von Pechmann – Kant und die Philosophie als System. Eine Erwiderung auf den Beitrag Bernhard Schindlbecks

Alexander von Pechmann

Kant und die Philosophie als System

Eine Erwiderung auf Bernhard Schindlbecks „Ethik und Verständigung“

I.

In seinem Artikel „Ethik und Verständigung“ wirft Bernhard Schindlbeck Jürgen Habermas vor, er habe Kant falsch verstanden. Das Missverständnis liege darin, dass Habermas meint, das ethisch Unbedingte, das Kant im kategorischen Imperativ gefasst hatte, in das Apriori oder den Telos der Kommunikation bzw. des Diskurses verwandeln zu dürfen, sodass die faktisch stattfindenden Diskurse je schon auf Verständigung zielen. „Verständigung“, zitiert er aus der Theorie des kommunikativen Handelns, „wohnt als Telos der menschlichen Sprache inne.“ Diesen Telos der Sprache hat Habermas in die berühmt gewordene Formel vom „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ gefasst, der in Diskursen wirksam sei. Das ‚Innewohnen’ eines solchen Zwangs sei jedoch, so Schindlbecks Einwand, schon deshalb falsch, weil die Sprache als Medium der Kommunikation, wie das die Alltagsrealität belegt, aber auch Wittgenstein mit seiner Verknüpfung der Sprache mit den vielfältigen Lebensformen gezeigt hat, keineswegs nur der Verständigung dient, sondern weil sie ebenso sehr auch ein „Medium der Gewalt bzw. der Drohung mit ihr“ ist. Habermas’ „schön und friedlich klingende Floskel, um nicht zu sagen: Leerformel, suggeriert nur, dass das Miteinandersprechen (die Sprache) grundsätzlich andere Arten der Auseinandersetzung, etwa die physische (Gewalt), ersetzen würde.“ Der Sprache, so Schindlbecks Fazit, sei „keinerlei ethische Komponente inhärent“.

II.

Unabhängig von der Frage, ob der Sprache ein solcher ethischer Zweck der Verständigung innewohnt oder nicht, möchte ich mich im Folgenden nur dem Vorwurf zuwenden, Habermas habe Kant gänzlich missverstanden, wenn er der Auffassung war, man könne und müsse die bei Kant nur monologisch verfasste praktische Vernunft heutzutage in die Gestalt einer kommunikativen und diskursiven Vernunft verwandeln bzw. zeitgemäß weiterentwickeln. Diese Umwandlung der kantischen Ethik in Habermas’ Theorie der Kommunikation, so der Einwand, geht nicht; sie ist unmöglich. Denn sie macht aus dem Unbedingten des Ethischen ein empirisch-historisch Bedingtes, wie es die tatsächlichen Diskurse allemal sind. Sie verfehlt damit ganz die Intention der kantischen Philosophie, das ethisch Unbedingte – und mit ihm das Reich der Freiheit – ausdrücklich von allem kausal Bedingten und damit Kontingenten freizuhalten. Kant, so Schindlbeck, habe das Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft, den kategorischen Imperativ, sauber und konsequent von den Kategorien des theoretischen Verstandes getrennt, der nur auf dem Gebiet des empirisch Kontingenten der sinnlichen Erfahrung gesetzgebend ist. Und in der Tat war es ja das Ansinnen und die Leistung Kants, das Apriorische und Kategorische des ethischen Sollens strikt von dem allemal Aposteriorischen und Hypothetischen des anschaulich gegebenen Seins zu unterscheiden. So gesehen widerspricht also eine Vermischung dieser beiden ‚Reiche’ im Begriff einer „kommunikativen Vernunft“ klar der Intention Kants; und Schindlbeck hat mit seiner Kritik recht: „Habermas hat den kategorischen Imperativ, dessen Zweck und innere Logik so wenig verstanden wie [darüber hinaus auch schon] Hegel.“

III.

Aber. Im Folgenden möchte ich zeigen, dass Schindlbecks Kant, der Ethik und Natur in die zwei Welten der Freiheit und der Notwendigkeit getrennt hat, nicht der ganze Kant ist. So hatte Kant schon in seiner „Kritik der reinen Vernunft“, im Schlusskapitel der „Architektonik der reinen Vernunft“, das Ganze seiner Philosophie skizziert. Die Philosophie, schreibt er dort, „hat nun zwei Gegenstände, Natur und Freiheit, und enthält also sowohl das Naturgesetz, als auch das Sittengesetz, anfangs in zwei besonderen, zuletzt aber in einem einzigen philosophischen System“ (B 868; H.v.m.). Kant lässt es hier jedoch, so weit ich sehe, offen, wodurch denn diese zwei besonderen Systeme der Natur und der Freiheit zu einem solchen einzigen philosophischen System verbunden seien. Dennoch lässt sich daraus schließen, dass es für ihn offenbar schon zur Zeit der „Kritik der reinen Vernunft“ klar war, dass die Philosophie nicht nur aus den zwei getrennten Teilen, dem theoretischen und dem praktischen System, besteht, sondern dass sie noch eines dritten Teils bedarf, das diese Teile zu einem Ganzen, einem einzigen philosophischen System verbindet.

Exakt dieser Frage nach der Philosophie als einem System hat sich Kant dann in der Einleitung zu seiner dritten Kritik, der „Kritik der Urteilskraft“ zugewandt: „Ob nun zwar eine unübersehbare Kluft zwischen dem Gebiete des Naturbegriffs, als dem Sinnlichen, und dem Gebiete des Freiheitsbegriffs, als dem Übersinnlichen, befestigt ist, so dass von dem ersteren zum anderen (also vermittelst des theoretischen Gebrauchs der Vernunft) kein Übergang möglich ist, gleich als ob es so viel verschiedene Welten wären, deren erste auf die zweite keinen Einfluss haben kann: so s o l l doch diese auf jene einen Einfluss haben, nämlich der Freiheitsbegriff soll den durch seine Gesetze aufgegebenen Zweck in der Sinnenwelt wirklich machen; und die Natur m u s s (H.v.m.) folglich auch so gedacht werden können, dass die Gesetzmäßigkeit ihrer Form wenigstens zur Möglichkeit der in ihr zu bewirkenden Zwecke nach Freiheitsgesetzen zusammenstimme“ (B XX).

„Also muss es doch“, fährt er fort, „ einen Grund der E i n h e i t des Übersinnlichen, welches der Natur zum Grunde liegt, mit dem, was der Freiheitsbegriff praktisch enthält, geben, wovon der Begriff, wenn er gleich weder theoretisch noch praktisch zu einem Erkenntnisse desselben gelangt, mithin kein eigentümliches Gebiet [‚neben’ Natur und Freiheit] hat, dennoch den Ü b e r g a n g (H.v.m.) von der Denkungsart nach den Prinzipien des einen, zu der nach Prinzipien der anderen, möglich macht“ (ebd). Erst dann, mit diesem Übergang vom einen Gebiet zu dem anderen, so schließe ich daraus, ist die Philosophie, wie sie Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ konzipiert hatte, ein „einziges philosophisches System“. In genau diesem Sinne versteht Kant denn auch seine „Kritik der Urteilskraft“ als das „Verbindungsmittel der zwei Teile der Philosophie zu einem Ganzen“ (ebd.).

Diese Urteilskraft als Verbindungsmittel zu einem Ganzen gebe jedoch keine Gesetze wie die Vernunft in der übersinnlichen und der Verstand in der sinnlichen Welt; aber sie schlägt „eine Brücke“ (B LIV) zwischen beiden Welten; sie „vermittelt’ beide, wie es später dann heißt.

IV.

Kants Kritik will nun zeigen, dass die Urteilskraft diese Vermittlung nicht dadurch leistet, dass sie aus dem einen Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft, dem kategorischen Imperativ, ein Vielzahl konkreter und besonderer Gesetze der Moral deduziert bzw. solche Ge- und Verbote unter das eine Prinzip subsumiert. Wäre dem so, hätte also Kant auf diese Weise aus dem Allgemeinen das Besondere deduziert oder abgeleitet, dann wäre Schindlbeck im Recht, wenn er nicht nur Kant selbst vorhält, er habe in seiner „Metaphysik der Sitten“ höchst fragwürdig und undurchsichtig aus dem kategorischen Imperativ allerlei kontingente, doch nur bedingte Handlungsver- und -gebote herausgezaubert. Es sei darüber hinaus ein „weitverbreitetes Missverständnis“ der Ethik Kants, wenn man meint, der kategorische Imperativ solle allgemeine Verbindlichkeit für diese oder jene moralische Regel generieren, oder dass man, auf ihm aufbauend, konkrete Normen ausbuchstabieren könne. Der kategorische Imperativ diene vielmehr allein, worauf Schindlbeck insistiert, der „logischen Prüfung“ von Maximen auf die Möglichkeit ihrer Verallgemeinerung.

Nimmt man also an, dass es diese deduzierende oder „bestimmende Urteilkraft“ ist, wie Kant sie nennt, welche die „Brücke“ zwischen jenen beiden Welten schlägt, zwischen dem ethischen Unbedingten und Kategorischen einerseits und dem allemal historisch Bedingten und Hypothetischen gegebener moralischer Normen andererseits, so wäre das in der Tat ein grundlegendes Missverständnis der Kantischen Philosophie.

Für Kant leistet die Urteilskraft diese Vermittlung der beiden Welten jedoch allein dadurch, dass sie nicht von einem ihr gegebenen Prinzip ausgeht, sondern dass sie, genau umgekehrt, vom anschaulich gegebenen Mannigfaltigen des Natürlich-Historischen ausgeht, um auf einen inneren Zweck dieses Mannigfaltigen zu reflektieren, oder dass sie, wie es im obigen Zitat heißt, nach der „Einheit des Übersinnlichen, welches der Natur zum Grunde liegt“, sucht, das ihr aber nicht gegeben ist. Dieses einheitssuchende Verfahren nennt Kant die „reflektierende Urteilskraft“ und fasst es im Begriff einer „Zweckmäßigkeit der Natur ohne Zweck“. Nur als ein solches suchendes Verfahren sei die Urteilskraft ein eigenständig gesetzgebendes Vermögen, das aber weder dem Gebiet der Freiheit noch dem der Natur etwas vorschreibt, sondern das nur sich selbst, ihrem Verfahren der Reflexion, das Gesetz gibt, das damit aber den Übergang von der einen Denkungsart zur anderen möglich macht.

Ich erspare mir, diesem Verfahren der Reflexion, wie Kant es in der „Kritik der Urteilskraft“ dann tut, auf den Gebieten des Ästhetischen und des Organischen nachzugehen, und möchte mich nur auf das Gebiet des Geschichtlichen konzentrieren, auf das sich auch Schindlbeck in seinem Artikel bezieht. Hier, am Ende seiner „Kritik der Urteilskraft“, will Kant zeigen, dass wir geschichtliche Ereignisse nicht nur registrieren und sie mittels der Kausalzusammenhänge zwischen ihnen erklären können, sondern dass wir das Kontingente der Geschichte nach dem Gesetz der Urteilskraft auch als zweckmäßig in Hinblick auf das Ethische als ihren Endzweck beurteilen müssen. Denn nur dann, so meine Folgerung, wenn wir die Geschichte nach dieser Idee der Zweckmäßigkeit denken, haben wir den erforderlichen Übergang von der einen Denkungsart zur anderen möglich gemacht. Erst mit dieser Verbindung der zwei Teile der Philosophie ist die Philosophie, wie sie Kant konzipiert hatte, schließlich zu einem Ganzen geworden.

V.

Aus dieser Darlegung folgt insbesondere, dass es in Kants System offenbar zwei Naturbegriffe gibt. Der eine ist der gleichsam ‚mechanische’ Naturbegriff, nach dem das Mannigfaltige des sinnlich Gegebenen als ein durchgängiger Kausalzusammenhang verstanden und erkannt wird. Nach diesem Begriff hat die Natur in der Tat nichts mit dem unbedingten ethisch-praktischen Sollen zu tun, das ja keiner Notwendigkeit folgt, sondern das der Freiheit und Autonomie des Willens entspringt. Nach ihm ist all das, was in Raum und Zeit geschieht, durch eine „unübersehbare Kluft“ vom überzeitlich Ethischen des Sittengesetzes geschieden. Und allein diesen Naturbegriff hat Schindlbeck offensichtlich vor Augen, wenn er Habermas, Hegel und viele andere des Missverständnisses zeiht, Ethisches mit sinnlich Historischem zu vermischen.

Habe ich Bernhard Schindlbeck recht verstanden, so ist für ihn nun diese Idee, dass in Natur und Geschichte ein solcher Telos waltet, kein Wissen, sondern ein bloßer Glaube, den man haben kann oder auch nicht. Er schreibt: „Mit Hegel glaubt Habermas, dass ‚die Vernunft’ grundsätzlich in der empirischen Realität hier und jetzt am Walten sei“ (H.v.m.). Und diesem bloßen Glauben setzt er die ‚Wahrheit’ entgegen, nach der die Vernunft nur in dem zeitlosen Reich der selbstgesetzgebenden Freiheit wirkt, während in der geschichtlichen Realität allemal nur die Naturgesetze des Dschungels herrschen. Er rekurriert dabei allerdings nur auf den halben, den anfänglichen Kant. Für den ganzen und letzten Kant hingegen gilt, wie ich zu zeigen versucht habe, dass diese Idee des Waltens der Vernunft in der Geschichte für ihn kein bloßer Glaube ist, der etwa dem frommen Wunsch nach ‚Harmonie’ entspringt, sondern dass ihr zum einen das logische Vermögen der Urteilskraft zugrunde liegt, nach deren Gesetz das Geschichtliche zugleich als zweckmäßig gedacht werden muss, und dass zum anderen erst mit dieser Idee der Zusammenstimmung von Geschichte und Ethik die Philosophie zu einem Ganzen, zu „einem einzigen philosophischen System“ geworden ist.

VI.

Wenn wir nun abschließend einen Blick auf das Ganze des Kantischen Systems werfen, dann fällt es leicht zu verstehen, dass seine Nachfolger erhebliche Bedenken haben konnten. So grundlegend, großartig und ausgearbeitet dieses System auch war, es knirschte doch an den entscheidenden Stellen: Denn auf der einen Seite sollten die zwei Gebiete der Natur und der Freiheit radikal voneinander verschieden sein, sodass kein Übergang vom einen zum anderen möglich wäre; auf der anderen Seite aber müssen sie doch so gedacht werden, dass beide Gebiete zusammenstimmen. Was nun? Kants Erklärung für dieses Widersprechende war, dass beide Gebiete objektiv oder an sich gänzlich verschieden sind, dass wir aber subjektiv oder für uns ihre Zusammenstimmung und Einheit (hinzu)denken müssen. Hier sind die Logiken des Unterscheidens und die der Vereinheitlichung jedoch auf eine merkwürdige und letztlich undurchsichtige Weise verteilt. So gesehen ist es nachvollziehbar, dass die Konzeptionen seiner Nachfolger wie Fichte, Schelling und Hegel, aber auch von Habermas als Unternehmungen zu verstehen sind, dieses widersprüchliche Verhältnis von Natur- und Freiheitsphilosophie grundsätzlicher, besser und durchsichtiger zu fassen. Das von Kant hinterlassene ‚Stückwerk’ aus theoretischem Verstand, praktischer Vernunft und reflektierender Urteilskraft sollte zu einem kohärenten philosophischen System zusammengefügt werden, von dem Hegels Fassung von ‚Einheit und Unterschied’ als Methode der Dialektik die eventuell gelungenste, sicher aber folgenreichste Unternehmung war.

Haben nun Hegel, Habermas und viele andere Kant missverstanden, wenn sie es unternommen haben, was Schindlbeck ihnen vorhält, das Übersinnliche zu versinnlichen bzw. das zeitlos Ethische banalisierend zu verzeitlichen? In Hegels sozialphilosophisch zentralem Begriff der Sittlichkeit wie auch in Habermas’ Konzept der „kommunikativen Vernunft“ sind ausdrücklich das ethische Sollen praktischer Vernunft mit dem kontingenten Sein einer gelebten Erfahrungswelt verbunden. Sie gehen beide davon aus, dass in der geschichtlichen Wirklichkeit die Vernunft waltet. Bei Hegel ist dies die Geschichte als „Fortschritt zur Freiheit“; in Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns ist es die Verständigung als Telos der Sprachgemeinschaften. Sie können bei dieser Verknüpfung der geschichtlichen Wirklichkeit mit dem Ethischen jedoch problemlos an denjenigen Kant anknüpfen, der diese Verbindung, wie oben zitiert, aus praktischen Gründen ausdrücklich gefordert hat.

Der Vorwurf des Missverständnisses, den Schindlbeck gegen Habermas und auch Hegel erhebt, trägt also nur dann, wenn man nicht den ganzen, sondern nur den halben Kant vor Augen hat; denn dieser hat in der Tat klar zwischen dem Reich der Freiheit des Willens und dem Reich der Naturnotwendigkeit unterschieden. Aber der ganze Kant hat seine Bemühungen zugleich darauf gerichtet, diese strikte Trennung im Begriff der Zweckmäßigkeit der Natur oder ihres inhärenten Telos zu überwinden. Hegel und Habermas haben, so das Fazit, Kants Philosophie nicht einfach missverstanden; sie haben es unternommen – wie andere auch – Kants ‚unfertiges System’ auf je ihre Weise besser oder zeitgemäßer zu machen. Ob ihnen das gelungen ist, steht freilich auf einem anderen Blatt.

  1. Vgl. zu diesem Schlussstein der Kantischen Philosophie: Alexander von Pechmann, Autonomie und Autorität. Studien zur Genese des europäischen Denkens, Freiburg/München 2008, 684-700. ↩︎

Schindlbeck – Ethik und Verständigung. Habermas‘ falsch verstandener Kant

Ethik und Verständigung

Jürgen Habermas und sein (falsch verstandener) Kant

von Bernhard Schindlbeck

„Max: das Unbedingte. Es gibt nichts anderes!“ (Theodor W. Adorno, Brief an Max Horkheimer 20.10.1952)

I.

Es gibt also in der Auseinandersetzung um Argumente gar keinen „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“. Diese so schön und friedlich klingende Floskel, um nicht zu sagen: Leerformel, suggeriert nur, dass das Miteinandersprechen (die Sprache) grundsätzlich andere Arten der Auseinandersetzung, etwa die physische (Gewalt), ersetzen würde. Und man fällt gerne auf diese Suggestion herein, besonders dann, wenn sie auch noch den Aufkleber „Vernunft“ bekommt. Denn „vernünftig“ sein will jeder. Vernunft (was immer man darunter versteht) nimmt jeder gerne für sich in Anspruch.

Blickt man etwas genauer auf den Politikbetrieb, findet man kein Beispiel für diesen „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“. Oder soll man das „bessere“ Argument daran erkennen, was sich „durchsetzt“? Das hieße: Wenn in Deutschland eine Partei für ein Tempolimit auf Autobahnen und eine andere Partei dagegen argumentiert, dann hat sich (jedenfalls bisher) die Partei mit dem Argument gegen das Tempolimit durchgesetzt. Wenn sich aber die Güte des Arguments nicht an der faktischen Durchsetzung ablesen lässt, woran dann? Muss die Feststellung, welches Argument das bessere ist, dann etwa auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben werden?

Zwar leitet sich das Wort Parlament aus dem Französischen parler (sprechen) ab. Und in der Tat wird in Parlamenten sehr viel gesprochen. Aber dass in der Politik der parlamentarischen Demokratie die gegensätzlichen Parteien einander durch Sprechen „überzeugen“, ist nur ein überaus gern gepflegter Mythos. (Ein noch schlimmerer Mythos ist die Annahme, es ginge, wie Habermas unermüdlich wiederholt, um Deliberation.) In den Gesprächen (vor allem jenen hinter den Kulissen und verschlossenen Türen) werden Kompromisse geschlossen und Kuhhandel getrieben. Partei A macht bei dem von Partei B geplanten Vorhaben mit, wofür Partei B bei einem Vorschlag von Partei A zustimmen muss. Daran wäre gar nichts auszusetzen, wenn es nicht als ein „Austausch von Argumenten“ und ein „Überzeugen“ ausgegeben würde. Der naive Bürger glaubt so etwas gern, weil es eine Kuschelform des Konflikts darstellt; und richtigen Streit mag der brave Staatsbürger nicht. In politischen Kommentaren heißt es meist, es werde um eine Lösung „gerungen“. Das kann dann alles Mögliche bedeuten, bis hin zum Einsatz von Versprechen, Vergünstigungen, Drohungen, auch Erpressung. Wenn erst das Ergebnis auf dem Tisch liegt, kann man wieder sagen, hier habe sich der “zwanglose Zwang des besseren Arguments“ durchgesetzt. Wie schön, sagen dann alle, wie vernünftig. Denn es geht doch um „unser aller Wohl“ und das „große gemeinsame Ganze“, dem die Vernunft, die Deliberation, das Abwägen der Argumente (zumindest in der Theorie) dienen. Mit Floskeln wie dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ lässt sich eine dubiose Realität erfolgreich schönreden.

Sich darüber empören kann man nur, wenn man vergisst oder nicht bedenkt, dass Beratungsfirmen aller Art auch in der Politik und der Wirtschaft (für diese oder jene oder wieder eine andere Seite) tätig sind und ihren Kunden „Argumente“ liefern, die im öffentlichen Diskurs eine Rolle spielen sollen, also im Dienstleistungssektor längst zu Waren geworden sind. Argumente kann man kaufen.

II.

Hinter der „praktischen Vernunft“, die dem „einzelnen Aktor zugeschrieben“ werde, steht natürlich die Ethik Immanuel Kants, die Habermas durch „kommunikative Vernunft“ überwinden und ablösen zu müssen meint, da sie – wie noch zu sehen sein wird und wie er immer wieder behauptet – angeblich „monologisch“, „monadisch“ oder gar „solipsistisch“ sei.

Habermas trimmt alles möglichst auf Verständigung. Wenn der Folterer seinem Opfer Informationen oder ein Geständnis abpresst, wenn in manchen US-Bundesstaaten der Henker dem Delinquenten befielt, sich unter den Galgen zu stellen oder die Gaskammer zu betreten, dann findet dabei eben Kommunikation und Verständigung statt. Man kann es sogar unter „Kooperation“ subsumieren.

III.

Man könnte nun zusammenfassen, dass es sich in der Auseinandersetzung Hegels und Habermas‘ mit diesem Aspekt von Kants Ethik offenbar nur um ein offenkundiges Missverständnis dergestalt handelt, dass sie irrtümlich glauben, der kategorische Imperativ sei dazu da, Handlungsnormen zu erzeugen, und dieses Missverständnis sei nun geklärt. Die Sache ist aber interessanter.

In der Kritik der praktischen Vernunft dient das Depositum (Eigentum) nur als plausibles Beispiel zur Veranschaulichung der internen Logik des kategorischen Imperativs. Hegels Lakonismus, was denn so schlimm wäre, wenn es kein Eigentum gäbe, kann man (etwa als Kommunist) zustimmen, oder man kann ihn (als Konservativer, Liberaler oder mit sonstiger politischer Intention) als naiv und unreflektiert zurückweisen.

Man kann ihn aber auch für philosophische Zwecke zum Anlass nehmen, darauf hinzuweisen, dass Hegel Kants weiteres Beispiel aus der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (nämlich das oben erwähnte lügenhafte Versprechen) offenbar nicht kannte, denn bei diesem Beispiel ist sein Einwand, wie er ihn im Naturrechtsaufsatz vorbringt, aus logischen Gründen nicht möglich.

Beim Depositum-Beispiel, das ein kategorisches Diebstahlverbot illustriert, hat der Imperativ („Du sollst nicht stehlen.“) eine soziale Institution zur Voraussetzung, nämlich die Existenz von Eigentum. Dieser Imperativ ist also nur in Gesellschaften formulierbar, die Privateigentum kennen. Die Frage, ob Privateigentum wirklich eine transzendentale Kategorie im Sinne Kants und eine notwendige Bedingung für Freiheit ist, kann hier dahingestellt bleiben. (Nur am Rande sei angemerkt: sie ist es nicht.) Wichtig ist nur, dass der Imperativ auf der Gegebenheit einer Voraussetzung aufruht, während das Verbot des lügenhaften Versprechens (bzw. das Lügenverbot) ohne jede Voraussetzung gilt und Hegels Einwand hier also hinfällig ist.

