Nachfolge des Nazi-Kronjuristen Carl Schmitt, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg folgendes Bekenntnis zu Papier gebracht hat: „Ich glaube an den Katechon, er ist für mich die einzige Möglichkeit, als Christ Geschichte zu verstehen und sinnvoll zu finden“. Den Historikern schreibt er in diesem Zusammenhang die Aufgabe zu, „für jede Epoche der letzten 1948 Jahre den Katechon“ zu benennen, der die Menschheit vor dem Bösen und dem Untergang bewahrt hat.

Seinen prominentesten Schüler hat Carl Schmitt gegenwärtig freilich in dem Tech-Milliardär und Trump-Unterstützer Peter Thiel, der mit seinem Meister auch die Schreckensvision teilt, der sich der Katechon entgegenstellen soll. Es sind die länderübergreifenden Allianzen und überstaatlichen Organisationen (UNO, NATO, WHO, EU etc.), auf die die Politik seit 1945 zusteuert und am Ende in einen „Weltstaat“ einmünden könnten. Einen solchen Weltstaat kann sich Thiel nur in Form eines globalisierten Nordkoreas vorstellen: „Wenn die ganze Welt Nordkorea ist, haben wir die Herrschaft des Antichrists.“ Wodurch aber kann die Entwicklung hin zu einem totalitären Weltstaat aufgehalten werden? Verbreitet ist die Meinung, der sich auch Weiss anschließt: Der Katechon in diesem Fall seien die IT-Entwickler oder „Tech-Nerds“, was natürlich sofort die Frage aufwirft, ob nicht Thiel mit seiner Überwachungs-Software Palantir selbst die Entwicklung in die Richtung vorantreibt, die er als Apokalypse anprangert. Weiss erkennt darin ein widersprüchliches Verhalten: Die Parallelen zwischen den Zielen von Palantir und Thiels dystopischen Zukunfsvisionen sind „frappierend“, schreibt er. „Letztlich beschreiben seine Warnungen die eigene Tätigkeit, doch schafft er es, seine Unternehmungen darzustellen, als stünden sie im Kampf gegen das Böse“.

Dazu wäre (in Kritik und Ergänzung) allerdings an das bereits genannte Paradoxe und Zweideutige des Katechons zu erinnern, der nicht nur den Antichristen, sondern darüber hinaus auch die Wiederkehr Christi und die „Erlösung“ ausbremst, die im Auftritt des Antichristen ihre Voraussetzung hat. Palantir wäre somit das geeignete Mittel, die von Thiel so gehasste Demokratie zu überwinden und (durch das Ausbremsen des Katechons) auf schnellstem Weg zu jenem Punkt zu kommen, in dem die Demokratie, die Herrschaft des Demos, ins „Reich des Libertarismus“ umschlägt, in dem die Autokraten und Oligarchen vom Schlage Thiels, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und Konsorten das Sagen haben und die Welt wie die CEOs von Aktiengesellschaften beherrschen. Damit wäre Thiel auf den „Akzellerationismus“ des britischen Philosophen und „dunklen Aufklärers“ Nick Land eingeschwenkt, der die Zerstörung der Demokratie (von der in den USA sowieso nicht mehr viel übrig ist) beschleunigen will, weil er sich dadurch die „Singularität“ erhofft: den Sprung in die „libertäre Gesellschaft“, wie sie sich die Tech-Milliardäre vorstellen.

In kenntnisreicher und und differenzierter Weise zeigt Volker Weiss die Parallelen zwischen den USA und Russland auf, die sich gleichermaßen als „heilsgeschichtliche Mächte“ darstellen. Trump und Putin handeln, ihrem eigenen Verständnis nach, im direkten göttlichen Auftrag, um die Welt vor dem „Bösen“ zu retten. In den USA sind es die Evangelikalen, die hinter ihrem Präsidenten stehen, der sich als Katechon gegen Terrorismus, Islamismus, natürlich gegen den Kommunismus (der für ihn bereits bei der gesetzlich geregelten Krankenversicherung beginnt), gegen illegale Einwanderer oder „Wokeness“ präsentiert. In Russland ist es die orthodoxe Kirche, die sich, neben dem Religionsphilosophen Wladimir Solowjev oder dem Ultranationalisten Alexander Dugin, mit ihrem Präsidenten, der „Ausbreitung der westlichen Dekadenz“ entgegenstellen.

Jenseits der politischen Theologie leitet sich, wie Weiss aufzeigt, das abendländisch-christliche Verständnis der „Zeit“ überhaupt aus dem Begriff des Katechons ab. Der rechte, Carl Schmitt-devote Armin Mohler und Jacob Taubes, der sich als „politisch links“ verstand, stimmen darin weitgehend überein, dass die Geschichte, christlich gesehen, stets als eine Art von „Galgenfrist“ verstanden wird: als immer wieder aufgeschobene „Parusie“. Mit diesem Begriff benennt die Theologie die Wiederkehr Jesu Christi, die die Urgemeinde glaubte, noch zu Lebenszeit erleben zu können. Durch den stets neu interpretierten Katechon wird die Geschichte dagegen zu einem fortwährenden „Aufschub“, der den Menschen die Chance bietet, sich zu bewähren und „das Richtige zu tun“.

Lemke – Buddha in der Küche

Harald Lemke

Buddha in der Küche

Fernöstliche Esskultur und globale Ethik

Tb., 583 Seiten, 39,– €

Bielefeld 2025 (Transcript-Verlag)

von Olaf Sanders

Am Ende des ersten Teils legt Harald Lemke die Intention seines dicken und gewichtigen Buches offen: „25 Jahre nach [s]einem ‚gastrosophischen Erwachen‘“ (173) – als Gastrosophie bezeichnet er die Suche nach der „Wahrheit unserer Esskultur“ (172) – sei es an der Zeit, ein ‚Upgrade‘ vorzunehmen, um „mehr Menschen zu erreichen und von der Ethik zu überzeugen, die ihren Anfang und ihr Ende in einer globalen Ernährungswende hat und als Herzstück einer Utopie der konvivialen Gesellschaft den abenteuerlichen Weg zu einem Post-Neo-Pan-Superhumanismus weist“ (173). Sein Interesse habe sich im Laufe seiner gastrosophischen Arbeit auf „andere, über die Gastrosophie hinausgehende, weiterführende Themen der praktischen Ethik und der Philosophie des guten Lebens“ (172) verschoben. Davon zeugt sein Buch.

