Sparenborg/ Moellendorf (Hg) – Klimaethik

Lukas Sparenborg / Darrel Moellendorf (Hg)

Klimaethik. Ein Reader

Tb., 511 Seiten, 30.- €

Berlin 2025 (Suhrkamp-Verlag)

von Fritz Reheis

Klima und Ethik zusammenzudenken, ist eine ausgesprochen anspruchsvolle Aufgabe, weil Subjekt und Objekt sowie die Umstände derjenigen Handlungen, die es ethisch zu beurteilen gilt, schwer zu identifizieren sind. Die Schwierigkeit beginnt schon bei der Benennung des Problems. Handelt es sich um einen Wandel, eine Krise oder eine Katastrophe des Klimas? Wer sind die Verursacher, wer die Betroffenen? Wie weit reichen diese Kollektive räumlich (intra-generationell) und zeitlich (inter-generationell)? Welche sozialen, ökonomischen und politischen Strukturen und Dynamiken müssen bedacht werden, wenn von kollektiven Subjekten und kollektiven Objekten gesprochen wird, deren problematische Praktiken ethisch beurteilt werden sollen? Spielt bei dieser Beurteilung das Wissen der Subjekte über die Konsequenzen und die Vermeidbarkeit ihrer problematischen Praktiken eine Rolle? Welche Vermeidungs- und Anpassungsmaßnahmen sind den verursachenden und betroffenen Kollektiven jeweils zumutbar? Und schließlich: Ist eher ein verantwortungsethischer oder ein deontologischer oder aber ein diskursethischer Ansatz grundsätzlich dazu geeignet, die Komplexität angemessen zu bearbeiten?

Die Herausgeber des Readers, Lukas Sparenborg, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaften, und Darrel Moellendorf, Professor für Internationale Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt/Main, haben sich dieser anspruchsvollen Aufgabe gestellt. Der Reader „Klimaethik“ versammelt sowohl bekannte, klassisch gewordene Texte der Sozialethik aus den vergangenen Jahrzehnten (oft noch ohne Bezug auf das Klima) wie auch neuere und bisher wenig bekannte Beiträge speziell zur Klimaethik, wobei ein Großteil der Texte ursprünglich auf Englisch erschienen ist. Hintergrund dieser Auswahl ist die Überzeugung, dass sich Klimagerechtigkeit „am besten im Lichte sorgfältiger Überlegungen und intelligenter Diskussionen über die auf dem Spiel stehenden Werte verwirklichen“ lässt (9 f.).

Die Herausgeber haben die Beiträge in vier Themenblöcke gebündelt. Der erste Block behandelt den „Klimawandel als Gerechtigkeitsproblem“. Der zweite thematisiert den Klimawandel in Bezug auf das „Verhältnis zwischen den Generationen“. Im dritten Block geht es um „individuelle und kollektive Verantwortung“. Der vierte Block schließlich trägt die Überschrift „Klimagerechtigkeit im Kontext globaler Ungerechtigkeiten“. Schaut man sich die Titel der einzelnen Beiträge genauer an, wirkt die Zuordnung zu den Blöcken allerdings bisweilen recht willkürlich. Warum etwa ist der Text aus „Das Prinzip Verantwortung“ von Hans Jonas dem Block mit dem Fokus auf intergenerationelle Verhältnisse zugeordnet und nicht dem über Verantwortung? Gleiches gilt für den Beitrag „Globale Erwärmung in einer ungleichen Welt“ mit dem Untertitel „Ein Fall von Öko-Kolonialismus“, der im Einstiegsblock über den Klimawandel als Gerechtigkeitsproblem zu finden ist, nicht aber in dem Block, der den Klimawandel auf die globalen Ungerechtigkeiten bezieht?

In der Einleitung begründen die Herausgeber ausführlich die Bedeutung des Readers für die aktuellen Diskurse und geben einen Überblick über die vier Blöcke. Die Zusammenfassungen der einzelnen Beiträge sind zwar von schwankender Qualität, führen aber gut in die ziemlich verschachtelten und vor allem voneinander isolierten Diskurse ein, die in der Moralphilosophie, der politischen Philosophie und der politischen Theorie über das Klimathema geführt werden. Mit eigenen Stellungnahmen halten sich die Herausgeber zurück und ermutigen die Leser (Studierende wie Forschende), weitere „Nachforschungen“ zu den Diskursen anzustellen. Am Ende der Einleitung benennen sie einige Themen, die es nicht mehr in den Reader geschafft haben, obwohl sie in den kommenden Jahren noch wichtiger werden dürften: die Finanzierung der Klimapolitik, der Zusammenhang von Klimawandel, Verlust der biologischen Vielfalt und Tierethik sowie die Diskussion über die Ethik des Klimaaktivismus (Ziel-Mittel-Verhältnis, Gehorsam und demokratische Normen).

Ein schweres Versäumnis, so muss an dieser Stelle angemerkt werden, ist freilich die Aussparung des Zusammenhangs von Klimawandel und Kapitalismus. Das Fehlen dieses Themas wird zwar an einer Stelle (15) kurz eingeräumt, taucht aber am Ende in der Liste der in Zukunft noch wichtiger werdenden Themen nicht mehr auf. Das ist gravierend, weil gerade die Frage nach der Zumutbarkeit einer Vermeidungs- und Anpassungspraxis in Bezug auf Klimaveränderungen erst dann ethisch diskutierbar wird, wenn die Zwangslogiken des Kapitalismus vor dem Hintergrund des weithin anerkannten ethischen Prinzips „Sollen impliziert Können“ („ultra posse, nemo obligatur“) berücksichtigt werden. Insgesamt ist der Reader ohne Zweifel eine reichhaltige Fundgrube im bisher noch recht jungen philosophischen Klimadiskurs. Für die Systematisierung dieses Diskurses und die unerlässliche Einbeziehung der politischen Ökonomie gibt es allerdings bessere Alternativen (für letztere etwa: „System Change oder Klimakollaps“ von Franz Garnreiter).

Demirović – Marx als Demokrat

Alex Demirović

Marx als Demokrat

oder: Das Ende der Politik

Tb., 192 Seiten, 16.- €

Berlin 2025 (Karl Dietz-Verlag)

von Fritz Reheis

„Längst lehnen die herrschenden Klassen die Demokratie nicht mehr ab“, so Alex Demirović, „sondern üben ihre Herrschaft in vielen Staaten in dieser Form aus“ (12). Dem zweiten Teil dieser Aussage kann man ohne Zweifel zustimmen. Hinter den ersten Teil muss man angesichts des globalen Rückzugs der Demokratie, am offensichtlichsten derzeit in den USA, allerdings ein Fragezeichen setzen. Weil bei den ökonomisch und gesellschaftlich Herrschenden die Demokratie als politische Herrschaftsform offensichtlich immer noch – oder wieder? – umstritten ist, ist das neue Buch des an der Goethe-Universität Frankfurt am Main lehrenden Sozialwissenschaftlers, der zugleich Senior Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung ist, hoch aktuell.

Wenn es um Demokratie als politische Herrschaftsform geht, können in der Kritischen Theorie zwei grundlegende Perspektiven unterschieden werden: eine eher idealistische Perspektive auf die kommunikativen Verhältnisse von Politik mit der Leitidee, Ratio und Voluntas zur Deckung zu bringen (Habermas), und eine materialistische Perspektive, die von den Klassenverhältnissen ausgeht und je nachdem, welche Klasse die Gesellschaft beherrscht, auch die politische Herrschaft als eine zu spezifizierende „demokratische“ begreift (bürgerliche Demokratie versus sozialistische Demokratie). Demirović nimmt, so verstehe ich den Autor, eine Mittelposition ein. Wer die Marxsche Perspektive auf Staat und Politik verstehen wolle, so Demirovic, dürfe sich nicht damit begnügen, politische Verhältnisse einfach aus ökonomischen Verhältnissen (Interessen) abzuleiten. Er müsse vielmehr – entsprechend den Grundkategorien von Basis und Überbau – die Formen der „Überbauten“, also Recht, Politik, Religion und andere, im Detail herleiten, um die „differenzierte Gliederung der besonderen Verhältnisse zu begreifen“ (9).

Anders als etwa Perry Andersen, der bei Marx (aus historischen Gründen) nichts Brauchbares über Staat und Demokratie zu erkennen vermag, durchforstet Demirović das Marxsche Werk sehr gründlich, um ein möglichst vollständiges Bild über die Entwicklung der Thematisierung von Politik und Demokratie zu erhalten. „Marx´ zahlreiche Äußerungen zur bürgerlichen Demokratie lassen sich derart verstehen, dass er sie als ein Moment eben jenes idealen Durchschnitts begreift, der die innere Organisation der kapitalistischen Produktionsweise ausmacht – ein Moment, ohne das sich kapitalistische Ausbeutung und kapitalistische Herrschaft nicht vollziehen können“ (13). Demokratie, so Demirović, stehe bei Marx dem Kapitalismus also nicht nur nicht entgegen. Mehr noch: Ohne diese politische Form könne „kapitalistische Akkumulation nicht gelingen“ (19).

Auch wenn mittlerweile empirisch vieles gegen diese Aussage spricht, bleibt die Tatsache bestehen, dass nicht nur das Bürgertum mit seinen vielfältigen Interessen und Machtpotenzialen, sondern auch die Arbeiterklasse und all jene Kräfte, die den Kapitalismus überwinden wollen (Anarchisten, Sozialisten, Kommunisten) und zu diesem Zweck Parteien und andere Organisationen bilden, mit der Demokratie leben müssen. Demirović zählt eine ganze Reihe von Herausforderungen auf, die im demokratischen Prozess auch im Kampf um die Überwindung des Kapitalismus zu bewältigen sind (13-18): die Definition von „Volk“, der Umgang mit „Pluralismus“, die Verbindung von kurzfristigen Einzelentscheidungen und langfristigen Weichenstellungen (wenn´s ums „gesellschaftlich Ganze“ geht), die Begrenztheit des „Wissens“ und der „Zeit“, die Korrigierbarkeit von Entscheidungen, der Umgang mit Ideologie, die Suche nach Bündnispartnern und die prinzipielle Offenheit des demokratischen Prozesses. Weil diese Herausforderungen zumindest teilweise auch nach der gelungenen Überwindung des Zwangsgesetzes der Akkumulation erhalten bleiben dürften, würden demokratische Formen des Politischen weiterhin nicht nur Bestand haben, sondern „unumgänglich“ sein, so der plausible Schluss. Demirović stellt sich allerdings im Zusammenhang mit der Vielzahl kritischer Demokratietheorien die Fragen ob es den Gegenstand „Demokratie“ überhaupt gibt und in welcher Weise, und welche Erwartungen an eine Theorie der Demokratie gebunden sind und welche Form sie annehmen sollte (18).

