Saito – Am Ende des Fortschritts

Kohei Saito

Am Ende des Fortschritts

Überleben in den Ruinen des Kapitalismus

geb, 368 Seiten, 26,– €

München 2026 (dtv)

von Percy Turtur

Confusion will be my epitaph,

As I crawl a cracked and broken path

If we make it we can all sit back and laugh,

But I fear tomorrow I‘ll be crying.

Diese letzten Liedzeilen von King Crimson aus „Epitaph“ von 1968 sind heute aktueller, als sie es damals waren. Damals war es in erster Linie der Kalte Krieg mit atomarem Overkill; doch die Ökologie war damals auch schon ein Thema. Seither haben wir eine Chance bekommen und sie nahezu verspielt. In diesem Sinn kann man das aktuelle Buch von Kohei Saito lesen. Er beschönigt nichts an unserer gegenwärtigen globalen Situation, die auf eine nahezu biblische Apokalypse zuläuft, wie er schonungslos deutlich macht. Und es sind gerade die hypertrophen Utopien der Techno-Giganten, die als Brandbeschleuniger umso schneller in die Katastrophe führen.

Die Zukunft heißt Faschismus! Mit dieser steilen, aber nicht unbegründbaren These startet Saito in seine Dystopie. IT-Milliardäre wie Elon Musk wollen uns eine strahlende Zukunft verkaufen, in der es keinen Mangel mehr gibt – außer an begrenzten Luxusgütern, zu denen, wie Saito in Anlehnung an Sam Altman (CEO von OpenAI) sarkastisch anmerkt, auch bald „Land, Wasser, Nahrung und Energie“ (8) gehören werden. Mithin also lebensnotwendige Resourcen, die „buchstäblich zu einer Frage über Leben und Tod werden“. Diese begrenzten Resourcen werden von den Superreichen monopolisiert, so die These. Saitos Programm ist, mit Marx sowohl gegen den „Faschismus der auserwählten Eliten“ wie auch gegen den Neoliberalismus etwa von Friedrich August Hayek (1899-1992) anzutreten und „eine Pforte in die Zukunft zu öffnen, die dem Faschismus keinen Fußbreit zugesteht“ (10).

Doch zunächst erfolgt eine Bestandsaufnahme: Mit dem sich abzeichnenden Klimakollaps hat die Menschheit „das Tor zur Hölle geöffnet“. Wie nicht als Erste:r Saito zeigt, ist dieser Klimakollaps ein sich selbst verstärkender Prozess – je wärmer es wird, desto mehr Kohlendioxid und Methan werden zusätzlich zu den menschengemachten Emissionen aus natürlichen Speichern freigesetzt und heizen den Prozess der Erderhitzung weiter an. Nicht, dass das nicht alle halbwegs kompetenten klimatologischen Spatzen seit mittlerweile Jahrzehnten von allen Dächern pfeifen würden, aber: Was wahr ist, kann nicht oft genug gesagt werden! Und Saito sagt es in schmerzhafter Deutlichkeit.

Zuerst beschreibt er jedoch die dystopische Entwicklung hin zu einer Gesellschaft, in der eine Handvoll Menschen unfassbaren Reichtum anhäuft und die Menschheit in einer klimabedingt lebensbedrohlichen Mangelwirtschaft überleben muss. Sein Grundkurs zum Marxschen „Kapital“, erweitert um die neuen Formen des Technokapitalismus, ist kompetent und lehrreich. Die vorhersehbare Entwicklung führe zu mehr und mehr Ressourcenverschwendung und letzten Endes zum Ende der kapitalistischen Wirtschaft in ihrer heutigen Form. Die akuten Folgen lassen sich den alltäglichen Nachrichten und den Dokumentationen besorgter Ökologen leider nur allzu deutlich entnehmen, sofern sie nicht ohnehin am eigenen Leib, Leben und Geldbeutel gespürt werden. Krieg schließlich ist die denkbar schlimmste Ressourcenverschwendung. Das Bild, das Saito hier in Anschluss an Marx malt, ist nur allzu düster.

Saito geht davon aus, dass die Tech-Milliardäre sich längst auf die massiven Verschlechterungen der Lebensbedingungen eingestellt haben und lediglich am eigenen möglichst komfortablen Überleben arbeiten: „Eine universelle Fortschrittsidee für die Menschheit haben sie aufgegeben, bereiten sich auf das ‚Ende der Welt‘ vor und konzipieren eine Zukunft, die allein für eine auserwählte Elite bestimmt ist“ (80). Wenn man, wie der Rezensent, US-amerikanische Dystopien aus den 70ern kennt, weiß man, dass es damals bereits Konzepte gab, wie der Weltuntergang (der in verschiedenen Szenarien ausgemalt wurde) in stark bewachten Festungen, die Superreiche nebst Anhang und willfährigen Geistern aufnehmen sollten, möglichst komfortabel zu überstehen und nicht bloß zu überleben wäre. Je nach politischer Einstellung der Autoren entwickeln sich diese Untergangsszenarien unterschiedlich, meist scheitern sie. Eine neuere Dystopie dieser Art ist der Film „2012“ von Roland Emmerich, wo Reiche und Superreiche auf Archen eine Überschwemmung der Erde überstehen wollen. Letztlich endet dieser Film in einer falschen Versöhnung der Reichen und der weniger Privilegierten – einem gestohlenen und unglaubwürdigen Happy-End.

So gelangen wir zu der mehr oder weniger utopischen Alternative, für die Saito in seinem Buch wirbt:

Zunächst präzisiert er den Unterschied zwischen Kommunismus und Sozialismus: Während in Ersterem sich idealerweise das Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsumtion in einer egalitären Kultur zwangsfrei und ohne zentrale Planung einpendelt, bedeutet Sozialismus zentrale und – im besten Falle – demokratische Planung der Produktion anhand der tatsächlichen Bedürfnisse aller Menschen. Damit wird die ressourcenverschlingende Fehl- und Überproduktion der anarchischen Produktionsprozesse im Kapitalismus vermieden und so eine der Hauptquellen der Umweltzerstörung aus der Welt geschafft. Und die Produktion kann so geplant werden, dass sie einem zentralen Bedürfnis der Menschen, in einer ökologisch intakten Umwelt zu leben, Rechnung trägt, ohne zu übermäßigem Verzicht an Lebensqualität zu führen.

Damit begibt sich Saito in unmittelbare Gegnerschaft zu Hayek, der Planwirtschaft generell als absolutistisch ablehnt und das lauthals und leider mit einigem Erfolg verkündet hat. Er räumt ein, dass Hayeks Kritik an einer Planwirtschaft sowjetrussischer Art, wie sie im Osten der Normalfall war, nicht unberechtigt war. Er stellt sich aber die Frage, ob das die einzige Möglichkeit einer Planwirtschaft darstellt, so dass es keine planwirtschaftlichen Alternativen gibt. Was den Kapitalismus allgemein, aber besonders in seiner neoliberalen Spielart angeht, so stützt sich Saitos Kritik auf Marx und das ‚Kapital‘, um zu zeigen, dass dieser auch keine längerfristige Lösung der Menschheitsprobleme sein kann. Die „Falle“, in die Hayek uns geschickt hat, liegt nach Saito darin, dass er nur die Alternative: Planwirtschaft sowjetischer Prägung – unkontrollierte und unkontrollierbare Marktwirtschaft aufmacht. Da Erstere gescheitert ist, bleibt nach Hayek nur der Kapitalismus in seiner wildwüchsigen Ausprägung übrig.

Dagegen argumentiert Saito und für eine „Wirtschaftsdebatte 2.0“ (153). Gegen von Hayeks Behauptung, dass gesamtwirtschaftliche Planung schon theoretisch unmöglich sei, setzt er die neuen Technologien: Mit heutigen Supercomputern und den vorhandenen Daten über Ressourcen auf der einen Seite und den Bedürfnissen der Menschen auf der anderen Seite, so Saito, sei eine umfassende Planwirtschaft möglich, „die ohne Verschwendung produzierte“ (155). Auch die Art der Datenerfassung habe sich inzwischen revolutioniert, so dass das gesamtgesellschaftliche Wissen in einer Weise erfassbar sei, die früher undenkbar war. Das ermögliche eine Wirtschaftsplanung – für Hayek noch unvorstellbar – der Produktion ebenso wie der Nachfrage. Damit sei auch Geld als einziges Kriterium nach neueren Entwicklungen obsolet und ineffizient für die Planung der Wirtschaft. Der Preis sei nicht mehr allein die adäquate Lösung für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage, da er eine Vielfalt von Marktinformationen auf nur eine einzige Zahl für jedes Produkt bündele. Dazu sei das Preisgefüge ein viel zu träger Mechanismus, da Unternehmen erst im Nachhinein auf mangelnde Nachfrage reagieren können. Statt lediglich durch Veränderung des Preises auf veränderte Produktions- und Nachfragesituationen zu reagieren, könne mit moderner, flexibler und demokratischer Planung präventiv agiert werden, im Gegensatz zu der starren, bürokratischen Planung im untergegangenen „real existierenden Sozialismus“.

Saito dreht also Hayeks Argument für den Markt um, dass diesem eine spontane Ordnung innewohne, die einer Planung entgegenstünde: Der Markt sei eine „künstliche Ordnung, die durch nicht marktliche Institutionen geschützt und getragen wird“ (188). Ohne staatliche Ordnung, die dem Markt einerseits die notwendigen Fundamente liefert (etwa Geld und eine Eigentumsordung) und ihn andererseits lenkt und einhegt, sei eine Marktwirtschaft nicht möglich. Und in Krisensituationen bedürfe es starker staatlicher Intervention; so wäre die Corona-Krise anders nicht zu bewältigen gewesen (der Markt hat, wie sich hinterher gezeigt hat, eher für zusätzliche ökonomische Probleme in der Pandemie gesorgt; Anm. des Rez.). Und auch bei der umfassenden Klimakrise werde ‚der Markt‘ keines der damit verbundenen Probleme ‚von selber‘ lösen, geschweige denn das gesamtgesellschaftliche Problem.

Die ‚erste Phase‘ der Klimakrise, wie er sie diagnostiziert, sei vorbei und die damit verbundene Chance vertan, durch Aufgabe der Wachstumsideologie den Klimawandel zu stoppen oder wenigstens spürbar zu verlangsamen. In der zu erwartenden „permanenten Mangelwirtschaft“ der zweiten Phase, so Saito, werde man dennoch weiter auf ‚Degrowth‘ oder ‚Negativwachstum‘ setzen müssen. Er setzt auf das Korrektiv von „starke[r] Autonomie und Selbstorganisation von unten“ (190), um gegen das Kapital staatliche Maßnahmen durchführen zu können. Es müsse eine Art „Kriegswirtschaftssystem“ etabliert werden, um unter Wahrung der Demokratie gegen die Zerstörung der Umwelt vorgehen zu können. Er nimmt sich dabei die britische Kriegswirtschaft während des Zweiten Weltkriegs zum Vorbild, die dazu diente, einerseits die Ressourcen zur Verteidigung bereitzustellen, andererseits der Bevölkerung ihre grundlegende Versorgung zu garantieren. Als neuen „Feind“, meint Sato polemisch, haben die großen Ölkonzerne als CO2-Schleudern Hitler abgelöst. Sollte man am Kapitalismus und damit am Wirtschaftswachstum festhalten, würde das zwangsweise in einen regelrechte Teufelskreis führen.

Im Kapitel mit dem provokanten Titel „Der späte Marx und die Diktatur des Proletariats“ (205) setzt Saito der „kapitalistischen grünen Kriegswirtschaft“ einiger Ökonomen eine „sozialistische grüne Kriegswirtschaft“ entgegen. Dabei denkt er an „eine neue Form der Diktatur“. Bei Marx ist dabei für eine Übergangszeit an eine Herrschaft der Armen anstelle einer Herrschaft der Superreichen gedacht. Saito möchte so den scheinbaren Widerspruch auflösen, der zwischen Marx’ Eintreten für eine demokratische Gesellschaft und seiner Vorstellung einer „Diktatur des Proletariats“ besteht. Der Wandel des Diktaturbegriffs gehe vom altrömischen Begriff einer Diktatur zur kurzfristigen Beilegung einer Krise und Rückkehr zur alten Ordnung über den Begriff in der Französischen Revolution zur „Befreiung des Volkes“ mittels einer elitären Minderheit über mehrere Jahre zum Marx’schen Begriff der Diktatur über, in dem die ganze Arbeiterklasse die Rolle des revolutionären Subjekts einnimmt, mit einer Übergangszeit von etwa einer Generation. „In ihrer Substanz ist sie außerordentlich demokratisch und antiautoritär“. In der Pariser Kommune von 1871 beispielsweise konnten sehr schnell sehr weitgehende soziale Reformen und eine demokratische Volksvertretung durchgesetzt werden, bevor sie mit militärischer Gewalt zerschlagen wurde. Deshalb sei sie als „reichhaltige Inspirationsquelle“ (221) auch heute noch ein Vorbild.

Saito plädiert für eine vierte Form von ‚Diktatur‘: „Die Diktatur der Ökologie“ (DdÖ), um die Leidtragenden vor den Folgen der unvermeidlichen Umweltkrise zu schützen (232). Statt eines Technofaschismus, der lediglich einer Elite das Überleben ermöglicht, müsse eine „auf Gleichheit ausgerichtete ökonomische Ordnung“ (233) errichtet werden. Für eine Übergangsperiode solle, wie bei früheren Diktaturen, eine DdÖ die Herrschaft übernehmen. Basisdemokratie und sozialistische Diktatur von oben greifen dabei ineinander. Saito denkt dabei langfristig: Bis 2050 sieht er wenig Chancen für den überlebensnotwendigen Umbau der Gesellschaft, der seiner Ansicht nach bis 2080 durchgeführt sein muss, damit eine Bewältigung der ökologischen Krise noch möglich ist. (Mir scheinen beide Vorstellungen optimistisch: Dass es bis 2050 eine ausreichend starke Volksbewegung gegen den Kapitalismus geben wird, ebenso, dass sich 2080 der endgültige Klimakollaps, wie auch immer er aussehen mag, noch verhindern lässt. Ich meine, die Realität ist noch härter als Saito sie ausmalt, A.d.R.).

Schon in der Pariser Kommune wurden fünf Maßnahmen umgesetzt, die Saito für zentral zur Errichtung einer DdÖ hält:

Arbeit und Industrie müssen demokratisiert werden, um eine wirksame Dekorbonisierung der Produktion zu ermöglichen. Die Machtverhältnisse in der Industrie müssen dafür ‚dekonstruiert‘ (239) und umgekehrt werden. In einzelnen Fällen ist es schon gelungen, so Saito, lebenswichtige Versorgungsstrukturen wieder aus privater Hand in kommunale Kontrolle zurückzuführen. Aus profitbestimmter Arbeit muss die Arbeit in die Erhaltung der Lebensbedingungen umgewandelt werden.

Als zweiter Punkt müssen Bürgerrechte gestärkt werden, und zwar nicht exklusiv, regional beschränkt, sondern für alle Bürger:innen dieses Planeten, wo auch immer sie leben und arbeiten, um durch gemeinschaftliches Handeln zu Synergien zu kommen (248).

Drittens müssen in der DdÖ im Interesse des Umbaus der Ökonomie Ressourcen requiriert und Arbeitskräfte für eine „grüne universelle Armee“ einberufen werden (250). Die Bürger:innen können für eine bestimmte Zeit dazu verpflichtet werden, „sich … an Aktivitäten zum Schutz der Umwelt zu beteiligen“ (251). Dabei sollen, um diktatorische Zwangsmaßnahmen zu vermeiden, die Tätigkeit, Ort und Zeit nach individuellen Präferenzen gewählt werden können, wie das im „Ersatzdienst“ zum Wehrdienst mehr oder weniger ähnlich geregelt war.

Viertens müssen „Rationierung und Enteignung“ (254) im Interesse der Allgemeinheit und im Rahmen einer Selbstverwaltung möglich sein, wenn sie notwendig sind. Als Besipiel nennt Saito die Initiative in Berlin, Wohnraum zu enteignen, der zur Spekulation missbraucht wird, auch wenn diese Initiative letztlich gegen den demokratischen Entscheid gescheitert ist. Beispielweise bietet das deutsche Grundgesetz die Möglichkeit einer Enteignung, wenn sie im Interesse der Allgemeinheit ist. Um die Allgemeinheit zu schützen, sei auch die Enteignung der großen Rechenzentren erforderlich, um die „digitale Souveränität“ (258) der Menschen wiederherzustellen. Auch KI-Grundmodelle müssen Gemeingut werden.

Auch müssen „Verbotsmaßnahmen“ (260) ergriffen werden können, wenn sie zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und zur Dekarbonisierung erforderlich sind. Der Individualverkehr mittels fossiler Brennstoffe (Verbrenner-Autos, Privatflugzeuge) muss stark eingeschränkt werden, bis hin zu deren Abschaffung.

Alle diese Maßnahmen sollen, so die Vorstellung Saitos, im Rahmen einer „radikalen Demokratie“ (262) verwirklicht werden. Bei den vorgenannten einschneidenden Maßnahmen bestehe starker Diskussionsbedarf, der zu einer Stärkung demokratischer Entscheidungsprozesse führen werde. Als Beispiel nennt er die demokratisch gewählte Linksregierung Kolumbiens, die unter Führung von Gustavo Petro die Ölförderung des Landes stark eingeschränkt hat. Saito betont, dass die ökologischen Maßnahmen nicht gegen die Bevölkerung, sondern demokratisch durch Bürgerbewegungen, Wahlen und Streiks zustande kamen.

Die Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft nennt Saito „Dunklen Sozialismus“ (272). Mit dem Beispiel von Ecuador, wo unter Rafael Correa eine „partizipative Planwirtschaft“ errichtet wurde, mithilfe der Arbeiterschaft, der Bauern, der Frauen und der Ureinwohner. Dabei wurden auch weltweit erstmalig die „Rechte der Natur“ anerkannt. Neben Legislative, Exekutive und Judikative gibt es in Ecuador mit dem „Rat für Bürgerbeteiligung und soziale Kontrolle“ (273) eine vierte Macht im Staat. In einem Vierjahresplan soll das „Buen Vivir“ (gutes Leben, schöne Erde) gefördert werden. Dabei soll dezentralisiert geplant werden.

Der Dunkle Sozialismus soll nach Saito auf fünf Säulen (Tabelle, S. 277) ruhen:

Gegen die „institutionalisierte Verschwendung“ des Kapitalismus soll es einen „Wandel hin zu Dekommodifizierung (Verringerung der Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt; A.d.R.) und bedarfsorientierten Wirtschaft“ geben; damit soll die Dynamik unbegrenzter Profitmaximierung im Kapitalismus gestoppt werden. Durch den Übergang zur Bedarfsorientierung sollen auch die Interessen künftiger Generationen, die am demokratischen Prozess noch nicht teilnehmen können, besser berücksichtigt werden.

Gegen den „Despotismus des Kapitals“ soll die Vergesellschaftung der Investitionen wirken. Statt, wie im „real existierenden Sozialismus“, die Investitionen in die Hände von Bürokraten zu legen, sollen sie im demokratischen Prozess verhandelt werden.

Der „Pseudorationalismus“ des Marktmechanismus mit der Reduktion auf den Preis als einziges Kriterium wird durch die „Mehrdimensionalität der Preise“ demokratisiert, der plurale Kriterien wie Umwelt, Ethik und Glück einbezieht.

Der Wettbewerb als „Verschleierungsverfahren“ soll mithilfe der „Nutzung von implizitem Wissen durch partizipative Wirtschaft“ ausgehebelt werden. Statt Konkurrenz wird auf Zusammenarbeit gesetzt.

Der „Riss im Stoffwechsel“ (mit der Natur; A.d.R.) soll durch die Einbeziehung ökologischer Grenzen in die Wirtschaft geschlossen werden. Daten von Weltraumsatelliten, aus dem Boden und gesellschaftliche Daten werden gesammelt und damit die Umweltauswirkungen bestimmter Maßnahmen erfasst, um ein „Umweltrechnungswesen“ (294) zu erstellen.

VonSeiten des Kapitalismus in Gestalt seiner Vertreter ist, darüber ist Saito sich im Klaren, „erbitterter Widerstand“ (301) zu erwarten. Eines der Probleme sind die Fragen der geistigen Eigentumsrechte: Da diese derzeit hauptsächlich im globalen Norden, vor allem in den USA, liegen, erfordert das für viele Länder des Südens hohe Lizenzzahlungen. Der „Faschismus der Eliten“ (303) werde in der Entwicklung hin zur permanenten Mangelwirtschaft wahrscheinlich weiter zunehmen. Dagegen führt er Beispiele wie das ‚Rote Wien‘ von 1918 bis 1935 an, wo sich für eine gewisse Zeit ein auf Commons (Gemeineigentum) basiertes Wirtschaften durchsetzen konnte. Im ‚Roten New York‘ startet der sozialistische Bürgermeister Zohran Mamdani gerade ein Programm für eine solidarischere Stadt. Durch „demokratische Planung [sollen] gemeinsam die Commons“ (310) ausgeweitet werden.

Im Nachwort „Die Apokalypse der Niemande“ (316) beschreibt Saito die derzeitigen gesellschaftlichen Umbrüche als eine Art stiller Revolution von oben. Am Beispiel das Internets zeigt er, wie eine Verbindung von Tech-Milliardären mit der Staatsmacht im Stillen die Kontrolle über das ursprünglich ‚freie‘ Internet übernommen haben. Der „Keil der gesellschaftlichen Spaltung“ (317) wurde damit tiefer geschlagen, Kontrolle und Überwachung im digitalen Raum nehmen überhand, mit dem „Technofaschismus“ als Endergebnis.

Nach Einschätzung von Saito befinden wir uns mitten in Klimakollaps und Katastrophe. In seinem „Dunklen Sozialismus“ soll ein Wandel verwirklicht werden, der ein Überleben der Menschheit ermögliche. Er setzt dabei auf eine „langfristige Leitidee“ (319), um die richtigen Entscheidungen treffen und eine „planwirtschaftlichen Ordnung“ etablieren zu können: „Die Zukunft hängt davon ab, ob wir eine demokratische Planung Realität werden lassen können oder nicht“ (321).