Kant geht es im kategorischen Imperativ darum, ob sich eine Maxime bei Verallgemeinerung selbst „zerstört“, sodass die Handlung (beispielhaft die Lüge oder der Diebstahl) gar nicht mehr möglich ist – oder nicht. Wenn das allgemeine Gesetz heißt, dass man beim Versprechen den anderen belügen soll (d.h. die Absicht haben soll, das Versprechen nicht zu halten), dann ist ein Versprechen (auch ein lügenhaftes Versprechen) rein logisch nicht mehr möglich. Die Verallgemeinerung einer Handlungsmaxime in ein allgemeines gesetzmäßiges Gebot zu stehlen, würde, so Hegel, das Eigentum unmöglich machen, was er unproblematisch findet. Aber diese Argumentation funktioniert nicht beim Beispiel des Lügenverbots aus der Grundlegung. Wahrhaftigkeit hat nämlich keine soziale institutionalisierte Voraussetzung, wie sie das Eigentum hat. Zwar kann man sagen: Wenn es kein Eigentum gäbe, wäre das nicht problematisch. Aber man kann nicht sagen: Wenn es keine Aufrichtigkeit gäbe, wäre das doch nicht problematisch. Ein Gebot zu lügen kann eben nicht „als ein absolutes Sittengesetz ausgesprochen werden“. Das Gebot der Aufrichtigkeit (Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit) hat – anders als das Gebot, nicht zu stehlen – keine institutionalisierte soziale Voraussetzung. Es besteht hier also ein struktureller (und damit kategorialer) Unterschied. Stehlen kann man nur unter der Voraussetzung, dass es Eigentum gibt. Das Lügenverbot, anders gesagt: das unbedingte Gebot der Aufrichtigkeit besteht voraussetzungslos.

Zweifellos bietet also die Grundlegung das bessere und überzeugendere Beispiel zur Veranschaulichung des kategorischen Imperativs. Gleichzeitig wird in der Gegenüberstellung von Depositum und Lüge aber auch klar, dass man bei Maximen unterscheiden muss zwischen solchen, die (möglicherweise unausgesprochene oder unerkannte) sozial-institutionelle Voraussetzungen, d.h. Bedingungen enthalten, und anderen, die selbst völlig voraussetzungs- und bedingungslos, d.h. unbedingt gelten. Es gibt keine andere Handlungsweise, die so voraussetzungslos und so direkt mit der Ursprungsformulierung des kategorischen Imperativs begründet ist, wie aufrichtige Kommunikation. Auch die Diskursethik von Apel und Habermas fordert grundsätzlich Aufrichtigkeit in der Kommunikation, aber bei ihnen bleibt die Forderung unbegründet.

IV.

Man kann, was Kant in der Grundlegung aufweist, als Lügenverbot ausdrücken oder als Betrugsverbot (die Lüge ist ja immer eine Form des Betrugs, nicht nur eine bloße Nichtübereinstimmung von res und intellectus in der Aussage, sondern primär die Absicht, jemanden mit einer Aussage zu hintergehen); das damit kenntlich gemachte Phänomen ist unverkennbar die unmittelbare, allen weiteren sozialen Konstellationen zugrunde liegende interpersonale Beziehung, die hier als das von aller Ethik gemeinte Grundparadigma zutage tritt.

Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die Ethik, insofern sich damit offensichtlich eine Hierarchie von Normen andeutet: es gibt Gebote und Verbote, die möglicherweise anderen vorgeordnet sind. Zumindest eine Norm ist als die bedeutendste ausgewiesen: das Gebot der Aufrichtigkeit ist nicht eine Option neben der Lüge, sondern sie ist die Handlungsweise, von welcher die Lüge, die stets nur als Negation der Ehrlichkeit auftreten kann, parasitär zehrt. Lügen kann man nur, weil es verboten ist. (Dies ist ein einfacher logischer Zusammenhang, den manche Soziologen und Psychologen, die aus Statistiken über die empirische Häufigkeit von Lügen auf deren angebliche soziale Notwendigkeit schließen, gerne übersehen.)

V.

Missverstanden wird der kategorische Imperativ häufig, weil (a) der logische Mechanismus der „Selbstzerstörung“ der Maxime nicht gesehen wird, weil (b) Kants Formulierung „wollen können“ nicht als logisches Können, sondern als wünschen, gutheißen etc. verstanden wird, und weil (c) die Maxime (das Handlungsprinzip des Individuums) intentionalistisch interpretiert wird als Absicht, Wunsch, Begehren oder Interesse.

Wenn dieselbe Sprache sowohl in der Lebenswelt (mit ihrer kommunikativen Vernunft) als auch in den zweckrationalen Systemzusammenhängen (mit ihrer instrumentellen Vernunft) in Erscheinung tritt, dann wird es schwer, beide in der (in beiden Welten stattfindenden) konkreten Lebenspraxis voneinander zu trennen. In welche von beiden gehört das Wartezimmer in der Arztpraxis, das Klassenzimmer in der Schule, die Zelle in der Justizvollzugsanstalt, die Kantine in der Fabrik, die Mensa in der Universität?

Vor eine ähnliche Frage sieht sich auch Kants „praktischer Imperativ“ (die Selbstzweckformel des kategorischen Imperativs) gestellt. Die Forderung „Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst“ ist nur auf den ersten Blick völlig überzeugend. Allerdings tut sich die Frage auf, wo genau in der realen Lebenspraxis die Grenzlinie zwischen „jederzeit zugleich“ und „niemals bloß“ gezogen werden muss. Anerkennt der kapitalistische Arbeitgeber seinen Beschäftigten als Zweck an sich selbst, indem er diesem im Krankheitsfall den Lohn eine bestimmte Zeit lang weiter bezahlt? Oder tut er dies nur aus zweckrationalen Überlegungen, weil er den Arbeiter danach weiter als Mittel gebrauchen will? Die Grenze kann nicht definiert und gezogen werden. Auch nicht zwischen System und Lebenswelt.

VI.

Habermas hat Kants kategorischen Imperativ, dessen Zweck und interne Logik so wenig verstanden wie Hegel. Manche seiner Umformulierungen und Behauptungen über Kant sind aber beinahe absurd. Das liegt daran, dass er im kategorischen Imperativ den Begriff der Maxime (die einer Handlung zugrunde liegt) irrtümlich als Absicht, Motiv, Wunsch oder Interesse einer Person (also intentionalistisch in einem voluntaristischen Sinn) versteht. Damit versteht er auch nicht die innere Logik des kategorischen Imperativs, aus der hervorgeht, ob die Maxime verallgemeinerbar ist oder nicht. Wie gesagt: Kant geht es nur darum, ob eine Maxime bei Verallgemeinerung sich selbst „zerstört“, sodass die Handlung (beispielhaft die Lüge oder der Diebstahl) gar nicht mehr möglich ist – oder ob sie sich nicht zerstört, sodass die Handlung erlaubt ist. Für diese rein logische Prüfung bedarf es einer Kommunikation mit anderen so wenig wie bei dem einfachen Syllogismus „Wenn a größer b und gleichzeitig b größer c, dann ist a größer als c“. Man muss nicht mit anderen sprechen, um zur korrekten Schlussfolgerung zu gelangen.

Aber wie viele andere Kant-Interpreten glaubt Habermas, es gehe um eine Prüfung, ob der Wunsch oder das Interesse der konkreten Person für alle wünschenswert sei. Deshalb wirft er Kant vor, dass sein Moralprinzip monadisch, monologisch oder solipsistisch sei, während doch über die Verallgemeinerung kollektiv gesprochen und verhandelt werden müsse.

Somit meint er, Kants Moralprinzip zu einem Diskursverfahren „reformulieren“ zu müssen. Und er verwechselt (mögliche) Verallgemeinerbarkeit mit (faktischer) Verallgemeinerung. Er glaubt auch, dass der kategorische Imperativ – der ja nur ein Prüfverfahren über die Erlaubtheit einer Handlung ist – ein Gebot erzeuge, das dann für alle gelte.

Den Beginn der „Detranszendentalisierung“ erkennt er vor allem in Hegels Jenaer Phase, in der Sprache, Arbeit und Interaktion (Anerkennung) für Hegel die entscheidende Rolle spielen, und die er schon 1967 im Aufsatz Arbeit und Interaktion. Bemerkungen zu Hegels Jenenser Philosophie des Geistes ausführlich thematisiert hatte. In diesen „Medien“, glaubt Habermas, verorte Hegel das Subjekt ohne Rekurs auf Absolutheit, Unbedingtheit und Noumenalität in den konkreten sozialen Kontexten, in denen die „gemeinsame gültige Praxis“ einer „geteilten Lebensform“ immer schon am Walten sei. Für Hegel war die antike Polis das Muster der durch den „Volksgeist“ etablierten konkreten „Sittlichkeit“ in Gemeinschaft oder Staat (mit der er Kants Ethik ersetzen wollte), und wie Hegel blendet auch Habermas die repressiven Seiten dieser „Sittlichkeit“ aus, etwa wenn er sich blind für Kolonialismus und Sklaverei, für ökonomische Ausbeutung und politische Repression als Bedingung der Möglichkeit der modernen Gesellschaft zeigt. (Wer wissen will, wie sich Hegels „konkrete Sittlichkeit“ im 20. Jahrhundert im ländlichen Raum zeigt, muss nur Peter Fleischmanns Film Jagdszenen aus Niederbayern von 1969 ansehen.)

VII.

Wie so viele sieht auch Habermas nicht, dass es Kant in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten und in der Kritik der praktischen Vernunft nicht um Moral, sondern um die Erklärung von Ethik als Bedingung der Möglichkeit für Normativität (die sich in Recht und Moral konkret, aber kontingent und bislang immer repressiv ausbuchstabiert) geht. Erst in der Metaphysik der Sitten mit der Rechtslehre und der Tugendlehre (zwölf Jahre nach der Grundlegung) entwickelt Kant konkrete Normen des Rechts sowie der Moral. Dass viele davon mehr als dubios sind, wurde bereits erwähnt. In der Ethik weist Kant nach, wie Freiheit – die in der dritten Antinomie der Kritik der reinen Vernunft nur als Möglichkeit ausgewiesen wurde – gedacht werden muss, nämlich als Autonomie und worin diese besteht: in der Selbstgesetzgebung des Subjekts, die in der Orientierung an dem „kategorischer Imperativ“ genannten Sittengesetz besteht.

Es bedarf dazu keines Diskurses und keiner Verhandlungen über eine „kooperative Durchführung einer jeweiligen Argumentation“. Habermas versteht auch den strengen Sinn von Autonomie nicht, den diese bei Kant hat. Er verwendet Wörter, die auch Kant verwendet (Maxime, Verallgemeinerung, Gesetz, Autonomie), aber er meint mit ihnen nicht das, was Kant damit meint. Was Autonomie im empirischen Sinn bedeuten kann, ist entweder fraglich, oder es führt in einen beliebigen Voluntarismus. Dass jedoch Sprache als solche nicht zu leisten im Stande ist, was Habermas ihr zumutet, dass auch Kriegserklärungen unter sprachlicher Verständigung rubriziert werden können, dass der Sprache kein ethisches Apriori, auch kein Wahrhaftigkeitsgebot inhärent ist, wird sofort klar, wenn man sich vergegenwärtigt, inwiefern Habermas Kants transzendentalphilosophische Errungenschaft auf einer (nachmetaphysisch genannten) empirischen Ebene stattfinden lassen will. Das vermeintliche monologische Element Kants ersetzt er dabei durch das Gespräch, in dem sich die Teilnehmer auf gemeinsame Normen einigen. Aber dafür bräuchte er den gesamten Kantischen Apparat überhaupt nicht. (Auch Karl-Otto Apel hat nur eine Umbenennung von „transzendentalphilosophisch“ in „transzendentalpragmatisch“ vorgenommen und dabei der „Kommunikationsgemeinschaft“ ein Apriori unterstellt, das von Kant geborgt war.) Aber die Sprache enttäuscht. Wie Wittgenstein erklärte, sind unsere „Sprachspiele“ mit bestimmten „Lebensformen“ verwoben, und letztere sind immer auch durch Entfremdung, Ausbeutung, Streben nach sinnlosem Reichtum und strukturelle oder manifeste Gewalt charakterisiert. Die Sprache kann dies nur beschreiben – und Alternativen, d.h. Befreiung fordern. Aber letzteres ist kein kommunikatives Apriori.

VIII.

  1. Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Erster Band, Frankfurt/Main 1988, 52 f. ↩︎
  2. Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne, Frankfurt/Main 1989, 291. ↩︎
  3. Jürgen Habermas, Einen unbedingten Sinn zu retten ohne Gott, ist eitel. Reflexionen über einen Satz von Max Horkheimer. In: Matthias Lutz-Bachmann und Gunzelin Schmid-Noerr (Hg), Kritischer Materialismus. Zur Diskussion eines Materialismus der Praxis, München 1991, 125-142, hier 139 f. ↩︎
  4. Jürgen Habermas, Kommunikatives Handeln und detranszendentalisierte Vernunft, Stuttgart 2001, 13. ↩︎
  5. Alex Buri, Hilary Putnam, Frankfurt u. New York 1994, 10. ↩︎
  6. Hans Albert, Traktat über kritische Vernunft, Tübingen 1975, 11 f. ↩︎
  7. Jürgen Habermas, Erläuterungen zur Diskursethik, Frankfurt/Main, 1991, 185-198; hier 195; vergl. Auch: Jürgen Habermas, Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln, Frankfurt/Main, 1983, 105-108. ↩︎
  8. t-online.de/finanzen/aktuelles/wirtschaft/id_101213062/katherina-reiche-ministerium-bestellt-wohl-lobby-argumente-fuer-kraftwerke.html (15.04.2026) ↩︎
  9. spiegel.de/wirtschaft/katherina-reiches-ministerium-bat-enbw-um-argumente-fuer-gaskraftwerke-a-1ce69ada-8eff-444b-a7f9-4eaf4d6e5447 (15.04.2026) ↩︎
  10. Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Erster Band, 187. ↩︎
  11. Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt/Main 1992, 17 f. ↩︎
  12. Jan Philipp Reemtsma, Gewalt und Vertrauen. Grundzüge einer Theorie der Gewalt in der Moderne. In: ders., Gewalt als Lebensform. Zwei Reden, Stuttgart 2016, 29-62, hier 51 und 48. ↩︎
  13. G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Werke (hg. von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel) Band 3, Frankfurt/Main 1977, 148 f. ↩︎
  14. Jürgen Habermas, Wahrheit und Rechtfertigung, Frankfurt/Main 2004, 211. ↩︎
  15. Jürgen Habermas, Erläuterungen zur Diskursethik, Frankfurt/Main 1991, 9-30. ↩︎
  16. Habermas‘ eigenes Fazit ist eine eher moderierend-unverbindliche Stellungnahme: „Zusammenfassend läßt sich sagen, daß sich Hegels Einwände weniger gegen die reformulierte Kantische Ethik selber richten als vielmehr gegen einige, auch von der Diskursethik nicht auf Anhieb gelöste Folgeprobleme …“; a.a.O., 28. ↩︎
  17. G. W. F. Hegel, Über die wissenschaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts, seine Stelle in der praktischen Philosophie und sein Verhältnis zu den positiven Rechtswissenschaften, in: ders., Werke (hg. von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel) Band 2, Frankfurt/Main 1986, 462. ↩︎
  18. ebd., 461. ↩︎
  19. Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, AA, 421. ↩︎
  20. ebd., 403. ↩︎
  21. Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, AA, 27. ↩︎
  22. Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, A 445 / B 478. ↩︎
  23. Immanuel Kant, Grundlegung, a.a.O., 421. ↩︎
  24. ebd., 429. ↩︎
  25. ebd., 428. ↩︎
  26. Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen (1932), Berlin 1991, 55. ↩︎
  27. Markus Gabriel, Moralische Tatsachen. Warum sie existieren und wie wir sie erkennen können, München 2025, 10. ↩︎
  28. Georg Geismann, Kant und kein Ende. Band 1: Studien zur Moral-, Religions- und Geschichtsphilosophie, Würzburg 2009, 197-206. ↩︎
  29. Hegel, a.a.O., 461. ↩︎
  30. Hegel, a.a.O., 462. ↩︎
  31. ebd.; Hegel übernimmt hier den Wortlaut „indem ein solches Prinzip als Gesetz sich selbst vernichten würde“
    aus der Kritik der praktischen Vernunft (§ 4, Anmerkung). ↩︎
  32. Auf die Frage, inwieweit diese Begründung als gelungen zu betrachten ist oder nicht, kann hier nicht eingegangen werden. Vgl. dazu etwa Manfred Brocker, Kants Besitzlehre. Zur Problematik einer transzendentalphilosophischen Eigentumslehre, Würzburg 1987; Wolfgang Kersting, Recht, Gerechtigkeit und demokratische Tugend. Abhandlungen zur praktischen Philosophie der Gegenwart, Frankfurt/Main 1997; Rainer Friedrich, Eigentum und Staatsbegründung in Kants Metaphysik der Sitten, Berlin u. New York 2004; Peter Unruh, Die vernunftrechtliche Eigentumsbegründung bei Kant. In: Andreas Eckl und Bern Ludwig (Hg), Was ist Eigentum? Philosophische Positionen von Platon bis Habermas, München 2005, 133-147. ↩︎
  33. Immanuel Kant, Grundlegung, a.a.O., 421. ↩︎
  34. Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, Werkausgabe Band VIII, hg. von Wilhelm Weischedel, Frankfurt/Main 1989, 331. ↩︎
  35. Immanuel Kant, Grundlegung, a.a.O., 421. ↩︎
  36. Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, a.a.O., 453. ↩︎
  37. ebd., 345. ↩︎
  38. ebd., 433. ↩︎
  39. Ein häufiges (weiter unten erklärtes) Missverständnis besteht darin, dass die Verallgemeinerbarkeit (das „Wollen können“ der Verallgemeinerung) nicht logisch verstanden wird, sondern von den zeitlichen Folgen her. Dann sagt man: Wenn jedermann mordet, gibt es bald niemanden mehr, den man ermorden könnte; und dann ist das Morden nicht mehr möglich. ↩︎
  40. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (1947), Frankfurt/Main 1971, 107. ↩︎
  41. Jürgen Habermas, Einen unbedingten Sinn zu retten ohne Gott, ist eitel. Reflexionen über einen Satz von Max Horkheimer. In: Matthias Lutz-Bachmann u. Gunzelin Schmid Noerr (Hg), Kritischer Materialismus. Zur Diskussion eines Materialismus der Praxis, München 1991, 125-142, hier 126. ↩︎
  42. Jürgen Habermas, Wahrheit und Rechtfertigung, 11. ↩︎
  43. Jürgen Habermas, Arbeit und Interaktion. Bemerkungen zu Hegels Jenenser Philosophie des Geistes. In: ders., Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘, Frankfurt/Main 1968, 9-47. ↩︎
  44. ethikos 11. Arbeitsbuch für den Ethikunterricht in der Oberstufe, München 2009, 62. ↩︎
  45. Kant für Anfänger. Der kategorische Imperativ. Eine Lese-Einführung von Ralf Ludwig, München 1995, 74. ↩︎
  46. Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt/Main 1992, 18. ↩︎
  47. Jürgen Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze, Frankfurt/Main 2009, 52. ↩︎
  48. Reinhard Brandt, Immanuel Kant – Was bleibt?, Hamburg 2010, 90. ↩︎
  49. Jürgen Habermas, Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politischen Theorie, Frankfurt/Main 1997, 65. ↩︎
  50. ebd. ↩︎
  51. Jürgen Habermas, Erläuterungen zur Diskursethik, a.a.O., 145. ↩︎
  52. Thomas McCarthy, Kritik der Verständigungsverhältnisse, Frankfurt/Main 1980, 371; zit. nach: Jürgen Habermas, Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, Frankfurt/Main 1983, 77. ↩︎
  53. Jürgen Habermas, Erläuterungen zur Diskursethik, a.a.O., 145. ↩︎
  54. Jürgen Habermas, Wahrheit und Rechtfertigung, Frankfurt/Main 2004, 186. ↩︎
  55. ebd. ↩︎
  56. Jürgen Habermas, Arbeit und Interaktion, 21. ↩︎
  57. ebd. (Kant-Zitat, Grundlegung, AA, 447) ↩︎
  58. Immanuel Kant, Grundlegung, AA, 39. ↩︎
  59. Jürgen Habermas, Wahrheit und Rechtfertigung, 186, a.a.O., 196 und öfter. ↩︎
  60. Ernst Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation. In: ders., Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Frankfurt/Main 1991, 92-114, hier 112. ↩︎
  61. Carl Schmitt, Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität (2. Aufl. 1934), Berlin 1990, 49. ↩︎
  62. Jürgen Habermas, Einen unbedingten Sinn zu retten ohne Gott, ist eitel. Reflexionen über einen Satz von Max Horkheimer, a.a.O., 139. ↩︎
  63. ebd. ↩︎
  64. Jürgen Habermas, Vorpolitische Grundlagen des demokratischen Rechtsstaates? In: ders., Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt/Main 2005, 106-118, hier 118. ↩︎
  65. Michael Roseneck, Annette Langner-Pitschmann, Tobias Müller (Hg), Den Diskurs bestreiten. Religion im Spannungsfeld zwischen Erfahrung und Begriff, Baden-Baden 2025. ↩︎
  66. Christian Geyer, Wie niedrig soll die Schwelle sein?, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.11.2025, 9. ↩︎
  67. Emmanuel Lévinas, Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität (1961), München 2002; ders., Die Spur des Anderen, Freiburg/München 1983. Auch Sartres Analysen zum Blick und Erblickt-werden in Das Sein und das Nichts (Reinbek/Hamburg 1962, 338-397) bieten Ansätze in dieser Richtung. ↩︎
  68. Emmanuel Lévinas, Totalität und Unendlichkeit, a.a.O., 285. ↩︎
  69. Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, In: MEW 1, 385. ↩︎
  70. Emmanuel Lévinas, Totalität und Unendlichkeit, a.a.O., 286. ↩︎

Heidlberger – Der Weg in die Unfreiheit. Trump und Putin

Der Weg in die Unfreiheit

Die Kulturrevolution der 1960er-Jahre und der nationalistische Backlash. Trump und Putin als Führer einer antiliberalen Konterrevolution

von Bruno Heidlberger

Der Text analysiert den Aufstieg Donald Trumps und die Radikalisierung der Republikanischen Partei als Ergebnis einer langfristigen ideologischen Entwicklung, deren zentrales Feindbild die gesellschaftlichen Liberalisierungen der 1960er-Jahre sind. „1968“ fungiert dabei als Chiffre für Werteverfall, Verlust weißer, christlicher Vorherrschaft und den Bruch mit traditionellen Macht- und Gesellschaftsordnungen. Ausgehend von der Gegenwehr gegen Roosevelts New Deal über den Widerstand gegen die Bürgerrechtsbewegung bis hin zur bewussten Mobilisierung rassistischer Ressentiments entwickelte sich eine politische Strategie, die auf Polarisierung, Feindbilder und Normbruch setzte. Mit Donald Trump erreicht diese Entwicklung ihren Höhepunkt und schlägt in offene autoritäre Politik um. Zugleich wird der Trumpismus als Teil einer globalen antiliberalen Konterrevolution verstanden, die Akteure wie die AfD, autoritäre Regime und techno-rechtslibertäre Eliten verbindet. Die Analyse zeigt die Gefahren für liberale Demokratien und betont die Notwendigkeit ihrer transnationalen Verteidigung. Der Autor warnt vor einem transnationalen Schulterschluss rechtsradikaler Bewegungen, die Demokratie und Menschenrechte infrage stellen und Elemente des historischen Faschismus reaktivieren.

1968 als Feindbild: Kulturkampf und Gegenrevolution

Die Präsidentschaft von Donald Trump ist kein Betriebsunfall der Geschichte, erklärt die Amerika-Expertin Annika Brockschmidt in ihrem 2024 erschienenen Buch Die Brandstifter. Wie Extremisten die Republikanische Partei übernahmen.1 Sie vertritt darin die These, der Aufstieg Trumps sei der vorläufige Tiefpunkt einer langen ideologischen Entwicklung innerhalb der Republikanischen Partei. Diese Entwicklung setzte spätestens mit dem Antikommunismus der McCarthy-Ära der 1950er Jahre ein. Die ideologische Brandstiftung habe lange vor Donald Trumps Erscheinen auf der politischen Bühne in der USA begonnen.