Im zweiten Teil (175–447) verfeinert Lemke unter dem Titel Eintopf als Weltspiegel vor allem sein gastrosophisches Besteck. Dies geschieht im Blick auf die fernöstliche Esskultur, in der er eine „Essthetik“ am Werk sieht, die das global maßstabbildende „alltägliche Gemetzel auf den Tellern westlicher Gesellschaften“ durch den „unkritischen Einsatz von Messer und Gabel“ (407) infrage stellt und für eine Alternative votiert, das Essen mit Essstäbchen, das auf „an sich unnötige[.] Gewalttätigkeit“ (405) verzichtet. Das oben angekündigte quasi-religiöse Alpha und Omega besteht folglich in der Verschränkung von „Kulinarik und Essthetik“ (408), die auf kleinteiligen kommunalen Praxen der Nahrungsmittelerzeugung aufruht. Weder Tieren noch der Erde soll unnötige Gewalt angetan werden. Diesen Imperativ buddhistisch zu fundieren erscheint auf den ersten Blick durchaus sinnvoll, verspricht Lemke doch, den „Zen-Buddhismus“ zu einem „Euzen-Konvivialismus“ weiterzuentwickeln, was für ihn „gleichbedeutend [ist] mit der Erlösung von allem unnötigen Leiden“ (440). Ein Widerspruch deutet sich allerdings ausgangs des zweiten Teils an, wo diese „Utopie der konvivialen Gesellschaft“ (447) zugleich als „bereits überall und jeden Tag massenhaft praktizierte“ beschrieben wird und ihre „weltgeschichtliche Ausbreitung“ zugleich eine offene Frage der Zukunft sei, die in einem von Lemke angekündigten zweiten Band zu fernöstlicher Ethik und globaler Esskultur behandelt werden soll. Der Schlüssel liegt für Lemke offenbar im japanischen Begriff „Kaizen“, was „wörtlich gute Veränderung, Veränderung zum Besseren oder einfach Verbesserung“ (25) bedeutet.

Der erste und der dritte Teil klammern den zweiten Teil ein. In Den richtigen Einstieg (45-173) formuliert Lemke elf Thesen zu einem Buch des japanischen Marxisten Kohei Saito – und zwar zu Systemsturz (2023). Der dritte Teil, Ohnmacht oder Supermacht der Philosophie ( 451-563), mündet dann in einer „Kraftsuppe à la Marx“, die den Appetit auf die „Rezepte für einen gastrosophischen Postmarxismus“ (481-563) anregen soll. Insgesamt geht es Lemke um Großes: Marx gilt ihm als „der potenzielle Gastrosoph“ (484); und eine „ausgereifte Gastrosophie“ komme in dialektischer Beschleunigung tendenziell wenigstens „der Erfindung des Marxismus gleich“ (482), den Lemke durch seine Neuerfindung, die nebenbei Marx als Utopisten retten soll (vgl. 488), weiterzuentwickeln gedenkt. In diesem Sinn beginnt Lemke seine „gastrosophische Dekonstruktion des Marxismus“ mit seiner „Ausarbeitung eines gastrosophischen Marxismus“. Durch die Verwendung des unbestimmten Artikels kehrt zumindest eine gewisse rhetorische Bescheidenheit zurück, die mir durchaus geboten scheint für die folgende Verengung von Gesellschafts- auf Tischgesellschaftstheorie.

Sowohl der Vorschlag, „dass die Menschen ihre Lebensmittel wieder selbst produzieren“ (520), wodurch sie dann zu „Avant Gardening Utopist[en]“ (521) werden wie Marx, der sich im Verlauf von Lemkes Untersuchung zu einem „expliziten Agrargastrosophen“ entwickelt, der er nach Lemkes Auffassung gewesen sein soll, als auch die Idee, dass dem Weltkapitalismus durch „Konsumzurückhaltung“ (533) oder „subversiven Prosumismus“ (542) beizukommen sei, scheinen mir eher durch Generalisierung und Überbewertung eines spezifischen Lebensstils motiviert zu sein als durch eine materialistische Analyse der Lebensbedingungen in kapitalistischen Gesellschaften. Denn diesen Lebensstil muss man sich leisten können: „Wer den ethischen Konsum wählt, wählt das ethisch Gute, dass seinen Preis hat“ (541).

Schleichend kehrt Lemke in seiner „Begriffsküche“ (534) die philosophiegeschichtliche Bewegung von der individuellen Ethik (Kant) zur kollektiven Sittlichkeit (Hegel), die Marx auf ihre materialistischen Füße stellt und als historisch zu erkämpfen beschreibt, um, um im Rückgriff auf die von Marx links liegengelassene „Tradition der philosophischen Lusttheorie“ (358) alles einer durch Foucault inspirierten Ethik der Lebenskunst unterzuordnen. So wünschenswert und vernünftig eine „globale Agrarwende“ (522) auch wäre, so unwahrscheinlich scheint mir, dass die „gastrosophische Revolution“ der „intelligenten Mitproduzenten und guten Gärtner“, die der Natur in ihrer Lebenswelt wieder Wert zuschreiben, hinreicht, auch nur einen „Agrarkommunismus“ (523) hervorzubringen. Auch dass Fragen des Wohnens, der Kleidung oder der Teilhabe an der Zukunftsmitgestaltung jenseits von Küche und Esstisch als elementar-menschliche Bedürfnisse unthematisiert bleiben, lässt den „gastrosophischen Marxismus“ eher zu einer gastrosophischen Facette eines Maxismus schrupfen, die selbst weiter auszuarbeiten wäre.

Genau dies tut Saito in seiner lesenswerten Dissertation Natur gegen Kapital (2016), die den Untertitel Marx’ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus trägt, auf die Lemke sich leider nicht bezieht. Saito hat sich bei seiner Arbeit zu dem von ihm betreuten MEGA-Band so tief in Marx‘ Exzerpthefte hineingegraben, dass er tatsächlich begründen kann, aufgrund welcher ungelösten Probleme der Vielschreiber Marx „das Kapital“ so wenig zu Ende gebracht hat wie Foucault sein ursprüngliches Projekt zu Sexualität und Wahrheit, woran auch Lemke erinnert. Zudem trägt er auch Neues zu Marx Liebig-Rezeption bei, der – das sei nebenbei bemerkt – kein Biologe war (vgl. 505) und sicher auch nicht als der Erfinder des Vollkornbrots (503) gelten kann, schon weil bis zur Erfindung des Auszugsmehls alles Brot Vollkornbrot war. Dass Lemke elf Thesen über Saito schreibt wie Marx einst über Feuerbach, offenbart einen Fortschrittsanspruch, der (noch) nicht eingelöst wird. Das Problem besteht nicht darin, dass es Lemke zufolge „dem jungen Nachwuchsphilosophen“ (65) – diese und ähnliche Zuschreibungen kommen öfter vor, Saito wird im kommenden Jahr 40 – an Fantasie fehle, sondern dass dieser Marxist die Degrowth-These, die sich implizit auch bei Lemke findet, allerdings individualisiert und ummantelt als gastrosophische Lebenskunst, vorwegnimmt. Ob Lemkes Entwurf vor dem „französischen Marxologe[n] Alois Althusser“ (486) – ein wirklich lustiger Verschreiber, es gibt weitere – bestehen könnte, sei dahingestellt. Mal sehen, was der zweite, hoffentlich nicht minder unterhaltsame Band an Erkenntnisgewinn bringt.

