Schönher – Die Naturphilosophie von Deleuze

Mathias Schönher

Die Naturphilosophie von Deleuze

System und Methode seines späten Hauptwerks „Was ist Philosophie?“

Tb., 378 Seiten, 49.- € (und open access)

Bielefeld 2025 (transcript-Verlag)

von Olaf Sanders

Mathias Schönher legt eine profunde Auslegung von Deleuzes letztem Buch vor. Er liest das Buch, das Gilles Deleuze wie zuvor Anti-Ödipus, Kafka und Tausend Plateaus gemeinsam mit dem – wahlweise – Nicht-Philosophen, Psychoanalytiker oder politischen Aktivisten Félix Guattari geschrieben hat als Naturphilosophie, was zugleich nahe- und fernliegt. Naheliegend erscheint Schönhers Einordnung vor dem Hintergrund, dass Deleuze sich selbst als Spinozist verstand, der Spinozas eine Substanz in Bewegung gesetzt und als dahinwirbelnden Materiestrom konzipiert hat. Diese eine Substanz nennt Spinoza „Gott“. Wolfgang Bartuschat hat wiederholt darauf hingewiesen, dass man sie auch „Natur“ nennen könne. Nicht ganz so naheliegend erscheint Schönhers Auslegung angesichts des Umstands, dass es in Was ist Philosophie? zwar um das unaufhebbare Verhältnis der Philosophie zur Nicht-Philosophie geht – und als Nicht-Philosophie interessieren sich Deleuze und Guattari vor allem für Kunst und Wissenschaft einschließlich der Naturwissenschaften, nicht aber im engeren Sinn für diese oder andere Naturverständnisse. Auch dass es sich bei Was ist Philosophie? um Deleuzes „spätes Hauptwerk“ handelt, ist – wie Schönher selbst ausführt – alles andere als unumstritten. Gemeinhin wird Differenz und Wiederholung als dessen Hauptwerk genannt, was Schönher aus guten Gründen für falsch hält (335), wohingegen seine Kollaborationen mit Guattari außerhalb der internationalen Deleuze-Community manchmal gar nicht der Philosophie zugeschlagen werden.

Schönher schlägt drei Hauptwerke vor, die jeweils eine Werkphase von Deleuze abschließen: Logik des Sinns für das Frühwerk, Tausend Plateaus für die mittlere Phase und Was ist Philosophie? für die späte Periode. Diese Auswahl begründet Schönher plausibel durch ihren auf die Spitze getriebenen Stil (334 ff.). Logik des Sinns funktioniere seriell, Tausend Plateaus bilde ein Rhizom und Was ist Philosophie? buchstabiere die schöpferischen Vermögen des Zusammenspiels von Philosophie und Nicht-Philosophie, also vor allem Kunst und Wissenschaft, aus. Dass Schönher den Anteil Guattaris an den gemeinsam verfassten Büchern tendenziell, wie üblich, zu unterschätzen droht, resultiert nicht wie zumeist aus Deleuzes größerem Bekanntheitsgrad. Er begründet seine Wahl damit, dass Deleuze dem Buch Was ist Philosophie? nicht nur – wie bei den anderen gemeinsamen Büchern auch – den letzten Schliff gegeben habe, sondern es mit seiner zunächst rätselhaften Botschaft noch stärker in seinem Denken verwurzelt sei als die früheren Bücher. Immerhin widmet Schönher Guattari zwischen den beiden ersten Teilen zum System der Natur, über die Logik der Ereignisse und der Theorie der zerebralen Gefüge, und dem zweiten Teil über die Methode der philosophischen Schöpfung einen Exkurs, der Guattaris Animismus aufklärt. Guattaris Bedeutung zu ermessen, wird anderen Büchern vorbehalten bleiben.

Bei den Begriffen System (Hegel) und Methode (Descartes) werden sich der einen oder anderen Deleuze-Leser:in die Nackenhaare aufstellen – und ich möchte offen lassen, ob nicht ‚Gefüge‘ und ‚Experiment‘ geeignetere Begriffe aus Deleuzes Vokabular gewesen wären. Gemessen an dem, was Schönher mit seinem Buch gelingt, scheinen derartige Einwände gering. Sein gleichermaßen gut lesbares und sehr informiertes Buch führt nicht nur in Was ist Philosophie? ein, sondern belegt nebenbei, dass es sich lohnt, Deleuze „von hinten“ zu lesen und genealogische Linien zu ziehen, wodurch es Wege in dessen Gesamtwerk bahnt, dem es zeitlebens darum ging, etwas Neues zu schaffen und zu verhindern, dass Philosophie zur Ware verkommt (vgl. 21 und 25).

Schönher folgt Deleuze in dessen Lektüren und lässt auf diese Weise eine Mannigfaltigkeit – multiplicité ist neben ensemble, Menge, ein Schlüsselbegriff in Deleuzes Philosophie – plastisch werden, in der Progogine und Stengers, Heidegger und Badiou, Platon, Bergson und Blanchot, Leibniz, Simondon, Uexküll und Foucault sowie Spinoza immer wieder, aber auch Kant, Russell und Whitehead sowie Mallarmé und Melville ihre Linien ziehen. Kreise gibt es bei Deleuze nicht, nur Rundes. Mit Melville schließt Deleuze in Was ist Philosophie? an Motive aus Tausend Plateaus an; und Schönher erinnert daran, wie das Anomal, der weiße Wal Moby Dick, Kapitän Ahab in ein Wal-Werden hineinzieht und ihm so ermöglicht, „die unsichtbaren Kräfte des Ozeans in einer Vision zu erfassen“ (328). Schönher unterfüttert seine Ausführungen auch hier durch umsichtig modifizierte Zitate, wobei die Übersetzung von Was ist Philosophie? meines Erachtens zu den gelungeneren Deleuze-Übersetzungen zählt. Ahab ist eine ästhetische Figur (Kunst), die Deleuze von Begriffspersonen (Philosophie) und psycho-sozialen Typen (Wissenschaft) unterscheidet. Als prominente Begriffspersonen nennen Deleuze und Guattari u.a. Platons Sokrates, Nikolaus von Kues‘ Idiot oder Nietzsches Zarathustra. Warum Schönher den Idioten, anders als Deleuze, Descartes zuschlägt, erschließt sich mir nicht; seine Bezugnahme auf einen der paradigmatischen glatten Räume von Deleuze/Guattari dafür umso mehr. So gerät auch der Surfer in den Fokus – und zwar als Begriffsperson von Deleuze (vgl. 326) und als psycho-sozialer Typ in der Kontrollgesellschaft im Verband mit Snowboardern, Windsurfern oder Drachenfliegern. Schönher stellt fest, dass „der Mensch der Kontrollgesellschaft für Deleuze wellenhaft“ (323) sei. Nun bedeutet Welle-Werden bekanntlich nicht wie eine Welle zu werden, sondern eher die Welle zu bewohnen, wie Deleuze im Abécédaire im Hinblick auf Wellenreiter äußert, die ihm geschrieben hatten, genau das zu tun, was er in Die Falte, seinem Buch über Leibniz und den Barock, beschreibt. Trotz des auch seinerzeit schon länger andauernden Surf-Booms scheint mir Deleuzes, von Schönher aus dem Postskriptum über die Kontrollgesellschaften zitierte, Beobachtung, dass das Surfen überall schon die alten Sportarten abgelöst habe, empirisch selbst heute unhaltbar, wo die Entwicklung viel weiter fortgeschritten ist und es in der Welle bisweilen eng wird. Als psychosoziale Typen wirken Surfer:innen dennoch eher als schöpferische Kritiker:innen der Kontrollgesellschaft, weil sie mit den Kräften, die sie vorfinden, Neues schaffen. Deleuze selbst war kein Surfer und wohl nicht einmal ein guter Schwimmer; und auch Schönher scheint keine Wellen zu reiten. Das ist kein Manko. Er hat ein lesenswertes Buch geschrieben, das dank open access so frei zugänglich ist wie der Ozean und mit dem sich – ganz im Sinn von Deleuze und Guattari – etwas anfangen lässt.

Weiss – Katechon

Volker Weiss

Katechon

Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart

Tb., 128 Seiten, 18.- €

Stuttgart 2026 (Cotta-Verlag)

von Konrad Lotter

Während die Religion im täglichen Leben, zumindest in Europa, immer mehr an Bedeutung verliert, feiert sie in der Politik, in Form der politischen Theologie, fröhliche Urständ. Wer dafür nach Gründen sucht, kommt schnell auf die allgemeine Stimmungslage. Klimakastastrophe, nicht endende Kriege mit Atomkriegspotenzial, unberechenbare Politiker, Rückfall in den Naturzustand oder Künstliche Intelligenz, die den Menschen tendenziell überflüssig macht, vermitteln den Eindruck einer Endzeit, die an biblische Vorstellungen der Apokalypse erinnert. Damit tut sich ein Tummelfeld für rechte und religiöse Fundamentalisten auf, auf dem der Begriff des Katechons gegenwärtig Karriere macht und die theologischen und politischen Feuilletons durchgeistert.

Wörtlich aus dem Griechischen übersetzt, heißt Katechon der „Aufhalter“ oder „Verzögerer“. Seinen Ursprung hat er im zweiten Paulus-Brief an die frühchristliche Gemeinde in Thessaloniki, die die Sorge wegen des bevorstehenden Weltuntergangs, verbunden mit der Hoffnung auf die Wiederkehr Christi, umtrieb. Paulus versuchte, sie zu beruhigen. Bevor die Welt untergeht, so schreibt er, wird erst der Antichrist auftreten, der Böse, der sich „erhebt über alles, was Gott oder Heiligtum heißt“, der sich auf den Thron Gottes setzt und „vorgibt, er sei Gott“. Erst dann wird Christus zurückkehren, den Bösen besiegen und sein Reich errichten. Vorläufig aber, so heißt es im Paulus-Brief weiter, herrscht noch der „Aufhalter“, der sich der Ankunft des Antichristen entgegensetzt. Damit hat der Katechon freilich von Anfang an etwas Paradoxes und Zweideutiges an sich. Zum einen bezeichnet er etwas Wünschenwertes, da er die Ankunft des Antichristen verhindert, zum anderen verzögert er aber auch die Wiederkehr Christi, die diese Ankunft zur Voraussetzung hat. Nur so kann es ja zum „Endkampf“ des Guten mit dem Bösen und die „Erlösung“ der Menschheit kommen.

Es liegt nahe, diese phantastische Geschichte zu säkularisieren und mit realen, geschichtlichen Ereignissen zu assoziieren. Schon kurz nach dem Ableben des Paulus hatten die frühen Christen das römische Kaisertum als Katechon und „Aufhalter“ des Weltuntergangs begriffen. Auch viele Kaiser des Mittelalters hatten sich selbst so verstanden und präsentiert. Auf diese lange Geschichte geht Volker Weiss, Historiker und Spezialist für die Geschichte der „Konservativen Revolution“, allerdings nur im Vorübergehen ein. Sein Hauptinteresse liegt auf der Gegenwart, in der das Katechon-Motiv von rechten und rechtsextremen Aktivisten in Anspruch genommen wird. Dabei verdeutlicht er nicht nur, wie beliebig die politischen Ziele sein können, für die es funktionalisiert wird, sondern auch, wie verkürzt es als „Aufhalter“ des Bösen eingesetzt wird.

Der Propagandist der deutschen und österreichischen Identitären, Markus Sellner, etwa versuchte zur Zeit der Corona-Pandemie in der Rolle des „Bremsers, ‚Aufhalters‘ und Bewahrers“ – gegen den „Teufelskreis der Technik“ gerichtet – auf Stimmenfang zu gehen. Der Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah hält dagegen Donald Trump für den Katechon. Er nämlich „bringt den Wandel, den wir immer beschrieben, gefordert und erhofft haben“, d.h. den Wandel hin zu einer neuen „Großraumordnung“ und bekämpft das „‘rules-based‘ Losertum à la Baerbock“ (und offenbar überhaupt der UNO). Beide stehen in der Nachfolge des Nazi-Kronjuristen Carl Schmitt, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg folgendes Bekenntnis zu Papier gebracht hat: „Ich glaube an den Katechon, er ist für mich die einzige Möglichkeit, als Christ Geschichte zu verstehen und sinnvoll zu finden“. Den Historikern schreibt er in diesem Zusammenhang die Aufgabe zu, „für jede Epoche der letzten 1948 Jahre den Katechon“ zu benennen, der die Menschheit vor dem Bösen und dem Untergang bewahrt hat.

Seinen prominentesten Schüler hat Carl Schmitt gegenwärtig freilich in dem Tech-Milliardär und Trump-Unterstützer Peter Thiel, der mit seinem Meister auch die Schreckensvision teilt, der sich der Katechon entgegenstellen soll. Es sind die länderübergreifenden Allianzen und überstaatlichen Organisationen (UNO, NATO, WHO, EU etc.), auf die die Politik seit 1945 zusteuert und am Ende in einen „Weltstaat“ einmünden könnten. Einen solchen Weltstaat kann sich Thiel nur in Form eines globalisierten Nordkoreas vorstellen: „Wenn die ganze Welt Nordkorea ist, haben wir die Herrschaft des Antichrists.“ Wodurch aber kann die Entwicklung hin zu einem totalitären Weltstaat aufgehalten werden? Verbreitet ist die Meinung, der sich auch Weiss anschließt: Der Katechon in diesem Fall seien die IT-Entwickler oder „Tech-Nerds“, was natürlich sofort die Frage aufwirft, ob nicht Thiel mit seiner Überwachungs-Software Palantir selbst die Entwicklung in die Richtung vorantreibt, die er als Apokalypse anprangert. Weiss erkennt darin ein widersprüchliches Verhalten: Die Parallelen zwischen den Zielen von Palantir und Thiels dystopischen Zukunfsvisionen sind „frappierend“, schreibt er. „Letztlich beschreiben seine Warnungen die eigene Tätigkeit, doch schafft er es, seine Unternehmungen darzustellen, als stünden sie im Kampf gegen das Böse“.

Dazu wäre (in Kritik und Ergänzung) allerdings an das bereits genannte Paradoxe und Zweideutige des Katechons zu erinnern, der nicht nur den Antichristen, sondern darüber hinaus auch die Wiederkehr Christi und die „Erlösung“ ausbremst, die im Auftritt des Antichristen ihre Voraussetzung hat. Palantir wäre somit das geeignete Mittel, die von Thiel so gehasste Demokratie zu überwinden und (durch das Ausbremsen des Katechons) auf schnellstem Weg zu jenem Punkt zu kommen, in dem die Demokratie, die Herrschaft des Demos, ins „Reich des Libertarismus“ umschlägt, in dem die Autokraten und Oligarchen vom Schlage Thiels, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und Konsorten das Sagen haben und die Welt wie die CEOs von Aktiengesellschaften beherrschen. Damit wäre Thiel auf den „Akzellerationismus“ des britischen Philosophen und „dunklen Aufklärers“ Nick Land eingeschwenkt, der die Zerstörung der Demokratie (von der in den USA sowieso nicht mehr viel übrig ist) beschleunigen will, weil er sich dadurch die „Singularität“ erhofft: den Sprung in die „libertäre Gesellschaft“, wie sie sich die Tech-Milliardäre vorstellen.

In kenntnisreicher und und differenzierter Weise zeigt Volker Weiss die Parallelen zwischen den USA und Russland auf, die sich gleichermaßen als „heilsgeschichtliche Mächte“ darstellen. Trump und Putin handeln, ihrem eigenen Verständnis nach, im direkten göttlichen Auftrag, um die Welt vor dem „Bösen“ zu retten. In den USA sind es die Evangelikalen, die hinter ihrem Präsidenten stehen, der sich als Katechon gegen Terrorismus, Islamismus, natürlich gegen den Kommunismus (der für ihn bereits bei der gesetzlich geregelten Krankenversicherung beginnt), gegen illegale Einwanderer oder „Wokeness“ präsentiert. In Russland ist es die orthodoxe Kirche, die sich, neben dem Religionsphilosophen Wladimir Solowjev oder dem Ultranationalisten Alexander Dugin, mit ihrem Präsidenten, der „Ausbreitung der westlichen Dekadenz“ entgegenstellen.

Jenseits der politischen Theologie leitet sich, wie Weiss aufzeigt, das abendländisch-christliche Verständnis der „Zeit“ überhaupt aus dem Begriff des Katechons ab. Der rechte, Carl Schmitt-devote Armin Mohler und Jacob Taubes, der sich als „politisch links“ verstand, stimmen darin weitgehend überein, dass die Geschichte, christlich gesehen, stets als eine Art von „Galgenfrist“ verstanden wird: als immer wieder aufgeschobene „Parusie“. Mit diesem Begriff benennt die Theologie die Wiederkehr Jesu Christi, die die Urgemeinde glaubte, noch zu Lebenszeit erleben zu können. Durch den stets neu interpretierten Katechon wird die Geschichte dagegen zu einem fortwährenden „Aufschub“, der den Menschen die Chance bietet, sich zu bewähren und „das Richtige zu tun“.

Lemke – Buddha in der Küche

Harald Lemke

Buddha in der Küche

Fernöstliche Esskultur und globale Ethik

Tb., 583 Seiten, 39,– €

Bielefeld 2025 (Transcript-Verlag)

von Olaf Sanders

Am Ende des ersten Teils legt Harald Lemke die Intention seines dicken und gewichtigen Buches offen: „25 Jahre nach [s]einem ‚gastrosophischen Erwachen‘“ (173) – als Gastrosophie bezeichnet er die Suche nach der „Wahrheit unserer Esskultur“ (172) – sei es an der Zeit, ein ‚Upgrade‘ vorzunehmen, um „mehr Menschen zu erreichen und von der Ethik zu überzeugen, die ihren Anfang und ihr Ende in einer globalen Ernährungswende hat und als Herzstück einer Utopie der konvivialen Gesellschaft den abenteuerlichen Weg zu einem Post-Neo-Pan-Superhumanismus weist“ (173). Sein Interesse habe sich im Laufe seiner gastrosophischen Arbeit auf „andere, über die Gastrosophie hinausgehende, weiterführende Themen der praktischen Ethik und der Philosophie des guten Lebens“ (172) verschoben. Davon zeugt sein Buch.

Im zweiten Teil (175–447) verfeinert Lemke unter dem Titel Eintopf als Weltspiegel vor allem sein gastrosophisches Besteck. Dies geschieht im Blick auf die fernöstliche Esskultur, in der er eine „Essthetik“ am Werk sieht, die das global maßstabbildende „alltägliche Gemetzel auf den Tellern westlicher Gesellschaften“ durch den „unkritischen Einsatz von Messer und Gabel“ (407) infrage stellt und für eine Alternative votiert, das Essen mit Essstäbchen, das auf „an sich unnötige[.] Gewalttätigkeit“ (405) verzichtet. Das oben angekündigte quasi-religiöse Alpha und Omega besteht folglich in der Verschränkung von „Kulinarik und Essthetik“ (408), die auf kleinteiligen kommunalen Praxen der Nahrungsmittelerzeugung aufruht. Weder Tieren noch der Erde soll unnötige Gewalt angetan werden. Diesen Imperativ buddhistisch zu fundieren erscheint auf den ersten Blick durchaus sinnvoll, verspricht Lemke doch, den „Zen-Buddhismus“ zu einem „Euzen-Konvivialismus“ weiterzuentwickeln, was für ihn „gleichbedeutend [ist] mit der Erlösung von allem unnötigen Leiden“ (440). Ein Widerspruch deutet sich allerdings ausgangs des zweiten Teils an, wo diese „Utopie der konvivialen Gesellschaft“ (447) zugleich als „bereits überall und jeden Tag massenhaft praktizierte“ beschrieben wird und ihre „weltgeschichtliche Ausbreitung“ zugleich eine offene Frage der Zukunft sei, die in einem von Lemke angekündigten zweiten Band zu fernöstlicher Ethik und globaler Esskultur behandelt werden soll. Der Schlüssel liegt für Lemke offenbar im japanischen Begriff „Kaizen“, was „wörtlich gute Veränderung, Veränderung zum Besseren oder einfach Verbesserung“ (25) bedeutet.

Der erste und der dritte Teil klammern den zweiten Teil ein. In Den richtigen Einstieg (45-173) formuliert Lemke elf Thesen zu einem Buch des japanischen Marxisten Kohei Saito – und zwar zu Systemsturz (2023). Der dritte Teil, Ohnmacht oder Supermacht der Philosophie ( 451-563), mündet dann in einer „Kraftsuppe à la Marx“, die den Appetit auf die „Rezepte für einen gastrosophischen Postmarxismus“ (481-563) anregen soll. Insgesamt geht es Lemke um Großes: Marx gilt ihm als „der potenzielle Gastrosoph“ (484); und eine „ausgereifte Gastrosophie“ komme in dialektischer Beschleunigung tendenziell wenigstens „der Erfindung des Marxismus gleich“ (482), den Lemke durch seine Neuerfindung, die nebenbei Marx als Utopisten retten soll (vgl. 488), weiterzuentwickeln gedenkt. In diesem Sinn beginnt Lemke seine „gastrosophische Dekonstruktion des Marxismus“ mit seiner „Ausarbeitung eines gastrosophischen Marxismus“. Durch die Verwendung des unbestimmten Artikels kehrt zumindest eine gewisse rhetorische Bescheidenheit zurück, die mir durchaus geboten scheint für die folgende Verengung von Gesellschafts- auf Tischgesellschaftstheorie.

Sowohl der Vorschlag, „dass die Menschen ihre Lebensmittel wieder selbst produzieren“ (520), wodurch sie dann zu „Avant Gardening Utopist[en]“ (521) werden wie Marx, der sich im Verlauf von Lemkes Untersuchung zu einem „expliziten Agrargastrosophen“ entwickelt, der er nach Lemkes Auffassung gewesen sein soll, als auch die Idee, dass dem Weltkapitalismus durch „Konsumzurückhaltung“ (533) oder „subversiven Prosumismus“ (542) beizukommen sei, scheinen mir eher durch Generalisierung und Überbewertung eines spezifischen Lebensstils motiviert zu sein als durch eine materialistische Analyse der Lebensbedingungen in kapitalistischen Gesellschaften. Denn diesen Lebensstil muss man sich leisten können: „Wer den ethischen Konsum wählt, wählt das ethisch Gute, dass seinen Preis hat“ (541).

Schleichend kehrt Lemke in seiner „Begriffsküche“ (534) die philosophiegeschichtliche Bewegung von der individuellen Ethik (Kant) zur kollektiven Sittlichkeit (Hegel), die Marx auf ihre materialistischen Füße stellt und als historisch zu erkämpfen beschreibt, um, um im Rückgriff auf die von Marx links liegengelassene „Tradition der philosophischen Lusttheorie“ (358) alles einer durch Foucault inspirierten Ethik der Lebenskunst unterzuordnen. So wünschenswert und vernünftig eine „globale Agrarwende“ (522) auch wäre, so unwahrscheinlich scheint mir, dass die „gastrosophische Revolution“ der „intelligenten Mitproduzenten und guten Gärtner“, die der Natur in ihrer Lebenswelt wieder Wert zuschreiben, hinreicht, auch nur einen „Agrarkommunismus“ (523) hervorzubringen. Auch dass Fragen des Wohnens, der Kleidung oder der Teilhabe an der Zukunftsmitgestaltung jenseits von Küche und Esstisch als elementar-menschliche Bedürfnisse unthematisiert bleiben, lässt den „gastrosophischen Marxismus“ eher zu einer gastrosophischen Facette eines Maxismus schrupfen, die selbst weiter auszuarbeiten wäre.

Genau dies tut Saito in seiner lesenswerten Dissertation Natur gegen Kapital (2016), die den Untertitel Marx’ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus trägt, auf die Lemke sich leider nicht bezieht. Saito hat sich bei seiner Arbeit zu dem von ihm betreuten MEGA-Band so tief in Marx‘ Exzerpthefte hineingegraben, dass er tatsächlich begründen kann, aufgrund welcher ungelösten Probleme der Vielschreiber Marx „das Kapital“ so wenig zu Ende gebracht hat wie Foucault sein ursprüngliches Projekt zu Sexualität und Wahrheit, woran auch Lemke erinnert. Zudem trägt er auch Neues zu Marx Liebig-Rezeption bei, der – das sei nebenbei bemerkt – kein Biologe war (vgl. 505) und sicher auch nicht als der Erfinder des Vollkornbrots (503) gelten kann, schon weil bis zur Erfindung des Auszugsmehls alles Brot Vollkornbrot war. Dass Lemke elf Thesen über Saito schreibt wie Marx einst über Feuerbach, offenbart einen Fortschrittsanspruch, der (noch) nicht eingelöst wird. Das Problem besteht nicht darin, dass es Lemke zufolge „dem jungen Nachwuchsphilosophen“ (65) – diese und ähnliche Zuschreibungen kommen öfter vor, Saito wird im kommenden Jahr 40 – an Fantasie fehle, sondern dass dieser Marxist die Degrowth-These, die sich implizit auch bei Lemke findet, allerdings individualisiert und ummantelt als gastrosophische Lebenskunst, vorwegnimmt. Ob Lemkes Entwurf vor dem „französischen Marxologe[n] Alois Althusser“ (486) – ein wirklich lustiger Verschreiber, es gibt weitere – bestehen könnte, sei dahingestellt. Mal sehen, was der zweite, hoffentlich nicht minder unterhaltsame Band an Erkenntnisgewinn bringt.