Ihren Ursprung nahm die Radikalisierung vor 90 Jahren – im Kampf gegen Roosevelts New Deal. Für die „Alte Rechte“ galten die Sozialreformen Roosevelts als kommunistische Subversion „mit dem Ziel, Amerika in den Abgrund zu treiben.“ (Brockschmidt, 17) Sie bestand vor allem aus reichen Geschäftsmännern, die eigens angeheuerte Milizen zum Teil gewaltsam gegen Gewerkschaften vorgehen ließen, und verstand sich als gegenrevolutionäre Bewegung. Die Radikalisierung der Republikanischen Partei setzte sich fort mit den Erfolgen der antirassistischen sozialen Bürgerrechtsbewegung (Civil Rights Movement) der 1950er und 1960er Jahre. Ihr damals führender Kopf, Barry Goldwater, sprach sich gegen den Civil Rights Act von 1964 aus, der Diskriminierung aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit, Hautfarbe, Religion und Geschlecht untersagte. Er lehnte die Einführung einer staatlichen Krankenversicherung für Behinderte, ältere Menschen und Bedürftige als „sozialisierte Medizin“ ab, bekämpfte die Gewerkschaften und war Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei, der dem äußersten rechten Flügel zugeordnet wurde. Seine Ablehnung des Gesetzes teilte er mit weiteren prominenten Akteuren aus dem rechtslibertären Lager. Auch der bekannte Ökonom Milton Friedman sprach sich gegen die Bürgerrechtsgesetzgebung aus, ebenso William F. Buckley (Berg, 61), Sohn eines Millionärs und Galionsfigur des amerikanischen Konservatismus. Was Buckley mit der späteren White Power Bewegung verband, war die Überzeugung, dass die Überlegenheit der weißen Rasse nicht nur politisch und kulturell, sondern auch biologisch begründet sei. Die demographische Entwicklung in den USA lief vor allem gegen die christlichen Konservativen in der amerikanischen Rechten, die immer offener den Erhalt der weißen und christlich-konservativen Vorherrschaft über den Schutz der demokratischen Verfassung stellten. Wahlen galten nur so lange als legitim, solange die weiße, christliche Vorherrschaft politisch wie kulturell nicht bedroht wird.

„Auch wenn viele Hoffnungen unerfüllt blieben und es zu ideologischen Übertreibungen kam: die Sixties markieren in dieser Hinsicht eine epochale Zensur, die der amerikanischen Gesellschaft und den westlichen Gesellschaften insgesamt eine nachhaltige Emanzipation und einen Liberalisierungsschub bescherte“,2 notiert der Historiker Manfred Berg. In der Wahrnehmung amerikanischer Konservativer hingegen galten die Sechzigerjahre stets als Symbol eines tiefgreifenden Werteverfalls: Religion, Moral, Familie und Patriotismus seien damals untergraben worden, während die Epoche zugleich als von Hedonismus, Drogenmissbrauch und sexueller Freizügigkeit geprägt verurteilt wurde. Für den republikanischen Abgeordneten Dick Armey aus Texas stand fest: „Alle Probleme begannen in den Sixties“ (112). Als die reichste und modernste kapitalistische Industriegesellschaft waren die USA Vorreiter und Vorbild der Kulturrevolution, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in allen westlichen Industrienation vollzog. Die Kulturrevolution der Sixties war im Kern ein „Triumph des Individuums über die Gesellschaft“ (Eric Hobsbawn), „der zwar willkommene Liberalisierungsgewinne gebracht, aber auch traditionelle Strukturen der Solidarität untergraben und dem Neoliberalismus den Weg geebnet“ hat (114).

Eine Partei für Weiße – Radikalisierung als Mobilisierungsstrategie

Extreme Gruppen der amerikanischen Rechten, radikalisierte Konservative und christliche Extremisten, arbeiten seit Jahrzehnten an einer national-konservativen Revolution (18); nun ist sie da. Seit dem 6. Januar 2021, der organisierten Entfesselung der Gewalt im Sturm auf das Capitol, befindet sich die Republikanische Partei in einer Radikalisierungsspirale. Republikanische Politiker äußern seither offen Gewaltfantasien. So verbreitete Paul Gosar im November 2021 ein Anime-Video, in dem er seine Kollegin, die Demokratin Alexandria Ocasio-Cortes, mit einem Schwert erstach und Präsident Biden mit zwei Schwertern angriff. Parteiinterne oder strafrechtliche Folgen hatte das nicht (19).

Triumph der globalen Rechten und geopolitische Verschiebungen

Project 2025: Trumps Weg in den autoritären Staat

Trump gelingt es, wie schon den Republikanern in den 1990er Jahren, mit Kulturkampf von der sozialen Frage abzulenken, die Staatskasse zu plündern und fast allen, außer etwa einem Prozent der Amerikaner, zu schaden, während die meisten sich als Gewinner fühlen. Seine Politik ist wie ein Rachefeldzug gegen die ganze Welt – eine Realityshow, die den Schmerz anderer sichtbar machen will. Trump nutzt Ressentiments, Neid und Hass und markiert Feinde und Sündenböcke. Ja, der autoritäre Charakter ist wieder da. Er dämonisiert Migranten, Feminismus, Gender, Transgender, Queer, die EU und politische Gegner. Trump will eine Welt, in der er die Regeln diktiert, seinen Reichtum und seine Macht vermehrt. Snyder nennt dies „Sadopopulismus“ (290f.).

Die neue autoritär-libertäre Internationale: Techno-Eliten, MAGA und AfD

Ein besonders ausgeprägter Pronatalismus geht häufig mit rechtsextremen oder streng religiösen Ansichten Hand in Hand, wenn es darum geht, „unser Volk“ vor Untergang oder Überfremdung zu schützen. Typischerweise geht diese Haltung einher mit einer aggressiven Ablehnung von Abtreibung, Feminismus sowie LGBTQ-Bewegungen. Orbán ruft zur Fortpflanzung auf, um eine „gemischtrassige“ Gesellschaft zu vermeiden. Die russische Duma verbietet Werbung für Kinderlosigkeit. Die angebliche Menschheitssorge verschmilzt hier mit elitärer Überheblichkeit: Musk sieht sich als Mustermenschen einer schutzbedürftigen Zivilisation und streut seine Gene. Die New York Times berichtet, er habe Sperma für eine Marskolonie bereitgestellt.

Niedergang und Absturz der Vernunft. Der Tod der Wahrheit

Steve Bannon wusste, wie schon der italienische Kommunist Antonio Gramsci, wer die Politik verändern will, muss die kulturelle Hegemonie, die Deutungshoheit über die Wörter, erlangen.

Autoritäre Allianzen: Die AfD zwischen Trump, Orbán und Putin

Die Rückkehr der Lagerlogik und Krieg im Inneren:
Wie Trump Deportation, Militär und Angst zur Herrschaftssicherung nutzt

Das ICE will Lagerhallen zu Gefängnissen machen. Geplant sind eine Million Abschiebungen pro Jahr. Es hält 73.000 Menschen in Gewahrsam, so viele wie noch nie seit seiner Gründung; 31 Menschen starben 2025 im ICE-Gewahrsam. 60 % der 330.000 Festgenommenen aus den vergangenen zwölf Monaten haben keine Straftat begangen, leben legal im Land und arbeiten, zahlen Steuern und haben zumindest ein laufendes Asylverfahren. (Elmar Theveßen: Markus Lanz, 27.1.26)

Ausrotten wie Ungeziefer“.
Führerkult, Entmenschlichung und Gewalt: Faschistische Muster im Trumpismus

Donald Trump inszeniert sich als politischer Führer, der Moral und Recht in seiner Person vereint und sich als von Gott berufener Retter Amerikas versteht. Wer glaubt, nur der eigenen Moral verpflichtet zu sein, stellt sich faktisch über das Gesetz – ein Prinzip, das an faschistische Ideologien erinnert. Faschistische Bewegungen zeichnen sich durch einen ausgeprägten Personenkult aus. Auch die Überhöhung der eigenen Nation – etwa im Sinne von „America First“ oder der Bevorzugung weißer Amerikaner – gilt neben dem Führerprinzip als typisches faschistisches Element. Wenn Trump davon spricht, Migranten würden das „amerikanische Blut vergiften“, bedient er sich einer Rhetorik, die an völkisch-nationalistische Vorstellungen erinnert. Kennzeichen solcher Ideologien sind Personenkult, radikaler Nationalismus und die Ausgrenzung vermeintlicher „innerer Feinde“. Migranten haben in den USA zunehmend eingeschränkten Zugang zu rechtsstaatlichen Verfahren. Berichte über aggressive Vorgehensweisen von ICE-Einheiten, Hausdurchsuchungen ohne richterliche Anordnung und Abschiebungen in Länder wie El Salvador widersprechen rechtsstaatlichen Prinzipien. Miller hat ICE faktisch in eine Geheimpolizei verwandelt, die niemandem gegenüber rechenschaftspflichtig ist. Zugleich entstehen vielerorts neue Haftzentren. Konzepte wie eine an Abstammung gebundene Staatsbürgerschaft oder die Aushöhlung rechtsstaatlicher Garantien gelten historisch als Kennzeichen autoritärer und faschistischer Systeme. Auch Trumps jüngst verbreitetes Video über das Ehepaar Obama wird von Kritikern als Ausdruck eines aggressiven, rassistisch aufgeladenen Nationalismus gewertet, der sich gegen vermeintliche „innere Feinde“ richtet.

Zur Ideologie des Faschismus gehört auch die Verherrlichung von Gewalt gegen politische Gegner. Sie bildet ein konstitutives Kernelement und ist das zentrale Mittel, mit dem faschistische Bewegungen ihre Politik durchsetzen. Dennoch: Trump ist nicht Hitler. In den USA haben wir einen faschistischen Präsidenten und eine faschistische MAGA-Bewegung, aber noch keinen faschistischen Staat und keine faschistische Gesellschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg trugen gerade die USA in den Nürnberger Prozessen maßgeblich zur Entwicklung eines internationalen Rechts bei, das faschistische Verbrechen dauerhaft ahnden und verhindern sollte – im Namen des Rechts jedes Menschen, unabhängig von Herkunft oder Religion, in Frieden und Würde zu leben. Dieser demokratische Geist ist in den USA noch sehr lebendig.

Warum moderne Gesellschaften Barbarei hervorbringen

In Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft beschreibt Arendt jene totalitäre Dynamik des 20. Jahrhunderts, die immer mehr Menschen überflüssig macht. Im Überflüssigmachen von Menschen sah Hannah Arendt die größte Gefahr und das größte Übel der modernen Gesellschaft. Immer mehr Menschen verlassen ihre Heimat vor Krieg, Gewalt, Menschenrechtsverletzungen, Armut, Hunger und Klimawandel. Mit der russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022 stieg die Zahl mittlerweile auf über 100 Millionen Menschen an. In einer Welt utilitaristisch und technizistisch verengter Wachstumsprozesse sah die Philosophin das größte Übel neuzeitlicher Weltentfremdung. Die besondere Aktualität Arendts ergibt sich aus ihren Analysen der Moderne, wie sie sie vor allem in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft entwickelt hat. Hier spielen drei Elemente – Antisemitismus, Imperialismus und Rassismus – eine zentrale Rolle für den Problemkomplex, für den die Nazis eine schreckliche „Lösung“ boten. Richard Sennett, Schüler Hannah Arendts, zeigt in seiner Schrift „Die Kultur des neuen Kapitalismus“, dass die 1990er New Economy eine tiefgreifende Wirkung auf Gesellschaft und Individuum hatte. Er warnt, dass weltweit durch Ökonomie und Politik massenhaft als „überflüssig” wahrgenommene Menschen erzeugt werden – etwa junge Arbeitslose in Spanien, Griechenland, Portugal oder Obdachlose in Slums in Afrika und Asien. Das kapitalistische System erzeugt kontinuierlich überflüssige Menschen, die nicht gebraucht werden oder vor den Folgen des Klimawandels ihre Heimat verlassen müssen.

Eine Welt im Umbruch: Trumps Revisionismus und Europas Verantwortung

Im Weißen Haus regiert ein Präsident der Gesetzlosigkeit, ein Intuitions- und Machtpolitiker, der Unordnung und Chaos stiftet. Die USA können nicht mehr als Garant und Stabilisator einer stabilen Ordnung verstanden werden, sondern sind das größte Raubtier im Dschungel. Mit seiner merkantilistischen Zollpolitik könnte Trump, ähnlich wie US-Präsident Herbert Hoover 1930, internationale Wirtschaftskrisen verschärfen und politische Radikalisierung begünstigen. Am Ende könnte Trump Europa aber sogar stärken, wenn es sich nicht auseinanderdividieren lässt und mit anderen zusammenschließt.

Joe Biden warnte in seiner Abschiedsrede an die Nation vor einer Oligarchie der Superreichen. Die heutigen Formen des oligarchischen Postfaschismus verbinden in unterschiedlichsten Varianten ethnischen und religiösen Fundamentalismus, Paläolibertarismus, Tech-Plutokratie und Big-Tech, die auf den Mythos nationaler Wiederauferstehung zielen. Carl Schmitts Freund-Feind-Denken und die Verbindung von Antiliberalismus und Technik haben schon einmal ins Verderben geführt. Schon einmal hat Trump mit dem Sturm auf das Capitol gezeigt, wie weit er bereit ist, zu gehen, trotzdem wurde er ein zweites Mal gewählt. Ob wir uns heute in der Gründungsphase neuer Diktaturen befinden und diese dann ähnliche Schritte wie der historische Faschismus gehen werden, bleibt offen. Die Zukunft bleibt offen.

Autoritäre Versuchungen: Warum der Liberalismus sich erneuern muss

Autor:

Dr. phil., Philosoph und Politikwissenschaftler mit Lehraufträgen an der Technischen Universität Berlin, der Brandenburgischen Technischen Universität (MHB), der Humboldt-Universität zu Berlin und der Freien Universität Berlin. Er hat Essays und Rezensionen in philosophischen, psychologischen und politischen Zeitschriften veröffentlicht. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen „Wohin geht unsere offene Gesellschaft? 1968 – Ihr Erbe und ihre Feinde“ (Logos Verlag Berlin 2019).Freiheit neu denken mit Hannah Arendt: Die Gefahren der Selbstzerstörung von Demokratien (transcript 2023).

  1. Annika Brockschmidt, Die Brandstifter. Wie Extremisten die Republikanische Partei übernahmen, 2024 Bonn. ↩︎
  2. Manfred Berg, Das gespaltene Haus. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von 1950 bis Heute, Stuttgart 2024, 111. ↩︎
  3. Jörg Meuthen: Rede auf dem AfD Parteitag in Stuttgart vom 30.04.2016. ↩︎
  4. Wolfgang Kraushaar, 1968. Stuttgart 2018. 18. ↩︎
  5. Meredith Haaf im Interview mit Mark Lilla: Vorwärts in die Vergangenheit, SZ 29.11.16, 13. ↩︎
  6. Manfred Berg: Wut, Recht und Ordnung, Die Zeit, Nr. 44, 25.10.18, 20. ↩︎
  7. Vgl. Steven Levinsky, Daniel Ziblatt, Die Tyrannei der Minderheit, Bonn 2024, 115. ↩︎
  8. Annika Brockschmidt, „Die Brandstifter“ – Trump fiel nicht vom Himmel, von Michael Kuhlmann. deutschlandfunkkultur.de/brockschmidt-republikaner-usa-rechts-100.html ↩︎
  9. Interview mit Daniel Ziblatt: „Das hier ist keinesfalls schon das Ende“, Die Zeit, 8.1.21. zeit.de/politik/ausland/2021-01/daniel-ziblatt-us-demokratie-ausschreitungen-washington ↩︎
  10. Frauke Steffens, Wie Trump die Civil-Rights-Ära abwickelt, FAZ, Nr. 45, 23.2.26, 11. ↩︎
  11. Interview von Michael Wiederstein mit Timothy Garton Ash, Die antiliberale Konterrevolution. schweizermonat.ch/die-antiliberale-konterrevolution/# ↩︎
  12. siehe: x.com/simsalamaya/status/2019521736681652299?s=46&t=X5BwIMJjop-1RM64TA7VPA. ↩︎
  13. Nafeez Ahmed, Steve Bannon Offered Trump´s MAGA as Shield for Jeffrey Epstein, 14.11.25. bylinetimes.com/2025/11/14/steve-bannon-offered-trumps-maga-as-shield-for-jeffrey-epstein/ ↩︎
  14. Manfred Berg, Das gespaltene Haus. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von 1950 bis heute, Stuttgart 2024, 306. ↩︎
  15. Alexander Dugin, Die Ideologie des Trumpismus wird die USA und die Welt verändern (Teil I), Pravda, DE, 17.1.25.
    deutsch.news-pravda.com/world/2025/01/17/287392.html. ↩︎
  16. How Russian politicians, pundits, and Z-bloggers reacted to Donald Trump’s election win, 1:43 pm, 6.11.24. meduza.io/en/feature/2024/11/06/russian-politicians-and-pundits-react-to-donald-trump-s-election-win. ↩︎
  17. H.A. Winkler, We are at the beginning of a highly dangerous phase in world history. Die Zeit, Nr. 50, 28.11.2024, 45. ↩︎
  18. David A. Graham, Wir haben die Blaupause für das, was Trump tun wird. Die Zeit, Nr. 18., 30.4.25, 2. ↩︎
  19. Timothy Snyder, Der Weg in die Unfreiheit. Russland, Europa, Amerika, München 2018, 18. ↩︎
  20. Interview mit Gabriel Zucman: „Superreiche können die Demokratie gefährden“. In: SZ 3.2.26, 15. ↩︎
  21. jamestalarico.com/why-im-running/ ↩︎
  22. Susan C. Stokes, The Backsliders. Why Leaders Undermine Their Own Democracies, Princeton University Press, 2025. ↩︎
  23. tagesschau.de/ausland/amerika/usa-sicherheitsdoktrin-europa-100.html. ↩︎
  24. x.com/faktencheck2030/status/2013658685197685001?s=46&t=X5BwIMJjop-1RM64TA7VPA. ↩︎
  25. x.com/realjakebroe/status/2004022028631003519?s=46&t=X5BwIMJjop-1RM64TA7VPA ↩︎
  26. Anne Applebaum, Dieses Amerika hat Europa zum Feind erklärt, FAZ, 22.12.25, 12. ↩︎
  27. washingtonmonthly.com/2026/01/13/stephen-miller-starship-troopers-worldview/ ↩︎
  28. nytimes.com/2025/07/11/podcasts/interesting-times-a-mind-bending-conversation-with-peter-thiel.html. ↩︎
  29. Heinrich Geiselberger: Oben rechts. Rechtspopulismus als Klassenprojekt, Berlin 2026. ↩︎
  30. Passender als Libertarismus wäre der Begriff „Proprietarismus“. Er bezeichnet nach Andreas Kemper eine Ideologie, die ultrakapitalistisches Privateigentum verherrlicht und sich mit rechten Kulturströmungen vernetzt. Siehe: klassismus.de/index.php?title=Proprietarismus ↩︎
  31. Vance macht Europa schwere Vorwürfe, Tagesschau 14.2.25. tagesschau.de/ausland/europa/vance-sicherheitskonferenz-102.html. ↩︎
  32. Christoph Debets mit AP: Deutschland verkappte Tyrannei. – US-Außenminister Rubio zur AfD-Einstufung. de.euronews.com/my-europe/2025/05/03/deutschland-verkappte-tyrannei-us-aussenminister-rubio-zu-afd-einstufung ↩︎
  33. Carl Schmitt: Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus, 3. Aufl., Berlin 1926, 14. ↩︎
  34. stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kinderreichtum-das-ziel-14-kinder-und-mehr.8081ce24-c9eb-43a5-9712-5a917295d96c.html ↩︎
  35. Thomas Thiel: Lunch mit Lord Voldemort, FAZ, 27.2.26, 11. ↩︎
  36. Charlotte Wald, Geschockt, aber nicht hilflos, Die Zeit, Nr.6, 6.2.25, 33. ↩︎
  37. Jason Stanley, Wie Faschismus funktioniert, Neu-Isenburg 2024, 67. ↩︎
  38. Gabor Halasz, Gespräch ohne Widerspruch, 9.1.25. tagesschau.de/inland/bundestagswahl/parteien/weidel-musk-100.html ↩︎
  39. Vgl. Volker Weiß, Das Deutsche demokratische Reich. Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört, Stuttgart 2025, 141. ↩︎
  40. Der Spiegel: Erste Kabinettssitzung der zweiten Trump-Regierung. Als Musk auf seinen Holzkopf klopfte, 27.2.25. spiegel.de/ausland/donald-trump-die-eu-wurde-gegruendet-um-die-usa-zu-bescheissen-a-1a4ad558-df0f-47ca-a112-d7be6fa22f50. ↩︎
  41. Merz bei Trump. Die fünf wichtigsten Erkenntnisse des Besuchs. In: SZ, 5.6.25. sueddeutsche.de/projekte/ artikel/politik/merz-trump-washington-e277546/ ↩︎
  42. de.euronews.com/2025/12/17/putin-europaische-schweine. ↩︎
  43. magyarnemetintezet.hu/de/rovid-hir/cpac-hungary-2025. ↩︎
  44. tagesschau.de/inland/bundestagswahl/parteien/afd-parteitag-324.html. ↩︎
  45. youtube.com/watch?v=HqBZqlR-s1M&t=10s ↩︎
  46. Till Eckert, Niclas Fiegert: Neue Rechte. Trumps Freunde bei der AfD. correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/11/08/trumps-freunde-bei-der-afd/ ↩︎
  47. Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 2023, 977. ↩︎
  48. Georg Seeßlen, Trump & Co. Der un/aufhaltsame Weg des Westens in die Anti-Demokratie, Bonn 2025, 9. ↩︎
  49. x.com/rpsagainsttrump/status/2018888609919807679?s=46&t=X5BwIMJjop-1RM64TA7VPA. ↩︎
  50. x.com/daractenus/status/2018807871648207330?s=46&t=X5BwIMJjop-1RM64TA7VPA. ↩︎
  51. x.com/allenanalysis/status/2019136306899796203?s=46&t=X5BwIMJjop-1RM64TA7VPA ↩︎
  52. D. Dillmann, Donald Trump bedient sich erneut bei Adolf Hitlers Wortschatz, FR, 15.1.24. ↩︎
  53. sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/trump-usa-minneapolis-timothy-snyder-ice-tote-proteste-e846140/?reduced=true# ↩︎
  54. Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey, Demokratischer Faschismus. jacobin.de/artikel/demokratie-faschismus-oliver-nachtwey-carolin-amlinger ↩︎
  55. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 1998, 614. ↩︎
  56. Gottfried Feder, Das Programm der NSDAP, München 1932, 19. ↩︎
  57. ytimes.com/video/opinion/100000010244372/peter-thiel-and-the-antichrist.html. ↩︎
  58. Gerd Habermann, Folge Dir selbst Nietzsche und der Liberalismus. In: ef-magazin.de/2010/05/08/2101-folge-dir-selbst-nietzsche-und-der-liberalismus ↩︎
  59. handelsblatt.com/politik/deutschland/friedrich-merz-die-muenchner-rede-des-bundeskanzlers-im-wortlaut/100200212.html. ↩︎
  60. handelsblatt.com/politik/international/muenchner-sicherheitskonferenz-kallas-europa-bashing-in-den-usa-sehr-in-mode/100198815.html ↩︎
  61. Heinrich August Winkler, Ein Bruch wäre Verrat, Die Zeit, Nr. 5, 29.1.26, 40. ↩︎
  62. tagesspiegel.de/internationales/weitgehend-ubereinstimmend-mit-unserer-vision-russland-begrusst-die-neue-us-sicherheitsstrategie-15027498.html. ↩︎
  63. Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, Berlin 2025, 311. ↩︎
  64. Arlie Russell Hochschild, Geraubter Stolz, Hamburger Edition, 2025. ↩︎
  65. Aleida Assmann, Jan Assmann, Gemeinsinn. Der sechste soziale Sinn, München 2024, 227. ↩︎
  66. Jürgen Habermas: Philosophisch-politische Profile, Frankfurt/Main 1981, 227. ↩︎

Das Klima. Geschichte des Begriffs (IV)

Das Klima. Geschichte des Begriffs, 4. Teil

von Alexander von Pechmann

Der „Klimawandel“

Die bisher beschriebene, sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts herausbildende Wissenschaft vom Klima möchte ich die „klassische“ nennen. Denn sie setzt, wie gesehen, bei der Erforschung der klimatischen Prozesse voraus, dass die Erdtemperatur gleich bleibt bzw. das Klimasystem seine Stabilität selbst herstellt. Ihr liegt in wissenschaftlicher Gestalt das alte Bild zugrunde, dass die uns umgebende Natur in all ihrer Vielfalt und Unvorhersehbarkeit sich letztlich doch gleich bleibt. Es veranlasste Herder, in der scheinbar chaotischen Vielfalt eine ordnend wirkende Kraft zu erkennen, und auch Humboldt, durch die Betrachtung des Einzelnen „den Geist der Natur zu ergreifen, welcher unter der Decke der Erscheinungen verhüllt liegt“. Die Definition des Erdklimas als der konstanten durchschnittlichen Erdtemperatur verwissenschaftlichte gleichsam das traditionelle Urvertrauen in die grundsätzliche Stabilität und Zirkularität der uns umgebenden Natur. Sie bildete den bleibenden „Hintergrund, die ‚Kulisse’ menschlicher Geschichte“1.