Marx jedenfalls habe die Vision einer „Rücknahme des Staates in die Gesellschaft“ (71) gehabt. Das werde vor allem in seinen Ausführungen zur Pariser Kommune 1871 deutlich. Sie sei für Marx die „größte Revolution“ des Jahrhunderts (68) gewesen, eine „Weltrepublik“, die die Aufgabe gehabt habe, die gesamte Menschheit zu befreien. Marx sei es darum gegangen, den Staat als eine „übernatürliche Geburt der Gesellschaft“ zu überwinden (71). Im Zusammenhang mit der Befreiung der Arbeit, so zitiert Demirović Marx, sei nicht die Arbeitsteilung das Problem, sondern die mangelnde Transparenz und vor allem die mangelnde Absprache, die dazu beitrage, dass die Arbeitsteilung selbst nicht demokratisch koordiniert werde (73). Wenn Marx im „Kapital“ von der Auflösung des Fetischismus der Arbeitswelt, vom „Verein freier Menschen“ und von traditionellen Dorfgemeinschaften spreche, zielt das ja in der Tat auf genossenschaftliche und rätedemokratische Formen des Wirtschaftens.

War Marx also Demokrat? Es kommt darauf an (siehe die offenen Fragen oben). Jedenfalls hat sich Marx´ Erkenntnisinteresse im Laufe seines Lebens verlagert. Das kann mithilfe der in diesem Buch abgedruckten Originaltexte aus dem Zeitraum zwischen 1842 und 1875 im Detail nachvollzogen werden. So spricht Marx 1843 noch von der Demokratie als dem „aufgelösten Rätsel aller Verfassungen“ („Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“). Im „Kapital“ geht es Marx dann um die konkrete soziale Kooperation im Zusammenleben der Menschen jenseits der Zwangslogik kapitalistischer Akkumulation und Zirkulation. Demirović bedauert zurecht, dass dieser Aspekt im Marxschen Werk in der Praxis linker Politik im Gefolge von Marx kaum eine Rolle gespielt habe. Vielleicht, so der Rezensent, könnte hier die „Theorie des kommunikativen Handelns“ (Habermas) und „Die Transformation der ökonomischen Vernunft“ (Peter Ulrich) eine neue Perspektive eröffnen.

Detering – Die Revolte der Erde

Heinrich Detering

Die Revolte der Erde

Karl Marx und die Ökologie

geb., 221 Seiten, 28,- €

Göttingen 2025 (Wallstein)

von Percy Turtur

Der Buchtitel ist etwas irreführend: Eine ‚Revolte‘ ist wie die kleine Schwester der Revolution, ein Aufbegehren, meist erfolglos und folgenlos. Das kann nicht die Intention dieses Buches sein. Auch der Untertitel verrät nicht wirklich viel über das Ansinnen des Literaturwissenschaftlers und Lyrikers Detering: Das Buch beschäftigt sich mit Karl Marx in erster Linie als Literaten und dann erst als Ökologen, soweit beides überhaupt voneinander getrennt wird.

Der Text beginnt mit einem Paukenschlag: einem Plakat mit Stalin als Gestalter (und Zerstörer) der Natur, die Negierung der persönlichen Freiheit des Einzelnen nicht zu vergessen. Der (nicht mehr) real existierende Sozialismus wird mit seinem unmenschlichen Antlitz zitiert und mit dem Plakat des sowjetischen Künstlers Viktor Semenowitch illustriert: Entindividualisierung und gewaltsame Verwandlung der Natur mittels technischer Macht um des Fortschritts willen. Ein Irrweg, wie Detering meint, aus den Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels begründen zu können, den diese so nicht vorgegeben und keinesfalls unterstützt hätten.

Im Fortgang der Einführung stellt Detering verschiedene Lesarten der Marxschen Texte, von den Frühwerken bis zu den späten Texten, einander gegenüber und plädiert unter anderen mit Iring Fetscher, Walter Benjamin und Kohei Saito, einem Mitarbeiter der MEGA², für ein ‚close reading‘ der Texte. Die textnahe Interpretation soll Inhalt und Form nicht trennen und damit nicht, wie im ‚orthodoxen Marxismus‘ geschehen sei, grundsätzliche ökologische Intentionen bei Marx abschneiden. Damit einher geht auch eine Rehabilitation der Romantik, die nicht als affektiv und schwärmerisch, sondern als ‚vielstimmig‘ und ‚spannungsvoll‘ zu verstehen sei.

Ein erstes Beispiel ist der Aufsatz zum ‚Holzdiebstahl-Gesetz‘ des jungen Marx in der ‚Rheinischen Zeitung‘, in dem er die Verwandlung des Rohstoffs Holz in eine Ressource der Industrialisierung, die Verwandlung eines von der Natur, den Bäumen selbst bereitgestellten Gebrauchswerts für die Armen in einen Tauschwert für die aufstrebende Industrie kritisiert.

Die Frühromantik, so Detering, habe in Gestalt von Ludwig Tieck, Bettina von Arnim und Karoline Günderrode, philosophisch geschult unter anderem an Schelling, die ‚Idee der Erde‘ als eines ‚dynamischen Netzwerks‘ auf der Höhe naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ihrer Zeit entwickelt. Eine Vorstellung, der sich Goethe, nicht wirklich ein ‚Romantiker‘, durchaus anschließen konnte. Und auch bei Marx, so Detering, finde sich der Einfluss der Romantik von den schwärmerischen Gedichten des achtzehnjährigen Marx bis in die ‚Pariser Manuskripte‘ direkt wieder. Später entwickele Marx in Abwehr dieser schwärmerischen Poesie eine ‚Rhetorik der Kälte‘, die analytisch ihren Gegenstand systematisch untersucht. Jedoch komme Marx nicht wirklich weg von der Empathie, vom Engagement für das Subjekt seiner ökonomischen Untersuchungen.

Die Vorstellung der Erde als eines ‚Leibes‘, der mit dem Menschsein in einem lebensnotwendigen ‚Stoffwechsel‘ stehe, begleite Marx’ Werk von den ‚Pariser Manuskripten‘ bis hin zum ‚Kapital‘, dem hoch reflektierten Spätwerk. Die In-Eigentum-Nahme der Erde und ihre Aufteilung seien das absehbare Ende dieser Symbiose: „… dieser Kapitalismus ist die tödliche Stoffwechselstörung dieses Leibes. Er ist es nicht erst in einzelnen Auswirkungen, sondern schon in seiner Konstitution selbst“ (57).

Detering verbindet Shakespeare, William Petty, Descartes, Adam Smith, Charles Darwin, Goethe und zahlreiche andere Autoren aus der Menschheitsliteratur mit Marx zu einer Argumentationskette, die zwischen Sachlichkeit und emotional aufgeladener Schilderung schillert, um das Elend der frühen Industrialisierung plastisch werden zu lassen, die Verkehrung von Subjekt und Objekt, die Mechanisierung des Lebens in der Ausbeutung von Tier und Mensch durch das Kapital. Im Tauschwert und Geld werden alle gesellschaftlichen Unterschiede nivelliert: Am Beispiel der ‚sechs Hengste‘ im ‚Faust‘, die sich das reich gewordene Bürgertum jetzt leisten kann, wird die Aufhebung der gesellschaftlichen Privilegien des Hochadels exemplarisch vorgeführt. Die schon von Goethe als ‚Weltbürger‘ propagierte ‚Weltliteratur‘ erreicht nach Detering mit Marx einen neuen Höhepunkt.

In „Idylle und Tragödie“ (109) wendet sich Detering der „ursprünglichen Akkumulation“ zu, die von Adam Smith als Erklärung für das Gefälle zwischen Reich und Arm eingeführt wurde und unter anderen von Marx als Form eines gewaltsamen Raubes gedeutet wird, der nichts mit jener „Idylle“ zu tun hat, die die politische Ökonomie Smiths propagiert. Zunächst ist es der feudale Landeigentümer, der den Bauern das Land nimmt, das sie ursprünglich selbständig bewirtschafteten; dann übernimmt die bürgerliche Gesellschaft, der Kapitalismus, das Regime und aus dem Grund und Boden wird ein reines Tauschobjekt. Mit Marx wendet sich Detering gegen eine falsch verstandene Romantik wie die von Achim von Arnim, der mit der bürgerlichen Revolution die alte, von ihm verklärte Standesordnung zerstört sehe. Detering rekurriert dabei auf zwei Eigentumsbegriffe, die er bei Marx zu finden meint: Einerseits treten diejenigen als Eigentümer auf, die das Land selber bestellen und nutzen. Da sie darauf angewiesen sind, die Natur, die Grundlage ihrer Arbeit, intakt zu halten, gehen sie, so die These, umsichtig mit ihrer Ressource um. Auf der anderen Seite stehen der feudale und in Nachfolge der kapitalistische Eigentumsbegriff, die das Land von seinen unmittelbaren Nutzern trennen. Der Eigentümer kann damit machen, was er will – auch sein Eigentum um des kurzfristigen Profits willen langfristig zugrunde richten. In der „Zeitenwende“ vom Feudalismus zum Kapitalismus wird der Leibeigene einerseits von seiner Zugehörigkeit zu Grund und Boden (der ihm nicht mehr gehört) befreit, andererseits wird er nur freigesetzt, um auf dem Arbeitsmarkt seine Arbeit verkaufen zu können – als mittelloser Proletarier ohne Zugriff auf seine Produktionsmittel.

Im Kolonialismus findet sich eine weitere Form „ursprünglicher Akkumulation“, die auf der Ausbeutung aller natürlichen und menschlichen Ressourcen beruht. Die Bevölkerung in den Kolonien ist dieser Ausbeutung rechtlos ausgeliefert. Und selbst in der „Idylle“ eines neugeschaffenen Jagdreviers mit ihrem Artenreichtum sieht Marx nach Detering lediglich Willkür und das kapitalistische Interesse am Gewinn, den solch eine ‚künstliche Natur‘ dem Eigentümer bringen kann. Auch das sind keine Naturlandschaften, in die Menschen als Naturwesen integriert sein können.

Im Kapitel „Auswege“ (133) geht Detering, Marx folgend, auf die Entwicklung in den frühen Menschheitskulturen ein, deren Subsistenzwirtschaft Arbeitsteilung, aber noch keine Warenwirtschaft kannte. „Solche Formen einer nachhaltigen Subsistenzwirtschaft sind in den gegenwärtigen Debatten über ökologische Wirtschaftsformen ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt“ (135), wie etwa bei Vandana Shiva und im „Allmende“-Konzept oder bei Simon Schaupp. Offensichtlich sind diese Formen der Subsistenzwirtschaft im Vergleich mit modernen Wirtschaftsformen stabil und halten sich immer noch in wirtschaftlichen Nischen bis in die Gegenwart. Im brieflichen Dialog mit Vera Sassulitsch wird Marx’ Aufmerksamkeit auf die dörfliche Struktur im zaristischen Russland gelenkt, in der es eine „nachhaltige Subsistenz-Kreislaufwirtschaft“ (136) gebe. Damit wird die Frage aufgeworfen, ob derartige Strukturen erst in der kapitalistischen Wirtschaft aufgehen müssen, oder ob derartige Strukturen sich als „dauerhaft lebensfähig“ (137) erweisen können. Ähnliche Wirtschaften auf der Grundlage von Gemeineigentum findet Marx auch in anderen Kulturen, etwa in Asien. Damit, so Detering, revidiere er Teile seiner Vorstellung vom ‚Gang der Geschichte‘.