Axel Hutter – Wider die Unterbestimmung des Geistes. Ein Gespräch

Axel Hutter

Wider die Unterbestimmung des Geistes

Ein Gespräch

Widerspruch: Sie haben Ihr Studium ja mit einer recht ungewöhnlichen Konstellation begonnen: Medizin, Musik, Philosophie und Germanistik. Wie kam es dazu, und was waren die Gründe, sich letztlich für die Philosophie zu entscheiden?

Hutter: In der Schule war ich von Beginn an sehr gut in Mathematik; und da hat sich auf gewissermaßen „natürlichem Wege“ zunächst ein Interesse an Mathematik, Physik und Chemie herausgebildet. Mein erster Blick auf die Philosophie konzentrierte sich deshalb auf Philosophen, die diesen eigenen Interessen nahestanden. Der erste Philosoph, den ich so kennenlernte, ist Bertrand Russell gewesen, der ja offenbar etwas von Mathematik verstand und die Naturwissenschaft als Paradigma der Erkenntnis wertschätzte. Ich war damit am Anfang ganz zufrieden: Im Kerngebiet des Interesses standen Physik und Chemie, während der Philosophie eher die Rolle einer „Begleiterin“ zufiel.

Widerspruch: War Ihr Interesse auf das gerichtet, was die Welt im Innersten zusammenhält?

Hutter: Wenn Sie so wollen: ja, zum Teil sicherlich auch; aber mir imponierte wohl vor allem die Eleganz und Reichweite des „reinen Denkens“, wie es sich in der Mathematik manifestiert. – Im Alter von etwa sechzehn Jahren kam es dann zu einer nachhaltigen Erschütterung meines bis dahin recht simplen Weltbildes. Mein Vater war Journalist in Kassel, hatte mit dem Feuilleton und damit auch mit dem Theater und der Kunst zu tun. Zudem findet in Kassel alle vier bis fünf Jahre die „documenta“ als große Schau der modernen Kunst statt. Dies alles war in meinem Elternhaus unübersehbar. Und darüber fand ich nun bei Russell überhaupt nichts Hilfreiches. In mir erwachte deshalb eine bislang unbekannte intellektuelle Neugier, weil es etwas Beeindruckendes gab, das ich mir mit meinen naturwissenschaftlich orientierten Denkmitteln nicht verständlich machen konnte. Da wollte es der Zufall, dass ich im Bücherschrank meiner Eltern auf Adorno stieß, der offenkundig ein anspruchsvoller Denker war, der über Kunst und Literatur (ich hatte damals auch Kafka „entdeckt“) schrieb. Dadurch setzte bei mir langsam eine Horizontverschiebung ein: die Naturwissenschaften blieben mir zwar wichtig, wurden aber doch stark relativiert, weil sie sich als unzuständig oder inkompetent erwiesen für Phänomene, die mir zunehmend wichtiger wurden. Zudem kam mit Adorno natürlich das politische Thema der Gesellschaftskritik hinzu.

Widerspruch: Die Musik doch wahrscheinlich auch?

Hutter: Sicher, da haben Sie recht. Die unmittelbare Herausforderung ging allerdings von jenen Kunstformen aus, die zuhause vor allem präsent waren, also von der Literatur und der bildenden Kunst. Vor diesem Hintergrund bin ich durch Adorno zu einem Philosophiebegriff gekommen, der sich von dem, den ich anfangs bei Russell gefunden hatte, deutlich unterscheidet. Am meisten freilich habe ich von Adorno dadurch gelernt, dass er auf eine andere und ungleich intensivere Weise auf die klassischen Texte der Philosophie verweist. Adorno ist zwar ein entschieden moderner und gegenwartsorientierter Denker, aber – und das fand ich faszinierend und ungemein lehrreich – er kann zugleich vermitteln, dass man den Denkaufgaben der Gegenwart nicht gerecht wird, wenn man Kant und Hegel, Platon und Aristoteles nicht ernst nimmt.

Widerspruch: War das für Sie nicht ein Bruch: auf der einen Seite das klare und rationale Denken von Russell, und auf der anderen Seite das etwas Vagere und Interpretierende der Kunst? War es nicht auch der Abschied von einem Rationalitätsideal, das klar zwischen wahr und falsch zu unterscheiden weiß?

Hutter: Ich würde es anders formulieren: Es handelte sich damals für mich in erster Linie um eine Öffnung gegenüber neuen Erfahrungen, die im Denken zu reflektieren und zu verstehen waren. Ich sah es als die große Aufgabe an, Rationalität so weit und tief zu erfassen, dass man versteht, inwiefern es naturwissenschaftliche Rationalität und ästhetische Rationalität geben kann. Für mich ging es also um zwei Formen der Rationalität, nicht um einfache Gegensätze. Und hierin ist Adorno Stichwortgeber und Lehrer gewesen, weil er an einem weiteren und reicheren Begriff von Vernunft

festhält, d.h. die Beschränktheit einer positivistischen Rationalität sehr klar sieht, durch diese Kritik aber nicht ins Irrationale übergeht. Ich habe die Wissenschaft und die Kunst daher nie als zwei völlig getrennte Bereiche verstanden, für die man sich unter Verzicht auf die jeweils andere Seite entscheiden muss. Meine Überzeugung von der Macht der Vernunft war damals schon so gefestigt, dass ich die Schwierigkeit als eine faszinierende Herausforderung des Denkens akzeptiert habe: wenn die Sache schwieriger und komplexer ist, als anfangs vermutet, dann muss man sich eben mehr anstrengen und mit der Vernunft mehr machen als nur „rechnen“.