Der in der Tat weltgeschichtliche Bruch setzte mit der schmerzlichen, erst allmählich gewonnenen Erkenntnis ein, dass der Wärmehaushalt des Klimasystems nicht mehr stabil ist, sondern dass die Wärme rasch zunimmt, und dass diese Erwärmung unabsehbare Folgen für das Erdsystem und damit auch für die künftigen Generationen haben wird. Diese Erkenntnis war freilich das Resultat einer langen und in der Gegenwart schließlich heftig geführten Debatte erst innerhalb, dann auch außerhalb der Klimawissenschaften. In dieser Debatte ging es nicht nur um die Klärung wissenschaftlicher Probleme, sondern schließlich auch um die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis und Verhalten des Menschen zur Natur. Denn in ihrem Zentrum stand das Ringen darum, ob die Erderwärmung menschengemacht ist bzw. die These von der Kausalität von Mensch –> Erderwärmung sich verifizieren lässt.

Unbestritten in dieser Debatte war, dass der Mensch nicht nur durch das Klima geprägt ist, sondern dass er durch seine landwirtschaftlichen wie industriellen Aktivitäten auch das Klima verändert. Diese Wechselseitigkeit war für Herder, wie gesehen, gar der Beleg für die Einheit von Natur und Kultur. Doch all die anthropogenen Veränderungen des Klimas waren allemal örtlicher Natur oder regional begrenzt. Niemand hatte behauptet, sie hätten einen Einfluss auf den Wärmehaushalt der Erde insgesamt.

Die erste, die überhaupt einen Zusammenhang zwischen den menschlichen Aktivitäten und der globalen Temperatur hergestellt hatte, war die amerikanische Chemikerin Eunice Foot. In ihrem Artikel „Circumstances Affecting the Heat of the Sun’s Rays“ von 1856 schrieb sie: „Die höchste Wirkung der Sonnenstrahlen habe ich beim Kohlensäuregas festgestellt. Eine Atmosphäre dieses Gases würde unserer Erde eine hohe Temperatur verleihen.“2 Sie und zeitgleich der irische Physiker John Tyndall stellten die – unbeachtet gebliebene – These auf, dass eine Zunahme des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre zu einer Erhöhung der globalen Temperatur führen werde.

Jahrzehnte später schloss sich der schwedische Chemiker und Nobelpreisträger Svante Arrhenius dieser These an. Den damals diskutierten Überlegungen über den „Wärmetod“ und eine künftige Eiszeit hielt er entgegen, dass das von der Industrie durch Verbrennung emittierte Kohlendioxid in der Atmosphäre einen „Treibhauseffekt“ haben würde3. Diese Erderwärmung verstand er allerdings als einen Segen für die künftigen Generationen, „da die Erde um das Vielfache erhöhte Ernten zu tragen vermag zum Nutzen des rasch anwachsenden Menschengeschlechts.“4 Doch seine vorgelegten Berechnungen, um wie viele Grade die Erdtemperatur sich bei welchem Kohlendioxidgehalt erwärmen würde, galten damals als ein „wissenschaftliches Kuriosum, ein Thema für Diskussionen im Anschluss ans Nachtessen“5.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg und während des Kalten Kriegs wurde die meteorologische und klimatologische Forschung vor allem in den USA von der NASA zum Zweck der Weltraumerschließung gefördert und finanziert. 1956 veröffentlichte der amerikanische Physiker Gilbert Plass eine Arbeit unter dem Titel „The Carbon Dioxide Theory of Climatic Change“, die belegen sollte, dass eine Verdoppelung des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre eine Erderwärmung um 3-4° C zur Folge haben würde. Seine Studie wurde von der Science Community jedoch als unzureichend kritisiert, weil entgegensetzte Faktoren wie der Wassergehalt in der Atmosphäre oder die Fähigkeit der Ozeane, Kohlendioxid zu absorbieren, nicht berücksichtigt wurden.

Ein wichtiger Schritt und Beitrag in der beginnenden Diskussion um den Klimawandel war es, als der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre nicht nur berechnet, sondern gemessen werden konnte. 1957 begann der Klimaforscher Charles David Keeling mit der Errichtung einer Messstation auf dem Vulkan Mauna Loa auf Hawaii, die, abseits störender Einflüsse, die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre kontinuierlich messen konnte. Anhand dieser Daten sollte ermittelt werden, welcher Teil des emittierten Kohlendioxids in der Atmosphäre verbleibt und welche Teile insbesondere von der Hydrosphäre absorbiert werden. Die so genannte „Keeling-Kurve“ hat seither belegt, dass die Konzentration des Kohlendioxids in der Atmosphäre, trotz Schwankungen, stetig zunimmt.

Diese gemessene Zunahme des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre kontrastierte damals allerdings mit dem Umstand, dass die Erdtemperatur seit den 40er Jahren nicht gestiegen, sondern eher abgenommen hatte; ein Umstand, der die Vertreter der Theorie vom Klimawandel in arge Bedrängnis und Erklärungsnot brachte. Diese Bedrängnis wurde noch verstärkt durch die – später revidierte – Studie von S. Ichtiaque Rasool, dem Chefwissenschaftler für globalen Wandel bei der NASA, und dem Klimatologen Stephen Schneider im Jahre 1971, in der die Abnahme der Erdtemperatur durch die Zunahme der Aerosole und der Luftverschmutzung erklärt wurde, die zu einer Klimaabkühlung um ca. 3-5° C führen könne, die ausreiche, „um eine neue Eiszeit auszulösen.“6 Bis in die 80er Jahre konnte daher die Theorie der anthropogenen Erderwärmung mit guten Gründen angezweifelt und abgelehnt werden. In der Öffentlichkeit entstanden die Bilder von abgehobenen Klimagelehrten, die die Welt mit ihren vagen Berechnungen traktieren, oder von üblen Finsterlingen, die mit ihren Katastrophenprognosen Angst und Schrecken verbreiten. Es bestand weiterhin der wissenschaftliche wie öffentliche Konsens, „dass das Klimasystem der Erde sich in irgendeiner Art natürlichem Gleichgewicht befand.“7 Selbst noch die Studien des Club of Rome über „Die Grenzen des Wachstums“ von 1972 erwähnten den Klimawandel eher beiläufig.8

Doch allmählich änderte sich die Lage. Zum einen konnte man durch die Analyse der im Eis von Grönland und der Antarktis eingeschlossenen Luft nachweisen, dass erdgeschichtlich die Epochen der Wärme und der Kälte mit dem Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre korrelierten.

Zum anderen ergaben Messungen, dass seit den 80er Jahren jedes Jahrzehnt wärmer als das vorangegangene war. Spätestens seit Beginn dieses Jahrhunderts schlug die Erderwärmung sich zunehmend auch im Wetter nieder: es gab noch nie erlebte Hitzeperioden mit verheerenden Dürren und Waldbränden, Starkregenfälle mit zerstörerischen Überschwemmungen. Man musste den massiven Rückgang der Gletscher und des Polareises sowie den Anstieg des Meeresspiegels konstatieren. Seither wurde die „Klimakrise“ Gegenstand auch öffentlicher Debatten.

Um Klarheit in der Klimakontroverse schaffen zu können, wurde 1988 auf Initiative der Weltorganisation für Meteorologie und des Umweltprogramms der Vereinten Nationen der „Weltklimarat“ (IPCC) eingerichtet, dem 195 Regierungen als Mitglieder angehören. Er sollte auf der einen Seite die wissenschaftlichen Forschungen zum Klimawandel zusammenfassen und beurteilen, auf der anderen Seite wissenschaftliche Grundlagen für politische Entscheidungen erarbeiten. Hinsichtlich der zentralen Frage nach der Kausalität von Mensch  Erderwärmung hieß es im 1. Sachstandbericht des IPCC von 1990, dass man zwar sicher sei, dass es einen natürlichen Treibhauseffekt gebe und der Mensch die Konzentration einiger Treibgase erhöhe, was zu einer globalen Temperaturerhöhung führen werde. Der Bericht räumte gleichwohl ein, dass es bislang nur wenige empirische Belege (little observational evidence) für einen solchen menschengemachten Klimawandel gebe. Im 2. Sachstandsbericht von 1995 lautete dann das Urteil, dass man nach „Abwägung der Datenlage“ (balance of evidence) einen solchen kausalen Zusammenhang herstellen müsse. Im 3. Bericht von 1999 hatte dieser Zusammenhang schon eine „starke Evidenz“ (strong evidence). Zudem enthielt dieser Bericht das sog. „Hockeyschläger-Diagramm“, das die Korrelation des Beginns und Verlaufs der globalen Erwärmung mit dem Beginn und Verlauf der „industriellen Revolution“ veranschaulichte. Im 4. Bericht von 2007 hatte die Kausalität von menschlicher Aktivität und natürlicher Erwärmung dann schon eine „Wahrscheinlichkeit von über 90 %“. Die wichtigste Schlussfolgerung daraus sei, „dass die Erwärmung des Klimas jetzt eindeutig ist, und das wird offensichtlich durch Beobachtungen der Luft- und Ozeantemperaturen, der Schnee- und Eis-Schmelze, des Meeresspiegelanstiegs.“ Im 5. Bericht von 2013 war die Kausalität äußerst wahrscheinlich, was eine „Wahrscheinlichkeit von 95 bis 100 Prozent“ bedeute. Im 6. Bericht von 2023 schließlich ist es „eindeutig …, dass menschliche Aktivitäten, die Atmosphäre, die Ozeane und die Landmassen erwärmt haben“.

Freilich kam auch Kritik an den Berichten des IPCC – und zwar von entgegensetzten Seiten. Die eine Kritik erkannte durchaus den erderwärmenden Effekt der „Treibhausgase“ an; aber sie bemängelte die einseitige Konzentration auf die Kohlenstoffverbindungen, die jedoch die abkühlenden Effekte des anthropogenen Wassers im Klimasystem unberücksichtigt lasse. Die Aufgabe des IPCC, so der Vorwurf, sei von Beginn an gewesen, nicht die Wahrheit über das komplexe Klimasystem zu erforschen, sondern die These von der erderwärmenden Funktion des anthropogenen Kohlendioxids zu beweisen.9 Die entgegengesetzte Seite hingegen übte Kritik an der beschwichtigenden Rolle des IPCC. Seine Prognosen des Klimawandels seien zu konservativ gewesen und oft von der Wirklichkeit überholt worden, und er sei zudem bei der Bewertung der Gefahren, die der Klimawandel für Mensch und Gesellschaft bringe, zu zurückhaltend und vorsichtig gewesen. Den einen Kritikern galt der Weltklimarat als Panikmacher, den anderen als betulicher Bremser.

Wie auch immer die Berechnungen des Erdklimas lauteten, so war nun doch in den Erdsystemwissenschaften die These allgemein akzeptiert, dass der Mensch durch seine Aktivitäten nicht nur ein Faktor des Klimasystems ist, sondern dass er zu einem klimaprägenden Faktor geworden ist.10 Neben die natürlichen Faktoren der Wärmezufuhr durch die Sonnenstrahlung und der Wärmeabfuhr durch die Ausstrahlung ins Weltall ist als dritter Faktor der Mensch insbesondere durch die Verbrennung der fossilen Stoffe hinzugetreten. Dem gemäß wurde denn auch als Resultat dieser Einsicht um die Jahrhundertwende das Anthropozän als ein neues Erdzeitalter ausgerufen, in dem der Mensch durch seine Emissionen zu einem klimabestimmenden Faktor geworden ist. Und damit wurde auch die altehrwürdige Idee von der Trennung des natürlichen Klimasystems vom gesellschaftlichen System des Menschen, von Natur und Kultur, als hinfällig erachtet.11

Eine wesentliche Folge der Einsicht in dieses neue Zeitalter aber war, dass die Erdsystemwissenschaft sich aus einer theoretischen Wissenschaft vom Klima zu einer auch eminent praktischen Wissenschaft gewandelt hat. Ihr Ziel ist nicht mehr nur die Erforschung des Klimasystems sine ira et studio, sondern auch die Erarbeitung von Handlungsstrategien, die den anthropogenen Klimawandel begrenzen oder beenden können. Anfang der 2010er Jahre wurde das Programm Future Earth als Plattform gegründet, das sich den drei Themen, dem Erdsystem, der global nachhaltigen Entwicklung sowie der gesellschaftlichen Transformation zur Nachhaltigkeit widmet. Spätestens seit dem Pariser Klimaabkommen und der Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen über „Ziele für eine nachhaltige Entwicklung“ im Jahre 2015 ist es auch die Aufgabe des Weltklimarates geworden, solche Wege aus der Klimakrise aufzuzeigen.

Mit dieser praktischen Ausrichtung aber hat sich die Erdsystemwissenschaft auf ein neues Terrain begeben. Denn bislang konnte sie die Modellierungen des Klimas aus den meteorologischen Daten gewinnen und an ihnen verifizieren und korrigieren. Nun aber muss sie auch Aussagen über die zukünftige Entwicklung des Klimasystems machen, die sich nicht verifizieren lassen, eben weil sie die Zukunft betreffen. Angesichts dieser Unvorhersehbarkeit ist sie gezwungen, anhand des Wissens von vergangenen Verläufen des Klimawandels auf dessen künftigen Verlauf zu schließen. Dieser Schluss aber ist kein verifizierbares Wissen, sondern die Berechnung der Wahrscheinlichkeit der möglichen Verläufe. Und diese Wahrscheinlichkeiten sind keine fixen Größen, sondern können sich in dem Maße ändern, in dem das Vorhergesagte zur Gegenwart geworden ist, an der sie geprüft und gegebenenfalls korrigiert werden.

Zu dieser epistemischen Zukunftsungewissheit kommt allerdings die systemische Unsicherheit hinzu. Denn mit der Erderwärmung nimmt das Klima gewissermaßen den Charakter des unvorhersehbaren Wetters an. Konnte man unter den Bedingungen der Stabilität des Klimas noch die begründete Vorstellung haben, die Komplexität des Klimasystems mittels Großrechnern immer besser abbilden und damit die Wahrscheinlichkeiten der Vorhersagen erhöhen zu können, so ist dies unter den Bedingungen der Erderwärmung strukturell unmöglich, da durch sie das Klimasystem nicht mehr stabil, sondern zunehmend instabil wird. „Klimaungewissheiten“, beschreibt der Klimahistoriker Dipesh Chabrakarty diese neue Situation, „verhalten sich möglicherweise nicht immer wie messbare Risiken.“12 In diesem Sinne haben Klimatologen und Geologen wie Wallace S. Broker von der „Klimabestie“ gesprochen, weil das Biest „wie wilde Tiere es tun, … heftig und schlecht vorhersagbar reagiert.“13 Diese Art struktureller Unsicherheit aber lässt sich nicht durch präzisere Klimamodelle, sondern nur dadurch überwinden, dass das Klimasystem wieder in einen Zustand der Stabilität zurückkehrt.

Angesichts dieser Unsicherheiten der Vorhersage stellt sich der Erdsystemwissenschaft die Frage, wie unter den Bedingungen der Erderwärmung der Wandel des Klimasystems überhaupt begrifflich zu fassen ist. Dafür sind, soweit ich sehe, vier Möglichkeiten formuliert worden: 1) der durch die Erderwärmung bewirkte Wandel des Klimas besteht in der Intensivierung der Kreislauf- und Austauschprozesse, 2) das System der Kreisläufe wird instabil, sodass das Klima sich zunehmend chaotisch verhält, 3) der gegenwärtige Zustand des Klimas schlägt um in einen anderen Zustand, oder 4) das Klimasystem geht in einen Prozess der Selbstverstärkung über, der den Grad der Erderwärmung erhöht.

Für die erste Form des Klimawandels, die Intensivierung der stofflichen und energetischen Kreislaufprozesse, werden von den Klimatologen und Meteorologen die Zunahme der anormalen Wetterereignisse angeführt: extreme Stürme als Orkane oder Wirbelstürme, vermehrter Starkregen mit großflächigeren Überschwemmungen, längere und heißere Dürreperioden mit weitreichenden Waldbränden und Verkarstungen der Böden. Diese Anomalien der meteorologischen Phänomene lassen sich allesamt durch die Erhöhung der Erdtemperatur bzw. die Zunahme der Energie im Klimasystem erklären. Sie sind deren Folge. In diesem Fall also besteht der Wandel des Klimas quantitativ in den energiereicheren Kreislauf- und Austauschprozessen innerhalb des Erdsystems.

Für die zweite Form des Klimawandels, die zunehmende Instabilität des Systems, wird exemplarisch auf die ozeanische Zirkulation verwiesen. Diese Zirkulation ist eine Strömung des Meerwassers, die vier der fünf Ozeane zu einem globalen Kreislauf verbindet. Sie wird angetrieben durch die Ungleichheit der Wärme zwischen Äquator und den Polen sowie des Salzgehalts der Meere. Da nun aber durch die Erderwärmung sowohl das Eis an den Polen schmilzt als auch die Temperatur des Meerwassers steigt, nimmt der Motor der ozeanischen Zirkulation, die Ungleichheit der Wärme sowie der Salzgehalt der Meere, allmählich ab, und mit ihm schwächt sich die ozeanische Zirkulation ab. Dadurch aber werden in diesem System die Strömungen langsamer und ihre Richtung diffuser. Meeresforscher sagen eine Abschwächung der Umwälzbewegung bis zu 40 % im Verlauf der nächsten 100 Jahre voraus. Zwar lassen sich weder der Verlauf dieser Abschwächung noch die Folgen für das globale Klimasystem voraussagen,14 aber die zunehmende Instabilität der Meeresströme dürfte insbesondere den Wandel regionaler und kontinentaler Klimate zur Folge haben.

Die dritte Form, in der der Wandel des Klimas verstanden wird, ist der qualitative Umschlag des bestehenden Zustands in einen anderen Zustand. Dieser andere Zustand müsste, als Zustand, erneut ein thermodynamisches Gleichgewichtssystem sein, dessen Kreisläufe und Austauschprozesse allerdings auf eine andere Weise funktionieren. Da es nahe liegt, dass über ein solches künftiges Klimasystem – redlicherweise – keine Aussagen gemacht werden können, greifen die Geo- und Klimatologen auf die Vergangenheit zurück. Hier dienen die Umschläge des Klimasystems dazu, die Erdgeschichte in Zeitalter einzuteilen. Sie unterscheiden Phasen des Klimas mit geringer Erdtemperatur, in denen die Erdoberfläche von Eis bedeckt war (z.B. Snowball Earth), von Phasen mit hoher Temperatur wie während des Erdmittelalters, in denen ein üppiger Pflanzenwuchs und eine bunte Tierwelt herrschten. Hier wird der Wandel des Klimas von einem Zustand in einen anderen allerdings nicht auf menschliche, sondern auf natürliche Ursachen wie Meteoreinschläge, Vulkanausbrüche oder geänderte Sonnenstrahlung zurückgeführt.

Die vierte Form, den Klimawandel zu denken, ist ein Prozess der Selbstverstärkung, in dem das Klimasystem nicht in einen anderen stabilen Zustand übergeht, sondern in dem der Wandel des Klimas sich verstärkt. Diese Selbstverstärkung wird von der Erdsystemwissenschaft unter dem Stichwort „Kipppunkte“ verhandelt. Ein solcher Kipppunkt wäre, wenn etwa durch die anthropogene Erderwärmung das auf den nördlichen Kontinenten im Permafrost gebundene Methan freigesetzt wird und in die Atmosphäre gelangt und als Treibhausgas die Erdtemperatur nun seinerseits erhöht – und eine solche Erhöhung ihrerseits erderwärmende Vorgänge auslöst usw. Hier also wird der Wandel des Klimas als ein Prozess der positiven Rückkopplung verstanden, als ein „kaskadenartiger Wandel des Erdklimas“, in dem das Klimasystem sich immer weiter vom Zustand des Gleichgewichts entfernt.15

Welchen Charakter der Klimawandel annehmen wird, setzen die Klimatologen in Abhängigkeit vom Grad und von der Dauer der anthropogenen Erderwärmung. Sie reduzieren ihre Wahrscheinlichkeitsszenarien allerdings auf einen erdgeschichtlich irrelevanten, für den Menschen jedoch überschaubaren und gestaltbaren Zeitraum bis zum Jahr 2100. Beträgt, so die Berechnungen, der Temperaturanstieg seit Beginn der industriellen Revolution bis zum Ende des Jahrhunderts 1,5 bis 2° C, so ist zu erwarten, dass sich die seit den 80er Jahren beobachteten Trends des Klimawandels fortsetzen werden. Auf der Ebene des Wetters sind diese die Zunahme der Extremereignisse des Starkregens, der Stürme und der Dürren. Auf der Ebene des Klimas hingegen ist mit einer regional unterschiedlichen Veränderung der Klimate zu rechnen, die insbesondere die Landmassen und die nördlichen Breiten betreffen werden. In diesem Szenario werden die Wetterlagen für die Menschen zwar gefährlicher; aber die irreversiblen Bedrohungen des Klimawandels können abgewendet werden und die Menschen sich an die sich ändernden Zustände anpassen. Diesem Szenario entspricht, was oben als Intensivierung der Kreislaufprozesse diskutiert wurde.

Beträgt in diesem Zeitraum die Erhöhung der Erdtemperatur hingegen mehr als 4° C, sind Veränderungen der atmosphärischen und der ozeanischen Zirkulation zu erwarten. So ist es wahrscheinlich, dass sich die Jetstreams in der oberen Atmosphäre, die maßgeblich die Wetterlagen bestimmen, weiter abschwächen, verwirbeln und in Richtung der Pole verschieben werden. Dadurch wird sich die Verteilung der Niederschläge und Temperaturen und damit die regionalen klimatischen Verhältnisse auf der nördlichen Erdhalbkugel unter Umständen gravierend verändern. Ebenso ist es wahrscheinlich, dass sich die atlantische Nord-Süd-Zirkulation abschwächen wird, über deren Grad allerdings große Unsicherheit besteht. Dieses Szenario entspricht dem Gedanken einer zunehmenden Instabilität des Klimasystems. Als sehr unwahrscheinlich hingegen wird angenommen, dass in diesem Zeitraum bis Ende des Jahrhunderts die ozeanische Zirkulation, das Ökosystem der tropischen Regenwälder oder das arktische Eisschild kollabieren werden.16 Freilich schließt die Unwahrscheinlichkeit solch irreversibler „Kipppunkte“ keineswegs aus, dass sie stattfinden werden.

Welchen Charakter der Wandel des Erdklimas der Wahrscheinlichkeit nach annehmen wird, hängt jedenfalls, so die weitgehend einhellige Überzeugung des Weltklimarats, – erd- wie menschheitsgeschichtlich erstmalig – maßgeblich von den politischen Entscheidungen der Weltgesellschaft über die Emissionen der Treibhausgase, insbesondere des Kohlendioxids, ab.

Dieser Überzeugung entsprechend hat der 6. Bericht des IPCC insgesamt fünf, von optimistisch bis pessimistisch reichende, „gemeinsame sozioökonomische Entwicklungspfade“ formuliert. Unter den optimistischen sozioökonomischen Bedingungen der Reduktion der Treibhausgasemissionen würde der Anstieg der Erdtemperatur bis 2100 der Wahrscheinlichkeit nach auf weniger als 2 Grad begrenzt, im pessimistischen Fall des weiteren Anstiegs hingegen würde er mehr als 5 Grad betragen. Insofern werden zur Berechnung der Wahrscheinlichkeiten der Pfade die klimatischen Entwicklungen und die möglichen politischen Entscheidungen über die sozioökonomischen Verhältnisse als voneinander abhängige und mit einander verbundene Faktoren und damit in der Tat als eine untrennbare Einheit gedacht.