Wie bei allen derartigen utopischen Ausführungen bleibt jedoch die Frage: Wer hängt der Katze die Schelle um? Oder, anders ausgedrückt: Die Menschheit als revolutionäres Subjekt (abzüglich einer Handvoll Multimilliardäre und Politiker, die sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen von je einem kleinen Teil der Erdbevölkerung wählen lassen – oder nicht einmal das) bleibt weit hinter allen Erwartungen zurück, die sich legitimerweise an sie stellen ließen, würde sie (die Menschheit) ihre eigenen (un-)verstandenen Interessen mit etwas Verstand, wenn nicht gar ein wenig Vernunft verfolgen. Kohei Saito jedenfalls hat sich gerettet, insofern er einen vernünftig klingenden Vorschlag zur Rettung der Menschheit an eine vermutlich allzu geringe und machtlose Minderheit gerichtet hat.

… we can turn the world around

we can turn the earth‘s revolution …

People have the power!

Patty Smith 1987

Wenn sie‘s bloß wüssten.


Postscriptum: Dies ist eine Rezension eines sehr ernsthaften Buches über ein sehr ernstes Thema. Darüber soll der flotte, leicht ironische Ton in Teilen der Rezension auf keinen Fall hinwegtäuschen. Wirklich wichtige Probleme lassen sich bloß mit Humor ertragen.

Karl Homann – Philosophie und Ökonomik


Karl Homann (geb.1943) wurde an der Uni Münster 1972 in Philosophie (Dr. phil.) und 1979 in der Volkswirtschaftslehre (Dr. rer. pol.) promoviert. 1985 habilitierte er sich für Philosophie an der Uni Göttingen. Von 1986 bis 1990 hatte er eine Professur für Volkswirtschaftslehre und Philosophie an der Universität Witten/Herdecke und von 1990 bis 1999 für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Universität Eichstätt inne. Er war damit in Deutschland der erste Inhaber eines Lehrstuhls dieser Art.
Von 1999 bis 2008 war er Professor für Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der philosophischen und ethischen Grundlagen der Ökonomie (Wirtschaftsethik) an der LMU München.
Homann ist Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech).

Karl Homann

Philosophie und Ökonomik: Ökonomischer Imperialismus?

I.

Philosophie-Professor in München: Dieses Ziel war mir keineswegs in die Wiege gelegt!

Geboren 1943 als Ältester von insgesamt fünf Geschwistern auf einem kleinen münsterländischen Bauernhof in einem Dorf mit nicht ganz tausend „Seelen“, war mir eigentlich ein ganz anderer Weg vorgezeichnet. Wie nicht selten in diesem Milieu waren es der Pfarrer und der Lehrer, die der Entwicklung des aufgeweckten Jungen eine andere Richtung gaben: Er sollte „studieren“, was nach damaligem örtlichem Sprachgebrauch hieß: aufs Gymnasium gehen. Und natürlich auf das klassische, das heißt: altsprachliche Gymnasium – anderes wurde gar nicht erwogen, mit meinen Eltern wohl nicht und mit mir schon gar nicht. Da der Junge noch etwas „schmächtig“ war, gab man ihm noch ein fünftes Jahr in der Volksschule, und da die Verkehrsverbindungen zum nächsten Gymnasium in Münster zu Anfang der 50er Jahre schlecht waren, kam er 1954 ins Internat.

Anfangs habe ich mich dort durchaus wohl gefühlt: Die Gemeinschaft mit anderen Jungen, die Möglichkeiten, Sport zu treiben, und der Abstand von den täglichen Mühen und Sorgen meiner Eltern und Geschwister in dem Ende der 50er Jahre voll einsetzenden Strukturwandel in der Landwirtschaft haben meiner Entwicklung sicher gut getan. Es handelte sich um ein katholisches Internat, die Mitschüler stammten aus ähnlichem kleinbürgerlichem Milieu. Als mir später, im Alter von 16 Jahren, das Erziehungskonzept zu eng wurde, habe ich bei meinen Eltern, die mir keinen Widerstand entgegen setzten, den Wechsel auf ein öffentliches Gymnasium durchgesetzt.

So besuchte ich die letzten drei Jahre vor dem Abitur das Gymnasium Paulinum in Münster. Es lebte in dem Bewusstsein, bereits von Karl dem Großen gegründet worden zu sein und seitdem ununterbrochen bestanden zu haben. Hier begegnete ich Söhnen von Ärzten, Richtern und Professoren und kam in einer Arbeitsgemeinschaft Philosophie und in Latein und Griechisch erstmals mit der Philosophie in Berührung. Ich las A. Camus, J.-P. Sartre, J. Pieper und dann auch W. Dilthey und Texte zur Geschichtsphilosophie. Wenn im Juli in der Schule schon eine oder zwei Wochen Ferien waren, die Universität aber noch weiter lief, habe ich mich auch einige Male in die Philosophie-Vorlesungen an der Universität Münster geschlichen, um zu sehen, wie es dort zuging.

Doch was wollte man mit der Philosophie anfangen? Diese Frage stellte sich mir damals genau so, wie sie sich heutigen Abiturienten und Studenten stellt.

II.

Im Rückblick muss ich sagen, dass mir die Wahl des Studiums sehr schwer gefallen ist: Ich wusste anfangs gar nicht, was ich studieren sollte. Schließlich fiel die Wahl auf die Fächer Philosophie, katholische Theologie – aus Interesse – und Germanistik – für den Broterwerb; mit der Kombination Germanistik und Philosophie konnte man in den Schuldienst gehen. 1963 schrieb ich mich an der Universität Münster ein, an der ich bis zur ersten Berufung 1986 – von einem Auswärts-Semester 1965 in Tübingen abgesehen – hängen geblieben bin.

In der Philosophie kam ich in die Endphase der Lehrtätigkeit von Joachim Ritter, der damals schon stark mit der Herausgabe des „Historischen Wörterbuchs der Philosophie“ beschäftigt war. Ich habe das letzte Referat in seiner aktiven Zeit gehalten – über Hegels Rechts- und Geschichtsphilosophie natürlich. O. Marquard, K. Gründer und W. Oelmüller waren noch am Seminar; Oelmüller kannte ich bereits vom Gymnasium her.

Die katholische Theologie befand sich unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Vaticanums im Aufbruch. In meinem ersten Semester habe ich die gerade neu berufenen Professoren J. B. Metz und J. Ratzinger gehört. Obwohl ich immer auch die Vorlesungen von Ratzinger besuchte, hielt ich mich später stärker an Metz, der sich mit philosophischer und theologischer Hermeneutik befasste und seine politische Theologie entwickelte.

Als die Kommilitonen 1968/69 auf die Straße gingen, um die Gesellschaft nicht nur zu verändern, sondern total umzukrempeln – und das am liebsten in 14 Tagen und ohne von der Funktionsweise der Gesellschaft allzu viel zu verstehen –, habe ich bewusst eine andere Konsequenz gezogen: Zunächst habe ich 3000 Seiten Hegel und Hegel-Literatur gelesen und mich dann für ein zweites Studium entschieden. Dabei war mir die Soziologie, damals Hoffnungsträgerin der „kritischen“ Wissenschaft, methodisch zu dicht an dem, was ich bisher gemacht hatte, und die Rechtswissenschaft erschien mir zu dogmatisch. Ich suchte eine echte Herausforderung hinsichtlich der Methode, und so fiel die Wahl 1971 schließlich auf die Volkswirtschaftslehre. Auch unter dem Eindruck einer kurzfristigen Tätigkeit in der Leibniz-Forschungsstelle in Münster, in der an der großen Akademie-Ausgabe von Leibniz’ Schriften gearbeitet wurde, wollte ich nicht länger nur die Philosophiegeschichte „von Zeus bis Heuß“, wie ein Freund sich auszudrücken pflegte, interpretieren, sondern gesellschaftspolitisch kompetent mitreden und mitphilosophieren.

In der Ökonomie traf ich in Münster auf Erik Boettcher. Er hatte einen Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpolitik und Genossenschaftswesen. Genossenschaften waren für ihn Wirtschaftsdemokratien; meine Demokratiekonzeption verdankt sich in großen Teilen der Arbeit im Genossenschaftsinstitut. Methodisch war Boettcher K. R. Popper verpflichtet, dessen „Logik der Forschung“ er als Volkswirt 30 Jahre nach dem Erst-Erscheinen wieder herausgebracht hat. Boettcher war Rationalist im besten Sinne und dabei so liberal, dass er meinen Hegel-Neigungen durchaus etwas abgewinnen konnte. Er hatte die Schriftenreihe „Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften“ zusammen mit Hans Albert begründet, die ich heute federführend herausgebe. Hier sind neben den Arbeiten von Popper, Albert und anderen „kritischen Rationalisten“ auch Werke späterr Nobelpreisträger der Ökonomie in Deutsch erschienen, so von Th. Schultz, D.C. North, G.S. Becker und J. M. Buchanan.

III.

Ziel des Ökonomie-Studiums war für mich von Anfang an die konstruktive Integration von Philosophie und Ökonomik. Dass daraus später einmal die „Wirtschaftsethik“ werden sollte, ahnte ich damals nicht; auch halte ich nach wie vor diese Disziplinenbezeichnung nicht für glücklich.

Um die Integration voranzutreiben, musste ich zunächst zum Ökonomen werden: Ich habe mir ca. fünf Jahre lang jedes philosophische Argument zur Lösung wirtschaftspolitischer Fragen verboten, um zu lernen, besser: zu erfahren, wie Ökonomen denken, wie sie ihre Probleme strukturieren, um sie dann methodisch einer Lösung näher zu bringen.

Da ich als Assistent bei Boettcher und später als Professor in Witten-Herdecke und Eichstätt-Ingolstadt, also von 1977-1999, in wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten gearbeitet habe, geriet ich immer mehr in Identitätsprobleme: War ich nun Ökonom oder Philosoph? Gegen Mitte der 90er Jahre habe ich die Formel gefunden: Der Intention nach bin ich Philosoph, der Methode nach Ökonom. Den Hegelianer in mir, der Hegels Kritik an der „Ohnmacht des Sollens“ im Ohr hatte, hat immer gestört, dass die praktische Philosophie sich vielfach in – „gut begründeten“ – Postulaten und Appellen erschöpfte, ohne der Implementationsfrage die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Für den Ökonomen ist demgegenüber klar, dass Moral unter den Bedingungen von Marktwirtschaft und Wettbewerb im Normalbetrieb der Gesellschaft nur dann Bestand haben kann, wenn die Akteure vom moralischen Handeln langfristig individuelle Vorteile erwarten können; dabei versteht die moderne Ökonomik unter „Vorteil“ alles, was die Menschen selbst als Vorteil ansehen, also Einkommen und Vermögen ebenso wie Gesundheit, Muße und ein gelingendes Leben. Zur Zeit arbeite ich an einer Monographie, die den Ertrag des Durchgangs durch die Ökonomik und die „Wirtschaftsethik“ für die praktische Philosophie bzw. Ethik bilanzieren soll.

Noch ein Zweites hat mir der zwischenzeitliche Verzicht auf philosophische Argumente eingebracht: Ich habe – nicht aus Theorien, sondern aus der Erfahrung eigener Arbeit – gelernt, dass Theorien nicht unmittelbar auf „die Wirklichkeit“ referieren, wie ein naiver kritischer Rationalismus meint, sondern auf Probleme. Oft nur marginal verschiedene Problemstellungen ziehen unterschiedliche Theoriegebäude nach sich, ohne dass zwischen ihnen ein Widerspruch bestehen muss. J. Ritter hatte einmal – in einer Nebenbemerkung im Seminar, die für mich wegweisend geworden ist – gesagt, die wichtigste Frage an einen Text sei: Was für ein Problem hat der Autor eigentlich? Um ein Beispiel zu nennen: Wer, verführt durch das Wort „homo“, den Homo oeconomicus für das „Menschenbild“ der Ökonomie hält, hat die Probleme, auf die dieses Konstrukt antwortet, einfach nicht verstanden. Das gilt für Anhänger und Kritiker des Homo oeconomicus in Ökonomik und Philosophie/Theologie gleichermaßen. So bin ich durch eigene Erfahrungen zu einem – gemäßigten – „Konstruktivisten“ geworden und finde ähnlich „konstruktivistische“ Überlegungen auch bei Kant und Hegel, Max Weber und Popper.

IV.

Die Themenschwerpunkte meiner wissenschaftlichen Arbeit und ihre Entwicklung lassen sich an den Monographien illustrieren. Die philosophische Dissertation „F. H. Jacobis Philosophie der Freiheit“ (Freiburg, München 1973) geht auf das Thema Freiheit. Die ökonomische Dissertation „Die Interdependenz von Zielen und Mitteln“ (Tübingen 1980) befasst sich mit der immer wieder neuen Frage nach dem Zusammenspiel positiver und normativer Überlegungen, hier am Beispiel der Wirtschaftspolitik. Die Habilitationsschrift setzt im ersten Begriff diese Überlegungen fort und fokussiert im zweiten auf die politische Variante von Freiheit: Sie trägt den Titel „Rationalität und Demokratie“ (Tübingen 1988). Die – zusammen mit F. Blome-Drees verfasste – „Wirtschafts- und Unternehmensethik“ (Göttingen 1992) ist der neuen Disziplin geschuldet, deren ersten Lehrstuhl in Deutschland an der Universität Eichstätt-Ingolstadt ich 1990 übernahm. Die mit A. Suchanek verfasste „Ökonomik. Eine Einführung“ (Tübingen 2000, 2. Aufl. 2005) versucht, Ökonomen und Nicht-Ökonomen ein Gespür für Problemstellung, Grundbegriffe und grundlegende Zusammenhänge der modernen Ökonomik in weitgehend untechnischer Methode und unter Einschluss der normativen Fragen wie zum Beispiel der Demokratie zu vermitteln. Die geplante Monographie schließlich soll den Ertrag für die philosophische Ethik darlegen.

V.

Ich bin bei meinem Weg durch die zwei Disziplinen allein meinen Interessen gefolgt. Ich habe glücklicherweise immer wieder Förderer gefunden: die Studienstiftung des deutschen Volkes, den Theologen und Freund Ernst Feil, der mir für fast vier Jahre eine Assistentenstelle zur Verfügung stellte und mein Zweitstudium auch auf diese Weise gefördert hat (1971-1975), E. Boettcher, der mich von 1977-1985 als Assistenten hielt, obwohl ich in Philosophie habilitierte, Günter Patzig, der meine externe Habilitation in Göttingen betreut hat, Helmut Hesse, der von Patzig als ökonomischer Zweitbetreuer hinzugezogen wurde, und viele andere mehr. Dennoch war der Weg riskant: Für meine erste Professoren-Stelle musste eine Universität neu gegründet werden, und eine private noch dazu: Witten-Herdecke; für die zweite eine neue Fakultät: die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät Ingolstadt an der Katholischen Universität Eichstätt; und für die Stelle in München musste für die ersten fünf Jahre eine Stiftung her, und selbst dann hat die damalige Hochschulleitung – wohl mangels Interesse von Teilen derselben – bis zur Besetzung noch rund dreieinhalb Jahre gebraucht: Interdisziplinarität ist trotz aller Sonntagsreden im Alltag etablierter Universitäten nur mit größten Schwierigkeiten unterzubringen.

VI.

Wie die zahlreichen Skandalfälle in der Wirtschaft und die vielfältigen öffentlichen Diskurse über Standortverlagerungen von Unternehmen, Entlassungen, Globalisierung und Armut etc. zeigen, haben ethische Fragen der Wirtschaft gegenwärtig Konjunktur. So ist es nicht verwunderlich, dass ich zu Vorträgen und Beratungen eingeladen werde, die über die rein universitäre Tätigkeit hinausgehen. Ich halte dies grundsätzlich für eine Dienstpflicht von Professoren, auch von Philosophie-Professoren, wenn sie die entsprechende Kompetenz haben. Es ist für die Philosophie als akademische Disziplin entscheidend, kompetent an den gesellschaftlichen Diskursen teilzunehmen: Dies ist vielleicht ein Weg, die in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Stellenkürzungsrunden endlich zum Stillstand zu bringen. Ich habe Vorträge in der Wirtschaft gehalten, wobei das Spektrum der Zuhörer von Kolping-Vereinen bis zu Vorständen großer deutscher Unternehmen reicht. Auch zur Politikberatung bin ich hinzugezogen worden, ohne Mitglied in einer Partei zu sein. Ich habe diese Mühen überwiegend aus einem Gefühl der Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft auf mich genommen, die mir diese Karriere ermöglicht hat, und ich freue mich auch über die Erfolge auf diesem Gebiet – doch mein bevorzugtes Spielfeld ist das nie geworden: Wirklich zu Hause habe ich mich immer nur im Umgang mit engagierten und klugen Studierenden gefühlt, mit Menschen, die die Gesellschaft künftig voranbringen und dafür mit belastbaren Theoriekonzepten ausgestattet werden müssen.

VII.

Meine aktive Zeit an der Universität neigt sich dem Ende zu. Die Monographie zur praktischen Philosophie bzw. Ethik steht aus. Ich will abschließend versuchen, einige der zentralen Gedanken vorweg in eher thetischer Form und ohne Begründungen zu formulieren.

1. Die Menschen müssen selbst und gemeinsam die Regeln festlegen, nach denen sie miteinander umgehen wollen: Autonomie, Demokratie; grundlegende Werte sind: die Freiheit und Würde jedes Einzelnen und die Solidarität aller Menschen.

2. Philosophie hat sich der Aufgabe zu stellen, diese klassisch abendländischen Werte unter den grundlegend veränderten Strukturen der modernen (Welt-)Gesellschaft zur Geltung zu bringen. Das führt in der Ethik zu kontraintuitiven Handlungsmaximen wie z.B.: Wettbewerb ist solidarischer als Teilen.

3. Da keine Ethik vom Einzelnen verlangen kann, dass er dauerhaft und systematisch gegen seine Interessen handelt, ist die Ethik zweistufig zu entwickeln, als Handlungs- und als Ordnungsethik: Dabei hat die Ordnung dafür zu sorgen, dass moralische Handlungen im Normalfall nicht ausgebeutet, sondern – zumindest langfristig – individuell belohnt werden; andernfalls kann Moral unter Bedingungen des Wettbewerbs nicht stabil bleiben.

Um diese Leitideen argumentativ zu untermauern und zur Tradition der Ethik in Beziehung zu setzen, ist ein erheblicher Theorieumbau in Philosophie und Ökonomik notwendig. Die Vorarbeiten in der Ökonomik sind weit gediehen: vgl. Homann, Suchanek: Ökonomik, a.a.O.; die Umsetzung in die Ethik ist in den Grundzügen klar; ich bin zuversichtlich, dass die Ausführung in absehbarer Zeit gelingt.

VIII.

Ist dieses Programm nun als „ökonomischer Imperialismus“ zu betrachten? Ich glaube nicht. Es geht in meiner Philosophie ganz klassisch um Eudaimonia, Glückseligkeit, um ein gelingendes Leben für alle Einzelnen. Will die Philosophie nicht beim „leeren Sollen“ Hegels stehen bleiben, muss sie sich allerdings mit den Bedingungen befassen, unter denen die Einzelnen dieses Ziel angehen müssen. Praktische Philosophie braucht als integralen Bestandteil eine Theorie der Stabilitätsbedingungen von Moral unter den Bedingungen von Marktwirtschaft und globalem Wettbewerb, und diese kommt ohne Rückgriff auf die ökonomische Methode der individuellen Vorteils-/Nachteils-Kalkulation nicht aus.

Hans-Martin Schönherr-Mann – Mein kurvenreicher Weg zur Philosophie

Hans-Martin Schönherr-Mann: Mein kurvenreicher Weg zur Philosophie

„Was treibt Sie an?“ fragte mich letzthin ein Kollege. Vor 30 Jahren hätte ich das leicht beantworten können: Die Verdammten dieser Erde! Aber heute? Nein, die sind es nicht mehr, jedenfalls nicht mehr als Volk, Masse oder Klasse. Heute wundere ich mich überhaupt, wie man sich nach der Gemeinschaft sehnen kann. Aber ich gebe zu, ich mag keine Kinder, würde mir nie mehr einen Hund anschaffen, küsse gerne nur meine Freundin, während ich andere Leute im Begrüßungszeremoniell allein aus Pflicht umarme – sicher: der lutheranische Geist ostpreußischer Großeltern.

Was treibt mich also heute an? Warum komme ich auf die Idee, schon seit Jahren meine Vorlesungen an der LMU um ein Programm herum zu gruppieren, das in ein umfängliches Buch über die hermeneutischen Grundlagen der Ethik münden soll? 2010 muss es entweder unter dem Titel „Macht und Moral“ oder „Sein und Fragen“ 50 Jahre nach Hans-Georg Gadamers Wahrheit und Methode erscheinen. Aber wozu? Weshalb schreibe ich im Entwurf folgende Sätze?

„Der Mensch versteht zu viel! Daher verortet sich die Ethik primär in der Sprache. Die Triebfeder der Ethik schuldet sich nämlich dem Nichtverstehen, das dem Verstehen nicht nur seinen Bereich anweist, vielmehr sein Zuviel enttarnt, und zwar just dadurch dass es Fragen stellt, die sich nicht beantworten lassen.“

Versteht man indes nicht immer zu wenig? Oder habe ich nicht genug von meinen beiden wichtigsten akademischen Lehrern Gadamer und Gianni Vattimo verstanden? Wie könnte ich dem widersprechen! Verstehen soll ein sprachlicher Prozess sein, durch den der Mensch seine Welt konstruiert. Nur folgen daraus für Vattimos Pensiero debole keine objektive Realität, sondern viele Welten, zwischen denen man sich nur schwierig zu orientieren vermag. Immer stellen sich mir Fragen, die ich nicht beantworten kann. Nur wenn ich sie stelle, warnen sie mich vor Fehl- und Übergriffen meinerseits wie durch die anderen. Denn – das habe ich vom bedeutendsten Ethiker des 20. Jahrhunderts, Emmanuel Lévinas, gelernt – niemals erreiche ich in meinem Verständnis den anderen. Just deswegen muss man in der Ethik die Andersheit des anderen berücksichtigen: ergo auch das Nichtverstehen.

Was ich in meinen beiden wichtigsten Texten, in der Aphorismensammlung Mosaik des Verstehens (edition fatal 2001) und dem Essay Sein und Fragen (edition question 2003) entwerfe, das will ich bis 2010 vollenden: Die Grundlage des Verstehens im Nichtverstehen weist die Hermeneutik als Ethik auf. So lauten die weiteren Sätze aus besagtem Programm:

„Im Fragen äußert sich ein hermeneutischer Wille zur Macht als Ethik, der dem Verstehen als solchem widerstreitet, somit das Verständnis beschränkt. Das, was sich wirklich sagen lässt, das lässt sich nur fragen; denn das Individuum – oder die gesprochene Sprache, die immer jemand sprechen muss – entzieht sich seinem Verständnis.“

Was treibt mich zu solchen Sätzen? Sicher nicht mehr das große Ideal der Befreiung des Menschen. Vom späten Ludwig Wittgenstein habe ich vielmehr gelernt, dass Sprache keinen Körper, kein Wesen und keine unveränderlichen Strukturen oder feste Regeln hat. Ich gebe zu, das mag eine eigenwillige Wittgensteinauslegung sein.