Und so stand ich dann vor der Frage: Was studieren? Als Antwort darauf habe ich mich einem „Adorno-Programm“ verschrieben: Philosophie, Germanistik und Musik; habe mich dann aber, aus einer ganzen Reihe von pragmatischen Überlegungen heraus, zusätzlich für ein Medizinstudium entschieden, das meinen naturwissenschaftlichen Interessen und Begabungen entgegenkam.

Widerspruch: Es waren also nicht die Eltern, die sagten, ein „Brotberuf“ müsse sein?

Hutter: Diesen „Hinweis“ gab es schon (allerdings sehr zurückhaltend) – er ist ja auch nicht ganz verkehrt. Nichtsdestotrotz blieb die Medizin in meiner persönlichen Hierarchie stets ganz eindeutig das vierte Fach. Freilich mache ich immer wieder die Beobachtung, dass bei denen, die von mir hören, was ich studiert habe, die Medizin immer an die Spitze der Hierarchie rutscht, weil sie ja gegenüber den anderen Fächern etwas „Ordentliches“ ist. Für mich ist sie jedoch immer das vierte, zusätzliche Fach gewesen. Diese Kombination hat sich für mich insgesamt recht gut bewährt: sie hat mir geholfen, gewisse Einseitigkeiten zu vermeiden, die in den geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen „Parteien“ der Universität allzu sehr gepflegt werden.

Widerspruch: Es gibt ja auch philosophiehistorisch eine Menge Berührungspunkte zwischen Philosophie und Medizin, wo medizinische Erkenntnisse in die Philosophie übertragen wurden.

Hutter: Das ist richtig. Für mich war das Doppelstudium aber nicht in erster Linie darauf angelegt, am Ende eine Einheit zu bilden. Ich wollte vielmehr mit den beiden wissenschaftlichen „Hauptkompetenztypen“, wenn man so sagen kann, in Kontakt bleiben. Zudem ist die Medizin nicht nur eine Naturwissenschaft; sie hat auch und vor allem mit Krankheit und Tod zu tun. Und das wurde mir im Verlauf des Studiums immer wichtiger. Als Medizinstudent habe ich Erfahrungen gemacht und Einsichten gewonnen, die in einem philosophischen Seminar nicht vermittelt werden.

Widerspruch: Wenn wir den philosophischen Faden fortspinnen: sind Sie von Adorno zu Kant oder zu Hegel gekommen?

Hutter: Wenn man mit siebzehn, achtzehn Jahren Adorno liest, dann steht, neben dem Freudomarxismus, natürlich Hegel als Held im Hintergrund. Man denkt irgendwie „dialektisch“, was auch immer das genau heißt. Kant war zwar ebenfalls wichtig, doch wurde er von mir zunächst nur als der philosophische Anfang verstanden, den Hegel dann konsequent zu Ende führt. Sie sehen: Als ich zum Studium nach Berlin ging, lebte ich in dem typischen, ziemlich engen und sehr fest gefügten Bild einer neueren Philosophiegeschichte, deren Hauptstationen von Kant und Hegel über Marx zu Freud und Adorno laufen. Das begann sich erst zu ändern, als ich im zweiten Semester ein Adorno-Seminar von Michael Theunissen besuchte.

Widerspruch: Hatte Theunissen nicht ein sehr kritisches Verhältnis zu Adorno?

Hutter: Ich würde sagen: ein sehr ambivalentes Verhältnis. Zu dem Zeitpunkt, als Theunissen das Seminar anbot, war er, glaube ich, Adorno am nächsten (es muss 1983 gewesen sein). Ich merkte freilich bald, dass Theunissens „Nähe“ zu Adorno reichlich unorthodox war. Es gab im Seminar immer wieder heftige (und sehr lehrreiche) Diskussionen über den wahren und richtigen Adorno. Theunissen versah Adorno mit einem starken metaphysisch-theologischen Akzent, der für die traditionelle Adorno-Orthodoxie überraschend und provozierend sein musste. Mittlerweile bin ich zu der Überzeugung gelangt: Theunissen hatte recht. Aber damals sah er sich konfrontiert mit einer breiten Front von orthodoxen, d.h. materialistischen Adorno-Lesern.

Widerspruch: … und dazu zählten Sie sich damals auch?

Hutter: Ja.

Widerspruch: Theunissen muss auch als philosophischer Lehrer sehr eindrucksvoll gewesen sein.

Hutter: Unbedingt. Seine Seminare und Vorlesungen waren häufig sehr intensive Denkanstöße durch die Leidenschaft seines Fragens nach dem „Wahrheitsgehalt“ einer bestimmten philosophischen Position. Theunissen verhalf mir so zu einer schrittweisen Loslösung aus meinem anfänglichen, allzu engen Bild der Philosophiegeschichte. Von ihm habe ich überhaupt erst von Schellings „Freiheitsschrift“ und Spätphilosophie erfahren. Das hat mich sehr fasziniert: dass es innerhalb der klassischen deutschen Philosophie eine Position gibt, die in der orthodoxen Kant-Hegel-Linie, die man normalerweise kennt, gar nicht berücksichtigt wird.

Widerspruch: Betrachtet man Ihre Entwicklung im Rückblick, so waren Sie sehr auf Systeme konzentriert: erst Anhänger von Russell, dann von Adorno und jetzt Schelling. Es war kein breites Studium, das mal den Störig durchmacht, sondern war von Beginn an auf gewisse philosophische Gesamtentwürfe konzentriert.

Hutter: Nun ja, einen allgemeinen Überblick über die Philosophiegeschichte habe ich mir nach und nach schon erarbeitet. Allerdings war mir stets, da haben Sie recht, eine Balance zwischen Wissensstoff und systematischem Verständnis wichtig. Ich musste eine allgemeine Perspektive haben, in die die Einzelheiten einzuordnen waren. Erst dadurch wurde der historische Stoff sozusagen „verdaubar“. Deshalb habe ich häufig versucht, mir zuerst einen Ansatz oder ein Problem im Allgemeinen klar zu machen, um im Anschluss daran die hierzu „passenden“ Einzelwerke gründlich zu studieren.

Widerspruch: Auf diese Weise kommt man natürlich gut von Adorno zu Hegel und Kant, aber nicht zu Schelling.