Axel Hutter – Wider die Unterbestimmung des Geistes. Ein Gespräch

Axel Hutter

Wider die Unterbestimmung des Geistes

Ein Gespräch

Widerspruch: Sie haben Ihr Studium ja mit einer recht ungewöhnlichen Konstellation begonnen: Medizin, Musik, Philosophie und Germanistik. Wie kam es dazu, und was waren die Gründe, sich letztlich für die Philosophie zu entscheiden?

Hutter: In der Schule war ich von Beginn an sehr gut in Mathematik; und da hat sich auf gewissermaßen „natürlichem Wege“ zunächst ein Interesse an Mathematik, Physik und Chemie herausgebildet. Mein erster Blick auf die Philosophie konzentrierte sich deshalb auf Philosophen, die diesen eigenen Interessen nahestanden. Der erste Philosoph, den ich so kennenlernte, ist Bertrand Russell gewesen, der ja offenbar etwas von Mathematik verstand und die Naturwissenschaft als Paradigma der Erkenntnis wertschätzte. Ich war damit am Anfang ganz zufrieden: Im Kerngebiet des Interesses standen Physik und Chemie, während der Philosophie eher die Rolle einer „Begleiterin“ zufiel.

Widerspruch: War Ihr Interesse auf das gerichtet, was die Welt im Innersten zusammenhält?

Hutter: Wenn Sie so wollen: ja, zum Teil sicherlich auch; aber mir imponierte wohl vor allem die Eleganz und Reichweite des „reinen Denkens“, wie es sich in der Mathematik manifestiert. – Im Alter von etwa sechzehn Jahren kam es dann zu einer nachhaltigen Erschütterung meines bis dahin recht simplen Weltbildes. Mein Vater war Journalist in Kassel, hatte mit dem Feuilleton und damit auch mit dem Theater und der Kunst zu tun. Zudem findet in Kassel alle vier bis fünf Jahre die „documenta“ als große Schau der modernen Kunst statt. Dies alles war in meinem Elternhaus unübersehbar. Und darüber fand ich nun bei Russell überhaupt nichts Hilfreiches. In mir erwachte deshalb eine bislang unbekannte intellektuelle Neugier, weil es etwas Beeindruckendes gab, das ich mir mit meinen naturwissenschaftlich orientierten Denkmitteln nicht verständlich machen konnte. Da wollte es der Zufall, dass ich im Bücherschrank meiner Eltern auf Adorno stieß, der offenkundig ein anspruchsvoller Denker war, der über Kunst und Literatur (ich hatte damals auch Kafka „entdeckt“) schrieb. Dadurch setzte bei mir langsam eine Horizontverschiebung ein: die Naturwissenschaften blieben mir zwar wichtig, wurden aber doch stark relativiert, weil sie sich als unzuständig oder inkompetent erwiesen für Phänomene, die mir zunehmend wichtiger wurden. Zudem kam mit Adorno natürlich das politische Thema der Gesellschaftskritik hinzu.

Widerspruch: Die Musik doch wahrscheinlich auch?

Hutter: Sicher, da haben Sie recht. Die unmittelbare Herausforderung ging allerdings von jenen Kunstformen aus, die zuhause vor allem präsent waren, also von der Literatur und der bildenden Kunst. Vor diesem Hintergrund bin ich durch Adorno zu einem Philosophiebegriff gekommen, der sich von dem, den ich anfangs bei Russell gefunden hatte, deutlich unterscheidet. Am meisten freilich habe ich von Adorno dadurch gelernt, dass er auf eine andere und ungleich intensivere Weise auf die klassischen Texte der Philosophie verweist. Adorno ist zwar ein entschieden moderner und gegenwartsorientierter Denker, aber – und das fand ich faszinierend und ungemein lehrreich – er kann zugleich vermitteln, dass man den Denkaufgaben der Gegenwart nicht gerecht wird, wenn man Kant und Hegel, Platon und Aristoteles nicht ernst nimmt.

Widerspruch: War das für Sie nicht ein Bruch: auf der einen Seite das klare und rationale Denken von Russell, und auf der anderen Seite das etwas Vagere und Interpretierende der Kunst? War es nicht auch der Abschied von einem Rationalitätsideal, das klar zwischen wahr und falsch zu unterscheiden weiß?

Hutter: Ich würde es anders formulieren: Es handelte sich damals für mich in erster Linie um eine Öffnung gegenüber neuen Erfahrungen, die im Denken zu reflektieren und zu verstehen waren. Ich sah es als die große Aufgabe an, Rationalität so weit und tief zu erfassen, dass man versteht, inwiefern es naturwissenschaftliche Rationalität und ästhetische Rationalität geben kann. Für mich ging es also um zwei Formen der Rationalität, nicht um einfache Gegensätze. Und hierin ist Adorno Stichwortgeber und Lehrer gewesen, weil er an einem weiteren und reicheren Begriff von Vernunft

festhält, d.h. die Beschränktheit einer positivistischen Rationalität sehr klar sieht, durch diese Kritik aber nicht ins Irrationale übergeht. Ich habe die Wissenschaft und die Kunst daher nie als zwei völlig getrennte Bereiche verstanden, für die man sich unter Verzicht auf die jeweils andere Seite entscheiden muss. Meine Überzeugung von der Macht der Vernunft war damals schon so gefestigt, dass ich die Schwierigkeit als eine faszinierende Herausforderung des Denkens akzeptiert habe: wenn die Sache schwieriger und komplexer ist, als anfangs vermutet, dann muss man sich eben mehr anstrengen und mit der Vernunft mehr machen als nur „rechnen“.

Und so stand ich dann vor der Frage: Was studieren? Als Antwort darauf habe ich mich einem „Adorno-Programm“ verschrieben: Philosophie, Germanistik und Musik; habe mich dann aber, aus einer ganzen Reihe von pragmatischen Überlegungen heraus, zusätzlich für ein Medizinstudium entschieden, das meinen naturwissenschaftlichen Interessen und Begabungen entgegenkam.

Widerspruch: Es waren also nicht die Eltern, die sagten, ein „Brotberuf“ müsse sein?

Hutter: Diesen „Hinweis“ gab es schon (allerdings sehr zurückhaltend) – er ist ja auch nicht ganz verkehrt. Nichtsdestotrotz blieb die Medizin in meiner persönlichen Hierarchie stets ganz eindeutig das vierte Fach. Freilich mache ich immer wieder die Beobachtung, dass bei denen, die von mir hören, was ich studiert habe, die Medizin immer an die Spitze der Hierarchie rutscht, weil sie ja gegenüber den anderen Fächern etwas „Ordentliches“ ist. Für mich ist sie jedoch immer das vierte, zusätzliche Fach gewesen. Diese Kombination hat sich für mich insgesamt recht gut bewährt: sie hat mir geholfen, gewisse Einseitigkeiten zu vermeiden, die in den geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen „Parteien“ der Universität allzu sehr gepflegt werden.

Widerspruch: Es gibt ja auch philosophiehistorisch eine Menge Berührungspunkte zwischen Philosophie und Medizin, wo medizinische Erkenntnisse in die Philosophie übertragen wurden.

Hutter: Das ist richtig. Für mich war das Doppelstudium aber nicht in erster Linie darauf angelegt, am Ende eine Einheit zu bilden. Ich wollte vielmehr mit den beiden wissenschaftlichen „Hauptkompetenztypen“, wenn man so sagen kann, in Kontakt bleiben. Zudem ist die Medizin nicht nur eine Naturwissenschaft; sie hat auch und vor allem mit Krankheit und Tod zu tun. Und das wurde mir im Verlauf des Studiums immer wichtiger. Als Medizinstudent habe ich Erfahrungen gemacht und Einsichten gewonnen, die in einem philosophischen Seminar nicht vermittelt werden.

Widerspruch: Wenn wir den philosophischen Faden fortspinnen: sind Sie von Adorno zu Kant oder zu Hegel gekommen?

Hutter: Wenn man mit siebzehn, achtzehn Jahren Adorno liest, dann steht, neben dem Freudomarxismus, natürlich Hegel als Held im Hintergrund. Man denkt irgendwie „dialektisch“, was auch immer das genau heißt. Kant war zwar ebenfalls wichtig, doch wurde er von mir zunächst nur als der philosophische Anfang verstanden, den Hegel dann konsequent zu Ende führt. Sie sehen: Als ich zum Studium nach Berlin ging, lebte ich in dem typischen, ziemlich engen und sehr fest gefügten Bild einer neueren Philosophiegeschichte, deren Hauptstationen von Kant und Hegel über Marx zu Freud und Adorno laufen. Das begann sich erst zu ändern, als ich im zweiten Semester ein Adorno-Seminar von Michael Theunissen besuchte.

Widerspruch: Hatte Theunissen nicht ein sehr kritisches Verhältnis zu Adorno?

Hutter: Ich würde sagen: ein sehr ambivalentes Verhältnis. Zu dem Zeitpunkt, als Theunissen das Seminar anbot, war er, glaube ich, Adorno am nächsten (es muss 1983 gewesen sein). Ich merkte freilich bald, dass Theunissens „Nähe“ zu Adorno reichlich unorthodox war. Es gab im Seminar immer wieder heftige (und sehr lehrreiche) Diskussionen über den wahren und richtigen Adorno. Theunissen versah Adorno mit einem starken metaphysisch-theologischen Akzent, der für die traditionelle Adorno-Orthodoxie überraschend und provozierend sein musste. Mittlerweile bin ich zu der Überzeugung gelangt: Theunissen hatte recht. Aber damals sah er sich konfrontiert mit einer breiten Front von orthodoxen, d.h. materialistischen Adorno-Lesern.

Widerspruch: … und dazu zählten Sie sich damals auch?

Hutter: Ja.

Widerspruch: Theunissen muss auch als philosophischer Lehrer sehr eindrucksvoll gewesen sein.

Hutter: Unbedingt. Seine Seminare und Vorlesungen waren häufig sehr intensive Denkanstöße durch die Leidenschaft seines Fragens nach dem „Wahrheitsgehalt“ einer bestimmten philosophischen Position. Theunissen verhalf mir so zu einer schrittweisen Loslösung aus meinem anfänglichen, allzu engen Bild der Philosophiegeschichte. Von ihm habe ich überhaupt erst von Schellings „Freiheitsschrift“ und Spätphilosophie erfahren. Das hat mich sehr fasziniert: dass es innerhalb der klassischen deutschen Philosophie eine Position gibt, die in der orthodoxen Kant-Hegel-Linie, die man normalerweise kennt, gar nicht berücksichtigt wird.

Widerspruch: Betrachtet man Ihre Entwicklung im Rückblick, so waren Sie sehr auf Systeme konzentriert: erst Anhänger von Russell, dann von Adorno und jetzt Schelling. Es war kein breites Studium, das mal den Störig durchmacht, sondern war von Beginn an auf gewisse philosophische Gesamtentwürfe konzentriert.

Hutter: Nun ja, einen allgemeinen Überblick über die Philosophiegeschichte habe ich mir nach und nach schon erarbeitet. Allerdings war mir stets, da haben Sie recht, eine Balance zwischen Wissensstoff und systematischem Verständnis wichtig. Ich musste eine allgemeine Perspektive haben, in die die Einzelheiten einzuordnen waren. Erst dadurch wurde der historische Stoff sozusagen „verdaubar“. Deshalb habe ich häufig versucht, mir zuerst einen Ansatz oder ein Problem im Allgemeinen klar zu machen, um im Anschluss daran die hierzu „passenden“ Einzelwerke gründlich zu studieren.

Widerspruch: Auf diese Weise kommt man natürlich gut von Adorno zu Hegel und Kant, aber nicht zu Schelling.

Hutter: Das Interesse an Schelling wurde erst durch meinen Lehrer Theunissen vermittelt. Ich habe seinerzeit mit Schellings „Freiheitsschrift“ begonnen, die ich nach wie vor für den besten Einstieg in seine spätere Philosophie halte. Mein eigenes Programm, das ich bei der Auseinandersetzung mit Schelling durchzuhalten versuchte, war ein Begriff von Vernunft, der kompetent genug ist, um so unterschiedliche Bereiche wie Geschichte, Politik oder Kunst angemessen thematisieren zu können. Dieses Programm war mittlerweile durch das spezifische Anliegen von Theunissen erweitert worden, sich den „menschlichen Abgründigkeiten“ zu stellen, wie sie etwa von der Existenzphilosophie thematisiert werden. Ich habe letzteres wiederum – worin ich mit Theunissen wohl nicht ganz einig gewesen bin – als eine neue Herausforderung für die Vernunft verstanden, nicht als eine Klippe, an der die Vernunft am Ende scheitern muss.

Widerspruch: Sie beziehen sich dabei auf Ihre Dissertation zur Spätphilosophie Schellings. Verstehen Sie Ihr Verfahren eher als eine Art der Gegenüberstellung und des Vergleichs konkurrierender Entwürfe, und nicht so sehr als eine Entwicklung, in der ein Schritt nach dem anderen kommt, bis man beim richtigen Philosophen ankommt?

Hutter: Nein. Die Absicht meiner Dissertation besteht vorrangig darin, den späteren Schelling auf eine eigentümliche Form der Vernunft hin verständlich zu machen. Dadurch bewegt sich das Buch gegen manche Strömung der Schelling-Deutung: Wenn man den späten Schelling verstehen will, dann muss man ihn nach meiner Überzeugung in der Fortführung des Kantischen Vernunft-Projektes verstehen. Wenn man erfahren will, wie Kants Projekt fortzusetzen ist, dann sollte man die weitere Entwicklung nicht ausschließlich – wie etwa Kroner – zu Hegel weiterführen, sondern ebenso zu Schelling, der in manchen Aspekten interessanter und lehrreicher als Hegel ist, weil er die „existentialistischen“ Aspekte stärker betont, die Theunissen stets im Blick hatte. Von Theunissen habe ich also gelernt, und halte das nach wie vor für eine wichtige Einsicht, dass es eine Linie gibt, die bei Kant einsetzt und durch die entscheidende Vermittlung des späten Schelling zu Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger und Adorno führt. Diese Linie ist auch eine klassische Linie, wenn man sie an den späten Schelling zurückbindet, kein simpler „Bruch“ mit den klassischen Entwürfen. Mir war dergestalt die These sehr wichtig, dass man die späteren Positionen erst dann gut und angemessen verstehen kann, wenn man ihre Anknüpfungspunkte bei den Klassikern findet.

Widerspruch: Sie wollten also nicht den jungen Schelling gegen den alten Schelling ausspielen, wie es manchmal gemacht wird, und den jungen als Vorstufe zu Hegel interpretieren, während der spätere dann als Irrationalist davon abweicht? Für Sie gehört er in seiner Rationalität in eine Linie, die von Kant zu Adorno führt.

Hutter: Ganz genau; so verstehe ich den ganzen Schelling. Er hat sich der Herausforderung immer wieder neu gestellt: Wie kann man philosophisch einen Begriff von Vernunft entwickeln und dadurch aufrechterhalten, der die Wirklichkeit nicht von vornherein so domestiziert, dass sie in eine allzu enge Vernunftform hineingepresst wird?

Widerspruch: Ich verstehe Schellings Programm, habe aber den Eindruck, dass er gescheitert ist und immer wieder neue Entwürfe präsentiert hat. War ihre Arbeit der Versuch, diese disparaten Entwürfe zusammenzubringen?

Hutter: Wenn man sich die grundlegende Systematik bei Kant klar vor Augen führt, die sich insbesondere an der Leitdifferenz von theoretischer und praktischer Vernunft orientiert, dann hat man an ihr eine Art Schlüssel für die Systematik, die bei Schelling selbst auf den ersten Blick nicht so leicht zu erkennen ist. Dadurch treten die eigentümlichen Vernunftaspekte der Spätphilosophie Schellings hervor, die gegenüber jenen Deutungen ausdrücklich betont werden müssen, die Schellings Spätphilosophie gerade deshalb gerne rezipieren, weil in ihr die Vernunft angeblich verabschiedet wird.

Widerspruch: Dies ist wohl auch der Grund, warum Schelling bei Adorno nicht vorkommt und er bei Lukács quasi als der „Urbösewicht“ erscheint, der die Tradition der Vernunftfeindlichkeit begründet habe.

Hutter: Adorno hat sich allerdings von Lukács‘ Buch über die „Zerstörung der Vernunft“ sehr scharf distanziert; und wenn man sehr genau hinsieht, entdeckt man bei Adorno ganz erstaunliche Parallelen zum späteren Schelling (er hat übrigens einmal mit Horkheimer ein Seminar zu Schellings „Weltalter“ veranstaltet).

Widerspruch: Wie ging es weiter: von Schelling zu Kant; dann aber doch der Schwerpunkt in Hegel?

Hutter: Durch Schelling bin ich gewissermaßen auf eine „neue“ und lebendige Weise in die Philosophie Kants hineingekommen, durch den späteren Denker in den früheren. Dieses Vorgehen halte ich häufig für sinnvoll: Man darf die Klassiker nicht nur in einem antiquarischen Sinne „für sich“ studieren, sondern muss sie statt dessen in einem geeigneten Spiegel betrachten, in einer späteren historischen Form, die uns näher ist. Dies geschieht aber nicht mit dem Ziel, das frühere Denken zu vereinnahmen; vielmehr soll die spätere Form einen lebendigen Zugang zur Vergangenheit eröffnen.

Widerspruch: Sind Sie dann aber nicht mit den Einwürfen der Historiker konfrontiert, dass man auf diese Weise Maßstäbe formuliert, die den Autoren fremd sind?

Hutter: Nein. Denn es gibt ja durchaus ein untergründiges Fortwirken der früheren Philosophie im Denken der späteren Philosophen. Und das ist etwas ganz anderes als das äußerliche Subsumieren einer früheren Philosophie unter spätere Denkpositionen. Allerdings wird man den Gedanken, den man sich zunächst in der Form seiner späteren Wirkungsgeschichte klar macht, am Ende stets immanent, d.h. an den immanenten Maßstäben der früheren Philosophie zu überprüfen haben. Das Zurückgehen auf Kant bedeutete für mich in diesem Sinne eine verstärkte Hinwendung zu einer streng begrifflichen Philosophie, die sich aus sich selbst sehr genau explizieren kann.

Widerspruch: Geschah dieser Zugang zu Kant noch mit Theunissen?

Hutter: Nein, nicht mehr. Kant ist, wenn ich das recht sehe, für Theunissen nie von großer Bedeutung gewesen.

Widerspruch: Sie sind dann weg von Berlin.

Hutter: Mein Habilitationsprojekt zu Kant habe ich zwar noch bei Theunissen begonnen, bin dann aber mit Walter Jaeschke an die Ruhr-Universität nach Bochum und das dortige Hegel-Archiv gegangen. Das war ein ausgesprochener Glücksfall für mich, weil für Jaeschke das Denken Kants von eminenter Bedeutung ist (auch wenn es bei ihm hinter Hegels Bedeutung zurücksteht). Darüber hinaus gehört es zu den großen Stärken Jaeschkes, dass er andere Standpunkte, solange sie gut begründet sind, wirklich gelten lässt. Insofern hätte ich vielleicht in Bochum sogar über Schelling weiterarbeiten können; aber die Wende zu Kant war wohl insgesamt besser …

Widerspruch: … und wohl auch fruchtbarer.

Hutter: Davon bin ich überzeugt.

Widerspruch: Jaeschke hat doch auch ein großes Interesse an der nachhegelischen Philosophie, besonders an den Junghegelianern.

Hutter: Genau dieser Umstand hat sich als überaus fruchtbar erwiesen: für Jaeschke steht im Grunde ein ganz ähnlicher Ausschnitt der Philosophiegeschichte im Vordergrund, auch wenn unsere „Bewegungsrichtung“, wenn man es einmal so formulieren will, innerhalb dieses Ausschnitts entgegengesetzt ist. Jaeschkes Forschung bewegt sich von den Klassikern herkommend in die Richtung der junghegelianischen Überzeugungen; diese Bewegungsrichtung erschien mir, nachdem ich mich von meinem etwas naiven „Adorno-Weltbild“ gelöst hatte, allzu traditionell: ich fand die Klassiker nun viel spannender als die „kritischen“ Nachfolger. Deshalb begann ich an Kant und Hegel gerade diejenigen Momente zu betonen, die bei den Junghegelianern und dann im sogenannten „nachmetaphysischen“ Denken gerade abgelehnt werden. Mich faszinierte die systematisch begründete „Sperrigkeit“ von Kant und Hegel gegenüber dem heute allgemein eingeschliffenen „Auf-die-Füße-Stellen“, das immer schon zu wissen meint, was philosophisch erlaubt ist und was nicht.

Widerspruch: Der alte Gegensatz von „System und Dialektik“ hat Sie nicht nur nicht interessiert, sondern Sie sahen dafür auch gar keinen Grund?

Hutter: Von Adorno her war mir dieser Gegensatz natürlich bekannt; er hat mir aber von Anfang an nicht recht einleuchten wollen, da derart fixierte Gegensätze das Niveau des von Adorno anvisierten Denkens eigentlich unterbieten. Die bei Adorno zuweilen zu beobachtende Tendenz, zu sagen: es gibt auf der einen Seite einen „guten“ Hegel …

Widerspruch: … wie Croce: den lebendigen und den toten Hegel …

Hutter: … genau: und man soll beide säuberlich trennen können; solch ein Vorgehen war und ist mir fremd. Es ist doch gerade eine spannende Herausforderung für die Vernunft, das Ganze einer Philosophie in all ihrer Sperrigkeit für den späteren Standpunkt in den deutenden Blick zu nehmen. Denn das zunächst Sperrige oder, wenn man so will, die zunächst „unsympathischen“ Momente sind doch gerade diejenigen, die das heutige Denken aus seiner bornierten Selbstzufriedenheit herausführen können.

Widerspruch: Sie waren in Bochum auch am Hegel-Archiv. Waren Sie dafür denn prädestiniert, wenn Sie um Hegel eigentlich einen großen Bogen gemacht haben?

Hutter: Das ist so nicht ganz richtig. Hegel ist ja für mich von früh an stets sehr wichtig gewesen. Gleichwohl ist es mir lange nicht gelungen, mein Hegel-Verständnis aus der Bahn der eingeschliffenen Deutungsmuster zu befreien. Deshalb habe ich meine ersten größeren Studien Schelling und Kant gewidmet, zu denen ich schon einen eigenständigeren Zugang gefunden hatte. Dabei war Hegel freilich im Hintergrund präsent, allerdings eher als ein dunkles Rätsel, weil mir der linkshegelianisch verstandene Hegel immer fremder und unplausibler wurde. Daher bin ich am Ende erst über ein vertieftes Verständnis Kants wirklich zu Hegel gekommen. Denn Hegels Philosophie kann ja nicht zuletzt als eine großartige und tiefe Kant-Interpretation und Kant-Kritik verstanden werden. Wenn man nun meint, bei Kant etwas Wichtiges etwas genauer verstanden zu haben, dann liegt die Idee eigentlich recht nahe, die Probe auf dieses Kant-Verständnis in einer erneuten Beschäftigung mit Hegel zu machen. Und so bin ich dann von Bochum nach München gekommen mit dem Programm (oder besser: mit ersten Stücken daraus), dass man Hegels Philosophie des Geistes gerade dadurch auf eine rationale und argumentativ überzeugende Weise verstehen kann, indem man ihn nicht fortwährend „auf die Füße stellt“ oder in einige brauchbare Lehrstücke parzelliert.

Widerspruch: Bezieht sich das Programm der Hegelschen Kantinterpretation nicht eher auf den jungen Hegel in Bern und Frankfurt?

Hutter: Der junge Hegel lässt sich in diesem wichtigen Punkt nicht gegen den späteren Hegel ausspielen. Im Übrigen: will man wirklich den ganzen Hegel verstehen, wird man um die Annahme nicht herumkommen, dass er sich als reifer Philosoph in Berlin schon selbst recht gut verstanden hat. Deshalb wird man wohl seine späteren Werke, vor allem die letzte Fassung der „Enzyklopädie“, als reifste Form seines Denkens und als Maßstab für ein insgesamt angemessenes Verständnis nehmen müssen. Man hat an ihr eine authentische, von Hegel selbst formulierte Systematisierung, in der seine Denkentwicklung zu einer gewissen Vollendung gekommen ist. Und in dieser Perspektive wird nicht nur klar, dass alles wirkliche Verständnis – gut hegelisch – am Ende, d.h. am Resultat hängt, sondern dass dieses Resultat bei Hegel der absolute Geist ist, der Kunst, Religion und Philosophie umfasst. Wollte man also den absoluten Geist, der dem heutigen Denken unbequem ist, einfach streichen und sich mit einigen Lehrstücken aus dem subjektiven und objektiven Geist begnügen, dann würde alles schief und verwirrt.

Widerspruch: Welche Rolle spielt bei Ihnen Hegels Ästhetik? Sie haben nicht versucht, über Ihre Kunsterfahrungen in Kassel, über Adornos und Schellings Ästhetik zu Hegel zu kommen?

Hutter: Am Beginn meines Studiums habe ich das durchaus versucht, während meiner ersten Adorno-Hegel-Phase. Davon habe ich mich dann erst einmal ein Stück weit entfernt, um einen freieren Standpunkt zu gewinnen. Heute interessiert mich die Ästhetik wieder mehr, vor allem die Frage nach der systematischen Stellung ästhetischer Probleme innerhalb der Philosophie. Oder konkreter formuliert: Wie kann man im Anschluss an Hegel einen wirklich angemessenen Vernunft- oder Geistbegriff für die Gegenwart explizieren, der die Gestalten des absoluten Geistes ganz ausdrücklich einbegreift? Hierbei spielt nun die Kunst als eine von Hegel ausgezeichnete Zugangsweise zum absoluten Geist eine wichtige Rolle, aber eben nur eine Rolle. Was mich also weniger interessiert, ist eine isolierte Ästhetik, sondern eine wirklich philosophische Ästhetik als wichtiger Bestandteil eines philosophischen Systems.