So höre ich schon die Proteste: Alles falsch verstanden! Auch gut. Kopf einziehen, weiterträumen! Letztlich war mein Vorbild doch immer eher Sartre als Gadamer, wollte ich doch nie Beamter werden, was man mir nun auch erfolgreich nicht gewährte. Dann bleibt es eben beim freien Autor im freien Fluss der Sprache und der Welt.

Allemal muss der einzelne Mensch verstehen, was er hört und liest. Ob nun, weil nach Jacques Lacan ein Subtext alles Sprechen begleitet, der gleichzeitig was anderes sagt als das, was man ausdrücken will; oder weil ich es immer alleine bin, der hier und jetzt nur über beschränkte Verstehensmöglichkeiten verfügt: den Verstehenden plagen immer blinde Flecken. Man kann sich nicht mal selbst verstehen, so Sören Kierkegaard: Das erträgt man nur mit Humor, Wittgensteins Sprachspiel oder Nietzsches Aphorismen – den avanciertesten Stilen, wenn die große Theorie das, was in der Welt passiert, das Ereignis, nicht erfassen kann. Aber warum soll man dann noch Philosophie treiben? Ergeben die folgenden Sätze eine Antwort?

„Das Nichtverstehen entfaltet die Macht, die das Individuum braucht, um sich den Ansprüchen jeder Gruppe wie der politischen Macht nicht unterwerfen zu müssen. Nichtverstehen und Fragen verkörpern sowohl die Macht des Individuums als auch dessen Ethos, sein Ethos der Macht in der Sprache, mit dem es sich dem Allgemeinen verweigert.“

„Was treibt Sie an?“ Das Individuum! Nicht Klasse, nicht Abendland und nicht die Menschheit, sowenig wie deren Zukunft. Gelegentlich darf man aber das eine oder andere davon schon ernst nehmen, nur nicht ohne Unterlass.

Ich selbst habe manchmal mit viel zu großem Engagement dergleichen verfolgt. Als mich mit 16 Jahren die Osterunruhen aus dem kindlichen Schlummer rissen, verfiel ich doch schnell wieder in den dogmatischen: von Marx zu Mao. Mich erschütterten natürlich das Elend der Armen und der Vietnam-Krieg der Reichen. Doch noch mehr ärgerten mich meine fleißigen Eltern, autoritäre Lehrer, die gemütlichen Wohnzimmer mit den Nachkriegsmöbeln. Mit Bertrand Russell befreite ich mich von der Unterordnung unter den bürgerlichen Gott. Mit A.S. Neills antiautoritärer Erziehung ließ ich mich von der Schule verweisen, um mich trotzdem, aber ohne Achtung vor disziplinierenden Noten und bürgerlichen Lerninhalten durch das Abitur zu mogeln. Anstatt arbeiten zu gehen, wollte ich doch lieber ein rotes Studium genießen. Gleichermaßen frönte ich sozialistischen Träumen und einem libertären Individualismus. Letzterer muss wohl geblieben sein: Ob das die richtige Entscheidung war? Warum suchte ich keinen goldenen Mittelweg? Warum begab ich mich nicht in die Arme der Religion? Frieden schließen mit der Gemeinschaft! Dann lieber bei der Alternative ‚Teufel oder Beelzebub‘ den Bub wählen! „Ich kann nicht unsterblich werden in Kompanie mit zwei anderen alleinstehenden Herren und der Reihe nach,“ bemerkt Kierkegaard, der als erster die Ethik als autonome Lebensgestaltung des Individuums aus der Orientierung an Allgemeinheit und Gemeinschaft befreite.

In den westlichen Gesellschaften beschleunigen sich heute die schon seit längerem stattfindenden Individualisierungsprozesse. Man heiratet einfach nicht mehr, weil es sich gehört, oder eher, weil die Ehe ein Sakrament ist. Gerade dass die Hochzeit noch Romantisches ausstrahlt; trotzdem vergesse man dabei den Ehevertrag nicht. Ich selbst lebte lange in Wohngemeinschaften und bis heute mit meinen verschiedenen Freundinnen nie zusammen und häufig in offenen Beziehungen, die andere sexuelle Kontakte nicht ausschlossen. Ja, wie bei Sartre? Und längst tun das viele, ist es nichts Besonderes mehr!

Indes: „Nur ein Zuviel des Individuums kann es nicht geben; denn es bleibt ja immer eines. Nicht der Individualismus hat in die Kriege des 20. Jahrhunderts geführt – wiewohl er letztlich daran beteiligt war, eignet ihm natürlich manch Scheinheiliges –, sondern die Gemeinschaften, was aber schon für den Peloponnesischen Krieg oder die Kreuzzüge gilt. So kommt es darauf an, die Macht in eine Form zu gießen, die dem Individuum nützt, was auch deren Begrenzung impliziert.“

Natürlich verweigerte ich den Wehrdienst. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob man zum Militär gezwungen wird oder nicht! Es ist ein entscheidender Unterschied, ob man seine Sexualität ausleben darf, dazu verhüten und abtreiben, oder ob man höchstens zum Preis seiner selbst die biologische Kette vermeiden kann, wie es heute vielen Musliminnen ergeht. Ein Pazifist war ich sicherlich nie. Aber ich hätte mich nicht in die autoritären Strukturen einer Armee pressen lassen. Ich würde meine Individualität nicht opfern, um sie angeblich zu retten, sollte man nach intelligenteren Lösungen suchen. Wer mag, darf in eine Berufsarmee eintreten, wenn man nicht andere dazu zwingt:

„Das Individuum kann sich nicht für andere, nur für sich selbst zum Maßstab erheben. Das Individuum lebt dabei natürlich nicht alleine, sondern immer zusammen mit anderen Individuen. Doch niemand hat einen berechtigten Anspruch, in einer Welt zu leben, in der alle dasselbe denken.“

Man muss das wohl mit Leo Strauss ‚political hedonism‘ nennen, der seit Hobbes am Untergang des gemeinschaftsorientierten Abendlandes arbeiten soll. Für mich heißt Hedonismus dagegen, dass man keine übergeordneten Maßstäbe mehr hat, dass man sich auch für solche, die so aussehen, selber entscheiden muss, und diese damit unvermeidlich relativiert. So darf man heute wohl von einer großen politischen, sozialen und philosophischen Auseinandersetzung sprechen: zwischen den Vertretern der Ordnung, der alten Weltbilder, Ideologien und Religionen und andererseits den liberalen Denkern des Chaos, des Ereignisses, die ob der Sachlage, dass dem Menschen Einsicht in einen kosmologischen oder ganzheitlichen Zusammenhang verwehrt ist, nicht mehr versuchen, einen solchen künstlich zu konstruieren, die sich vielmehr mit der beschränkten Reichweite ihres Wissen bescheiden.

Solches Denken, wie ich es in meinem Essay Politischer Liberalismus in der Postmoderne (Wilhelm Fink 2000) skizzierte, mag elitäre Züge annehmen, weil niemals alle dergleichen ausnützen können oder wollen, konzeptionell kann es sich jedoch nicht auf wenige beschränken. Der Anspruch auf Mündigkeit erreicht alle Menschen, wenn ich mit ihnen so umgehe, dass sie frei und für sich selbst verantwortlich sind. Sartre – das habe ich in meinem Essay Sartre – Philosophie als Lebensform (C.H. Beck 2005) erläutert – hat nach Max Weber die Verantwortung auf alle Menschen übertragen und damit diese originäre Form der Ethik des 20. Jahrhunderts beschleunigt:

„Insofern ergibt sich aus dem Nichtverstehen eine nichtelitaristische Ethik, die auf jeden Autoritarismus verzichtet … Die Ethik entbirgt sich als Macht, indem sie das Individuum entfaltet, was nur funktioniert, wenn allen solche Entfaltungsmöglichkeiten offen stehen.“

Sicher schließe ich hier an meine neomarxistische Vergangenheit aus den siebziger Jahren an. Während meines Studiums in Düsseldorf und in Erlangen las ich vor allem Theodor Adorno und Heinrich Heine. Bis heute sind mir sozialdemokratische und grüne Politiker einfach sympathischer als liberale oder konservative. Nichtverstehen weist zum Egalitarismus: Jeder andere ist anders. Aristokratischem dagegen begegnet man in der Boulevardpresse, geistig-moralischen Wendern im Puff.

Wenn man sich auf einem trudelnden Himmelskörper in einem abseitigen Winkel der Sternenwelt wiederfindet, auf Erdplatten, die auf Magmaseen schwimmen, wenn sich anzeigt, dass nichts auf dieser Welt stabil oder dauerhaft ist, schon gar nicht das Klima, dann mag man sich ja vielleicht gelegentlich in die Kindheit zurückwünschen, als behütende Eltern romantischen Unsinn über die Welt erzählten, vom Christkind, vom Osterhasen, vom lieben Gott. Aber nur weil man sich etwas wünscht, tritt das nicht ein – man denke an den Lottogewinn: Ich habe noch nie Lotto gespielt, sowenig wie ich mich für Fußball interessiere oder gerne etwas glaube. Alle diese großen Probleme gehen einen nicht unbedingt etwas an: Man muss sich nicht für Engel interessieren; nur für gelbe, wenn man alte Autos fährt. Deshalb miete ich heute lieber.

Ende der siebziger Jahre trieb ich von den Illusionen des Neomarxismus in Visionen des ökologischen Denkens. Vor Ende meiner Doktorarbeit über Kants und Hegels praktische Philosophie entwickelte ich einen ersten Entwurf, um die ökologische Herausforderung auf den philosophischen Begriff zu bringen.

Immer noch weigerte ich mich, einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, richtete mich lieber mit einem Volkshochschulkurs in der Nürnberger Alternativszene ein und begann das Schreiben über die Zerstörung der inneren wie der äußeren Natur. Vielleicht verdankt die Welt meine bis heute ca. 400 Publikationen nur jenem Zweitgutachter. Mit einer Summa hat man Kompetenz bewiesen und kann Geld verdienen gehen. Eine Rite treibt, noch dazu, wenn einen Sartresche Arroganz beseelt.

Meinem Düsseldorfer Lehrer Rudolf Heinz verdanke ich den Hinweis, dass Rationalisierungskonzepte im Anschluss an Max Weber und Jürgen Habermas doch eher antiquiert klingen, dass ich mal nach Frankreich schauen sollte, wobei mir zunächst nur Sartre einfiel. Doch schnell faszinierte mich die postmoderne Philosophie. So lernte ich die Orientierungslosigkeit des Individuums kennen, die sicher meine eigene bleibt. Wenn Gott tot ist, wenn es keine gemeinsamen obersten Werte mehr gibt – und unter Globalisierungsbedingungen wie in der EU wird das immer evidenter – dann sieht sich der einzelne einer übermenschlichen Herausforderung gegenüber, die bereits Nietzsche erkannte: Er muss trotz seiner Zerstreutheit sein Leben selbst gestalten und kann auf niemanden mehr die Verantwortung dafür abwälzen, eine Einsicht, die mich in jungen Jahren Sartre lehrte, der mich in die Philosophie zog und den ich erst in den letzten Jahren wieder als aktuell entdeckte.

So wurde ich ein seltsamer Ökologe, der einen positiven Naturbegriff ablehnte und statt dessen im Anschluss an Adorno und Heidegger über Negative Ökologie schrieb: Ökologie sagt, was man von Natur nicht weiß. Mein sicher fundiertestes Manuskript liegt seither in der Schublade und wird nicht mehr veröffentlicht werden, da ich seinen Pathos und die drängende Sorge um zerstörte Natur nicht mehr teile. Es war meine Habil-Schrift, es sollte sie werden. Doch die schlechte Promotionsnote erregte in der Fakultät jahrelangen Widerstand. Um diesen auszuhebeln, reichte ich einen anderen Text über Ethik ein, der biederer klang, der mich aber von der ökologischen zur postmodernen Ethik abbrachte.

Diese habe ich heute längst in eine hedonistische transformiert. Nach Auschwitz weiß man, dass man auf dem Vulkan lebt, auf dem das Individuum tanzen muss, natürlich nicht allein, sondern immer mit anderen, nicht unter den Blicken eines gestrengen Vaters, sondern nach Sigmund Freuds Vatermord, der Familie, Volk und Vaterland auflässt.

„Die Norm, dass sich Auschwitz nicht wiederholen dürfe, ist genau deshalb richtig, weil sie sich nicht realisieren lässt und weil sie der Lust des Augenblicks am schärfsten widerstreitet. Würde man aber diesen Imperativ als eine Art Grundprinzip verstehen, operierte man ethisch letztlich mit Carl Schmitts Ausnahmezustand. Beugte man sich ihm, verliehe man den Schlächtern eine ewige Macht über das Denken. Man kann nicht gegen Auschwitz denken, wenn man in seinem Bann denkt.“

Zu einem solchen Tanz auf dem Vulkan braucht man natürlich jede Menge Rotwein und andere Drogen, wobei ich gestehen muss, mich an harte nie herangewagt zu haben. Dass sich hier die Konfliktlinie zwischen einer hedonistischen Ethik und allem gemeinschaftsdominierten Denken eröffnet, das sieht man natürlich an den Kampagnen gegen das Rauchen. Sartre hat unablässig geraucht, Hannah Arendt auch. Vielleicht beschäftige ich mich momentan mit diesen Denkern, weil sie sich in jeder Hinsicht den Üblichkeiten, dem Biederen und Braven entzogen, beide aber das Leben feierten. Wahrscheinlich ist das mit Norbert Bolz jedoch längst im Normalen aufgegangen; wenn nicht alle, so tun das heute viele. Es wird sich nicht vermeiden lassen, was mir mein Philosophen- und Dichterfreund Reinhard Knodt vor vielen Jahren sagte: Wenn einer von uns beiden plötzlich stirbt, bewundern die Verwandten die Bibliothek und bemerken dazu: „Er war ein richtiger kleiner Gelehrter.“

Schindlbeck – Ethik und Verständigung. Habermas‘ falsch verstandener Kant

Ethik und Verständigung

Jürgen Habermas und sein (falsch verstandener) Kant

von Bernhard Schindlbeck

„Max: das Unbedingte. Es gibt nichts anderes!“ (Theodor W. Adorno, Brief an Max Horkheimer 20.10.1952)

I.

Es gibt also in der Auseinandersetzung um Argumente gar keinen „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“. Diese so schön und friedlich klingende Floskel, um nicht zu sagen: Leerformel, suggeriert nur, dass das Miteinandersprechen (die Sprache) grundsätzlich andere Arten der Auseinandersetzung, etwa die physische (Gewalt), ersetzen würde. Und man fällt gerne auf diese Suggestion herein, besonders dann, wenn sie auch noch den Aufkleber „Vernunft“ bekommt. Denn „vernünftig“ sein will jeder. Vernunft (was immer man darunter versteht) nimmt jeder gerne für sich in Anspruch.

Blickt man etwas genauer auf den Politikbetrieb, findet man kein Beispiel für diesen „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“. Oder soll man das „bessere“ Argument daran erkennen, was sich „durchsetzt“? Das hieße: Wenn in Deutschland eine Partei für ein Tempolimit auf Autobahnen und eine andere Partei dagegen argumentiert, dann hat sich (jedenfalls bisher) die Partei mit dem Argument gegen das Tempolimit durchgesetzt. Wenn sich aber die Güte des Arguments nicht an der faktischen Durchsetzung ablesen lässt, woran dann? Muss die Feststellung, welches Argument das bessere ist, dann etwa auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben werden?

Zwar leitet sich das Wort Parlament aus dem Französischen parler (sprechen) ab. Und in der Tat wird in Parlamenten sehr viel gesprochen. Aber dass in der Politik der parlamentarischen Demokratie die gegensätzlichen Parteien einander durch Sprechen „überzeugen“, ist nur ein überaus gern gepflegter Mythos. (Ein noch schlimmerer Mythos ist die Annahme, es ginge, wie Habermas unermüdlich wiederholt, um Deliberation.) In den Gesprächen (vor allem jenen hinter den Kulissen und verschlossenen Türen) werden Kompromisse geschlossen und Kuhhandel getrieben. Partei A macht bei dem von Partei B geplanten Vorhaben mit, wofür Partei B bei einem Vorschlag von Partei A zustimmen muss. Daran wäre gar nichts auszusetzen, wenn es nicht als ein „Austausch von Argumenten“ und ein „Überzeugen“ ausgegeben würde. Der naive Bürger glaubt so etwas gern, weil es eine Kuschelform des Konflikts darstellt; und richtigen Streit mag der brave Staatsbürger nicht. In politischen Kommentaren heißt es meist, es werde um eine Lösung „gerungen“. Das kann dann alles Mögliche bedeuten, bis hin zum Einsatz von Versprechen, Vergünstigungen, Drohungen, auch Erpressung. Wenn erst das Ergebnis auf dem Tisch liegt, kann man wieder sagen, hier habe sich der “zwanglose Zwang des besseren Arguments“ durchgesetzt. Wie schön, sagen dann alle, wie vernünftig. Denn es geht doch um „unser aller Wohl“ und das „große gemeinsame Ganze“, dem die Vernunft, die Deliberation, das Abwägen der Argumente (zumindest in der Theorie) dienen. Mit Floskeln wie dem „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ lässt sich eine dubiose Realität erfolgreich schönreden.

Sich darüber empören kann man nur, wenn man vergisst oder nicht bedenkt, dass Beratungsfirmen aller Art auch in der Politik und der Wirtschaft (für diese oder jene oder wieder eine andere Seite) tätig sind und ihren Kunden „Argumente“ liefern, die im öffentlichen Diskurs eine Rolle spielen sollen, also im Dienstleistungssektor längst zu Waren geworden sind. Argumente kann man kaufen.

II.

Hinter der „praktischen Vernunft“, die dem „einzelnen Aktor zugeschrieben“ werde, steht natürlich die Ethik Immanuel Kants, die Habermas durch „kommunikative Vernunft“ überwinden und ablösen zu müssen meint, da sie – wie noch zu sehen sein wird und wie er immer wieder behauptet – angeblich „monologisch“, „monadisch“ oder gar „solipsistisch“ sei.

Habermas trimmt alles möglichst auf Verständigung. Wenn der Folterer seinem Opfer Informationen oder ein Geständnis abpresst, wenn in manchen US-Bundesstaaten der Henker dem Delinquenten befielt, sich unter den Galgen zu stellen oder die Gaskammer zu betreten, dann findet dabei eben Kommunikation und Verständigung statt. Man kann es sogar unter „Kooperation“ subsumieren.

III.

Man könnte nun zusammenfassen, dass es sich in der Auseinandersetzung Hegels und Habermas‘ mit diesem Aspekt von Kants Ethik offenbar nur um ein offenkundiges Missverständnis dergestalt handelt, dass sie irrtümlich glauben, der kategorische Imperativ sei dazu da, Handlungsnormen zu erzeugen, und dieses Missverständnis sei nun geklärt. Die Sache ist aber interessanter.

In der Kritik der praktischen Vernunft dient das Depositum (Eigentum) nur als plausibles Beispiel zur Veranschaulichung der internen Logik des kategorischen Imperativs. Hegels Lakonismus, was denn so schlimm wäre, wenn es kein Eigentum gäbe, kann man (etwa als Kommunist) zustimmen, oder man kann ihn (als Konservativer, Liberaler oder mit sonstiger politischer Intention) als naiv und unreflektiert zurückweisen.

Man kann ihn aber auch für philosophische Zwecke zum Anlass nehmen, darauf hinzuweisen, dass Hegel Kants weiteres Beispiel aus der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (nämlich das oben erwähnte lügenhafte Versprechen) offenbar nicht kannte, denn bei diesem Beispiel ist sein Einwand, wie er ihn im Naturrechtsaufsatz vorbringt, aus logischen Gründen nicht möglich.

Beim Depositum-Beispiel, das ein kategorisches Diebstahlverbot illustriert, hat der Imperativ („Du sollst nicht stehlen.“) eine soziale Institution zur Voraussetzung, nämlich die Existenz von Eigentum. Dieser Imperativ ist also nur in Gesellschaften formulierbar, die Privateigentum kennen. Die Frage, ob Privateigentum wirklich eine transzendentale Kategorie im Sinne Kants und eine notwendige Bedingung für Freiheit ist, kann hier dahingestellt bleiben. (Nur am Rande sei angemerkt: sie ist es nicht.) Wichtig ist nur, dass der Imperativ auf der Gegebenheit einer Voraussetzung aufruht, während das Verbot des lügenhaften Versprechens (bzw. das Lügenverbot) ohne jede Voraussetzung gilt und Hegels Einwand hier also hinfällig ist.

Kant geht es im kategorischen Imperativ darum, ob sich eine Maxime bei Verallgemeinerung selbst „zerstört“, sodass die Handlung (beispielhaft die Lüge oder der Diebstahl) gar nicht mehr möglich ist – oder nicht. Wenn das allgemeine Gesetz heißt, dass man beim Versprechen den anderen belügen soll (d.h. die Absicht haben soll, das Versprechen nicht zu halten), dann ist ein Versprechen (auch ein lügenhaftes Versprechen) rein logisch nicht mehr möglich. Die Verallgemeinerung einer Handlungsmaxime in ein allgemeines gesetzmäßiges Gebot zu stehlen, würde, so Hegel, das Eigentum unmöglich machen, was er unproblematisch findet. Aber diese Argumentation funktioniert nicht beim Beispiel des Lügenverbots aus der Grundlegung. Wahrhaftigkeit hat nämlich keine soziale institutionalisierte Voraussetzung, wie sie das Eigentum hat. Zwar kann man sagen: Wenn es kein Eigentum gäbe, wäre das nicht problematisch. Aber man kann nicht sagen: Wenn es keine Aufrichtigkeit gäbe, wäre das doch nicht problematisch. Ein Gebot zu lügen kann eben nicht „als ein absolutes Sittengesetz ausgesprochen werden“. Das Gebot der Aufrichtigkeit (Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit) hat – anders als das Gebot, nicht zu stehlen – keine institutionalisierte soziale Voraussetzung. Es besteht hier also ein struktureller (und damit kategorialer) Unterschied. Stehlen kann man nur unter der Voraussetzung, dass es Eigentum gibt. Das Lügenverbot, anders gesagt: das unbedingte Gebot der Aufrichtigkeit besteht voraussetzungslos.