Hutter: Das Interesse an Schelling wurde erst durch meinen Lehrer Theunissen vermittelt. Ich habe seinerzeit mit Schellings „Freiheitsschrift“ begonnen, die ich nach wie vor für den besten Einstieg in seine spätere Philosophie halte. Mein eigenes Programm, das ich bei der Auseinandersetzung mit Schelling durchzuhalten versuchte, war ein Begriff von Vernunft, der kompetent genug ist, um so unterschiedliche Bereiche wie Geschichte, Politik oder Kunst angemessen thematisieren zu können. Dieses Programm war mittlerweile durch das spezifische Anliegen von Theunissen erweitert worden, sich den „menschlichen Abgründigkeiten“ zu stellen, wie sie etwa von der Existenzphilosophie thematisiert werden. Ich habe letzteres wiederum – worin ich mit Theunissen wohl nicht ganz einig gewesen bin – als eine neue Herausforderung für die Vernunft verstanden, nicht als eine Klippe, an der die Vernunft am Ende scheitern muss.

Widerspruch: Sie beziehen sich dabei auf Ihre Dissertation zur Spätphilosophie Schellings. Verstehen Sie Ihr Verfahren eher als eine Art der Gegenüberstellung und des Vergleichs konkurrierender Entwürfe, und nicht so sehr als eine Entwicklung, in der ein Schritt nach dem anderen kommt, bis man beim richtigen Philosophen ankommt?

Hutter: Nein. Die Absicht meiner Dissertation besteht vorrangig darin, den späteren Schelling auf eine eigentümliche Form der Vernunft hin verständlich zu machen. Dadurch bewegt sich das Buch gegen manche Strömung der Schelling-Deutung: Wenn man den späten Schelling verstehen will, dann muss man ihn nach meiner Überzeugung in der Fortführung des Kantischen Vernunft-Projektes verstehen. Wenn man erfahren will, wie Kants Projekt fortzusetzen ist, dann sollte man die weitere Entwicklung nicht ausschließlich – wie etwa Kroner – zu Hegel weiterführen, sondern ebenso zu Schelling, der in manchen Aspekten interessanter und lehrreicher als Hegel ist, weil er die „existentialistischen“ Aspekte stärker betont, die Theunissen stets im Blick hatte. Von Theunissen habe ich also gelernt, und halte das nach wie vor für eine wichtige Einsicht, dass es eine Linie gibt, die bei Kant einsetzt und durch die entscheidende Vermittlung des späten Schelling zu Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger und Adorno führt. Diese Linie ist auch eine klassische Linie, wenn man sie an den späten Schelling zurückbindet, kein simpler „Bruch“ mit den klassischen Entwürfen. Mir war dergestalt die These sehr wichtig, dass man die späteren Positionen erst dann gut und angemessen verstehen kann, wenn man ihre Anknüpfungspunkte bei den Klassikern findet.

Widerspruch: Sie wollten also nicht den jungen Schelling gegen den alten Schelling ausspielen, wie es manchmal gemacht wird, und den jungen als Vorstufe zu Hegel interpretieren, während der spätere dann als Irrationalist davon abweicht? Für Sie gehört er in seiner Rationalität in eine Linie, die von Kant zu Adorno führt.

Hutter: Ganz genau; so verstehe ich den ganzen Schelling. Er hat sich der Herausforderung immer wieder neu gestellt: Wie kann man philosophisch einen Begriff von Vernunft entwickeln und dadurch aufrechterhalten, der die Wirklichkeit nicht von vornherein so domestiziert, dass sie in eine allzu enge Vernunftform hineingepresst wird?

Widerspruch: Ich verstehe Schellings Programm, habe aber den Eindruck, dass er gescheitert ist und immer wieder neue Entwürfe präsentiert hat. War ihre Arbeit der Versuch, diese disparaten Entwürfe zusammenzubringen?

Hutter: Wenn man sich die grundlegende Systematik bei Kant klar vor Augen führt, die sich insbesondere an der Leitdifferenz von theoretischer und praktischer Vernunft orientiert, dann hat man an ihr eine Art Schlüssel für die Systematik, die bei Schelling selbst auf den ersten Blick nicht so leicht zu erkennen ist. Dadurch treten die eigentümlichen Vernunftaspekte der Spätphilosophie Schellings hervor, die gegenüber jenen Deutungen ausdrücklich betont werden müssen, die Schellings Spätphilosophie gerade deshalb gerne rezipieren, weil in ihr die Vernunft angeblich verabschiedet wird.

Widerspruch: Dies ist wohl auch der Grund, warum Schelling bei Adorno nicht vorkommt und er bei Lukács quasi als der „Urbösewicht“ erscheint, der die Tradition der Vernunftfeindlichkeit begründet habe.

Hutter: Adorno hat sich allerdings von Lukács‘ Buch über die „Zerstörung der Vernunft“ sehr scharf distanziert; und wenn man sehr genau hinsieht, entdeckt man bei Adorno ganz erstaunliche Parallelen zum späteren Schelling (er hat übrigens einmal mit Horkheimer ein Seminar zu Schellings „Weltalter“ veranstaltet).

Widerspruch: Wie ging es weiter: von Schelling zu Kant; dann aber doch der Schwerpunkt in Hegel?

Hutter: Durch Schelling bin ich gewissermaßen auf eine „neue“ und lebendige Weise in die Philosophie Kants hineingekommen, durch den späteren Denker in den früheren. Dieses Vorgehen halte ich häufig für sinnvoll: Man darf die Klassiker nicht nur in einem antiquarischen Sinne „für sich“ studieren, sondern muss sie statt dessen in einem geeigneten Spiegel betrachten, in einer späteren historischen Form, die uns näher ist. Dies geschieht aber nicht mit dem Ziel, das frühere Denken zu vereinnahmen; vielmehr soll die spätere Form einen lebendigen Zugang zur Vergangenheit eröffnen.

Widerspruch: Sind Sie dann aber nicht mit den Einwürfen der Historiker konfrontiert, dass man auf diese Weise Maßstäbe formuliert, die den Autoren fremd sind?

Hutter: Nein. Denn es gibt ja durchaus ein untergründiges Fortwirken der früheren Philosophie im Denken der späteren Philosophen. Und das ist etwas ganz anderes als das äußerliche Subsumieren einer früheren Philosophie unter spätere Denkpositionen. Allerdings wird man den Gedanken, den man sich zunächst in der Form seiner späteren Wirkungsgeschichte klar macht, am Ende stets immanent, d.h. an den immanenten Maßstäben der früheren Philosophie zu überprüfen haben. Das Zurückgehen auf Kant bedeutete für mich in diesem Sinne eine verstärkte Hinwendung zu einer streng begrifflichen Philosophie, die sich aus sich selbst sehr genau explizieren kann.