Detering zeichnet nach, wie Marx sich in seinen ökologischen Untersuchungen zuerst an dem Chemiker Justus von Liebig orientiert, der sich mit der Auslaugung von Ackerboden beschäftigt und auf chemischem Wege versucht, die notwendigen Verbesserungen des Bodens zu erreichen. Später stellt Marx fest, dass der Agronom Carl Fraas sich umfassender mit dem Problem befasst und weitere Faktoren wie etwa die Temperaturveränderungen durch intensiven Ackerbau und den Grundwasserspiegel mit in Rechnung gestellt hat. Neben dem Gesamtklima auf der Erdoberfläche rückt damit auch das Mikroklima in den Anbaugebieten in den Fokus, die ebenso wie die chemische Zusammensetzung des Bodens Einfluss auf die Erträge habe.

In der „Kritik des Gothaer Programms“ von 1875 kritisiert Marx vor allem den Satz „Die Arbeit ist die Quelle allen Reichtums“: Die Ressourcen der Natur sind nach Marx ebenso die Quellen allen Gebrauchswerts als des wirklichen Reichtums. Wird der mittellose Arbeiter von den Mitteln der Arbeit abgeschnitten, die der Kapitalist ihm zur Verfügung stellt, verliert er damit auch seine Subsistenz – also letztlich sein Leben. Und nur Arbeit mit der Natur und nicht gegen sie ermögliche auf die Dauer die Existenz der Menschen auf der Erde, die ihnen die Mittel zum Überleben zur Verfügung stelle, so Detering in seiner Interpretation der Texte und Exzerpte von Marx.

Kurzzeitig richteten sich „für einen historischen Augenblick“ im Mai 1871 (154) die Hoffnungen Marx’ auf die Pariser Commune, auf die „Expropriation der Expropriateure“, auf die Aneignung des Erdbodens und der Produktionsmittel durch die Arbeiter: den „unmöglichen Kommunismus“, der sich, zumindest kurzzeitig, verwirklicht habe. So wie die „Mutter Erde“, die den Tieren und ‚Menschentieren‘ die Mittel zum Überleben zur Verfügung stelle, zum Subjekt wird, wird auch die Maschinerie der Produktion als eine Art ‚Leben‘ persifliert. Dem derzeitigen Anrecht einiger weniger auf Grund und Boden als Produktionsmittel wird die Vorstellung einer Erde gegenübergestellt, die nur sich selber gehört (155). Detering zitiert die berühmte Formulierung von Marx, dass Einzelne, Gesellschaften oder Nationen „nicht Eigentümer der Erde [sind]. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen“. Damit schließe sich, so Detering, der Kreis zu der Abhandlung über den Holzdiebstahl, in der bereits die Natur als Eigentümer in Erscheinung tritt, gegen die „verschacherte Erde“ im feudalen und dann kapitalistischen Recht. Auch werde damit die Unterscheidung von ‚Besitz‘ als vorläufiges Verhältnis zu den Dingen zu ‚Eigentum‘ als unbegrenzter Verfügungsgewalt gemacht (nicht ganz im Einklang mit der gegenwärtigen Rechtsprechung, Anm. d. Rezensenten). In der Lesart von Detering ist die „Emanzipation vom Privateigentum an Menschen und die Emanzipation der Erde … ein und derselbe Vorgang“ (157).

Im 8. Kapitel wird die Utopie zusammengefasst: „Der freie Mensch der kommunistischen Gesellschaft geht tätig mit den Arbeitsmitteln und Proviantkammern der Erde um, und er ist außerdem ein Liebhaber der Künste und Wissenschaften (beider gleichermaßen, da sie ja in seiner Auffassung ein Kontinuum bilden). Dabei folgt er dezidiert seinem eigenen Kopf: ‚urtheilend‘“ (159). Es ist anzunehmen (und zu hoffen), dass mit dem „freien Menschen“ auch die andere Hälfte der Menschheit, die Frauen, mitgemeint ist. Mit ‚Kritik‘ sei zu Marx’ Zeit noch ein fundiertes Urteil über Gegenstände der Kultur und Wissenschaften gemeint. Mit dem „Kapital“ und seiner „bemerkenswerten Stimmenvielfalt“ habe Marx selber ein Beispiel für diese Utopie des Kritisierens geliefert. Emphatisch liefert er Beispiele aus dem „Kapital“, die die von Marx selber angestrebte „Rhetorik der Kälte“ und des wissenschaftlichen Argumentierens konterkarieren. Nicht erst seit Detering wird das „Kapital“ auch als literarischer Text höchsten Ranges eingestuft.

Der Schluss des Buches, das der ‚poetischen Seite‘ im Werk von Karl Marx ebenso wie seinem ökologischen Anspruch nachspürt, hat selbst poetische Qualität: „Die Aphorismen, Szenen und Gedichte, die parodistischen, dramatischen, novellistischen Passagen bringen Redeweisen ins sozioökonomische Sprachspiel des Kapitals ein,“ die im Gegensatz zur „argumentativen Rhetorik der Kälte“ der wissenschaftlichen Argumentation bei Marx stehen: „In dieser weltliterarischen, der universalpoetischen Zitierarbeit werden die in ihren sozioökonomischen Funktionen erstarrten Bauern, Proletarier und Kapitalisten wieder zu menschlichen Gestalten, werden die symbolischen Hengste wieder zu Tieren, wird die Erde wieder zur Erde“ (170).

Detering liest Marx in gewisser Weise quer zu vielen gängigen Interpretationen. Es ist aber nicht unplausibel, bei dem starken Interesse von Marx und Engels am Stoffwechsel zwischen menschlicher Gesellschaft und Kultur auf der einen Seite und der Natur auf der anderen Seite, eine Kritik von Marx an der Ausbeutung der Natur im Kapitalismus über das hinaus anzunehmen, was viele Interpreten in den Texten finden. Zahlreiche Illustrationen unterstützen die Intention des Buches, das einen lesenswerten Beitrag zur Marx-Rezeption darstellt. Man könnte ein Fragezeichen hinter die von Detering immer wieder vorgenommene Subjektivierung der „Erde“ machen, wie sie auch die „Gaia-Hypothese“ vornimmt; sie ist dem emphatischen Versuch geschuldet, Romantik und Marxsche Theorie zu einem Ganzen zusammenzufügen, das mehr sein soll als die Summe seiner Teile: Eine Erde, die nicht mehr getrennt von menschlicher Zivilisation und Kultur zu denken ist, sondern als eine Einheit, in der die Gegensätze von Natur und Kultur aufgehoben sind.

Thomas Buchheim – Suche nach Gründen

Thomas Buchheim (geb. 1957) promovierte 1984 bei Robert Spaemann an der Universität München und habilitierte sich dort 1991 in Philosophie. Er wurde 1993 Professor in Mainz und war von 2000 bis 2023 Ordinarius für Metaphysik und Ontologie an der Ludwig-Maximilians-Universität.
Von 2006 bis 2023 war er Herausgeber des Philosophischen Jahrbuchs. Er ist Mitglied der Kommission zur Herausgabe der Schriften Schellings der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und war von 2010 bis 2013 Vorsitzender der Gesellschaft für antike Philosophie. 2013 war er Inhaber der Gastprofessur an der Graduate School of Human and Environmental Studies der Staatlichen Universität Kyoto. Seit 2022 leitet Buchheim das von der DFG geförderte Projekt des unvollendeten Systems der Spätphilosophie Schellings.

„Für mich ist Philosophie die Freude an der Suche nach Gründen.“ Gespräch mit Thomas Buchheim

Widerspruch: Herr Buchheim. Wie sind Sie zur Philosophie gekommen, und warum haben Sie sich entschieden, Philosoph zu werden?

Buchheim: Ich habe mir bereits in jungen Jahren Überlegungen über „philosophisch“ genannte Fragen gemacht, etwa derart, was es bedeutet, Bewusstsein zu haben und nicht nur tot herumzuliegen; in der Schule wußte ich schon, dass ich „Philosoph“ werden wollte. Ich hatte dann eine Phase, in der ich gerne Koch werden wollte, und dachte, man könne das kombinieren: erst einen praktischen Beruf erlernen und dann Philosoph werden, so dass man einen Boden unter den Füßen hat. Ich habe das dann doch nicht gemacht, weil ich die Zeit bei der Bundeswehr als völlig absurd empfand und gierig nach geistiger Beschäftigung war. Ich erinnere mich, dass ich mich dort in den Keller zurückgezogen und einfach geschrieben habe, nur um die grauen Zellen während dieser langweiligen Phase etwas auf Trab zu halten. Danach hatte ich die Nase einfach voll und dachte: sofort oder nie. Mein Schreiben war weniger literarisch und mehr mit Gedankengängen befasst. Eine der Fragen, die mich oft beschäftigt haben, war, wie das Wollen funktioniert, ob das, was man will, nicht davon abhängt, welche Argumente für welche Seite sprechen. Ich dachte, dass man das eigentlich immer weiter treiben kann. Es lässt sich auf jeder Seite noch etwas „draufsetzen“, auf der einen Seite und dann wieder auf der anderen, damit sie nicht zu kurz kommt. Wie kommt man überhaupt dazu, von mehreren Möglichkeiten eine zu wollen? Das ist ein Beispiel für die Art meiner Überlegungen.

Nach der Bundeswehr habe ich mich umgehört, wo man in Deutschland Philosophie studieren kann, und bekam gesagt, dass München besonders interessant sei. Das Institut war damals noch um einiges größer als jetzt, wo es ja immer noch eins der größten Institute in Deutschland ist. Und – es waren berühmte Leute da. Ich fand es unheimlich fesselnd; es war ein Sturz nicht nur in die studentische Freiheit, sondern eben auch in die Freiheit der Philosophie. Es war immer mein Gedanke, dass man als Philosoph über alles nachdenken kann. Man ist nicht sachlich so gebunden, dass man dann irgendwann Experte ist und sich langweilt, weil man das, was die Leute von einem erwarten, immer noch weitertreiben muss. Im Studium war ich also praktisch völlig mir selber überlassen und konnte im Grunde allem eine interessante Perspektive abgewinnen. Es zählten nur die eigenen Ansprüche und nicht die, die einem vorgesetzt wurden. Damals war die Stimmung eine andere als heute. Diese Tendenz zur Desorientierung in der Philosophie galt als erstrebenswert und wurde oft gelobt. Wer heute Philosophie studiert, erwartet etwas anderes. Und man muss sich auf diese Änderungen einstellen.

Widerspruch: Heute sind ja vielfältige Bestrebungen im Gange, das Philosophiestudium zunehmend zu reglementieren. Ich denke an die Einführung von Höchststudienzeiten oder an das neue Projekt des M.phil.-Abschlusses. Wie stehen Sie zu diesen Bestrebungen?

Buchheim: Die Sache hat zwei Wurzeln. Die von außen, die für den Akademiker unschön ist, weil sie an ihn einfach herangetragen wird: die Knappheit der finanziellen Mittel und die Fragen der Gesellschaft, wozu du eigentlich gut bist, wenn du an der Universität bist. Hinzu kommt der Gedanke des Wettbewerbs, des nationalen und internationalen Vergleichs, in dem man sich behaupten muß. Da geht es nicht an, dass eine Universität sich dem verschließt. – Die andere Wurzel, die man nicht unterschätzen darf, und weswegen ich auch bereit bin, Kompromisse zu schließen, ist die eigene „Klientel“. Heute wollen die Studenten überwiegend einen gewissen Grundstock erhalten und am Anfang erst einmal gesagt bekommen, was eigentlich wichtig ist, – und erst dann, wenn das einigermaßen gelernt ist, in die „philosophische Autonomie“ überwechseln. Das hat ja eine Vernunft für sich. Man will die philosophische Autonomie nicht sofort, weil das nicht Autonomie, sondern das Chaos wäre. Auch wenn man natürlich einwenden kann, dass das Chaos auch wichtig ist, ein produktives Chaos. Doch wenn die eigene Klientel nach einem solchen Grundstock verlangt, dann, meine ich, muss man dem auch Rechnung tragen.

