Unsere Redaktion hat eine Umfrage zum Gegenwartsthema „Epochenbruch“ initiiert. An ihr haben bislang drei Wissenschaftler aus unterschiedlichen Perspektiven teilgenommen:
Christoph Demmerling, Dr. phil., Prof. für Theoretische Philosophie an der Universität Jena
Jens van Scherpenberg, Dr. rer. pol., ehem. Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik sowie Lehrbeauftragter für internationale politische Ökonomie an der Universität München
Klaus Weber, Dr. phil, Prof. für Psychologie an der Hochschule München und Vertrauensdozent der Rosa-Luxemburg- und Hanns Böckler-Stiftung.
Wir laden unsere Leser ein, mit Beiträgen oder Kommentaren an der Umfrage zum „Epochenbruch“ teilzunehmen.
Vier Fragen:
Vom „Epochenbruch“ ist die Rede:
- Klimaforscher und Geologen debattieren seit Beginn des Jahrhunderts über das Anthropozän als einem Erdzeitalter, das menschliches Handeln mit der Ökologie in neuer Weise verbindet.
- Ökonomen konstatieren, dass nach einer Phase der Globalisierung und Öffnung der Märkte wieder eine Rückkehr zur Abschottung der Waren- und Arbeitsmärkte erfolgt. Sie diskutieren deren Folgen für den ‚Wohlstand der Nationen‘.
- Juristen und Politologen stellen nach einer Phase der Bemühungen um Kooperation und internationale Verträge wie dem Pariser Klimaabkommen die gegenläufige Tendenz zum Nationalismus und zur Remilitarisierung der geopolitischen Konflikte fest.
- Soziologen und Sozialpsychologen erkennen weltweit eine wachsende Verunsicherung mit ihren irrationalen Folgen, die ein vormaliges Vertrauen in die Zukunftsbewältigung abzulösen droht.
Angesichts dieser Vielfalt an gegenwärtigen Umbrüchen, die etablierte Gewissheiten in Frage stellen, erscheint uns die Frage naheliegend, ob sie unter dem Begriff eines „Epochenbruchs“ zusammengefasst werden können, der einerseits alte und überwunden geglaubte, andererseits neue und unerprobte Muster der Krisen- und Konfliktbewältigung hervorbringt.
1. Warum sollte man heute über einen möglichen Epochenbruch reflektieren, wenn sich Epochenbrüche doch erst im Rückblick feststellen lassen?
2. Gesetzt, es findet ein Epochenbruch statt; worin sehen Sie dessen wesentlichen Inhalt?
3. Wo machen Sie den Beginn der in der Gegenwart zu Ende gehenden Epoche fest?
4. Entwickeln sich gegen die genannten negativen Tendenzen auch emanzipatorische Momente? Welche Aufgaben stellen sich heute für ein emanzipatorisches Denken und Handeln?
4. Entwickeln sich gegen die genannten negativen Tendenzen auch emanzipatorische Momente? Welche Aufgaben stellen sich heute für ein emanzipatorisches Denken und Handeln?
Christoph Demmerling
ad 1.
Epochenbrüche oder Zeitenwenden lassen sich in der Tat häufig erst im Rückblick erfassen. Hinzu kommt, dass die Signatur einer Zeit von Zeitgenossen mitunter ganz anders wahrgenommen wird als von den Nachgeborenen. Der gelebte Augenblick ist dunkel, so hat Ernst Bloch einmal formuliert. Auf das Problem von Zeitdiagnosen angewandt, die sich auf die Gegenwart beziehen, müsste man sagen: Es bedarf eines Abstands, um klar zu sehen und erkennen zu können, was die grundlegenden Eigenschaften einer Zeit sind, die man unter kulturellen, sozialen, politischen und auch ökonomischen Gesichtspunkten als eine Einheit ansehen zu können glaubt. Andererseits kann die Nähe zu Umständen und die Vertrautheit mit Gepflogenheiten auch zu einer besonderen Sensibilität gegenüber den Eigentümlichkeiten einer Zeit führen. Im Rückblick werden viele Aspekte abgeschliffen und zurechtgestutzt, andere Maßstäbe einer Beurteilung werden zugrunde gelegt, was den Blick auch trüben kann und einen Verlust von Differenzierungen nach sich zieht. In diesem Sinne ist es eine offene Frage, ob der Blick auf die Gegenwart getrübter ist als der Blick auf die Vergangenheit. Aufs Ganze gesehen dürfte man gut beraten sein, wenn man Gegenwartsdiagnose und rückblickende Sichtungen als komplementäre Perspektiven auf eine Zeit ansieht, die zusammengenommen ein vollständigeres Bild ergeben können als jeweils nur für sich betrachtet.