Widerspruch: Ihr Anliegen ist nicht nur, den ganzen Hegel zu vermitteln, sondern ihn auch für die Gegenwart fruchtbar zu machen.

Hutter: Was mich angesichts der aktuellen Debatten in der Philosophie besonders interessiert, ist eine stärkere Profilierung des Geistbegriffs. Es ist historisch relativ einfach zu belegen, dass das, was man heute im Deutschen sehr bezeichnend die „Geisteswissenschaften“ nennt, als Verfallsprodukt aus der Philosophie Hegels hervorgegangen ist. Aus diesem Verfallsprozess lassen sich viele Krisenphänomene in den Geisteswissenschaften, aber auch in der Universität insgesamt erklären. Sie leiden, systematisch gesagt, an einer Unterbestimmung des Geistes, weil die einzelnen Fächer eben nichts Gemeinsames und konkret Verbindendes mehr haben, in dem sie sinnvoll kommunizieren können. Die einzelwissenschaftlichen Partikularisierungen haben sich völlig verfestigt – zum Schaden einer übergreifenden Idee von Universität.

Widerspruch: Werden Sie sich mit Ihrer Profilierung des Geistbegriffs nicht mit der analytischen Philosophie und der angelsächsischen Tradition anlegen müssen, wenn Sie ihr vorhalten, sie habe einen reduzierten Geistbegriff, und es sei nicht Geist, was sie transportiert?

Hutter: Das sehe ich viel entspannter. Mittlerweile ist schon gar nicht mehr so ganz klar, wo eigentlich die härteren Positivisten sitzen – in den angelsächsischen Ländern oder auf dem weitgehend historistisch geprägten Kontinent. Ich verstehe das als große Chance. Die analytische Philosophie hat doch mittlerweile eine enorme Entwicklung durchgemacht. Von ihr wird das Projekt einer erneuerten Geistphilosophie sicherlich lernen können, die philosophischen Leitbegriffe nicht so antiquarisch und museal zu behandeln, wie es in rein „historischen“ Untersuchungen zuweilen geschieht. Zudem ist festzustellen, dass die analytische Philosophie sich aus eigenen, teilweise selbstkritischen Antrieben heraus in eine überraschende Nähe zu Hegelschen Motiven bewegt hat, weil die holistischen Motive in ihr immer stärker und wirksamer geworden sind. Der späte Wittgenstein, Quine und Sellars haben eine grundlegende Wende eingeleitet, deren Konsequenzen nach wie vor noch gar nicht absehbar sind, in jedem Fall aber zu einer spürbaren Entdogmatisierung der analytischen Philosophie geführt haben.

Es besteht deshalb aus meiner Sicht heute eine geradezu historische Chance, die lange getrennten Diskurse der Gegenwartsphilosophie zusammenzuführen, indem man z.B. ein an Hegel orientiertes und zugleich gegenwartsgesättigtes Konzept eines neuen holistischen Denkens entwickelt. Hierbei ist es sicherlich auch hilfreich, dass die ebenfalls ziemlich dogmatische, rein historistische Verwaltung der klassischen deutschen Philosophie langweilig geworden ist. Man ist heute also auf doppeltem Wege aufeinander neugierig geworden, von analytischer und nicht-analytischer Seite her. Wir sind neugierig geworden auf unsere eigenen Texte, und die analytische Philosophie sucht Orientierungspunkte, an denen sie sich abarbeiten kann. Es gibt somit eine Menge Möglichkeiten, in undogmatischer Weise an der holistischen Wende der analytischen Philosophie mitzuarbeiten. Ich würde der analytischen Philosophie dabei durchaus zugestehen, dass sie argumentative Maßstäbe gesetzt hat, die man mit Gewinn übernehmen kann, solange sie nicht dogmatisch mit inhaltlichen Prämissen verbunden sind. Umgekehrt sollten wir selbstbewusst genug sein, um die Erwartung zu hegen, dass sich die traditionellen Konzepte der klassischen deutschen Philosophie auch auf analytisch formulierte Weise vertreten lassen.

Widerspruch: Der Geistbegriff betrifft nicht nur die Philosophie, sondern auch – Sie haben es angesprochen – die Einheit der Wissenschaften und damit einer Universität, die heutzutage immer weniger mit dem Einheitsgedanken etwas anfangen kann. Hat das Projekt für Sie auch hochschulpolitische Konsequenzen, weil der Weg der Universitäten derzeit ja in die andere Richtung zu gehen scheint?

Hutter: Ich habe in der Tat die Hoffnung, dass sich ein philosophisch erneuerter Geistbegriff auch gerade dadurch auszeichnet, dass er eine Einheit zu denken erlaubt, die keinen uniformierenden Effekt hat. Das ist für mich die spezifische Stärke des Geistbegriffs bei Hegel, der mir deshalb attraktiv und aktuell zu sein scheint. Wir müssen aus der schlechten Alternative zwischen einer gewaltsamen Vereinheitlichung und, aus Angst davor, einer Verabsolutierung des bloß Fragmentarischen und Partikularen herauskommen. Hegel hat sehr ausführlich gezeigt – und ich halte das für nachdenkenswert –, dass ein philosophisch angemessener Begriff von Einheit nur so zu denken ist, dass er Differenz einschließt. Umgekehrt lässt sich wahrhafte Differenz nur im Hinblick auf Einheit artikulieren. Man darf demnach beide Momente, Einheit und Differenz, nicht nur immer gegeneinander ausspielen, wie das etwa in der vernunftkritischen Diskussion immer wieder aufs Neue gemacht wird.

Widerspruch: Die Einheit der Wissenschaften wäre dann nicht ihre Nützlichkeit als ein externer Maßstab, an dem sie sich heute zu orientieren haben, sondern, als Hegelscher Gegenbegriff, die Form einer inneren und lebendigen Einheit.

Hutter: Ja, ganz genau. Man darf nicht vergessen, dass zwischen Hegels Philosophie des Geistes und der sogenannten „Humboldt-Universität“ eine echte Wahlverwandtschaft besteht. Deshalb sprechen hochschulpolitisch für eine Erneuerung und Stärkung des Geistbegriffs vor allem zwei Dinge. Einmal gibt es unübersehbar – speziell in den geisteswissenschaftlichen Bereichen – das Defizit, dass die einzelnen Fächer Schwierigkeiten haben, zu einer echten Zusammenarbeit zu kommen, weil ihnen ein Einheitsbegriff fehlt, der die speziellen Bereiche aus den allzu engen Fachgrenzen befreit und nicht uniformiert. Zum anderen ist es so, dass die Geisteswissenschaften den Geist, den sie ja selbst zum Thema haben, ständig unterbieten, weil sie das absolute Moment des Geistes, in der Kunst zum Beispiel, unter einzelwissenschaftlichen Aspekten ganz ungenügend reflektieren können. Angesichts der seit 150 Jahren bestehenden Tendenz einer Entgeistung der Einzelwissenschaften scheint mir der Versuch angezeigt zu sein, die noch vorhandenen Erinnerungen an die genuin geistige Verfassung so zu stärken, dass man sie wieder als das definierende Element der Geisteswissenschaften versteht, in dem sie miteinander kommunizieren können. Auf längere Sicht hätte das hoffentlich zur Folge, dass diese geisteswissenschaftlichen Forschungsbereiche wieder zu einem stärkeren Selbstbewusstsein ihrer inneren Organisation kommen, das sich aus ihrem eigenen Selbstverständnis ergibt und ihnen nicht extern übergestülpt wird.

Widerspruch: Das hätte etwas mit Totalität zu tun, mit Zusammenschau. Nicht die Vereinzelung, sondern die entgegengesetzte Richtung, die Vereinzelung aufzuheben.

Hutter: Wobei ich darauf verweisen möchte, dass der Begriff „Totalität“ heutzutage unter einem kaum mehr eigens begründeten Generalverdacht steht. Dies kann man als Ausdruck einer gewissen Geistfeindschaft verstehen, die das Gegenteil von dem erreicht, wofür sie oberflächlich plädiert. Der Geist ist nämlich gerade jene Form von Zusammenhang, die es überhaupt erlaubt, Besonderheiten wahrzunehmen und sie als solche zu achten.

Widerspruch: Fehlt da nicht das kritische Moment, dass der Hegelsche Geist doch etwas Vereinnahmendes und Zuschneidendes hat? Hegel hat zwar den Anspruch einer Einheit, die dennoch die Besonderheiten berücksichtigt, …

Hutter: … nein, viel stärker: Nicht eine Einheit, die „dennoch“ die Besonderheiten berücksichtigt, sondern eine Einheit, die Besonderheit überhaupt erst ermöglicht! Das hegelsche Verhältnis zwischen Allgemeinem und Besonderem, Einheit und Differenz ist kein Mittelweg, kein Kompromiss. Das Besondere bekommt nur sein in der Moderne gefordertes Recht, weil es im Allgemeinen ist. Wenn man diesen Gedanken einmal verstanden hat, dann hat man den Zugang zu einem zeitgemäßen Geistprojekt, das sich ganz strikt von einem Projekt der Unterdrückung von Differenzen unterscheiden lässt, weil es jene Differenzen überhaupt erst zu artikulieren erlaubt, die alle zu verteidigen vorgeben.

Widerspruch: Ihr Schwerpunkt ist nicht nur die Geistphilosophie. Sie haben auch ein Forschungsprojekt zu Hegel nach München gebracht.

Hutter: Im Rahmen meiner Berufung an die LMU habe ich eine großzügige Anschubfinanzierung von der Universität erhalten, um eine Hegelforschungsstelle an meinem Lehrstuhl einzurichten.

Widerspruch: In Konkurrenz zu Bochum?

Hutter: Nein, in sehr guter und arbeitsteiliger Kooperation. Wir werden in München innerhalb der historisch-kritischen Gesamtausgabe, die in Bochum herausgegeben wird, die Briefe Hegels edieren. Neben der Edition sind aber auch Forschungen zu Hegel in einem systematischeren Sinne geplant, sowie Tagungen, die im Idealfall die Edition und die Forschung befruchten sollen. Ich habe die Hoffnung, dass sich all diese Teilprojekt am Ende zu einem sinnvollen „Geistprojekt“ in dem bereits angesprochenen Sinne zusammenfügen werden. Im Moment steht die Münchner Hegel-Forschungsstelle aber noch ganz am Anfang und ist im Aufbau begriffen.

Widerspruch: Wie Sie wissen, sind Sie als Vertreter einer an Hegel orientierten Geistphilosophie auf einen Lehrstuhl berufen worden, den als erster Schelling innehatte. Wie werden Sie damit umgehen?

Hutter: Daraus ergibt sich für mich die ganz konkrete Aufgabe und Chance – und das hat erneut mit „Geist“ zu tun –, den unseligen Parteigeist aus den einschlägigen Diskussionen herauszunehmen. Dass man sagt: „mein Schelling, dein Fichte, sein Hegel“, das ist zu einem großen Hindernis der philosophischen Forschung im Bereich der klassischen deutschen Philosophie geworden. Ich strebe daher für mich selbst, aber auch für die Sache an, so weit wie irgend möglich die Gemeinsamkeiten und die Möglichkeiten der Kooperation zwischen den einzelnen Entwürfen zu betonen.

Widerspruch: Das wäre eine gute Sache. Herr Hutter, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führten Konrad Lotter und Alexander von Pechmann

Lotter – Heideggers Antihumanismus

Konrad Lotter

Heideggers Anti-Humanismus aus der Perspektive der Schwarzen Hefte

„Wer groß denkt, muß groß irren“ (GA 13)

Heideggers Brief Über den Humanismus, als Antwort auf eine Anfrage des französischen Philosophen Jean Beaufret entworfen (1946), überarbeitet und im Anhang zu seinem Buch über Platons Lehre von der Wahrheit (1947) veröffentlicht, wurde oftmals kommentiert und interpretiert. In aller Regel von Schülern und Anhängern, die sich im gleichen Gedankenkosmos bewegten und auch die gleichen Begriffe und Argumente verwendeten, so dass ihre Ausführungen ähnlich schwer zu verstehen sind wie Heideggers Brief selbst. Dabei lässt er sich, samt dem darin enthaltenen Begriff der Kehre, doch leicht entschlüsseln, wenn man ihn im Kontext von Heideggers Biografie und der Entwicklung seines Denkens liest: als Dokument seiner über das Jahr 1945 hinausgehenden Parteinahme für den Nationalsozialismus, wie sie zuletzt durch die Veröffentlichung der sog. Schwarzen Hefte bestätigt wurde.

Mit der Ablehnung der traditionellen Formen des Humanismus lehnt Heidegger freilich auch ab, wofür der Humanismus überhaupt steht: für die Zentrierung der Philosophie auf den Menschen, den Anspruch auf Selbstbestimmung und individuelle Autonomie oder den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Damit lässt sich der erste Grundgedanke von Heideggers Anti-Humanismus bzw. seines Denkens nach 1945 angeben: die Behauptung der Ohnmacht des Menschen, die prinzipielle Heteronomie des „Daseins“ und seines Ausgeliefert-Seins.

Nimmt man alle vier Grundgedanken zusammen, so ist Heideggers Anpassung an den Nationalsozialismus, die 1933 mit der Übernahme des Rektorats an der Universität in Freiburg manifest wird und über 1945 hinaus reicht, leicht nachzuvollziehen. Man braucht das ominöse „Sein“ nur mit dem realen Nationalsozialismus oder gar mit Hitler selbst gleichzusetzen, den Heidegger bewundert und verehrt hat. Diese Gleichsetzung ist nicht aus der Luft gegriffen. Heidegger selbst bezeichnet die „Machtergreifung“ Hitlers 1933 wiederholt als „Ermächtigung des Seins“ (GA 94, 39).

Von der Allmacht des Seins über seine Entmächtigung zur neuen Ermächtigung. Ursprünglich, in der Philosophie der Vorsokratiker (Parmenides, Heraklit) war das Sein (qua Schicksal) allmächtig, der Mensch ein Spielball einer anonymen Macht. Von Platon und Aristoteles (bis hin zu Nietzsche) hatte die Philosophie, so Heidegger, das Sein entmächtigt: sie hatte das Sein in seinem Wesen erkannt, auf das Wirken des Menschen zurückgeführt oder durch Naturgesetze erklärt und damit der (technischen) Verfügung des Menschen zugeführt. Auf diese Weise entwickelte sich der Mensch zum Subjekt, zum Herrn über das Sein. Was Heidegger als Entmächtigung und damit als „Verfallsgeschichte“ des Seins bezeichnet, ist das Gleiche, was die Aufklärung als Aufstieg der Wissenschaft und als Fortschritt in der Beherrschung der Natur begreift und feiert. In Heideggers Denken aber (so sein Selbstverständnis) und in der Machtergreifung des Nationalsozialismus beginnt die Gegenbewegung: der Mensch wird wieder dem Sein (dieses Mal der Politik) unterworfen, gegen das es keinen Widerstand gibt.

Um sich zu salvieren, hat sich Heidegger nach 1945 nicht nur als Gefolgsmann eines übermächtigen Geschicks dargestellt, er hat dieses Sein zugleich in Zusammenhang mit dem Sieg der planetarischen Technik gebracht. Auf diese Weise hat er den Nationalsozialismus nicht als Diktatur, als mörderisches System, sondern als Widerstand gegen die seinsvergessene Übermacht der Technik hingestellt, die sich gegen das Blut und den Boden (die Heimat des Menschen) verselbständigt hat.

Kontinuität nationalsozialistischer Thesen und Überzeugungen (I): Von der Blut- und Boden-Ideologie zum Antisemitismus. Angesichts seiner Kritik an den „vulgären“ Zügen und dem Anspruch, den wahren Nationalsozialismus zu vertreten, erstaunt es, wie häufig Heideggers „tiefgründige“ Aussagen dann doch mit den krudesten Parolen der NS-Ideologie übereinstimmen. An erster Stelle steht das wiederholte Bekenntnis zum „Völkischen“ oder zur „Blut und Boden“-Ideologie, die der Philosophie die Aufgabe zuweist, „das volklich staatliche Geschehen in seiner Wirklichkeit [zu] entfalten“, „gegen das wurzel- und rang-lose Gezappel der neuen Geistigkeit sturmzulaufen“ und die „erwachende Wirklichkeit des deutschen Daseins“ zu seiner „wartenden Größe“ zu führen (GA 94, 110). Aus dieser „Blut und Boden“-Perspektive erklärt sich auch Heideggers Antisemitismus. Er richtet sich gegen die „Boden-“ und „Weltlosigkeit“ der Juden und den daraus entstandenen „Kosmopolitismus“, der nur die Konsequenz der „Boden-“ und „Weltlosigkeit“ darstellt. In theoretischer Hinsicht steht das Judentum für „Universalismus“ und „leere Rationalität“ (GA 96, 1939-1941, 46), in praktischer Hinsicht für „zähe Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens und Durcheinandermischens“ (GA 95, 97) sowie die Entwicklung der Technik. Beides macht die Juden für Heidegger zu Repräsentanten einer „Moderne“, die durch Parlamentarismus und Liberalismus, Entwurzelung des Menschen im großstädtischen, seinsvergessenen Leben und durch Massenmedien geprägt ist. Diese Moderne stößt auf seine strikte Ablehnung.

Zum einen gründet sich diese Überzeugung auf die Behauptung, die Deutschen seien die wahren Nachfahren und Erben der Griechen und damit das wahrhaft „metaphysische Volk“. Sie allein könnten „das Sein ursprünglich neu dichten und sagen“ (GA 94, 27), hätten einen privilegierten Zugang zur „Wahrheit des Seins“ und stellen somit die Elite unter den Völkern dar. „Nur von den Deutschen“, so sagte Heidegger 1943/44 in seinen Vorlesungen über den Anfang des abendländischen Denkens bei Heraklit, „kann, gesetzt, daß sie ‚das Deutsche‘ finden und wahren, die weltgeschichtliche Besinnung“ und damit die Rettung kommen (GA 55, 123). Zum anderen gründet die Mission der Deutschen in ihrer geopolitischen Lage als „Mittelmacht“ und in die „Zange“ genommen vom amerikanischen Kapitalismus im Westen und dem russischen Bolschewismus im Osten. Durch sie sei Deutschland ausersehen, die Katastrophe (Nihilismus, Technik) zu verhindern, von der das Abendland bedroht ist. Noch 1953, in der Veröffentlichung seiner Einführung in die Metaphysik, die auf Vorlesungen aus dem Jahr 1935 zurückgeht, spricht Heidegger von der „inneren Wahrheit und Größe“ der nationalsozialistischen Bewegung und ihrer seinsgeschichtlichen Mission. Denn „Russland [Sowjetunion] und Amerika“ seien „beide, metaphysisch gesehen, dasselbe“. In ihnen herrsche die gleiche Seinsvergessenheit und „dieselbe trostlose Raserei der Technik“ (GA 40, 208), die letztlich in die planetarische Katastrophe führt.

Wie flexibel Heidegger auf die Vorgaben der nationalsozialistischen Politik reagierte, zeigen seine Bemerkungen aus der Zeit des Hitler-Stalin-Pakts, die zu der genannten doppelten Gegnerschaft in einem auffallenden Widerspruch stehen. Er zieht darin in Erwägung, dass die „Reinigung und Sicherung der [arischen] Rasse“ auch durch „eine große Mischung“ des Deutschtums mit den „Slaventum“ zustande kommen könnte. Schließlich sei den Russen „der Bolschewismus nur aufgedrängt“ und stelle deshalb „nichts Wurzelhaftes“ der slavischen Rasse dar (GA 95, 402). Aus der Verbindung der „Unerschöpflichkeit der russischen Erde“ und der „Unwiderstehlichkeit des deutschen Planens und Ordnens“ (GA 95, 403), so denkt Heidegger um 1940, könne eine Gegenkraft zur jüdisch dominierten Moderne erwachsen.

Kritik an der ausbleibenden Selbstkritik. Nach 1945 wurde Heidegger oftmals vorgeworfen, sich von seinen „Verstrickungen“ in den Nazi-Terror nicht distanziert, seinen „Irrtum“ nicht eingestanden, angesichts der Millionen von Ermordeten keine wirkliche „Scham“ empfunden zu haben. Diese Vorwürfe gehen, wie der Humanismusbrief belegt, an Heideggers Denken vorbei. Vermutet werden könnte, dass die darin vorgenommene Absage an den traditionellen Humanismus genau diesen Zweck erfüllen sollte: zu zeigen, dass diese Vorwürfe ins Leere laufen. Wem sich das Sein zuschickt, der handelt im Auftrag einer höheren Macht. Er trägt keine Verantwortung, steht außerhalb moralischer Normen, ist niemandem rechenschaftspflichtig. Heideggers Rundumschlag gegen alle Formen des Humanismus enthält in seinem seinsgeschichtlichen Fatalismus einen Persilschein für alle Mitläufer, für sich selbst und alle anderen. Dass es auch Deutsche gab, die sich der Zuschickung des Seins durch Emigration, durch passiven oder aktiven Widerstand, verweigert haben, steht außerhalb von Heideggers Denkhorizont.

Zuletzt vergleicht und relativiert Heidegger die Gräuel des Nationalsozialismus, mit den „Gräueln“ infolge der Reeducation und der bevorstehenden Amerikanisierung Deutschlands. 1945 war für Heidegger nicht das Jahr der Befreiung von der Diktatur des Nationalsozialismus, nicht das Jahr der Beendigung der äußersten Inhumanität eines verbrecherischen Regimes durch den Sieg der Aliierten. Es war das Jahr, in dem die seinsgeschichtliche Mission Deutschlands endgültig vernichtet wurde, die die Welt hätte erretten und der zentrifugalen Ausweitung der Technik eine zentripetale Bewegung entgegensetzen können. Die planetare Katastrophe ereignete sich für Heidegger nicht in den zwölf zurückliegenden Jahren; sie steht „der abendländischen Geschichte … erst bevor“. (GA 97, 375)

Nachzutragen wäre noch: Die Schüler und Anhänger sprechen nicht vom Anti-Humanismus, sondern, wie Heidegger selbst, von einem neuen „seinsgeschichtlichen Humanismus“. Der Ausdruck ist freilich ein Widerspruch in sich selbst. Geleugnet wird, was doch das Grundprinzip des Humanismus ist: dass die Menschen (als Subjekte) auf der Grundlage vorgefundener gesellschaftlicher Verhältnisse ihre Geschichte selbst machen. Stattdessen werden sie (als fremdbestimmt Daseiende) zu Mitläufern einer „Seinsgeschichte“ degradiert, die, wenn nicht doch noch ein Gott rettend eingreift, auf eine planetare Katastrophe zurast.