Zweifellos bietet also die Grundlegung das bessere und überzeugendere Beispiel zur Veranschaulichung des kategorischen Imperativs. Gleichzeitig wird in der Gegenüberstellung von Depositum und Lüge aber auch klar, dass man bei Maximen unterscheiden muss zwischen solchen, die (möglicherweise unausgesprochene oder unerkannte) sozial-institutionelle Voraussetzungen, d.h. Bedingungen enthalten, und anderen, die selbst völlig voraussetzungs- und bedingungslos, d.h. unbedingt gelten. Es gibt keine andere Handlungsweise, die so voraussetzungslos und so direkt mit der Ursprungsformulierung des kategorischen Imperativs begründet ist, wie aufrichtige Kommunikation. Auch die Diskursethik von Apel und Habermas fordert grundsätzlich Aufrichtigkeit in der Kommunikation, aber bei ihnen bleibt die Forderung unbegründet.

IV.

Man kann, was Kant in der Grundlegung aufweist, als Lügenverbot ausdrücken oder als Betrugsverbot (die Lüge ist ja immer eine Form des Betrugs, nicht nur eine bloße Nichtübereinstimmung von res und intellectus in der Aussage, sondern primär die Absicht, jemanden mit einer Aussage zu hintergehen); das damit kenntlich gemachte Phänomen ist unverkennbar die unmittelbare, allen weiteren sozialen Konstellationen zugrunde liegende interpersonale Beziehung, die hier als das von aller Ethik gemeinte Grundparadigma zutage tritt.

Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die Ethik, insofern sich damit offensichtlich eine Hierarchie von Normen andeutet: es gibt Gebote und Verbote, die möglicherweise anderen vorgeordnet sind. Zumindest eine Norm ist als die bedeutendste ausgewiesen: das Gebot der Aufrichtigkeit ist nicht eine Option neben der Lüge, sondern sie ist die Handlungsweise, von welcher die Lüge, die stets nur als Negation der Ehrlichkeit auftreten kann, parasitär zehrt. Lügen kann man nur, weil es verboten ist. (Dies ist ein einfacher logischer Zusammenhang, den manche Soziologen und Psychologen, die aus Statistiken über die empirische Häufigkeit von Lügen auf deren angebliche soziale Notwendigkeit schließen, gerne übersehen.)

V.

Missverstanden wird der kategorische Imperativ häufig, weil (a) der logische Mechanismus der „Selbstzerstörung“ der Maxime nicht gesehen wird, weil (b) Kants Formulierung „wollen können“ nicht als logisches Können, sondern als wünschen, gutheißen etc. verstanden wird, und weil (c) die Maxime (das Handlungsprinzip des Individuums) intentionalistisch interpretiert wird als Absicht, Wunsch, Begehren oder Interesse.

Wenn dieselbe Sprache sowohl in der Lebenswelt (mit ihrer kommunikativen Vernunft) als auch in den zweckrationalen Systemzusammenhängen (mit ihrer instrumentellen Vernunft) in Erscheinung tritt, dann wird es schwer, beide in der (in beiden Welten stattfindenden) konkreten Lebenspraxis voneinander zu trennen. In welche von beiden gehört das Wartezimmer in der Arztpraxis, das Klassenzimmer in der Schule, die Zelle in der Justizvollzugsanstalt, die Kantine in der Fabrik, die Mensa in der Universität?

Vor eine ähnliche Frage sieht sich auch Kants „praktischer Imperativ“ (die Selbstzweckformel des kategorischen Imperativs) gestellt. Die Forderung „Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst“ ist nur auf den ersten Blick völlig überzeugend. Allerdings tut sich die Frage auf, wo genau in der realen Lebenspraxis die Grenzlinie zwischen „jederzeit zugleich“ und „niemals bloß“ gezogen werden muss. Anerkennt der kapitalistische Arbeitgeber seinen Beschäftigten als Zweck an sich selbst, indem er diesem im Krankheitsfall den Lohn eine bestimmte Zeit lang weiter bezahlt? Oder tut er dies nur aus zweckrationalen Überlegungen, weil er den Arbeiter danach weiter als Mittel gebrauchen will? Die Grenze kann nicht definiert und gezogen werden. Auch nicht zwischen System und Lebenswelt.

VI.

Habermas hat Kants kategorischen Imperativ, dessen Zweck und interne Logik so wenig verstanden wie Hegel. Manche seiner Umformulierungen und Behauptungen über Kant sind aber beinahe absurd. Das liegt daran, dass er im kategorischen Imperativ den Begriff der Maxime (die einer Handlung zugrunde liegt) irrtümlich als Absicht, Motiv, Wunsch oder Interesse einer Person (also intentionalistisch in einem voluntaristischen Sinn) versteht. Damit versteht er auch nicht die innere Logik des kategorischen Imperativs, aus der hervorgeht, ob die Maxime verallgemeinerbar ist oder nicht. Wie gesagt: Kant geht es nur darum, ob eine Maxime bei Verallgemeinerung sich selbst „zerstört“, sodass die Handlung (beispielhaft die Lüge oder der Diebstahl) gar nicht mehr möglich ist – oder ob sie sich nicht zerstört, sodass die Handlung erlaubt ist. Für diese rein logische Prüfung bedarf es einer Kommunikation mit anderen so wenig wie bei dem einfachen Syllogismus „Wenn a größer b und gleichzeitig b größer c, dann ist a größer als c“. Man muss nicht mit anderen sprechen, um zur korrekten Schlussfolgerung zu gelangen.

Aber wie viele andere Kant-Interpreten glaubt Habermas, es gehe um eine Prüfung, ob der Wunsch oder das Interesse der konkreten Person für alle wünschenswert sei. Deshalb wirft er Kant vor, dass sein Moralprinzip monadisch, monologisch oder solipsistisch sei, während doch über die Verallgemeinerung kollektiv gesprochen und verhandelt werden müsse.

Somit meint er, Kants Moralprinzip zu einem Diskursverfahren „reformulieren“ zu müssen. Und er verwechselt (mögliche) Verallgemeinerbarkeit mit (faktischer) Verallgemeinerung. Er glaubt auch, dass der kategorische Imperativ – der ja nur ein Prüfverfahren über die Erlaubtheit einer Handlung ist – ein Gebot erzeuge, das dann für alle gelte.

Den Beginn der „Detranszendentalisierung“ erkennt er vor allem in Hegels Jenaer Phase, in der Sprache, Arbeit und Interaktion (Anerkennung) für Hegel die entscheidende Rolle spielen, und die er schon 1967 im Aufsatz Arbeit und Interaktion. Bemerkungen zu Hegels Jenenser Philosophie des Geistes ausführlich thematisiert hatte. In diesen „Medien“, glaubt Habermas, verorte Hegel das Subjekt ohne Rekurs auf Absolutheit, Unbedingtheit und Noumenalität in den konkreten sozialen Kontexten, in denen die „gemeinsame gültige Praxis“ einer „geteilten Lebensform“ immer schon am Walten sei. Für Hegel war die antike Polis das Muster der durch den „Volksgeist“ etablierten konkreten „Sittlichkeit“ in Gemeinschaft oder Staat (mit der er Kants Ethik ersetzen wollte), und wie Hegel blendet auch Habermas die repressiven Seiten dieser „Sittlichkeit“ aus, etwa wenn er sich blind für Kolonialismus und Sklaverei, für ökonomische Ausbeutung und politische Repression als Bedingung der Möglichkeit der modernen Gesellschaft zeigt. (Wer wissen will, wie sich Hegels „konkrete Sittlichkeit“ im 20. Jahrhundert im ländlichen Raum zeigt, muss nur Peter Fleischmanns Film Jagdszenen aus Niederbayern von 1969 ansehen.)

VII.

Wie so viele sieht auch Habermas nicht, dass es Kant in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten und in der Kritik der praktischen Vernunft nicht um Moral, sondern um die Erklärung von Ethik als Bedingung der Möglichkeit für Normativität (die sich in Recht und Moral konkret, aber kontingent und bislang immer repressiv ausbuchstabiert) geht. Erst in der Metaphysik der Sitten mit der Rechtslehre und der Tugendlehre (zwölf Jahre nach der Grundlegung) entwickelt Kant konkrete Normen des Rechts sowie der Moral. Dass viele davon mehr als dubios sind, wurde bereits erwähnt. In der Ethik weist Kant nach, wie Freiheit – die in der dritten Antinomie der Kritik der reinen Vernunft nur als Möglichkeit ausgewiesen wurde – gedacht werden muss, nämlich als Autonomie und worin diese besteht: in der Selbstgesetzgebung des Subjekts, die in der Orientierung an dem „kategorischer Imperativ“ genannten Sittengesetz besteht.

Es bedarf dazu keines Diskurses und keiner Verhandlungen über eine „kooperative Durchführung einer jeweiligen Argumentation“. Habermas versteht auch den strengen Sinn von Autonomie nicht, den diese bei Kant hat. Er verwendet Wörter, die auch Kant verwendet (Maxime, Verallgemeinerung, Gesetz, Autonomie), aber er meint mit ihnen nicht das, was Kant damit meint. Was Autonomie im empirischen Sinn bedeuten kann, ist entweder fraglich, oder es führt in einen beliebigen Voluntarismus. Dass jedoch Sprache als solche nicht zu leisten im Stande ist, was Habermas ihr zumutet, dass auch Kriegserklärungen unter sprachlicher Verständigung rubriziert werden können, dass der Sprache kein ethisches Apriori, auch kein Wahrhaftigkeitsgebot inhärent ist, wird sofort klar, wenn man sich vergegenwärtigt, inwiefern Habermas Kants transzendentalphilosophische Errungenschaft auf einer (nachmetaphysisch genannten) empirischen Ebene stattfinden lassen will. Das vermeintliche monologische Element Kants ersetzt er dabei durch das Gespräch, in dem sich die Teilnehmer auf gemeinsame Normen einigen. Aber dafür bräuchte er den gesamten Kantischen Apparat überhaupt nicht. (Auch Karl-Otto Apel hat nur eine Umbenennung von „transzendentalphilosophisch“ in „transzendentalpragmatisch“ vorgenommen und dabei der „Kommunikationsgemeinschaft“ ein Apriori unterstellt, das von Kant geborgt war.) Aber die Sprache enttäuscht. Wie Wittgenstein erklärte, sind unsere „Sprachspiele“ mit bestimmten „Lebensformen“ verwoben, und letztere sind immer auch durch Entfremdung, Ausbeutung, Streben nach sinnlosem Reichtum und strukturelle oder manifeste Gewalt charakterisiert. Die Sprache kann dies nur beschreiben – und Alternativen, d.h. Befreiung fordern. Aber letzteres ist kein kommunikatives Apriori.

VIII.

  1. Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Erster Band, Frankfurt/Main 1988, 52 f. ↩︎
  2. Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne, Frankfurt/Main 1989, 291. ↩︎
  3. Jürgen Habermas, Einen unbedingten Sinn zu retten ohne Gott, ist eitel. Reflexionen über einen Satz von Max Horkheimer. In: Matthias Lutz-Bachmann und Gunzelin Schmid-Noerr (Hg), Kritischer Materialismus. Zur Diskussion eines Materialismus der Praxis, München 1991, 125-142, hier 139 f. ↩︎
  4. Jürgen Habermas, Kommunikatives Handeln und detranszendentalisierte Vernunft, Stuttgart 2001, 13. ↩︎
  5. Alex Buri, Hilary Putnam, Frankfurt u. New York 1994, 10. ↩︎
  6. Hans Albert, Traktat über kritische Vernunft, Tübingen 1975, 11 f. ↩︎
  7. Jürgen Habermas, Erläuterungen zur Diskursethik, Frankfurt/Main, 1991, 185-198; hier 195; vergl. Auch: Jürgen Habermas, Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln, Frankfurt/Main, 1983, 105-108. ↩︎
  8. t-online.de/finanzen/aktuelles/wirtschaft/id_101213062/katherina-reiche-ministerium-bestellt-wohl-lobby-argumente-fuer-kraftwerke.html (15.04.2026) ↩︎
  9. spiegel.de/wirtschaft/katherina-reiches-ministerium-bat-enbw-um-argumente-fuer-gaskraftwerke-a-1ce69ada-8eff-444b-a7f9-4eaf4d6e5447 (15.04.2026) ↩︎
  10. Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Erster Band, 187. ↩︎
  11. Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt/Main 1992, 17 f. ↩︎
  12. Jan Philipp Reemtsma, Gewalt und Vertrauen. Grundzüge einer Theorie der Gewalt in der Moderne. In: ders., Gewalt als Lebensform. Zwei Reden, Stuttgart 2016, 29-62, hier 51 und 48. ↩︎
  13. G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Werke (hg. von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel) Band 3, Frankfurt/Main 1977, 148 f. ↩︎
  14. Jürgen Habermas, Wahrheit und Rechtfertigung, Frankfurt/Main 2004, 211. ↩︎
  15. Jürgen Habermas, Erläuterungen zur Diskursethik, Frankfurt/Main 1991, 9-30. ↩︎
  16. Habermas‘ eigenes Fazit ist eine eher moderierend-unverbindliche Stellungnahme: „Zusammenfassend läßt sich sagen, daß sich Hegels Einwände weniger gegen die reformulierte Kantische Ethik selber richten als vielmehr gegen einige, auch von der Diskursethik nicht auf Anhieb gelöste Folgeprobleme …“; a.a.O., 28. ↩︎
  17. G. W. F. Hegel, Über die wissenschaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts, seine Stelle in der praktischen Philosophie und sein Verhältnis zu den positiven Rechtswissenschaften, in: ders., Werke (hg. von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel) Band 2, Frankfurt/Main 1986, 462. ↩︎
  18. ebd., 461. ↩︎
  19. Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, AA, 421. ↩︎
  20. ebd., 403. ↩︎
  21. Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, AA, 27. ↩︎
  22. Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, A 445 / B 478. ↩︎
  23. Immanuel Kant, Grundlegung, a.a.O., 421. ↩︎
  24. ebd., 429. ↩︎
  25. ebd., 428. ↩︎
  26. Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen (1932), Berlin 1991, 55. ↩︎
  27. Markus Gabriel, Moralische Tatsachen. Warum sie existieren und wie wir sie erkennen können, München 2025, 10. ↩︎
  28. Georg Geismann, Kant und kein Ende. Band 1: Studien zur Moral-, Religions- und Geschichtsphilosophie, Würzburg 2009, 197-206. ↩︎
  29. Hegel, a.a.O., 461. ↩︎
  30. Hegel, a.a.O., 462. ↩︎
  31. ebd.; Hegel übernimmt hier den Wortlaut „indem ein solches Prinzip als Gesetz sich selbst vernichten würde“
    aus der Kritik der praktischen Vernunft (§ 4, Anmerkung). ↩︎
  32. Auf die Frage, inwieweit diese Begründung als gelungen zu betrachten ist oder nicht, kann hier nicht eingegangen werden. Vgl. dazu etwa Manfred Brocker, Kants Besitzlehre. Zur Problematik einer transzendentalphilosophischen Eigentumslehre, Würzburg 1987; Wolfgang Kersting, Recht, Gerechtigkeit und demokratische Tugend. Abhandlungen zur praktischen Philosophie der Gegenwart, Frankfurt/Main 1997; Rainer Friedrich, Eigentum und Staatsbegründung in Kants Metaphysik der Sitten, Berlin u. New York 2004; Peter Unruh, Die vernunftrechtliche Eigentumsbegründung bei Kant. In: Andreas Eckl und Bern Ludwig (Hg), Was ist Eigentum? Philosophische Positionen von Platon bis Habermas, München 2005, 133-147. ↩︎
  33. Immanuel Kant, Grundlegung, a.a.O., 421. ↩︎
  34. Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, Werkausgabe Band VIII, hg. von Wilhelm Weischedel, Frankfurt/Main 1989, 331. ↩︎
  35. Immanuel Kant, Grundlegung, a.a.O., 421. ↩︎
  36. Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, a.a.O., 453. ↩︎
  37. ebd., 345. ↩︎
  38. ebd., 433. ↩︎
  39. Ein häufiges (weiter unten erklärtes) Missverständnis besteht darin, dass die Verallgemeinerbarkeit (das „Wollen können“ der Verallgemeinerung) nicht logisch verstanden wird, sondern von den zeitlichen Folgen her. Dann sagt man: Wenn jedermann mordet, gibt es bald niemanden mehr, den man ermorden könnte; und dann ist das Morden nicht mehr möglich. ↩︎
  40. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (1947), Frankfurt/Main 1971, 107. ↩︎
  41. Jürgen Habermas, Einen unbedingten Sinn zu retten ohne Gott, ist eitel. Reflexionen über einen Satz von Max Horkheimer. In: Matthias Lutz-Bachmann u. Gunzelin Schmid Noerr (Hg), Kritischer Materialismus. Zur Diskussion eines Materialismus der Praxis, München 1991, 125-142, hier 126. ↩︎
  42. Jürgen Habermas, Wahrheit und Rechtfertigung, 11. ↩︎
  43. Jürgen Habermas, Arbeit und Interaktion. Bemerkungen zu Hegels Jenenser Philosophie des Geistes. In: ders., Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘, Frankfurt/Main 1968, 9-47. ↩︎
  44. ethikos 11. Arbeitsbuch für den Ethikunterricht in der Oberstufe, München 2009, 62. ↩︎
  45. Kant für Anfänger. Der kategorische Imperativ. Eine Lese-Einführung von Ralf Ludwig, München 1995, 74. ↩︎
  46. Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt/Main 1992, 18. ↩︎
  47. Jürgen Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze, Frankfurt/Main 2009, 52. ↩︎
  48. Reinhard Brandt, Immanuel Kant – Was bleibt?, Hamburg 2010, 90. ↩︎
  49. Jürgen Habermas, Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politischen Theorie, Frankfurt/Main 1997, 65. ↩︎
  50. ebd. ↩︎
  51. Jürgen Habermas, Erläuterungen zur Diskursethik, a.a.O., 145. ↩︎
  52. Thomas McCarthy, Kritik der Verständigungsverhältnisse, Frankfurt/Main 1980, 371; zit. nach: Jürgen Habermas, Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, Frankfurt/Main 1983, 77. ↩︎
  53. Jürgen Habermas, Erläuterungen zur Diskursethik, a.a.O., 145. ↩︎
  54. Jürgen Habermas, Wahrheit und Rechtfertigung, Frankfurt/Main 2004, 186. ↩︎
  55. ebd. ↩︎
  56. Jürgen Habermas, Arbeit und Interaktion, 21. ↩︎
  57. ebd. (Kant-Zitat, Grundlegung, AA, 447) ↩︎
  58. Immanuel Kant, Grundlegung, AA, 39. ↩︎
  59. Jürgen Habermas, Wahrheit und Rechtfertigung, 186, a.a.O., 196 und öfter. ↩︎
  60. Ernst Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation. In: ders., Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Frankfurt/Main 1991, 92-114, hier 112. ↩︎
  61. Carl Schmitt, Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität (2. Aufl. 1934), Berlin 1990, 49. ↩︎
  62. Jürgen Habermas, Einen unbedingten Sinn zu retten ohne Gott, ist eitel. Reflexionen über einen Satz von Max Horkheimer, a.a.O., 139. ↩︎
  63. ebd. ↩︎
  64. Jürgen Habermas, Vorpolitische Grundlagen des demokratischen Rechtsstaates? In: ders., Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt/Main 2005, 106-118, hier 118. ↩︎
  65. Michael Roseneck, Annette Langner-Pitschmann, Tobias Müller (Hg), Den Diskurs bestreiten. Religion im Spannungsfeld zwischen Erfahrung und Begriff, Baden-Baden 2025. ↩︎
  66. Christian Geyer, Wie niedrig soll die Schwelle sein?, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.11.2025, 9. ↩︎
  67. Emmanuel Lévinas, Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität (1961), München 2002; ders., Die Spur des Anderen, Freiburg/München 1983. Auch Sartres Analysen zum Blick und Erblickt-werden in Das Sein und das Nichts (Reinbek/Hamburg 1962, 338-397) bieten Ansätze in dieser Richtung. ↩︎
  68. Emmanuel Lévinas, Totalität und Unendlichkeit, a.a.O., 285. ↩︎
  69. Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, In: MEW 1, 385. ↩︎
  70. Emmanuel Lévinas, Totalität und Unendlichkeit, a.a.O., 286. ↩︎

Garnreiter – System Change oder Klimakollaps

Franz Garnreiter

System Change oder Klimakollaps

Über die Verantwortungslosigkeit kapitalistischer Gesellschaften

Tb., 267 Seiten, 25.- €

München 2026 (oekom-Verlag)

von Fritz Reheis

Vieles ist inzwischen weithin unstrittig: dass sich das Klima seit mindestens fünfzig Jahren dramatisch ändert, dass die Hauptleidtragenden am wenigsten zu dieser Veränderung beitragen, und dass die globale Lage erdgeschichtlich einzigartig und für das Überleben der Zivilisation oder gar der Spezies wirklich ernst ist. Strittig ist allerdings, was daraus praktisch folgt. Klimaschutz müsse sich rentieren, heißt es bei jenen, die in der Marktideologie gefangen sind. Das aber gehe nur, wenn das Wachstum der Wirtschaft „grün“ umgelenkt werde. Ohne Wachstum könne es keinen Klimaschutz geben.

Das hält Franz Garnreiter, Volkswirtschaftswissenschaftler mit Schwerpunkt Energiewirtschaft und langjähriger Mitarbeiter des Münchner „Instituts für sozialökologische Wirtschaftsforschung“, für eine Sackgasse mit verheerenden Konsequenzen. Aus ihr will er die Leserin und den Leser herausführen, das jedoch eine gründliche Analyse der Sachlage erfordere. Im ersten Abschnitt belegt sein soeben erschienenes Buch „System Change oder Klimakollaps“, dass der drohende Klimakollaps nicht einfach, wie oft behauptet, die Folge des technischen Fortschritts oder der menschlichen Gier, sondern letztlich des kapitalistischen Raubbaus ist. Ohne ihn würde es einerseits die herrschende Form der Verschwendung fossiler Energieträger, andererseits die sich global ausbreitende menschliche Rücksichtslosigkeit sowohl gegenüber den natürlichen Lebensgrundlagen als auch den Grundbedürfnissen von Mitmenschen nicht geben. Der zweite Abschnitt des Buches begründet, warum das beschriebene Problem nicht durch dieselben Instrumente gelöst werden kann, die es verursacht haben. Der vor dem Hintergrund der Marktlogik naheliegende Versuch, den Treibhausgasen einen Preis zu geben und den Markt entscheiden zu lassen, wieviel Klimaschutz sich rentiere, verschärfe nicht nur die ökologische, sondern auch die soziale Krise. Im dritten Abschnitt spitzt Garnreiter die Alternative zu, die sich für die heute lebenden Generationen – vielleicht ein letztes Mal in der Geschichte der Menschheit – stelle: „Das Ende einer lebenswerten Welt oder das Ende der Ausbeutung von Mensch und Natur“.