Man sollte nicht jede Veränderung kultureller, sozialer, politischer oder ökonomischer Art gleich als einen Epochenbruch ansehen. Der Ausdruck legt nahe, dass es einen scharfen Schnitt zwischen einer Zeit vor und nach dem Bruch gibt. Geistesgeschichtlich wird häufig mit sehr groben und sehr großen Einteilungen gearbeitet, man denke etwa an die Unterscheidung von Antike, Mittelalter, Neuzeit und Moderne. Wer mehrere Jahrhunderte als eine Einheit ansieht, ist genötigt, von starken Vergröberungen Gebrauch zu machen. Umbrüche kommen zumeist ja nicht geradlinig, sondern auf Umwegen und mit Unterbrechungen zustande. Hinzu kommt, dass man es zu einer Zeit immer wieder auch mit vielfältigen Ungleichzeitigkeiten zu tun hat. Denken wir beispielsweise an die Rede von der Moderne. Für die aufgeklärten Gesellschaften des Westens mag man geltend machen, dass die Lebensverhältnisse in vielen Belangen als „modern“ anzusehen sind, in kultureller, politischer und auch in technischer Hinsicht. Für andere Weltregionen würde ich dies nicht unbedingt im selben Sinne geltend machen wollen. Und selbst innerhalb des Westens gibt es zum Teil gravierende Differenzen in Bezug auf die Modernität. Man denke an die Unterschiede zwischen Stadt und Land. So bin ich mir nicht einmal sicher, ob man in allen Winkeln der dem eigenen Selbstverständnis zufolge liberalen Demokratie und aufgeklärten Industrienation Deutschland davon sprechen kann, dass moderne Lebensformen vorherrschen. Darüber lässt sich sicher streiten.
Ganz unabhängig von den Schwierigkeiten, welcher der Gebrauch von Epochenbegriffen mit sich bringt, tut man sicher gut daran, und zwar zu jeder Zeit, darüber nachzudenken, ob und in welchem Sinne sich kulturelle, soziale, politische und ökonomische Verhältnisse verändern. Dies schult nicht nur die Sensibilität für die maßgeblichen Eigenschaften der eigenen Zeit, sondern kann auch die Entwicklung von Kriterien erlauben, auf deren Grundlage sich vielleicht die Frage beantworten lässt, ob Gesellschaften ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden, und mithin können so erwünschte und unerwünschte Entwicklungen voneinander unterschieden werden.
ad 2.
Die Rede von einem „Epochenbruch“ scheint mir für die Veränderungen, mit denen wir es heute zu tun haben, zu groß zu sein. Auch andere Begriffe wie „Zeitenwende“ oder die Metapher der „Weichenstellung“ bereiten mir Unbehagen. Ich will es einmal vorsichtiger formulieren und sagen, es gibt Entwicklungen, welche den Charakter einer Zäsur haben könnten. Ob und in welchem Umfang es so kommen wird, bleibt abzuwarten. Die Inhalte lassen sich wohl gar nicht aus einer neutralen Perspektive erfassen und benennen, sondern ich kann mich ihnen lediglich – wie man heute gerne sagt – als ein ‚situierter‘ Sprecher annähern. Als Mann und Exemplar der gegenwärtig oft als ‚Boomer‘ angesprochenen Generation bin ich in Westdeutschland und in Zeiten sozialliberaler Wohlfahrtspolitik aufgewachsen. Mein Beruf bereitet mir Freude und meine wirtschaftliche Situation führt nicht zu schlaflosen Nächten. Das ist aus der Sicht vieler eine privilegierte Situation. Ich bin aber nicht als älterer weißer Mann auf die Welt gekommen, sondern habe die historischen, politischen und kulturelle Entwicklungen in den Jahrzehnten meines Lebens und durchaus auch bis heute aus unterschiedlichen Perspektiven verfolgt.
Wenn ich nur die kulturellen, sozialen, politischen und technischen Entwicklungen nach dem zweiten Weltkrieg in den Blick zu nehmen versuche, dann sehe ich vor allem drei Stränge, die zu großen Veränderungen in den Lebensformen nicht nur der westlichen Welt, sondern auch in globaler Perspektive geführt haben. Es ist aus meiner Sicht heute noch nicht recht abzusehen, inwieweit diese Entwicklungen weitere Veränderungen nach sich ziehen, so dass man im Rückblick dann vielleicht von einem „Epochenbruch“ sprechen würde.
Ein erster Strang ist politischer Art: Es handelt sich um das Ende des so genannten kalten Krieges und den damit verbundenen Wegfall der Blöcke der kapitalistischen und der kommunistischen Welt. Durch diesen Wegfall hat sich die Ordnung der Welt deutlich verändert. Neben Freiheitsgewinnen und Entlastungen, die mit diesem Ereignis verbunden waren, sind in der Folge neue Instabilitäten und Bedrohungen entstanden. Die Solidarität in den Ländern des Westens hat nicht nur zu bröckeln begonnen, sondern sich zum Teil schon wahrnehmbar zersetzt. Ich denke an das Verhältnis zwischen Amerika und Europa, aber auch an die Rückkehr von nationalistischen Perspektiven in vielen Ländern Europas (und auch anderswo). Auf der anderen Seite steht Russland mit einer aggressiven Expansions- und Kriegspolitik in der eigenen Nachbarschaft und darüber hinaus. Das ist eine Situation, die man durchaus als bedrohlich empfinden kann.