  1. Martin Heidegger, Über den Humanismus, Frankfurt/Main 112010, 13, 14, 15. ↩︎
  2. Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 161986, 126 f. Heideggers spätere (direkte) Wendung zum Nationalsozialismus zeichnet sich bereits in diesem Werk ab. Dort nämlich, wo er das Dasein als In-der-Welt-sein und Mit-sein mit Anderen als „Geschick“ oder „Schicksal“ bezeichnet, als „das Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes“, als ohnmächtiges Sich-Einfügen in eine geschichtliche „Übermacht“. „Das schicksalhafte Geschick des Daseins in und mit seiner ‚Generation‘ macht das volle, eigentliche Geschehen des Daseins aus.“ (384 f.) ↩︎
  3. ebd., 128 f. ↩︎
  4. In der Literatur wird Heideggers Kehre verschieden datiert, vgl. Dieter Thomä (Hg), Heidegger-Handbuch, Stuttgart/Weimar 2003, 154 ff. (Beitrag von Dieter Thomä). Hier ist ausschließlich von der Kehre zwischen Sein und Zeit und dem Humanismusbrief die Rede. ↩︎
  5. Über den Humanismus, a.a.O., 15 f., 18. ↩︎
  6. ebd., 22. ↩︎
  7. ebd., 29. – Vgl. Dieter Thomä (Hg.): Heidegger-Handbuch, a.a.O., 252f. (Beitrag von Dirk Mende). ↩︎
  8. ebd., 29. – Vgl. Dieter Thomä (Hg.): Heidegger-Handbuch, a.a.O., 252f. (Beitrag von Dirk Mende). ↩︎
  9. ebd., 28, 29. ↩︎
  10. ebd., 22. ↩︎
  11. ebd., 25 f. ↩︎
  12. SPIEGEL-Interview vom 23. September 1966 (SPIEGEL Nr. 23, 1976, 193). ↩︎
  13. Jean-Paul Sartre, Ist der Existentialismus ein Humanismus? In: Drei Essays, Frankfurt/Main u.a. 1975, 9. ↩︎
  14. Über den Humanismus, a.a.O., 34. ↩︎
  15. www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2015_3_4_wolin.pdf, 6. ↩︎
  16. Günther Mensching, Seinsfrage, Seinsgeschichte und die Vernichtung der Metaphysik. In: Martin Heideggers Schwarze Hefte, hg. von Marion Heinz und Sidonie Kellerer, Berlin 2016, 66. ↩︎
  17. Martin Heidegger, Gesamtausgabe (GA), hg. von Peter Trawny u.a., Frankfurt/Main 2015 ff. ↩︎
  18. Im schon zitierten SPIEGEL-Interview verdreht Heidegger seine Übernahme der Blut- und Boden-Ideologie und deutet die „Selbstbehauptung“ als Widerstand gegen die von der nationalsozialistischen Studentenschaft geforderten „Politischen Wissenschaft“, d.h. die Funktionalisierung der Wissenschaft für den „faktischen Nutzen für das Volk“. ↩︎
  19. So in der Rektoratsrede. ↩︎
  20. Z.B. kritisiert er das „sozialistische Getue“ und die „blödeste Romantik“ der Studenten, die mit sog. Arbeitern zusammensitzen und saufen, nur „ausgemachte Spießbürger“ und keine wirklichen Nationalsozialisten sind (GA 94, 146f.). ↩︎
  21. Ernesto Grassi, Reisen ohne anzukommen. In: Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie, Nr. 18 (1990), 65. [widerspruch.com/2025/07/03/ernesto-grassi-reisen-ohne-anzukommen/] ↩︎
  22. So gibt Marion Heinz, die (Mit-) Herausgeberin von „Martin Heideggers Schwarze Hefte“, a.a.O., 24, die Kritik von Reinhard Mehring wieder, die er in seiner Rezension der Schwarzen Hefte der Jahre 1942-1948 geübt hat. ↩︎
  23. Peter Trawny, Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung, Frankfurt/Main 2014, 16; Donatella di Cesare, Heidegger, die Juden, die Shoah, Frankfurt/Main 2016. – Gemessen an Max Horkheimers „Typologie des Antisemitismus“ war Heidegger in vieler Hinsicht ein Antisemit, bis hin zum Wahn einer jüdischen Weltverschwörung und zur Denunziation jüdischer Kollegen. Alfred J. Noll bezieht sich in: Der rechte Werkmeister. Martin Heidegger nach den „Schwarzen Heften“, Köln 2016, 186-198l auf Max Horkheimer, Zur Psychologie des Antisemitismus (1943). In: Gesammelte Schriften, Frankfurt/Main, Bd. 12, 178-180). ↩︎
  24. Thomas Rohkrämer, Heidegger, Kulturkritik und völkische Ideologie. In: Martin Heideggers Schwarze Hefte, hg. von Marion Heinz und Sidonie Kellerer, a.a.O., 273. ↩︎
  25. So etwa von Anna Pia Ruoppo oder Anton M. Fischer in ihren Beiträgen in dem von Marion Heinz und Sidonie Kellerer herausgegebenen Buch, a.a.O., 350 und 432. ↩︎

Hampe – Krise der Aufklärung

Michael Hampe

Krise der Aufklärung

Über die Fortsetzbarkeit einer Lebensform

Tb, 208 Seiten, 22,- €

Berlin 2025 (Suhrkamp-Verlag)

von Franco Zotta

Michael Hampe hat ein in mehrfacher Hinsicht eigentümliches Buch geschrieben. Der bis vor kurzem an der ETH Zürich lehrende Philosoph versammelt in „Krise der Aufklärung“ mehrere Aufsätze, an denen er seit 2016 arbeitete, und die zwischen 2018 und 2024 erschienen sind. Laut Verfasser sind sie aber so gut gealtert, dass man sie 2025, wenn auch überarbeitet, noch einmal veröffentlichen kann, obwohl sie in weiten Teilen als philosophische Reflexion zeitgenössischer Entwicklungen im genannten Zeitraum in Politik und Gesellschaft gehalten sind. Diesem interpretatorischen Gestus ist geschuldet, dass der Autor eine große Zahl von Themen aufgreift, die in der Öffentlichkeit seither virulent waren und sind: Bildungskrise, Ukraine-Krieg, Putin, Trump, Klimawandel, KI-Disruption, Elon Musk, Peter Thiel & Co (die Hampe unter dem unmissverständlichen Stichwort „Technofaschismus“ abhandelt), Rechtsextremismus und das globale Erstarken autoritärer Kritiker:innen der liberalen Demokratie – man wird Mühe haben, ein vergleichbar prominentes Thema nicht behandelt zu finden auzf den 208 Seiten, die Hampe vorgelegt hat.

Die Themenfülle korreliert beinahe zwangsläufig mit einem erzählerischen Stil, den man eher selten in philosophischen Texten findet, dafür oft aus feuilletonistischen Beiträgen kennt: Hampe hat erkennbar keine Scheu, einem philosophischen Weltgeist gleich selbst disparateste Themen diagnostisch so zu bündeln, dass wenige Ursachen einen Großteil der erwähnten Weltprobleme mit Erklärungsmustern versehen. Da der Autor sich dabei einer auch ohne großes philosophisches Vorwissen zugänglichen Sprache bedient und anschaulich formulieren kann, liest sich „Krise der Aufklärung“ wie das essayistische Resümee eines vor allem besorgten und warnenden Philosophen, der am Ende seiner akademischen Lehrtätigkeit im Dienste der Aufklärung einem größeren Publikum eloquent darlegen muss, dass und wieso ausgerechnet das Zeitalter der Aufklärung sich am Vorabend einer möglichen globalen Barbarei wiederfindet.

Nun dürfte es selbst Voltaires Candide schwerfallen, angesichts der Fülle an Problemlagen, mit denen Hampes Zeitdiagnose zwangsläufig konfrontiert ist, sich in der besten aller Welten zu wähnen. Die Krisensymptome sind unübersehbar, die mit ihren verknüpften Szenarien, die Hampe dem Lesenden immer wieder klar vor Augen führt, beängstigend. Hampe wähnt die „kultivierte Fortpflanzungsgemeinschaft“ an einem Scheideweg: Wenn sie sich, verstanden als Aufklärung über die Aufklärung, nicht schonungslos konfrontiert mit den zerstörerischen Potenzialen, die diese entfesselte Gemeinschaft mit ihrem „Projekt Moderne“ zugleich groß gemacht und an den Abgrund geführt hat, dann werden die politischen und ökologischen Mega-Krisen in einem globalen Zivilisationsbruch münden.

Das Buch ist folglich durchsetzt mit meist düsteren, oft kapitalismuskritischen Analysen, die kontrastiert werden mit Appellen, sich als Weltgemeinschaft von der exzessiv Ressourcen verbrauchenden Selbstverwirklichungsmetaphysik zu lösen, die die dominierende anthropozentrische Aufklärungserzählung letztlich zum Schaden von Mensch und Natur hervorgebracht hat. Hampe will die hybride Gestalt der großen Aufklärungserzählung dekonstruieren zugunsten einer geläuterten Aufklärungsidee, die, ausgehend von wenigen, bescheidenen Annahmen über das auf Sozialität angelegte und auf eine intakte Natur angewiesene Menschengeschlecht, eine neue Ethik begründet, die inklusiv, empathisch, lösungsorientiert, kooperativ daherkommt und dabei auf starke Wahrheitspostulate und -lehren der Vergangenheit konsequent verzichtet.

Möchte man eine durchgehende Grundmelodie der diversen Aufsätze ausmachen, so ist sie sicherlich das stetig wiederkehrende Angebot Hampes, auf dem Boden eines pragmatischen Philosophieansatzes die Aufklärung anders zu justieren. Was einst Hampes Bruder im Geiste Gianni Vattimo „pensiero debole“, also schwaches Denken, nannte, ist auch für Hampe der Weg aus der konstatierten Krise der Aufklärung: Erst wenn die Menschheit sich von den fragwürdigen Metanarrationen löst, die letztlich der Omnipotenzillusion verhaftet sind, allein starke Geltungs- und Wahrheitsansprüche können das Richtige vom Falschen trennen und menschlichen Kollektiven so klare, weil unbestreitbare moralische Wegweiser an die Hand geben, – erst durch diese Elimination der Anfangsmythen der frühen Aufklärung also könne der Raum geöffnet werden, in dem Subjekte dialogisch und mit Rekurs auf weitgehend geteilte common sense-Bestände Regeln zur Minimierung von Leid und zur Bewahrung der Lebensgrundlagen finden.

Das ist grundsympathisch. Wenig von dem, was Hampe am Zustand der Welt kritisiert, als verantwortliche Ursachen benennt und als erstrebenswerten Gegenentwurf skizziert, stößt beim Rezensenten auf grundsätzliche Ablehnung. Gleichwohl hinterlässt die Generalabrechnung mit der großen Aufklärungserzählung, die Hampe im Kern für vieles Beklagenswerte in der Welt mindestens mittelbar verantwortlich macht, auf Dauer einen schalen Beigeschmack. Weniger deshalb, weil an dieser Erzählung nichts zu kritisieren wäre, sondern weil Hampe zu seinem Gegenentwurf des schwachen Denkens die kritische Distanz vermissen lässt. Man muss sich jedoch nicht sonderlich anstrengen, um im Konzept des schwachen Denkens selbst eine mehr als nur denkbare Ursache für viele Phänomene zu sehen, an denen der Autor sich kritisch abarbeitet. Wer Emanzipationszugewinne vor allem mittels zersetzender Kritik an als fundamentalistisch gegeißelten Motiven der frühen Aufklärung und ihres emphatischen Vernunfts- und Wahrheitsbegriffs zu erzielen sucht, öffnet eben zugleich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit jenen sinistren Gestalten Tür und Tor, deren Weltsicht bereits im Kern inkompatibel war mit jenen großen Vernunfts- und Wahrheitsregimen, die nun als universale Problemursache herhalten müssen.

Die Renaissance des antidemokratischen Autoritarismus oder die Wiedergeburt faschistoider Gesellschaftskonzepte, die genüsslich alternative Fakten produzieren, antiszientistischem Gedankengut frönen und unter Meinungspluralismus primär verstehen, alles wieder sagen und denken zu dürfen, was die große Aufklärungserzählung in den Giftschrank des Unvernünftigen verbannt hatte, ist die Kehrseite einer schwachen Theorie, die ihre Geltungsansprüche primär mit pragmatischen Verweis auf historisch gewachsene Bestände zu begründen sucht, die der Volksmund wohl mit gesundem Menschenverstand umschreiben würde. Nun aber ist die Büchse der Pandora wieder sperrangelweit geöffnet. Die Frage, die auch Hampe nicht beantwortet, wird sein, wie man den Deckel wieder geschlossen bekommt. Ein wenig mehr Verteidigung des robusten Wahrheitsfundamentalismus könnte da durchaus helfen.

Beck – Philosophieren im Exil

Max Beck

Philosophieren im Exil

Logischer Empirismus und Kritische Theorie 1933-1945

Pb., 307 Seiten, 28,- €

Basel 2026 (Schwabe-Verlag)

von Konrad Lotter

Der „Positivismusstreit“, der Anfang der 1960er Jahre zwischen Vertretern der Frankfurter Schule und des Kritischen Rationalismus (Karl Popper, Hans Albert) ausgetragen wurde, klärte zwar die Gegensätze zweier Theorie-Ansätze und insbesondere den Gegensatz zwischen dialektischem und formallogischem Denken. Er trug aber auch zur Verbreitung und Befestigung eines Vorurteils bei: des Vorurteils der Feindschaft und vollständigen Unvereinbarkeit zwischen der sog. Kritischen Theorie und dem sog. Positivismus. Wenig beachtet bei der Rezeption dieses Streits wurde zum einen, dass sich Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zur Zeit, als dieser Streit stattfand, schon weit von den Anfängen der Kritischen Theorie entfernt hatten, zum anderen, dass auch die Kritischen Rationalisten andere Wege eingeschlagen hatten, als Rudolf Carnap, Otto Neurath und Hans Reichenbach, die Begründer des Logischen Empirismus, von denen sie ausgegangen waren. Es sind diese fünf genannten Philosophen, auf die sich Max Beck konzentriert, um – zumindest an den Anfängen beider Schulen um 1930 – auf eine Reihe von Parallelen und Übereinstimmungen aufmerksam zu machen. Gemeinsam ist beiden etwa die Zwischenstellung zwischen der Universität und einer außeruniversitären Forschungseinrichtung, die mit einer starken Aversion gegen die etablierte Philosophie und dem selbstbewussten Eintreten für eine Neuausrichtung der Philosophie verbunden war. Gemeinsam ist beiden weiterhin die Betonung kollektiver und interdisziplinär (mit besonderem Interesse an Soziologie und Psychologie) ausgerichteter Forschung. Vergleicht man die drei Texte, die als „Gründungsmanifeste“ der beiden „Schulen“ angesehen werden können – Carnaps und Neuraths Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis (1929), Horkheimers Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung (1931) und Reichenbachs Ziele und Wege der heutigen Naturphilosophie (1931) – so ist auch eine gemeinsame Abgrenzung gegen die Metaphysik mit Betonung empirischer Forschung festzustellen. Übereinstimmung besteht nicht zuletzt auch hinsichtlich ihres über die Philosophie hinausgehenden, politischen Engagements für eine bessere Gesellschaft, das bei den kritischen Theoretikern noch marxistisch, bei den logischen Empiristen sozialdemokratisch inspiriert war. Gerade dieses Engagement, das sich dem aufkommenden Nationalsozialismus bzw. Austrofaschismus widersetzte, war, zusammen mit ihrer jüdischen Abstammung – Carnap war der einzige Nicht-Jude unter den Genannten – der Grund ihrer Ausgrenzung und Verfolgung, der sie zur Emigration (über Genf, London, Prag, Amsterdam, Istanbul, letztlich nach England und vor allem die USA) zwang.

Der Schwerpunkt von Becks mit dem „Claus-Dieter Krohn-Preis für Exilforschung“ ausgezeichneten Dissertation liegt allerdings nicht auf den Parallelen und Übereinstimmungen der Kritischen Theorie und des Logischen Empirismus an ihren Anfängen, sondern darauf, wie sie sich im Laufe ihres Exils immer weiter voneinander entfernt haben. Diesen Prozess der Entfremdung verfolgt Beck unter drei Aspekten: erstens dem verschiedenen Umgang mit dem Wechsel der Sprache, zweitens den verschiedenen Urteilen über die Ursachen des Faschismus in ihren Herkunftsländern (die eng mit ihren Urteilen über die USA als dem Land, in dem sie die Staatsbürgerschaft erwarben, verbunden waren) und drittens in ihrer verschiedenartigen Rezeption der amerikanischen Philosophie, d.h. insbesondere des Pragmatismus.

Dass sich beide Schulen in gegensätzliche Richtungen entwickelten, war angesichts der verschiedenen Traditionen, in denen sie standen, nicht verwunderlich. Beriefen sich die kritischen Theoretiker auf Hegel, Marx, Lukács und Freud, so sahen sich die logischen Empiristen in der Verlängerung von Hume, Mach, Frege und Wittgenstein. Allerdings gibt es auch hier Überschneidungen. Horkheimer und Adorno etwa promovierten gleichermaßen bei Hans Cornelius, der ein überzeugter Anhänger von Ernst Mach war. Otto Neurath stellte auch Marx und Feuerbach in die Ahnengalerie des „Wiener Kreises“. Adorno hatte, noch vor seiner zeitweiligen Übersiedelung nach England keine Bedenken, sich bei dem bereits nach Istanbul emigrierten Reichenbach um eine Assistentenstelle zu bewerben.

Außerordentlich aufschlussreich sind Becks Ausführungen über die Probleme der Exilanten mit der Aneignung der fremden Sprache und der Beurteilung des Englischen für die Philosophie. Neurath etwa, der selbst große Schwierigkeiten mit dem Erlernen der fremden Sprache hatte („I speak broken English fluently“), hielt nichtsdestoweniger, wie auch andere Vertreter des Logischen Empirismus, das Englische für geeigneter als das Deutsche, um seine Gedanken auszudrücken. Horkheimer und Adorno hingegen hielten das Englische zwar gut für das daily business, aber völlig ungeeignet für die „Hegelsche Tradition“ und die Formulierung ihrer Theorien. Ein nicht unwesentlicher Grund dafür, dass die einen auch nach 1945 in ihrem Gastland blieben, während die anderen umgehend nach Deutschland zurückkehrten.

Ein anderer, wohl triftigerer Grund für diese Entscheidung liegt, wie Beck überzeugend darlegt, in den verschiedenartigen Ansichten über die Ursachen des Umschlags der Zivilisation in die Barbarei ihrer Herkunftsländer und damit in der Frage, ob der Faschismus auch in den USA Fuß fassen und ihre Existenz bedrohen könnte. Für den Logischen Empirismus steht dieses Problem freilich außerhalb der Philosophie und wird nur peripher, in Briefen, Reden oder Zeitungsartikeln, behandelt. Bei Horkheimer und Adorno steht sie dagegen im Zentrum ihrer Theorien. Neurath führt vor allem den Untertanengeist als Ursache an, das „deutsche Klima“, wie er es nennt, das von Kant (Pflichterfüllung) und Goethe (Geniekult) geprägt sei. Da im liberalen Amerika und England ein anderes, offeneres „Klima“ herrsche, seien diese Länder nicht für den Faschismus anfällig. Völlig anders waren die Erklärungen der Kritischen Theorie, die den Faschismus als Folge der ökonomischen Dynamik des Kapitalismus begriffen. Horkheimer („Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“) folgte dabei weitgehend der Analyse von Friedrich Pollock. Ihr zufolge entwickelte sich der liberale „Privatkapitalismus“ mit seinen selbständigen Unternehmern und der Steuerung des Wirtschaftsgeschehens durch den Markt – infolge der bedrohlicher werdenden Krisen, die mehr und mehr durch regulierende Eingriffe des Staats bewältigt werden mussten – in einen „Staatskapitalismus“. Zwar unterscheidet Horkheimer mit Pollock zwischen einem totalitären Staatskapitalismus (wie im „Dritten Reich“) und einem demokratischen Staatskapitalismus (wie in den USA zur Zeit des New Deals), was aber nicht hieß, dass die USA gegen Faschismus gefeit waren und daher als ein absolut sicheres Exilland angesehen werden konnten. Es gelte also auch hier, auf der Hut zu sein, und das Aufkommen totalitärer Tendenzen zu beobachten und kenntlich zu machen.

Detailliert berichtet Max Beck über das Forschungsprojekt Cultural Aspects of Nationalsocialism (1941), das für die Entwicklung der Kritischen Theorie einige Aufschlüsse vermittelt. Nachdem die Rockefeller-Foundation keine finanzielle Unterstützung gewährt hatte, fragte man, ebenfalls erfolglos, bei verschiedenen anderen Stiftungen nach, wobei der Antrag auf Unterstützung wiederholt überarbeitet wurde, wodurch das Projekt an den amerikanischen Wissenschaftsbetrieb anschlussfähig gemacht werden sollte. Dabei verschwand nicht nur die ökonomische und damit marxistische Perspektive auf den Aufstieg des Nationalsozialismus. Statt die Duldung oder Unterstützung des Nationalsozialismus durch die Kirchen (wie etwa das Konkordat zwischen Vatikan und Hitler) zu untersuchen, sollte dem „Anti-Christentum“ eine Mitschuld nachgewiesen werden. Nietzsche, so war in den Anträgen zu lesen, wollte man gegen seine Anhänger aus den Reihen der Wegbereiter und Anhänger des „Dritten Reichs“ in Schutz nehmen. Heruntergespielt wurde auch die Möglichkeit eines Umschlags des demokratischen in einen totalitären Staatskapitalismus in den USA; man wollte offenbar, wie Beck vermutet, die potentiellen Geldgeber nicht vor den Kopf stoßen. Insgesamt zeichnet sich im Fortschritt der Zugeständnisse der Übergang von der ehemaligen Kritischen Theorie zur Programmatik der späteren Frankfurter Schule ab, die dann in der Dialektik der Aufklärung eine neue Art von „Gründungsmanifest“ erhielt.

Becks Buch ist nicht nur wegen der Verarbeitung vieler Informationen (aus bisher unveröffentlichtem Archiv-Material) lesenswert, sondern auch, weil es bisher wenig beachtete Ereignisse in Erinnerung ruft. So etwa berichtete es ausführlich über fünf Diskussionsrunden (1941), in denen in Anwesenheit nicht nur von Horkheimer, Adorno und Reichenbach, sondern auch von Günther Anders, Bert Brecht und anderen über Huxleys Brave New World diskutiert wurde: Fünf Diskussionen, in denen, durch Huxleys Roman vermittelt, vor allem die eigenen Positionen der Diskutanten sehr deutlich zu erkennen sind und von Beck kenntlich gemacht werden.

Bedingt durch die Nähe und philosophische Verwandtschaft zwischen Logischem Empirismus und amerikanischem Pragmatismus stand Reichenbach schon vor seiner Emigration in die USA mit John Dewey in Kontakt. Das erleichterte ihm den späteren Einstieg in die philosophische Szene des Gastlandes. Er hatte sofort die Möglichkeit, in führenden Journalen zu veröffentlichen und wurde, trotz seiner Vorbehalte gegen Dewey, als ein ernstzunehmender Gesprächspartner wahrgenommen und geschätzt. Aus der Verbindung des Logischen Empirismus mit dem Pragmatismus entstand später, nach Carnaps Wort, die Analytische Philosophie. Dagegen begann die Auseinandersetzung mit der Philosophie des Gastlandes bei Horkheimer erst nach seiner Übersiedelung in die USA. Adornos Rezeption des Pragmatismus fand größtenteils erst nach seiner Rückkehr nach Frankfurt statt. Während Horkheimer den Pragmatismus weitgehend dem Positivismus gleichsetzte und ablehnte, fiel Adornos Urteil differenzierter aus. Was er vor allem an Dewey hervorhob, war dessen Betonung der subjektiven, „unreflektierten“ Erfahrung.

In dreifacher Weise (Reflexion des Sprachwechsels, Faschismus-Kritik mit Blick auf die politischen Verhältnisse des Gastlandes und Auseinandersetzung mit der amerikanischen Philosophie) wird nicht nur der wachsende Gegensatz zwischen Kritischer Theorie und Logischem Empirismus geklärt, sondern auch der Umstand, dass die einen nach 1945 nach Deutschland zurückkehrten, die anderen sich im Gastland wohler fühlten, Karriere machten und blieben. Plausibel wird auf diese Weise auch, weshalb der Siegeszug des „Positivismus“ (auch durch das Wirken Wittgensteins und später Poppers) vom angelsächsischen Raum ausging, während die Kritische Theorie in den USA zunächst auf wenig Interesse stieß und erst in der Nachkriegszeit und in Deutschland an Einfluss gewann. Erst im Zuge der Studentenbewegung 1968 stieg ihr Einfluss (vor allem durch Marcuse) auch in den USA. Herbert Marcuse, der sich ebenfalls im Land seines Exils akklimatisiert und Karriere gemacht hatte, spielt in Becks Abhandlung, die sich auf die fünf genannten Philosophen beschränkt, allerdings keine Rolle.

Herzog – Der neue Faschistische Körper

Dagmar Herzog

Der neue Faschistische Körper

Tb., 124 Seiten, 18,- €

Berlin 2025 (Wirklichkeit Books)

von Ottmar Mareis

Autoritarismus und Rechtsradikalismus bedrohen aktuell westliche Demokratien. Anlass genug für Dagmar Herzog, zu Beginn ihres Bandes auf zentrale Aspekte des postmodernen Faschismus einzugehen. Sie identifiziert drei Punkte, die sie mit typischen Wahlplakaten der AfD illustriert. Den markantesten Massenappeal kennzeichnet sie als „sexy Rassismus“. Zwar setze die AfD vordergründig auf Familienwerte, aber auf den Plakaten werden verdächtig oft weiße erotisierte Frauen/körper abgebildet. Sie sollen in ihrer übertriebenen Vulnerabilität vor finster dargestellten Migranten, PoC und „dubiosen Ethnien“ „beschützt“ werden. Sogar homosexuelle Paare werden verletzlich porträtiert, mit der angeblichen Selbstauskunft, vor „ausländischen, dunklen, autoritären Muslimen“ geschützt werden zu wollen. Die AfD umwerbe damit eine Wählergruppe, die sie in anderen Plakaten durch die Ästhetisierung der deutschen Normal-Familie, die durch „Genderirrsinn“ und „Homoehe“ bedroht sei, ansonsten verachtet und diskriminiert. Herzog betont, dass die erotisierten Frauen einen sexy Rassismus vermittels bitzelnder Erregung ausstrahlen. Sie erwähnt in diesem Band aber nicht, was Konsens vieler Faschismusanalysen der 70er Jahre war. Dass der „Besitz der Sexualität der Frau“ sowohl bei der AfD als auch besonders bei den Nazis an die „Züchtung“, treffender an den Wahn eines „reinrassigen Volks“, geknüpft ist. Nirgends scheint bei der Analyse des heutigen als auch des NS-Faschismus Wagners Beobachtung aus den „Meistersingern“ angebrachter: Wahn, Wahn, überall Wahn! (und Gier, Gier …!). Herzog zeigt auch ein Bild, auf dem Schaulustige sich auf Marktplätzen vor Schaukästen des NS-Propagandablatts „der Stürmer“ versammeln. Dort wurden erotische blonde Frauen abgebildet, die von Karikaturen jüdischer Männer und Schlangen mit jüdischen Namen bedrängt wurden. Sie spielten mit der Lust am Sex genau so, wie sie die Gefahren für das „Volk“ beschwörten.