Widerspruch: Wenn man jedoch sieht, dass beim Ausbildungsgang zum M.phil. nur sechs Bewerber dabei geblieben sind, gibt das doch zu der Frage Anlass, ob die Nachfrage nach einem so stark reglementierten Studium wirklich so groß ist.

Buchheim: Gut. Es sind ja auch bloß zwölf Studienplätze insgesamt für den M.phil.; 50% sind also noch dabei. Es ist doch oft so, dass in der Anfangsphase des Studiums noch vieles wackelt. Vielleicht sind es auch die Anfangsschwierigkeiten, weil dieser Studiengang noch nicht genug publik ist und er auch noch nicht die rechte Balance gefunden hat und man in eine gewisse Richtung überzieht. Was ich vorher sagte, gilt jedoch für alle Studienmöglichkeiten der Philosophie: sie alle sollen ein größeres Maß an Orientierung und Verschulung bieten. Der M.phil. verbindet den Akzent in diese Richtung zugleich mit dem höheren Anspruch, die intrikaten Probleme, vor allem der analytischen Gegenwartsphilosophie, kompetent zu vermitteln. Man soll dann auch mitreden können; man soll nicht nur passiv Aufsätze lesen, sondern am Ende des Studiengangs an dieser Diskussion auch teilnehmen, also publizieren. Und da man das richtig trainieren muss, ist das Studium durchaus mit einem Denksport zu vergleichen, was mir übrigens, wie ich eingangs sagte, als eine sehr reizvolle Sache erscheint. Dieser Studiengang geht betont in eine solche Richtung, saubere methodische Gedankengänge im Sinne der analytischen Philosophie selbst zu machen.

Widerspruch: Steht nicht doch das Bestreben dahinter, die Philosophiestudenten für die außerakademische Sphäre zu qualifizieren? Und bedeutet das nicht, das traditionelle Konzept, die Philosophie sei Selbstzweck, zu verabschieden? Habe ich Sie vorhin richtig verstanden, dann muss dies auch für Sie den Nachteil haben, dass die philosophische Freiheit, in der Sie ja das Eigentümliche der Philosophie sehen, sehr stark eingeschränkt wird.

Buchheim: Das gehört in der Tat zu den großen Änderungen. Denn die Philosophie war im Kern, von der ganzen Tradition und vom Selbstverständnis her, rein akademisch. Platon hatte die Akademie außerhalb Athens gegründet, außerhalb des politischen Tagesgeschäfts. Sie grenzte sich bewusst von dieser Berufsdominiertheit des Lebens ab. Heute aber muss sich die Philosophie, um Studenten in genügender Zahl zu behalten, um andere Berufsabschlüsse bemühen. Es ist eben ein doppelt gewurzelter Anspruch, der an sie herangetragen wird: von der Klientel und von außen; und dem muss man sich stellen. – Anders als Sie bin ich jedoch der Meinung, dass die sonstigen Studiengänge, wie der normale Magister, viel eher geeignet sind, um außerhalb der Philosophie unterzukommen. Das sind dann „Leute mit Horizont“, die noch etwas ganz anderes gemacht haben. Sie können auf der einen Seite dieses Andere mit philosophischen Mitteln betrachten; und sie können andererseits aus diesem Anderen auch Anregungen beziehen für das, was sie philosophisch behandeln. In sehr vielen Berufssparten braucht man solche Leute, die mit Fremdem umgehen können, es sich schnell erschließen können, und die vielleicht ein paar Verfahren an der Hand haben, um auch solche Sachen gut zu machen, wo es noch keine völlig gebahnten Wege gibt. Der M.phil. scheint mir jedoch ein Studiengang zu sein, der ganz darauf abhebt, akademischen Nachwuchs zu produzieren. Also, wenn man es ehrlich ausspricht – und ich weiß nicht, ob die Selbstdarstellung des M.phil. im Moment so ehrlich ist –, dann ist er der Regenerationsstudiengang für das Fach Philosophie; denn hier werden Ansprüche gestellt, die doch ziemlich streng sind. Man wird dann unter Umständen den Studienmodus wechseln müssen, was man ja jederzeit kann. Diese Durchlässigkeit finde ich gut. Zwar werden im Moment auf dem umgekehrten Weg vom Magisterstudiengang in den M.phil. noch recht hohe Hürden gesetzt, weil es bisher nur einen Einstiegspunkt im Laufe des Studiengangs gibt. Aber ich werbe dafür, dass man die Durchlässigkeit größer macht. „Wettbewerb“ ist gut und schön; aber man sollte diese Gänge auch nicht zu weit voneinander entfernen, so dass unter Studenten die Stimmung aufkommt, es gebe zwei Klassen. Ich würde also lieber sagen: es sind zwei verschiedene Typen, sich der Philosophie zu nähern, die für ebenso verschiedene Lerntypen geeignet sind. Das Spezifikum des M.phil. scheint mir aber in der Tendenz zu liegen, den akademischen Nachwuchs nach heutigen Standards des Faches reproduzieren zu wollen. Diese werden dann einen sehr engen und heiß umkämpften Markt vorfinden, für den sie viel können müssen, und auf dem sie sich im Vergleich mit den wirklich guten Auslandsuniversitäten durchbeißen müssen, die ja im undergraduate-Bereich viel verschulter sind als hier. Wenn man da für seine eigenen Absolventen überhaupt noch Chancen sehen möchte, dann muss man dafür ein Äquivalent schaffen. Dabei muss man natürlich immer im Auge behalten, dass heutige Standards nicht unbedingt auch die Standards von morgen sind. Die Philosophie bleibt frei.

Widerspruch: Aber damit wird sich die Dominanz der analytischen Philosophie in Deutschland verstärken, die in ihren Ursprungsländern, den angloamerikanischen Ländern, eher etwas an Boden zu verlieren scheint, weil zu wenig Inhalte behandelt werden. Droht nicht damit die klassisch europäisch-kontinentale Philosophie weiter zurückgedrängt zu werden?

Buchheim: Das ist eine Gefahr. In den USA und in England ist der Erwerb der analytischen Fertigkeiten auf jeden Fall die Grundausbildung. Sie ist im ersten Schritt des Studiums entscheidend. Dann aber sind Sie in den USA nicht so gut dran wie bei uns, wo die Pflege der traditionellen Philosophie größer ist. Ich denke, man muss die Sachen eben so miteinander kombinieren, dass man sagt: am Anfang ist die Dominanz der analytischen Fähigkeit nicht schlecht; sie soll aber nicht so betrieben werden, dass die Studenten nichts anderes mehr zur Kenntnis nehmen. Dafür ist entscheidend, wer den Studiengang macht, d.h. die Lehrveranstaltungen abhält. Sind das Leute, die die Analyse zwar auch beherrschen, die aber auch einen allgemeinphilosophischen Horizont haben, oder sind das Leute, die nur diesen Stiefel kennen? Durch eine Einlinigkeit würde diese an sich gute Idee zerstört. Ich verspreche mir schon etwas, wenn seitens des Lehrpersonals Anstrengungen gemacht werden, so dass wir in einigen Jahren sehen können, ob man nicht damit Boden gut gemacht hat. Die Gefahren, die Sie genannt haben, sind da. Aber man muss sie durch die Art und Weise, wie man es macht, möglichst klein halten.

Widerspruch: Die Bestrebungen, in Deutschland immer mehr angloamerikanische Strukturen zu übernehmen, zeigen sich auch in der vor kurzem eingeführten Aufteilung in Departments. Kürzlich war ein Wissenschaftler nach München zu einem Vortrag eingeladen, der nicht kam und in einem offenen Brief an Rektor Heldrich von „albernen Anglizismen“ sprach. Was soll man sich unter einer solchen Einteilung in Departments vorstellen und was sind ihre Auswirkungen und ihre Bedeutung?

Buchheim: Erstmal hat es für mich etwas Komisches, weil es bloß ein anderer Name, ein anderes Wort ist für eine Struktur, die dem sehr verwandt ist, was wir bereits kennen. Ich war vorher in Mainz, und dort hieß es ”Philosophisches Seminar” und gleicht nach allem, was ich weiß, der Struktur des „Departments“, das hier jetzt in Kraft ist, wie ein Ei dem anderen. Wir haben in Mainz bereits Mittel des Faches in der Weise zentral verwaltet, wie das hier jetzt im Department sein soll. Die hauptsächliche Änderung besteht darin, dass bisher der einzelne Lehrstuhl die Mittel verwaltete und jetzt das Department, das die Mittel nach seinen Plänen für das Ganze verteilt. Jetzt können auch andere Professoren als nur die Lehrstuhlinhaber und sogar Assistenten und Mitarbeiter, wenn sie fürs Department interessante Dinge machen, direkt partizipieren, was bisher nur über den Lehrstuhlinhaber, dem sie „anvertraut“ waren, möglich war. Schlimm wäre es freilich, wenn sich jetzt bei der Mittelverteilung Animositäten geltend machen, dass man also übereinander herfällt. Unser Fach, das sowieso in der Universität vergleichsweise schwach da steht, würde sich selbst zerstören. Es wäre schön, wenn man einen Kooperationsgeist entwickelte, wenn die verschiedenen Lager, Logik und Wissenschaftstheorie auf der einen Seite, die klassische, traditionelle Philosophieauffassung auf der anderen Seite, und auch die Religionsphilosophie bzw. -wissenschaft zu einer Einheit würden. Für mich ist das große Vorbild die klassische Philologie. Dieses Fach steht seitens der Öffentlichkeit noch mehr unter Druck als die Philosophie; es ersetzt ihn aber ganz geschickt durch ein hohes Maß an korporativer Identität und bildet quasi eine „verschworene Gemeinschaft“. Das ist vielleicht übertrieben; aber ein bisschen was davon könnte sich die Philosophie abschneiden, auch wenn es bei den Philosophen wohl etwas schwieriger ist, weil die Differenzen immer gleich ins Existentielle zu lappen drohen.

Widerspruch: Ihr Vorgänger in München, Werner Beierwaltes, hat seinen Lehrstuhl, der für „Geschichte der Philosophie“ ausgeschrieben war, sehr historisch betrieben. Wollen Sie ihn in diesem Geist weiterbetreiben oder möchten Sie eher systematisch Ontologie betreiben? Was sind Ihre Pläne und Ziele?