Der zweite Strang ist technischer und kultureller Art: In den vergangenen fünfzig Jahren ist es zu bahnbrechenden Entwicklungen in der Computer- und Datentechnologie gekommen. Der Gebrauch von Computern, Handys, des Internets, Digitalisierungsprozesse in allen Lebensbereichen haben die menschliche Lebensform – weltweit, in einigen Regionen mehr, in anderen weniger – deutlich verändert. Mit Blick auf diese Entwicklung kann man vielleicht sogar tatsächlich von einem „Epochenbruch“ sprechen, vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks, der ja neben der Entdeckung Amerikas und der Reformation immer wieder als ein entscheidender Faktor im Zusammenhang mit dem Beginn der Neuzeit angeführt wird. Die Partizipation an Datenströmen und die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien haben die menschliche Lebensform bis in die entlegensten Winkel verändert. Die Geschichte dieses Umbruchs und seiner Konsequenzen für das Selbstverständnis des Menschen ist allenfalls in Ansätzen geschrieben.
Der dritte Strang ist politischer, kultureller und ökonomischer Natur und nicht immer leicht von dem zweiten Strang zu trennen: Zu diesem Strang gehören alle jene Entwicklungen, die man gemeinhin mit dem Begriff der Globalisierung zu bezeichnen pflegt. Durch die immer enger werdenden Verflechtungen innerhalb der gesamten Welt ist das Zusammentreffen und Zusammenleben von Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen zu regeln. Ökonomisch entstehen vielfältige Abhängigkeits- und auch neue Ausbeutungsverhältnisse, wenn etwa Kostendruck und Optimierungszwänge dazu führen, die Warenproduktion in Länder auszulagern, in denen Arbeitskraft günstiger zu haben ist als in den Zentren der westlichen Welt.
ad 3.
Das ist schwierig zu sagen. Womit beginnt unsere Gegenwart? Sind es die Revolutionen in Amerika und Frankreich im 18. Jahrhundert? Sind es die industriellen Revolutionen des 19. Jahrhunderts? Ist es in Deutschland das Ende des Kaiserreichs oder das des zweiten Weltkriegs? Leichter als über den Beginn fällt es mir über den Beginn des Endes zu reden. Sollte eine Epoche zu Ende gehen, dann würde ich den Beginn des Endes in den 1990er Jahren verorten: nach dem kalten Krieg und zu dem Zeitpunkt, an dem Computer- und Datentechnologien langsam in den Alltag einzusickern beginnen. Die Globalisierung beginnt sicher früher. In einem bestimmten Sinn lässt sich der Verlauf der gesamten Weltgeschichte als ein fortschreitender Prozess der Globalisierung auffassen. Aber mit der Verbreitung von Computer- und Datentechnologien kommt sicher noch einmal eine neue Dimension ins Spiel: Produktionsprozesse lassen sich nunmehr weltweit und von überall her steuern und abwickeln. Gleiches gilt im Übrigen auch für politische Prozesse oder Terrorakte, man denke an den 11. September 2001.
ad 4.
Ich habe das Ende des kalten Krieges, die Digitalisierung und die Globalisierung genannt. Von keinem dieser Ereignisse und keiner dieser Entwicklungen würde ich sagen, dass sich mit ihm bzw. ihnen ausschließlich negative Tendenzen verbinden. Das Ende des kalten Krieges ist zunächst einmal sicher ein erfreuliches Ereignis gewesen. Auch Digitalisierung und Globalisierung bringen für viele Menschen sehr große Vorteile mit sich. Es ist hier nicht der Ort, Gewinne und Verluste, die mit Digitalisierungsschüben und einer stets weiter um sich greifenden Globalisierung einhergehen, aufzuzählen. Über alle politischen und weltanschaulichen Lager hinweg wird sich sicher auch keine Einigkeit bezogen auf eine Bewertung der neueren Entwicklungen finden lassen. Aber bei allen Schattenseiten, welche Digitalisierung und Globalisierung haben mögen, sind mit ihnen mit Sicherheit auch eine Vielzahl emanzipatorischer Momente verbunden. Menschen können viele ihrer Bedürfnisse mit weniger Aufwand und schneller als in früheren Zeiten befriedigen, sie sind in der Lage, sich jederzeit und zügig eine Vielzahl von Informationen beschaffen zu können. Wo mehr Information im Umlauf ist und mehr Austausch stattfindet, ergibt sich immer auch eine Möglichkeit für mehr Aufklärung. Und da könnte eine Chance für emanzipatorisches Denken und Handeln liegen. Kulturelle, soziale, politische und ökonomische Entwicklungen sind in der Regel nur selten an und für sich betrachtet negativ oder positiv, vielmehr enthalten sie häufig unterschiedliche Potentiale. Sie können Wegbreiter für soziale Regression sein, aber auch zu Schrittmachern für Emanzipationsprozesse werden. Eine Aufgabe für das emanzipatorische Denken und Handeln würde ich darin sehen, diese Potentiale zu bergen und fruchtbar zu machen.