Herzog analysiert die Sexualität in der NS-Propaganda als ein foucaultsches Relais, wobei ihre Referenzen auf Foucault wesentlich ausführlicher hätten ausfallen können, um das Sexdispositiv der Nazis noch transparenter zu machen. Denn die NS-Propaganda setzte Sexualität sehr strategisch und, falls nötig, ambivalent ein. Den protestantischen wie katholischen Kirchen gab sie in der Weimarer Republik wahltaktisch zu verstehen, dass sie bei der Machtergreifung traditionelle Familienwerte wie auch die konservative Sexualmoral wiedereinführen werde. Doch schon nach wenigen Jahren äußerten Priester, Pastoren und Kirchenräte ihren Ärger, dass dies nicht der Fall sei. Denn der NS propagierte gleichzeitig den aus der Jugendbewegung und dem Jugendstil kommenden nackten, wilden, schönen, jungen, vor Kraft und Reinheit strotzenden jugendlichen Körper, der mit viel Sexyness und Erotik aufgeladen war. In ihrem Vortrag im NS-Dokumentationszentrum in München (2026) sprach Herzog davon, dass die Weimarer Republik die bis dahin liberalste, experimentierfreudigste Sexualität hervorgebracht hatte, dass der Markt mit Ratgeberliteratur geflutet wurde. Magnus Hirschfeld, Sigmund Freud, Wilhelm Reich und Psychoanalytiker:innen waren während der 1920er Jahre in den unterschiedlichsten Medien en vogue. Die Psychoanalyse mit der daraus abgeleiteten Pädagogik faszinierten als neue populäre Wissenschaften. Eine der wichtigsten Erkenntnisse Herzogs ist jedoch, dass die Nazis diese erregende Body Positivity, mehr noch, diese Erfüllung verheißende Sexualpädagogik eben nicht, wie bisher angenommen, unterdrückt, sondern nach der Machtergreifung für die „arischen Deutschen“ weiter propagiert haben. Entgegen der repressiven Sexualmoral der Kirchen gaben sie sozusagen die Erlaubnis: „Du darfst.“ Herzog argumentiert damit, ohne dies zu thematisieren, gegen Wilhelm Reichs in der Massenpsychologie des Faschismus (1933) vertretene These, der NS basiere auf Sexualunterdrückung und der daraus entstehenden perversen, sadomasochistischen Aggression. Vor allem die Freudomarxisten der 68er Jahre beriefen sich auf Wilhelm Reichs Buch, das darüber hinaus lange den linken Diskurs über die psychoökonomischen Ursachen des Dritten Reichs bestimmte. Herzogs empirische Untersuchungen u. a. über Die Politisierung der Lust (2021) und der neue faschistische Körper (2025) widerlegen diese These, was das Tätervolk betrifft. Denn in ihrer Propaganda gingen die Nazis höchst selektiv vor: Für die Arier wurde zum lustvollen ehelichen und sogar außerehelichen Sex angespornt; der Sex mit Juden wurde jedoch als „schmutzig“, als strafrechtlich verfolgte „Rassenschande“ angeprangert. Alltägliche Ehen, Partnerschaften und Liaisons mit Juden wurden nach der Machtergreifung plötzlich repressiver Diskriminierung, Denunziation und KZ-Haft ausgesetzt. So schrieb sich der NS in den “Volkskörper“ ein. Aus der Opferperspektive hat Wilhelm Reich deshalb durchaus weiter Relevanz.

Die andere dunkle Seite des foucaultschen Relais der gehypten Sexualität, das die AfD und der NS teilen, ist die obsessiv abwertende Beschäftigung mit Behinderung respektive mit Menschen bzw. „Körpern“ mit Behinderung. Dies geht einher mit der propagandistischen Sorge über die angebliche Verminderung der Intelligenz (IQ) des „Volkes“ durch „Behinderte“ bzw. heute durch die Inklusionspädagogik. Sehr erhellend wird hierzu auf die Epoche des Präfaschismus seit Ende des 19. Jahrhunderts eingegangen. 1895 veröffentlichte Alfred Plötz die pseudowissenschaftliche, aber einflussreiche Schrift „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen. Ein Versuch über Rassenhygiene und ihr Verhältnis zu den humanen Idealen, besonders zum Sozialismus“. Sie wurde später zum „Rassenhygiene Programm“ des NS. Zudem thematisiert Herzog die Niederlage im ersten Weltkrieg als kollektive narzisstische Kränkung, die sich über die Weimarer Republik hinaus auswirkte. Besonders in der vom Strafrechtler Karl Binding und einem der renommiertesten Psychiater der Weimarer Republik, Alfred Hoche, herausgegebenen Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (1920). In ihr wurde suggeriert, dass die prekäre Lage Deutschlands mit den „vielen Behinderten“ und „Schwachsinnigen“ korreliere. Herzog hätte diese Schriften noch mehr auf den Mainstream der damaligen politischen Romantik, universitären Biologie und Medizin beziehen können, der sich hauptsächlich mit Erblehre, Eugenik, Rassenkunde und Darwinismus beschäftigte. Allein diese eugenische Begrifflichkeit trägt den Horror schon in sich, den die Nazis später umsetzten. So ließ der damalige NS-Kultusminister in Bayern, Hans Schemm, verlauten, der NS sei angewandte Biologie, und Rudolf Hess sprach vom NS als angewandter Rassenkunde. Schon zum 1.1.1934 trat das sog. „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchs“ in Kraft. Es war die Rechtsgrundlage für das NS-Euthanasieprogramm und die T4-Aktion, denen ca. 350 000 Menschen zum Opfer fielen. Dies bedeutete zudem für mehr als 400 000 Menschen die Zwangssterilisation. Ärzt:innen, Erzieher:innen, Lehrer:innen und Sozialarbeiter:innen waren aufgefordert, Personen zu melden, die unter dieses Gesetz fallen; was sie gegen ihren Berufseid auf verstörend gründliche Weise taten. Solchermaßen schrieb sich der NS in viele Professionen ein. Am Ende stand die Zerstörung Europas, Eurasiens, die Shoa, d.h. ca. 60 Millionen Tote.

Sehr interessant ist auch das Nachwort von Alberto Toscano, der Herzogs Forschungen rekapituliert. Besonders wird hier die faschistische Obsession des schönen, starken, (jugendlichen) Körpers thematisiert. Viele Forschungen über den Faschismus, so Toskano, kommen zu dem Schluss, dass es praktisch unmöglich sei, „die somatischen Praktiken von den symbolischen, allegorischen und metaphorischen Verwendungen des Körpers“ in der NS-Propaganda zu trennen. Sie wollte, dass „all ihre Metaphern verkörpert werden und die Verkörperungen mit den Metaphern korrespondieren, … bis sie deckungsgleich werden“, woraus sich „vielfältige Umschlagpunkte und Verdichtungen zwischen Fantasie und Realität ergeben“. Der Körper wurde zur Projektionsfläche einer ausufernden „semantischen Produktivität“, wodurch die Metaphern des Politischen krass körperlich werden – vom „Staatskörper“ bis zum „Staatsoberhaupt“.

Die Forschungen über den Körper des Führers bilden inzwischen eine eigene Disziplin, die weiterer Explorationen bedarf. Denn im Faschismus wird der Körper sowohl Subjekt als auch Objekt – „von Erfahrungen über Prozesse der Bedeutungskonstitution hinaus oder ihnen unterliegend“. Nach Herzog erreiche „der Faschismus ein körperliches Unbewusstes, das nicht wie eine Sprache strukturiert ist“. So habe der italienische Psychoanalytiker Elvio Fachinelli dies in seiner Auseinandersetzung mit Lacan verdeutlicht. Freud folgend ergänzt er, dass es sich um „die große Macht unbewusster Ideen (handelt), die sich direkt auf den Körper auswirken“ und mit ihm rückgekoppelt sind. Dies weise auf „eine Sprache des Körpers hin, die sich nicht auf das universale System der Sprache reduzieren lässt“. Weiter führt Toscano aus, „man sollte auch von Reagan bis Trump über ein Schema der Identifikation hinausgehen, d.h. Propriozeption – die nonvisuelle Empfindung für die Verformung des Körpers in der Bewegung – einbeziehen, sowie die infralinguistische Faszination“, die der Körper des Führers in der Propaganda unterhalb der eigentlichen Sprachstruktur ausübt. Hier eröffnen sich in der Tat interessante Forschungsdimensionen.

Für all die angerissenen Themen ist das 120 Seiten-Bändchen allerdings zu schmal. Nicht mal angetippt sind in der Rezension die von Herzog angeführte heutige Körperoptimierung, Wellness, Lookmaxing und Fitnesspropaganda, die sie als gefährliche, disziplinäre Formen postmoderner Biopolitik interpretiert. Um all die Punkte themengerecht abzuhandeln, wäre ein Band von wesentlich größerem Umfang oder mehrere Bände nötig gewesen. Nur später im Buch kommt sie auf die schon von Horkheimer thematisierte Problematik zu sprechen, ohne ihn zu erwähnen, dass wer nicht vom Kapitalismus reden will, auch vom Faschismus schweigen müsse. Sie verweist darauf, dass in Verwertungs- und Reproduktionskrisen des Kapitalismus rechte wie konservative Stimmen laut werden, die Überschussbevölkerungen definieren, identifizieren und anprangern. In ihnen finden sich schnell alle, die „dem Staat nur Geld kosten“ respektive im Arbeitsprozess nicht integrierbar sind. Dieses Problem, das doch eigentlich eine große gesellschaftliche Fürsorge- und Sozialstaatskrise ist, wird in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit plus Krisenhaftigkeit des Kapitalismus gerne auf Minderheitsethnien ausgedehnt, die entbehrlich erscheinen. Zur damaligen Zeit waren dies vor allem „Juden“, „Zigeuner“, „Behinderte“, „Homosexuelle“ etc. Heute zählt Herzog, neben lateinamerikanische Migrant:innen in den USA und Migrant:innen generell, auch Palästinenser:innen zur postmodernen „Überschussbevölkerung“, denen je nach politischer Entwicklung „die Auslöschung drohen könnte“.

Nach der Lektüre des Buches wirken die Wahlplakate und Forderungen der AfD noch einmal schockierender. Es ist nun definitiv gewiss, dass wir in einer Zeit des wiederkehrenden Prä/Faschismus leben. Äußerst bedauerlich ist es daher für Deutschlands Universitäten, dass Dagmar Herzog an der City University of New York lehrt. Einmal mehr scheint New York ein Ort zu sein, wo Unmögliches möglich ist. Denn ihre Forschungen wären gerade für Deutschland wichtig. Doch mit Faschismusforschung bekommt man heute dort, wo es am nötigsten wäre, keine universitäre Zulassung. Alle hierfür Verantwortlichen sollten sich an die eigene Nase fassen.

Epochenbruch? – Umfrage des „Widerspruch“

Unsere Redaktion hat eine Umfrage zum Gegenwartsthema „Epochenbruch“ initiiert. An ihr haben bislang drei Wissenschaftler aus unterschiedlichen Perspektiven teilgenommen:

Christoph Demmerling, Dr. phil., Prof. für Theoretische Philosophie an der Universität Jena

Jens van Scherpenberg, Dr. rer. pol., ehem. Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik sowie Lehrbeauftragter für internationale politische Ökonomie an der Universität München

Klaus Weber, Dr. phil, Prof. für Psychologie an der Hochschule München und Vertrauensdozent der Rosa-Luxemburg- und Hanns Böckler-Stiftung.

Wir laden unsere Leser ein, mit Beiträgen oder Kommentaren an der Umfrage zum „Epochenbruch“ teilzunehmen.


Vier Fragen:

Vom „Epochenbruch“ ist die Rede:

  • Klimaforscher und Geologen debattieren seit Beginn des Jahrhunderts über das Anthropozän als einem Erdzeitalter, das menschliches Handeln mit der Ökologie in neuer Weise verbindet.
  • Ökonomen konstatieren, dass nach einer Phase der Globalisierung und Öffnung der Märkte wieder eine Rückkehr zur Abschottung der Waren- und Arbeitsmärkte erfolgt. Sie diskutieren deren Folgen für den ‚Wohlstand der Nationen‘.
  • Juristen und Politologen stellen nach einer Phase der Bemühungen um Kooperation und internationale Verträge wie dem Pariser Klimaabkommen die gegenläufige Tendenz zum Nationalismus und zur Remilitarisierung der geopolitischen Konflikte fest.
  • Soziologen und Sozialpsychologen erkennen weltweit eine wachsende Verunsicherung mit ihren irrationalen Folgen, die ein vormaliges Vertrauen in die Zukunftsbewältigung abzulösen droht.

Angesichts dieser Vielfalt an gegenwärtigen Umbrüchen, die etablierte Gewissheiten in Frage stellen, erscheint uns die Frage naheliegend, ob sie unter dem Begriff eines „Epochenbruchs“ zusammengefasst werden können, der einerseits alte und überwunden geglaubte, andererseits neue und unerprobte Muster der Krisen- und Konfliktbewältigung hervorbringt.

1. Warum sollte man heute über einen möglichen Epochenbruch reflektieren, wenn sich Epochenbrüche doch erst im Rückblick feststellen lassen?

2. Gesetzt, es findet ein Epochenbruch statt; worin sehen Sie dessen wesentlichen Inhalt?

3. Wo machen Sie den Beginn der in der Gegenwart zu Ende gehenden Epoche fest?

4. Entwickeln sich gegen die genannten negativen Tendenzen auch emanzipatorische Momente? Welche Aufgaben stellen sich heute für ein emanzipatorisches Denken und Handeln?

Christoph Demmerling

ad 1.

Epochenbrüche oder Zeitenwenden lassen sich in der Tat häufig erst im Rückblick erfassen. Hinzu kommt, dass die Signatur einer Zeit von Zeitgenossen mitunter ganz anders wahrgenommen wird als von den Nachgeborenen. Der gelebte Augenblick ist dunkel, so hat Ernst Bloch einmal formuliert. Auf das Problem von Zeitdiagnosen angewandt, die sich auf die Gegenwart beziehen, müsste man sagen: Es bedarf eines Abstands, um klar zu sehen und erkennen zu können, was die grundlegenden Eigenschaften einer Zeit sind, die man unter kulturellen, sozialen, politischen und auch ökonomischen Gesichtspunkten als eine Einheit ansehen zu können glaubt. Andererseits kann die Nähe zu Umständen und die Vertrautheit mit Gepflogenheiten auch zu einer besonderen Sensibilität gegenüber den Eigentümlichkeiten einer Zeit führen. Im Rückblick werden viele Aspekte abgeschliffen und zurechtgestutzt, andere Maßstäbe einer Beurteilung werden zugrunde gelegt, was den Blick auch trüben kann und einen Verlust von Differenzierungen nach sich zieht. In diesem Sinne ist es eine offene Frage, ob der Blick auf die Gegenwart getrübter ist als der Blick auf die Vergangenheit. Aufs Ganze gesehen dürfte man gut beraten sein, wenn man Gegenwartsdiagnose und rückblickende Sichtungen als komplementäre Perspektiven auf eine Zeit ansieht, die zusammengenommen ein vollständigeres Bild ergeben können als jeweils nur für sich betrachtet.

Man sollte nicht jede Veränderung kultureller, sozialer, politischer oder ökonomischer Art gleich als einen Epochenbruch ansehen. Der Ausdruck legt nahe, dass es einen scharfen Schnitt zwischen einer Zeit vor und nach dem Bruch gibt. Geistesgeschichtlich wird häufig mit sehr groben und sehr großen Einteilungen gearbeitet, man denke etwa an die Unterscheidung von Antike, Mittelalter, Neuzeit und Moderne. Wer mehrere Jahrhunderte als eine Einheit ansieht, ist genötigt, von starken Vergröberungen Gebrauch zu machen. Umbrüche kommen zumeist ja nicht geradlinig, sondern auf Umwegen und mit Unterbrechungen zustande. Hinzu kommt, dass man es zu einer Zeit immer wieder auch mit vielfältigen Ungleichzeitigkeiten zu tun hat. Denken wir beispielsweise an die Rede von der Moderne. Für die aufgeklärten Gesellschaften des Westens mag man geltend machen, dass die Lebensverhältnisse in vielen Belangen als „modern“ anzusehen sind, in kultureller, politischer und auch in technischer Hinsicht. Für andere Weltregionen würde ich dies nicht unbedingt im selben Sinne geltend machen wollen. Und selbst innerhalb des Westens gibt es zum Teil gravierende Differenzen in Bezug auf die Modernität. Man denke an die Unterschiede zwischen Stadt und Land. So bin ich mir nicht einmal sicher, ob man in allen Winkeln der dem eigenen Selbstverständnis zufolge liberalen Demokratie und aufgeklärten Industrienation Deutschland davon sprechen kann, dass moderne Lebensformen vorherrschen. Darüber lässt sich sicher streiten.

Ganz unabhängig von den Schwierigkeiten, welcher der Gebrauch von Epochenbegriffen mit sich bringt, tut man sicher gut daran, und zwar zu jeder Zeit, darüber nachzudenken, ob und in welchem Sinne sich kulturelle, soziale, politische und ökonomische Verhältnisse verändern. Dies schult nicht nur die Sensibilität für die maßgeblichen Eigenschaften der eigenen Zeit, sondern kann auch die Entwicklung von Kriterien erlauben, auf deren Grundlage sich vielleicht die Frage beantworten lässt, ob Gesellschaften ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden, und mithin können so erwünschte und unerwünschte Entwicklungen voneinander unterschieden werden.

ad 2.

Die Rede von einem „Epochenbruch“ scheint mir für die Veränderungen, mit denen wir es heute zu tun haben, zu groß zu sein. Auch andere Begriffe wie „Zeitenwende“ oder die Metapher der „Weichenstellung“ bereiten mir Unbehagen. Ich will es einmal vorsichtiger formulieren und sagen, es gibt Entwicklungen, welche den Charakter einer Zäsur haben könnten. Ob und in welchem Umfang es so kommen wird, bleibt abzuwarten. Die Inhalte lassen sich wohl gar nicht aus einer neutralen Perspektive erfassen und benennen, sondern ich kann mich ihnen lediglich – wie man heute gerne sagt – als ein ‚situierter‘ Sprecher annähern. Als Mann und Exemplar der gegenwärtig oft als ‚Boomer‘ angesprochenen Generation bin ich in Westdeutschland und in Zeiten sozialliberaler Wohlfahrtspolitik aufgewachsen. Mein Beruf bereitet mir Freude und meine wirtschaftliche Situation führt nicht zu schlaflosen Nächten. Das ist aus der Sicht vieler eine privilegierte Situation. Ich bin aber nicht als älterer weißer Mann auf die Welt gekommen, sondern habe die historischen, politischen und kulturelle Entwicklungen in den Jahrzehnten meines Lebens und durchaus auch bis heute aus unterschiedlichen Perspektiven verfolgt.

Wenn ich nur die kulturellen, sozialen, politischen und technischen Entwicklungen nach dem zweiten Weltkrieg in den Blick zu nehmen versuche, dann sehe ich vor allem drei Stränge, die zu großen Veränderungen in den Lebensformen nicht nur der westlichen Welt, sondern auch in globaler Perspektive geführt haben. Es ist aus meiner Sicht heute noch nicht recht abzusehen, inwieweit diese Entwicklungen weitere Veränderungen nach sich ziehen, so dass man im Rückblick dann vielleicht von einem „Epochenbruch“ sprechen würde.

Ein erster Strang ist politischer Art: Es handelt sich um das Ende des so genannten kalten Krieges und den damit verbundenen Wegfall der Blöcke der kapitalistischen und der kommunistischen Welt. Durch diesen Wegfall hat sich die Ordnung der Welt deutlich verändert. Neben Freiheitsgewinnen und Entlastungen, die mit diesem Ereignis verbunden waren, sind in der Folge neue Instabilitäten und Bedrohungen entstanden. Die Solidarität in den Ländern des Westens hat nicht nur zu bröckeln begonnen, sondern sich zum Teil schon wahrnehmbar zersetzt. Ich denke an das Verhältnis zwischen Amerika und Europa, aber auch an die Rückkehr von nationalistischen Perspektiven in vielen Ländern Europas (und auch anderswo). Auf der anderen Seite steht Russland mit einer aggressiven Expansions- und Kriegspolitik in der eigenen Nachbarschaft und darüber hinaus. Das ist eine Situation, die man durchaus als bedrohlich empfinden kann.

Der zweite Strang ist technischer und kultureller Art: In den vergangenen fünfzig Jahren ist es zu bahnbrechenden Entwicklungen in der Computer- und Datentechnologie gekommen. Der Gebrauch von Computern, Handys, des Internets, Digitalisierungsprozesse in allen Lebensbereichen haben die menschliche Lebensform – weltweit, in einigen Regionen mehr, in anderen weniger – deutlich verändert. Mit Blick auf diese Entwicklung kann man vielleicht sogar tatsächlich von einem „Epochenbruch“ sprechen, vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks, der ja neben der Entdeckung Amerikas und der Reformation immer wieder als ein entscheidender Faktor im Zusammenhang mit dem Beginn der Neuzeit angeführt wird. Die Partizipation an Datenströmen und die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien haben die menschliche Lebensform bis in die entlegensten Winkel verändert. Die Geschichte dieses Umbruchs und seiner Konsequenzen für das Selbstverständnis des Menschen ist allenfalls in Ansätzen geschrieben.

Der dritte Strang ist politischer, kultureller und ökonomischer Natur und nicht immer leicht von dem zweiten Strang zu trennen: Zu diesem Strang gehören alle jene Entwicklungen, die man gemeinhin mit dem Begriff der Globalisierung zu bezeichnen pflegt. Durch die immer enger werdenden Verflechtungen innerhalb der gesamten Welt ist das Zusammentreffen und Zusammenleben von Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen zu regeln. Ökonomisch entstehen vielfältige Abhängigkeits- und auch neue Ausbeutungsverhältnisse, wenn etwa Kostendruck und Optimierungszwänge dazu führen, die Warenproduktion in Länder auszulagern, in denen Arbeitskraft günstiger zu haben ist als in den Zentren der westlichen Welt.

ad 3.

Das ist schwierig zu sagen. Womit beginnt unsere Gegenwart? Sind es die Revolutionen in Amerika und Frankreich im 18. Jahrhundert? Sind es die industriellen Revolutionen des 19. Jahrhunderts? Ist es in Deutschland das Ende des Kaiserreichs oder das des zweiten Weltkriegs? Leichter als über den Beginn fällt es mir über den Beginn des Endes zu reden. Sollte eine Epoche zu Ende gehen, dann würde ich den Beginn des Endes in den 1990er Jahren verorten: nach dem kalten Krieg und zu dem Zeitpunkt, an dem Computer- und Datentechnologien langsam in den Alltag einzusickern beginnen. Die Globalisierung beginnt sicher früher. In einem bestimmten Sinn lässt sich der Verlauf der gesamten Weltgeschichte als ein fortschreitender Prozess der Globalisierung auffassen. Aber mit der Verbreitung von Computer- und Datentechnologien kommt sicher noch einmal eine neue Dimension ins Spiel: Produktionsprozesse lassen sich nunmehr weltweit und von überall her steuern und abwickeln. Gleiches gilt im Übrigen auch für politische Prozesse oder Terrorakte, man denke an den 11. September 2001.

ad 4.

Ich habe das Ende des kalten Krieges, die Digitalisierung und die Globalisierung genannt. Von keinem dieser Ereignisse und keiner dieser Entwicklungen würde ich sagen, dass sich mit ihm bzw. ihnen ausschließlich negative Tendenzen verbinden. Das Ende des kalten Krieges ist zunächst einmal sicher ein erfreuliches Ereignis gewesen. Auch Digitalisierung und Globalisierung bringen für viele Menschen sehr große Vorteile mit sich. Es ist hier nicht der Ort, Gewinne und Verluste, die mit Digitalisierungsschüben und einer stets weiter um sich greifenden Globalisierung einhergehen, aufzuzählen. Über alle politischen und weltanschaulichen Lager hinweg wird sich sicher auch keine Einigkeit bezogen auf eine Bewertung der neueren Entwicklungen finden lassen. Aber bei allen Schattenseiten, welche Digitalisierung und Globalisierung haben mögen, sind mit ihnen mit Sicherheit auch eine Vielzahl emanzipatorischer Momente verbunden. Menschen können viele ihrer Bedürfnisse mit weniger Aufwand und schneller als in früheren Zeiten befriedigen, sie sind in der Lage, sich jederzeit und zügig eine Vielzahl von Informationen beschaffen zu können. Wo mehr Information im Umlauf ist und mehr Austausch stattfindet, ergibt sich immer auch eine Möglichkeit für mehr Aufklärung. Und da könnte eine Chance für emanzipatorisches Denken und Handeln liegen. Kulturelle, soziale, politische und ökonomische Entwicklungen sind in der Regel nur selten an und für sich betrachtet negativ oder positiv, vielmehr enthalten sie häufig unterschiedliche Potentiale. Sie können Wegbreiter für soziale Regression sein, aber auch zu Schrittmachern für Emanzipationsprozesse werden. Eine Aufgabe für das emanzipatorische Denken und Handeln würde ich darin sehen, diese Potentiale zu bergen und fruchtbar zu machen.

Jens van Scherpenberg

ad 1.

„Epochenbrüche“ zu identifizieren, ist eigentlich Sache der Historiker. Und je nachdem, ob sie mit der Lupe oder dem Weitwinkelobjektiv auf zurückliegende Entwicklungen blicken, mag die Antwort unterschiedlich ausfallen. Der „Weitwinkelblick“ wird zum Beispiel einen Epochenbruch zwischen Mittelalter und Neuzeit, also um das 15. und 16. Jahrhundert,konstatieren und ihn am Beginn der Renaissance in Italien, der Erfindung des Buchdrucks, der Entdeckung Amerikas und schließlich der Reformation festmachen.

Je näher der untersuchte Zeitraum an der Gegenwart liegt, desto eher ist man versucht, Brüche mit einem nahen Fokus zu betrachten und zu charakterisieren, wie es die Zeitgeschichtsforschung tut. Die Lupe aber nehmen vor allem die politischen Akteure in die Hand, um Ereignissen oder Entwicklungen die Überhöhung zukommen zulassen, die zugleich ihrer eigenen Bedeutung als Handelnde in dieser „kritischen Phase“ besonderes historisches Gewicht verleihen soll.