Widerspruch: Geschah dieser Zugang zu Kant noch mit Theunissen?

Hutter: Nein, nicht mehr. Kant ist, wenn ich das recht sehe, für Theunissen nie von großer Bedeutung gewesen.

Widerspruch: Sie sind dann weg von Berlin.

Hutter: Mein Habilitationsprojekt zu Kant habe ich zwar noch bei Theunissen begonnen, bin dann aber mit Walter Jaeschke an die Ruhr-Universität nach Bochum und das dortige Hegel-Archiv gegangen. Das war ein ausgesprochener Glücksfall für mich, weil für Jaeschke das Denken Kants von eminenter Bedeutung ist (auch wenn es bei ihm hinter Hegels Bedeutung zurücksteht). Darüber hinaus gehört es zu den großen Stärken Jaeschkes, dass er andere Standpunkte, solange sie gut begründet sind, wirklich gelten lässt. Insofern hätte ich vielleicht in Bochum sogar über Schelling weiterarbeiten können; aber die Wende zu Kant war wohl insgesamt besser …

Widerspruch: … und wohl auch fruchtbarer.

Hutter: Davon bin ich überzeugt.

Widerspruch: Jaeschke hat doch auch ein großes Interesse an der nachhegelischen Philosophie, besonders an den Junghegelianern.

Hutter: Genau dieser Umstand hat sich als überaus fruchtbar erwiesen: für Jaeschke steht im Grunde ein ganz ähnlicher Ausschnitt der Philosophiegeschichte im Vordergrund, auch wenn unsere „Bewegungsrichtung“, wenn man es einmal so formulieren will, innerhalb dieses Ausschnitts entgegengesetzt ist. Jaeschkes Forschung bewegt sich von den Klassikern herkommend in die Richtung der junghegelianischen Überzeugungen; diese Bewegungsrichtung erschien mir, nachdem ich mich von meinem etwas naiven „Adorno-Weltbild“ gelöst hatte, allzu traditionell: ich fand die Klassiker nun viel spannender als die „kritischen“ Nachfolger. Deshalb begann ich an Kant und Hegel gerade diejenigen Momente zu betonen, die bei den Junghegelianern und dann im sogenannten „nachmetaphysischen“ Denken gerade abgelehnt werden. Mich faszinierte die systematisch begründete „Sperrigkeit“ von Kant und Hegel gegenüber dem heute allgemein eingeschliffenen „Auf-die-Füße-Stellen“, das immer schon zu wissen meint, was philosophisch erlaubt ist und was nicht.

Widerspruch: Der alte Gegensatz von „System und Dialektik“ hat Sie nicht nur nicht interessiert, sondern Sie sahen dafür auch gar keinen Grund?

Hutter: Von Adorno her war mir dieser Gegensatz natürlich bekannt; er hat mir aber von Anfang an nicht recht einleuchten wollen, da derart fixierte Gegensätze das Niveau des von Adorno anvisierten Denkens eigentlich unterbieten. Die bei Adorno zuweilen zu beobachtende Tendenz, zu sagen: es gibt auf der einen Seite einen „guten“ Hegel …

Widerspruch: … wie Croce: den lebendigen und den toten Hegel …

Hutter: … genau: und man soll beide säuberlich trennen können; solch ein Vorgehen war und ist mir fremd. Es ist doch gerade eine spannende Herausforderung für die Vernunft, das Ganze einer Philosophie in all ihrer Sperrigkeit für den späteren Standpunkt in den deutenden Blick zu nehmen. Denn das zunächst Sperrige oder, wenn man so will, die zunächst „unsympathischen“ Momente sind doch gerade diejenigen, die das heutige Denken aus seiner bornierten Selbstzufriedenheit herausführen können.

Widerspruch: Sie waren in Bochum auch am Hegel-Archiv. Waren Sie dafür denn prädestiniert, wenn Sie um Hegel eigentlich einen großen Bogen gemacht haben?

Hutter: Das ist so nicht ganz richtig. Hegel ist ja für mich von früh an stets sehr wichtig gewesen. Gleichwohl ist es mir lange nicht gelungen, mein Hegel-Verständnis aus der Bahn der eingeschliffenen Deutungsmuster zu befreien. Deshalb habe ich meine ersten größeren Studien Schelling und Kant gewidmet, zu denen ich schon einen eigenständigeren Zugang gefunden hatte. Dabei war Hegel freilich im Hintergrund präsent, allerdings eher als ein dunkles Rätsel, weil mir der linkshegelianisch verstandene Hegel immer fremder und unplausibler wurde. Daher bin ich am Ende erst über ein vertieftes Verständnis Kants wirklich zu Hegel gekommen. Denn Hegels Philosophie kann ja nicht zuletzt als eine großartige und tiefe Kant-Interpretation und Kant-Kritik verstanden werden. Wenn man nun meint, bei Kant etwas Wichtiges etwas genauer verstanden zu haben, dann liegt die Idee eigentlich recht nahe, die Probe auf dieses Kant-Verständnis in einer erneuten Beschäftigung mit Hegel zu machen. Und so bin ich dann von Bochum nach München gekommen mit dem Programm (oder besser: mit ersten Stücken daraus), dass man Hegels Philosophie des Geistes gerade dadurch auf eine rationale und argumentativ überzeugende Weise verstehen kann, indem man ihn nicht fortwährend „auf die Füße stellt“ oder in einige brauchbare Lehrstücke parzelliert.

Widerspruch: Bezieht sich das Programm der Hegelschen Kantinterpretation nicht eher auf den jungen Hegel in Bern und Frankfurt?

Hutter: Der junge Hegel lässt sich in diesem wichtigen Punkt nicht gegen den späteren Hegel ausspielen. Im Übrigen: will man wirklich den ganzen Hegel verstehen, wird man um die Annahme nicht herumkommen, dass er sich als reifer Philosoph in Berlin schon selbst recht gut verstanden hat. Deshalb wird man wohl seine späteren Werke, vor allem die letzte Fassung der „Enzyklopädie“, als reifste Form seines Denkens und als Maßstab für ein insgesamt angemessenes Verständnis nehmen müssen. Man hat an ihr eine authentische, von Hegel selbst formulierte Systematisierung, in der seine Denkentwicklung zu einer gewissen Vollendung gekommen ist. Und in dieser Perspektive wird nicht nur klar, dass alles wirkliche Verständnis – gut hegelisch – am Ende, d.h. am Resultat hängt, sondern dass dieses Resultat bei Hegel der absolute Geist ist, der Kunst, Religion und Philosophie umfasst. Wollte man also den absoluten Geist, der dem heutigen Denken unbequem ist, einfach streichen und sich mit einigen Lehrstücken aus dem subjektiven und objektiven Geist begnügen, dann würde alles schief und verwirrt.