Emanzipationsprozesse werden. Eine Aufgabe für das emanzipatorische Denken und Handeln würde ich darin sehen, diese Potentiale zu bergen und fruchtbar zu machen.
Jens van Scherpenberg
ad 1.
„Epochenbrüche“ zu identifizieren, ist eigentlich Sache der Historiker. Und je nachdem, ob sie mit der Lupe oder dem Weitwinkelobjektiv auf zurückliegende Entwicklungen blicken, mag die Antwort unterschiedlich ausfallen. Der „Weitwinkelblick“ wird zum Beispiel einen Epochenbruch zwischen Mittelalter und Neuzeit, also um das 15. und 16. Jahrhundert,konstatieren und ihn am Beginn der Renaissance in Italien, der Erfindung des Buchdrucks, der Entdeckung Amerikas und schließlich der Reformation festmachen.
Je näher der untersuchte Zeitraum an der Gegenwart liegt, desto eher ist man versucht, Brüche mit einem nahen Fokus zu betrachten und zu charakterisieren, wie es die Zeitgeschichtsforschung tut. Die Lupe aber nehmen vor allem die politischen Akteure in die Hand, um Ereignissen oder Entwicklungen die Überhöhung zukommen zulassen, die zugleich ihrer eigenen Bedeutung als Handelnde in dieser „kritischen Phase“ besonderes historisches Gewicht verleihen soll.
Gehört der von Friedrich Merz in seiner Regierungserklärung am 14. Mai 2025 ausgerufene „Epochenbruch“ in diese letztere Abteilung? Wird hier das normale Politikgeschäft mit seinen täglichen Krisen zum Ruhme der Akteure dramatisch überhöht?
Für die Bundesrepublik möchte ich das verneinen. Was seit 2022 die deutsche Politik bestimmt, die Außen- wie zunehmend auch die Innenpolitik, das dürfte auch aus dem Blick späterer Zeithistoriker als scharfer Einschnitt in der Geschichte Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg gelten. Siehe dazu: 2.
ad 2.
Mit der Zeitenwende, erst recht mit der Ansage von Bundeskanzler Merz, Deutschland solle zur führenden konventionellen Militärmacht in Europa werden, hat die deutsche Außenpolitik einen distinkt neuen Inhalt bekommen. Nach dem Ende der Sowjetunion ging es der deutschen Außenpolitik darum, nicht nur die osteuropäischen Staaten ökonomisch und politisch durch Aufnahme in die EU in den eigenen Einflussbereich zu integrieren. Auch Russland hoffte man durch das Angebot einer „strategischen Partnerschaft“ und wachsende wirtschaftliche Verflechtung immer mehr in ein von der EU mit Hausordnung versehenes, unter ihrer Regie verwaltetes „gemeinsames europäisches Haus“ zu integrieren. Das hätte für Russland bedeutet, auf seine eigene Rolle als nuklear hochgerüstete Weltmacht zu verzichten und seine Sicherheitsinteressen der einer „europäischen Friedensordnung“ unterzuordnen, dem Titel, unter dem die EU und ihre deutsche Führungsmacht ihre eigene ausgreifende Einflusszonenpolitik verfolgen.
Im Fall der Ukraine kam es zur erwartbaren Kollision. Dass Deutschland daraus – nach einigem Zögern – inzwischen die Konsequenz gezogen hat, „all in“ zu gehen, sich an die Spitze der militärischen Unterstützer der Ukraine zu stellen, hat nun auch entscheidende innenpolitische Konsequenzen. Die frühere „Friedensmacht“ will nun ihre Gesellschaft in wenigen Jahren kriegstüchtig und resilient, ihre Streitkräfte kriegsfähig machen für eine direkte Konfrontation mit Russland.
Dafür werden alle wirtschaftlichen Ressourcen der stärksten Wirtschaftsmacht der EU mobilisiert, vor allem ihre allen anderen EU-Staaten überlegene Verschuldungsfähigkeit.
Das droht zunehmend den inneren Zusammenhalt der EU zu sprengen. Vor allem die ambivalente Partnerschaft der beiden Rivalen um die Führung der EU, Frankreich und Deutschland, wird aufs äußerste strapaziert. Es ist zunehmend wahrscheinlich,dass aus den Präsidentschaftswahlen in Frankreich einer der beiden extremistischen Kandidaten, der Linke Jean-Luc Melenchon (La Françe Insoumise) oder Jordan Bardella vom rechten Rassemblement National als Sieger hervorgehen wird. Für beide ist der Kampf gegen die deutsche Dominanz der EU ein programmatischer Kernpunkt ihrer Kampagne. Aber auch Polen, das seinerseits die stärksten Landstreitkräfte in Europa aufbauen will und dafür inzwischen 5% des Bruttoinlandsprodukts aufwendet, sieht den deutschen militärischen Führungsanspruch mit großer Skepsis.