Gehört der von Friedrich Merz in seiner Regierungserklärung am 14. Mai 2025 ausgerufene „Epochenbruch“ in diese letztere Abteilung? Wird hier das normale Politikgeschäft mit seinen täglichen Krisen zum Ruhme der Akteure dramatisch überhöht?

Für die Bundesrepublik möchte ich das verneinen. Was seit 2022 die deutsche Politik bestimmt, die Außen- wie zunehmend auch die Innenpolitik, das dürfte auch aus dem Blick späterer Zeithistoriker als scharfer Einschnitt in der Geschichte Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg gelten. Siehe dazu: 2.

ad 2.

Mit der Zeitenwende, erst recht mit der Ansage von Bundeskanzler Merz, Deutschland solle zur führenden konventionellen Militärmacht in Europa werden, hat die deutsche Außenpolitik einen distinkt neuen Inhalt bekommen. Nach dem Ende der Sowjetunion ging es der deutschen Außenpolitik darum, nicht nur die osteuropäischen Staaten ökonomisch und politisch durch Aufnahme in die EU in den eigenen Einflussbereich zu integrieren. Auch Russland hoffte man durch das Angebot einer „strategischen Partnerschaft“ und wachsende wirtschaftliche Verflechtung immer mehr in ein von der EU mit Hausordnung versehenes, unter ihrer Regie verwaltetes „gemeinsames europäisches Haus“ zu integrieren. Das hätte für Russland bedeutet, auf seine eigene Rolle als nuklear hochgerüstete Weltmacht zu verzichten und seine Sicherheitsinteressen der einer „europäischen Friedensordnung“ unterzuordnen, dem Titel, unter dem die EU und ihre deutsche Führungsmacht ihre eigene ausgreifende Einflusszonenpolitik verfolgen.

Im Fall der Ukraine kam es zur erwartbaren Kollision. Dass Deutschland daraus – nach einigem Zögern – inzwischen die Konsequenz gezogen hat, „all in“ zu gehen, sich an die Spitze der militärischen Unterstützer der Ukraine zu stellen, hat nun auch entscheidende innenpolitische Konsequenzen. Die frühere „Friedensmacht“ will nun ihre Gesellschaft in wenigen Jahren kriegstüchtig und resilient, ihre Streitkräfte kriegsfähig machen für eine direkte Konfrontation mit Russland.

Dafür werden alle wirtschaftlichen Ressourcen der stärksten Wirtschaftsmacht der EU mobilisiert, vor allem ihre allen anderen EU-Staaten überlegene Verschuldungsfähigkeit.

Das droht zunehmend den inneren Zusammenhalt der EU zu sprengen. Vor allem die ambivalente Partnerschaft der beiden Rivalen um die Führung der EU, Frankreich und Deutschland, wird aufs äußerste strapaziert. Es ist zunehmend wahrscheinlich,dass aus den Präsidentschaftswahlen in Frankreich einer der beiden extremistischen Kandidaten, der Linke Jean-Luc Melenchon (La Françe Insoumise) oder Jordan Bardella vom rechten Rassemblement National als Sieger hervorgehen wird. Für beide ist der Kampf gegen die deutsche Dominanz der EU ein programmatischer Kernpunkt ihrer Kampagne. Aber auch Polen, das seinerseits die stärksten Landstreitkräfte in Europa aufbauen will und dafür inzwischen 5% des Bruttoinlandsprodukts aufwendet, sieht den deutschen militärischen Führungsanspruch mit großer Skepsis.

Das drastische Ausmalen des Szenarios einer Bedrohung Deutschlands durch Russland, wie es der Generalinspekteur der Bundeswehr Breuer praktiziert, wenn er feststellt, Russland bereite einen großen Krieg gegen die NATO vor, gegen den Deutschland bis spätestens 2029 abwehrfähig sein müsse, droht immer mehr zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden. Denn Russland sieht das seinerseits genauso, sieht sich nicht nur durch die massive militärische Unterstützung der NATO für die Ukraine, sondern auch durch deren eigene gewaltige Aufrüstung bedroht. Die jüngsten Äußerungen des Bundestagsabgeordneten Kiesewetter (Focus, 11.5.2026), Russland müsse dazu gebracht werden zu kapitulieren, werden in Moskau aufmerksam registriert und fließen in das eigene Bedrohungsszenario ein.

Aber auch der Begriff der „Abschreckung“, auch wenn er sich auf den zu Tode zitierten Spruch aus dem eroberungssüchtigen römischen Imperium beruft – „Si vis pacem, para bellum“ – hat mit Kriegsvermeidung nichts zu tun. Es geht um die Herstellung militärischer Überlegenheit gegenüber dem vermuteten Militärpotenzial des Großmachtrivalen, so dass dieser seinerseits auf die Durchsetzung seiner Großmachtinteressen von vorneherein verzichtet. Die Abschreckungsideologie nährt sich damit aus sich selbst. Denn Bezugspunkt für die Worst Case-Projektionen über die gegnerische Militärmacht sind die eigenen militärischen Potenzen, an denen laufend Schwachstellen ermittelt werden, um sie durch neue Rüstungsanstrengungen zu überwinden.

Da das für alle großen Mächte gilt, ist „Abschreckung als Kriegsvermeidung“ ein nie erreichtes und zudem grundfalsches Ideal, heißt Abschreckung im Gegenteil ständig vorangetriebenes konkretes militärisches Kräftemessen, ständige Kriegsbereitschaft – bis hin zur kriegerischen Entscheidung der anders nicht zu klärenden Hierarchie unter den Mächten.

Nicht den Durchmarsch von Putins Truppen bis nach Berlin, das von den Kriegspropagandisten aus Politik und Medien beschworene Szenario, gilt es zu verhindern. Den unterstellt kein ernsthafter Politiker und Militärstratege dem russischen Präsidenten als sein Ziel. Was an der russischen Machtdemonstration in der Ukraine stört, das ist das drohende Scheitern des deutsch-europäischen Großmachtanspruchs auf Einbeziehung der Ukraine in die eigene „europäische Friedensordnung“. Worum es also wirklich geht: zu verhindern, dass Russland durch einen militärischen Sieg über die Ukraine seinen Status als gleichrangige Weltmacht sichert.

Für diesen höchsten Zweck sind in der Ukraine inzwischen hunderttausende Menschen gestorben – ihr Tod belegt die bemerkenswerten beidseitigen Fortschritte in der militärischen Abschreckungsfähigkeit.

„The proof of the pudding is in the eating“ lautet ein englisches Sprichwort: Erfolgreiche Abschreckung beweist sich erst im Krieg.

ad 3.

Will man die Geschichte der Bundesrepublik in „Epochen“ im zeithistorischen Sinne unterteilen, dann bietet sich diese Dreiteilung an:

Von 1949 bis etwa 1972 (Kanzlerschaft Willy Brandts) war die BRD der Frontstaat im Kalten Krieg, mit ihrem Anspruch auf die DDR zugleich eine offen revisionistische Macht.

Von 1972 bis zum Ukrainekrieg 2022 verstand sich die Bundesrepublik mit ihrer Ostpolitik, ab 1990 auch als vereintes Deutschland, als „Friedensmacht“. Mit der Ostpolitik hatte sie den revisionistischen Anspruch gegenüber den östlichen Nachbarn DDR und Polen aufgegeben. Und gegenüber der Sowjetunion setzte sie auf „Wandel durch Annäherung“, konkreter: Wandel durch Handel. Damit verband sich die Hoffnung auf eine allmähliche Überwindung des Systemgegensatzes, der dem Ost-West-Konflikt zugrunde lag. Als dessen Ende mit der Auflösung des Ostblock und dem Ende der Sowjetunion Wirklichkeit wurde, reduzierte Deutschland – nunmehr „umgeben von Freunden“ – drastisch seine Militärmacht und setzte auf die friedliche wirtschaftliche Eroberung der osteuropäischen Staaten und Russlands, ihre Heranführung an die EU und ihre entgrenzte Ordnung eines einheitlichen Marktes für Güter, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräfte. Die enge wirtschaftliche Verflechtung mit Russland als Energielieferant verschaffte zumal der Bundesrepublik einen beträchtlichen wirtschaftlichen Aufschwung und erlaubte ihr, ihren Führungsanspruch in der EU zu festigen. Die militärische Absicherung dieser deutsch geführten Ausdehnung der EU-Einflusszone konnte angesichts kaum vorhandener Gegnerschaft seitens Russlands getrost outgesourct, der NATO und dem amerikanischen Nuklearschirm überlassen werden.

Diese Epoche der deutschen „Friedensmacht“ fand ihr hartes Ende, als der russische Präsident Putin im Februar 2022 gegen die absehbare Herauslösung der Ukraine aus ihrer engen Verbindung mit Russland militärisch intervenierte.

Damit war klar, dass das Projekt einer unter dem Titel der „europäischen Friedensordnung“ immer weiter nach Osten ausgreifenden EU an seine Grenzen gestoßen war. Vor allem wurde damit der Versuch für gescheitert erklärt, Russland durch enge wirtschaftliche Verflechtung allmählich friedlich in den Orbit der EU einzugliedern. Deutschland vollzog den abrupten Übergang von der „Friedensmacht“ zu einer kriegsfähigen Großmacht, die als nicht nur wirtschaftliche und politische, sondern nun auch militärische Führungsmacht der EU zusammen mit ihren europäischen Partnern in der Lage sein will, Russland als Weltmacht in die Schranken zu weisen – so lange der amerikanische Atomschirm hält.

ad 4.

Dieser Übergang erfordert nicht nur massive Aufrüstung, sondern auch eine erhebliche personelle Aufstockung der Bundeswehr und vor allem, wie Bundesverteidigungsminister Pistorius nicht müde wird zu fordern, eine kriegstüchtige, kriegsbereite Gesellschaft. War in den ersten Jahren der Bundesrepublik noch „Nie wieder Krieg“ die weit verbreitete Losung, als Lehre aus dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs, steht nun Kriegspropaganda und Feindbildpflege an. Abweichende Stellungnahmen – ob pazifistisch geprägt oder auch nur realpolitisch begründet – erfahren dagegen Ausgrenzung aus dem Kanon des politisch erwünschten gesellschaftlichen Diskurses.

Um so entschlossener und nachdrücklicher muss sich emanzipatorisches Denken und Handeln der von Staatsinstanzen und staatstragenden Medien betriebenen bellizistischen Öffentlichkeitsarbeit entgegenstellen. Emanzipatorisches Handeln muss deutlich machen, welchen staatlichen Zwecken Aufrüstung und Propaganda für eine kriegstüchtige Gesellschaft dienen und in welch krassem Widerspruch zu den Lebensinteressen der Menschen in Deutschland diese Zwecke stehen. Das kann gezeigt werden an den vielfältigen Beispielen der Kürzung sozialer Leistungen, an den Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten wie Meinungsfreiheit, Wissenschaftsfreiheit, nicht zuletzt an der absehbaren staatlichen Inanspruchnahme junger Männer für den Kriegsdienst, sprich dafür, zur Verfolgung der Großmachtinteressen ihres Staates ihr Leben zu riskieren.

Autoren wie Ole Nymoen („Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“), wie auch ich mit meinem Buch „Großmachtsucht – Deutschland rüstet für die Führung Europas“, können hier aufklärend wirken. Die Schülerdemonstrationen gegen Aufrüstung und Wehrpflicht signalisieren den Willen zum Widerstand ebenso wie Proteste gegen Sozialkürzungen oder gegen die Unterordnung des wissenschaftlichen Diskurses unter außenpolitische Vorgaben des Staates. Praktisch wird dieser Widerstand zudem vor allem durch massenhafte Kriegsdienstverweigerung.

Was der bekannte Militärexperte Carlo Masala beklagt: „Es gibt zu wenige Demokraten und Demokratinnen, die für die Demokratie zu sterben bereit sind“, ist aus emanzipatorischer Sicht, die dem Leben Vorrang gibt, ein Hoffnungsschimmer.

Klaus Weber

Zeitenwenden werden ausgerufen. Vor Olaf Scholz, der damit die Aufrüstung Deutschlands zur stärksten Kriegsmacht in Europa propagierte (mit Unterstützung und Forcierung durch die Grünen, die von einem »Sieg« über Russland träumten) war es Hitlers Stellvertreter Franz von Papen, der am 21.2.1933 vor Berliner Studenten eine »Zeitenwende« ausrief. Mit etwas anderen Worten als Merz und die künftige vaterländische Koalition aus CDU und SPD stimmte von Papen die Zuhörer auf Krieg und Sozialabbau ein: »Ziel einer wirklichen Sozialpolitik muss sein, jeden Deutschen womöglichst in den Stand zu setzen, das eigene Lebensrisiko zu tragen«.

Aus der Geschichte lernen« heißt für die Vertreter_innen des bürgerlichen Blocks sie aktiv vergessen zu machen. »Die Vergangenheit wird nicht mehr über die Zukunft triumphieren«, lässt Scholz am 9. Mai 2023, anlässlich des Europatags, alle diejenigen wissen, die ein antifaschistisches, demokratisches Deutschland als Gegenentwurf zum sich entwickelnden Polizei- und Militärstaat imaginierten. Die deutschen Verbrechen durch Wehrmacht und Vernichtungsapparat, an der ein Großteil der »Volksgenossen« beteiligt war, können aus der Erinnerungskiste ausgesondert werden. Kein schlechtes Gewissen mehr wegen der 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs; der neue deutsche »Triumph des Willens« siegt über die in manchen Jahren von emanzipierten Kräften erhoffte »andere Republik«, die zumindest ein sozialdemokratisch eingehegter Kapitalismus sein sollte.

Nun wird das Land überschwemmt mit hohlen Erinnerungsphrasen und -ritualen an einen »Nationalsozialismus«, die den Deutschen geradezu die Pflicht auferlegen, einen neuen Krieg vorzubereiten und die Russen als barbarischen und unmenschlichen Feind zu propagieren. Aufrüstung verlangt von den Untertanen, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sie – wie von Papen wusste – ihr »Lebensrisiko« selbst tragen und an Essen, Wohnung, Urlaub, Genuss und Vernunft sparen sollen. Der Krieg wird vorbereitet, die Massen werden darauf eingeschworen – und die antimilitaristische Bewegung ist schwach. Ist das der »Epochenbruch«?

ad 1.

Ein Epochenbruch ist was? Das Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus, das Fredric Jameson als Stichwortautor nennt, weiß zu berichten, dass das griechische époché nichts anderes heißt wie »Aufhören, Einhalt, Unterbrechung« (1997, 659); er geht soweit zu erklären, dass »Epoche auch einen Bruch bezeichnen kann« (ebd., 660). Ein Zeitalter, »ein Zeitabschnitt der Geschichte, der durch bestimmte qualitative Merkmale zusammengefasst und dadurch von anderen Zeitabschnitten unterschieden werden kann« (Rupprecht 1990, 761), soll selbst ein »Bruch« sein? Da halte ich mich besser an die Marxsche Überlegung, dass die Veränderung der Produktivkräfte eine Veränderung der Produktionsweise(n) erheischt und damit die Arbeits- und Lebensweise der Subjekte eine radikale Umgestaltung erfährt, womit der Einschnitt zwischen zwei Epochen markiert wäre, Antonio Gramsci führt den Gedanken der »passiven Revolution« in die marxistische Debatte ein, mit der auch ein (vielleicht) aktueller Epochenbruch markiert werden könnte. In den Gefängnisheften bezieht sich der Begriff »auf diejenigen Länder, >die den Staat über eine Reihe von Reformen oder nationalen Kriegen modernisierten, ohne die politische Revolution radikal-jakobinischen Typs zu durchlaufen<« (Gramsci, zit.n. Rehmann 1998, 15). Veränderungen, auch radikale, werden nicht von den Menschen erkämpft oder erarbeitet; ein Übergang von einer Produktionsweise zu einer anderen findet statt, ohne dass die »Volksklassen« aktiv beteiligt wären; sie sind die Passiven in diesem Prozess, diejenigen, die ihn erleben, ertragen, erdulden müssen. Wieso – so die Frage der Redaktion, die eine durch kein Argument belegte Behauptung aufstellt – sollte eine Veränderung der Produktionsweise (als Folge einer Produktivkraftänderung) erst »im Rückblick« feststellbar sein. Auch wenn wir keine Hellseher sind, so haben wir doch als Marxist_innen ein enorm nützliches Handwerkszeug von Charlie an die Hand bekommen, um über die Gleichzeitigkeiten von Produktions-, Arbeits- und Lebensweisen nachzudenken. Alle Lebensbereiche sind heute durchsetzt von der High-Tech-Produktionsweise, durch KI und weiteren technologischen Neuerungen, die als Erfindungen von ein paar »great men« (Zuckerberg, Gates, Jobs und später Musk und Thiel,) gelten; doch solcherart Personalisierungen sollen nur ideologisch verschleiern, was eine Lehre von politischer Ökonomie erklären kann.

Die Vorstellung, hätte ich meiner Großmutter erzählt, ich sendete ihr aus dem Urlaub einen Film zu, den sie auf ihrem Telefon mit Bildschirm anschauen könne, hätte bei ihr die Frage nach meiner Psychiatrieeinweisung eher nahegelegt denn eine Frage wie: »Wie soll denn das funktionieren?« Diese Vorstellung kann uns zeigen, wie in wenigen Jahren und Jahrzehnten eine neue Produktivkraft alles umwälzte, was vorher Sicherheit und Klarheit verrschaffte. Wenn das kein Epochen-Umschlag ist, was dann?

ad 2 und 3.

Neben den neuen Produktivkräften und mit ihnen wird – auch das ist Marx – mehr als jemals zuvor der arbeitende Mensch und die Natur mit ihm vernichtet. Wenn wir »Stoffwechselpolitik« von Simon Schaupp (2024) oder »Die Revolte der Erde« von Heinrich Detering lesen, der eine ein junger kluger Ökosoziologe, der andere ein alter, konservativer Literaturwissenschaftler und Katholik, so kommen beide, explizit oder implizit, in ihrer Analyse der ökologischen Wirklichkeit nicht aus ohne das berühmte Marx-Zitat aus dem ersten Band des Kapital: »Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprocesses, indem sie zugleich die Springquellen dieses Reichthums untergräbt: die Erde und den Arbeiter« ([1890] 1979, 529/30). Wer nachlesen will, wie KI, wie die »clouds« (ein harmloser Name für gigantische Rechnereinheiten, die in kalten Gegenden der Welt stehen und von dort aus die Welt zerstören) und wie andere technologische »Neuerungen« Energiequellen in ungeahnten Größenordnungen verbrauchen, der kann wie ich froh sein, dass er die 60 bereits überschritten hat und die ökologichen Katastrophen, die auf uns zukommen, nicht mehr miterleben muss. In der ersten Fußnote von Schaupps Buch ist zu lesen, dass 2024 bereits »sechs von neun planetaren Grenzen überschritten« (2024, 365) waren. Detering nennt den Kapitalismus als weltzerstörende Wirtschaftsform »die tödliche Stoffwechselstörung dieses Leibes« (bezugnehmend auf ein Marxzitat von der Natur als dem »Leib des Menschen«, 2025, 57).

Soviel zur Vernichtung der Natur. Die Zerstörung des Menschen, der zweite »Sprinquell« eines Reichtums, den sich wenige auf Kosten der Vielen aneignen, ist in den Industrieländern an den Zahlen zur psychischen und körperlichen Erschöpfung und Erkrankung nicht nur der »poor workers« zu erkennen, in den Ländern der Peripherie an der (im Verhältnis zu Europa und den USA) immer noch kurzen Lebensdauer der Ausgebeuteten, deren tägliches Leid durch unsere »imperiale Lebensweise« (Ulrich Brand) und die Externalisierung unseres Drecks, unseres Plastikabfalls und der bei uns verbotenen Arbeitsvorgänge (Asbestarbeiten an Tankern etc.) erzeugt wird. Doch der Gedanke ist gleichzeitig falsch: Ein »wir« gibt es nicht und gibt es doch. Wir alle leben auf Kosten anderer; trotzdem ist nicht zu vergessen, dass die meisten von uns keinen Einfluss auf die Warenproduktion haben, deren einziges Ziel der Profit und nicht die Herstellung sinnvoller Waren ist.

Auch hier ist die Frage zu stellen: Handelt es sich um einen Bruch oder nicht vielmehr um einen Übergang im kapitalistischen Wirtschaften, der – wie so oft – als das Ende des Kapitalismus und mit ihm der Erde bedeutet?

ad 4.

Emanzipatorische Momente? »Gegen die genannten negativen Tendenzen«? Für Bloch ist die Analyse der Gegenwart in all ihrer Deutlich- und Grausamkeit der »Kältestrom des Marxismus«, der den »Wärmestrom« benötigte, damit eine zukunftsweisende Perspektive mit und für die Menschen möglich ist. Bei Gramsci ist es der »Pessimismus der Intellligenz und der Optimismus der Tat«. Mein Optimismus geht gegen Null, Hoffnung habe ich keine – so steht es auch in dem Briefwechsel, den ich mit meinem Freund, dem holländischen evangelischen Pfarrer und Kommunisten Dick Boer führte (»Hoffen gegen jede Hoffnung. Klima – Krieg – Kapitalismus«). Doch darin ist auch ein Handke-Zitat zu finden, das mir ein gemeinschaftliches Arbeiten mit anderen für eine bessere Welt immer noch ermöglicht: »Hoffnungslos ist nicht verzweifelt«. Und dann ist da noch – gegen jeden täglichen Propagandadreck der bürgerlichen Presse – der Blick, den ich durch meinen potsdamer Freund Wolfram Adolphi auf China werfen kann. Er, Japan- und Chinaexperte in der DDR, selbstverständlich »abgewickelt« wie alle klug und dialektisch denkenden Wissenschaftler_innen der DDR, schafft es immer wieder, mir durch seine Romane (drei Stück über China) und Sachbücher deutlich zu machen, dass der chinesische Weg nicht einfach so etwas wie »westlicher Kapitalismus« ist. Und sicher ist das chinesische Experiment nicht das, was sich viele Linke – und auch ich – als utopischen »Verein freier Menschen« imaginieren. Doch eins ist offensichtlich: Die ökologische Vernichtung der Welt ist durch die KP Chinas erkannt und kein westliches Land ist in der Lage, die dortigen Anstrengungen auch nur ansatzweise zu »toppen« (außer vielleicht Uruguay). Und: Aus China kommt kein Wort zu einem Krieg, der zu führen wäre (und schon gar nicht zu gewinnen sein soll), sondern es kommen vom großen Vorsitzenden immer wieder Aufforderungen zur weltweiten Zusammenarbeit der Nationen – für eine menschheitliche Zukunft.

Wir laden unsere Leser ein, mit Beiträgen oder Kommentaren an der Umfrage zum „Epochenbruch“ teilzunehmen. Die Redaktion

Peña Aguado – Philosophieren zwischen den Grenzen


María Isabel Peña Aguado (geb. 1962) studierte Philosophie an der Universidad Autónoma de Madrid und wurde an der Universität Würzburg promoviert. Sie war Professorin für Philosophie und Ästhetik an der Akademie der Bildenden Künste München sowie am Instituto de Filosofía der Universidad Diego Portales in Santiago de Chile, dem sie weiterhin verbunden ist. Sie ist Life Member des Clare Hall College der University of Cambridge und wirkt zudem als interkulturelle Mediatorin sowie als philosophische Beraterin für Frauen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Ästhetik, Postmoderne, Feminismus und Gender Studies. Sie ist auch literarisch tätig; ihr neuestes Buch „FrauRMord“ erscheint im November 2026.

María Isabel Peña Aguado

Philosophieren zwischen den Grenzen

Ein Gespräch mit der spanischen Philosophin

Widerspruch: Kannst du erzählen, wie du als Spanierin zur Philosophie ge kommen bist?

Peña Aguado: Ja, gern. Was mich aber wundert, ist die Frage, wie man a) in Spanien und b) als Frau zur Philosophie kommt. Als Spanierin kommt man dazu, weil auch wir eine philosophische Tradition haben, die vielleicht weniger bekannt ist, weil sie zum Teil mit unserer Literatur verflochten ist und weniger in Form von Traktaten veröffentlicht wurde. Es wird auch gern vergessen, welchen Einfluss einige unserer Philosophen innerhalb der europäischen Tradition gehabt haben: Ich meine nicht nur Autoren wie Ramon Llull, Francisco Suárez, sondern auch Baltasar Gracián oder Dono so Cortés und Ortega y Gasset. Ich finde interessant, dass in Spanien Philosophie zwei Jahre lang Pflichtfach war, und zwar für alle Abiturienten, was in deutschen Gymnasien nicht der Fall war und ist. Und als Frau bin ich zur Philosophie so gekommen, wie man wohl auch als Mann dazu kommt, nämlich aus Neugierde und Freude am Denken. Ich kann mich erinnern, wie schwer es für mich war, als ich mich mit fünfzehn Jahren zwischen Mathematik, Physik und Chemie oder Latein und Griechisch entscheiden musste. Ich konnte nicht verstehen, warum ich nicht, wie bis dahin, alles machen könnte, denn ich fand alles spannend. Die Philosophie war ein Trost, denn unter ihrer Obhut schien diese Trennung etwas überbrückbarer zu sein. Dazu kam, dass ich immer gern geschrieben habe und dachte, Philosophie sei auch eine gute Übung für das Schreiben. Später musste ich dann meine Meinung etwas revidieren; denn ein zu formales Denken kann die Sinnlichkeit und den imaginativen Gehalt literarischen Schreibens doch beeinträchtigen.