Buchheim: Zunächst ist die Definition des Lehrstuhls gleich geblieben. Er heißt aber nicht, wie Sie sagen, „Geschichte der Philosophie“, sondern „Metaphysik und Ontologie“ mit Schwerpunkt auf der antiken Philosophie und der Philosophie des Mittelalters. Nun hat mein Vorgänger in der Tat den zweiten Teil dieser Beschreibung besonders ernst genommen, während für mich eher umgekehrt die systematische Ausrichtung auf Metaphysik und Ontologie – was Zweierlei ist – den Schwerpunkt bildet. So ist z.B. der Freiheitsbegriff, mit dem ich mich viel beschäftige, ein metaphysisches Thema, aber nicht ohne weiteres und unter allen Gesichtspunkten auch ein ontologisches Thema. Mir ist also die systematische Widmung „Metaphysik und Ontologie“ besonders wichtig, und ich identifiziere das nicht mit Geschichte der Philosophie bis einschließlich Mittelalter. Meine Zuwendung zur und Begeisterung für die alte, besonders die antike Philosophie hat eher einen methodischen Grund: Denn ich verwende frühere Gedankenentwürfe, die ich für gut halte, besonders von Aristoteles und Leibniz, zum Vorbild für eigenes, d.h. durchaus aktuelle Interessen hegendes Denken im systematischen Sinne. „Vorbild“ heißt, dass ich sie nicht als Ganzes nehme, sozusagen als Weltanschauung, sondern mir einzelne Stücke, besondere „Juwelen“ an Genauigkeit und Überzeugungskraft, heraussuche und mich mit ihnen vor dem, was ich eine gegenwärtige, eine zeitgenössisch belehrte Vernunft nenne, zu verantworten suche. Ich lasse mich also vor der heutigen Vernunft zur Verantwortung ziehen für Gedanken, die ich bei Aristoteles oder Platon finde, aber auch bei Leibniz, Kant oder Schelling, mit denen ich mich viel befasst habe. Und ich glaube, dass man in seinem eigenen Denken dann systematisch weiterkommt, wenn man diese herausgelösten Stücke unter dem Licht einer heutigen Vernünftigkeit erneut benutzt und zu rechtfertigen versucht, – vielleicht mit anderen Argumenten, als diese Philosophen selbst verwendet haben. Dieses Verfahren führt meines Erachtens weiter, als wenn man sagt: „gestern war gestern, und heute ist heute“. Unsere ganze Sprache und Kultur sind ja nicht unabhängige Sachen, die einfach so sind, wie sie sind, wie das Planetensystem oder die Teilchen, sondern sind als Elemente unserer eigenen intellektuellen Existenz historisch geformt und damit auch geschichtsbelastet. Deswegen müssen wir die Stücke der Geschichte, die dazu beigetragen haben, dass unsere intellektuelle Verfassung so ist, wie sie ist, würdigen und sie neu durchdenken.

Widerspruch: Konkretisieren wir das: Aristoteles denkt teleologisch; er nimmt eine Zwecktätigkeit in der Natur an. Die heutigen empirischen Wissenschaften, etwa die Biologie, sprechen von Zweckmäßigkeit: die Lunge z.B. ist zweckmäßig für die Luft, die sie atmet. Wie bekommt man das zusammen oder wie ließe sich das heute aktualisieren und vereinbaren?

Buchheim: Dieser Unterschied ist sicherlich ein besonders empfindlicher Punkt. Er gehört aber zu denen, die ich an Aristoteles für wichtig halte und die man nicht einfach aufgeben sollte. Man muss eben zwei Bedeutungen von „Zwecktätigkeit“ unterscheiden, wie Sie das in gewisser Weise schon gemacht haben, wenn Sie Zweckmäßigkeit von Zwecktätigkeit unterscheiden. Einmal das, was im Zeichen einer Absicht, mit einem Ziel getan wird; einmal das, was ohne eine solche Absicht geschieht. Es ist eine Unterstellung der Philosophie und der Naturwissenschaften der Neuzeit, dass die frühere, wenn von Zielen die Rede war, immer eine solche leitende Absicht im Spiel gesehen habe. Aber so war es nicht gedacht, bei Aristoteles ganz gewiss nicht; vielleicht später mal dann im antik-christlichen Bereich. Bei Aristoteles ist keine leitende Absicht im Spiel, sondern der Zweckbegriff bedeutet soviel wie Vollendung. Und der Unterschied, den er macht, ist der, dass manchmal der Bewegungsverlauf so ist, dass ständig sich anderes an anderes reiht, also eine sozusagen sich selbst differenzierende Bewegung, die woanders beginnt als sie endet. Das ist die nichtvollendete Form von Bewegung. Dann aber gibt es die Vollendungsform von Bewegung, wo die Bewegung in sich selbst zurückkehrt und sich selbst wieder in Gang setzt. Das war es, was Aristoteles einen „Naturzweck“ nannte. Wenn ein Embryo sich entwickelt, dann differenziert er sich; aber diese Differenzierung führt zu einem Punkt, in dem sie nicht mehr weitergeht, sondern die Lebenstätigkeit nur noch von der erreichten Gestalt des Organismus initiiert wird und diese Gestalt erhält. Das nennt Aristoteles Entelechie, das „im Ziele sein” einer Sache. Dieses Element der Beschreibung eines Organismus in seiner vollendeten Tätigkeit kann man in gewisser Weise eine Zwecktätigkeit nennen, ein Element, das unter anderem Namen übrigens auch in der Neuzeit sehr prominent gewesen ist: nämlich Selbsterhaltung, nur hat der Gedanke der „Vollendung“ auch noch den Beiklang des Gelungenen und der selbstrelativen Steigerung. Auch bei Aristoteles wird die vollendete Tätigkeit unter dem Gesichtspunkt des Guten gedacht, dass es also gut oder vorteilhaft – Vollendung sagt ja das gleiche – für einen Organismus ist, in diesem Zustand zu sein. Bei ihm hat es etwas Normatives, während die Selbsterhaltung in der Neuzeit eine völlige Beliebigkeit hat: alles versucht, sich selbst zu erhalten; es wird nichts mehr ausgezeichnet.

Dagegen würde ich festhalten an dem Prädikat „gut“. Und die neuere Evolutionsbiologie gibt dieser Ansicht wenigstens in einigen Punkten Recht. Die Organismen in der Natur sind als ausgezeichnet in dem Sinn zu begreifen, dass hier tatsächlich so etwas wie „Gutsein“ realisiert wird. Manfred Eigen hat in einem Vortrag auf ganz abstraktem Niveau zu erklären versucht, wie sich in der Natur bevorzugte Niveaus ausbilden und das Vorteilhafte vom Nachteiligen objektiv unterscheidbar wird; wo das der Fall ist, haben wir eine Entwicklung von Leben. Auch die Evolutionsbiologie operiert also mit diesen Begriffen. Ich glaube, dass man mit dem Gedanken der Vollendung, der sich nicht mehr differenzierenden, sondern sich wiederholenden und dabei intensivierenden, steigernden Tätigkeit ein Element hat, das man aus Aristoteles sehr gut gewinnen kann und von ihm auch sehr gut erklärt bekommt. Ich würde ihn also nicht einfach über den Haufen werfen und sagen: das war einmal. Mit den nötigen Differenzierung ist es ein haltbarer Gedanke.

Widerspruch: Lässt sich heute wieder ein Bündnis der Naturphilosophie mit den empirischen Wissenschaften schließen? Seit Hegel und Schelling ist eine systematische Naturphilosophie ja gründlich in Verruf geraten. Sehen Sie da Möglichkeiten?

Buchheim: Ich sehe diese Chance, wenn man die Naturgegenstände, die die Wissenschaften betrachten, nicht unter Ausnehmung des Menschen auffasst. D.h. so, dass wir auf der einen Seite die rationale Betrachtungsweise des Menschen haben, die auf der anderen Seite auf objektive Natur angewendet wird, welche uns dann zeigt, was sie für uns – die so sie Betrachtenden – ist. Das ist eine Art von Naturwissenschaft, in der sich Philosophie nicht sehr lohnt. Sobald man aber auf die Idee kommt – und auf sie kommen heute immer mehr –, dass die rationalen Vermögen des Menschen in gewisser Weise innerhalb der Natur zustande gekommen sind – wenngleich natürlich das Element der sozialen Welt dazukommt, das sicherlich sehr wichtig für die Entwicklung der rationalen Fähigkeiten ist –, aber wenn man im Prinzip der Meinung ist, das auch das Rationale in gewisser Weise ein animal ist, also ein Tier und also etwas Natürliches, dann finde ich es sehr lohnend, Naturphilosophie mit den empirischen Wissenschaften wieder zu verbinden. Denn die Philosophie ist immer da, wo der Mensch in seiner Existenzweise in den Blick rückt. Sie hat immer einen reflektierenden, auf sich selbst bezogenen Seitenarm, während die Wissenschaft ganz vom Betrachter absieht und nur auf den sich darstellenden Gegenstand achtet. Wie gesagt, wenn man das, was betrachtet, mit in die Betrachtung einbezieht, dann ist auch die Philosophie, in diesem Sinne als Naturphilosophie, wieder am Platz.

Widerspruch: Abschließend noch eine Frage zu Aristoteles. Frede und Patzig vertreten die These, dass Aristoteles die Form immer schon als individuelle denkt. Halten Sie diese These für gut begründet und belegt?

Buchheim: Das ist eine sehr spezielle Frage, aber ich habe mich damit viel befasst. Die These ist besser als die Begründung, die Frede und Patzig dafür gegeben haben. Ich bin dieser Meinung, weil bei Aristoteles sehr deutlich wird, dass er die Form, als eine Substanz, mit der Seele identifiziert. Er sagt das an vielen Stellen, so dass man es gut belegen kann. Wenn jedes Lebewesen seine Seele hat, dann muss ja die Form etwas Individuelles sein. Damit stellt sich natürlich die Frage: Wie kann ein solches individuelles Formelement die Grundlage für allgemeine Definitionen abgeben? Die klassische Lehre war, dass das s, die Form, allgemein sein muss; und ich glaube, dass Aristoteles da eine ganz besonders intelligente Antwort gegeben hat. Frede und Patzig haben sie so nicht dargestellt und deshalb diese These – die ich im Prinzip für richtig halte – nicht so gut begründet. Nämlich: Aristoteles sagt, dass die Seele das Prinzip der Tätigkeiten ist, und dass diese Tätigkeiten, die ein Organismus tut, dafür verantwortlich sind, wie er beschaffen ist, so dass also ein individuelles Prinzip bewirkt, dass ein Organismus von der Art und Beschaffenheit ist, die er ist. Diese Tätigkeiten ähneln sich hinreichend bei den Organismen einer Art, weil sie ja über die Tätigkeit des Reproduktionsprozesses miteinander verbunden sind. Auf diese Weise kann man ihre Ähnlichkeit gut erklären: weil die einzelnen Organismen kraft ihres individuellen Prinzips in ähnlicher Weise tätig sind, sind sie auch ähnlich; und dass sie ähnlich tätig sind, liegt daran, dass sie in einem gemeinsamen Reproduktionsprozess stehen. Und so hat man alle Stücke beisammen: Man hat sowohl die Allgemeinheit der Art als auch die Individualität der Form begründet. Es ist eben ein Vorzug, wenn die Form individuell ist; denn wenn auf der einen Seite die Substanzen nach Aristoteles Einzeldinge sind, und er auf der anderen Seite aber sagt, das, was die Substanz zur Substanz macht, sei die Form, dann wäre es misslich, wenn die Form einfach ein Allgemeines wäre. Denn wie kann ein allgemeines Prädikat dafür verantwortlich zeichnen, dass etwas eine einzelne Substanz ist? Auf dem Umweg, den ich erklärt habe, kann man das recht gut einsehen.