Das drastische Ausmalen des Szenarios einer Bedrohung Deutschlands durch Russland, wie es der Generalinspekteur der Bundeswehr Breuer praktiziert, wenn er feststellt, Russland bereite einen großen Krieg gegen die NATO vor, gegen den Deutschland bis spätestens 2029 abwehrfähig sein müsse, droht immer mehr zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden. Denn Russland sieht das seinerseits genauso, sieht sich nicht nur durch die massive militärische Unterstützung der NATO für die Ukraine, sondern auch durch deren eigene gewaltige Aufrüstung bedroht. Die jüngsten Äußerungen des Bundestagsabgeordneten Kiesewetter (Focus, 11.5.2026), Russland müsse dazu gebracht werden zu kapitulieren, werden in Moskau aufmerksam registriert und fließen in das eigene Bedrohungsszenario ein.
Aber auch der Begriff der „Abschreckung“, auch wenn er sich auf den zu Tode zitierten Spruch aus dem eroberungssüchtigen römischen Imperium beruft – „Si vis pacem, para bellum“ – hat mit Kriegsvermeidung nichts zu tun. Es geht um die Herstellung militärischer Überlegenheit gegenüber dem vermuteten Militärpotenzial des Großmachtrivalen, so dass dieser seinerseits auf die Durchsetzung seiner Großmachtinteressen von vorneherein verzichtet. Die Abschreckungsideologie nährt sich damit aus sich selbst. Denn Bezugspunkt für die Worst Case-Projektionen über die gegnerische Militärmacht sind die eigenen militärischen Potenzen, an denen laufend Schwachstellen ermittelt werden, um sie durch neue Rüstungsanstrengungen zu überwinden.
Da das für alle großen Mächte gilt, ist „Abschreckung als Kriegsvermeidung“ ein nie erreichtes und zudem grundfalsches Ideal, heißt Abschreckung im Gegenteil ständig vorangetriebenes konkretes militärisches Kräftemessen, ständige Kriegsbereitschaft – bis hin zur kriegerischen Entscheidung der anders nicht zu klärenden Hierarchie unter den Mächten.
Nicht den Durchmarsch von Putins Truppen bis nach Berlin, das von den Kriegspropagandisten aus Politik und Medien beschworene Szenario, gilt es zu verhindern. Den unterstellt kein ernsthafter Politiker und Militärstratege dem russischen Präsidenten als sein Ziel. Was an der russischen Machtdemonstration in der Ukraine stört, das ist das drohende Scheitern des deutsch-europäischen Großmachtanspruchs auf Einbeziehung der Ukraine in die eigene „europäische Friedensordnung“. Worum es also wirklich geht: zu verhindern, dass Russland durch einen militärischen Sieg über die Ukraine seinen Status als gleichrangige Weltmacht sichert.
Für diesen höchsten Zweck sind in der Ukraine inzwischen hunderttausende Menschen gestorben – ihr Tod belegt die bemerkenswerten beidseitigen Fortschritte in der militärischen Abschreckungsfähigkeit.
„The proof of the pudding is in the eating“ lautet ein englisches Sprichwort: Erfolgreiche Abschreckung beweist sich erst im Krieg.
ad 3.
Will man die Geschichte der Bundesrepublik in „Epochen“ im zeithistorischen Sinne unterteilen, dann bietet sich diese Dreiteilung an:
Von 1949 bis etwa 1972 (Kanzlerschaft Willy Brandts) war die BRD der Frontstaat im Kalten Krieg, mit ihrem Anspruch auf die DDR zugleich eine offen revisionistische Macht.
Von 1972 bis zum Ukrainekrieg 2022 verstand sich die Bundesrepublik mit ihrer Ostpolitik, ab 1990 auch als vereintes Deutschland, als „Friedensmacht“. Mit der Ostpolitik hatte sie den revisionistischen Anspruch gegenüber den östlichen Nachbarn DDR und Polen aufgegeben. Und gegenüber der Sowjetunion setzte sie auf „Wandel durch Annäherung“, konkreter: Wandel durch Handel. Damit verband sich die Hoffnung auf eine allmähliche Überwindung des Systemgegensatzes, der dem Ost-West-Konflikt zugrunde lag. Als dessen Ende mit der Auflösung des Ostblock und dem Ende der Sowjetunion Wirklichkeit wurde, reduzierte Deutschland – nunmehr „umgeben von Freunden“ – drastisch seine Militärmacht und setzte auf die friedliche wirtschaftliche Eroberung der osteuropäischen Staaten und Russlands, ihre Heranführung an die EU und ihre entgrenzte Ordnung eines einheitlichen Marktes für Güter, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräfte. Die enge wirtschaftliche Verflechtung mit Russland als Energielieferant verschaffte zumal der Bundesrepublik einen beträchtlichen wirtschaftlichen Aufschwung und erlaubte ihr, ihren Führungsanspruch in der EU zu festigen. Die militärische Absicherung dieser deutsch geführten Ausdehnung der EU-Einflusszone konnte angesichts kaum vorhandener Gegnerschaft seitens Russlands getrost outgesourct, der NATO und dem amerikanischen Nuklearschirm überlassen werden.