Widerspruch: Welche Rolle spielt bei Ihnen Hegels Ästhetik? Sie haben nicht versucht, über Ihre Kunsterfahrungen in Kassel, über Adornos und Schellings Ästhetik zu Hegel zu kommen?

Hutter: Am Beginn meines Studiums habe ich das durchaus versucht, während meiner ersten Adorno-Hegel-Phase. Davon habe ich mich dann erst einmal ein Stück weit entfernt, um einen freieren Standpunkt zu gewinnen. Heute interessiert mich die Ästhetik wieder mehr, vor allem die Frage nach der systematischen Stellung ästhetischer Probleme innerhalb der Philosophie. Oder konkreter formuliert: Wie kann man im Anschluss an Hegel einen wirklich angemessenen Vernunft- oder Geistbegriff für die Gegenwart explizieren, der die Gestalten des absoluten Geistes ganz ausdrücklich einbegreift? Hierbei spielt nun die Kunst als eine von Hegel ausgezeichnete Zugangsweise zum absoluten Geist eine wichtige Rolle, aber eben nur eine Rolle. Was mich also weniger interessiert, ist eine isolierte Ästhetik, sondern eine wirklich philosophische Ästhetik als wichtiger Bestandteil eines philosophischen Systems.

Widerspruch: Ihr Anliegen ist nicht nur, den ganzen Hegel zu vermitteln, sondern ihn auch für die Gegenwart fruchtbar zu machen.

Hutter: Was mich angesichts der aktuellen Debatten in der Philosophie besonders interessiert, ist eine stärkere Profilierung des Geistbegriffs. Es ist historisch relativ einfach zu belegen, dass das, was man heute im Deutschen sehr bezeichnend die „Geisteswissenschaften“ nennt, als Verfallsprodukt aus der Philosophie Hegels hervorgegangen ist. Aus diesem Verfallsprozess lassen sich viele Krisenphänomene in den Geisteswissenschaften, aber auch in der Universität insgesamt erklären. Sie leiden, systematisch gesagt, an einer Unterbestimmung des Geistes, weil die einzelnen Fächer eben nichts Gemeinsames und konkret Verbindendes mehr haben, in dem sie sinnvoll kommunizieren können. Die einzelwissenschaftlichen Partikularisierungen haben sich völlig verfestigt – zum Schaden einer übergreifenden Idee von Universität.

Widerspruch: Werden Sie sich mit Ihrer Profilierung des Geistbegriffs nicht mit der analytischen Philosophie und der angelsächsischen Tradition anlegen müssen, wenn Sie ihr vorhalten, sie habe einen reduzierten Geistbegriff, und es sei nicht Geist, was sie transportiert?

Hutter: Das sehe ich viel entspannter. Mittlerweile ist schon gar nicht mehr so ganz klar, wo eigentlich die härteren Positivisten sitzen – in den angelsächsischen Ländern oder auf dem weitgehend historistisch geprägten Kontinent. Ich verstehe das als große Chance. Die analytische Philosophie hat doch mittlerweile eine enorme Entwicklung durchgemacht. Von ihr wird das Projekt einer erneuerten Geistphilosophie sicherlich lernen können, die philosophischen Leitbegriffe nicht so antiquarisch und museal zu behandeln, wie es in rein „historischen“ Untersuchungen zuweilen geschieht. Zudem ist festzustellen, dass die analytische Philosophie sich aus eigenen, teilweise selbstkritischen Antrieben heraus in eine überraschende Nähe zu Hegelschen Motiven bewegt hat, weil die holistischen Motive in ihr immer stärker und wirksamer geworden sind. Der späte Wittgenstein, Quine und Sellars haben eine grundlegende Wende eingeleitet, deren Konsequenzen nach wie vor noch gar nicht absehbar sind, in jedem Fall aber zu einer spürbaren Entdogmatisierung der analytischen Philosophie geführt haben.

Es besteht deshalb aus meiner Sicht heute eine geradezu historische Chance, die lange getrennten Diskurse der Gegenwartsphilosophie zusammenzuführen, indem man z.B. ein an Hegel orientiertes und zugleich gegenwartsgesättigtes Konzept eines neuen holistischen Denkens entwickelt. Hierbei ist es sicherlich auch hilfreich, dass die ebenfalls ziemlich dogmatische, rein historistische Verwaltung der klassischen deutschen Philosophie langweilig geworden ist. Man ist heute also auf doppeltem Wege aufeinander neugierig geworden, von analytischer und nicht-analytischer Seite her. Wir sind neugierig geworden auf unsere eigenen Texte, und die analytische Philosophie sucht Orientierungspunkte, an denen sie sich abarbeiten kann. Es gibt somit eine Menge Möglichkeiten, in undogmatischer Weise an der holistischen Wende der analytischen Philosophie mitzuarbeiten. Ich würde der analytischen Philosophie dabei durchaus zugestehen, dass sie argumentative Maßstäbe gesetzt hat, die man mit Gewinn übernehmen kann, solange sie nicht dogmatisch mit inhaltlichen Prämissen verbunden sind. Umgekehrt sollten wir selbstbewusst genug sein, um die Erwartung zu hegen, dass sich die traditionellen Konzepte der klassischen deutschen Philosophie auch auf analytisch formulierte Weise vertreten lassen.

Widerspruch: Der Geistbegriff betrifft nicht nur die Philosophie, sondern auch – Sie haben es angesprochen – die Einheit der Wissenschaften und damit einer Universität, die heutzutage immer weniger mit dem Einheitsgedanken etwas anfangen kann. Hat das Projekt für Sie auch hochschulpolitische Konsequenzen, weil der Weg der Universitäten derzeit ja in die andere Richtung zu gehen scheint?

Hutter: Ich habe in der Tat die Hoffnung, dass sich ein philosophisch erneuerter Geistbegriff auch gerade dadurch auszeichnet, dass er eine Einheit zu denken erlaubt, die keinen uniformierenden Effekt hat. Das ist für mich die spezifische Stärke des Geistbegriffs bei Hegel, der mir deshalb attraktiv und aktuell zu sein scheint. Wir müssen aus der schlechten Alternative zwischen einer gewaltsamen Vereinheitlichung und, aus Angst davor, einer Verabsolutierung des bloß Fragmentarischen und Partikularen herauskommen. Hegel hat sehr ausführlich gezeigt – und ich halte das für nachdenkenswert –, dass ein philosophisch angemessener Begriff von Einheit nur so zu denken ist, dass er Differenz einschließt. Umgekehrt lässt sich wahrhafte Differenz nur im Hinblick auf Einheit artikulieren. Man darf demnach beide Momente, Einheit und Differenz, nicht nur immer gegeneinander ausspielen, wie das etwa in der vernunftkritischen Diskussion immer wieder aufs Neue gemacht wird.