In diesem dritten Abschnitt wägt der Autor die Zukunftschancen ab. Einerseits zeigt er, dass eine andere Welt nötig und möglich sei. Möglich allerdings nur dann, wenn wir uns aus dem Gefängnis der Marktideologie befreien und die längst bekannten demokratischen Instrumente endlich einsetzen: die Begrenzung des energieintensiven Luxuskonsums durch radikale Umverteilung, den Umbau der Wirtschaft durch Reduktion der konsum- und wachstumstreibenden Sektoren (angefangen mit Werbung, geplanter Obsoleszenz, überdimensionierter Finanzwirtschaft und überbordendem Außenhandel mit seinen klimaschädlichen Transporten). Ein weiteres Instrument sei die Kommunalisierung und Demokratisierung all jener Wirtschaftsbereiche, die für die Daseinsvorsorge fundamental sind, allen voran die Energiewirtschaft. Gerade dieses Instrument lege nahe, Artikel 15 des Grundgesetzes (Vergesellschaftung) mutig anzuwenden. Andererseits verweist der Autor mit großer Sorge auf die zunehmende globale Blockbildung und die Militarisierung, die den Klimaschutz blockieren.

Philosophisch ist vor allem das Kapitel „Von der Ideologie des optimalen Gleichgewichts zur Realität der sozialen und ökologischen Zerstörung“ im zweiten Abschnitt interessant. Garnreiter analysiert in ideologiekritischer Absicht die Anatomie des methodologischen Individualismus sowie dessen Modellplatonismus, der aus wirklichkeitsfremden Annahmen eine ökonomische Idealwelt konstruiert. Auf dieser Grundlage erörtert Garnreiter wichtige anthropologische, wirtschaftsphilosophische, sozialethische und politökonomische Implikationen dieser Konstruktion. Dazu gehöre insbesondere die systematische Förderung von Egozentrismus, Rücksichtslosigkeit, Rechtstendenzen und Militarismus.

Das Fazit: Entgegen allen Freiheits- und Pluralitätsbeschwörungen handle es sich bei der herrschenden Wirtschaftsordnung um eine „totalitäre Marktwirtschaft“. Eine „neue Wirtschaftsordnung“, die auf Solidarität, Kooperation und demokratischen Verfahren beruhe, sei unabdingbar (198 f.). Im Schlusskapitel über den Zusammenhang von Militarisierung und Klimakollaps erkennt Garnreiter eine „perverse Rückkopplung“: „Je mehr Ressourcen in Rüstung und Krieg gesteckt werden, desto knapper werden diese Ressourcen, und je knapper sie werden, desto unausweichlicher erscheint es, noch mehr Ressourcen dem Militär und dem Krieg opfern zu müssen, um die verbleibenden Ressourcen für sich zu reservieren, gegen die anderen“ (249).

Das Buch ragt aus der Vielzahl der Veröffentlichungen zum Klimathema dreifach heraus: Erstens gibt es einen detaillierten Überblick über relevante klima- und wirtschaftswissenschaftliche Studien und präsentiert die Datenlage in meist selbsterklärenden Grafiken. Es rekonstruiert zweitens die Irrwege der Marktideologie; denn „wer in einer Welt begrenzter Ressourcen“, so der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Boulding, „an exponentielles Wachstum glaubt, ist entweder verrückt oder Wirtschaftswissenschaftler.“ Und drittens lockert der Autor den Text durch eingestreute kurze Zitate aus der Debatte über Klima und Wirtschaft, die teils eine entlarvende Ehrlichkeit, teils einen erschreckenden Zynismus offenbaren. Pflichtlektüre für einen Klimadiskurs, der auf der Höhe der Zeit sein will.

Ram Adhar Mall – Wanderjahre zwischen Asien und Europa

Ram Adhar Mall: Philosophische Lehr- und Wanderjahre zwischen Asien und Europa

Studium, Werdegang und Interessensgebiete

Gerne komme ich der Einladung des „Widerspruch“ nach, das eigene philosophische Anliegen vorzustellen, obwohl ich mir des zwiespältigen Verhältnisses einer Selbsthermeneutik bewusst bin.

Seit 1998 bin ich Lehrbeauftragter der Universität München und halte Lehrveranstaltungen hauptsächlich auf dem Gebiet der interkulturellen Philosophie und Hermeneutik. Während meines Philosophiestudiums an der heimatlichen Universität Kalkutta beschäftigte ich mich besonders mit den Werken von Hume, Kant, James und Husserl. Durch meine Lehrer R. B. Das, den bekannten Kantianer, und den weltbekannten Phänomenologen J. N. Mohanty wurde ich in die Grundgedanken Kants und Husserls eingeführt.

Nach dem Abschluss meines Magisterstudiums in Kalkutta kam ich anfangs der 60er Jahre nach Deutschland, um die deutsche Sprache zu lernen mit dem weiteren Ziel der Forschung und Promotion. An der Universität Göttingen waren meine Lehrer u.a. J. König, H. Plessner, Prof. Wein und E. Waldschmidt. In die philosophische Anthropologie wurde ich von Plessner eingeführt, und dieser Einfluss ist für meine weiteren Forschungen von zentraler Bedeutung geblieben. 1962 wechselte ich nach Köln, wo ich dann 1963 mit einer Dissertation über die philosophische Anthropologie Humes abschloss. Die beiden Gutachter meiner Arbeit waren Ludwig Landgrebe und Paul Wilpert. Es war Landgrebe, von dem ich das Handwerkliche der phänomenologischen Methode lernte, die für meine Lehre und Forschung im intra- und interkulturellen Bereich von unschätzbarer Bedeutung ist.

Anfang 1964 kehrte ich nach Indien zurück und lehrte an der Universität Jadavpur in Kalkutta Philosophie bis 1967. Auf Einladung von Landgrebe kam ich erneut nach Köln, um bei ihm am Husserl-Archiv eine größere Forschungsarbeit in Angriff zu nehmen zum Thema: Erfahrung und Vernunft – Hume, Kant, James und Husserl. Ursprünglich auf Deutsch verfasst, erschienen die Ergebnisse in zwei Bänden in englischer Sprache mit den Titeln: Experience and Reason. The Phenomenology of Husserl in its Relation to Hume’s Philosophy (1973) und Naturalism and Criticism (1975). 1981 habilitierte ich an der Universität Trier über das Thema Der operative Begriff des Geistes – Locke, Berkeley, Hume.

Lange Jahre lehrte ich Philosophie am Studienkolleg der Universität Köln und an der Universität Trier, über zehn Jahre als außerplanmäßiger Professor. Später, umhabilitiert, setzte ich meine Lehrtätigkeit an den Universitäten Wuppertal und Bremen fort. Als weitere Lehrtätigkeiten sind die an den Universitäten Heidelberg, Wien und Bombay zu nennen.

Aus meinem Seminar privatissime, das ich mit ca. 10 Teilnehmern über 25 Jahre über philosophische, kulturelle und religiöse Themen im Weltkontext hielt, ist der heutige internationale, unter dem Namen „Gesellschaft für Interkulturelle Philosophie“ bekannte Verein hervorgegangen. Das zentrale Anliegen dieser Gesellschaft ist ein interkulturelles Philosophieren, das unterschiedliche philosophische, kulturelle und auch religiöse Traditionen ins Gespräch bringt. Dies hat zur Folge, dass wir in Lehre und Forschung Philosophen und philosophische Themen interkulturell lesen, erforschen und lehren lernen. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine solche interkulturelle Orientierung die Universalität der philosophischen Reflexion mit den spezifisch kulturellen Eigenarten der konkreten philosophischen Traditionen der Welt verbindet. Ein Philosoph als Philosoph ist kein deutscher, chinesischer oder indischer; denn dies würde bedeuten, solchen Adjektiven einen unbegründet universalistischen Zug zuzuschreiben, und führte zu einem ‚provinzialistischen Universalismus‘, da eine konkrete Gestalt der Philosophie mit dem Anspruch aufträte, die einzige zu sein. Auf die mir oft gestellte Frage: ob ich „europäisch“ oder „indisch“ philosophiere, möchte ich daher im Geist interkultureller Orientierung antworten, dass ich ein Insider wie Outsider beider Traditionen bin. Freilich ist ein solches Philosophieren zwischen zwei Traditionen möglich; aber es stellt eine tief beunruhigende Erfahrung dar. Sein großer Vorteil ist jedoch die gegenseitige Warnung, keine der philosophischen Tradition absolut zu setzen. Philosophie ist qua Philosophie orthaft ortlos; und es war eine historische Kontingenz, dass das Adjektiv „europäisch“ sich universalisiert hat. Nicht zu Unrecht hat Hannah Arendt in einem Brief an Karl Jaspers eine ‚Deprovinzialisierung der westlichen Philosophie‘ gefordert.

Meine Forschungs- und Interessensgebiete sind in der europäischen Philosophie insbesondere der klassische Empirismus, die Phänomenologie, Anthropologie und die Hermeneutik. In der indischen Philosophie gilt mein besonderes Interesse dem Buddhismus, vor allem dem altindischen Philosophen Nagarjuna. Auf dem Gebiete der Komparatistik sind es die Bereiche der interkulturellen und vergleichenden Philosophie sowie der vergleichenden Religionswissenschaft. Meinen Forschungen liegt dabei die interkulturelle Überzeugung zugrunde, dass die Eine philosophia perennis niemandes Besitz allein ist. In diesem Sinne beschäftige ich mich zur Zeit mit Themen der Erkenntnistheorie und Logik, der Ethik, Moral und Ästhetik sowie den Menschenrechten aus interkultureller Perspektive. Da die Philosophie qua Philosophie eigentlich anthropologisch verankert ist, gibt es, trotz der kulturbedingten Besonderheiten, Überlappungen zwischen den wissenschaftlichen Betätigungen der Menschen. Im Bereich der Kommunikation, ob theoretisch oder praktisch, geht meine Forschungsintention von der Überzeugung aus, dass es einen Primat der Kommunikation vor dem Konsens gibt, auch wenn die regulative Idee des Konsenses ihre volle Berechtigung besitzt. Dieser Primat befähigt uns, den Dissens ernst zu nehmen und ihn nicht bloß reduktiv zu behandeln. Eine solche Sichtweise erzeugt die Kompromissbereitschaft, die wiederum Kommunikation ermöglicht. Es geht um eine Verzichtleistung auf den Absolutheitsanspruch; denn die absolute Wahrheit (wenn es sie geben sollte) darf nicht verwechselt werden mit der Absolutheit des menschlichen Anspruchs auf sie.

Zur Konzeption einer analogischen interkulturellen Hermeneutik

Das heutige Angesprochensein der Kulturen, Philosophien, Religionen und politischen Weltanschauungen ist von ganz anderer Qualität als das vormalige. Dieses erneute Angesprochensein Asiens, Afrikas und Lateinamerikas durch Europa und Europas durch Asien, Afrika und Lateinamerika ist gekennzeichnet durch eine konkrete Situation, in der die nicht-europäischen Kontinente mit ihren je eigenen Stimmen am Gespräch beteiligt sind.

Dieses Gespräch ist begleitet von einer vierdimensionalen hermeneutischen Dialektik. Erstens geht es um ein Selbstverständnis Europas durch Europa, das sich, trotz aller inneren Unstimmigkeiten und zum größten Teil unter dem Einfluss außerphilosophischer Faktoren, den Nichteuropäern als etwas Einheitliches präsentiert. Zweitens gibt es das europäische Verstehen der nicht-europäischen Kulturen, Religionen und Philosophien, wie dies die institutionalisierten Fächer der Orientalistik und Ethnologie belegen. Drittens sind da die nicht-europäischen Kulturkreise, die ihr Selbstverständnis heute auch selbst vortragen und dies nicht mehr anderen überlassen. Und viertens gibt es das Verstehen Europas durch die außereuropäischen Kulturen. In dieser Situation stellt sich die Frage: Wer versteht wen, wie und warum am besten? Es mag Europa überraschen, dass es heute interpretierbar geworden ist.

So verlangt diese faktische hermeneutische Situation nach einer Philosophie der Hermeneutik, die offen genug ist, um die Traditionsgebundenheit, auch des eigenen Standpunkts, einzusehen. Eine solche interkulturell orientierte Philosophie muss die Forderung nach einer Theorie erfüllen, die weder die Welt, mit der wir uns auseinandersetzen, noch die Begriffe, Methoden, Auffassungen und Systeme, die wir dazu entwickeln, als historisch unveränderliche, apriorische Größen darstellt. Denn wer die Wahrheit durch die eigene Tradition und die eigene Tradition durch die Wahrheit exklusiv definiert, der macht sich nicht nur der petitio principii schuldig, der gefährdet eine interkulturelle Verständigung. Nach diesem Modell ist Verstehen stets mit irgendeiner Form von Gewalt verbunden.

Das Motto einer analogischen interkulturellen Hermeneutik, wie ich sie vertrete, lautet daher: Der Wille zu verstehen und verstanden zu werden gehören zusammen. Sie stellen die zwei Seiten derselben hermeneutischen Münze dar. Wo alles nur dem Wunsch verstanden zu werden untergeordnet ist, da wird das Andere in seinem Eigenrecht gar erst nicht wahr- und ernstgenommen. So studierten die Missionare und manche Ethnologen mit viel Mühe fremde Sprachen wie Chinesisch oder Sanskrit nicht so sehr, um die Fremden zu verstehen, sondern vor allem, um von ihnen verstanden zu werden. Zwar ist im Verstehen des anderen der hermeneutische Zirkel nicht ganz vermeidbar; er darf aber nicht dogmatisiert werden, als sei man nur noch dessen Gefangener.

Von den drei folgenden hermeneutischen Modellen bejaht die interkulturelle Philosophie das dritte. Das erste, das Identitätsmodell erhebt das Selbstverstehen einer Kultur, Philosophie oder Religion zu einem exklusiven Paradigma und verleiht so der sonst richtigen phänomenologischen Einsicht einen zu engen Sinn: Das Unbekannte kann nur im Modus des Bekannten verstanden werden. Diese Hermeneutik lässt sich von der identitätsphilosophisch orientierten Fiktion einer totalen Kommensurabilität leiten. In angewandter Form besagt sie: Nur ein Buddhist kann einen Buddhisten, nur ein Christ einen Christen, nur ein Platoniker einen Platoniker verstehen. Da es aber „den“ Platoniker nicht gibt, führt diese Hermeneutik sich selbst ad absurdum. Das zweite Modell, das der totalen Differenz verabsolutiert die Unterschiede und hängt der Fiktion einer völligen Inkommensurabilität an. Während die Fiktion der totalen Kommensurabilität das interkulturelle Verstehen zu einer Farce werden lässt, macht die Fiktion der völligen Inkommensurabilität das gegenseitige Verstehen unmöglich. Die „analogische Hermeneutik“ hingegen, für die interkulturelle Philosophie plädiert, reduziert nicht und vermeidet die beiden beschriebenen Fiktionen. Sie geht von den aus vielerlei Gründen vorhandenen Überlappungen aus, die Kommunikation und Übersetzung erst ermöglichen. Diese Überlappungen können vom Biologisch-Anthropologischen bis hin zum Politischen reichen. Sie können und werden nicht befohlen; sie finden statt, widerfahren uns.

Nach diesem hermeneutischen Modell wird die Andersheit des anderen erreicht, ohne sie zu reduzieren oder zu vernachlässigen. Die starke Identitätstendenz der Moderne und die ebenso starke Differenzthese der Postmoderne verlieren so ihre Stachel. Nur Überlappungen lassen Auslegungen zu. Die Überlappungen entstehen, sie sind nicht autonom. Sie sind in das Leben eingebettet und hängen von Begründungszusammenhängen, Methoden, Erkenntnissen, Werten, Interessen und Interpretationen ab. Jenseits aller Ontologisierung stellen die Überlappungen die auf dem Boden der Empirie zu erreichenden und zu begründenden Gemeinsamkeiten dar. Die analogische Hermeneutik vertritt ferner die Ansicht, dass man auch das versteht und verstehen kann, was man selbst nicht ist, sein kann oder sein will. Das Verstehen im Geiste der analogischen Hermeneutik pocht nicht auf ein Verstehen im Sinne des Einleuchtens und Überzeugens; es vollzieht ein Verstehen auch im Sinne des Sich-zurücknehmen-Könnens. Sie erlaubt uns auch, das zu verstehen, was wir nicht unbedingt vorher konstituiert haben müssen. Allen Intentionen des Verstehens geht das analogisch Andere als das zu Verstehende voraus und ist und bleibt nicht restlos konstituierbar. Nur einem Gott ist es möglich, nach seinem eigenen Bilde zu schaffen.

Globalisierung …

Befreit man sich von Kurzatmigkeit und Enge einer bloß gegenwärtigen Betrachtung und stellt die Globalisierung in eine umfassende Geschichte der Menschheit, so kann man Globalisierungsphänomene als Trends bezeichnen, die es seit Menschengedenken gegeben hat. Einige solcher Phänomene etwa waren:

Die Globalisierung der indischen Erfindung der Null und des Dezimalsystems, die ihren Weg über Persien, Arabien nach Europa nahm. Unsere heutige weltumfassende Zahlschrift ist ein weiterer Beleg der Globalisierung einer indischen Erfindung. Das Schachspiel, das in Indien entstand, ist heute ein Welteigentum.

Die chinesische und indische Entdeckung der Teepflanze und die Gewohnheit des Teetrinkens, die sich in allen Ländern ausgebreitet haben, ist ein weiteres Beispiele der Globalisierung. Ein wenig plakativ ausgedrückt besitzen „Teeisierung“ und „McDonaldisierung“ doch eine gewisse ‚Familienähnlichkeit‘, freilich mit dem gewaltigen Unterschied in ihrer Wirksamkeit.

Die chinesische Entdeckung des Schießpulvers, des Papiers, der Druckkunst und des Kompasses hat sich kontinuierlich weiter entwickelt und ausgebreitet bis zu den heutigen Waffensystemen. Adorno sieht zu Recht eine Kontinuität von der Steinschleuder zur Megabombe.

Dazu gehören auch ideologisch motivierte und vom Wunschdenken geleitete Vorstellungen, die auf eine Globalisierung hofften oder noch hoffen, wie der Weltbuddhismus, der Weltislam, der Weltkommunismus oder auch der Weltfrieden.

Obgleich also die Tendenz zur Globalisierung uralt ist, zeichnet sich die heutige moderne Globalisierung durch Merkmale aus, die es in diesem Sinne und in diesem Ausmaß bisher nicht gegeben hat. Diese Merkmale sind großartig – sowohl im Guten als auch im Schlechten. So ist die Menschenrechtsdiskussion im globalen Maßstab angestoßen worden; leider hat sich seither auch die Armut vermehrt oder die Drogenszene globalisiert. Dabei erscheint mir die Globalisierung nicht per se von Nachteil oder von Übel; sie enthält vielversprechende Möglichkeiten und beängstigende Gefahren. Es gilt daher, zwischen Euphorie und Angst die goldene Mitte zu suchen.

Die heutige Globalisierung ist – im Unterschied zu den früheren Trends – ein Kind der westlichen Moderne; und diese ist ein Kind der Technologie und Industrialisierung im Gefolge der angewandten Naturwissenschaften. Sie ist heute zur Form einer weltumfassenden Interdependenz durch den weltweiten Kapitalmarkt geworden. Auch wenn sie daher in erster Linie durch die kapitalistisch-marktwirtschaftliche Vernetzung gekennzeichnet ist, so umfasst sie doch weit mehr. Sie kann nicht nur durch die Merkmale der weltweiten Verbreitung und Intensivierung ökonomischer Bedingungen definiert werden, sondern enthält soziale, technologische, kulturelle und auch medizinische Faktoren.

Wollen wir all diesen neuen und großen Herausforderungen begegnen, dann muss die zentrale Frage beantwortet werden: Wem ist der Primat einzuräumen, dem Weltmarkt oder der Politik? Heute scheint das eigentliche Subjekt der Globalisierung eher anonym und wir Menschen beinahe Handlanger dieser Anonymität geworden zu sein. Im Vergleich zu den früheren Globalisierungsformen beruht die moderne Globalisierung nicht mehr auf reisenden Händlern; sie ist aber auch nicht bloß kolonialistisch und imperialistisch, sondern eher verführerisch und manipulativ, weil sie die Anlagen und Schwächen der menschlichen Natur anspricht und so vor jedem kritischen Nachdenken zu wirken beginnt. Und so wie sie wirkt, fragt man sich überall besorgt, ob die heutige Globalisierung überhaupt verantwortet werden kann. Wieviel an Globalisierung ist zu verkraften? Und wie ist eine Globalisierung mit menschlichem Antlitz möglich?

Die heutige Globalisierung muss daher auch als eine politische und ethische Kategorie aufgefasst werden. Dies belegen die weltweiten Diskussionen um die Menschenrechte und die Verpflichtung, sie zu verteidigen, bei aller unterschiedlichen Auffassung und selektiven Wahrnehmung. – Eine einigermaßen befriedigende Antwort auf die Frage nach einem umfassenden und der Globalität angemessenen Menschenbild, nach einer „holistischen Identität“ der Person, muss neben der wirtschaftlichen Rationalität, der Vernunft und dem Verstand auch diejenigen Faktoren menschlicher Existenz in Betracht ziehen, die Namen wie die Sehnsucht nach Frieden, Solidarität, Harmonie, Muße, Freundschaft, Wohlwollen, Opferbereitschaft tragen. Die neo-liberale marktwirtschaftliche Rationalität heutiger Globalisierung teilt jedoch die Person, das Individuum, indem sie die Aspekte des Profits und des Konsums auf Kosten der Werte betont, so dass nicht der ganze Mensch sich einzubringen vermag. Diese vernachlässigten Werte aber melden sich in den Formen der Unruhe, Unzufriedenheit und Leere, der Gewissensbisse und Lücken zu Wort und verlangen ihr Recht.

Um das bedrohte Ethische zu retten und ihm wieder zur Wirkung zu verhelfen, brauchen wir, neben all den rechtlichen und institutionellen, auch eine grundsätzliche Bewusstseinsveränderung. Dieser entsprechend hat Mahatma Gandhi die „sieben Todsünden“ aufgelistet, die die moderne Menschheit bedrängen und belasten:

  1. ein Reichtum ohne Arbeit
  2. ein Genuss ohne Gewissen
  3. ein Wissen ohne Charakter
  4. ein Geschäft ohne Moral
  5. eine Wissenschaft ohne Menschlichkeit
  6. eine Religion ohne Opfer
  7. eine Politik ohne Prinzipien.