Mit dieser Verknüpfung der natürlichen mit der gesellschaftlichen Welt in seinen Studien zur Zukunft des Klimawandels hat der „Weltklimarat“ in philosophischer Hinsicht implizit, wie mir scheint, dem alten Herder im Streit mit Kant recht gegeben. Denn Kant hatte, wie gesehen, darauf insistiert, dass die Welt des Menschen als eines freien und Zwecke setzenden Handlungssubjekts fundamental verschieden sei von der natürlichen Welt mit ihren Kausalitäten und Notwendigkeiten, und dass daher eine Kluft zwischen menschlicher Subjektivität und natürlicher Objektivität bestehe. Dem gegenüber geht der Weltklimarat in seinen Untersuchungen heute von der untrennbar gewordenen Einheit der beiden Welten aus. Er sieht diese Einheit jedoch nicht durch eine zeitlos universelle organische Kraft verbürgt, sondern begründet sie letztlich historisch und materialistisch: einerseits ist der Mensch gerade durch seine zweckgerichteten Aktivitäten heute zu einem bestimmenden Faktor der Erdgeschichte geworden, so dass deren Zukunft vom Menschen abhängt; andererseits aber – das bringen die wertenden Szenarien von „optimistisch“ bzw. „pessimistisch“ zum Ausdruck – hängt das Fortbestehen der menschlichen Zivilisation und Lebenswelt vom künftigen Verlauf der Erdgeschichte ab. Die Einheit beider Welten ist demnach dadurch begründet, dass der Mensch sowohl zum konstitutiven Faktor als auch zum abhängigen Adressaten des künftigen globalen Klimasystems geworden ist.17 Die Erdsystemforschung hat daher nicht nur die physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse, sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse und die politischen Entscheidungen zu ihrem Gegenstand. Denn neben die bisherigen natürlichen Faktoren der Sonnenstrahlung und der Ausstrahlung ins Weltall ist nunmehr die menschengemachte Emission der Treibhausgase in die Atmosphäre als dritter Faktor des Klimasystems hinzugetreten. Daher ist das traditionell westlich-neuzeitliche Beharren auf einer Trennung von Natur und Gesellschaft, so lässt sich das Theoriegebäude des Weltklimarates zusammenfassen, im Zeitalter des Anthropozäns zu einem bedrohlichen und gefährlichen Anachronismus geworden.

Nun sind gegen diese Theorie vom „Anthropozän“ als einem neuen Erdzeitalter eine Reihe von Einwänden erhoben worden. Zwar besteht, so weit ich es überblicke, unter den Gelehrten ein Konsens in der Anerkennung sowohl der Tatsache des Klimawandels als auch dessen anthropogenen Charakters. Kontrovers jedoch wird von den Geologen diskutiert, ob beide Tatsachen berechtigen, vom Anthropozän als einem neuen Erdzeitalter zu sprechen. Denn zum einen habe der Mensch schon seit langer Zeit verändernd auf die Natur und das Klima eingewirkt; und zum anderen erscheine es als höchst fraglich, ob die kurze Dauer des gegenwärtigen Klimawandels während einer Menschengeneration sich tatsächlich zu einem so gewaltigen Signal summiert, dass er als ein erdgeschichtlich epochaler Einschnitt verstanden werden muss. Eine Reihe von Geologen hat deshalb vorgeschlagen, das Anthropozän statt formal als eine geochronologische Epoche vielmehr als ein „geologisches Ereignis“ wie etwa einen Vulkanausbruch zu definieren.18 Dem gegenüber insistieren andere Geologen und Paläontologen jedoch darauf, dass es sich in der Tat um eine neue Epoche handle, weil das Erdsystem „in jüngster Zeit deutlich von der Stabilität abgewichen (sei), die es während des Holozäns über Tausende von Jahren gezeigt hatte, einer Stabilität, die Wachstum und Gedeihen der menschlichen Zivilisation ermöglichte.“19 Diese Abweichung von der Stabilität berechtige, von einem neuen Zeitalter zu sprechen.

Von Seiten der Gesellschaftswissenschaften hingegen wird die Verallgemeinerung kritisiert, da es „den Menschen“ als verantwortlichen Akteur der Erdgeschichte nicht gebe. So verursache ein durchschnittlicher Europäer oder Amerikaner das Vielfache der Treibhausgasemissionen wie ein durchschnittlicher Inder oder Afrikaner. Es müssten folglich die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Blick genommen werden, in denen die Menschen agieren. Statt abstrakt vom Anthropozän müsse daher konkreter vom „Kapitalozän“ geredet werden, um den für den Klimawandel verantwortlichen Akteur benennen zu können. So vertritt der schwedische Ökologe Andreas Malm, der den Ausdruck „Kapitalozän“ geprägt hatte, die These, dass die massenhafte Verwendung fossiler Brennstoffe weder eine kollektive Entscheidung der Menschheit gewesen sei noch zwangsläufig deren Natur entstamme, sondern dass sie aus den „spezifischen Dynamiken der kapitalistischen Produktion“ zu erklären sei20.

Schließlich wird vor allem von den Natur- und Klimaschützern davor gewarnt, den Begriff des „Anthropozäns“ zu gebrauchen, um ein neues Zeitalter auszurufen, in dem der Mensch nun auch das Erdsystem technisch, mittels Geo-Engineering, kontrollieren und beherrschen werde. „Im Denken des Anthropozäns“, so der Biologe und Philosoph Andreas Weber, „hat sich die Kluft zwischen Natur und Kultur aufgelöst, nicht weil die Menschen zu einem anderen Verständnis des Lebens und ihrer Rolle darin gekommen sind, sondern ihre Technologie die Natur verschluckt hat.“21 Dieser Kritik setzen allerdings andere wie der Historiker Jürgen Renn das Anthropozän als ein „kollektives Gestaltungsprojekt“ entgegen. Gerade indem das Anthropozän „den Menschen“ zum Akteur erklärt, können und sollen auch alle unterschiedlichen Völker und Kulturen im Sinne der Menschenrechtserklärung gleichberechtigt an einer „Geologie der Zukunft“ mitwirken, statt dessen Opfer zu sein.

Fasst man diese Einwände und Überlegungen aus den unterschiedlichen Positionen und Perspektiven zusammen, so scheinen sie sich mehr um das rechte Verständnis und um die Ausdeutung dieses „Anthropozäns“ zu bemühen. Sie implizieren einen, wie mir scheint, notwendigen und fruchtbaren Streit sowohl hinsichtlich der geochronologischen Bestimmung als auch hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Ausgestaltung dieses neuen Zeitalters des anthropogenen Klimawandels.

So weit ich es überblicke, gibt es jedoch keine sowohl fundamentale als auch ernstzunehmende Kritik an der Theorie vom anthropogenen Klimawandel, wie sie der Weltklimarat in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Eine solche fundamentale Kritik hätte darzulegen, dass die erhobenen meteorologischen Daten oder die Berechnungen und Modellierungen der Vorhersage-Wahrscheinlichkeiten falsch sind.22 Oder aber sie hätte, noch grundsätzlicher, zu zeigen, dass die der Theorie vom anthropogenen Klimawandel zugrundeliegende Idee von der untrennbar gewordenen Einheit von menschlicher Zivilisation und irdischem Klimasystem eine die menschliche Erkenntnisweise transzendierende Idee sei, die entweder auf unbegründeten und dogmatischen Glaubenssätzen beruht oder das Produkt einer überschäumenden Imaginationskraft ist, denen letztlich die politischen Motive ihrer Vertreter zugrunde liegen. Eine solche Fundamentalkritik aus dem Geist eines Anthropozentrismus, der erneut die Gesellschaft von der Natur, die Welt des Geistigen von der Welt des Materiellen trennen würde, müsste angesichts der theoretischen wie praktischen Herausforderungen, die der anthropogene Klimawandel stellt, heute wohl schlicht als verantwortungslos gelten.

Zusammenfassung

Wir befinden uns heute offenbar in der paradoxen Situation, dass wir als Beobachter des Klimas selbst Teil des Klimas geworden sind. Was das Klima ist und sein wird, hängt von uns ab, wie umgekehrt wir vom Klimageschehen abhängen werden. Das war vormals nicht so. Begonnen hatte die Beschäftigung mit dem Klima bei den alten Griechen, um nach der Entstehung eines neuen Weltreichs ein klareres Bild von den Erdregionen und deren klimatischen Verhältnissen zu gewinnen, die sie als Wirkungen der Sonnenstrahlung erklärten. Darüber hinaus diente das Wissen von den klimatischen Verhältnissen bzw. Klimazonen dazu, die unterschiedlichen Pflanzen- und Tierarten sowie Menschengruppen und ihre Lebensweisen zu erklären und zu bezeichnen. Das Klima war hier ein bestimmtes Etwas, ein Objekt, das man erkennen und erklären konnte, und von dem Genaueres zu wissen in vielfacher Weise nützlich war.

Erst in der Zeit der Romantik bekam der Klimabegriff eine weitere und auch ästhetische Bedeutung und Dimension. Das Klima wurde in einem religiös-holistischen Sinn zum Inbegriff des harmonischen Zusammenwirkens aller Teile im Naturganzen. Die Betrachtung der Mannigfaltigkeit der Natur, der anorganischen wie organischen Formen in ihren wechselseitigen Abhängigkeiten und Ergänzungen sollte den Betrachter zu einem seelenerhebenden Genuss führen, in dem der Schauende mit dem Geschauten gleichsam in eins verschmilzt.

Zur Zeit des europäischen Imperialismus und Kolonialismus wurde das Wissen um die meteorologischen und klimatischen Verhältnisse dann wieder profan. Die immer exakteren Klimakarten wurden für den zunehmenden Weltverkehr und -handel sowie für die ‚gute’ Verwaltung der Kolonien gebraucht. Mit dem Beginn der Raumfahrt und der Eroberung des Weltraums sowie mit der Industrialisierung der Landwirtschaft seit Mitte des letzten Jahrhunderts benötigte man jedoch jenseits der Zusammenschau ein weit detaillierteres Wissen über all die physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse und Zusammenhänge in der Natur. Es entstand die Erdsystemwissenschaft, die die Kenntnisse auf den unterschiedlichen Gebieten verbinden und zusammenfassen und damit, so das Ziel, die Erde dem menschlichen Geist in der Tat untertan machen sollte.

In unserem Überblick kam der Umbruch im Wissen vom Klima mit dem anthropogenen Wandel des Klimas. Denn nun war es kein stabiler und fester Gegenstand mehr, kein Etwas, dessen Erforschung der Realisierung allerlei profanen und höheren Zwecken dienen konnte. Mit dem Wandel wurde das Klima flüssig und instabil, und mit dem Wissen um diesen Wandel trat die Wissenschaft nicht mehr nur als Erklärer oder Helfer, sondern zunehmend auch als Warner vor den menschlichen Zwecken und Aktivitäten als den Motoren der Erderwärmung auf. Aus einem bestimmten Objekt der wissenschaftlichen Erforschung wandelte sich das Klima zu einem bestimmenden Subjekt, dem die menschlichen Aktivitäten sich unter dem Stichwort der „Nachhaltigkeit“ als integraler Teil des Klimasystems ein- und unterordnen sollten. Die traditionelle Einstellung: hier die Gesellschaft und ihre Belange – dort das Klima, seine Unterschiede und Kreisläufe trägt nicht mehr.

Diesen Umbruch im Klimawissen hat der indische Historiker Dipesh Chabakrathy jüngst als einen Perspektivwechsel bezeichnet: weg von der traditionell anthropozentrischen zu einer planetarischen Perspektive, die gleichwohl die menschliche umfasst und integriert. Mit diesem Perspektivwechsel aber ist das Klima aus einer gegebenen und neutralen Sache zu einer aufgegebenen und hochpolitischen Sache geworden. Entweder, so drängt sich die Alternative auf, gelingt es der Weltgesellschaft, den menschengemachten Wandel zu begrenzen und das Klima wieder zu stabilisieren, oder der Wandel bleibt sich überlassen mit absehbar verheerenden Folgen für die künftigen Generationen. Sie ist zweifellos zur größten Herausforderung geworden, vor der die Menschheit in diesem Jahrhundert steht. „Der Klimanotstand“, so der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, „ist ein Wettlauf gegen die Zeit“23.

  1. Eva Horn, Klimatologie um 1800. Die Genealogie des Anthropozäns. In: Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1/2016, 87. ↩︎
  2. zit. nach: Die Geschichte der Klimawissenschaft. In: skepticalscience.com/translationblog.php?n=1473&l=6 (abgerufen: 27.12.2024). ↩︎
  3. „The common view hitherto has been that the earth has cooled in the lapse of time, and if one did not know that the reverse has been the case, one would certainly assert that this cooling must go on continuously. Conversations with my friend and colleague Professor Högbom, together with the discussions above referred to, led me to make a preliminary estimate of the probable effect of a variation of the atmospheric carbonic acid on temperature of the earth. As this estimation led to the belief that one might in this way probably find an explanation for temperature variation of 5°-10° C. I worked out the calculation more in detail, and lay it now before the public and the critics.” (Svante Arrhenius, On the Influence of Carbonic Acid in the Air upon the Temperature of the Ground. In: Philosophical Magazine and Journal of Science, Vol 41, 1896, 267). ↩︎
  4. Svante Arrhenius, Das Werden der Welten, Paderborn 2012, 56 f. ↩︎
  5. Zwei Jahrhunderte Klimageschichte: Teil Eins – von Fourier bis Arrhenius, 1820-1930. In: skepticalscience.com/translationblog.php?n=1397&l=6 (aufgerufen: 28.12.2024). ↩︎
  6. S.I. Rasool, G.H. Schneider, Atmosphärisches Kohlendioxid und Aerosole: Auswirkungen großer Anstiege auf das Globale Klima, Science, 1971, Bd. 173. ↩︎
  7. Die Geschichte der Klimawissenschaften. In: Sceptical Science, a.a.O. ↩︎
  8. „Atmosphärische Abwärme kann um und über Städten Wärmeglocken bilden, in denen viele abnormale meteorologische Erscheinungen beobachtet werden. Wenn die thermale Verschmutzung einen nennenswerten Bruchteil der von der Erde absorbierten Sonnenenergie erreicht, kann sie zu schwerwiegenden klimatischen Störungen führen“ (Dennis Meadows, Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Gütersloh 1972, 61 f.). Das war’s. ↩︎
  9. „Fundamentally the major problem with the IPCC is that it did not function als a truth seeker; instead it functioned as a true believer focused upon anthropogenic CO2.” (The Colossal Mistakes of the Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). In: sjsu.edu/faculty/watkins/IPCCmistakes.htm. ↩︎
  10. Die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes, die sich ausführlich mit den Argumenten der Klimaleugner auseinandergesetzt hatte, kam 2007 zum Ergebnis: „So gut wie alle professionellen Klimaforscher:innen sind sich einig, dass der von Menschen herbeigeführte Klimawandel real ist, nur über sein Tempo und seine Form wird weiter gestritten.“ (The Scientific Consensus on Climate Change. How Do We Know We’re Not Wrong. In: Joseph Dimento, Pamela Doughman (Hg), Climate Change, Cambridge/Mass. 2007, 74). ↩︎
  11. „In diesem Sinne kann man sagen, dass die Unterscheidung von Natur- und Menschengeschichte … erst in allerjüngster Zeit begonnen hat, hinfällig zu werden … Heute wird behauptet, die Menschen seien im geologischen Sinne eine Naturgewalt. Die Krise hat eine Grundannahme des westlichen (und mittlerweile universellen) politischen Denkens widerrufen.“ (Dipesh Chakrabarty, Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter, Berlin 2022, 60 f.) – Siehe auch: Alexander von Pechmann, Geschichte im Anthropozän. Ein Versuch. In: Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie, Nr. 74, München 2023, 67-85. ↩︎
  12. Dipesh Chakrabarty, Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter, Berlin 2022, 98. ↩︎
  13. Wallace S. Broecker, Robert Kunzig, Fixing Climate. What Past Climate Changes Reveal about the Current Threat – and How to Counter It, New York 1012, 100. ↩︎
  14. siehe: Bundesministerium für Bildung und Forschung, Klimaforschung im Ozean. Veränderte Ozeanströmungen und zukünftiges Klimageschehen, Bonn 2012. ↩︎
  15. vgl. Will Steffen et al, Zum Entwicklungsverlauf des Anthropozäns. Die große Beschleunigung, Bundeszentrale für politische Bildung. ↩︎
  16. „For some events [AMOC, Arctic ice, Greenland ice sheet, the Amazon forest and monsoonal circulation], there is information on potential consequences, but in general there is low confidence and little consensus on the likelihood of such events over the 21st century.“ (academia.edu/102304975/Parker_Climate_Change_Information_Spring2023_TOC) ↩︎
  17. Dabei muss selbstverständlich soziologisch unterschieden werden zwischen der relativ kleinen Gruppe der Täter und der großen Gruppe der Opfer. ↩︎
  18. “An Anthropocene Event would incorporate a far broader range of transformative human cultural practices and would be more readily applicable across academic fields than an Anthropocentric Epoch, while still enabling a robust stratigraphic charakterization.” (Philip L. Gibbard et al., A practical solution: the Anthropocene is a geological event, not a formal epoch. In: doi.org/10.18814/epiiugs/2021/021029; aufgerufen: 30.12.2024). ↩︎
  19. Simon Turner, Colin Waters, Jan Zalasiewicz, Was die Kritiker des Anthropozäns übersehen – und warum es eigentlich eine neue geologische Epoche sein müsste. In: theconversation.com/what-the-anthropocenes-critics-overlook-and-why-it-really-should-be-a-new-geological-epoch-225493. ↩︎
  20. siehe: Andreas Malm, Fossiles Kapital. Der Aufstieg der Dampfkraft und die Wurzeln der globalen Erwärmung, London 2016. ↩︎
  21. Andreas Weber, Enlivenment. Eine Kultur des Lebens: Versuch einer Poetik für das Anthriopozän, Berlin 2016. ↩︎
  22. Diese „Widerlegungen’ werden zwar immer wieder, aber vergeblich unternommen. – Zu den ‚Einwänden’ der Kritiker vgl.: Eva Horn, Klima. Eine Wahrnehmungsgeschichte, a.a.O., Klimaleugnung und das Primat der Ökonomie, 457 ff; Wikipedia, Stichwort: Klimawandelleugnung. ↩︎
  23. unric.org/de/200821-klima ↩︎

Das Klima. Geschichte des Begriffs (III)

Das Klima. Geschichte des Begriffs, 3.Teil

von Alexander von Pechmann

Alexander von Humboldts Erforschung des Klimas

Wie kein anderer ist Humboldt diesem umfassenden Forschungsprogramm selbst gefolgt: auf seinen Erderkundungen kroch er mit einer Vielzahl von Messinstrumenten in die tiefsten Schächte und Erdlöcher und erkletterte die höchsten Berge; er vermaß nahezu jeden Fluss, Berg und See, den er traf, und beobachtete die Variationen der Pflanzen- und der Tierwelt in ihren jeweiligen Lebensräumen; er seilte sich fest im Sturm, um die Höhe der Meereswellen zu messen; er sammelte unzählige Gesteins- und Pflanzenproben, die er sorgfältig etikettierte … Sein waches Interesse am Einzelnen wie seine Datensammelwut dürften wohl erst von „Google“ übertroffen worden sein.

Aristokrat, der er war, dienten diese Datenmassen Humboldt allerdings nicht der schnöden Vermarktung, sondern der Entdeckung der Zusammenhänge in der Natur. So gehen auf ihn die „isothermen Linien“ zurück, die Orte mit gleicher Jahrestemperatur verbinden und zugleich Schlüsse auf die Art der Pflanzen erlauben. Er entdeckte den nach ihm benannten „Humboldtstrom“, die Zirkulation des Wassers im Pazifik. Als allgemeines Resultat seiner Erderforschung und -vermessung ergab sich für ihn die Definition der Erde als System: die Erdkugel sei von zwei „Meeren“ bedeckt, einem aus Wasser und einem aus Luft. Durch beide laufe ein ständiges Strömen: im atlantischen Ozean der Golf-, im Pazifik der Humboldtstrom. Die Ströme des „Luftozeans“, die von den Schwankungen der Sonnenwärme in Bewegung gehalten und an den Schräghängen der großen Steinmassive gebrochen werden, bewirken, dass die Verteilung der Gewächsarten nicht den linearen Breitengraden, sondern den geschwungenen isothermischen Linien folge. Dieses System der Ströme des Wassers und der Luft verbinde die Kontinente zu einer Einheit.

Humboldt bleibt damit letztlich bei dem Dualismus zweier Welten stehen: einer physischen Welt und einer intellektuellen Welt, die jeweils nach fundamental anderen Gesetzen funktionieren. Einerseits gehöre der Mensch der Natur als eines „lebendigen Ganzen“ an – diese wäre sonst kein Ganzes –, andererseits aber unterliege er Gesetzen von ganz anderer Art als den Naturgesetzen. Er zieht offenbar wie Kant die strikte Grenze zwischen dem Menschen und der Natur, die Herders „dynamischer Spinozismus“ doch überwinden wollte. Humboldt starb sechs Monate, bevor Charles Darwins Buch „Über die Entstehung der Arten“ erschien, das einen neuen Diskurs über das „Tier-Mensch-Übergangsfeld“ eröffnen sollte.

Die Klimatologie als Wissenschaft

Neben der Fertigstellung und Veröffentlichung seines Alterswerks war Humboldt bis zuletzt bemüht, die Klimaforschung zu institutionalisieren. Sie sollte nicht mehr nur Sache einzelner Abenteurer sein, sondern zu einer staatlich geförderten Angelegenheit werden. So hatte er schon 1831 eine „mathematische Betrachtung der Klimate“ gefordert, worunter er eine systematische Sammlung und Auswertung von Messdaten verstand, sowie den Aufbau eines Netzwerks meteorologischer Stationen. Auf seine Veranlassung wurde das „Königlich Preußische Meteorologische Institut“ in Berlin als Zentrum eines Beobachtungsnetzes gegründet. In der Folge entstanden Institute wie 1851 die „Hohe Warte“ in Wien, 1854 der „Königlich-niederländische Wetterdienst“ in Utrecht und 1872 das „Physikalische Zentralinstitut“ in St. Peterburg.

Es war dann vor allem der Meteorologe Heinrich Wilhelm Dove, Leiter des Berliner Instituts, der auf den simplen Sachverhalt verwies, dass das Klima keine staatlichen Grenzen kenne, und darauf insistierte, dass man zur Erforschung der physikalischen wie chemischen Prozesse wie zur Voraussage des Wetters die Prozesse in der Atmosphäre wie ihre geophysikalischen Ursachen weltweit in den Blick nehmen müsse. Zudem machte auch das Wachstum der Wirtschaft mit ihrem zunehmenden Schiffsverkehr die meteorologische Forschung auf globaler Ebene aus praktischen Gründen erforderlich.

Im Weiteren suchte dann vor allem der Meteorologe Christoph Buys Ballot als Leiter des holländischen Instituts nach Wegen zur internationalen Kooperation. Er veröffentlichte die „Suggestions on a uniform system of meteorological observations“, die sowohl die Eindeutigkeit der Messdaten als auch ihren freien Austausch und damit ihre Vergleichbarkeit zum Inhalt hatten. Sie sollten sich als ein wegweisendes Programm erweisen, das noch heute der globalen Wetterbeobachtung zugrunde liegt.

Auf der Meteorologen-Versammlung 1972 in Leipzig waren schließlich zwanzig Regierungen vertreten, die übereinkamen, eine internationale Organisation zu schaffen. Anschließend wurde 1879 die „Internationale Meteorologische Organisation“ (IMO) gegründet, deren erster Direktor Buys Ballot wurde.

Auf Initiative dieser Organisation wurden im Rahmen des sog. „Internationalen Polarjahres“ 1882-3 Wetterstationen auch in den Polarregionen, 14 in der Arktis, zwei in der Antarktis, eingerichtet. Hinzu kamen Wetterstationen auf den Bergen, 1886 auf dem Sonnblick in Österreich und auf dem Säntis in der Schweiz sowie 1895 auf dem Brocken und 1900 auf der Zugspitze in Deutschland. Bis Ende des 19. Jahrhunderts entstand so in der Tat das von Humboldt geforderte globale Netz der Wetterbeobachtung.

Als in den 30er Jahren in Nazi-Deutschland die meteorologischen Daten unter den Geheimnisvorbehalt gerieten und 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, kamen die meteorologischen Kooperationen zwischen den Staaten zum Erliegen. Nach dem Krieg wurde dann 1947 in Washington von den 42 anwesenden Staaten der Beschluss zur Gründung der „World Meteorological Organisation“ (WMO) als Nachfolgeorganisation gefasst, die 1950 ins Leben gerufen und ein Jahr später zu einer Organisation der Vereinten Nationen wurde. Sie veranstaltete 1979 die erste Weltklimakonferenz, und 2007 erhielt der von ihr eingerichtete „Weltklimarat“ den Friedensnobelpreis.

Parallel zur Institutionalisierung der globalen Wetterbeobachtung etablierten sich die Meteorologie und Klimatologie als systematisch aufgebaute Naturwissenschaften. Anders als von Humboldt war sie jedoch nicht darauf gerichtet, „den Geist der Natur zu ergreifen“, sondern auf die Herstellung eines nützlichen Wissens von den weltweiten meteorologischen Vorgängen und klimatischen Verhältnissen, das für den wachsenden Welthandel und die kolonialen Eroberungen gebraucht wurde. Aus dieser anthropo- oder, wohl besser, eurozentrischen Perspektive wurden diese Wissenschaften vom Wetter und vom Klima zunächst auf drei Ebenen aufgebaut: die Erhebung der meteorologischen Daten, ihre Vergleichung in einer „synoptischen Meteorologie“ und ihre Zusammenfassung in der Klimatologie.