Widerspruch: Die Einheit der Wissenschaften wäre dann nicht ihre Nützlichkeit als ein externer Maßstab, an dem sie sich heute zu orientieren haben, sondern, als Hegelscher Gegenbegriff, die Form einer inneren und lebendigen Einheit.

Hutter: Ja, ganz genau. Man darf nicht vergessen, dass zwischen Hegels Philosophie des Geistes und der sogenannten „Humboldt-Universität“ eine echte Wahlverwandtschaft besteht. Deshalb sprechen hochschulpolitisch für eine Erneuerung und Stärkung des Geistbegriffs vor allem zwei Dinge. Einmal gibt es unübersehbar – speziell in den geisteswissenschaftlichen Bereichen – das Defizit, dass die einzelnen Fächer Schwierigkeiten haben, zu einer echten Zusammenarbeit zu kommen, weil ihnen ein Einheitsbegriff fehlt, der die speziellen Bereiche aus den allzu engen Fachgrenzen befreit und nicht uniformiert. Zum anderen ist es so, dass die Geisteswissenschaften den Geist, den sie ja selbst zum Thema haben, ständig unterbieten, weil sie das absolute Moment des Geistes, in der Kunst zum Beispiel, unter einzelwissenschaftlichen Aspekten ganz ungenügend reflektieren können. Angesichts der seit 150 Jahren bestehenden Tendenz einer Entgeistung der Einzelwissenschaften scheint mir der Versuch angezeigt zu sein, die noch vorhandenen Erinnerungen an die genuin geistige Verfassung so zu stärken, dass man sie wieder als das definierende Element der Geisteswissenschaften versteht, in dem sie miteinander kommunizieren können. Auf längere Sicht hätte das hoffentlich zur Folge, dass diese geisteswissenschaftlichen Forschungsbereiche wieder zu einem stärkeren Selbstbewusstsein ihrer inneren Organisation kommen, das sich aus ihrem eigenen Selbstverständnis ergibt und ihnen nicht extern übergestülpt wird.

Widerspruch: Das hätte etwas mit Totalität zu tun, mit Zusammenschau. Nicht die Vereinzelung, sondern die entgegengesetzte Richtung, die Vereinzelung aufzuheben.

Hutter: Wobei ich darauf verweisen möchte, dass der Begriff „Totalität“ heutzutage unter einem kaum mehr eigens begründeten Generalverdacht steht. Dies kann man als Ausdruck einer gewissen Geistfeindschaft verstehen, die das Gegenteil von dem erreicht, wofür sie oberflächlich plädiert. Der Geist ist nämlich gerade jene Form von Zusammenhang, die es überhaupt erlaubt, Besonderheiten wahrzunehmen und sie als solche zu achten.

Widerspruch: Fehlt da nicht das kritische Moment, dass der Hegelsche Geist doch etwas Vereinnahmendes und Zuschneidendes hat? Hegel hat zwar den Anspruch einer Einheit, die dennoch die Besonderheiten berücksichtigt, …

Hutter: … nein, viel stärker: Nicht eine Einheit, die „dennoch“ die Besonderheiten berücksichtigt, sondern eine Einheit, die Besonderheit überhaupt erst ermöglicht! Das hegelsche Verhältnis zwischen Allgemeinem und Besonderem, Einheit und Differenz ist kein Mittelweg, kein Kompromiss. Das Besondere bekommt nur sein in der Moderne gefordertes Recht, weil es im Allgemeinen ist. Wenn man diesen Gedanken einmal verstanden hat, dann hat man den Zugang zu einem zeitgemäßen Geistprojekt, das sich ganz strikt von einem Projekt der Unterdrückung von Differenzen unterscheiden lässt, weil es jene Differenzen überhaupt erst zu artikulieren erlaubt, die alle zu verteidigen vorgeben.

Widerspruch: Ihr Schwerpunkt ist nicht nur die Geistphilosophie. Sie haben auch ein Forschungsprojekt zu Hegel nach München gebracht.

Hutter: Im Rahmen meiner Berufung an die LMU habe ich eine großzügige Anschubfinanzierung von der Universität erhalten, um eine Hegelforschungsstelle an meinem Lehrstuhl einzurichten.

Widerspruch: In Konkurrenz zu Bochum?

Hutter: Nein, in sehr guter und arbeitsteiliger Kooperation. Wir werden in München innerhalb der historisch-kritischen Gesamtausgabe, die in Bochum herausgegeben wird, die Briefe Hegels edieren. Neben der Edition sind aber auch Forschungen zu Hegel in einem systematischeren Sinne geplant, sowie Tagungen, die im Idealfall die Edition und die Forschung befruchten sollen. Ich habe die Hoffnung, dass sich all diese Teilprojekt am Ende zu einem sinnvollen „Geistprojekt“ in dem bereits angesprochenen Sinne zusammenfügen werden. Im Moment steht die Münchner Hegel-Forschungsstelle aber noch ganz am Anfang und ist im Aufbau begriffen.

Widerspruch: Wie Sie wissen, sind Sie als Vertreter einer an Hegel orientierten Geistphilosophie auf einen Lehrstuhl berufen worden, den als erster Schelling innehatte. Wie werden Sie damit umgehen?

Hutter: Daraus ergibt sich für mich die ganz konkrete Aufgabe und Chance – und das hat erneut mit „Geist“ zu tun –, den unseligen Parteigeist aus den einschlägigen Diskussionen herauszunehmen. Dass man sagt: „mein Schelling, dein Fichte, sein Hegel“, das ist zu einem großen Hindernis der philosophischen Forschung im Bereich der klassischen deutschen Philosophie geworden. Ich strebe daher für mich selbst, aber auch für die Sache an, so weit wie irgend möglich die Gemeinsamkeiten und die Möglichkeiten der Kooperation zwischen den einzelnen Entwürfen zu betonen.

Widerspruch: Das wäre eine gute Sache. Herr Hutter, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führten Konrad Lotter und Alexander von Pechmann