Das Bewusstsein über diese sieben Todsünden könnte einen Weg weisen, der die Gefahren und Nachteile der heutigen Globalisierung minimiert. Sie lesen sich wie das Pendant zu einer negativen Theologie für die Gesellschaftswissenschaften. Gandhi nimmt hier die Perspektive eines humanistischen Sozialisten ein, der die Klasse der Besitzenden immer nur als Treuhänder des Kapitals gesehen hat und der aus ethisch-moralischen und religiösen Gründen in die Politik gegangen ist. Eine solche innere Veränderung, eine Änderung der Gesinnung, erscheint mir für eine humane Veränderung der äußeren und gesellschaftlichen Verhältnisse unabdingbar.

… und Interkulturalität

Mein Anliegen, die Förderung der interkulturellen Verständigung, dient dem Zweck, mit den Herausforderungen heutiger Globalisierung möglichst human und gerecht fertig zu werden. Dazu möchte ich abschließend vorstellen, was Interkulturalität ist, und welche Einstellungen sie fordert.

Interkulturalität ist erstens der Name einer geistig-philosophischen Einstellung, die alle kulturellen Prägungen wie ein Schatten begleitet und verhindert, dass diese sich absolut setzen. Sie verfährt methodisch zweitens so, dass sie kein Begriffssystem unnötig privilegiert und auf begriffliche Konkordanz aus ist. So leistet sie einen wesentlichen Beitrag zu einem befreienden Diskurs. Es ist daher verfehlt zu meinen, eine solche interkulturelle Einstellung dekonstruiere die Begriffe der Wahrheit, der Kultur, Religion und Philosophie. Sie verdeutlicht vielmehr sowohl den extrem relativistischen als auch verabsolutierenden Gebrauch, der von diesen Begriffen gemacht worden ist und noch immer gemacht wird.

Interkulturalität indiziert demnach drittens einen Konflikt, verbunden mit einem Anspruch. Einen Konflikt, weil die lange vernachlässigten philosophischen Kulturen, die aus Ignoranz, Arroganz oder auch außertheoretischer Faktoren wegen missverstanden und unterdrückt wurden, im heutigen Weltkontext der Kulturen und Philosophien ihre Gleichberechtigung einklagen; einen Anspruch, weil die nicht-europäischen Philosophien und Kulturen mit ihren je eigenen Fragestellungen Lösungsansätze anbieten wollen. So stellt Interkulturalität viertens auch einen Emanzipationsprozess dar, der allerdings nicht im Sinne des bloß innereuropäischen Zeitalters der Aufklärung zu verstehen ist, sondern als Emanzipation des nicht- und außereuropäischen Denkens von seinen Jahrtausende alten, in Europa entstandenen einseitigen Bildern.

Interkulturalität ist fünftens die Einsicht, die Kulturgeschichte von Grund auf neu konzipieren und gestalten zu müssen. Denn die Universalität der kulturellen Rationalität zeigt sich in verschiedenen philosophischen Traditionen, die sie jedoch zugleich transzendiert. Sechstens geht es bei der Interkulturalität um die Konzeption einer Philosophie, die das eine Omnipräsente der philosophia perennis in den vielen Rassen, Kulturen und Sprachen hörbar macht. Sie wehrt sich gegen die mächtige Tendenz einiger Philosophien, Kulturen, Religionen und politischen Weltanschauungen, sich zu globalisieren. Nach ihr darf sich die Einförmigkeit der Hardware der europäischen technologischen Formation nicht die gesunde Vielfalt der Software der Kulturen einverleiben. Eine ‚Verwestlichung’ ist nicht ohne weiteres ‘Europäisierung’.

Interkulturalität plädiert daher siebtens für Einheit ohne Einheitlichkeit. Die Transkulturalität des naturwissenschaftlichen und technologischen Begriffsapparats darf nicht mit dem Geist der Interkulturalität verwechselt werden. Schließlich gehört es achtens zum Wesen der Interkulturalität, die Einsicht in die erkenntnistheoretische, methodologische, metaphysische, ethisch-moralische, politische und religiöse Bescheidenheit des je eigenen Zugangs zum regulativen Einen mit seinen vielen Namen zu kultivieren.

Auf solche Weise versuche ich im Rahmen meiner Lehre und Forschung, die Philosophien, Kulturen und Religionen interkulturell zu lesen, zu deuten und zu lehren. Mircea Eliade sprach von einer „zweiten missglückten Renaissance“, womit er die Entdeckung des asiatischen Geistes (der Sanskrit-Sprache, des Buddhismus und der Upanishaden) im 18. und 19. Jahrhundert meinte. Den Hauptgrund für diesen Fehlschlag sah Eliade zu Recht darin, dass diese Entdeckung – im Gegensatz zur ersten Renaissance – von den Fachphilosophen, Theologen und Historikern nicht ernst genommen wurde. Sollten wir heute an der Schwelle einer „dritten Renaissance“ stehen, so sind alle Fachleute verpflichtet, dieser zum Erfolg zu verhelfen. Ich plädiere deshalb dafür, dass beispielsweise indische Philosophie, ihre Logik, Erkenntnistheorie, Metaphysik und Ästhetik, von den Fachphilosophen als Philosophie kritisch thematisiert wird und nicht nur den Indologen überlassen bleibt. Neben der Sprachkompetenz, ob in der Originalsprache oder in der Übersetzung, erscheint mir die Fachkompetenz als hinreichende Bedingung für ein solches gegenseitiges Thematisieren. Mit dem Indologen und Philosophen der Universität Marburg, Jayandra Soni, habe ich soeben ein Buchmanuskript fertiggestellt mit dem Titel: „Kleines Lexikon der indischen Philosophie“. Ferner arbeite ich zur Zeit an einem Buchprojekt zum Thema: Philosophie – Ein Denk- und Lebensweg. Als Präsident der „Internationalen Gesellschaft für interkulturelle Philosophie“ bin ich seit Jahren an der Planung und Durchführung der Kongresse beteiligt, deren letzter im Oktober 2002 in München in Zusammenarbeit mit dem Department für Philosophie stattfand. Sein Thema war: Sprachen der Philosophie – Eine interkulturelle Perspektive. Den nächsten internationalen Kongress unserer Gesellschaft haben wir für das Jahr 2004 an der Universität in Köln geplant.

Zucman – Reichensteuer

Gabriel Zucman

Reichensteuer

Aber richtig! Warum Milliardäre zu wenig Steuern zahlen und wie wir das ändern

Tb., 63 Seiten, 12,- €

Berlin 2026 (Suhrkamp-Verlag)

von Bernd M. Malunat

‚Es ist eine schreiende Ungerechtigkeit, dass die Superreichen kaum Steuern zahlen‘ – so könnte man die kleine Schrift des in vielen Kreisen mittlerweile höchst angesehenen französischen Ökonomen Gabriel Zucman kurz und bündig zusammenfassen.

Interessanter als dieses knappe Resümee erscheint aber, dass es dem Autor nicht – in erster Linie – darum geht, die Steuereinnahmen der Staaten zu verbessern, sondern darum, den Grundsatz der Gleichheit bei öffentlichen Abgaben einzulösen, wie er in der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 in Artikel 13 festgelegt worden war (32). „Das ist der Sinn der Mindeststeuer für Ultrareiche, für die ich eintrete“ (16).

Zugleich erweitert der Autor dieses Verfassungs-Postulat um die kryptische Überlegung, dass „niemand weiß, wann genau die Konzentration des Reichtums zu jenem Kipppunkt führt, der andere Gesellschaften vor der unseren untergehen ließ“ (34); gewiss aber sei, dass „große Vermögen … eine Macht verleihen, die zu ignorieren ein Fehler wäre“ (53). Das gelte besonders für multinationale Konzerne, die unter anderem durch Steuerflucht „erheblich zu der Verschärfung von Ungleichheiten, dem Anstieg der Staatsverschuldung und dem Triumph eines Ohnmachtsgefühls (beitrugen), dem Nährboden, auf dem gegenwärtige reaktionäre Bewegungen gediehen sind“ (15).

Die Schrift bezieht sich in großen Teilen auf die in Frankreich gegebenen Bedingungen, seine Erklärungen lassen sich jedoch durchaus auch auf andere Staaten anwenden, weil die Verhältnisse in den meisten Industrieländern sehr ähnlich seien. Zucman beginnt seine Darstellung deshalb mit einer kurzen Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Das Aufkommen sämtlicher staatlicher Steuern in Relation zum Bruttoinlandsprodukt ergibt die Abgabenquote (die in Frankreich auf ziemlich hohem Niveau bei 51 Prozent liegt). Dieser Wert gilt mehr oder minder für alle Einkommensgruppen – mit einer Ausnahme: den Milliardären (25). „Die Abgabenquote sinkt für diese Gruppe drastisch auf insgesamt 25 Prozent“ (26). Das liege daran, dass Milliardäre keine nennenswerten Abgaben außer der Körperschaftssteuer zahlen, weil ihr Vermögen hauptsächlich aus Aktien besteht. Damit kommt der Autor „zum Kern des Themas“ (29).

Milliardäre beziehen ihr Einkommen zu etwa 90 Prozent aus den Dividenden der Aktien ihres Unternehmens, die jedoch auf Holdings übertragen werden können, die aufgrund der sogenannten ‚Mutter-Tochter-Richtlinie‘ der EU mit einer so geringen Körperschaftssteuer belastet werden, dass sich sämtliche französische Milliardäre in einer beliebigen Steueroase niederlassen könnten, Frankreichs Steuereinnahmen aber quasi unverändert blieben (30 f.). (In den USA werden zwar auf die an Holdings gezahlten Einkommen prohibitive Abgaben erhoben; um der Besteuerung dennoch zu entgehen, werden einfach keine Dividenden mehr ausgeschüttet, und das für den Konsum nötige bisschen Geld können die Eigentümer sich leihen (41 f.)). Damit rücken der Staatshaushalt sowie die Staatsverschuldung ins Blickfeld, die in so gut wie allen Staaten hoch, in Frankreich aber besorgniserregend hoch ist.

Um der Steuerungerechtigkeit zu begegnen, aber auch um den Defiziten in den Haushalten der Staaten entgegenzuwirken, schlägt Zucman die Einführung eines Steuersatzes für Ultrareiche von mindestens 2 Prozent, ab einem Vermögen von 100 Millionen Dollar vor. Er sieht das als eine Art „Ausgleichsabgabe“ (44) an, die nur zur Anwendung komme, wenn die bereits entrichteten Steuern niedriger lägen. Nach seinen Berechnungen könnte das auf europäischer Ebene zu zusätzlichen Steuereinnahmen in Höhe von 67 Milliarden Euro, weltweit von 300-380 Milliarden Dollar führen (43); allein für Deutschland ermittelt er einen Betrag von 17 Milliarden Euro (5).

Nach seinen Berechnungen beträgt der Vermögensertrag von Millionären durchschnittlich 6 Prozent jährlich. Eine Vermögenssteuer von mindestens 2 Prozent würde diesen Ertrag also bloß um ein Drittel verringern, käme aber zusammen mit den anderen Abgaben, die Ultrareiche abzuführen haben, auf etwa die Steuerquote, die Durchschnittsfranzosen zu zahlen haben. Dem Grundsatz der steuerlichen Gleichbehandlung wäre damit Genüge getan.

Um seinem Vorschlag Durchschlagskraft zu verleihen, hält es der Autor für unverzichtbar, die Steuerflucht zu verhindern. Dafür schlägt er eine Art von Wegzugsteuer vor, wie sie etwa von den USA praktiziert wird, die ihre Bürger besteuern, unabhängig davon, wo sie in der Welt leben, mit der überzeugenden Erklärung, dass sie die Entstehung ihres Vermögens auch der staatlich vorgehaltenen Infrastruktur und den öffentlichen Diensten wie Sicherheit, Gesundheit und Bildung verdanken. Schließlich tritt er dem verbreiteten Vorurteil entgegen, dass Innovationen und Wachstum durch eine Vermögenssteuer beeinträchtigt würden. Bei der Mehrheit der Betroffenen liege die Rendite ihrer Vermögen deutlich über 2 Prozent, was es ihnen erlaube, diese Mindeststeuer allein aus den Erträgen zu bezahlen. Die weniger profitablen Unternehmen wie Start-ups müssten sich von Anteilen trennen, etwa durch Verkauf, was ohnehin fast regelmäßig an Investmentfonds geschieht; profitable Unternehmen könnten ihre Steuerschuld in Naturalien, also mit Aktien begleichen, die in einem gemeinnützigen Staatsfond landen würden.

Der Autor ist jedenfalls überzeugt, dass sich die „Mindeststeuer für Ultrareiche letztlich als das durchsetzen (wird), was sie ist: eine Selbstverständlichkeit“ (56); denn es gibt „kein technisches Hindernis: Es ist vielmehr eine Frage des politischen Willens“ (11), den er angesichts der jüngeren Entwicklungen offenbar erwartet, weil sich mehrere internationale Vereinbarungen darauf bereits verständigt haben.

Zucman hat fraglos eine ermutigende Schrift vorgelegt; ermutigend deshalb, weil sich auf der Weltbühne zugleich das schiere Gegenteil abzeichnet. Die Ungleichheit der Vermögen wächst, im Norden wie im Süden und innerhalb dieser Regionen. Dies hat gravierende Auswirkungen sowohl auf die liberalen als auch die stark zunehmenden libertären und illiberalen Demokratien. Deshalb darf man sich mit den Ergebnissen seiner Untersuchungen nicht zufriedengeben. Eine Reichensteuer ist unabdingbar. Sie sollte aber nicht auf die Vermögenssteuer begrenzt werden, sondern auch alle anderen Steuern, insbesondere die auf Eigentum, ins Blickfeld zu rücken. Das wäre dann wirklich ‚richtig!‘.

Anmerkung: Der Übersetzung ins Deutsche hätte es gut getan, ergänzend auch die deutschen Verhältnisse etwas stärker zu berücksichtigen, etwa die geltende Wegzugsbesteuerung, und sei es nur mit passenden Anmerkungen.

von Redecker – Dieser Drang nach Härte

Eva von Redecker

Dieser Drang nach Härte

Über den neuen Faschismus

geb., 272 Seiten, 24,- €

Frankfurt/Main 2026 (Fischer-Verlag)

von Alexander von Pechmann

Ihr Buch über den neuen Faschismus beginnt von Redecker mit einer Beobachtung. Der Havelberger Pferdemarkt in Sachsen-Anhalt, den sie besucht hatte, war bestückt mit einer Vielzahl von Ständen, die allerlei Militaria aus der NS-Zeit feilboten. Sollte es sein, dass da Vergangenes wieder lebendig geworden ist? Wie aber ist die (Un-)Gleichzeitigkeit der gegenwärtigen Bezugnahme auf vergangene Zeiten mit ihren Zeichen und Symbolen zu verstehen?

In der Regel, so von Redecker, wird dabei mit Analogien gearbeitet: Gegenwärtige Reden und Handlungen gelten als „faschistisch“, wenn und weil sie der NS-Zeit gleichen. In polarisierten Auseinandersetzungen setze oft ein Regress ein, „bei dem alle Seiten bei Hitler landen: Impfgegner:innen befürworten angeblich Euthanasie. Oder Lauterbach ist Mengele. Entweder ist Putin Hitler oder der ukrainische Nationalismus faschistisch“ (11). Nicht nur, dass die Zuordnungen hier abstrakt nach dem Muster der „Wiederkehr des Gleichen“ geschehen, bei der Beliebigkeit der Zuordnungen fehle auch das Kriterium, was es heißt, faschistisch zu sein. Dieses Kriterium könne freilich nicht das „absolut Schreckliche“ (12) der Shoa sein, weil diesem Entsetzlichen – rein logisch – nichts entsprechen kann. So kann der heutige Faschist leicht sagen: „Ich will doch keine 6 Millionen umbringen“ (13).

Von Redecker zieht daraus den Schluss: „Wir brauchen einen Begriff des Faschismus, der nicht vom ultimativen Schrecken ausgeht, sondern die Politikform erfasst, die diesen ermöglicht“ (13, H.v.m). Da es jedoch schwer fällt, diesen Begriff zu erfassen – der Historiker Ian Kershew meinte, das gleiche dem Versuch, „einen Pudding an die Wand zu nageln“ –, haben Wissenschaftler Listen von Merkmalen erstellt, die erfüllt sein müssen, um eine Politikform „faschistisch“ zu nennen. Sie zitiert Umberto Eco, der in seinem Aufsatz „Urfaschismus“ (1995) insgesamt vierzehn Merkmale für die Grundform des Faschismus herausdestilliert hat, zu denen unter anderen die Ablehnung der Moderne, der Kult der Tat und das Verschwörungsdenken gehören. Doch solche Merkmalslisten sieht von Redecker in der Gefahr, „der Dynamik ihres Gegenstandes hinterherzuhinken“ (16) und das Spezifische des neuen Faschismus zu verfehlen. Denn vielleicht sind es nicht mehr wie vormals die Massen, denen die Ansprache gilt, sondern „verlassene Individuen am Smartphone“ (16). Diesen Versuchen entgegen habe etwa der US-Philosoph Jason Stanley in Wie Faschismus funktioniert (2018) einen Begriff vom Faschismus gegeben, dessen Grundform die „Logik eines ‚us vs. them’“ (16) sei; aber, so ihr Einwand, dieser Begriff ist wiederum so allgemein und unspezifisch, dass darunter auch die Logik des Klassenkampfs oder gar eines Fußballspiels fallen würde.

Als Ausgangspunkt und Hinführung zu ihrem Begriff vom Faschismus rekurriert von Redecker nun auf ein Blechschild, das sie auf dem Havelberger Pferdemarkt entdeckt hatte, auf dem steht: „Wer plündert, wird erschossen“ (17). In dieser Formel spiele nicht allein das Gewalttätige, sondern auch das Eigentum eine zentrale Rolle. Die Liquidierung geschieht hier nicht aus Mordlust oder als Selbstzweck, sondern dient der Verteidigung des Eigenen, das durch andere, durch Plünderer und Diebe, angegriffen wird. Faschismus sei daher nicht einfach „der Name für maximale Grausamkeit auf dem aktuellen Stand der Technik“ (114), sondern ziele auf die Bewahrung von etwas als existenziell angenommenem Wertvollem. Näher und konkreter bestimmt sie im Weiteren dann den Faschismus als „liquidierende Phantombesitzverteidigung“, und ihr Buch kann so gelesen werden, dass dieser Begriff des Faschismus nach allen Seiten – zuweilen auch recht assoziativ – auf den Ebenen der Philosophie, des Politischen und des Psychologischen expliziert wird, um auf diese Weise sowohl die neuen Formen des Faschismus von den vergangenen abgrenzen als auch, im Kontrast, einen angemessenen Gegenbegriff zum Faschismus, des Antifaschismus, gewinnen zu können.

Auch wenn für von Redecker die Kategorie des Eigentums im Zentrum steht, so handle es sich beim Faschismus nicht um das einfache Verhältnis des Eigentümers als Subjekt zu seinem Besitz als Objekt, an das es sich klammert, sondern um ein dreigliedriges Verhältnis von Subjekt, Objekt und dem, was sie das „Abjekt“ nennt. Das Objekt nimmt hier, d.h. im Faschismus, die Rolle eines Phantoms, eines eingebildeten Besitzes, an, den sie im verzweifelten Festhalten der Subjekte an vergangenen Eigentumsrechten und -ansprüchen erkennt. So wie der Phantomschmerz ein amputiertes Körperglied als vorhanden imaginiert, so richtet sich der Phantombesitz auf die Verfügungsgewalt über Dinge, deren materielle Grundlagen längst brüchig geworden oder verschwunden sind. Als Abjekt hingegen bezeichnet von Redecker dasjenige oder diejenigen „Phantasma“, die als Bedrohung dieses Phantombesitzes konstruiert werden, und die um des Besitzes willen beseitigt oder ausgelöscht werden müssen – in obigem Beispiel die Plünderer und Diebe, die zu erschießen sind, weil sie den eigenen Besitzanspruch antasten. Solche Abjekte können Frauen sein, die sich patriarchaler Verfügungsgewalt widersetzen; Jüd:innen oder Migrant:innen, die die Homogenität des eigenen Volkskörpers zersetzen, oder „Woke“, die die organische Reinheit der eigene Kultur und Lebensform verschmutzen. Sie müssen verschwinden, eben weil sie das vermeintlich Eigene negieren.

Unternimmt man es, diese Art der Phantombesitzverteidigung näher zu erfassen, so muss man nach Redecker auf das Menschenbild der modernen, liberal-bürgerlichen Gesellschaft zurückgehen. Denn deren Prämisse lautet, „dass alle Menschen sich selbst besitzen. Egal, was sie sonst so haben und vermögen, jeder von uns ist Eigentümer:in ihres Selbst“ (115 f.). Doch dieses „moderne Selbst als Besitzindividuum ist damit auf ganz eigene Art instabil. Denn Selbsteigentum, wie es uns als gleichfreien liberalen Subjekten angetragen wird, ist eigentlich eine unmögliche Figur“ (200), weil man an sich selbst – einem endlichen, lebendigen Wesen – die Souveränität des Sachherrschers über ein Ding gar nicht erfahren könne. Gleichsam kontrafaktisch leugne die liberale Ideologie alle Abhängigkeiten und „hält uns ständig an, uns nicht als Nutznießer:innen eines ganzen sozialen Beziehungsgeflechts, nicht als Produkte eines ständigen Stoffwechsels mit der Natur, sondern eben einfach und einzeln als Individuen zu sehen. Genau das verheißt uns die Souveränität von Eigentümern“ (201), der wir jedoch niemals habhaft werden.

Auch wenn von Redecker damit keinesfalls meint, dass die liberale Ideologie irgendwie schon ‚protofaschistisch’ wäre, so hält sie doch daran fest, dass umgekehrt der Faschismus als Phantombesitzverteidigung ohne diese Idee des Selbsteigentums gar nicht möglich wäre. In ihr liegen gleichsam keimförmig schon die Verhärtungen, Disziplinierungen, Zwanghaftigkeiten und Verteidigungsreflexe scheiternder Selbsteigentümer:innen, die dann im Faschismus „ihr schwankendes Ich durch Phantombesitz abstützen und ihre Niederlage äußeren Phantasmen anhängen“ (201).