Der Ausgangspunkt der Klimatologie ist also nicht der sinnliche Augenschein des Wetters und auch keine theoretische Definition des Klimas, sondern das enge Netz von Messstationen, das die Erdkugel umspannt, das je örtliche Wetter kontinuierlich erfasst und die Daten in Zentralen sammelt.

Diese örtlichen Klimata werden nun ihrerseits in den sog. „Klimakarten“ nach gewissen Klimazonen verzeichnet. Dabei gilt das von dem Geowissenschaftler Wladimir Köppen veröffentlichte Werk „Das geographische System der Klimate“ von 1936 als eine Klassifizierung des Klimas, die auch noch heute Verwendung findet. In ihm werden statt der bislang vier thermischen Großklimazonen (Tropen, Subtropen, Mittelbreiten, Polargebiete) auch die hygrischen Klimaelemente als fünfte Zone einbezogen. Sie werden ihrerseits wieder in ca. 30 Klimazonen unterteilt.

Somit verweist das Äußerliche und Subjektive in der Zusammenfassung und Ordnung der Klimate in möglichst anschaulichen Karten selbst darauf, dass die klimatischen Verhältnisse als solche oder „ihrem Wesen nach“ nicht in einem Bild darzustellen sind. Die tatsächlichen Wechselwirkungen und gegenseitigen Bedingtheiten sind vielmehr im Begriff des einen globalen Klimas zusammenzufassen, in dem all die unterschiedlichen Klimate Momente des Klimasystems sind. Das aber heißt: Die Klimatologie muss die bisherige bildlich-anschauliche Ebene verlassen, die zwar subjektiv praktisch ist zur Orientierung, die aber das Klima selbst nicht erfassen kann. Dessen Zusammenhänge sind nur begrifflich zu fassen. Mit diesem Übergang vom Bild zum Begriff aber wird die Klimatologie aus einer empirisch vergleichenden und klassifizierenden Wissenschaft zu einer Systemwissenschaft oder, wie es später dann heißen wird, Earth System Science.

Die beschriebenen Ebenen zusammenfassend beginnt also die Klimatologie als Wissenschaft mit der Erhebung der meteorologischen Messdaten, sie schreitet fort, die gemessenen Daten zu vergleichen und hinsichtlich ihrer Größen zu ordnen. Daraufhin wird der langjährige Durchschnitt gebildet, also die Klimata, und die Durchschnittswerte werden ihrerseits verglichen und geordnet. Ziel aber ist, diese Durchschnittswerte in einen objektiven Zusammenhang zu stellen, um sie so als Momente eines Systems zu begreifen. In diesem Klimasystem aber hängt nun in der Tat „alles mit allem zusammen“.

Die Erdsystemwissenschaft

Mit der Systemebene hat sich der Charakter der Klimatologie gewandelt. Denn ihr Ausgangspunkt ist jetzt nicht mehr die Mannigfaltigkeit all der örtlichen Messdaten, sondern das Klima als ein Ganzes. Ihre Aufgabe ist es daher, den umgekehrten Weg zu gehen, nämlich eben jene „Wechselwirkung und gegenseitige Bedingtheit“ der Elemente dieses Systems nachzuweisen, von der schon Julius von Hann gesprochen hatte. War es bei Herder jedoch noch die eine göttlich-organische Kraft, die diesen allgemeinen Zusammenhang stiftet, über den er allerdings nur in Metaphern oder Vermutungen reden konnte, und hatte auch von Humboldt das „physische Ganze“ mehr beschworen als begrifflich erfasst, so wurde es die Aufgabe der Klimatologie als Systemwissenschaft, diese globalen wechselseitigen Bedingtheiten und Bewirkungen auch in Begriffe, d.h. nach Gesetzen, zu fassen.

Auf dem Fundament dieses Grundsatzes der Stabilität des Erdklimas bestand nun die Aufgabe der Klimatologie darin, die Ungleichverteilung der Wärme auf der Erdkugel, die durch die Rotation der Erde um sich und um die Sonne bewirkt ist, in all ihren einander bedingenden, wechselseitigen und damit rückläufig-zyklischen Verläufen und Prozessen zu erforschen und darzustellen. Diese Aufgabe hatte Julius von Hann so beschrieben: „Die ungleiche Vertheilung der Wärme in den unteren Luftschichten an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten, das hierdurch gestörte Gleichgewicht der Atmosphäre, das sich durch die ungleichen Barometerstände am Niveau des Meeres ausspricht, und durch die Luftströmungen eine Wiederherstellung sucht, endlich die verschiedene Vertheilung des Wasserdampfes, seine Ausscheidungen aus der Atmosphäre als Wolke, Regen und Schnee: das sind die Haupterscheinungen, deren gesetzmäßigen Zusammenhang darzustellen die Aufgabe der Meteorologie ist; deren Zusammenspiel an einem bestimmten Orte wir mit dem Worte Klima bezeichnen.

Wenn wir uns hier nur auf die wesentlichen Erkenntnisse der Klimatologie als Systemwissenschaft, die seither gewonnen wurden, konzentrieren, so lagen sie zum einen in der detaillierten Erforschung der physikalischen Vorgänge, dann aber auch der chemischen und biologischen Austausch- und Stoffwechselprozesse sowohl innerhalb als auch zwischen den Sphären der Luft, der Erde, des Wassers, des Lebens und des Menschen. Zum anderen wurde insbesondere mit den Beobachtungen des Klimasystems durch Satelliten sowie mit der Datenverarbeitung durch elektronische Rechner seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts der globale Kreislaufcharakter derjenigen Stoffe erkannt, die wie der Sauerstoff, der Kohlenstoff, der Stickstoff oder der Phosphor für die Stabilität des Klimasystems wesentlich sind. Sie zeigten, dass die physikalischen Vorgänge wie biochemischen Stoffwechselprozesse auf der Erde im Großen und Ganzen, gleichsam als Negation der Negation, rückläufig sind.

Das Resultat dieser Erkenntnisse wurde schließlich in den 70er Jahren von dem Chemiker und Geowissenschaftler James Lovelock und der Biologin Lynn Margalis in der sog. Gaia-Hypothese zusammengefasst, nach der das Erdsystem nicht nur ein thermodynamisches System im Gleichgewicht ist, sondern auch – wie ein Lebewesen – als ein sich selbst organisierendes und regulierendes System aufzufassen sei. Die Wechselwirkungen zwischen der Biosphäre und den anorganischen Erdsphären, der Atmo-, Hydro- und der Pedosphäre, seien demnach dergestalt, dass sie zugleich die Bedingungen für die Erhaltung des Lebens auf der Erde wiederherstellen. Diese Hypothese wurde zur Grundlage der sich in den 80er Jahren etablierenden „Earth System Science“, deren Begriff 1985 vom Vorsitzenden des von der NASA eingerichteten Komitees, Francis Bretherton, geprägt wurde. Ihr Ziel sei es, diese Selbstorganisation durch die Messungen der physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse in der Erdevolution zu verstehen.

Nun scheint diese neue Hypothese von der aktiven Selbstorganisation des Klimasystems wieder auf jene alte universelle „organische Kraft“ zurückzugreifen, die schon Herder im Zusammenwirken all der natürlichen und kulturellen Erscheinungen walten sah, oder auf jenen „Geist der Natur“, dessen Wirken Humboldt in und hinter den Erscheinungen begreifen wollte. Und eben diesen idealistischen „Geist“ hatte ja die Klimatologie als eine empirisch begründete bzw. datenbasierte Wissenschaft der Natur austreiben wollen. Mit der Gaia-Hypothese schien nun die Idee einer solch inneren organisierenden Kraft in die Klimatologie wieder zurückzukehren, gegen die ja schon Kant argumentiert hatte, weil sie Unerklärliches durch noch Unerklärlicheres erkläre.

  1. Alexander von Humboldt, Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, Bd. 1, Stuttgart 1845, 5 f. ↩︎
  2. Siehe: Bernhard Hunger, Spurensuche einer Rezeptionsgeschichte Alexander von Humboldt und Johann Gottfried Herder. ↩︎
  3. Alexander von Humboldt, Kosmos, a.a.O., 5. ↩︎
  4. ebd. ↩︎
  5. ebd., 6 f. ↩︎
  6. siehe: Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Reinbek 2005, 238. ↩︎
  7. Alexander von Humboldt, Kosmos, a.a.O., 378. ↩︎
  8. ebd., 386. ↩︎
  9. ebd. ↩︎
  10. siehe zur Geschichte der IMO: wettermuseum.de/meteorologie/internationale-organisation. ↩︎
  11. Julius Hann, Handbuch der Klimatologie, Stuttgart 1883, 4. ↩︎
  12. ebd., 3. ↩︎
  13. ebd. ↩︎
  14. ebd., 1. ↩︎
  15. Wladimir Köppen, Das geographische System der Klimate, Berlin 1936, 6. ↩︎
  16. Julius Hann, Handbuch der Klimatologie, a.a.O., 3. ↩︎
  17. ebd. ↩︎
  18. ebd., 6. ↩︎
  19. So hatte noch von Humboldt in „Kosmos“, Bd. 1, 340 das Klima folgendermaßen definiert: „Der Ausdruck Klima bezeichnet in seinem allgemeinen Sinne alle Veränderungen in der Atmosphäre, die unsere Organe merklich affizieren.“ (H.v.m.) ↩︎
  20. Julius Hann, Handbuch der Klimatologie, a.a.O., 5. ↩︎
  21. ebd., 6. ↩︎
  22. ebd. ↩︎
  23. „Das Weltall bildet die Umwelt des Erde-Atmosphären-Systems. In weiterer Folge wird dafür der Ausdruck Klimasystem verwendet … Mit seiner Umwelt, dem Weltall, steht das Klimasystem im Strahlungsgleichgewicht. Dabei erhält dieses System kurzwellige Strahlung (kleiner als m) von der Sonne und emittiert in gleichem Maße langwellige Strahlung (größer als ca. 4 mym)“ Energiebilanz der Erde (www.zamg.ac.at) ↩︎
  24. S. Arrhenius, The Influence of Carbonic Acid in the Air upon Temperature of the Ground., 254. ↩︎
  25. Julius Hann, Die Erde als Weltkörper. Ihre Atmosphäre und Hydrosphäre, Leipzig 1884, 70. ↩︎
  26. Wernadski sagte die Umgestaltung der Biosphäre zur „Noosphäre“ im Interesse der frei denkenden und demokratisch verfassten Menschheit voraus. ↩︎
  27. Erich Jantsch, Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist, mit einem Vorwort von Paul Feyerabend, München 1982, 33. ↩︎
  28. Grégoire Nicolis, Ilya Prigogine, Die Erforschung des Komplexen. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis der Naturwissenschaften, München 1987, 12. ↩︎
  29. ebd., 20. ↩︎
  30. ebd., 11. ↩︎
  31. Erich Jantsch, Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist, München 1982, 19. ↩︎

Das Klima. Geschichte des Begriffs (II)

Das Klima. Geschichte des Begriffs, 2. Teil

von Alexander von Pechmann

Die Klimatheorie von Johann Gottfried Herder und ihre Kritik durch Immanuel Kant

Das Klima ist für Herder folglich nicht mehr nur ein mehr oder weniger wichtiger Faktor, sondern gleichsam ein in sich „dynamisches System im Gleichgewicht“, wie wir heute sagen würden, das in höchst komplexer Weise die unterschiedlichen Sphären der Luft, des Wassers, der Erde sowie des außer- wie menschlichen Lebens miteinander verknüpft und verbindet. Es wird bei ihm zum Medium und zur Chiffre eines ökologischen Gleichgewichts, innerhalb dessen sich die Mannigfaltigkeit und die Kette der Organisationsformen ausbilden, angefangen von der unbelebten Natur, den Steinen und Salzen, über die Pflanzen- und Tierwelt bis hin zur menschlichen Gattung mit ihrem Verstand und Vernunft. In diesem ganzheitlichen Modell ist der Mensch weder das Zentrum noch herrscht er von außen und souverän über die Dinge, sondern steht in einem durchdringenden Gestaltungsverhältnis von Natur und Kultur.

Wichtiger als diese Methoden- und Sprachkritik war allerdings die inhaltliche Kritik, die Kant übte. Denn Kants Philosophie ging nach seiner „kopernikanischen Wende“ aus anthropozentrischer Perspektive systematisch von einem autonomen und transzendentalen „Ich“ aus, vom „Ich denke“, das den Menschen als Subjekt jeglicher Erkenntnis fundamental von der Natur als dem Objekt seiner Erkenntnis unterscheidet, sodass eine wahre Erkenntnis der Natur allemal nur unter der Leitung und der Kontrolle des Verstandes stattfinden kann. Daher könne die Natur nur als das durch das transzendentale Subjekt gesetzte Objekt ein Gegenstand der Erkenntnis sein. Herder hingegen dreht das um. Er geht nicht vom „transzendentalen Ich“ aus, sondern in kosmologischer Perspektive umgekehrt vom Ganzen der Natur, vom „Himmel“, und stellt die Geschichte des Menschen in Form einer Erzählung als einen sukzessiven Prozess seiner Entstehung auf der Erde und aus der lebenden Natur dar. In ihr ist der Mensch weder das Zentrum noch herrscht er souverän über die Dinge, sondern steht in einem wechselseitigen Gestaltungsverhältnis von Natur und Kultur.

Diese philosophische Kritik Kants traf damals auch mit dem Zeitgeist überein. Denn im Politischen warf die Französische Revolution gerade alles Natürliche und Tradierte ab, das die Menschen bislang gefesselt hatte, um einen Neuanfang zu wagen; und mit dem Beginn der „industriellen Revolution“ kam die Natur nur mehr als vorhandene Verfügungsmasse zur Realisierung menschlicher Bedürfnisse in den Blick, und der gesellschaftliche Fortschritt wurde am Grad der Herrschaft über die Natur gemessen. In den Naturwissenschaften verfestigte sich das Paradigma, die umgebende Natur in klar umrissene, sich gegenseitig begrenzende Gebiete der Physik, Chemie und Biologie einzuteilen, um deren jeweilige Gesetze zu erforschen. Und die Kulturwissenschaften erkundeten, getrennt davon, die Produkte des Menschen hermeneutisch als Äußerungen des zu sich kommenden aufgeklärten Geistes. Dort, wo in dieser anthropozentrischen Zeit der Naturbeherrschung und -kontrolle das Wort „Klima“ überhaupt noch auftauchte, hatte es entweder die Bedeutung eines rein meteorologischen Phänomens oder erklärte im kulturwissenschaftlichen Kontext die unterschiedlichen „Racen“ und Kulturen. Hinter diesem Paradigma der Trennung von Kultur und Natur verschwand der „alte Herder“ als „romantischer Träumer“ von der Bildfläche.

  1. Vgl. dazu die Ausführungen von Eva Horn zur „thermischen Anthropologie“ in: dies., Klima. Eine Wahrnehmungsgeschichte, Frankfurt/Main 2024, 115-125. ↩︎
  2. J. G. Herder, Ideen zur Geschichte der Menschheit, hg. von J. Schmidt. Bd 1., Leipzig 1869, 9. ↩︎
  3. ebd., 18. – „Nur eine kleine andere Richtung der Erde zur Sonne, und alles auf ihr wäre anders“ (ebd., 21). ↩︎
  4. ebd., 35. ↩︎
  5. ebd., 48. – „Er (der Mensch), der Sohn aller Elemente und Wesen, ihr erlesener Inbegriff und gleichsam die Blüte der Erdschöpfung, konnte nicht anders als das letzte Schoßkind der Natur sein, zu dessen Bildung und Empfang viele Entwicklungen und Revolutionen vorhergegangen sein mussten.“ (ebd., 17) ↩︎
  6. ebd., Bd. 2, 45. ↩︎
  7. ebd., 47. ↩︎
  8. „Seitdem er das Feuer vom Himmel stahl und seine Faust das Eisen lenkte, seitdem er Tiere und seine Mitbrüder selbst zusammenzwang …, hat er auf mancherlei Weise zur Veränderung desselben [des Klimas] mitgewirkt. Europa war vormals ein feuchter Wald … es ist gelichtet, und mit dem Klima haben sich die Einwohner selbst geändert Wir können also das Menschengeschlecht als eine Schar kühner, obwohl kleiner Riesen betrachten, die allmählich von den Bergen herabstiegen, die Erde zu unterjochen und das Klima mit ihrer schwachen Faust zu verändern. Wie weit sie es darin gebracht haben mögen, wird uns die Zukunft lehren“ (ebd., 48) – Ähnlich dann Dipesh Chakrabarty (2010, 293): Der Mensch ist ein „Riese“, insofern er – wie die Natur selbst in ihren Umwälzungen – Landschaften und Klimata ändert: der selbstmächtige, zerstörerische Mensch des Anthropozäns, der das Projekt von Freiheit als Naturbeherrschung über alle anderen Rücksichten stellt. Er ist aber auch »klein«, da er dem Klima unterworfen ist wie alle anderen Lebewesen auch, eine Spezies, die untergehen wird, wenn sie die natürlichen Parameter, innerhalb derer ihre gegenwärtige Existenz möglich wurde, mutwillig verändert“. ↩︎
  9. ebd., 46. ↩︎
  10. J. G. Herder, Gott. Einige Gespräche über Spinozas System nebst Shaftesburys Naturhymus, 3. und 5.Gespräch: In: Herders Werke, Berlin. ↩︎
  11. T. Borsche, Vorkritisch oder metakritisch? Die philosophische Aktualität Herders. In: T. Borsche (Hg), Herder im Spiegel der Zeiten, München 2006, 126. ↩︎
  12. Rezensionen von J. G. Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. In: Immanuel Kants sämtliche Werke in sechs Bänden, 1. Bd., Leipzig 1922, 243. ↩︎
  13. ebd., 254. ↩︎
  14. ebd., 253. ↩︎
  15. ebd., 255. ↩︎
  16. Kuno Fischer, Geschichte der neuern Philosophie, Bd. 3, Heidelberg 1902, 685. ↩︎

Das Klima. Geschichte des Begriffs (I)

Das Klima. Geschichte des Begriffs, 1. Teil

von Alexander von Pechmann

Einleitung

Auf den ersten Blick scheint das Klima eng mit unserem Wetter verbunden zu sein. Während wir mit dem Wetter den momentanen meteorologische Zustand an einem bestimmten Ort bezeichnen, wird unter dem Klima der meteorologische Zustand verstanden, der sich über einen langen Zeitraum erstreckt. Das Wetter, so heißt es, entscheidet, was wir heute anziehen, das Klima, was wir im Kleiderschrank haben.

Doch wegen dieser zeitlichen Differenz von Gegenwart und Dauer bezeichnet das Klima eigentlich keinen ‚Zustand’; es bildet vielmehr eine statistisch gewonnene Durchschnittsgröße, die aus einer Vielzahl von Wetterbeobachtungen errechnet worden ist. Das Wetter erfahren wir jederzeit; das Klima jedoch entzieht sich unserer Wahrnehmung; es ist ein allgemeiner Begriff, der von uns hinzugedacht werden muss.

Dieser Unterschied zwischen dem Wetter, mit dem wir täglich konfrontiert sind, und dem Klima, von dem wir uns erst einen Begriff bilden müssen, zeigt sich gegenwärtig daran, dass wohl niemand daran zweifelt, dass sich das Wetter jederzeit ändern kann – weshalb wir an dessen Vorhersage so interessiert sind –, dass es heute jedoch eine weltweite Kontroverse darüber gibt, ob das auch für das Klima gilt, ob also das Klima sich wandelt. So gilt den Befürwortern des Wandels der Schutz des Klimas als eine der größten Herausforderung dieses Jahrhunderts, die Skeptiker hingegen betrachten ihn oft als ein kostspieliges Luxusproblem. So klar und unstrittig unser Bild vom jeweiligen Wetter ist, so unscharf und umstritten ist offenbar unser Bild vom Klima als einer höchst abstrakten Vorstellung.

Im Folgenden soll in vier Kapiteln gezeigt werden, dass der Begriff des Klimas in der Tat eine wechselvolle Geschichte von unterschiedlichen Bedeutungen hatte, die in ihrer Zeit jeweils eng mit philosophischen und weltanschaulichen Kontroversen verbunden waren. Das erste Kapitel befasst sich mit der Kontroverse in der Antike, das zweite mit der erkenntnistheoretischen und weltanschaulichen Auseinandersetzung zwischen Johann Gottfried Herder und Immanuel Kant um den Begriff des Klimas, das folgende mit Alexander von Humboldt und der Entstehung der Klimatologie als Wissenschaft, das letzte Kapitel schließlich mit der gegenwärtigen wissenschaftlichen und politischen Debatte um den Klimawandel. Was das Klima ist und wie wir es erkennen können, so das Fazit, war bis in die Gegenwart Gegenstand wissenschaftlicher und philosophischer Kontroversen.

I. Antike: Das Klima als „Neigung“

Mit dieser mathematischen Erklärung der Erdzonen durch die „Neigung“ war jedoch noch nichts über das wirkliche bzw. physische Verhältnis von Erde und Sonne gesagt. Denn entweder gehen wir von unserer Alltagserfahrung aus, nach der die Erde das ruhende Zentrum des Universums bildet und die Sonne als Quelle der Wärme (und mit ihr die anderen Gestirne) die Erde umkreist. Oder wir setzen, kontrafaktisch, umgekehrt voraus, dass die Sonne das Zentrum bildet und die Erde sie als ein Planet in einer bestimmten Weise umkreist. Im ersten Fall, der Erde als Zentrum, liegt nun aus einer menschlichen bzw. anthropozentrischen Perspektive die Annahme nahe, dass sich hinter den Unterschieden des Klimas eine gewisse Absicht oder Vernunft verbirgt, durch die im Mittelpunkt des Universums eine bestimmte Zone der Erde gerade so beschaffen ist, dass sie für den Menschen zum bewohnbaren Lebensraum geworden ist. Im entgegengesetzten Fall wäre es aus kosmologischer Perspektive jedoch unmöglich, dem Universum eine solche Absicht oder Vernunft zu unterstellen. Die klimatischen Unterschiede wären schlicht physikalische Wirkungen der Sonneneinstrahlung. Hat also die Aufteilung der Erdkugel in jene fünf Klimazonen einen höheren Sinn, oder hat sie keinen? Diese Frage nach dem wirklichen Verhältnis von Erde und Sonne aber war bei der Erdvermessung der ‚alten Griechen’ von zentraler philosophischer und ideologischer Bedeutung.

Nun war und ist es bis heute unsere unmittelbare Erfahrung, dass die Erde im Zentrum ruht, während der „gestirnte Himmel“ sich um sie dreht. Doch prinzipiell spricht nichts dagegen, dass es sich in Wirklichkeit, wie wir heute – bis auf wenige Ausnahmen – annehmen, umgekehrt verhält, dass wir uns also durch die wissenschaftliche Erforschung vom Gegenteil unserer Erfahrungen überzeugen lassen. Dennoch ist der erste Fall, das sog. „geozentrische System“, in der Folge über eineinhalb Jahrtausend zum allgemein verbindlichen Standard geworden, der das Verhältnis von Erde und Sonne vermeintlich ‚richtig’ beschreibt. Da diese Verbindlichkeit jedoch weder auf die unmittelbare Erfahrung zurückgeführt werden kann, die uns ja des Öfteren täuscht, noch auf den damaligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse, wie sich zeigen wird, muss das Motiv für diesen Standard des geozentrischen Systems letztlich philosophisch-weltanschaulicher Natur gewesen sein. Zu deren Erklärung müssen wir uns der damaligen philosophischen Debatte zuwenden.

Der Streit ums Weltbild

Im damals geistig führenden Zentrum Athen war mit Sokrates, Platon und Aristoteles eine Denkströmung prägend geworden, die sich von der theoretischen Erforschung des Wahren, wie sie zuvor insbesondere von den ionischen Philosophen betrieben worden war, abgewandt und sich den praktischen Fragen nach dem Guten zugewandt hatte. Von ihnen wurde das Gute und Vollkommene als das Vernünftige zum höchsten Prinzip erhoben, das nicht nur das praktische Handeln, sondern auch die denkende Erkenntnis bestimmen sollte. Während Platon dieses Gute jedoch als ein jenseitiges Reich der ewigen Ideen konzipiert hatte, nach dem die menschliche Erkenntnis strebe, war die Philosophie des Aristoteles vom Gedanken getragen, das Gute auch in der sinnlich gegebenen Natur aufzufinden, die, wie er annahm, zu ihm als ihrem letzten und höchsten Zweck strebe. Diese teleologische Weltanschauung aber musste an dem Unterschied vom Himmel und der Erde in der Weise festhalten, dass die von den Menschen bewohnte Erde das selbst ruhende Zentrum des Universums ist, während am Himmel die Gestirne und mit ihnen die Sonne als „selige Götter“ ihre ewigen Kreisbahnen um die Erde ziehen.