Diese Epoche der deutschen „Friedensmacht“ fand ihr hartes Ende, als der russische Präsident Putin im Februar 2022 gegen die absehbare Herauslösung der Ukraine aus ihrer engen Verbindung mit Russland militärisch intervenierte.
Damit war klar, dass das Projekt einer unter dem Titel der „europäischen Friedensordnung“ immer weiter nach Osten ausgreifenden EU an seine Grenzen gestoßen war. Vor allem wurde damit der Versuch für gescheitert erklärt, Russland durch enge wirtschaftliche Verflechtung allmählich friedlich in den Orbit der EU einzugliedern. Deutschland vollzog den abrupten Übergang von der „Friedensmacht“ zu einer kriegsfähigen Großmacht, die als nicht nur wirtschaftliche und politische, sondern nun auch militärische Führungsmacht der EU zusammen mit ihren europäischen Partnern in der Lage sein will, Russland als Weltmacht in die Schranken zu weisen – so lange der amerikanische Atomschirm hält.
ad 4.
Dieser Übergang erfordert nicht nur massive Aufrüstung, sondern auch eine erhebliche personelle Aufstockung der Bundeswehr und vor allem, wie Bundesverteidigungsminister Pistorius nicht müde wird zu fordern, eine kriegstüchtige, kriegsbereite Gesellschaft. War in den ersten Jahren der Bundesrepublik noch „Nie wieder Krieg“ die weit verbreitete Losung, als Lehre aus dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs, steht nun Kriegspropaganda und Feindbildpflege an. Abweichende Stellungnahmen – ob pazifistisch geprägt oder auch nur realpolitisch begründet – erfahren dagegen Ausgrenzung aus dem Kanon des politisch erwünschten gesellschaftlichen Diskurses.
Um so entschlossener und nachdrücklicher muss sich emanzipatorisches Denken und Handeln der von Staatsinstanzen und staatstragenden Medien betriebenen bellizistischen Öffentlichkeitsarbeit entgegenstellen. Emanzipatorisches Handeln muss deutlich machen, welchen staatlichen Zwecken Aufrüstung und Propaganda für eine kriegstüchtige Gesellschaft dienen und in welch krassem Widerspruch zu den Lebensinteressen der Menschen in Deutschland diese Zwecke stehen. Das kann gezeigt werden an den vielfältigen Beispielen der Kürzung sozialer Leistungen, an den Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten wie Meinungsfreiheit, Wissenschaftsfreiheit, nicht zuletzt an der absehbaren staatlichen Inanspruchnahme junger Männer für den Kriegsdienst, sprich dafür, zur Verfolgung der Großmachtinteressen ihres Staates ihr Leben zu riskieren.
Autoren wie Ole Nymoen („Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“), wie auch ich mit meinem Buch „Großmachtsucht – Deutschland rüstet für die Führung Europas“, können hier aufklärend wirken. Die Schülerdemonstrationen gegen Aufrüstung und Wehrpflicht signalisieren den Willen zum Widerstand ebenso wie Proteste gegen Sozialkürzungen oder gegen die Unterordnung des wissenschaftlichen Diskurses unter außenpolitische Vorgaben des Staates. Praktisch wird dieser Widerstand zudem vor allem durch massenhafte Kriegsdienstverweigerung.
Was der bekannte Militärexperte Carlo Masala beklagt: „Es gibt zu wenige Demokraten und Demokratinnen, die für die Demokratie zu sterben bereit sind“, ist aus emanzipatorischer Sicht, die dem Leben Vorrang gibt, ein Hoffnungsschimmer.
Emanzipationsprozesse werden. Eine Aufgabe für das emanzipatorische Denken und Handeln würde ich darin sehen, diese Potentiale zu bergen und fruchtbar zu machen.
Klaus Weber
Zeitenwenden werden ausgerufen. Vor Olaf Scholz, der damit die Aufrüstung Deutschlands zur stärksten Kriegsmacht in Europa propagierte (mit Unterstützung und Forcierung durch die Grünen, die von einem »Sieg« über Russland träumten) war es Hitlers Stellvertreter Franz von Papen, der am 21.2.1933 vor Berliner Studenten eine »Zeitenwende« ausrief. Mit etwas anderen Worten als Merz und die künftige vaterländische Koalition aus CDU und SPD stimmte von Papen die Zuhörer auf Krieg und Sozialabbau ein: »Ziel einer wirklichen Sozialpolitik muss sein, jeden Deutschen womöglichst in den Stand zu setzen, das eigene Lebensrisiko zu tragen«.