Der Liberalismus ist für von Redecker denn auch eine Art der politischen Ordnung, die auf dem in sich widersprüchlichen Grundsatz der gleichen Freiheit für alle beruht. Denn diese Gleichfreiheit ist nur möglich, wenn dem Freiheitsraum der einzelnen Eigentümer:innen zugleich die Grenzen gezogen werden, die den anderen Eigentümer:innen ihren Freiheitsraum sichern, wenn es also einen rechtsetzenden Staat gibt, der über die Einhaltung dieser Grenzen wacht. Der Liberalismus habe daher ‚zwei Hälften’: die eine sei die „individuelle Willkürfreiheit. Sie stattet uns mit einer Vorstellung vom Selbst aus, die uns zu absoluten Sachherrscher:innen macht“ (116); die andere Hälfte aber sei die „Position der Vernunft“ (117), nach der eben allen die gleiche Freiheit zukommen müsse und es „logisch“ sei, „dass man die eigene Freiheit mit der der anderen arrangieren muss“ (117). Ein liberaler Staat garantiere so auf der einen Seite jedem/r seine/ihre Freiheitssphäre; er beschränke und begrenze auf der anderen Seite jedoch zugleich den Freiheitsraum der einzelnen.

Es ist nun ein naheliegender Gedanke, dass dieses prekäre Gleichgewicht zwischen den beiden Polen der individuellen Willkürfreiheit und der verallgemeinernden Vernunft, auf dem die liberale Ordnung beruht, sich, insbesondere in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Krisen, auflöst. Es treten Konflikte auf, „die wahlweise als ‚Polarisierung’ oder ‚Kulturkämpfe’ bezeichnet werden“ (118), und die meist so verlaufen, dass die Seite der Vernunft im Namen der Gleichheit Rücksichtsnahme und Respekt einfordert, während die andere Seite, die der Willkürfreiheit, Einschränkungen und ‚Verzichtsdebatten’ mit Entschiedenheit im Namen der Freiheit zurückweist. Der linksliberalen „Verzichtsseite“, so von Redecker, „entgleitet die Freiheit, sie achtet fast nur noch auf die Verantwortung zur Rücksichtsnahme. Und die libertäre Anspruchsseite lässt kurzerhand die Vernunft fallen“ (119). Die Vernunftvertreter in Staat und Gesellschaft werden zu einer fremden, freiheitsbedrohenden Macht umgedeutet und letztlich zum Phantasma eines Feindes erklärt, der um der Freiheit willen beseitigt werden muss. Diese sich als das Ganze setzende Hälfte des Liberalismus nennt von Redecker den „rechtsbrechenden Liberalismus“ (114), weil er im Namen der Freiheit zum einen das Recht bricht, und weil zum anderen das politische System nach rechts bricht. Jetzt haben „rechtslastige, ethnonationale Regierungsprojekte … Aufwind – Projekte, für die Ordnung „Wir zuerst!“ heißt und Souveränität, Plünderer zu erschießen“ (114).

Die liberale demokratische Ordnung, so folgert Redecker daraus, „ist nicht nur das Andere des Faschismus, sondern auch sein Ausgangspunkt“ (114). Und diesen Zusammenhang verkenne, wer gegen den aufkommenden Faschismus meint, die vormalige liberale demokratische Ordnung eines ‚Gleichgewichts’ von Freiheit und Gleichheit verteidigen zu müssen. Denn das liberale System repräsentiere von Haus aus eine Gegensätzlichkeit von Freiheit und Vernunft, weil es die Freiheit schlicht als Willkürfreiheit von (Selbst)Eigentümer:innen versteht, und weil die Vernunft, ebenso schlicht, nur als Instrument zur Begrenzung dieser Freiheit, der Rücksichtnahme und der Anerkennung der anderen als (Selbst)Eigentümer:innen gedeutet wird. Dem setzt von Redecker, allerdings erst am Ende ihres Buchs, den Begriff einer ‚an sich vernünftigen Freiheit’ entgegen, der in den andren nicht, wie im Liberalismus, die Bedrohung und Grenze der eigenen Freiheit, sondern der, sozialistisch, in den Mitmenschen die Bedingungen der eigenen freien Entfaltung erkennt.

Während der Liberalismus die politische Ordnung bezeichnet, die das private Eigentum schützt, ist der Kapitalismus das ökonomische System, das auf der Akkumulation des Eigentums gründet. Von Redecker beschreibt zunächst anschaulich, wie durch das moderne Eigentumsrecht Dinge durch zwei „Schnitte“ zu Waren werden. Der erste Schnitt stellt das Eigentum überhaupt erst her durch „physische Eingrenzung, durch rechtliche Codierung, mitunter auch durch brutale Unterwerfung“ (86). Diesen Vorgang könne man sich so vorstellen, dass dadurch Einzeldinge „aus der Welt herausgestanzt werden“ (87). Über sie hat der Eigentümer die „absolute Sachherrschaft“ (87), sodass er damit machen kann, was er will, auch zerstören. Doch erst der zweite Schnitt verwandelt die Einzeldinge in Waren. Dieser bestehe in der Preisgabe in einem dreifachen Sinn: zum einen werden die Dinge nach dem ius alienandi auf den Markt weggegeben; zum anderen wird ihnen ein Preis gegeben, sodass „sich etwas herausschält, von dem man hofft, dass es Wert erzielen wird“ (87 f); zum dritten aber wird nicht nur ein Wert erzielt, sondern auch Wertloses abgegeben, das als Unding zurückbleibt. „Eine Hälfte“, schreibt sie, „wird als Resultat bepreist, aber da ist auch die andere Hälfte, und die wird preisgegeben. … Das sind die Emissionen, die Produktionsabfälle, die verpesteten Extraktionsstätten und Abwässer, das Plastik im Ozean und in unserem Blut“ (88).

„Kapitalismus“, fasst sie zusammen, „ist preisgebende Sachherrschaft. Ein System, in dem immer dreifach akkumuliert wird: Verfügungsmacht zu mehr Verfügungsmacht. Vermögen zu mehr Vermögen. Und Ausgesetztes zu mehr Ausgesetztem. Alle drei, Kontrolle, Gewinn und Abfall, folgen den Schnitten des Eigentums“ (92). Doch diese preisgebende Sachherrschaft sei noch kein Faschismus. Denn der Kapitalismus könne, „so erstaunlich das klingen mag“ (92), partiell durchaus gezähmt werden. Jedoch werde die Gefahr, dass die preisgebende Sachherrschaft in die liquidierende Phantombesitzverteidigung umkippt, umso größer, je mehr die sozialen und ökologischen Schutzvorrichtungen in jenem „rechtsbrechenden Liberalismus“ dahinschwinden. Dann werde wie im „Techfaschismus“ rücksichtslos und liquidatorisch alles und auch noch unsere Zukunft, „privatisiert und verscherbelt“ (94).

Allerdings bleibt von Redeckers Begriff des Kapitalismus nicht nur recht abstrakt, sondern ist auch mangelhaft. Sie führt zwar kurz und knapp die bekannte Marx’sche Formel der kapitalistischen Produktionsweise an: G – W … P … W’ – G’. Aber sie arbeitet weder den darin implizierten notwendigen Klassengegensatz von Kapital und Lohnarbeit heraus noch die Produktion von Mehrwert (W’ – G’), die doch Sinn und Zweck des Kapitalkreislaufs ist. Wenn sie die kapitalistische Preisgabe in der Weise beschreibt, dass die Ware veräußert wird „im Idealfall für mehr Geld als die Herstellung kostet“ (88), dann herrscht in dieser kurzen Passage offenbar – zumindest nach Marx’ Darlegung – eine beträchtliche Konfusion der Begriffe des Kapitals, der Arbeit, des Warenwerts und des Mehrwerts. Diese Ausklammerung des Klassengegensatzes, auf dem das kapitalistische (Re)Produktionssystem doch beruht, sowie die offensichtliche Unklarheit über Herkunft und Charakter des Mehrwerts hat, so meine ich – ohne das hier ausführen zu können –, weitreichende Auswirkungen darauf, wie sowohl die Entstehungsbedingungen des Faschismus als auch dessen politische Form zu begreifen wären.

Über diese Zusammenhänge von Liberalismus, Kapitalismus und Faschismus hinaus widmet sich von Redecker ausführlich der „Seele des Faschismus“ (170). Dazu entwirft sie zunächst, als Kontrast, das Modell einer „antifaschistischen Seele“ (174). In dieser sei es die Vernunft, die zwischen unserem Vermögen der Rezeptivität der Außenwelt als dem einen Pol und unserer inneren Einbildungskraft als dem anderen Pol vermittelt. „Man muss“, schreibt sie, „einen Gegenstand auf sich wirken lassen und ihm doch immer auch vereinheitlichende Deutungen antragen. Und dann wiederum erkennen, was man selbst hineingedeutet hat, und abermals nachspüren, was einem entging. Wo diese beiden Tendenzen im Austausch bleiben, gelingt Reflexion. Sie ist die Fähigkeit zur Selbstkorrektur und Weltwahrnehmung“ (173).

Wenn und wo diese Fähigkeit der Reflexion fehlt oder sie schwindet, wie in der ‚faschistischen Seele’, geht sie über in die Extrempole der „Mimesis“ und des „Mythos“ (174). Die Mimesis sei das Aufgehen der Seele im Geschauten und ihr ständiger Formwandel. Ihr sei „etwas Ozeanisches beigemischt“ (175); sie vermag nicht mehr „in die stabilere Gestalt eines Ichs mit Rückgrat und Sachverstand zurückzufinden“ (ebd.). Als diese mimetische Seele mag man die Opportunisten oder die Mitläufer:innen kennzeichnen. Ihren Gegenpol bilde der Mythos, worin die Seele es nicht mehr vermag, „aus sich heraus zu finden“ (175). Dieser habe zwar jederzeit einen äußeren Anlass, aber er identifiziert diesen als etwas, „das eigentlich aus dem Inneren stammt“ (175). Die inneren Vorstellungswelten, die Ängste und Wünsche werden auf „jedwede Regung der Welt“ (175) projiziert und gelten als objektive Gegebenheiten. Diese nennt sie auch, im Anschluss an Freud und Adorno, „pathische Projektionen“ (177). In diesem Reflexionsverlust sieht von Redecker offenbar den Ursprung jener Verkehrung, die sie den „Phantombesitz“ und die „Phantasmen“ nennt, und die sich eine vermeintlich heile, aber allzeit bedrohte Welt imaginiert.

Zur näheren Analyse dieser reflexionsunfähigen Seele bezieht sie sich vor allem auf die Ideologiekritik von Elisabeth Young-Bruehl, der einzigen Doktorandin Hannah Arendts. Sie hatte in „The Anatomy of Prejustice“ (1996) dargelegt, dass moderne Vorurteile keine schlichten Parteinahmen für die eigene Gruppe seien, sondern dass solche Gruppen erst durch die Befriedigung individuellen Begehrens geschaffen werden. Ideologien seien nicht einfach bewusste Überzeugungen, sondern durch unbewusste Triebenergien gesteuert, die sie daher auch „Lustideologien“ (194) nennt. Sie sind in ihrer psychischen Dynamik als Abwehrmechanismen zu verstehen, um dem inneren Kollaps Herr zu werden. „Solcherart bedrängte Selbste“, fasst von Redecker zusammen, „brauchen Instrumente zur Stabilisierung“ (196).

Young-Bruehl unterscheidet dabei drei Charaktertypen: den obsessiven, den hysterischen und den narzisstischen Typ. Der obsessive Typ sei der klassische Zwangscharakter, der darauf geht, in der äußeren Welt Ordnung und Reinheit zu erzwingen, und dessen Feinde das Ungeziefer, der Schmutz und die Eindringlinge sind. Dem Hysteriker drohe ständig der Verlust des Selbsts und seine Feinde sind ihm Verführer:innen oder Minderwertige, die korrupt sind, denen er aber nicht widerstehen kann. Die Narzissten schließlich haben die Tendenz, alles Äußere als Eigenes zu betrachten und Differenzen zu negieren. „Die Welt soll unterschiedslos sein – und ihre. Jede Eingrenzung bedroht sie“ (197).

Im nächsten Schritt wendet von Redecker nun diese pathischen Projektionen auf ihre Theorie vom Eigentum bzw. auf ihre Definition des Faschismus als „liquidierende Phantombesitzverteidigung“ an. Denn, so ihre Begründung, die Ideologie des Eigentums „reicht in nahezu alle Beziehungen des Individuums, inklusive dessen Beziehung auf sich selbst“ (200). In diesem Sinne stellen die von Young-Bruehl beschriebenen Verhaltensmuster „Verteidigungsreflexe von scheiternden Selbsteigentümer:innen dar, die ihr schwankendes Ich durch Phantasiebesitz abstützen und ihre Niederlage äußeren Phantasmen anhängen“ (201). Sie bilden die „menschliche Grundlage des Faschismus“ (ebd). Der obsessive Typ richtet sich auf die exklusive Kontrolle seines Selbsts und seiner äußeren Anspruchssphären. Er entspricht wohl am ehesten der Faschismusdefinition, da sein Phantombesitz allemal durch äußere Feinde bedroht und zersetzt wird, die daher zur Stabilisierung des Ichs beseitigt oder ausgelöscht werden müssen. Der Hysteriker hingegen brauche keinen äußeren Feind, sondern arbeite sich an dem „unbändigen Objekt“ (202) ab, an dem er hängt und doch nicht hängt. „Er scheitert an der ihm unmöglichen Grenzziehung zwischen Subjekt und Objekt des Eigentums“ (202). Dem Narzissten schließlich ist sein Besitz „Lustobjekt“ (203); er wird gewalttätig, wenn er in der Realität auf einen Widerstand stößt, der gebrochen werden muss, um sich weiter ausdehnen zu können.

Was mir bei dieser Typologie der „faschistischen Seele“, wie sie von Redecker vornimmt, allerdings fehlt, ist die Frage der sozialen Verortung dieser Charaktere. Manchmal scheint es so, als träfe der obsessive Typ auf eine „frustrierte Mittelschicht“ zu, die ihre Verlustängste durch den Phantombesitz der eigenen Nation oder Heimat kompensiert und sich um ihrer Ich-Stabilität wegen auch gewalttätig gegen die Phantasma der Anderen, der Muslim:innen, der Schwarzen, der Jüd:innen u.a., wendet. Redeckers Ausführungen zum „Techfaschismus“ hingegen mit seiner „Monopolherrschaft über die öffentliche Meinung“ (158) und seinem zerstörerischen Drang zur Kapital- und Reichtumsakkumulation erinnern sehr an den narzisstischen Typen, der Grenzen seiner Macht nur als zu überwindende kennt – ohne dass von Redecker, soweit ich sehe, diese Verbindung zwischen der psychischen Verfasstheit und dem sozialen Status explizit zieht.

Zu Beginn hatte von Redecker zu Recht einen Begriff vom Faschismus eingefordert, der nicht nur vom ultimativen Schrecken ausgeht, sondern der „die Politikform erfasst, die diesen ermöglicht“ (13). Was sie in ihrem Buch jedoch darlegt und ausführt, ist ein überaus reiches Panoptikum faschistischen Denkens und Handelns, dem der gemeinsame Begriff der „liquidierenden Phantombesitzverteidigung“ zugrunde liegt; aber dieser einheitliche Begriff nimmt selbst vielfältige Formen einer solchen Phantombesitzverteidigung an. Denn es macht doch zweifellos einen Unterschied, ob etwa ein Passauer AfD-Aktivist seinen Volkskörper vor der drohenden Umvolkung reinigen will, oder ob der patriarchale Ehemann auf seinem vermeintlichen Verfügungsrecht über seine Ehefrau insistiert, oder ob in Kalifornien Posthumanisten um Elon Musk die kaputt gemachte Erde verlassen und andere Planeten in Besitz nehmen wollen. Sie klammern sich zwar alle an den Besitz eines Phantoms; aber von Redecker lässt es ungeklärt, wie diese heterogenen Ausdrucksformen „besitzideologischen Begehrens“ (204) zu einer gemeinsamen politischen Form des Faschismus zu verbinden wären. Anders gefragt: Wie lässt sich die Phantombesitzverteidigung frustrierter Habenichtse oder „wildgewordener Kleinbürger“ mit den maßlosen Besitzansprüchen der ultramächtigen „Techfaschisten“ in die eine politische Form des Faschismus bringen? Was von Redecker in ihrem Buch durchaus erhellend beschreibt, sind die vielen Faschismen; aber was der Faschismus als politische Form wäre, lässt sie, soweit ich sehe, offen.

Schließlich vermisse ich in ihrem Buch auch selbstkritische Überlegungen darüber, ob nicht dem allgemein spürbaren wachsenden „Drang nach Härte“ der ebenso spürbare Machtverlust einer antifaschistischen Linken korrespondiert, und welcher Zusammenhang zwischen diesen beiden Entwicklungen bestehen könnte. So beendet von Redecker ihr Buch zwar mit den durchaus einsichtigen und beherzigenswerten „Hinweisen zur Gegenstrategie“ (217): sich erstens nicht mit einer „zynischen Welt abspeisen“ (237) zu lassen und konsequent auf Sinn zu bestehen und nachzufragen; sich zweitens entschieden und von Anfang an allen Diskriminierungen und Eliminierungen zu widersetzen; drittens das öffentliche, allen zugängliche Eigentum wo auch immer zu fördern sowie viertens auf dem Charakter der gesellschaftlichen Arbeit zu insistieren, die nicht auf Wertakkumulation, sondern „auf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zielt und sich zugleich der ökologischen Regeneration annimmt“ (240). Als Philosophin nimmt sie für sich das Recht in Anspruch, in erster Linie Begriffe zu klären, statt weitreichende Vorschläge und Programme zum besten zu geben. Doch solch ethische Bescheidenheit ersetzt nicht das Desiderat und die weiterreichende Aufgabe, an einer überzeugenden politischen Alternative zu dem von ihr beschriebenen Zusammenhang von Liberalismus, Kapitalismus und Faschismus zu arbeiten. Ich hoffe, Frau von Redecker wird mir da nicht widersprechen.

Finkelde (Hg) – Žižek-Handbuch

Dominik Finkelde (Hg)

Žižek-Handbuch

geb., 671 Seiten, 99.- €

Berlin 2025 (Springer Berlin)

von Ottmar Mareis

Slavoj Žižek, der Kurt Cobain der Kulturtheorie, ist ein wilder Denker, der Hegel mit Hitchcock und die Marx Brothers mit Marx kreuzt. Wer als Anfänger versucht, Žižek systematisch zu lesen, stößt auf eine Opazität aus Rhizomen und phantasmatischen Assoziationsketten, die ihn intellektuell oft ins Nirvana schießen. Hier setzt das von Dominik Finkelde herausgegebene Handbuch an. Finkelde projektiert, jenseits der polarisierenden öffentlichen Wahrnehmung Žižeks als „Scharlatan“ oder „superintellektueller“ Grunge-Star der Philosophie, etwas (fast) Unmögliches. Er will einen „dritten Žižek“ sichtbar machen: den systematischen Philosophen. Das Handbuch zielt darauf ab, sein Werk, das sich durch enorme Produktivität, verbunden mit einer scheinbar chaotischen Fülle, auszeichnet, wissenschaftlich zu ordnen und zugänglich zu machen. Finkelde beschreibt Žižeks Denkstil treffend als eine Form des theoretischen „Brutalismus“ – eine Mischung aus monumentalen Monografien und „Kurzschlüssen“ („short circuits“), vergleichbar mit der avantgardistischen Betonarchitektur der 1960er Jahre. Das Werk ist in mehrere umfangreiche Teile gegliedert, die das Phänomen Žižek aus biografischer, kontextueller, werksgeschichtlicher und begrifflicher Perspektive beleuchten.

Finkeldes großes Verdienst zeigt sich besonders in der Analyse der frühen Jahre. Es besteht darin, Žižek nicht als Pop-Phänomen, sondern als strengen Interpreten des Deutschen Idealismus ernst zu nehmen. Das Handbuch bemüht sich mit dem allgemeinen „Vorurteil“ aufzuräumen, Žižek sei ein reiner Eklektiker. Stattdessen wird im Kapitel zum Frühwerk minutiös herausgearbeitet, wie er eine sehr spezifische, fast orthodox anmutende philosophische Operation vollzieht: Die Re-Lektüre von Hegel durch die Brille von Jacques Lacan. Dabei kapriziert sich das Handbuch darauf, dass das Frühwerk nicht nur aus „Kulturkritik“ besteht, sondern eine neue Ontologie des gespaltenen Subjekts nach dem Scheitern des klassischen Marxismus respektive des real existierenden Sozialismus begründen will, die jedoch schon von Lacan in den 60er Jahren eingeführt wurde. Das Handbuch glänzt besonders darin, die oft hermetischen Konzepte Žižeks der späten 80er und frühen 90er Jahre, Das erhabene Objekt der Ideologie und Denn sie wissen nicht, was sie tun, verständlich zu erklären.

Drei Aspekte stechen in der Darstellung hervor: Die Kapitel zum Frühwerk lassen sich als eine Rehabilitierung der Ideologiekritik lesen. In ihnen wird erklärt, wie Žižek den Ideologiebegriff revolutioniert hat. Zuerst reproduzieren sie die traditionelle Sicht der Ideologie von „wir wissen nicht, was wir tun“: d.h. die Masse wusste nicht, dass sie nur Ideologie denkt und wiedergibt. Dann wird Žižeks Turn markiert; Ideologie funktioniere nun nur noch zynisch reflexiv: „Wir wissen genau, dass das System falsch ist und tun es trotzdem“, weil wir es genießen. Das Handbuch liefert hierzu erhellende sozialphilosophische Exegesen, die darauf abzielen, warum das Lacansche Genießen als politischer Faktor zu werten ist. Auch in die Pest der Phantasmen analysiert Žižek unsere phantasmatische Verschlungenheit mit dem Kapitalismus. Die Konsumindustrie lädt ihre Produkte mit Phantasien von Glück, Freiheit oder sozialem Status auf; als solche manipulieren sie unser Begehren wie auch unser politisches Bewusstsein. Dennoch kann Žižek als typischer theoriefressender wie ausspuckender 68er den Splitter im eigenen Auge nicht sehen. Denn wer ist dieses „Wir“? Als arrivierter 68er profitierte er, mehr noch, genossen er und seine Generation das „System“ am meisten, nachdem sie es zuerst abschaffen wollten. Vor allem deshalb ist die Ideologie zynisch reflexiv geworden. Als arrivierte 68er wurden sie individuell zu korrupt, um kollektiv noch gesellschaftliche Alternativen schaffen oder leben zu können. Deshalb richteten sie sich „behaglich“ in der Unterdrückung oder genauer in der Unterdrückung der anderen nachfolgenden Generationen ein und trieben nur noch marginal „Pseudo-Ideologiekritik“, hauptsächlich jedoch die Affirmation plus Ökonomisierung des postmodernen Neoliberalismus.