Widerspruch: Herr Buchheim. Wir danken für das Gespräch.

Das Gespräch führte Manuel Knoll.

Kühnlein (Hg) – Singularitäten?

Michael Kühnlein (Hg)

Singularitäten?

Im interdisziplinären Gespräch mit Andreas Reckwitz

Tb., 211 Seiten, 29,- €

Baden-Baden 2025 (Nomos-Verlag)

von Paul Stephan

Andreas Reckwitz, Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der HU Berlin, ist neben Hartmut Rosa wohl einer der meistzitierten und -diskutierten deutschen Soziologen der Gegenwart. Insbesondere seine 2017 bei Suhrkamp erschienene Studie Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne wurde nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch im Feuilleton breit diskutiert und der von ihm hier geprägte Begriff der „Singularität“ immer wieder als Schlagwort bemüht. Ihre These: Seit den 1980er Jahren kam es in den westlichen Gesellschaften zu einer tiefgreifenden gesamtkulturellen Verschiebung von einer Wertschätzung des Allgemeinen, wie sie typisch für die klassische Moderne gewesen sei, hin zu einer Präferenz des Besonderen, eben des Singulären, womit Reckwitz allerdings, und darin dürfte die eigentliche Originalität seiner Diagnose bestehen, nicht bloß die von zahllosen Theorien der Gegenwart beschriebene Individualisierung, sondern eine umfassendere kollektive Suche nach dem Einzigartigen nicht nur von Personen, sondern Objekten aller Art, von Landschaften bis hin zu Kollektiven, meint.

Reckwitz vermag es so, viel diskutierte Phänomene wie die grassierendere Erlebniskultur, die zunehmende politische Polarisierung oder das Revival religiöser Fundamentalismen auf einen eingängigen Begriff zu bringen, der obendrein noch vielfältige Anknüpfungen ermöglicht. Jede und jeder wird schnell zustimmen, dass „Singularität“ ein in unseren postmodernen Kulturen ubiquitäres Phänomen ist; zahlreiche einzelne Phänomene scheinen sich mit diesem Begriff schlüssig beschreiben zu lassen. Seine Theorie besticht zumal dadurch, dass sie nicht wertend, sondern nüchtern beschreibend daherkommt. Reckwitz orientiert sich in seinem Grundansatz eher an Luhmanns Systemtheorie als an der Kritischen Theorie.

Der vom Philosophen Michael Kühnlein verantwortete Sammelband Singularitäten? greift diese Debatte nun noch einmal auf. Er beinhaltet neben einer Einleitung des Herausgebers eine „Eröffnung“ durch Reckwitz selbst, in der er seine zentralen Thesen noch einmal selbst zusammenfasst, sowie zehn „Stellungnahmen“ von Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen zur Singularitätstheorie. Abgerundet wird er dann von einem zweiten Beitrag von Reckwitz, in dem er auf die verschiedenen, von seinen Kollegen vorgebrachten Kritiken und Ergänzungen repliziert.

In seinem initialen Artikel fasst Reckwitz prägnant und konzise seine Forschungen der letzten Jahrzehnte zusammen, was ihn besonders lesenswert macht. Wichtig ist hierbei zu betonen, dass er davon ausgeht, dass für ihn der Gegensatz „eine[r] soziale[n] Logik des Allgemeinen und eine[r] soziale[n] des Besonderen, des Singulären“ (14 f.) von Beginn an, also ab dem späten 18. Jahrhundert, moderne Gesellschaften prägt: „Modern sein, heißt bis ins Extrem zu generalisieren. Es heißt aber auch … bis ins Extrem zu singularisieren“ (15). Während bis weit ins 20. Jahrhundert hinein vor allem der generalisierende Rationalismus für moderne Kulturen bestimmend gewesen sei, verkörpert etwa in der industriellen Massenproduktion, den überbordenden Bürokratien moderner Staaten, dem Funktionalismus in der Architektur bis hin zum Gleichheitsgrundsatz des modernen Rechtssystems, gewinne in der „Spätmoderne“, wie Reckwitz es nennt, die schon in der Romantik antizipierte, gegenläufige Logik des Singulären immer mehr an Attraktivität und werde zum dominanten gesellschaftlichen Orientierungssystem, das Wahrnehmung und Handeln leite. Klassische Beschreibungen der Moderne wie diejenige Webers oder der ersten Generation der Kritischen Theorie bedürften daher der Korrektur.

Der interdisziplinäre und sehr heterogene Charakter der folgenden Beiträge, fast durchweg von Professoren unterschiedlicher Fachrichtungen verfasst, macht es nicht ganz einfach, zentrale Diskussionsfäden zu benennen. In seiner Replik teilt sie Reckwitz selbst wie folgt ein (vgl. 193 f.): Einige thematisieren erstens den Begriff der Singularisierung selbst und setzen ihn in Beziehung zu anderen Konzepten wie Individualisierung und subjektive Erfahrung, andere diskutieren zweitens, inwiefern Singularisierung tatsächlich ein modernes Phänomen sei und sich nicht bereits in vormodernen Gesellschaften beobachten lasse. Hinzu kommen drittens Beiträge, die Singularisierungsprozesse in unterschiedlichen gesellschaftlichen Subsystemen untersuchen und viertens solche, die die Fragen aufwerfen, ob sich die Reckwitz’sche Theorie als Sozialdiagnose verstehen lasse, und in welchem Verhältnis sie zur Kritischen Theorie stehen – wobei Reckwitz einige Aufsätze auch mehreren dieser Kategorien zuordnet. An dieser Einteilung werde ich mich im Folgenden grob orientieren.

Der Soziologe Manfred Prisching wirft in seinem Beitrag Gemäßigte Singularität in der Tat einige wichtige Grundfragen auf. Die Reckwitz’sche Theorie als „Ausweitung der wohlbekannten These von der Individualisierung“ (117) sei eher eine Beschreibung des Selbstverständnisses spätmoderner Gesellschaften als ihrer Realität, ihrer spezifischen Ideologie, die sie nicht hinterfrage, sondern nur nochmal theoretisch reformuliere: „Es ist vielleicht diese Wolke, die Reckwitz beschreibt: nicht die Gesellschaft, sondern die Selbstbeschreibung einer Gesellschaft, die sich von der Wirklichkeit entfernt hat. Singularitätsillusion als Kompensation einer real vermassten Gesellschaft“ (131). Prisching verweist dabei etwa auf die zunehmende digitale Kontrolle der Bevölkerung und auf die zahlreichen Paradoxien des Singularitätsdiskurses, die man etwa besonders sinnfällig im Massentourismus beobachten könne: „Meist haben wir es mit einer standardisierten Einzigartigkeit zu tun“ (126). Und auch er wirft schon die Frage auf, ob das, was Reckwitz „Singularisierung“ nennt, nicht schon in früheren Gesellschaften in sehr radikaler Form existiert habe, etwa im Individualismus der Mächtigen (vgl. 118 f.).

In ein ähnliches Horn bläst auch der Germanist Erik Schilling, der in seinem Aufsatz Singularitäten und Muster der Digitalisierung unter Bezugnahme auf Armin Nassehis Studie Muster (2019) und Marc-Uwe Klings Roman QualityLand (2017) ebenfalls zu zeigen versucht, dass im digitalen Zeitalter scheinbare Singularisierung sehr wohl auf generalisierenden Prozessen der Musterbildung basiert, wenn etwa den Kunden von Webseiten „individuell zugeschnittene Produkte“ (188) auf der Basis ihrer Interaktionsdaten und sie auswertender Algorithmen präsentiert werden. Auch er hält die Singularisierung also eher für ein Scheinphänomen als eines der gesellschaftlichen Basis.

Entsprechend versucht auch der Theologe Volker Leppin im Beitrag Mystik und Visionen als Singularitäten am Beispiel „frauenmystischer Texte“ (91) zu zeigen, dass sich auch der mittelalterliche Diskurs um individuelle mystische Gotteserfahrungen von Frauen als eine Praxis der Singularisierung beschreiben lasse – und die in diesen Berichten ausgestellte Besonderheit mithin nur vor dem Hintergrund eines allgemeinen kulturellen Grundmusters funktioniere.

Der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke beginnt seinen Aufsatz Wiederkehr der Vormoderne? Varietäten des Liberalismus in einer postsouveränen Welt mit einigen skeptischen Erwägungen darüber, inwieweit sich die auch von Reckwitz vor allem mit der Ideologie der neuen Mittelschicht assoziierte neue Wertschätzung der Singularität überhaupt zu einer globalen Gesamtdiagnose über die Gesellschaft verallgemeinern lasse, und inwiefern wir es gegenwärtig nicht eher mit einer Rückkehr vormoderner Muster auf globaler wie auch mikrologischer Ebene zu tun hätten im Zuge der Auflösung der im 19. Jahrhundert etablierten nationalstaatlichen Demokratien und ihrer Ersetzung durch imperiale Strukturen, in der die staatlich garantierte Gleichheit durch eine Verstrickung der Individuen in ein Netz vielfältiger Abhängigkeiten und Hierarchien ersetzt werde.

Auch der Theologe Claas Cordemann erblickt in der Singularisierung des Sozialen in seinem Artikel Die Religion der Singularitäten eine primär zu kritisierende Tendenz, gerade weil sie sich selbst aufhebe: Da Singularisierung Allgemeinheit voraussetze, zerstöre eine unbeschränkte Singularisierung nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern werde in sich selbstwidersprüchlich. Einen Ausweg skizziere die religiöse Erfahrung des Singulären, in der die singuläre Erfahrung des Heiligen zugleich auf ein Allgemeines verweise. Den Kirchen komme die Rolle zu, diesen intrinsischen Zusammenhang von Singularität und Allgemeinem immer wieder herauszustellen und die gesellschaftlichen Fliehkräfte dadurch zu bändigen.

Diese eher kritischen Beiträge kontrastieren mit denjenigen von Armin Steinbach Das Amt in einer Gesellschaft der Singularitäten, von Thomas Vesting Die Theorie der Singularisierung und die Evolution des Rechts in der Moderne sowie von Birger P. Priddat Über eine Ökonomie der Kreativitätszumutungen. Sie alle knüpfen mehr oder weniger unkritisch an Reckwitz’ Theorie an und wenden sie ihrer jeweiligen fachlichen Spezialisierung entsprechend auf spezifische Phänomene an: auf die Erwartungen an politische Amtsträger, die Änderungen im Rechtssystem und die zeitgenössische Kreativindustrie.

Der Soziologe Mikael Carleheden und der Herausgeber des Bandes nehmen Reckwitz gegenüber hingegen wiederum eine kritische Stoßrichtung ein. In seinem Aufsatz How to theorize structural transformation: Diagnosis of the times or theory of society? betont Carleheden zunächst, dass Reckwitz seine Theorie dezidiert nicht als Zeitdiagnose verstanden wissen möchte. Während eine Zeitdiagnose die Grundtendenzen einer Gesellschaft umfassend zu beschreiben versuche, um Möglichkeit einer Veränderung zum Besseren aufzuzeigen, und sich insofern zwischen wissenschaftlicher Soziologie und breiter Öffentlichkeit positioniere, beanspruche Reckwitz zwar gleichfalls, ein großes Gesamtbild der Gesellschaft zu entwerfen, gehe jedoch von einem dualistischen Verständnis zwischen Soziologie und Öffentlichkeit aus – trotz der erwähnten Breitenwirkung seiner Theorien – und belasse es dezidiert bei einer reinen Analyse, ohne irgendeine Kritik an den beschriebenen Phänomenen zu äußern.