Widerspruch: Es war also kein bestimmter Philosoph wie Sartre oder eine bestimmte Richtung wie der Existentialismus, die dein Interesse geweckt haben?

Peña Aguado: Nein, das kann ich so nicht sagen. Ich hatte schon als Teenager viel Freude am Lesen und Denken und habe gerne, auch mit anderen zusammen, nachgedacht. Für mich war die Philosophie schon immer mit einer gewissen Haltung verbunden. Das ist sie immer noch. Es ist klar: wenn man auf der Suche ist, liest man bestimmte Bücher, die einen weiter bringen und motivieren. Ich habe in dieser Zeit Sartre gelesen, den literarischen Sartre, aber auch spanische Philosophen und Schriftsteller, die als Existentialisten gelten, z.B. Miguel De Unamunos „Del sentimiento trágico de la vida en los hombres y en los pueblos (Das tragische Lebensgefühl). Das hat mich auf meinem Weg bestärkt. Aber es war nicht so, dass ich ein Buch gelesen und gedacht habe: „Oh, das müsste ich auch machen.“ Ich war und bin immer noch auf der Suche und die Philosophie ist eine große Hilfe; denn für mich bietet sie mehr Fragen als Antworten.

Widerspruch: Es macht sicher einen Unterschied, wenn man Philosophie schon in der Schule hat. Deutsche Abiturienten wissen meist gar nicht, was Philosophie ist, und müssen sie dann erst entdecken.

Peña Aguado: In den letzten Abiturjahren haben wir Geschichte der Philosophie gemacht. Wir mussten Platon und Aristoteles lesen und sind die wichtigsten Meilensteine der Geschichte der Philosophie bis zu Sartre durchgegangen. Als ich mit dem Studium an der Universidad Autónoma de Madrid anfing, war ich 18 Jahre. Das war die Zeit des Umbruchs in Spanien; Franco war gerade fünf Jahre tot und unsere Demokratie sehr jung. Damals war Madrid eine höchst lebendige Stadt, in der alles vibrierte und man in der „Movida“, in dieser Bewegung, alles Mögliche ausprobiert hat. Es war eine Zeit großer Kreativität, gerade in der Musik und Kunst. Das war sensationell, denn die Spanier waren freiheitshungrig und haben die neue Freiheit sehr zu schätzen gewusst. Madrid wurde eine Art europäisches Kulturzentrum, nicht zuletzt weil wir damals einen sozialistischen Bürgermeister hatten, Enrique Tierno Galván, der diese Bewegung sehr unterstützt hat. Er selber war ein brillanter Intellektueller, Jurist und Philo soph, der unter anderem Wittgensteins „Traktatus“ auf Spanisch übersetzt hatte. Eine der zentralen Figur dieser Movida war übrigens der Filmregisseur Pedro Almodóvar. Zwischendurch kam der Putschversuch der Franquisten, und ich kann mich erinnern, was da an der Uni ablief, wie entschlossen die Leute sich für das Bestehen der Demokratie eingesetzt haben Allerdings musste ich gleichzeitig mein Studium verdienen. Ich habe 8 Stunden täglich bei der spanischen Bahn gearbeitet, und das hat mir sehr wenig gefallen, weil ich mich nicht ganz dem Studium der Philosophie hingeben konnte. Wenigstens 8 Stunden pro Tag musste ich zurück in die Realität.

Widerspruch: Wie lange hast du das gemacht?

Peña Aguado: Fast sechs Jahre. In dieser Zeit dachte ich, dass ich kaum eine Chance habe, an der Uni Fuß zu fassen; denn wenn man neben dem Studi um arbeitet, sind die Ergebnisse, trotz aller Mühe, natürlich nicht so brillant wie bei den anderen. Vom Beginn des Studiums an hatte ich einen Profes sor, der bei seinen Vorlesungen so viele deutsche und griechische Wörter verwendet hat, dass man den Eindruck hatte, nur die Präpositionen und Konjunktionen sind spanisch und der Rest besteht aus Fremdwörtern. Irgendwann wurde mir klar, dass ich Deutsch lernen muss, wenn ich es mit der Philosophie ernst meine.

Widerspruch: Warum ausgerechnet deutsch?

Peña Aguado: Vielleicht durch Vermittlung dieses Professors, Felix Duque, den ich damals sehr bewundert habe.

Widerspruch: Hatte er deutsche Philosophie gelehrt?

Peña Aguado: Ja, aber auch Aristoteles zum Beispiel. Er hatte gleich mit der „Metaphysik“ angefangen; und einige haben das Studium bald abgebrochen, weil sie dachten, das nie zu schaffen. Es war sehr anstrengend zu Beginn. Dieser Professor ist immer noch tätig und seine Begeisterung für die deutsche Philosophie hat kein bisschen nachgelassen.

Widerspruch: Du hast fünf Jahre lang studiert. Womit hast du abgeschlossen?

Peña Aguado: Mit dem Magister.

Widerspruch: Wie war das Studium aufgebaut? Es gibt ja die spanische Tradition, die hauptsächlich auf Aristoteles und der scholastischen Tradition basiert. Knüpft man daran noch an?

Peña Aguado: Es gibt eine Tradition in Spanien, die nicht nur mit der Scholastik zu tun hat. Francisco Sánchez El escéptico z. B. war ein Zeitgenosse von Suárez, der bereits vor René Descartes sich des Zweifelns als Methode bedient hat. Damals hat man deswegen Descartes als Plagiator von Sánchez angesehen. Aber es gibt auch die Schule von Ortega y Gasset, die allerdings durch den Bürgerkrieg vertrieben wurde. Sie hätten die Lehrer meiner Lehrer sein müssen. Von ihnen hat jedoch vor allem Lateinamerika profitiert, weil die meisten von ihnen dorthin ins Exil gingen. Ortega y Gasset hatte sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr bemüht, die spanische Philosophie wieder zu beleben und dafür gesorgt, dass auch vieles von außen nach Spanien kommt. Er selbst war in Deutschland gewesen und hat Deutsch gelernt. 1905 hat er bei Wundt in Leipzig dessen Psychologievorlesungen gehört, Kant gelesen und später, als er Professor in Madrid war, viele wichtige philosophische Texte ins Spanische übersetzen lassen. Allerdings gab es schon vor Ortega y Gasset einige Leute, die nach Deutschland kamen und hier Krause gelesen haben. Daraus entstand Ende des 19. Jahr hundert in Spanien der Krausismo, den hier kein Mensch kennt. Aber er hat eine ganze Generation bis zum Beginn des spanischen Bürgerkriegs beein flusst.

Widerspruch: War Krause nicht ein Kantianer?

Peña Aguado: Ja, ich kenne ihn als Kantianer. Er stand für eine bestimmte ethische Haltung, die auch in der Institution Libre de Enseñanza weitergegeben wurde. Aus ihr sind Pädagogen entstanden, die mehrere Generationen in Spanien stark beeinflusst haben.

Aber zurück zu Ortega y Gasset. Er hat in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts viel für die spanische Philosophie getan und die Richtung der spanischen Philosophie in entscheidender Weise bestimmt. 1923 gründete er die Revista de Occidente, wo die wichtigsten Autoren und Tendenzen der Zeit auf Spanisch übersetzt und bekannt wurden. Es gab damals schon eine Gruppe, auch von Frauen, die philosophisch sehr aktiv war und ihn sehr verehrt hat. Eine seiner bekanntesten Schülerinnen war María Zambrano, die Anfang der 90er Jahre gestorben ist. Sie musste am Ende des spanischen Bürgerkrieges auch ins Exil gehen.

Widerspruch: Hast du sie noch kennen gelernt?

Peña Aguado: Naja, von ‚Kennenlernen‘ kann nicht die Rede sein. Als ich 19 Jahre alt war, kam María Zambrano aus dem Exil zurück. Sie hatte sich lange überlegt, ob sie zurückkehren sollte. Ich hatte ein Mal die Gelegenheit sie kurz zu begrüßen. Sie war eine alte, gebrechliche Dame. Mehr geärgert hat mich jedoch, dass wir an der Uni nichts von ihr gelesen haben. Wir mussten zwar die Geschichte des spanischen Denkens lernen. Sie wurde aber nicht erwähnt. Ich fand das umso schlimmer, da sie gerade zurückgekommen war. Sie wäre für uns ein lebendiger Zeuge dieser Zeit gewesen.

Widerspruch: Fand in dieser Zeit nicht auch ein Umbruch in der Philosophie statt?

Peña Aguado: Auf jeden Fall. Meine Generation hat von der Scholastik nichts mehr gehört. Das waren die Reaktionäre. Stark vertreten waren noch die Natur- und Sprachphilosophie und die Logik. Wir haben uns aber neben der deutschen Philosophie, Kant und dem deutschen Idealismus, vor allem mit den Franzosen, Foucault oder Deleuze, beschäftigt. Es waren allerdings die jüngeren Dozenten, die damit angefangen hatten. Auch Habermas fand viel Zuspruch. Ich habe ihn noch in Madrid erlebt. Mir wurde bald klar, dass für das, was mich interessierte, deutsch oder altgriechisch wichtig sind. Schließlich habe ich mich für Deutsch entschieden.

Widerspruch: Hast du deutsch noch in Spanien gelernt?

Peña Aguado: Ich habe versucht, nebenbei Deutsch zu lernen, was sehr schwer war. Ich konnte nur sehr früh morgens, bevor ich zur Uni ging, das deutsche Kulturinstitut besuchen, und es gelang mir nicht recht. Als ich dann nach Deutschland kam, habe ich mir eingebildet, vielleicht ein oder zwei Sätze sagen zu können, musste aber feststellen, dass ich, außer zu wissen, dass ich deklinieren muss, nicht viel mehr konnte. Wie es dazu kam, dass ich nach Deutschland ging, ist eine sehr lustige Geschichte. Ich weiß nicht, ob ihr das hören wollt?

Widerspruch: Doch.

Peña Aguado: Ich hatte damals bei der spanischen Eisenbahn in einem großen Bahnhof in Madrid, Chamartín, Auskunft gegeben. Im Sommer kamen deutsche Jugendliche, eine Gruppe von sechs oder sieben, und einer von ihnen hatte alles mitsamt Reisepass und Interrailfahrkarte im Zug liegen gelassen. Ich habe ihnen geholfen und dem, der seine Sachen verloren hatte, erzählt, dass ich Philosophie studiere und danach sehr gerne nach Deutschland möchte; wenn ich allerdings für die Bundesrepublik kein Geld habe, dass ich dann vielleicht in die DDR gehen werde. Da hat er gesagt: Um Gottes willen. Wie es der Zufall oder das Schicksal wollte, haben wir seine Sachen gefunden, und sie sind dann weitergefahren. Aber wir haben Kontakt gehalten. Eines Tages hat er mir geschrieben, ich könne nach Deutschland kommen, da seine Schwester nach England geht und ich ihr Zimmer haben könnte. Am Anfang war ich etwas unentschlossen. Doch einige Professoren an der Universität waren schon öfters in Deutschland gewesen und haben mir Mut gemacht. Ich habe mich mein letztes Jahr sehr bemüht, alle Prüfungen zu machen und zu bestehen. Ende Juni hatte ich meinen Magister in der Tasche und im September war ich in Deutschland.

Widerspruch: Wann war das und wo?

Peña Aguado: Das war im Jahr 1985 in der Nähe von Würzburg. Ich habe dann tatsächlich einige Monate in diesem Zimmer für wenig Geld gewohnt. Es war ein Kaff, aber so nahe an Würzburg, dass ich immer zur Uni gehen konnte. Eigentlich kam ich für drei Monate; inzwischen sind daraus 26 Jahre geworden. Damals wurde mir relativ schnell klar, dass man diese Sprache nicht in drei Monaten lernt. Dafür ist sie viel zu komplex. Ich konnte an der Universität „Deutsch für Ausländer“ besuchen und hatte einen ausgesprochen guten Deutschlehrer, vor allem auch das Glück, viel mit Deutschen zusammen zu sein. Dann kam die Entscheidung, ob ich zurück nach Spanien gehe oder hier bleibe.

Widerspruch: Nach den 3 Monaten?

Peña Aguado: Ja. Ich musste auch das Zimmer wieder räumen. In diesen Monaten hatte ich jedoch den Direktor des Sprachlabors der Universität Würzburg kennen gelernt, der ausgesprochen gut Spanisch sprach und für Spanisch eine neue Lehrmethode entwickelt hatte. Hinzu kam, dass zu der Zeit fast jeder Spanisch lernen wollte, und sie nicht wussten, wohin mit den vielen Studenten. Er hat mir deshalb einen Lehrauftrag angeboten. Ich bin daraufhin kurz nach Spanien zurück, um mich wieder beurlauben zu lassen, bin dann wiedergekommen, um den Lehrauftrag anzunehmen, und musste mir nun ein neues Zimmer suchen.

Diese Zimmersuche ist eine Geschichte, die sehr persönlich ist, die ich aber doch erzählen möchte. Da mein Deutsch recht schlecht war, verwies mich der Direktor des Sprachlabors an einen Kartographen, der in der Nähe wohnte und Zimmer für Studenten vermietete. Er meinte, dessen Frau sei mal in Spanien gewesen und spräche Spanisch. Ich habe mich mit ihnen in Verbindung gesetzt, und es stellte sich heraus, dass diese Frau 1949 im Alter von elf Jahren nach Spanien geschickt wurde. Damals hatte die Caritas deutsche Kinder in verschiedene, vor allem katholische Länder wie Portugal, Irland oder Spanien vermittelt. Kinderreiche Familien durften nach dem Krieg für ein Jahr ein Kind zur Entlastung weggeben. Und dieses Mädchen, das nicht einmal wusste, wo Spanien liegt, und auch nicht dorthin wollte, wurde dahin geschickt und kam nach Pamplona, die Hauptstadt von Navarra, die Region, wo ich herkomme. Sie kam in einem Kloster an und sollte, weil sie sehr dünn und mager war, an eine der Familien verteilt werden. Sie wurde von einer Familie abgeholt, die in La Rioja lebte und sehr reich war. Denn 1949, 10 Jahre nach dem spanischen Bürgerkrieg, konnten nur sehr reiche Leute noch ein Kind aufnehmen. Sie, die hier, wie sie mir immer wieder erzählte, nicht einmal einen Mantel hatte, kam zu einer reichen Familie, die sie sofort zur Schneiderin brachte, die für sie tolle Kleider nähte. Ein ganzes Jahr wurde sie von der Tochter des Hauses, die damals 27 Jahre alt war, wahnsinnig verwöhnt und hat von einer Privatlehrerin Spanisch gelernt. Als sie zurück nach Deutschland kam, hat sie die Schule fertig gemacht und ging, bevor sie ihre Ausbildung begann, wieder für ein Jahr zurück nach Spanien und hatte dort eine wunderbare Zeit. Als sie mich kennen gelernt hat, sagte sie zu mir, dass sie mehr als 30 Jahre auf die Gelegenheit gewartet habe, das wieder zurückgeben zu können. Dann kam ich, und sie hat mir wirklich sehr viel gegeben.

Widerspruch: Kennst du diese spanische Familie?

Peña Aguado: Persönlich nicht. Ich weiß nur, dass sie Winzer in der Nähe meiner Heimat waren, die ein sehr florierendes Geschäft hatten. Das Schicksal wollte es, dass, nachdem ich schon einige Monate bei dieser Familie wohnte, Besuch aus Spanien kam. Sie haben einen Wein aus La Rioja mitgebracht, und als sie ihr die Flasche überreichten, kamen ihr die Tränen. Wir waren alle verblüfft. Es hat sich dann herausgestellt, dass der Wein von dieser Winzerfamilie war. Damals dachte ich mir: Ja, hier musste ich landen. Seitdem sind sie sozusagen meine Adoptiveltern, und sie ist die Patentante meiner Tochter.

Als ich dann mit meinem noch miserablen Deutsch in der Uni in Würzburg angefangen habe, Philosophieseminare zu besuchen, kam ich mir mit 24 Jahren zunächst sehr alt vor. Ich habe dort sehr nette Leute kennen gelernt, aber ich war verblüfft, als ich merkte, dass sie älter sind als ich und noch immer nicht wissen, in welche Richtung sie gehen wollen. Auch wenn mir bewusst ist, wie kontrovers die Diskussion um Bachelor und Master und die Verschulung der Universitäten ist, – ich muss zugeben, dass ich zu der Zeit dachte, was für ein Glück ich hatte, dass mein Studium so verschult war. Wir konnten zwar im letzten und vorletzten Jahr ein paar Fächer selber auswählen, hatten dann aber schon einen Überblick über das, was die Philosophie bietet. Natürlich hatten wir keine Anwesenheitspflicht und waren sehr frei – was bei dem neuen Modell von Bachelor und Master leider nicht der Fall ist. In Würzburg habe ich Studierende kennen gelernt, die drei oder vier Seminare über dasselbe Thema besuchten, aber kaum einen Überblick über die Geschichte der Philosophie hatten. Das hat mich schon sehr verwundert. Andererseits habe ich auch gedacht: Mensch, leben die Studenten hier gut. Die Universität war mehr oder weniger umsonst; in Spanien mussten wir Studiengebühren zahlen und konnten es uns deswegen nicht leisten, ewig zu studieren. Die Studenten hier hatten Geld, Wohnungen, lebten unabhängig, immer noch an der Uni, 13 Semester, 17 Semester, da war ich schon sehr verblüfft.

Widerspruch: Du hast dann in Würzburg weiterstudiert?

Peña Aguado: Ja, ich wollte promovieren. Ich hatte das Glück, dass ich ein Promotionsstipendium von der Friedrich-Ebert-Stiftung bekommen habe.

Widerspruch: Und wie bist du zu deinem Promotionsthema gekommen?

Peña Aguado: In Madrid hatte ich, als ich wählen konnte, zunächst ein Jahr Metaphysik gemacht, das nächste Jahr dann Ästhetik, die mir großen Spaß gemacht hat. Denn ich hatte die Literatur sehr geliebt und selber auch geschrieben, und hatte den Eindruck, dass sich diese beiden Interessen gut vereinen lassen. Zudem hatte ich einen Professor, Valeriano Bozal, den ich sehr bewundert habe und bei dem ich gern promoviert hätte, wäre ich in Madrid geblieben. Er hat mir schon damals empfohlen, eine Arbeit über den Begriff des Erhabenen zu schreiben.

Widerspruch: Wie heißt das auf Spanisch?

Peña Aguado: Lo sublime. Als ich in Würzburg dann angefangen habe, mich nach Professoren und Dozenten zu erkundigen, die meine Arbeit betreuen könnten, haben mir Kommilitonen von Wolfgang Welsch erzählt, der damals Privatdozent in Würzburg war. Ich habe ihm von meiner Idee über das Erhabene erzählt, und er hat gesagt: „Das ist doch ein gutes Thema.“ So kam ich dazu, darüber zu promovieren. Es gab Zeiten, in denen ich mich geärgert habe, das Thema genommen zu haben, weil dann der ganze Diskurs über die Postmoderne und mit François Lyotard über das Erhabene kam. Jeder hat darüber geredet. Ich fand das schlimm und dachte mir: Warum hast du nicht über Wilhelm von Ockham promoviert oder jedenfalls über ein Thema, das nicht so ‚in’ ist?

Widerspruch: Als du über das Erhabene gearbeitet hast, war da das Thema schon in der Diskussion? Peña Aguado: Und wie. Nachdem ich das Thema mit Welsch abgesprochen hatte, gab es einen Artikel von Lyotard über „Das Erhabene und die Avantgarde“, der hier eine große Diskussion auslöste. In Spanien dagegen hat der Diskurs über das Erhabene im Zusammenhang mit der Postmoderne überhaupt keine Rolle gespielt. Zwar haben sich gleich nach Francos Tod viele Sänger als postmodern bezeichnet und über die „postmodernidad“ gesprochen, aber kein Mensch hat über das Erhabene geredet. Es ist schon interessant, wie verschieden Diskurse in verschiedenen Ländern rezipiert werden. Dass es in Deutschland mehr Gewicht hatte, liegt sicher auch daran, dass Lyotard sich sehr auf Kant, auf die deutsche Tradition bezogen hatte.

Widerspruch: Das Ästhetische war auch das, was du weiterverfolgt hast. Hat dich das Thema auch als Frau interessiert, weil im Ästhetischen doch eine Art zu Denken vorherrscht, die nicht dieses streng Rationale ist?

Peña Aguado: Wenn wir so beginnen, dann frage ich: Was heißt: „das streng Rationale?“ Ist Philosophie nur dies streng Rationale? Ich denke, gerade in der Ästhetik gibt es viele Ansätze, die für die Philosophie absolut relevant sind. Vielleicht hört sich das für einige skandalös an, aber ich denke, dass die Ästhetik viel mehr Gewicht in der Philosophie haben sollte, weil es dort vieles gibt, was für das Denken wichtig ist. Man kann über vieles reflektieren, was uns zum Menschen macht, unsere ganze Sinnlichkeit, aber auch unsere Rationalität, die viel umfassender ist, als die Vorstellung nahelegt, dass wir getrennt wären in sinnliche und in transzendentale Wesen. Das Rationale lebt auch von dieser Sinnlichkeit; selbst Kant hat das schon gemerkt. Deshalb denke ich, dass die Ästhetik mehr Gewicht haben müsste. Vor allem lässt sich mit Hilfe von Kunst und Literatur vieles sagen, was man vielleicht nicht benennen, aber zeigen kann. Wenn man davon ausgeht, dass Philosophie nur mit logischen Argumenten arbeiten könne und dies allein ihr Organon sei, dann ist die Ästhetik natürlich fehl am Platz. Aber ich denke, die Philosophie ist viel mehr als das. Allerdings muss ich zugeben, dass ich zu jener Zeit noch wenig darüber nachgedacht habe, ob das aus der Sicht meines Daseins als Frau resultiert. Ich war blind zu dieser Zeit.

Widerspruch: Feministisch blind?

Peña Aguado: Ich habe damals mit großem Nachdruck an die Neutralität des Denkens geglaubt. Ich dachte, wenn ich denke, spielt es doch keine Rolle, ob ich Frau oder Mann bin, so wenig es eine Rolle spielt, ob meine Augen braun oder blau oder meine Haare lang oder kurz sind. Da musste ich, gerade in Deutschland, schnell umdenken. Ich musste selber in meinem Promotionsverfahren erleben, dass man als Frau anders wahrgenommen und geprüft wird. Ich möchte mich darüber nicht ausbreiten; aber das waren bittere Erfahrungen.

Widerspruch: Das war deine Erfahrung: An und für sich denken Männer und Frauen gleich; aber in der Wirklichkeit verhält es sich anders?

Peña Aguado: Heute würde ich sagen, dass man nicht gleich denkt, weil man anders in der Welt ist.

Widerspruch: So siehst du das heute, aber damals?

Peña Aguado: Damals habe ich wirklich gedacht, dass „das Denken“ neutral sei …

Widerspruch: … und die Männer haben das noch nicht kapiert, und deswegen werden die Frauen ausgegrenzt. Es waren diese Erfahrungen der Ausgrenzung?

Peña Aguado: Ja. Es war die Erfahrung, auf das Biologische zurückgeworfen zu werden. Dass das Nachdenken und die Freude am Denken einen anderen Wert bekommen, weil man eine Frau ist. Ich habe mich dadurch auf eine sehr unproduktive Art und Weise auf meine Weiblichkeit zurückgeworfen gesehen.

Widerspruch: War das im akademischen Bereich?

Peña Aguado: Nicht nur, aber hauptsächlich im akademischen Bereich.

Widerspruch: Wenn es um Posten und Chancen geht?

Peña Aguado: Schon in den Seminaren. Ich habe Kommentare gehört, die nicht mich, aber andere Kommilitoninnen betroffen haben, die ich absolut demütigend fand. Ich kann mich an eine Studentin erinnern, die sehr engagiert und leidenschaftlich bei der Sache war, aber nicht besonders gut, auch nicht besonders weiblich aussah. Als wir einmal vor der Sitzung auf den Professor und andere Studenten warteten, wurde das zu meiner Verblüffung auf einmal zum Thema. Da dachte ich: ‚Moment mal, würde einer von euch im Seminar so reden, dann hieltet ihr ihn für großartig.‘ Aber wenn eine Frau kommt, die fundiert etwas sagt, dann wird das nicht nur außer Acht gelassen, sondern es wird betont, wie sie aussieht. Das hat mich so verblüfft, dass ich mich fragen musste, ob wir paar anderen toleriert wurden, weil wir der Schmuck in der Runde waren.

Widerspruch: Das war Ende der 80er Jahre?

Peña Aguado: Ja. Dazu gehörten auch so Kommentare en passant wie: „Sie haben sicher sehr gut gearbeitet, weil Sie so gut aussehen.“ Das sind keine Komplimente, sondern eine Demontage der eigenen Arbeit. Mit diesen Strategien schafft man Unbehagen und Verunsicherung. Deswegen habe ich gesagt, ich wurde auf eine sehr unproduktive Art und Weise auf meine Weiblichkeit zurückgeworfen. Diesen Aspekt habe ich auch in meinen Publikationen zum Feminismus thematisiert.

Widerspruch: Ist denn der Machismo in Spanien nicht ausgeprägter als in Deutschland?

Peña Aguado: Nein. Das glauben die Deutschen gerne, aber er ist in Deutschland viel stärker, immer noch. In Spanien kann es dir passieren, dass einer auf der Straße sagt: „He, du siehst ja toll aus!“ Dagegen kann man sich wehren und sagen: „Du Idiot!“ Aber in Deutschland habe ich viel subtilere Mechanismen erlebt, durch die viele Frauen verunsichert werden. Es entsteht ein Unbehagen und die Frauen wissen öfters keinen Weg, sich dagegen zu wehren.