Da Lacan neben Hegel den wohl wichtigsten Einfluss auf Žižek ausübt, weist das Handbuch einen weiteren großen Mangel auf. Kein einziger der zahlreichen Beiträge thematisiert die Rolle von Jacques Lacan ab 1968 als größter Kritiker der französischen Studentenbewegung und der anschließenden facettenreichen französischen Linken der 70er Jahre, die den gesamten Westen zu prägen begann. Ein ganzes Kapitel wäre der Analyse wert gewesen, die sich den Konstrukten widmet, mit denen Lacan die mehrheitliche Linke angriff, sowie deren Antworten darauf. „Vorbei, verweht, nie wieder?“ Žižek behandelt Lacan als eine Art aufklärenden Denkers; doch die Hälfte seiner Konstrukte ähneln, im Gegensatz zu Freud, Obskurantismen. (Siehe meine Rezension von „Paradoxien der Mehrlust“). Zwar solle man nach einem Bonmot des Dalai Lamas seine ärgsten Feinde auch als seine besten Lehrmeister betrachten, und mitunter produzierte Lacan beachtliche Zukunftsprognosen. So strapazierte er oft die symbolische Ordnung, die durch Sprache, Gesetze, gesellschaftliche Normen im Namen des Vaters (des Sohnes und des Heiligen Geistes ?) unser Denken und Fühlen präge. Der Phallus sei der Herrensignifikant, während die Frau nur eine Leerstelle aufweist, auf die der Phallus zeigt. Gegen diese Herrensignifikanten der traditionellen Ordnung, so Lacan, würden die 68er verstoßen und neue Herrensignifikanten der Jouissance einführen. Erst durch diesen Antagonismus von traditioneller Unterdrückung und dem lustvollen Aufbegehren dagegen hätten die frühen 68er ihre Sexualität zügellos phantasmatisch erleben können. Deshalb herrsche bei ihnen ein maßloses Begehren, das nach etwas unerreichbar Utopischem strebe. Dies aber würde nur zu neuen Frustrationen und Zwängen führen. Durch das bislang unbekannte maßlose Begehren der 68er werde ein neues Jouissanceregime errichtet, das die Pflicht zum Genießen (devoir de jouir) als oberste, alles bestimmende Maxime setze. Wenn in Zukunft aber nur noch der Zwang zum Genießen herrsche, werde das Begehren auf längere Sicht absterben. Es werde eine Agonie des Eros eintreten, in dessen Folge eine Depressions- und Burn out-Pandemie das vorherrschende Krankheitsmuster bilde.

Diesen gesteigerten Jouissanceterreur sieht Žižek in Anlehnung an Lacan heute vor allem in den sozialen Medien am Werk. Er bringe repressive, übergriffige, desublimierte Subjekte hervor, die durch ihre Grenzenlosigkeit und Debilität bestechen und nur noch mit und über ihre Geschlechtsorgane kommunizieren können. Aber weil Žižek, der an dem Handbuch selbst mitwirkte, ein Lacanschüler und -verehrer ist, der viel mit dessen Konstrukten arbeitet, kann er Lacan kaum kritisch beleuchten. Das bedeutet, dass er respektive das Handbuch Lacan weit realistischer in seiner Spätphase der 70er Jahre hätte verorten müssen. Wirklich aufklärend wäre gewesen, den Konflikt- und Diskussionskontext der 68er darzulegen, in dem Lacan agierte.

Das Handbuch führt den Nachweis, Žižek habe ab den 2000er Jahren nicht mehr nur eine lacansche Relektüre Hegels vorgenommen. Stattdessen betonen die Autoren, dass Žižek Hegel nicht als „absoluten Idealisten“ ausgelegt habe, der die Widersprüche versöhnt, sondern als Philosophen der sich verstärkenden Antithesen, die er vermittels der grassierenden gesellschaftlichen Spaltungen herausgearbeitet hat. Die Autoren analysieren den „späten“ Žižek als einen Hegelianer, der sich dem reaktionären, absoluten Rückstoß von progressiv gemeinten Politiken in der Gesellschaft widmet. Dieser Rückstoß wird durch die gesellschaftliche Basis verstärkt, die zu dem scheinlibertären, autoritären Phänomen ‚Trump‘ geführt hat. Diese Unterschiede zu markieren, die sich aus den frühen und späten Werkphasen ergeben, hilft das Handbuch. Žižeks Hegelexegese wird auffällig radikaler und technischer, sie basiert stärker auf Hegels Wissenschaft der Logik als auf der Phänomenologie des Geistes.

In weiteren Kapiteln wird Hegels Philosophie des Geistes und ihr Verhältnis zu den Neurowissenschaften thematisiert. Dabei geht es vor allem um Žižeks psychoanalytische Perspektiven, die das Subjekt und das Bewusstsein anders interpretieren als die Neurowissenschaften. Insbesondere seine Kritik an den Neurosciences, die das Bewusstsein als bloße Gehirnfunktion analysieren, es aber nach wie vor nicht plausibel erklären können. Die Beiträge betonen, dass die psychoanalytischen Theoreme des Unbewussten wie des Begehrens, also Freud und Lacan, bei Žižek über die rein biologischen Erklärungen weit hinausgehen, um ihre jeweiligen Metapsychologien zur Geltung zu bringen. Ein Nebeneffekt der Texte besteht darin, dass damit auch die Unterschiede zwischen der Metapsychologie Freuds und der Lacans deutlich werden. Doch Žižek versucht auch, die Grenzen sowohl der Neurowissenschaften als auch der Psychoanalyse-Schulen auszuloten, obwohl sie sich besonders in der Neurowissenschaften ständig verschieben. Dennoch möchte er die Neurosciences und die Psychoanalyse ins Gespräch bringen, u. a. mit dem Konzept der Parallaxe. Er verwendet diesen Begriff nicht, um deren unüberbrückbare Differenz zu markieren, sondern um die wechselseitige Veränderung des Gegenstands durch die Veränderung des Blickwinkels offenzulegen. Solchermaßen gelte es, gesteigerte Erkenntnisgewinne zu erzielen.

Der Abschnitt über „Film, Kunst und Technik“ fokussiert einen der markantesten und populärsten Aspekte von Žižeks Werk: die mehr oder weniger gelungene Verknüpfung von Hochphilosophie und Psychoanalyse mit den scheinbaren Niederungen der Popkultur. Dabei wird schnell klar, dass Žižek nicht als klassischer Filmkritiker agiert. Die von ihm besprochenen Filme von Hitchcock, den Marx Brothers, aber auch Propagandaschinken der Sowjetunion Stalins wie von Eisenstein sowie ausgewählte Hollywoodfilme behandelt er als eine Art Theorie-Labor. Er sieht nicht nur das Kino, sondern vor allem das Arthaus Kino mit seiner sich rasant wandelnden Aufnahmetechnik als „Denkmaschinen“, um psychoanalytische Konzepte zu prüfen oder auszuloten.

Leider differenzieren die Beiträge oft nicht ausreichend zwischen Hollywood und dem Autorenkino.Sie haben aber als gemeinsamen Nenner, dass für Žižek „das Kino“ keine Flucht vor der Realität ist wie für viele Hollywoodschinken, sondern dass es der Ort ist, an dem die ideologische Struktur der Realität sichtbar und lesbar wird. Hier ergänzt das Handbuch Untersuchungen und Analysen, die schon in den Suhrkamp-Filmeditionen von Žižeks The Pervert’s Guide to Cinema und The Pervert’s Guide to Ideology vorliegen. In einigen Beiträgen wird Žižeks Obsession für Alfred Hitchcock und David Lynch zum Thema. Prägnant wird dargestellt, wie er Hitchcocks „MacGuffin“ als das leere Objekt deutet, das die Handlung antreibt, als perfektes Beispiel für Lacans Objekt klein a. Manchmal ist es auch ein scheinbar banaler Gegenstand, der immer wieder erwähnt oder eingeblendet wird, und der für das unstillbare Begehren steht, auf das die Handlung kontinuierlich rekurriert. In „Psycho“ sind es ausgestopfte Vögel oder die Kuckucksuhr, die vom nahen Unheil des maßlosen und fehlgeleiteten Begehrens künden, das sich nur noch in traumatischen, mörderischen Abgründen offenbart. Wo es einsetzt, verschmilzt der entsetzte Blick des Kinobesuchers mit dem unerbittlich fokussierenden „Gaze“ des Kameraauges – und der Sog setzt ein. Dabei geht es Žižek um den Moment der Umkehrung des Blicks, die er in einigen Texten regelrecht umkreist. Erst sehen wir Norman Bates heimlich Marion Crane beobachten. Der Mord in der Dusche, in der der Schatten einer älteren Frau plötzlich auf Marion einsticht, ist die erste disruptive Blickumkehr, grausam verstärkt durch eine Vielzahl von abrupten Filmschnitten. Dadurch bewirkt Hitchcock, dass nicht nur auf Marion Crane eingestochen wird, sondern auch auf uns als Zuschauer, vielmehr aber noch als Voyeure. Das Publikum geht hier unwillkürlich in Deckung, krümmt sich, versucht sich wegzuducken. Aber keine Chance, jeder Stich wird körperlich schmerzhaft gefühlt, wir werden gleichermaßen massakriert. Jetzt kann es schlimmer nicht mehr kommen, versuchen wir uns zu beruhigen. Doch diese verletzliche Illusion ist Basis für den noch größeren Horror. Sobald der Detektiv das Psycho-Haus betritt, erzittern wir abermals; denn unsere Existenz ist weiter komplett ausgeliefert. Wir finden uns in einer seltsamen Vogelperspektive, die sowohl eine All- als auch eine Alle-Figuren-Perspektive ist. Hier wird Hitchcocks Genialität mehr als in allen anderen seiner Filme offenbar. Das Handbuch erklärt, was psychoanalytisch passiert, wenn wir gewahr werden, dass in diesem Horror-Thriller nicht mehr wir den Film ansehen, sondern dass das „Objekt“ bzw. das Monster oder das Psycho-Haus uns ansieht. Die äußerste Spannung kommt deshalb zustande, weil es um unsere eigenen mörderischen Begierden geht, die die Vogelperspektive plötzlich in den Fokus nimmt. Es ist diese enervierende Konfrontation mit uns, die abschließend in dem extrem durchdringenden, psychotischen Horrorblick Norman Bates‘ direkt durch unsere Augen hindurch in unser Unbewusstes verkörpert ist, das dem seinen erschreckend ähnelt. Dies macht uns am Ende den Film unerträglich.

Eine erhellende Analyse findet auch David Lynchs Lost Highway. Hier wird erklärt, dass die Femme Fatale des klassischen Film Noire eine Frau war, die aufgrund ihrer idealen Schönheit den Blick und das Begehren der Männer auf sich lenkt. Ihre Schönheit sei jedoch das Schönheitsideal des Patriarchats, das sie in ihrem Auftritt, ihrer Pose und ihrem Habitus stützt. Anders jetzt jedoch die blonde Frau, die von der biederen Hausfrau plötzlich zur undurchschaubaren queeren Trans-Ikone changiert. Sie spielt nur noch kühl mit den Blicken, den Emotionen und Projektionen der Männer, um ihnen beiläufig eine Falle zu stellen, die sie in ihrem Begehren kompromittiert. Früher waren es Männer, die scheinbar emotionslos killen; jetzt wird angedeutet, dass die Rollen sich umgekehrt haben. Bei Lynch wird die Frau zu einer feministischen, queeren, auf den Kopf gestellten Neo-Film-Noire-Ikone. Ihr Sehnen ist nicht mehr auf Vereinigung aus, eher auf kaltes Liquidieren. Vor allem aber geht es um das Loswerden der Männer, um die Befreiung von „Cis-Männern“. Ihre Androgynität, Ambiguität und plötzlicher Identitätswechsel stehen gleichermaßen für eine Verdichtung, Undurchdringlichkeit und Undurchschaubarkeit der aktuellen Realität, die für die erratische Postmoderne steht.

Das Handbuch weist des weiteren ein interessantes Kapitel über Žižeks Auseinandersetzung mit dem Christentum auf, die ihn zu dem Oxymoron eines christlichen Atheismus verleitet und zur Frage, wie man ein wahrer Materialist wird. Ab 2000 führt Žižek ein Scheingefecht, indem er das wahre Christentum gegen den „New Age“-Spiritualismus in Stellung bringt, ohne beide als Glaubensregime zu entlarven. Präzise wird analysiert, warum er den Heiligen Paulus als leninistischen Organisator liest. Ein inhaltlicher Vergleich der Positionen von Paulus und Lenin würde dies jedoch als kompletten Nonsens entlarven. Es ergäbe durchaus Sinn, wenn er sowohl Paulus‘ wie Lenins Politiken als Umsetzung und Masseninszenierung von Glaubensregimen analysieren würden; aber diesen aufschlussreichen Kritikweg beschreitet Žižek seltsamerweise nicht.

In der Darstellung der jüngeren politischen Schriften Žižeks ab 9/11 und der Finanzkrise 2008 wird demonstriert, dass und wie er sich – mittels der Konferenzen mit Alain Badiou – von der bloßen Kritik der Demokratie hin zu konkreteren Fragen des Kommunismus und der „Idee des Kommunismus“ bewegt hat.

Eine große Erleichterung für den Leser ist es, dass sich am Ende des Handbuchs ein Kapitel mit 23 Aufsätzen zu den wichtigsten Begriffen und Konstrukten aus dem Žižek-Lacan-Universum befindet. Allen Beiträgen ist anzumerken, dass der Herausgeber des Lexikons die Anweisung gab, eine möglichst klare und verständliche Sprache zu wählen, was bei der schwierigen Materie sehr wohltut. Dennoch sind des öfteren Leseunterbrechungen notwendig, weil zwischen mehreren Beiträgen gewechselt werden muss, in denen der jeweilige Begriff erklärt wird, um dann wieder zu seinem aktuellen Text zurückzukehren. Nicht erwähnt wird leider, dass die meisten Werke Lacans in einem assoziativen, kaum verständlichen Stil geschrieben sind, der zwar einen höchst anspielungsreichen Umgang mit dem Französischen pflegt, der aber die internationale Rezeption bis heute behindert hat. Althusser nannte ihn deshalb einen „intellektuellen Terroristen“. Ist ein Schelm, wer vermutet, dass dies der Grund für seine relativ große Anhängerschaft ist? Da Lacans assoziative Performance schon damals kritisiert wurde, ging er in den 70ern dazu über, die Tafeln mit pseudo-mathematischen Formeln (Matheme) vollzukritzeln. Sie sollten seine Konstrukte logischer erscheinen lassen, was aber noch dem letzten wohlwollenden Lacanversteher den Rest gab. Über den Daumen gepeilt lässt sich sagen, dass ca. 40% seiner Theoreme halbwegs aufklärend wirken. Ein Leser, der in der Gesamtheit seiner „Theorien“ zuzüglich deren Anliegen wirklich bewandert ist, wird ihn jedoch kaum als den Aufklärer betrachten können, als der er von Žižek ständig gesehen wird. Lacan war vielmehr ein Verfechter des phallokratischen Patriarchats und ein reaktionärer Rauner von vielfältigen Obskurantismen wie des großen Anderen oder des obskuren Gottes, für dessen anonymen Genuss der Perverse angeblich alles tue. Sie nehmen eine relativ zentrale Stellung in seinen Theorien ein, wären aber treffender als „Mythologien“ zu bezeichnen.

Den Abschluss bilden Beiträge zu jeweils 17 renommierten Philosophen, Regisseuren und Psychoanalytikern, deren Einfluss auf Žižek beschrieben wird: Althusser, Badiou, Butler, Derrida, Freud, Hegel, Heidegger, Hitchcock, Kant, Lacan, Laclau, Lenin, Marx, Meillassoux, Milbank, Schelling.

Das Handbuch bietet so durchaus einen Leitfaden und eine Orientierungshilfe für das unübersehbar voluminöse Werk Žižeks. Bedauerlich ist, dass es die neuesten Entwicklungen wie die Quantum History. A New Materialist Philosophy (2025), in denen er der Frage nachgeht, wie die materialistische Philosophie sich durch die neueren Entwicklungen in den Quantenwissenschaften verändern wird, nicht mehr aufnehmen konnte. Rien ne va plus.

Van Reybrouck – Die Welt und die Erde

David Van Reybrouck

Die Welt und die Erde

Wie können wir sie bewahren?

Tb., 62 Seiten, 12.- €

Berlin 2025 (Suhrkamp-Verlag)

von Bernd M. Malunat

In der Kürze liegt die Würze. Auf gerade 62 Seiten gelingt es dem Autor, eine eindrucksvolle Beschreibung unseres gegenwärtigen Verhältnisses von der Welt zur Erde zu verfassen. Man ist geneigt, fast jede Zeile zu unterstreichen und noch mit einem Ausrufezeichen zu versehen. Zum Verständnis des etwas metaphorisch klingenden Titels: Unter ‚Welt‘ versteht Van Reybrouck das, was wir alltäglich erleben, also eine politische Gestalt, die in Form und Inhalt – mehr oder weniger – souveräner Staaten unser Leben zu bestimmen scheint. Unter ‚Erde‘ versteht er dagegen die natürlichen Grundlagen des Planeten, auf und mit denen diese ‚Welt‘ ihren Lauf nimmt. Das sei ein gravierender Unterschied, in seinem Verständnis ein Gegensatz, den es aufzulösen gelte, weil die ‚Erde‘ zum Opfer werde, wenn sie dem traditionellen Denken der ‚Welt‘ verhaftet bleibt.

Auf interessante Weise entwickelt Van Reybrouck das traditionelle Denken anhand der Entwicklung der modernen Diplomatie (17 ff.). Natürlich gab es diplomatische Beziehungen nahezu und überall zu allen Zeiten, doch das Europa des 17. Jahrhunderts brachte etwas Neues hervor. War Diplomatie davor eine eher persönliche Angelegenheit zwischen Herrscherhäusern, machte sie Kardinal Richelieu im Gefolge Machiavellis zur Staatsräson und damit zur Grundlage der internationalen Beziehungen souveräner Staaten, zumeist allerdings auf bilateraler Basis. Damit hatte es ein Ende, als nach der endgültigen Niederlage Napoleons die Neuordnung Europas anstand. Der Wiener Kongress (1814-15) verlangte nach einem Multilateralismus aller betroffenen Kriegsparteien, um die konservative Herrschaft wiederherzustellen. „Damit war der Ton für die nächsten zwei Jahrhunderte gesetzt“ (22). Nach zwei fürchterlichen Weltkriegen und dem Beginn der Entkolonialisierung wurde zwar eine Vielzahl internationaler Organisationen gegründet; im Grunde blieb es allerdings bei der „Staatsräson, (dem) wohlverstandenen Eigeninteresse aus der anthropozentrischen Weltpolitik“ (25).

Doch „die Rezepte der Weltpolitik sind für die Erdpolitik nicht unbedingt hilfreich“ (28), ein „Multilateralismus nach Vorväterart“ (31) sei unzureichend, weil „der Planet brennt“ (32). „Die Probleme der Erde sind von völlig anderer Art als die Probleme der Welt“ (32), weil sie über die „klassischen Konflikte zwischen Menschen untereinander hinausgehen“ (33). „Der Planet ist (… mehr als die Summe von Nationen“ (33). Die planetare Polykrise sei zwar anthropogenen Ursprungs, lasse sich aber nicht anthropozentrisch lösen. Weil sich die Krisen nicht um die politischen Konturen der Nationalstaaten scherten, bedürfe es eines neuen Prinzips: jenseits der Logik der Staatsräson müsse eine Erdräson treten, „ein umfassender Ansatz, der die grundlegenden Bedürfnisse des Erdsystems über nationale Interessen stellt“ (34).

Diese Merksätze für eine ‚raison de terre‘ haben bereits Zuspruch bei großen Teilen der Weltbevölkerung gefunden, wie eine breit angelegte Studie belegen soll (37 ff.). Van Reybrouck sieht darin eine klare „Relativierung der nationalstaatlichen Souveränität“ (38), die sich aber nirgendwo Gehör verschaffen könne. Er fordert deshalb eine neue Form von Diplomatie, die nicht nur den Interessen der Staaten, sondern auch denen des Planeten dienen soll. Diesem Ziel könne man durch die Einsetzung eines globalen Klima-Bürgerrates, der die Vielfalt der Welt repräsentiert (43), zumindest dann näher kommen, wenn er zu einem festen Bestandteil der COP-Konferenzen würde – und das hält er für „weniger utopisch, als es auf den ersten Blick scheinen mag“ (45).

„Wir leben in absolut historischen Zeiten“ (49); daher müsse das multilaterale Paradigma revidiert werden zugunsten einer Diplomatie, die ihren Dienst im „Namen der Erde“ (49) auszuüben hat. Dieses neue diplomatische Modell dürfe nicht durch den Blick auf westliche Vorbilder verengt werden, müsse vielmehr die diplomatischen Traditionen anderer Kultur einbeziehen. „Der Beginn einer planetarischen Diplomatie, einer echten Erdpolitik, ist deshalb auf die besten Ideen der Welt angewiesen, um erfolgreich zu sein“ (52). Es sei an der Zeit für ein im philosophischen Sinn neues geozentrisches Modell, welches „das Erdsystem in den Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns stellt und die Erdräson als Grundprinzip einer global governance anerkennt“ (55), um die Bewohnbarkeit unseres Planeten sicherzustellen. „Es ist an der Zeit, planetar zu denken“ (56).

Bei aller Zustimmung zu dem nicht zuletzt appellativ-optimistischen Text: cogito ergo sum sollte seine Bedeutung behalten. Daran schließt sich dann aber die völlig vernachlässigte Frage an, wie eine noch immer wachsende Bevölkerung sich zu ernähren vermag! Oder wird das cartesische Diktum seine ernsthafte Bedeutung vielleicht erst durch ‚Erdpolitik‘ erlangen, indem es den Ausgang des Denkens aus selbstverschuldeter Unmündigkeit wagt?

Der mit großer Empathie verfasste Bericht über die beängstigenden Verhältnisse auf dem ‚blauen Planeten‘ eignet sich nicht zuletzt auch für den Unterricht, weil er quer liegt zu den Perzeptionen der national und international handelnden Akteure, doch die Hoffnungen und Erwartungen nicht nur der kommenden Generationen erfüllen könnte.