Einer solchen, nach dem Prinzip des Guten und Vollkommenen organisierten Weltordnung musste nun aber die Annahme völlig widersprechen, die Erde – und auf ihr das Volk der Griechen – sei nicht das Zentrum des Universums, sondern sei ein kugelförmiger Körper, der ständig um sich und die Sonne kreist, und die Klimazonen seien nur die Folge dieser Bewegungen der Erde. Aus dieser Perspektive war eine solche Annahme vor allem in ethisch-praktischer Hinsicht verwerflich: sie leugnete das Gute und Vernünftige der Weltordnung.

Alexandria – Zentrum der Wissenschaften

  1. Die „verbrannte“ wie die „kalten“ Zonen fasste man später dann als „zonae inhabilitabiles“ (unbewohnbare Zonen) zusammen. ↩︎
  2. Eine wichtige Grundlage für die Erdkugellehre hatte bereits Anaximander mit seiner These von dem im kugelförmigen All freischwebenden Erdzylinder geliefert. So lag der Analogieschluss von der Kugelgestalt des Himmels auf die im Zentrum ruhende Erde zumindest nahe. Er wurde durch Aristoteles’ Beobachtung der runden Gestalt des Erdschattens bei der Mondfinsternis erhärtet sowie durch die theoretischen Erwägungen über die Kugel als vollkommenen Körper begünstigt. Wie die theoretische Genese jedoch im einzelnen verlief, entzieht sich unserer Kenntnis. ↩︎
  3. Stephan Heilen, Eudoxos von Knidos und Pytheas von Massalis, In: Wolfgang Hüber (Hg), Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften in der Antike, Bd. 2, Geographie und verwandte Wissenschaften, Stuttgart 2000, 60. ↩︎
  4. Aristoteles, Politik, VII, 7. – Eine ‚klimatologische Völkerlehre’, der sich schon sein Schüler Alexander der Große widersetzen sollte. ↩︎
  5. Zudem konnte Aristarchs heliozentrisches Modell die Unregelmäßigkeiten der Planetenbewegungen erklären. ↩︎
  6. In seinem Werk über die hellenistische Wissenschaft schreibt der Wissenschaftshistoriker Lucio Russo: „Wir haben Lukrez’ herrliches Gedicht über die Natur, nicht jedoch die Werke eines Straton von Lampsakos, bei dem einiges darauf hindeutet, dass er der wahre Begründer der Wissenschaften im eigentlichen Sinne des Wortes sein könnte“ (L. Rosso, Die vergessene Revolution oder die Wiedergeburt des Antiken Wissens, Berlin/Heidelberg/New York 2004, 11). ↩︎
  7. „Die hellenistischen Herrscher förderten die Kultur weniger aus innerem Großmut, sondern weil Wissen für sie eine wichtige Machtquelle war“ (ebd., 285). ↩︎
  8. „Die Beweiskraft der induktiven Methode“, schreibt der Philosophiehistoriker Friedrich Lange, „beruht aber auf der Voraussetzung eben jener Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit des Weltganges, welche Demokrit zuerst entscheidend zum Bewusstsein gebracht hatte.“ (F.A. Lange, Geschichte des Materialismus, Bd. 1, Frankfurt/Main 1974, 91). ↩︎
  9. Dies scheint anders bei seinem einzigen Nachfolger, dem Astronomen Seleukos von Seleukeia, gewesen zu sein, der den Heliozentrismus durch theoretische Überlegungen bewiesen haben soll. ↩︎
  10. Plutarch, de facie 6, 923 A = SVF I 500 (zit. nach: Eric R. Dodds, Mentalitätswandel von der griechischen Aufklärung zur Spätantike und zum Christentum. In: Jochen Schmidt, Aufklärung und Gegenaufklärung in der europäischen Literatur, Philosophie und Politik von der Antike bis zur Gegenwart, Darmstadt 1089, 111) – „(D)ie Stoa hatte schon immer versucht, durch ihren Einfluss den heliozentrischen Ansatz des Aristarch zu Fall zu bringen, weil er, falls man ihn akzeptiert hätte, die Fundamente sowohl der Astrologie als auch der stoischen Religion umgestürzt hätte“ (ebd.). ↩︎
  11. ebd., 93-128. ↩︎

Schindlbeck – Jürgen Habermas und das Asylrecht

Asylrecht und Diskursethik. Eine Antinomie im Denken von Jürgen Habermas

von Bernhard Schindlbeck

I.

II.

III.

Politisch scheitert dieser diskursethische Anspruch jedoch nicht an seiner moralischen Höhe, sondern schon an seiner logischen Unmöglichkeit, wenn es um die Asylgesetzgebung geht. Seiner eigenen Logik nach müssten nämlich Asylbegehrende an der Asylgesetzgebung des Landes, in dem sie um Asyl nachsuchen, als Betroffene auch Teilnehmer des praktischen Diskurses sein, dessen Ergebnis das jeweilige Asylgesetz dann ist. Dies ist aber nicht möglich, da sie nicht Bürger des Landes sind. Die demokratische Deliberation über zu findende Normen und zu beschließende Gesetze findet immer nur im Kreis der zum Land bzw. zum Staat gehörenden Bürger statt. Für die Europäische Union heißt dies heute: im Kreis der EU-Bürger unter Ausschluss aller Nicht-EU-Bürger. Die Forderung nach Beteiligung Außenstehender an der Gesetzgebung eines Landes würde nicht nur seltsam anmuten, sondern würde auch auf eine Verletzung des sogenannten Selbstbestimmungsrechts der Völker hinauslaufen.

Einerseits sollen also die dem Staat angehörenden Bürger gemeinsam über ihre Gesetze entscheiden und dabei alle Interessen aller möglicherweise Betroffenen berücksichtigen. Andererseits sollen nicht nur die Interessen aller betroffenen Menschen berücksichtigt werden, sondern letztere sollen dem diskursethischen Anspruch gemäß wirklich mitsprechen können. Deshalb müssten Asylbegehrende an den Beratungen zur Asylgesetzgebung (sei’s eines Staates, sei’s der gesamten EU) beteiligt werden. Sie sind aber keine Bürger, weshalb sie nicht beteiligt werden können. Dieser Widerspruch ist im nationalstaatlichen Rahmen, in dem jede Demokratie organsiert ist (und auch im Rahmen der EU), schlicht unlösbar. Offensichtlich geraten hier Demokratieprinzip und Diskursethik in eine unauflösbare Antinomie. Und die Behauptung einer Gleichursprünglichkeit scheidet bei einem logischen Widerspruch als Lösung aus.

IV.

Die am 10. April 2024 vom EU-Parlament beschlossene „Asylreform“, der am 14. Mai 2024 auch die EU-Mitgliedsstaaten zustimmten, verschärft die Asylbestimmungen so drastisch, dass die von Europa verfolgte Politik der Abschottung gegen alle Migranten, die nicht unter „Fachkräfteeinwanderung“ subsumiert werden, unübersehbar wird. Die EU beabsichtigt, Flüchtlinge (auch Kinder) unter Haftbedingungen in Internierungslagern an ihrer Außengrenze unterzubringen, ihr Asylbegehren in Schnellverfahren ohne die Möglichkeit des Rechtswegs zu prüfen und bei Ablehnung in irgendwelche Drittländer (die sich vertraglich und gegen Bezahlung dazu bereit erklären) abzuschieben, die auch gar nicht einmal die Herkunftsländer der geflohenen Menschen sein müssen. Man mag diese „Reform“ als Ergebnis einer demokratischen Deliberation in Ministerrat und Parlament betrachten, mit Ethik hat sie nichts zu tun. Diskursethische Prinzipen spielen in der praktischen Asylpolitik keine Rolle. Organisationen wie medico international, Human Rights Watch und Amnesty International sehen in den neuen Regelungen gravierende Verstöße gegen Menschenrechte.

V.

Durch eine Antinomie sieht man sich vor die Frage gestellt, welches der beiden einander widersprechenden Prinzipien aufgegeben werden muss. Hier: entweder die demokratische Selbstbestimmung des Volkes (d.h. der wahlberechtigten Bevölkerung) oder die diskursethisch geforderte Mitsprache und Mitentscheidung aller von der Norm Betroffenen.


  1. Jürgen Habermas, Der demokratische Rechtsstaat – eine paradoxe Verbindung widersprüchlicher Prinzipien?, in: ders., Zeit der Übergänge. Kleine Politische Schriften IX, Frankfurt/Main 2001, 133-151, hier 134. ↩︎

  2. ebd., 135. ↩︎

  3. ebd., 141. ↩︎

  4. Wolfgang Kuhlmann, Ethik der Kommunikation. In: Karl-Otto Apel u.a. (Hg.), Praktische Philosophie/Ethik, Band 1, Frankfurt/Main 1980, 276-308, hier: 297. ↩︎

  5. Jürgen Habermas, Diskursethik – Notizen zu einem Begründungsprogramm. In: ders., Moralbewußt-sein und kommunikatives Handeln, Frankfurt/Main 1983, 53-125, hier: 103; vgl. auch Jürgen Habermas, Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politischen Theorie, Frankfurt/Main 1997, 49. ↩︎

  6. Vgl. Jürgen Habermas, Die postnationale Konstellation. Politische Essays, Frankfurt/Main 1998. ↩︎

  7. Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt/Main 1992, 141. ↩︎

  8. Auf die wichtigen kosmopolitischen Überlegungen von Seyla Benhabib (Kosmopolitismus und Demokratie. Eine Debatte, Frankfurt/New York 2008; sowie: Kosmopolitismus ohne Illusionen. Menschenrechte in unruhigen Zeiten, Berlin 2016; und: Kosmopolitismus im Wandel. Zwischen Demos, Kosmos und Globus, Berlin 2024) kann hier nicht eingegangen werden. ↩︎

  9. Volker M. Heins/Frank Wolff, Hinter Mauern. Geschlossene Grenzen als Gefahr für die offene Gesellschaft, Berlin 2023, 59. ↩︎

  10. Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden, Werkausgabe Band XI, hg. von W. Weischedel, Frankfurt/Main 1996, 214. ↩︎

  11. Gernot Böhme, Ethik im Kontext. Über den Umgang mit ersten Fragen, Frankfurt/Main 1997, 222. ↩︎

  12. Der Spiegel 12/2025, 35 f. ↩︎

  13. Der Spiegel 43/2023, 18. ↩︎

  14. Der Spiegel 46/2024, 17. ↩︎

  15. Seyla Benhabib, Kosmopolitismus im Wandel. Zwischen Demos, Kosmos und Globus, Berlin 2024, 42. ↩︎

  16. Donatella Di Cesare, Philosophie der Migration, Berlin 2021, 7. ↩︎

Wie es begann …

EDITORIAL (Heft 1/81)

‚Wieder mal eine Zeitschrift von frustrierten Philosophen für frustrierte Philosophen. Wer weiß, wie lange die sich diesmal hält’, werden einige von Euch denken. Auch wir wissen es nicht. Aber eines wissen wir: die bloße Kritik an den Zuständen im herrschenden Lehrbetrieb, die aufkommende Frustration über die Sinnlosigkeit des „Philosophierens“ in den Seminaren genügt nicht als solide Grundlage für die Arbeit an einer Zeitschrift. Blinder Aktionismus nach dem Motto ‚Tu irgendwas, aber tu was’ reicht vielleicht hin, um eine Zeitschrift zu gründen und eine Zeit lang sein Publikum für den eigenen aufgestauten Unmut zu finden; aber diese Unmittelbarkeit des Handelns trägt nicht; sie hat schon den Keim des Untergangs in sich, wie es in der Sprache der Philosophen so anschaulich heißt.

Für eine Zeitschrift – und erst recht für eine alternative zum herrschenden Lehrbetrieb – braucht es ein Programm. Und das haben wir! Ein klares, nachvollziehbares und festumrissenes Programm, das wir Euch vorstellen wollen.

Philosophie – wofür?

Beginnen wir zunächst mit der zweiten Frage, die seit eh und je an die Philosophie gerichtet worden ist. Nicht: „Was ist eigentlich die Philosophie?“ – die spezifische Aneignung der Welt als Totalität –, sondern: „Was soll Philosophie?“ Wozu ist sie eigentlich gut? – Eine berechtigte Frage. Sie ist sogar so berechtigt, dass sie nicht nur immer wieder die Philosophen stellen, sondern alle die arbeitenden Menschen, die wissen wollen, was sich Philosophen da mit ihren Geldern eigentlich alles ausdenken, und was damit anzufangen ist.

Philosophie ist für die Philosophie nicht das Letzte. Sie hat ihren Sinn und Zweck nicht in sich, sondern muß sich in ihrem Tun vor der Gesellschaft verantworten und an deren Bedürfnissen und Interessen orientieren. Wie jede Arbeit, so ist auch die philosophische zugleich gesellschaftliche Arbeit. Im Grunde ein so selbstverständlicher und naheliegender Gedanke, dass er den meisten unserer Philosophen aufs Höchste suspekt ist.

Einiges über das „Münchner Philosophieren“ oder die Selbstgenügsamkeit der Philosophie

Leugnet man diese Erkenntnis, geht man also vom ‚immanenten Zweck’ der Philosophie, von der Philosophie als Selbstzweck, aus, dann befinden wir uns schon auf dem besten Wege, uns der gesellschaftlichen Realität zu entheben und in die lichten Höhen der „Münchner Philosophie“ zu entschweben. Aus der lebendigen Wirklichkeit gelangen wir in das tote Reich der verschiedenen Geister, setzen an die Stelle der realen Auseinandersetzung und des wirklichen Lebens die Stille der geistigen Versenkung in eine längst vergangene Gedankenwelt. Die lebendige Unruhe wird ersetzt durch „eine dem philosophi­schen Geist nicht gerade günstige Bravheit“, wie ein zeitge­nössischer Philosoph die gegenwärtige Situation unserer Philosophie zurecht schildert.

Diese Abstraktion und Trennung der „geistigen Welt“ von der Wirklichkeit aber erzeugt nichts anderes als einen ganz unwirklichen Schein der Selbstgenügsamkeit. An die Stelle wirklicher Befriedigung tritt eine Scheinbefriedigung in der Entrückung und Entzückung an jener geistigen Welt, die nur ein paar weltferne Studenten der Philosophie auf die Dauer in ihren Bann ziehen kann. Aber für die anderen führt diese untragbare Kluft zwischen einer Welt der Unsicherheit, der physischen und psychischen Verarmung, der Arbeitslosigkeit und der Kriegsgefahr einerseits und der heiteren, unbeschwerten, mit sich zufriedenen Gedankenwelt der Philosophen andererseits zu einem Widerspruch, den selbst der Stärkste nicht langer auszuhalten vermag, und der ihn am Sinn der Philosophie zweifeln lässt.

Dieser Widerspruch ist jedoch keineswegs das Problem der Philosophie insgesamt, sondern der “Münchner Philosophie“, insofern sie mit dem Mittel der Abstraktion bewusst oder unbewusst statt zu Erklärung, nur zur Verklärung der gesellschaftlichen Zustände beiträgt.

Zum Verhältnis von Philosophie und Wirklichkeit

Philosophie, die nicht Selbstzweck ist, hatte immer schon ein bewusstes Verhältnis zum gesellschaftlichen Leben, zu den Aktionen, Gedanken und Ideen der Menschen. Wirkliche Philosophie hat nie sich selbst, sondern immer das wirkliche Leben zum Gegenstand.

Nur – wie verhält sie sich zu diesem ihrem Gegenstand? Verhält sie sich zu ihm nur theoretisch oder auch praktisch? Ist die Aufgabe der Philosophie, in einer gleichsam titanischen Anstrengung eine irgendwie aus den Fugen geratene Wirklichkeit im Begriffe, im philosophischen Denken, nochmals zusammenzubringen und sie als letztlich doch vernünftig zu erweisen? Oder ist es ihre Aufgabe, den Menschen Zielvorstellungen zu artikulieren, ihnen Perspektiven zu formulieren und zu begründen, die auf einen gesellschaftlichen Fortschritt hinorientiert?

Nach unserer Auffassung kann sich das philosophische Denken ebensowenig selbst genügen wie es nur ein theoretisches „Auf-den-Begriff-bringen“ ist. Philosophie soll dem gesellschaft­lichen Fortschritt dienen und sie muß dies, wenn sie dem Leben der Menschen überhaupt etwas geben will. Nicht abstrakte Utopien, unwirkliche Wunschvorstellungen von einer anderen, besseren Welt, sondern mögliche und realistische Ziele soll die Philosophie nach unserer Auffassung setzen und begründen.

Wir verwechseln nicht den Missstand und den Stillstand des philosophischen Fachbereichs mit der Wirklichkeit. Wir sehen eine Welt, die auf Veränderung drängt, die unter vielen Qualen und mit großen Mühen Neues hervorbringen will und wird; Aufgabe der Philosophie ist es, dieses „Neue“ zu formulieren und ihm zur Realität zu verhelfen. Die Einheit von Theorie und Praxis, von Philosophie und tätiger Veränderung mag zwar ein theoretisches Problem sein, seine Lösung aber ist allemal eine Sache der Praxis.

Die arbeitenden Menschen in den Betrieben und Büros, im Studium und im Beruf, die oft orientierungslos um ihre Existenz kämpfen müssen, sie haben ein Recht auf eine Philosophie, die ihnen weder erklärt, dass ja letztlich alles seine Ordnung habe, noch weißmachen will, wie sie sich zu verhalten haben und was eigentlich rechtens sei, sondern eine Philosophie, die sich ihrer Interessen annimmt, sie artikuliert, verallgemeinert und bei ihrer Realisierung behilflich ist.

Unsere Zeitschrift – Ein Organ der lebendigen Diskussion …

Unsere Zeitschrift möchte wieder einmal die Wirklichkeit, in der wir leben, wenn wir nicht auf gut münchnerisch philoso­phieren, und die vor den Seminaren halt machen musste, in die Philosophie einbringen. Wir wollen uns nicht weiterhin mit scholastischen Pseudo- und Sekundärproblemen herumschlagen, sondern sie in der Weise aufnehmen und diskutieren, wie sie uns die Wirklichkeit stellt, – und zwar sub specie ihrer Veränderung.

Wir wissen, dass das schwierig und kompliziert ist. Wir wollen keine Popularphilosophie treiben, die jedem nach dem Munde redet; auch keine „politische Philosophie“ im Sinne eines Teilgebiets der Philosophie, sondern eine Philosophie, die sich in ihren innersten Quellen dem historischen und dem sozialen Fortschritt verpflichtet weiß. Wir sehen auch, wie schwer das gegenwärtig ist. Gerade heute, wo ganze philosophische und wissenschaftliche Institute es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheinen, uns zum Verzicht auf Veränderung, auf Fortschritt mit allen nur erdenklichen Mitteln zu bewegen. Aber wir beziehen unser Vertrauen auf eine bessere Zukunft aus den Kräften der Vergangenheit und der Gegenwart, die diese Verzichtserklärungen nicht gemacht haben, die sich dem Fortschritt der Menschheit verpflichtet gefühlt haben und weiterhin fühlen. Wir orientieren uns am Gedankengut vergangener und gegenwärtiger Philosophen, die ihre theoretische Arbeit in den Dienst praktischer Veränderung von Natur und Gesellschaft gestellt haben.

… und ein Gegner von Dogmatismus und Reduktionismus in der Philosophie

Was wir unter allen Umständen vermeiden wollen und vermeiden werden, ist engstirniger Dogmatismus, lebensfernes Sektierertum und unphilosophische Rechthaberei. Wir vertreten keinen Alleinvertretungsanspruch in den Fragen des Fortschritts und der Entwicklung von Menschheit und Gesellschaft.

Die Zeitschrift soll ein Forum der Diskussion, eine Plattform der lebendigen Auseinandersetzung um die wesentlichen Fragen über unsere Gegenwart und um die Perspektiven der Zukunft sein, an der sich jeder Interessierte beteiligen kann und sollte.

Allerdings – sie soll eine philosophische Zeitschrift werden, eine Zeitschrift, die diese Fragen und Probleme unter philosophischen Aspekten und Gesichtspunkten thematisiert und behandelt.

Sicherlich sind auch die Probleme der Wissenschaftstheorie, der Erkenntnistheorie, der Sprache, der Logik und Mathematik, oder der Platon- und Aristoteles-Deutung philosophische Probleme. Aber wir wenden uns gegen die verkürzte Auffassung, Philosophie hätte keine andere Aufgabe, als über die bestehenden Wissenschaften zu reflektieren, oder sei nicht mehr als die Erinnerung und Vergegenwärtigung vergangener Philosophie, und sei darauf zu reduzieren.

Philosophie ist für uns in erster Linie und vor allem die geistige Aneignung der Wirklichkeit als Totalität; nicht lebensferne Abkapselung und weltfremde „Theoretisierei“, sondern die geistige Öffnung zur wirklichen Welt, die Aufnahme und theoretische Verarbeitung ihrer Probleme und die Entwicklung und Begründung von Perspektiven und Zielvorstellungen. Diese Offenheit schließt sowohl Dogmatismus als auch Reduktionismus aus.

Einladung

Wir wollen eine Zeitschrift gestalten, die all dies berücksichtigt, die interessante, diskussionswürdige und perspektivreiche Beiträge veröffentlicht, die wichtige Informationen über das philosophische Geschehen gibt, sich mit der gegenwärtigen Philosophie vor allem in München kritisch auseinandersetzt und – die dazu Eure Unterstützung und Mitarbeit braucht.

Ideologiekritik im „Widerspruch“

Alexander von Pechmann

Ideologiekritik im „Widerspruch“

Phasen der Kritik und Selbstkritik

I.

1980 gegründet, war der „Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie“ seinem Selbstverständnis nach ein Kind der Studentenbewegung. Anders als etwa das Berliner „Argument“, das sich in den 60er Jahren seinen Standpunkt erst erarbeitet hatte, war der Widerspruch von Beginn an fertig. Er hatte einen klaren Standpunkt und hatte sich, wie das Editorial der ersten Nummer darlegt, einen ausgewiesenen ideologiekritischen Auftrag gegeben. Damals, Anfang der 80er Jahre, herrschten in der Münchner Philosophie zwei Richtungen: auf der einen Seite die traditionelle geisteswissenschaftliche Ausrichtung, die von den Philosophen Hermann Krings, Robert Spaemann und Dieter Henrich repräsentiert wurde, und auf der anderen die in den 60er Jahren entstandene Wissenschaftstheorie, die von Wolfgang Stegmüller etabliert und vertreten wurde.

Mit der Zeitschrift Widerspruch sollte auch in München die mit der Studentenbewegung wiedererweckte historisch-materialistische Philosophie eine Plattform erhalten, die zugleich die ideologiekritische Auseinandersetzung mit den dominierenden konservativen und liberalen Positionen suchen wollte. So hatten denn auch die Hefte der ersten Jahre eine klare Linie: „Wissenschaft und sozialer Fortschritt“, „Freiheit der Wissenschaften?“, „Friedensbewegung und Friedenstheorie“, „Hilfe zur Selbsthilfe im Konservatismus“ waren die Titel der Hefte. Sie führten in ihren Beiträgen vom historisch-materialistischen Standpunkt aus die Auseinandersetzung um die Demokratisierung der Gesellschaft und die Erhaltung des bedrohten Friedens auf den Konfliktfeldern der damaligen Zeit: den Berufsverboten für fortschrittliche Wissenschaftler wie Horst Holzer, der Nato-Nachrüstung durch die Pershing II-Raketen oder der von der neuen Kohl-Regierung ausgerufenen „geistig-moralischen Wende“. Und das Heft über die „Philosophie im Faschismus“ unternahm es erstmals, das von der herrschenden Philosophie bislang Verdrängte aufzuarbeiten.

So klar und einheitlich der philosophische Standpunkt zu dieser Zeit auch war, so zeigten sich doch Unterschiede und Unsicherheiten auf dem Feld der Ideologiekritik: Sollte man die Auseinandersetzung mit den konträren Auffassungen polemisch führen, ihnen Widersprüche der Argumentation nachweisen, um ihre Vertreter lächerlich zu machen, oder hinter der scheinbar wohlklingenden Rede die unlautere Absicht, das versteckte Herrschaftsinteresse, entlarven, sollte die Kritik also die Leser:innen über die geistige Beschränktheit bzw. die Verlogenheit der Autoren aufklären? Oder sollte Ideologiekritik vielmehr erklärend verfahren, indem sie zeigt, wie und welche gesellschaftlichen Interessen sich in den jeweiligen Theoriegebäuden artikulieren, um so den geistigen Überbau auf seine materielle Basis zurückzuführen? – Und weiterhin: Sollte diese Kritik eher theoretisch oder praktisch motiviert sein, und wäre demnach das Kriterium der Kritik die logische Kohärenz der Argumentation oder aber die Gemeinsamkeit der politischen Ziele? So wurde denn auch auf manche politische „Bündnispartner“, wie den christlichen Sozialisten Helmut Gollwitzer, munter eingeprügelt, um seinen wirklichkeitsfremden Idealismus zu entlarven, während andere aus politisch motivierter Absicht von der Kritik verschont blieben.