Aus der Geschichte lernen« heißt für die Vertreter_innen des bürgerlichen Blocks sie aktiv vergessen zu machen. »Die Vergangenheit wird nicht mehr über die Zukunft triumphieren«, lässt Scholz am 9. Mai 2023, anlässlich des Europatags, alle diejenigen wissen, die ein antifaschistisches, demokratisches Deutschland als Gegenentwurf zum sich entwickelnden Polizei- und Militärstaat imaginierten. Die deutschen Verbrechen durch Wehrmacht und Vernichtungsapparat, an der ein Großteil der »Volksgenossen« beteiligt war, können aus der Erinnerungskiste ausgesondert werden. Kein schlechtes Gewissen mehr wegen der 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs; der neue deutsche »Triumph des Willens« siegt über die in manchen Jahren von emanzipierten Kräften erhoffte »andere Republik«, die zumindest ein sozialdemokratisch eingehegter Kapitalismus sein sollte.
Nun wird das Land überschwemmt mit hohlen Erinnerungsphrasen und -ritualen an einen »Nationalsozialismus«, die den Deutschen geradezu die Pflicht auferlegen, einen neuen Krieg vorzubereiten und die Russen als barbarischen und unmenschlichen Feind zu propagieren. Aufrüstung verlangt von den Untertanen, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sie – wie von Papen wusste – ihr »Lebensrisiko« selbst tragen und an Essen, Wohnung, Urlaub, Genuss und Vernunft sparen sollen. Der Krieg wird vorbereitet, die Massen werden darauf eingeschworen – und die antimilitaristische Bewegung ist schwach. Ist das der »Epochenbruch«?
ad 1.
Ein Epochenbruch ist was? Das Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus, das Fredric Jameson als Stichwortautor nennt, weiß zu berichten, dass das griechische époché nichts anderes heißt wie »Aufhören, Einhalt, Unterbrechung« (1997, 659); er geht soweit zu erklären, dass »Epoche auch einen Bruch bezeichnen kann« (ebd., 660). Ein Zeitalter, »ein Zeitabschnitt der Geschichte, der durch bestimmte qualitative Merkmale zusammengefasst und dadurch von anderen Zeitabschnitten unterschieden werden kann« (Rupprecht 1990, 761), soll selbst ein »Bruch« sein? Da halte ich mich besser an die Marxsche Überlegung, dass die Veränderung der Produktivkräfte eine Veränderung der Produktionsweise(n) erheischt und damit die Arbeits- und Lebensweise der Subjekte eine radikale Umgestaltung erfährt, womit der Einschnitt zwischen zwei Epochen markiert wäre, Antonio Gramsci führt den Gedanken der »passiven Revolution« in die marxistische Debatte ein, mit der auch ein (vielleicht) aktueller Epochenbruch markiert werden könnte. In den Gefängnisheften bezieht sich der Begriff »auf diejenigen Länder, >die den Staat über eine Reihe von Reformen oder nationalen Kriegen modernisierten, ohne die politische Revolution radikal-jakobinischen Typs zu durchlaufen<« (Gramsci, zit.n. Rehmann 1998, 15). Veränderungen, auch radikale, werden nicht von den Menschen erkämpft oder erarbeitet; ein Übergang von einer Produktionsweise zu einer anderen findet statt, ohne dass die »Volksklassen« aktiv beteiligt wären; sie sind die Passiven in diesem Prozess, diejenigen, die ihn erleben, ertragen, erdulden müssen. Wieso – so die Frage der Redaktion, die eine durch kein Argument belegte Behauptung aufstellt – sollte eine Veränderung der Produktionsweise (als Folge einer Produktivkraftänderung) erst »im Rückblick« feststellbar sein. Auch wenn wir keine Hellseher sind, so haben wir doch als Marxist_innen ein enorm nützliches Handwerkszeug von Charlie an die Hand bekommen, um über die Gleichzeitigkeiten von Produktions-, Arbeits- und Lebensweisen nachzudenken. Alle Lebensbereiche sind heute durchsetzt von der High-Tech-Produktionsweise, durch KI und weiteren technologischen Neuerungen, die als Erfindungen von ein paar »great men« (Zuckerberg, Gates, Jobs und später Musk und Thiel,) gelten; doch solcherart Personalisierungen sollen nur ideologisch verschleiern, was eine Lehre von politischer Ökonomie erklären kann.
Die Vorstellung, hätte ich meiner Großmutter erzählt, ich sendete ihr aus dem Urlaub einen Film zu, den sie auf ihrem Telefon mit Bildschirm anschauen könne, hätte bei ihr die Frage nach meiner Psychiatrieeinweisung eher nahegelegt denn eine Frage wie: »Wie soll denn das funktionieren?« Diese Vorstellung kann uns zeigen, wie in wenigen Jahren und Jahrzehnten eine neue Produktivkraft alles umwälzte, was vorher Sicherheit und Klarheit verrschaffte. Wenn das kein Epochen-Umschlag ist, was dann?
ad 2 und 3.