Kühnlein nun versucht in seinem Text Wie besonders ist das Besondere? Zum Verhältnis von Gewalt und Singularität bei Andreas Reckwitz zum einen zu zeigen, dass dessen Theorien durchaus eine kritische „humanistische Pointe“ (108) aufweisen, insofern sie selbst immer wieder die gesellschaftliche Vermitteltheit und mithin Allgemeinheit des Besonderen aufzeigten und insofern die irrationalistische Verabsolutierung des Besonderen zur höheren Wahrheit – wie sie in der Philosophie etwa bei Kierkegaard, Carl Schmitt und Derrida betrieben werde (vgl. 107 f.) – als ideologische Mystifikation kenntlich mache. Zugleich stellt er jedoch die Frage, ob Reckwitz damit nicht den eigentlichen Witz des modernen Authentizitätsdenkens verfehlt, insofern seine Theorie keine klare Differenzierung „zwischen erfolgreicher Selbstvermarktung und authentischer Selbstverwirklichung“ (110) zulasse. Seine Theorie könne mithin nur die gesellschaftliche Bewertung des Singulären erfassen, „nicht jedoch das Singuläre selbst“ (111). Sie scheitere jedoch insbesondere daran, die brutale Seite der Singularisierung hinreichend zu benennen und zu analysieren, die sich etwa im Terrorismus äußere, in den ein von jedweder Allgemeinheit abgekoppeltes Singuläres stets abzugleiten drohe. Es bedürfe dazu einer Explizierung ihres normativen Kerns, um sie zu einer wirklich kritischen Theorie der Singularisierung zu machen.

Der Sammelband vermittelt so einen sehr guten Überblick über Reckwitz‘ Singularisierungstheorie und den Stand der wissenschaftlichen Debatte um sie; ihre Schwächen, aber auch ihre Stärken. Jedem, der sich für Reckwitz’ Theorie im Besonderen und den gegenwärtigen Stand der sozialtheoretischen Diskussion im Allgemeinen interessiert, kann der recht schmale Band daher sehr zur Lektüre empfohlen werden.

Die zentrale These von Reckwitz scheint geradezu unabweisbar zu sein oder weist zumindest eine große lebensweltliche Plausibilität auf. Wir stoßen in unserer alltäglichen Erfahrung immer wieder auf Phänomene der Singularisierung – die sich freilich im politischen Bereich vor allem in einem angsteinflößenden Revival partikularistischer Ideologien und entsprechender affektgeleiteter politischer Bewegungen manifestiert, in einer zunehmenden Erosion der normativen Ordnung der klassischen Moderne. Diese Entwicklung ist umso erschreckender als sich auch der historische Faschismus ja als eine Form der Rebellion im Namen der Singularität – des Volkes, der „Rasse“, der Bewegung, des „Führers“ – mitsamt der entsprechenden ästhetischen Inszenierung fassen lässt. Diese offenkundige, im Sammelband jedoch bemerkenswerterweise gänzlich ausgeklammerte Parallele lässt Reckwitz’ betont ‚nüchterne‘ Perspektive geradezu zynisch erscheinen und provoziert aus sich selber heraus die Frage, ob es nicht doch weiterführt, normative Fragestellungen nicht derart aus der Soziologie fernzuhalten, wie Reckwitz es vorschwebt.

Zu betonen wäre, dass das Bedürfnis nach Singularisierung in seiner modernen Form, wie es sich im 18. Jahrhundert etwa in den Schriften Rousseaus artikulierte und dann von der Romantik weitergestaltet wurde, zu Anfang nicht unbedingt rein konträr zu den normativen Prinzipien der generalisierenden Moderne verstanden wurde, sondern als deren notwendige Ergänzung und Komplementierung. Autonomie und Authentizität, Freiheit und Schönheit, Gleichheit und Individualität wurden versucht, als Einheit gedacht zu werden; der sich schon damals abzeichnenden Tendenz zu einer „kalten“ – vor allem in den entfremdeten Institutionen der Wissenschaft, der Bürokratie und des Kapitalismus vergegenständlichten – Moderne wurde die kühne Vision einer „warmen“, in Rosas Worten: resonanzsensiblen, Moderne entgegengestellt. Die Moderne zeichnet sich seitdem durch einen Dauerkonflikt zwischen diesen drei Tendenzen – verdinglichender Generalisierung, das Einzelne mystifizierender Reaktion und um Versöhnung bemühter Vermittlung – aus, und das eigentliche Problem unserer Gegenwart wäre demgemäß nicht so sehr der Verlust des Allgemeinen, sondern, genauer gefasst, das Auseinanderklaffen anonymisierender Prozesse wie der Digitalisierung und der gleichzeitigen Tendenz zur (illusionären) Verabsolutierung des Singulären in Bewegungen wie dem Trumpismus, in dem sich nicht von ungefähr äußerster Irrationalismus und technokratische Herrschaftsphantasien wie einst im historischen Faschismus in erschreckender Weise paaren.

Reckwitz gelingt es so auch auf einer rein deskriptiven Ebene nicht, die etwa von Prisching und Schilling betonte Gleichzeitigkeit generalisierender und singularisierender Tendenzen in unserer Gegenwart zu fassen, die genau ihre spezifische Dialektik ausmacht; und er konstruiert eine künstliche Ausweglosigkeit durch das Verschweigen der konkreten historischen Alternative einer vermittelnden Moderne, wie sie insbesondere Kühnlein und Cordemann andeuten. Mehr noch: Insofern er selbst auf dem strikten Dualismus von reiner Wissenschaft und öffentlichem Diskurs, deskriptiver und normativer Perspektive beharrt – Unterscheidungen, die ihrerseits normativ sind –, schlägt er sich unter der Hand selbst auf die Seite der verdinglichenden Moderne, deren Ratlosigkeit ob der irrationalistischen Reaktion er ein weiteres Mal reproduziert.

Der wichtige und konstruktive Beitrag Reckwitz’ zu einer wahrhaft kritischen Theorie der Singularisierung liegt, wie Kühnlein zu Recht hervorhebt, in der demystifizierenden Kraft seiner Theorie. Doch genau dieser Kraft beraubt sie sich, insofern sie ja a priori unterschiedslos jede Form der Singularisierung als Hypostasierung zu durchschauen meint, die Differenzierung zwischen wahrhaften und falschen Formen der Singularisierung überhaupt nicht mehr zulässt und zwischen terroristischem Sendungsbewusstsein und befreienden Praktiken der individuellen Emanzipation keinen Unterschied mehr zu machen weiß.

Alternative soziologische Ansätze wie der zeitgenössische von Rosa oder auch die Theorien Charles Taylors, Anthony Giddens und Fredric Jamesons, die schon in den 80ern teilweise sehr ähnliche Zeitdiagnosen artikulierten wie Reckwitz, zeichnet demgegenüber ein größeres nicht nur normatives, sondern auch deskriptives Potential aus; nur eine normativ gesättigte Beschreibung ermöglicht eine adäquate Darstellung der Gesellschaft und umgekehrt.

Der Vorwurf der mangelnden Originalität gegenüber Reckwitz liegt nahe, und man mag unken, dass er das Spiel der Aufmerksamkeitsökonomie und der Inszenierung von Neuheit, das er so detailliert beschreibt, selbst sehr gut beherrscht. Man könnte ihm sogar vorhalten, ursprünglich kritisch intendierte Konzepte aufzugreifen, ihnen ihre normative Spitze zu nehmen und genau dadurch für den desillusionierten Mainstream erträglich zu machen, der gegenüber der Illusion schon längst kapituliert hat. Anzuwenden wäre das Konzept der Singularisierung nicht zuletzt auf den Wissenschaftsbetrieb selbst, der mehr und mehr den Hype um immer wieder neue Modetheorien durch die redliche Reflexion ersetzt, in der idealerweise individuelle Erfahrung und reflexiver Blick in letzter Instanz zusammenfallen.

Am Schluss seines Beitrags macht demgegenüber Priddat einen bemerkenswert einfachen Vorschlag, wie man echte und wahrhafte Neuheit unterscheiden könnte: „[I]ndem wir neue Welten probieren, verlassen wir unsere konventionellen Pfade. Wir öffnen unsere Identitäten, über marginale Differenzen hinaus. Wir beginnen, uns zu transformieren. Die wirklichen neuen Dinge sind jene, die uns transformieren“ (176 f.).

Eine solche Erfahrung bleibt bei der Beschäftigung mit Reckwitz’ Theorie leider weitgehend aus. Mich lässt sie jedenfalls eher kalt zurück. Sie wirft zweifellos die richtigen Fragen auf, doch verunmöglicht zugleich die Perspektive auf eine Antwort. Sie reformuliert weitgehend bereits Gesagtes, und das auch noch in depotenzierter Form, und entspricht allzu sehr dem, was man ohnehin schon weiß und redet. Von einem wirklich großen Wurf würde man sich mehr erwarten – doch vielleicht hat das schlechte Auseinanderdriften von Generalisierung und Singularisierung die Wissenschaft auch schon zu sehr erfasst, um ihn noch leisten zu können.

Nida-Rümelin – Der Epochenbruch

Julian Nida-Rümelin

Der Epochenbruch

Auf dem Weg in eine neue Weltordnung

br., 102 Seiten, 12,- €

Berlin 2025 (Matthes & Seitz)

von Bernhard Schindlbeck

Wenn man nicht versteht, was sich auf der Weltbühne gerade ereignet und aus welchen Gründen es geschieht, flüchtet man sich gerne ins Pathetische und Hyperbolische. Zeitenwende. Epochenbruch. Wer (außer Oswald Spengler natürlich) bietet mehr? „Ich bin überzeugt, dass wir derzeit einen Epochenbruch erleben, der in seiner Bedeutung mit den Jahren 1648, 1789, 1914, 1945 und 1990 vergleichbar ist.“ (8) Wer bietet mehr?

Trotz seines etwas reißerischen Titels ist das Buch von Nida-Rümelin interessant und lesenswert, vielleicht sogar lehrreich. Es enthält Einschätzungen zur gegenwärtigen internationalen Lage, zu Kriegen und damit verbundenen politischen Bestrebungen und Programmen, die im öffentlichen Diskurs (jedenfalls in Deutschland) nicht vorkommen. Es setzt sich damit vom gegenwärtigen medialen Gleichschritt zu immer mehr militärischer Begeisterung und zur zunehmenden „Kriegsparanoia“ in allen Zeitungen und Talkshows, zur Verbreitung der „Vorstellung, man lebe in einer ‚Vorkriegszeit‘“ (81; mit namentlichem Hinweis auf Karl Schlögel, einen Propagandisten der ‚Vorkriegszeit‘) wohltuend ab. Verwiesen wird etwa im Kontext des Ukrainekriegs auf Jeffrey Sachs, Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen, demzufolge „das Agieren der USA seit den 1990er Jahren zu einer zunehmenden Spannung mit Russland geführt [hat], die mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zum Krieg führen musste. Sachs bestreitet, dass es sich um einen nicht provozierten Krieg handelt“ (22). So eine Stimme ist in Deutschland inzwischen nicht mehr zu hören. Darauf folgt aber sogleich das Gegenbild: „Demgegenüber steht die Darstellung Russlands  als einer imperialistischen Macht, die jede Schwäche des Westens ausnutzt, um die Schmach des Zusammenbruchs der Sowjetunion ungeschehen zu machen und alte Einflusszonen wieder unter Kontrolle zu bringen“ (23).