II.

Schon bald jedoch fing die klare ideologiekritische Frontstellung zwischen wahrem und verkehrtem Bewusstsein an sich aufzulösen. Neue Fragen und Problemfelder wurden relevant: Mit den Heften „Computer – Denken – Sinnlichkeit“ und zur „Gen-Technologie“ setzte Mitte der 80er Jahre die sozialphilosophische und ethische Auseinandersetzung der Zeitschrift mit den neuen Technologien der digitalen bzw. genetischen Informationsverarbeitung und ihren damals noch unüberschaubaren Anwendungsbereichen ein. Die zunehmend ins Bewusstsein tretende Umweltzerstörung in West und Ost, die Herausforderungen der Frauenbewegung für das traditionelle Rollenverständnis, die neue Suche nach sozialer und geistiger Geborgenheit mit ihrer wachsenden Sensibilität für die Heimat – diese Themen der 80er Jahre passten nicht mehr recht in das bisherige ideologiekritische Schema von „wahr“ und „verkehrt“. Überblickt man die Beiträge der Hefte dieser Zeit, zur „Wiederkehr des Mythos“, zur „Heimat. Zwischen Ideologie und Utopie“ oder zum „Frauen-Denken“, so erkennt man, dass nun ein anderes Schema vorherrschend wurde, das Schema einer dialektischen Differenzierung: Einerseits, so die Argumentation, enthalten die genannten Technologien wie die neuen sozialen Bewegungen etwas Wahres, da sie das menschliche Handlungspotential erweitern bzw. das Unbehagen an Strukturen des bestehenden Gesellschaftssystems artikulieren; andererseits bergen dieselben Phänomene jedoch auch Gefahren, weil die neuen Techniken als Mittel der Herrschaftskontrolle oder Profitmaximierung missbraucht werden, bzw. die Umwelt- und Frauenbewegungen zugleich ein romantisch-reaktionäres Gedankengut, einen „gefährlichen Irrationalismus“, wie es hieß, transportierten. Hier angesichts der Komplexität und Interpretationsvielfalt der neuen technischen wie sozialen Phänomene das Angemessene zu treffen, erwies sich als schwierig; der vormals eindeutige ideologiekritische Standpunkt löste sich in den verschiedenen Beiträgen der Hefte in ein schillerndes Spektrum unterschiedlicher Auffassungen auf.

III.

Die katastrophé der Ideologiekritik, die zum Umdenken zwang, kam für den Widerspruch 1987, drei Jahre vor der Umwälzung der globalen Verhältnisse. Das Heft zum „Neuen Denken“ war noch nach dem bisherigen Muster als kritische Auseinandersetzung mit der damals einflussreichen New-Age-Bewegung geplant. Dieser Art des Aufgreifens gesellschaftlicher Phänomene kam jedoch das sowjetische Konzept des „Neuen Denkens“ dazwischen: Es stellte das bisherige Fundament einer historisch-materialistischen Analyse und Kritik recht grundsätzlich in Frage. Denn jetzt sollte nicht mehr der historische Fortschritt, d.h. eine antikapitalistische, auf Befreiung zielende Praxis, der Kompass sein, der die Ideologiekritik motiviert und orientiert, sondern das gerade Gegenteil: die angesichts der globalen Probleme, des atomaren Wettrüstens, der Naturzerstörung und der Unterentwicklung der Dritten Welt, gefährdete Existenz und damit die Erhaltung der Menschheit.

Von diesem Standpunkt der Bewahrung der Menschheit aus musste nun aber die Auffassung vom Fortschritt als Ideologie erscheinen, die zuvor doch Grundlage und Zweck der ideologiekritischen Arbeit war. „Auch die Ideologiekritik kann ideologisch und falsch sein“, heißt es jetzt im Heft. „Die Ideologiekritik muss also selbst noch einmal einer Ideologiekritik unterzogen werden.“ Sollte angesichts der atomaren und ökologischen Bedrohungen diese Konzeption die richtige und damit das Bewusstsein von der Bewahrung der Menschheit das wahre sein, dann, so die naheliegende Schlussfolgerung, wäre die bisherige Ideologiekritik auf der Grundlage eines ‚beschränkten Bewusstseins‘ erfolgt, sie wäre, als ‚naiver Fortschrittsoptimismus‘, selbst Ideologie gewesen.

Die Konfrontation der zwei Paradigmen „Fortschritt“ versus „Bewahrung“ gefährdete das Projekt Widerspruch. Sie zwang, was bislang nicht nötig war, zur Reflexion und zur Verständigung über die eigenen Grundlagen. Diese Phase der Selbstreflexion fand ihren Niederschlag in zwei Heften mit den – zuvor als absurd erschienenen – Titeln am Anfang der 90er Jahre: „Ende der Linken?“ und „Wozu noch Intellektuelle?“. Sie stellten eben das zur Disposition, was seit Gründung der Zeitschrift ihr unproblematisches philosophisches Fundament gewesen war. „Die Linke“, so wurde jetzt festgestellt, „bedarf einer geschichtlichen Perspektive; aber die realen Bedingungen dafür fehlen heute offenbar. Ist mit dem Ende des ‚realen Sozialismus‘ auch die Linke am Ende?“ Bedeutet das, dass mit der epochalen Wende der Typus des Linksintellektuellen, der sich der emanzipatorischen Ideologiekritik verpflichtet wusste, vom „Sieger der Geschichte“ nun zum allseits verhöhnten „Auslaufmodell“ geworden ist?

IV.

Versucht man angesichts der Vielfalt der Stimmen, die sich zu dieser Selbstverständigungsdebatte im Widerspruch zu Wort gemeldet haben, ein neues Fundament für die Zeitschrift herauszuschälen, so bestand dies zum einen in der bitteren Einsicht in die Alternativlosigkeit des Bestehenden und, damit verbunden, in die Ortlosigkeit systemverändernder Praxis sowie zum anderen in der Suche nach der Neuverortung linker Theoriebildung innerhalb des bestehenden Systems. „Am Ende“, so hieß es jetzt, sei „eine Theorie und Praxis …, die Geschichte als einen ‚dialektisch-gesetzmäßigen Fortschritt zum Sozialismus‘ zu verwirklichen glaubte. Der Sozialismus als ‚Ideal‘ hingegen erschien den meisten Autoren als weitgehend ungebrochen“, – ohne freilich dieses „Ideal“ wie auch den Ort linker Theoriebildung genauer bestimmen zu können.

Auf der Basis eines solchen Verzichts auf die geschichtsphilosophische Dimension des eigenen Selbstverständnisses kristallisierte sich in der Folgezeit ein neues Muster der Ideologiekritik heraus. An die Stelle der vormaligen Schemata der Polarisierung bzw. dialektischen Differenzierung trat nun die Aufgabe, die „immanenten Widersprüche“ des Systems herauszuarbeiten und sie gegenüber denjenigen Ideologien kenntlich zu machen, die den sich nun globalisierenden Kapitalismus – der freilich so nicht mehr genannt werden durfte – verklärten. So hatten in den 90er Jahren die Hefte vor allem die Konfliktlinien, Gegensätze und Widersprüche des sich herausbildenden Weltsystems zum Gegenstand: Die Beiträge zur „multi-kulturellen Gesellschaft“ thematisierten die Konfliktpotentiale zwischen der Eigen- und Fremdkultur, die aus der Auflösung der bisherigen Grenzen erwuchsen, wiesen freilich auch auf die darin enthaltene Utopie eines friedlichen Miteinanders der Völker und Kulturen hin. „Markt und Gerechtigkeit“ widmete sich der wachsenden Verteilungsschere der materiellen und sozialen Güter und kritisierte den zunehmenden Realitätsverlust der systemkonformen Markt-Ideologien. Die Hefte über „Gewalt und Zivilisation“ und „Nie wieder Krieg“ versammelten Beiträge, die das scheinbar paradoxe Phänomen untersuchten, dass trotz der Zivilität der Gesellschaft die Gewalt im Inneren wie nach Außen zunimmt, und wie der Einsatz militärischer Gewalt heutigentags ideologisch legitimiert wird. Und das Heft zu einer „Philosophie des Mülls“ schließlich machte den ökologischen Skandal zum Thema, dass „zwischen die Reiche der Freiheit und der Natur die Berge aus Müll wachsen.“

Nach dem Verlust der Zukunftsperspektive brachte das neue Schema der „inneren Widersprüche“ zwar den heilsamen Zwang, genauer auf die Tatsachen hinschauen zu müssen, um sie aufdecken zu können. Es hatte aber den Mangel, diese Widersprüche nicht mehr als Triebfedern seiner revolutionären Umgestaltung begreifen, sondern das kapitalistische System nur immanent an seinen eigenen Ansprüchen der Freiheit, Gleichheit oder Gerechtigkeit messen zu können. Durch eine solche immanente Kritik sollte zumindest das „Ideal“ des Sozialismus und damit das Bewusstsein des Anders-Möglichen in Erinnerung gehalten werden.

V.

Um die Jahrhundertwende dann wurden die öffentliche Kritik und die Proteste gegen die Globalisierung lauter. Im Heft „Wagnis Utopie“, erschienen 1999, heißt es erstmals wieder: „Die Zeit scheint reif zu sein, über das was ist, hinaus wieder das, was sein soll und sein kann, zu denken, Utopisches als ein real-mögliches Gegenbild zum Bestehenden zu entwerfen.“ Diesem Gegenbild stand jedoch entgegen, dass die sich neu formierenden Antiglobalisierungsbewegungen als Träger des Protestes sich in der Realität als äußerst heterogen zeigten. Sie zu verstehen und zu begreifen, zwang die Zeitschrift, den Horizont der bisherigen Ideologiekritik zu erweitern; sie stellten damit aber auch das Fundament der immanenten Kritik erneut und auf andere Weise in Frage. Hatte das Heft über „Afrikanische Philosophie“ noch die Debatte der afrikanischen Philosophen um die verheerenden Auswirkungen des Weltmarkts auf die traditionellen Lebens- und Wirtschaftsformen zum Thema, traten jetzt außereuropäische Akteure aus dem lateinamerikanischen, islamischen, indischen und chinesischen Raum auf den Plan. Ihr Auftreten musste den bisherigen sozialphilosophischen Rahmen der Kritik um die Dimension des Kulturellen erweitern.

Die Auseinandersetzung mit diesen neuen Trägern des Protestes provozierte jedoch zugleich die Frage, ob und inwiefern der eigene Standort und die bisherige Form der Ideologiekritik tiefer in der europäischen Denktradition verwurzelt waren als gedacht. Die Artikel in den Heften am Anfang dieses Jahrzehnts über die „Kritik der Globalisierung aus außereuropäischer Perspektive“ und über den „Kampf der Kulturbegriffe“ trugen diese Debatte um die Universalität resp. Relativität des eigenen Standpunkts aus. Insbesondere die Autoren nicht-westlicher Kulturen wehrten sich gegen die Zumutung, „die Wahrheit durch die eigene Tradition exklusiv zu definieren.“ Ihnen standen – recht vermittlungslos – Beiträge gegenüber, die sich dagegen verwahrten, den Universalitäts- und Wahrheitsanspruch der eigenen Position preiszugeben. So deutete ein Teil der Beiträge die außereuropäischen Proteste als verständliche Reaktionen auf die Zumutungen einer „Verwestlichung“, andere sahen in ihnen vormoderne Antworten auf die stattfindende Modernisierung. Ein ähnliches Bild zeigten die Hefte über den „Wertestreit um Europa“ und die „Perspektiven postnationaler Demokratie“. Während die einen Autoren die politische Integration Europas an den eigenen, den europäischen Werten maßen, erkannten andere Autoren in dieser Entwicklung die Neuformierung eines imperialen Lagers, die „Anpassung des institutionellen Überbaus an die ökonomischen Notwendigkeiten.“

VI.

Am Ende des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts schien es, dass mit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 nun wieder die alten und vertrauten Krisenphänomene der kapitalistischen Produktionsweise und damit auch Vorstellungen sozialistischer Alternativen zurückkehrten. Die Rückkehr dieser Krisen konnte zwar dazu dienen, die vormaligen Beiträge zur Kritik der Marktideologien nachträglich zu rechtfertigen; sie machte aber zugleich die Diskussion um reale Alternativen zum System der Marktwirtschaft unabweislich, das nun öffentlich auch wieder als „Kapitalismus“ bezeichnet werden durfte. Diese Suche nach Alternativen zum Bestehenden stand denn auch im vergangenen Jahrzehnt im Zentrum. So unternahm es das Heft „1968 – Ideen, Entwürfe, Utopien“ Antworten auf die Fragen nach dem Erinnerungswerten und Unabgegoltenen der 68er Bewegung zu geben; und das Heft über „Alternative Ökonomien“ erörterte die Konzepte einer „Wohlfahrts-“, einer „Solidarischen“ bzw. einer „sozialistischen Ökonomie“, die den Anspruch erhoben, den neuen globalen sozialen wie ökologischen Herausforderungen Rechnung zu tragen.

Auf der politischen Ebene setzten die Hefte über das „Vertrauen in der Krise“ (51), „Brauchen wir Eliten?“ (53), „DemoKratie“ (57) sowie über die „Arcana Imperii. Die dunkle Seite des Staates“ (59) sich nicht nur mit der gegenwärtigen Krise der Repräsentation und dem schwindenden Vertrauen in das Modell der parlamentarischen Demokratie auseinander, sondern suchten auch nach den institutionellen Bedingungen, unter denen die Überwindung dieser Kluft zwischen der sozialen Lebenswelt und dem politischen System möglich wäre. Im historischen Rückblick auf die Zeit nach dem 1. Weltkrieg dann sollte das spätere Heft zur „Räterepublik in Bayern“ (67) den Streit um das Rätesystem als eine Alternative zum Modell der parlamentarischen Demokratie vergegenwärtigen.

Mit den weltweiten Protestbewegungen gegen das westliche kapitalistische System, allen voran dem „arabischen Frühling“, tauchte dann auch wieder die alte, in der Versenkung verschwundene Frage nach dem „revolutionären Subjekt“ als dem sozialen Träger der politischen Veränderung auf, mit dem das Heft Nr. 55 sich befasste. Dessen Beiträge blieben freilich, im Rückblick gesehen, recht vage und diffus. Sie waren offenbar mehr Ausdruck eines Wunsches als der Wirklichkeit. Ähnliches galt auch für das Heft über die: „Philosophie in China“. Die Beiträge in diesem Heft gaben zwar einen ausgezeichneten Ein- und Überblick über das traditionell säkular und pragmatisch geprägte Denken in der Volksrepublik China und arbeiteten auch die Differenzen zu einem westlichen ‚Universalismus‘ heraus; sie ließen aber die Frage nach einem möglichen Gegengewicht zum westlichen Modell des Kapitalismus unbeantwortet.

Auf der Ebene des Sozialen war dann das Heft zum „Internet und der digitalen Gesellschaft“, 2010 erschienen, mit der Vorstellung und Hoffnung auf einen, technologisch bedingten, Wandel verbunden. Das World Wide Web beginne, so hieß es einführend, „die reale Welt des Kapitalismus zu unterminieren“. Es habe „der Vision einer Weltrepublik mit freier Kommunikation neue Nahrung gegeben, einer demokratischen Öffentlichkeit, bei der alle nationalen und sozialen Schranken fallen werden.“ Bei allen Verweisen auf die Gefahren des Missbrauchs überwog in den Beiträgen doch die Hoffnung auf die Chancen eines künftigen „herrschaftsfreien Diskurses“. Werch ein Illtum! – Wie sehr sich diese Perspektive auf die „digitale Gesellschaft“ seither gewandelt hat, verdeutlichen dann die Hefte des Widerspruch über den „Trans-Humanismus“ (66), der den Menschen „das Maß einer (womöglich sich selbst optimierenden) Maschine“ anlegen möchte, über die neuen Möglichkeiten der Verbreitung bornierter Weltbilder und der Verfestigung von Vorurteilen in den Sozialen Medien, denen die Nr. 69 „Öffentliche Meinung und Wahrheit“ gewidmet war, sowie das letzte Heft des Widerspruch über die „Künstliche Intelligenz“ (75). In dessen Zentrum stand nun der „digitale Kapitalismus“, der auf seiner Jagd nach Profit eine rücksichts- und gnadenlose Konkurrenz der High-Tech-Giganten auf dem Weltmarkt bewirkt hat, der die Gesellschaften und staatlichen Institutionen derzeit weitgehend hilflos gegenüberstehen.

VII.

Die Suche nach Alternativen wurde schließlich ab der Mitte des vergangenen Jahrzehnts durch das neue Phänomen überlagert, dass die Kritik am bestehenden System sich politisch nicht mehr nur links verorten ließ, sondern dass sie sich auch in rechten Ideologien artikulierte. So sah sich die Tagung des Widerspruch „Was ist links heute?“ im Jahr 2015, die das Heft Nr. 61 dokumentierte, mit der Herausforderung konfrontiert, dass die Kapitalismuskritik nicht mehr als das ‚Privileg der Linken‘ angesehen werden kann, und dass im öffentlichen Diskurs die Grenzen zwischen links und rechts oft ineinander verschwimmen. Aufgabe der Tagung sollte es daher sein, unter dem Begriff „links“ nicht nur die komplexe Vielfalt linker Aktivitäten zusammenzufassen, sondern sie auch klar gegenüber der rechten Ideologie abzugrenzen. So sehr Einigkeit darüber bestand, dass die Prinzipien linken Handelns der Abbau jeglicher Herrschaft von Menschen über die Menschen und die Natur sowie der weltweite und supranationale Kampf um soziale Gerechtigkeit sind, so kontrovers blieb unter den Teilnehmern freilich die Frage nach den realistischen Wegen zu diesen Zielen.

Das Heft Nr. 68 hatte dann „Die Neue Rechte“ selbst zum Thema. Dabei bestand das Interesse nicht nur darin, dass und wie im öffentlichen Diskurs wieder zunehmend traditionell rechtes Gedankengut einfließt, sondern auch daran, dass die „Neue Rechte“ es nicht ohne Erfolg übernommen hat, traditionell antikapitalistische Theorien und Strategien der Linken in das Projekt einer „nationalen“ bzw. „völkischen Identität“ zu integrieren. Dieser Vermischung von links und rechts gingen denn auch die Beiträge des Hefts über die „Identitätspolitik“ (72) nach, die den Rechten dazu dient, die ‚völkische Substanz‘ zu erhalten, während sie im linken Diskurs vorhandene Diskriminierungen kenntlich machen soll, um sie überwinden zu können.

VIII.

Der Verlust des linken Monopols auf die Kritik des bestehenden Systems führte im Weiteren dann zu einer notwendig gewordenen Reflexion auf die eigenen philosophischen Grundlagen. So bedürfe es angesichts der politisch-ökonomischen Entwicklungen sowie der ökologischen Herausforderungen einer Neubestimmung des altehrwürdigen Begriffs des „Fortschritts“ als Leitidee linker Praxis, der das Heft Nr. 54 gewidmet war. Fortschritt, so der Tenor der Beiträge, lasse sich nicht mehr quantitativ und naiv als ein Mehr an materiellen wie immateriellen Gütern bestimmen. Der Begriff müsse heute zugleich und konstitutiv die natürlichen und einschränkenden Bedingungen und Ressourcen einer solchen Praxis einbeziehen. In ähnlicher Weise thematisierte das Heft Nr. 71, „Problemfall Arbeit“, einen zentralen Begriff jeder historisch-materialistischen Theorie. War es nach diesem Verständnis weder die Vorsehung noch das Schicksal, sondern die Arbeit, durch die die menschlichen Zivilisationen sich überhaupt entwickelt haben, habe sie heute jedoch, wie es im Vorwort hieß, „viel von ihrer ehemaligen Wertschätzung eingebüßt“. Zum einen werde die Arbeit nicht mehr als gestaltend und befreiend, sondern zunehmend als belastend und einschränkend erfahren; und zum anderen sei jede Arbeit als zweckmäßige Tätigkeit zugleich auch ein destruktiver Eingriff in die je vorhandene Natur. Dies aber fordere heraus, neu über die künftige Rolle und Funktion der Arbeit in und für die Gesellschaft nachzudenken.

Entsprechend setzte sich denn auch das Heft Nr. 74 kritisch mit der traditionellen Idee von der einen fortschreitenden Menschheitsgeschichte auseinander. Die Beiträge des Hefts kamen alle zu dem ideologiekritischen Ergebnis, dass die Idee der Kontinuität der Geschichte heute legitimerweise durch die Vorstellung einer Vielzahl kulturell unterschiedlicher Geschichtsverläufe sowie unterschiedlicher Perspektiven des Erzählens von Männer und von Frauen, von Kolonisatoren und von Indigenen zu ersetzen sei.

Diesem Rückbezug auf die eigenen philosophischen Grundlagen dienten auch die Hefte Nr. 65 und 70 zu Karl Marx und Friedrich Engels aus Anlass ihres 200. Geburtstags. In deren Zentrum standen die Fragen und Probleme der dialektischen Methode und ihrer Konzeption von Gesellschaft wie von Natur. Hinsichtlich der Frage nach der Alternative zur kapitalistischen Produktions- und Konsumtionsweise bestand in den Beiträgen jedoch Übereinstimmung, dass mit der von Marx und Engels prognostizierten „Diktatur des Proletariats“ unter den gegebenen Verhältnissen nichts mehr anzufangen sei.

Im Zeichen dieser Rückbesinnung standen zwei weitere Hefte aus jüngster Vergangenheit, die sich grundsätzlich mit der Funktion und der Rolle des Eigentums befasst haben, das von Marx und Engels als wesentlich für die Struktur der Gesellschaft erachtet worden war. Das Heft zur „Eigentumsfrage“ (64) konstatierte, dass die Frage nach Alternativen zum Privateigentum heute ein öffentliches Tabu ist. Während sich sichtbar die Belege häuften, dass die Institution des Privateigentums nicht, wie angenommen, die Wohlfahrt aller fördert, sondern Wenigen den Reichtum und Vielen die Armut beschert, und zudem den Planeten zerstört, findet keine öffentliche Debatte um alternative Eigentumsformen statt. Die anschließende Tagung des Widerspruchs „Privateigentum auf dem Prüfstand“ im September 2022, die in Heft 73 abgedruckt wurde, hatte mit ihren Beiträgen das Ziel, über die Kritik am Privateigentum hinaus die Debatte um alternative Formen eines gemeinschaftlichen Eigentums wiederzubeleben.

Zusammenfassung

Will man abschließend angesichts des Zeitraums von bald 50 Jahren ein Fazit ziehen, so hat das Projekt „Widerspruch“ seinem Namen durchaus Ehre gemacht. Es stand während dieser Zeit in der Tat im Widerspruch zu den herrschenden Ideologien. Allerdings wandelte sich durchaus das, was unter einem solchen Widerspruch zu verstehen ist, und zu was er dient. Wurde er zuerst gewissermaßen als die Lokomotive des Fortschritts und seiner „Aufhebung auf höherer Stufe“ gedacht, musste er dann eher als ein Forum verstanden werden, das es unternimmt, die vorhandenen Gegensätze zuzuspitzen, sie aber dennoch auszutragen und auszuhalten, um den Widerspruch schließlich eher im Sinne eines Einspruchs gegen die (scheinbar?) verfestigten und alternativlosen Verhältnisse zu deuten.

Dass der Widerspruch, gewollt oder ungewollt, ein Kind seiner Zeit war, hat seinen Ausdruck letztlich auch in der Resonanz der Themen beim Publikum und damit in den Verkaufszahlen der Hefte gefunden. Als eine solche „Lokomotive des Fortschritts“ wurde der Widerspruch anfangs breit, auch in der Tagespresse, rezipiert. Auch in seiner zweiten Phase als „Forum der Kontroversen“, im „Denken des Anderen“, hatte er noch sein breiteres Publikum. Mit der Verfestigung der bestehenden Verhältnisse jedoch wurde er mit zunehmender Selbstreflexion linker Theoriebildung zu einem „Rufer in der Wüste“, dessen Einsprüche doch weitgehend verhallten und nur mehr eine vergleichsweise kleine Leserschaft hatte. Selbstkritisch werden wir uns eingestehen müssen, dass wir, trotz aller Bemühungen, die allmähliche Marginalisierung der linken Theoriebildung nicht haben aufhalten können. Sic tempora mutantur.