Neben den neuen Produktivkräften und mit ihnen wird – auch das ist Marx – mehr als jemals zuvor der arbeitende Mensch und die Natur mit ihm vernichtet. Wenn wir »Stoffwechselpolitik« von Simon Schaupp (2024) oder »Die Revolte der Erde« von Heinrich Detering lesen, der eine ein junger kluger Ökosoziologe, der andere ein alter, konservativer Literaturwissenschaftler und Katholik, so kommen beide, explizit oder implizit, in ihrer Analyse der ökologischen Wirklichkeit nicht aus ohne das berühmte Marx-Zitat aus dem ersten Band des Kapital: »Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprocesses, indem sie zugleich die Springquellen dieses Reichthums untergräbt: die Erde und den Arbeiter« ([1890] 1979, 529/30). Wer nachlesen will, wie KI, wie die »clouds« (ein harmloser Name für gigantische Rechnereinheiten, die in kalten Gegenden der Welt stehen und von dort aus die Welt zerstören) und wie andere technologische »Neuerungen« Energiequellen in ungeahnten Größenordnungen verbrauchen, der kann wie ich froh sein, dass er die 60 bereits überschritten hat und die ökologichen Katastrophen, die auf uns zukommen, nicht mehr miterleben muss. In der ersten Fußnote von Schaupps Buch ist zu lesen, dass 2024 bereits »sechs von neun planetaren Grenzen überschritten« (2024, 365) waren. Detering nennt den Kapitalismus als weltzerstörende Wirtschaftsform »die tödliche Stoffwechselstörung dieses Leibes« (bezugnehmend auf ein Marxzitat von der Natur als dem »Leib des Menschen«, 2025, 57).
Soviel zur Vernichtung der Natur. Die Zerstörung des Menschen, der zweite »Sprinquell« eines Reichtums, den sich wenige auf Kosten der Vielen aneignen, ist in den Industrieländern an den Zahlen zur psychischen und körperlichen Erschöpfung und Erkrankung nicht nur der »poor workers« zu erkennen, in den Ländern der Peripherie an der (im Verhältnis zu Europa und den USA) immer noch kurzen Lebensdauer der Ausgebeuteten, deren tägliches Leid durch unsere »imperiale Lebensweise« (Ulrich Brand) und die Externalisierung unseres Drecks, unseres Plastikabfalls und der bei uns verbotenen Arbeitsvorgänge (Asbestarbeiten an Tankern etc.) erzeugt wird. Doch der Gedanke ist gleichzeitig falsch: Ein »wir« gibt es nicht und gibt es doch. Wir alle leben auf Kosten anderer; trotzdem ist nicht zu vergessen, dass die meisten von uns keinen Einfluss auf die Warenproduktion haben, deren einziges Ziel der Profit und nicht die Herstellung sinnvoller Waren ist.
Auch hier ist die Frage zu stellen: Handelt es sich um einen Bruch oder nicht vielmehr um einen Übergang im kapitalistischen Wirtschaften, der – wie so oft – als das Ende des Kapitalismus und mit ihm der Erde bedeutet?
ad 4.
Emanzipatorische Momente? »Gegen die genannten negativen Tendenzen«? Für Bloch ist die Analyse der Gegenwart in all ihrer Deutlich- und Grausamkeit der »Kältestrom des Marxismus«, der den »Wärmestrom« benötigte, damit eine zukunftsweisende Perspektive mit und für die Menschen möglich ist. Bei Gramsci ist es der »Pessimismus der Intellligenz und der Optimismus der Tat«. Mein Optimismus geht gegen Null, Hoffnung habe ich keine – so steht es auch in dem Briefwechsel, den ich mit meinem Freund, dem holländischen evangelischen Pfarrer und Kommunisten Dick Boer führte (»Hoffen gegen jede Hoffnung. Klima – Krieg – Kapitalismus«). Doch darin ist auch ein Handke-Zitat zu finden, das mir ein gemeinschaftliches Arbeiten mit anderen für eine bessere Welt immer noch ermöglicht: »Hoffnungslos ist nicht verzweifelt«. Und dann ist da noch – gegen jeden täglichen Propagandadreck der bürgerlichen Presse – der Blick, den ich durch meinen potsdamer Freund Wolfram Adolphi auf China werfen kann. Er, Japan- und Chinaexperte in der DDR, selbstverständlich »abgewickelt« wie alle klug und dialektisch denkenden Wissenschaftler_innen der DDR, schafft es immer wieder, mir durch seine Romane (drei Stück über China) und Sachbücher deutlich zu machen, dass der chinesische Weg nicht einfach so etwas wie »westlicher Kapitalismus« ist. Und sicher ist das chinesische Experiment nicht das, was sich viele Linke – und auch ich – als utopischen »Verein freier Menschen« imaginieren. Doch eins ist offensichtlich: Die ökologische Vernichtung der Welt ist durch die KP Chinas erkannt und kein westliches Land ist in der Lage, die dortigen Anstrengungen auch nur ansatzweise zu »toppen« (außer vielleicht Uruguay). Und: Aus China kommt kein Wort zu einem Krieg, der zu führen wäre (und schon gar nicht zu gewinnen sein soll), sondern es kommen vom großen Vorsitzenden immer wieder Aufforderungen zur weltweiten Zusammenarbeit der Nationen – für eine menschheitliche Zukunft.
Wir laden unsere Leser ein, mit Beiträgen oder Kommentaren an der Umfrage zum „Epochenbruch“ teilzunehmen. Die Redaktion