Widerspruch: Du würdest sagen, dass diese Mechanismen in Deutschland stärker sind, gerade im akademischen Bereich?

Peña Aguado: Viel stärker.

Widerspruch: Wo man bei uns doch darauf stolz ist, dass das in den südlichen Ländern passiert, nicht bei uns.

Peña Aguado: Ich habe viele Frauen meiner Generation in Deutschland kennengelernt, die ein erfolgreiches und noch dazu kostenloses Studium und später gute Jobs hatten, aber spätestens bei der ersten Schwangerschaft zu arbeiten aufgehört haben. Das war für meine Generation in Spanien undenkbar. Das habe ich nur hier erlebt. Jedenfalls habe ich damals angefangen, etwas wacher zu werden und das in einem Artikel verarbeitet: „Man kommt nicht als Frau zur Universität, man wird dazu gemacht“ – eine Paraphrase von Simone de Beauvoirs Satz: „Man kommt nicht als Frau zur Welt.“ Das hat mich sehr beschäftigt und mich auch zur feministischen Philosophie gebracht.

Widerspruch: Du würdest also sagen, dass das Ästhetische und das Feministische bei dir zunächst zwei Stränge waren.

Peña Aguado: Ja, kann man so sagen. Ich habe dann aber einige Artikel geschrieben, in denen ich versucht habe, sie zusammenzubringen. Denn im 18. Jahrhundert diente die Ästhetik ja durchaus dazu, eine gesellschaftliche Ordnung und eine Ordnung der Geschlechter zu etablieren und zu rechtfertigen, die anhand der Unterscheidung vom „Schönen“ und dem „Erhabenen“ gemacht wurde. Das kann man sehr schön am Beispiel von Edmund Burke und Immanuel Kant sehen. Ich habe dann auch einiges über den Begriff der Urteilskraft geschrieben, den ich nach wie vor sehr spannend finde, weil er Ansatzpunkte für ein Denken liefert, das auch für das feministische Denken ein Gewinn sein kann.

Widerspruch: Dann hast du die Sache für dich letztlich doch produktiv gemacht.

Peña Aguado: Naja. Nachdem ich bei Wolfgang Welsch promoviert habe, bin ich für eine kurze Zeit nach München gekommen und dann aus privaten Gründen nach Leipzig gegangen. Dort habe ich sehr schnell Anschluss an die Universität gefunden und angefangen, mit Lehraufträgen Ästhetik, aber auch Feminismus zu lehren. Ich glaube, ich war die erste, die an diesem Institut die feministische Theorie eingeführt hat.

Widerspruch: Wann war das?

Peña Aguado: Das war 1996. Ich habe dort erlebt, dass ich für die Einführung in feministische Philosophie einen Lehrauftrag problemlos bekommen habe; als dann aber die Studentinnen ihren Schein geltend machen wollten, wurde ihnen gesagt: Nein, das sei keine Philosophie. So raffiniert war man. Zum Glück haben die Studentinnen sich erfolgreich gewehrt, und der Schein wurde anerkannt. Das war wirklich eine wichtige Erfahrung.

Widerspruch: Ging das von der Universitätsleitung oder der philosophischen Fakultät aus?

Peña Aguado: Von den Philosophen. Ich war auch die erste, die in Leipzig Hannah Arendt gelesen hat. In der Kollegiumssitzung, in der die Lehraufträge besprochen wurden, wurde mir gesagt: Aber das ist doch keine Philosophin. Solche Sachen hörte man immer wieder.

Widerspruch: Waren das die Professoren, die aus dem Westen gekommen waren?

Peña Aguado: Ja. Interessant waren auch die Erfahrungen mit den Frauen aus dem Osten. Ich hatte eine Gruppe von Studentinnen, in der einige aus dem Osten waren, und die mir gesagt haben: Ach ja, der Feminismus ist ein Wessi-Problem. Wir haben dieses Problem nicht, wir waren schon immer emanzipiert. Ich habe dann gefragt: Hattet ihr keine Doppelbelastung? Doch, wir haben auch zu Hause gearbeitet. – Wie war es denn bei der Parteiführung? Waren da viele Frauen dabei? Jahre später hat mir eine Studentin geschrieben: Wie recht du hattest. Jetzt macht sie auch feministische Theorie und hat inzwischen über das Thema zwei Bücher herausgegeben.

Widerspruch: Wie ging es dann in Leipzig weiter?

Peña Aguado: Ich habe dort mit der ehemaligen Frauenbeauftragten, einer Germanistin, der Professorin Ilse Nagelschmidt, das Zentrum für Frauen und Geschlechterforschung namens FraGes gegründet, das nun gut in der Leipziger Universität verankert ist. Wir haben viel Arbeit investiert und auch eine Tagung organisiert, aus der ein Buch entstand, das wir herausgegeben haben. Enttäuschend war, dass am Ende, als das Zentrum institutionalisiert war, nur Professorinnen und diejenigen, die einen festen Vertrag hatten, dort weiter machen konnten.

Widerspruch: Und du warst außen vor.

Peña Aguado: Leider ja, denn ich hatte das alles als Lehrbeauftragte gemacht. Deshalb hatte ich mich in dieser Zeit gefragt, ob ich als Frau und Ausländerin überhaupt eine Chance habe, an der Universität voranzukommen. Als ich mich mehr oder weniger aus dem akademischen Betrieb schon verabschiedet hatte, kam ein Angebot von der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Professor Christoph Türcke, der mein Buch über das Erhabene kannte, bot mir die Vertretung seiner Professur an. Anfangs war ich etwas unsicher, schließlich aber sagte ich doch zu. Für mich war das eine Entdeckung, weil die Arbeit mit den Künstlern ganz anders war.

Widerspruch: Mit den Studenten wie den Dozenten?

Peña Aguado: Vor allem mit den Studenten. Sie waren vielleicht nicht so belesen, dafür aber sehr reflektiert. Vor allem haben sie einfach geredet, diskutiert, gefragt und waren interessiert. In der letzten Zeit hatte ich die Universität so erlebt, dass ich mich gefragt habe, ob wir die Leute nicht eher zum Schweigen als zum Denken bringen. An der HGB Leipzig war es anders. Ich habe dort einige Diplomarbeiten betreut, und das war ein Vergnügen, weil sie so unbeschwert mit der Tradition umgegangen sind. Sie hatten nicht diese ganze Angst, dass wenn man diesen oder jenen nicht gelesen hat, sich gar nicht anmaßen kann, überhaupt einen Satz zu sagen. Das war sehr befreiend und hat richtig Spaß gemacht. Ich hatte auch das Glück, mit einigen Professorinnen wie Alba d’Urbano oder Tina Bara zusammenarbeiten zu können. Bara ist Professorin für Fotografie und Alba D’Urbano für Computergraphik und Intermedia, eine Italienerin übrigens. Ich habe an einem Projekt teilgenommen, das „Bellissima“ hieß und mir viel Freude bereitet hat.

Widerspruch: Ich hatte den Eindruck, dass die Frauen in der DDR selbstbewusster waren als hier. Hier gab es den konservativen Druck, dass die Frau im Zweifelsfall Mutter ist. Trügt dieser Eindruck?

Peña Aguado: Also, für mich war der Umzug nach Leipzig im Nachhinein die Rettung, weil ich in München gerade ein Kind bekommen hatte und hier als Intellektuelle zu Grunde gegangen wäre. Hier herrschte ein Diskurs über das Muttersein, den ich erdrückend fand, verheerend für die Frauen. Es lief viel auf der Ebene der Schuldgefühle, und das fand ich sehr manipulativ. Ich hatte zu dieser Zeit eine Nachbarin, auch eine Spanierin und Juristin, die gerade ein Kind bekommen hatte. Sie hat Dinge erlebt, die für uns in Spanien undenkbar gewesen wären. Ihr wurde auf dem Jugendamt beigebracht, dass sie mit der Arbeit aufhören müsse, um sich um das Kind zu kümmern. Ich fand auch diesen Diskurs verheerend, der damals herrschte: Ach, die arme Frau; sie kann nicht zu Hause bleiben, weil ihr Mann nicht genug verdient. In diesem Punkt war Leipzig für mich eine Befreiung. Dort gab es Kindergärten, die ab 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends geöffnet waren, und kein Mensch hat sich gewundert, wenn man die Kinder ab einem bestimmten Alter in den Kindergarten gab. Ich habe mich nicht als Mutter in Frage gestellt gesehen, weil ich zur Universität gegangen bin. Später habe ich die andere Seite kennengelernt, dass es nämlich auch im Osten Frauen gab, die gern bei ihren Kindern geblieben wären. Ihnen hat man ein schlechtes Gewissen gemacht nach dem Motto: Wie kannst du deswegen deine Arbeit vernachlässigen? Keine von den beiden Haltungen fand ich in Ordnung. Jede Frau muss doch die Möglichkeit haben, ohne schlechtes Gewissen zu entscheiden, ob und wann sie ihre Kinder in die Einrichtung bringt.

Widerspruch: Du hast vorher erzählt, Studentinnen hätten gesagt, der Feminismus sei ein Wessi-Problem. Wie du es jetzt schilderst, hatten die Frauen im Osten tatsächlich diese Probleme nicht. Dass du im akademischen Betrieb aber als Frau wahrgenommen wurdest, deren Leistung anders beurteilt wird als die eines Mannes, das war ja im Osten auch so, als du dort warst. Lag das daran, dass fast lauter Männer aus dem Westen an die Universitäten im Osten geströmt sind, und dass dann dasselbe Klima herrschte wie an den Universitäten im Westen?

Peña Aguado: Ja, so würde ich das sehen. Aber auf der sozialen Ebene war es einfacher, Mutter zu sein, weil keiner dir ein schlechtes Gewissen gemacht hat, wenn du deine Kinder in den Kindergarten gebracht hast.

Widerspruch: Und der Eindruck, dass die Frauen im Osten selbstbewusster waren?

Peña Aguado: Auf eine gewisse Art waren die Frauen schon selbstbewusster, da sie gewohnt waren, dass alle arbeiten, und sie daher finanziell unabhängig waren. Ich muss natürlich sagen, dass der Kontrast besonders krass war, weil ich aus München, aus Bayern nach Leipzig kam. Es war eine gute Erfahrung, als Ausländerin in den „wilden Osten“ zu kommen, der doch gar nicht so wild war.

Widerspruch: 2003 bist du nach England gegangen. Wie war es dort als Philosophin?

Peña Aguado: Cambridge ist ein Paradies – mit allen wunderschönen und allen gefährlichen Aspekten, die ein Paradies eben hat. Ich hatte das große Glück, dort mit meiner Familie in einem College zu leben. Das war das Clare Hall College, dessen Life Member ich noch immer bin. Es war bis vor kurzem das einzige College in Cambridge, wo man mit der Familie leben konnte. Ansonsten ist die Struktur der Cambridge Universität sehr konservativ und patriarchal. Man muss bedenken, dass die Ursprünge in der Kirche liegen, die geholfen hat, die Universität zu gründen. Und diese Colleges wurden so gegründet, dass man ein monastisches Leben zu führen hatte. In ihnen waren Frauen nicht zugelassen, und auch die fellows mussten, sobald sie geheiratet haben, das College verlassen. Man muss sich im Klaren sein, dass wir von einer Universität sprechen, die bis 1948 keinen Titel, kein Diplom an Frauen vergab. Man denkt, das liegt 200 Jahre zurück; aber so ist das nicht. Es gab zwar Frauen, die studiert haben; sie konnten aber keinen Abschluss machen. Und die paar weiblichen Colleges waren ganz außerhalb, damit die jungen Männer nicht in Versuchung kamen. Das bekannte Newnham College, in dem Virginia Wolff den berühmten Vortrag gehalten hat: A Room of One’s Own war damals außerhalb. Übrigens ist dieses College nach wie vor nur für Frauen, aus dem sehr tatkräftige Frauen herausgekommen sind. Die Schriftstellerin Silvia Plath, die Wissenschaftlerin Rosalind Elsie Franklin oder die Philosophin Onora O’Neill sind gute Beispiele dafür. Mir war bewusst, wie patriarchalisch diese College-Struktur ist. Mein College jedoch, das als eine Art Center for advanced studies gegründet wurde, war und ist viel offener. Es hat keine Studenten, sondern nur Promovierende und Professoren aus der ganzen Welt, die für ein Forschungsjahr kommen. Es gab die Variante, dass Männer forschten und ihre Frauen dazu kamen, aber auch umgekehrt, dass Männer ihre Frauen begleiteten. Dort habe ich erlebt, dass es viele Professorinnen aus den USA und aus England gab, die Kinder hatten. Das war überhaupt keine Frage. In Deutschland hingegen sind viele Professorinnen aus Karrieregründen immer noch kinderlos. Und das konnten die Frauen, die ich dort kennengelernt habe, nicht verstehen. Ich wurde auch angesprochen: „Wie kannst du in Deutschland leben? Wir haben gehört, wie schlimm es dort mit den Männern ist, so konservativ und patriarchal.“ Jedenfalls war es für mich eine wunderschöne Zeit, weil ich das alles ohne Probleme vereinbaren konnte. In dieser Zeit habe ich weniger gelehrt als geforscht und geschrieben. Auf dem College gab es eine sehr aktive Frauengruppe, und ich durfte meine Arbeiten vorstellen. Ich habe mit meiner guten Freundin und Philosophin, Bettina Schmitz, in Deutschland ein Buch publiziert, das heißt: Das zerstückelte Leben. Es ist ein fiktiver Briefwechsel zwischen zwei Philosophinnen. Das Buch ist 2004 in Deutschland erschienen. Wir haben dazu mehrere Lesungen in Deutschland und in Österreich gemacht und einen Teil daraus ins Englische übersetzen lassen, den ich auf dem College vortragen durfte. Die Begeisterung war so groß, dass einige das Buch auf deutsch gekauft haben, obwohl sie kein deutsch konnten, und Amerikanerinnen wollten, dass es sofort auf englisch erscheint. Das war eine tolle Erfahrung. Damals habe ich mehr meinen feministischen Teil ausgelebt, auch in der Theorie.

Widerspruch: Gibt es vergleichbare Institutionen in Deutschland? Das Wissenschaftszentrum in Berlin?

Peña Aguado: Ja, oder die Max-Planck-Institute, z.B. für Wissenschaftsgeschichte. Aber das sind Institutionen, wo man sich trifft, jeder jedoch woanders wohnt. Wir aber haben in diesem großen Areal zusammengelebt. Ich bekam auch ein foundation’s visiting Fellowship, so dass ich zusätzlich etwas Geld für meine Forschung hatte, was ja eine große Ehre war. Während dieser Zeit habe ich über ein Thema gearbeitet, das mich immer noch sehr beschäftigt. Es geht um intellektuelle Frauen und ihre Räume. Und das fand viel Zuspruch dort. Das Buch wird, wie ich hoffe, bald in Spanien erscheinen.

Widerspruch: Das ging bis 2006?

Peña Aguado: In Cambridge habe ich bis 2007 gelebt, im College bis 2005. Denn die College-Zeit war ja begrenzt.

Widerspruch: Wie lange warst du insgesamt in England?

Peña Aguado: 2003 bin ich angekommen. Meinen Ruf nach München habe ich im September 2006 bekommen und hier im Dezember 2006 angefangen.

Widerspruch: Wieder nach München, so konservativ und verstockt?

Peña Aguado: Ja, aber ich kam in die Akademie der bildenden Künste. Ich habe mich dort beworben, nachdem ich schon längere Zeit in England war, und habe eigentlich gedacht, dass ich keine große Chance habe. Umso schöner war es, dass ich doch die Professur bekam. Ein Jahr lang bin ich dann zwischen Cambridge und München gependelt und lebe hier seit 2007. Also, wie ist die Philosophie an der Akademie? Jedenfalls ist der Stand der Theoretiker im Hause nicht einfach.

Widerspruch: Du hast nur Studenten der Akademie?

Peña Aguado: Ab und zu kommen auch Studenten der LMU oder der Hochschule für Philosophie. Ich habe versucht, die Studenten hier zu gewinnen, und eine Art „Gespräch im Atelier“, so nenne ich das, eingeführt, wo ich selber die Klassen besuche. Ich habe nicht gewartet, bis sie kommen, sondern habe mich einladen lassen und wenigstens einen Tag mit ihnen über Ästhetik geredet. Auf diese Weise kamen einige Studenten zur Philosophie, andere haben überhaupt registriert, dass es so etwas gibt. Es ist schwierig, weil hier ein Diskurs herrscht, der sehr mit Genialität und großer Freiheit zu tun hat. Manche kommen gerne, aber nicht regelmäßig, weil sie Exkursionen machen oder Ausstellungen vorbereiten müssen. Andere nehmen in den ersten Semestern an den Seminaren teil; dann werden es immer weniger, weil sie Ausstellungen haben oder sich die Zeit des Diploms nähert. Das muss man akzeptieren. Wir bilden hier keine Philosophen, sondern Künstler aus. Damit muss man umgehen können.

Widerspruch: Gibt es ein Kontingent, das sie machen müssen?

Peña Aguado: Nein, die freien Künstler nicht. Ich kenne das anders aus Leipzig an der Hochschule für Graphik und Buchkunst. Dort sind die ersten zwei Jahre für alle Studenten gemeinsam, und sie müssen auch Theorie belegen. Hier haben wir um die 700 Studenten. Ungefähr 250 machen Kunstpädagogik, einige verbinden das mit freier Kunst; wir haben eine kleine Gruppe für das Aufbaustudium der Kunsttherapie und eine kleine Gruppe für Architektur. Die Mehrheit bilden die freien Künstler, die zu nichts verpflichtet sind. Sie kommen von Anfang an in eine bestimmte Klasse. Und es kommt dann darauf an, wie der Professor oder die Professorin gegenüber allgemeinem Wissen oder der Theorie eingestellt ist. Von den Studenten gibt es natürlich die, die so frei sind, dass sie kommen, egal was sie hören; aber es gibt auch die, die nicht kommen, weil sie der Meinung sind, dass es nicht relevant ist.

Widerspruch: Welche Themen bietest du an?

Peña Aguado: Eine Zeit lang habe ich eine Vorlesung über Ästhetik im Kontext angeboten. Meine Absicht war, anhand der Geschichte der Ästhetik einen Überblick über die Geschichte der Philosophie zu vermitteln. Das war eine Mischung aus Vorlesung und Seminar. Zuerst habe ich etwa eine Stunde Vorlesung gehalten, dann haben wir gemeinsam Texte gelesen. Darüber hinaus habe ich Seminare abgehalten und darauf geschaut, Klassiker der Ästhetik oder Autoren anzubieten, die interessant sind. Zusätzlich zu den regelmäßig stattfindenden Seminaren biete ich Blockseminare an, die sehr gut ankommen. Die Studenten nehmen sich dann wirklich die Zeit, sind von nichts anderem abgelenkt und die Zusammenarbeit ist großartig. Ich habe zwei Mal kurz nach der Jahresausstellung Blockseminare angeboten. Die Studenten haben dann schon ausgestellt, sind schon etwas freier und können sich konzentrieren. Das sind kleine Gruppen, mit denen man sehr gut zusammenarbeiten kann.

Widerspruch: Am Wochenende?

Peña Aguado: Nicht nur; Dienstag und Donnerstag oder Freitag und Samstag. Nächste Woche lesen wir Foucaults „Geschichte der Sexualität“, 1. Band. Mit den Kunsttherapeuten habe ich in zwei Seminaren „Wahnsinn und Gesellschaft“ gelesen, weil viele von ihnen danach in der Psychiatrie arbeiten. Das war für alle Beteiligten, auch für mich, sehr schön und interessant.

Widerspruch: Sind nicht die Kunstpädagogen dazu verpflichtet?

Peña Aguado: Inzwischen schon. Mit der Einführung des Bachelors und Masters für den Studiengang Kunstpädagogik ist die Philosophie mit zwei Modulen im Studiengang der Kunstpädagogen vertreten.

Widerspruch: Und das machst du?

Peña Aguado: Ja. Eine Sache, die mir sehr am Herzen liegt, sind die „Schelling Lectures“, die ich 2008, dem Jubiläumsjahr des 200-jährigen Bestehens der Akademie, initiiert habe. Die Anregung hatte ich durch meine Erfahrung in Cambridge. Die Idee dieser internationalen Vorlesung ist, renommierte Persönlichkeiten einzuladen, die interdisziplinär arbeiten. Sie kommen hierher, um ein Seminar für unsere Studenten und dann eine öffentliche Vorlesung zu halten, damit die Akademie im Bewusstsein Münchens einen Platz bekommt und nicht nur als ein Ort wahrgenommen wird, an dem Kunst ausgestellt wird, sondern auch Ideen, und an dem man sich austauscht. Zu meiner großen Freude wurde diese Idee in der Akademie positiv aufgenommen. Die Leitung war angetan und hat mich sehr unterstützt. Wir haben 2008 gleich im Januar, dem Geburtstag Schellings, begonnen. Die Schelling Lectures werden auch dank der großzügigen Unterstützung der Ingrid Werndl-Laue Stiftung jährlich beim Deutschen Kunstverlag veröffentlicht. Die Reihe heißt auch so: „The Schelling Lectures“.

Widerspruch: Warum Schelling?

Peña Aguado: Es geht nicht um Schelling-Forschung. Der Name der Reihe ist eine Hommage an den Gründer der Akademie; aber die Themen sind sehr verschieden. Der erste, der kam, war der Historiker und Kulturwissenschaftler aus Cambridge, Peter Burke. Dann kam eine Architektin und Komponistin aus Barcelona, Anna Bofill Levi; ihr Bruder Ricardo, mit dem sie gearbeitet und wichtige Werke mitgestaltet hat, ist ja ebenfalls sehr bekannt. Inzwischen ist sie eine sehr interessante Komponistin, so dass sie auch ihre Musik vorgestellt hat. Im folgenden Jahr war die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt hier, die einige Essays über Kunst geschrieben hatte, aber auch den Roman What I loved, in dem es um die Künstlerszene in New York geht. Letztes Jahr hatten wir Hans-Peter Dürr, den Physiker hier und im Januar 2012 kommt Humberto Maturana.

Widerspruch: Bei Herrn Dürr war das ja nicht so schwierig.

Peña Aguado: So würde ich es nicht sagen. Ich musste ihn überreden und ihm klar machen, dass seine Arbeit auch für Künstler von Interesse ist. Die Studenten waren begeistert von ihm. Die alte Aula war total voll. Auch bei Siri Hustvedt mussten wir die Türen zumachen.

Widerspruch: Noch einmal zurück zu den Blockseminaren. Was bietest du an?

Peña Aguado: Ich versuche eine Mischung zwischen Klassiker der Ästhetik und aktuellen Themen zu finden, vor allem im philosophischen Kontext. Zurzeit arbeiten wir am Begriff der Revolution, weil dieses revolutionäre Potential jetzt sehr präsent ist. In Madrid waren es viele Künstler und Künstlergruppen, die der Bewegung den Input gegeben haben. Zudem behandelt eine Kunsthistorikerin die politische Praxis in der bildenden Kunst. Das ergänzt sich sehr gut. Was aber für mich unabhängig von den Themen oder Inhalten von äußerster Wichtigkeit ist, ist, in meiner Lehre die Erfahrung des Denkens zu vermitteln, dass die Studierenden einen kritischen Geist entwickeln und selbständig reflektieren können.

Widerspruch: Der Studentenstreik vor zwei Jahren hat ja hier, in der Akademie, angefangen. Merkt man das an den Studenten, dass sie wacher, interessierter, offener oder auch kreativer sind als an der Universität?

Peña Aguado: Es ist schon eine andere Art und Weise der Arbeit. Sie haben, wie gesagt, weniger Berührungsängste und sind offener, auch wenn sie reden. Manchmal entdecken sie das Mittelmeer. Aber egal; das ist ihr Mittelmeer, und es ist gut so. Es gibt natürlich Studenten, die auf der Suche sind und mit interessanten und aufregenden Themen kommen. Manchmal zeigen sie mir auch ihre künstlerische Arbeit. Das war vor allem, als wir Umberto Ecos Das offene Kunstwerk gelesen haben. Sie waren alle interessiert und wollten ihre Arbeit zeigen. Das erlebe ich als sehr offen. Es gibt auch eine Gruppe von Studenten, die sehr aktiv ist und selbst Vorträge organisiert, wie zum Beispiel die Initiative „Jour Fixe“, in deren Rahmen der spanische Künstler Santiago Sierra vorgetragen hat. Es gibt auch einen sogenannten „Salong“. Hier gibt es viele, die Initiative haben; andere gehen dabei unter. Bei diesem System besteht immer ein wenig die Gefahr, dass einige untergehen, die sich nicht so gut orientieren können. Aber die es schaffen, sind großartig. Für etliche ist es das zweite Studium, und sie wissen zu schätzen, was die Akademie ihnen bietet. Es ist phantastisch, was es für Ateliers und Werkstätten gibt. Für mich aber kommt bei aller Kreativität derzeit leider das Denken, Reflektieren und die Forschung etwas zu kurz. Das Wort „Forschung“ wird in der Akademie nicht so gern gehört. Das sind leider Vorurteile. Es gilt noch immer diese Trennung zwischen Wissenschaft und Kunst, als ob Künstler für ihre Arbeiten nicht auch forschen würden oder für die Wissenschaftler Kreativität nicht vonnöten wäre.

Widerspruch: Liebe Frau Peña Aguado. Wir danken für das Gespräch.

Das Gespräch führten Sibylle Weicker und Alexander von Pechmann.