Es geht mithin immer auch um die Frage, wie und von wem Konflikte und konfliktreiche Entwicklungen „erzählt“ werden. Nida-Rümelin beharrt darauf, dass es nicht nur (wie es heutzutage oft behauptet wird, wofür er u.a. und – wie es analytische Philosophen gerne tun – vorschnell sog. postmoderne Theoretiker verantwortlich macht) unterschiedliche oder gegensätzliche Narrative, sondern eine objektiv feststellbare Realität und Wahrheit gibt. Diese lasse sich – wie etwa der tatsächliche Ablauf bei einem Verkehrsunfall – rekonstruieren, wenn man geduldig alle Ergebnisse technischer Untersuchungen, Fotos, Zeugenaussagen, Indizien usw. zusammenträgt. Und „Demokratie ist als ein ‚Projekt der Aufklärung‘ (Jürgen Habermas) auf Wahrheitsorientierung angewiesen“ (31). Was Nida-Rümelin zusammen mit Habermas allerdings nicht sehen will, ist, dass es sich um eine Aufklärung handelt, die sich partout nicht über sich selbst und ihre blinden Flecken aufklären will, mithin nicht viel wert ist, solange sie nur mit Behauptungen operiert.

Nida-Rümelin rafft die internationale politische Entwicklung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Schnelldurchgang zusammen, erklärt die Besonderheiten des Kalten Krieges und zeigt auf, was seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion passiert ist, vor allem, wie diese Veränderungen von den diversen politischen Lagern (z.B. von Henry Kissinger, John J. Mearsheimer, Francis Fukuyama über die neokonservativen Thinktanks bis zu den Regierungen in USA und  Europa) interpretiert wurden –  und welche Handlungsweisen diesen Interpretationen entsprangen.

Es werden also (wie für den Unfallbericht) verschiedene Ereignisse, Fakten und  Darstellungen versammelt, und der Autor spart dabei keineswegs mit Kritik an westlichen Regierungen. Er nennt „die Instrumentalisierung der Menschenrechtsidee in Form einer langen Reihe von Einmischungsversuchen in innere Angelegenheiten bis hin zu militärischen Interventionen – vor allem durch die USA, gelegentlich auch durch die NATO“ (57 f.); er nennt Kissingers „außenpolitischen Realismus mit oft zynischen und abstoßenden Resultaten“ (51); er nennt die extrem dumme Unterstützung der Dschihadisten und Osama bin Ladens in Afghanistan, die Russland schwächen sollte, letztlich aber zu den Anschlägen 9/11 führte; er nennt Barack Obamas war on terror, bei dem mit Drohnen Tausende unschuldige Zivilisten ermordet wurden, die sich zufällig in der Nähe eines Verdächtigen aufhielten, dem das targeted killing eigentlich galt. Die Heuchelei des Westens und seine double standards treten dabei deutlich zutage.

Schon am Anfang vergleicht Nida-Rümelin  J. F. Kennedys Reaktion auf die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba 1962 mit Putins Reaktion auf die Ausdehnung der Nato nach Osten und ihrer Absicht, die Ukraine zu einem Mitglied zu machen. „Wer also sagt, die USA hatten 1962 das Recht zu intervenieren, um eine nuklearstrategische Instabilität zu verhindern und eine existenzielle Gefährdung des eigenen Landes auszuschließen, der kann die Vorhaltung Russlands, dass sich durch die Aufnahme der Ukraine seine sicherheitspolitische Lage dramatisch verschlechtere, nicht als irrelevant abtun. Entweder – oder: Entweder hat Kennedy die Souveränitätsrechte Kubas verletzt und damit unzulässig gehandelt, dann kann Putin mit seiner Intervention gegenüber dem NATO-Beitritt der Ukraine dasselbe vorgehalten werden. Oder Kennedy hat nachvollziehbar, ja richtig gehandelt, dann kann eine ähnliche Handlungsweise Putins nicht kritisiert werden“ (25).  Nur am Rande: Kein Kultusministerium in Deutschland würde den Abdruck solch einer Passage, trotz ihrer glasklaren Logik, in einem Schulbuch erlauben.

In der westlichen Interpretation sind die USA die einzige nach dem Ende des Kalten Krieges verbliebene Supermacht, und es wäre an ihr gewesen, „eine regelbasierte und werteorientierte internationale Ordnung aufzubauen“ und zu garantieren. Diese Interpretation allerdings hält Nida-Rümelin mit Recht für fragwürdig: „Die USA hielten sich als Vormacht und Garant dieser regelbasierten und werteorientierten liberalen Ordnung selbst nicht an diese Regeln und Werte, führten zahlreiche, teil völkerrechtswidrige Kriege, kündigten internationale Verträge und traten dem Internationalen Strafgerichtshof nicht bei“ (75).

Man wird allerdings den Eindruck nicht los, dass Nida-Rümelins „Unfallbericht“ unvollständig und an manchen Stellen etwas ungenau geraten ist. Wenn etwa vom „Zerfall Jugoslawiens“ die Rede ist, dann fehlt, dass dieser „Zerfall“ von der deutschen Regierung durch die schnelle Anerkennung Sloweniens und Kroatiens nach Kräften forciert wurde, sogar mit Druck auf die anderen EU-Regierungen (vor allem Großbritannien und Niederlande). Es fehlt, dass Johan Galtung den Außenminister Genscher im persönlichen Gespräch gewarnt hatte, dass diese Politik zu einem Blutbad führe würde. Genscher optierte für das Blutbad. Dort, wo von der Instrumentalisierung der Menschenrechte die Rede ist, fehlt wieder der Nato-Krieg gegen Serbien und Joschka Fischers widerliche Rede vom 13. Mai 1999 („Auschwitz ist unvergleichbar. Aber ich stehe auf zwei Grundsätzen, nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen.“), mit der er einen Angriffskrieg rechtfertigte und seine Partei von dessen „Notwendigkeit“ überzeugte. Wenn es bei Nida-Rümelin zu Südamerika heißt, die „USA paktierten mit Militärregimen, um sich sozialistischen Entwicklungen entgegenzustemmen“ (43), dann fehlt, dass die USA diese Militärdiktaturen z.T. selber installierten wie etwa Kissinger und die CIA 1973 in Chile, um einen demokratisch gewählten Präsidenten zu stürzen und den Faschisten Pinochet an die Macht zu bringen, dem dann der liberale Ökonomie-Nobelpreisträger Milton Friedman von der Universität Chicago das Wirtschaftsprogramm schrieb. Es fehlt, dass es das Mullah-Regime in Iran heute nicht gäbe, wenn nicht 1953 die CIA und der britische MI6 in ihrer „Operation Ajax“ den demokratisch gewählten Premierminister Mohammad Mossadegh (er hatte Teile des iranischen Öls verstaatlicht) gestürzt und den Diktator Schah Reza Pahlewi an die Macht gebracht hätten, der 1979 von religiösen Kräften vertrieben und durch Ayatollah Khomeini ersetzt wurde. 1954 stürzte die US-Regierung in Guatemala den demokratisch gewählten Präsidenten Jacobo Arbenz Guzman, weil der die brach liegenden Böden der United Fruit Company (bekannt unter dem Label Chiquita) enteignet und nur zu dem vom Konzern in der Steuererklärung angegebenen Wert entschädigt hatte. Eisenhower setzte den Diktator Castillo Armaz als Regierungschef ein. Dass für die USA die Monroe-Doktrin bis heute gilt, übergeht Nida-Rümelin auch.

Wo er „die verächtliche Haltung, die schon die Bush-Regierung gegenüber den Vereinten Nationen an den Tag gelegt hat“ (62), erwähnt, fehlt, dass schon 1986 der Internationale Gerichtshof die USA wegen ihrer völkerrechtswidrigen Aktionen gegen Nicaragua (Verminung der Häfen, Unterstützung der Contras) verurteilte, was Präsident Reagan, wissend, dass Vetomächte im Sicherheitsrat immun sind, mit einem „Soll doch der Gerichtshof sein Urteil selber durchsetzen“ quittierte. Es fehlt auch, dass die Nato-Ausdehnung den Bruch eines Versprechens bedeutete, das in den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen über die deutsche Wiedervereinigung Gorbatschow gegeben wurde, dass sich die NATO eben nicht nach Ost ausdehnen werde. Und es fehlt auch, dass Boris Jelzin 1996 nur dadurch an die Macht kam, dass (wie in TIME vom 15.07.96  nachzulesen: „Yanks to the rescue“) sein Wahlkampf von der USA aus finanziert und organisiert wurde.

Vor allem fehlt, dass die Periode, in der die SALT- und START-Verträge, der ABM-Vertrag sowie 1975 die Schlussakte von Helsinki, also ein halbwegs vertrauensvoller Dialog zwischen Ost und West mitten im Kalten Krieg möglich war, einen wesentlichen Grund darin hatte, dass beide Seiten die second-strike-capacity (mit dem Ergebnis: Wer zuerst schießt stirbt als zweiter) erreicht hatten und an ein Ende der Rüstungsspirale gekommen waren, was Reagan aber nicht hinderte, weiterhin auf ein Totrüsten der UdSSR zu setzen.

Es ist unerheblich, ob diese „Auslassungen“ möglichen Flüchtigkeitsgründen oder gewissen Rücksichtnahmen geschuldet sind. Sie zeigen allesamt, dass westliche demokratische Regierungen (allen voran die USA) noch nie besonders viel von Menschenrechten und Regeln hielten, und dass das Sündenregister westlicher Demokratien bei Nida-Rümelin dann doch nicht so verheerend ausfällt, wie es in Wahrheit ist. Sie zeigen, dass es nie eine „werteorientierte und regelbasierte internationale Ordnung“ gab, dass diese selbst nicht mehr als ein weit verbreitetes Narrativ, um nicht zu sagen ein Mythos ist. Und damit reduziert sich die Antwort auf die Frage, worin eigentlich der „Epochenbruch“ besteht, doch auf die Feststellung, dass jetzt andere imperiale Mächte ebenfalls das tun, was der Westen immer getan hat. Wenn eine „Koalition der Willigen“ 2003 völkerrechtswidrig den Irak überfällt, weshalb dann nicht auch Russland die Ukraine? Und China (irgendwann vor 2049, wenn die Volksrepublik ihren 100. Geburtstag feiern will) Taiwan? Einen Epochenbruch gibt es nur für den Westen, der plötzlich sehen muss, dass er nicht mehr der einzige ist, der das Völkerrecht bricht, wenn das irgendeinen Zweck erfüllt und einen Vorteil verspricht. 

Im Kapitel über die „Rolle der Menschenrechte“ werden die Unvollständigkeit und die Schiefheit des Gesamtbildes noch deutlicher. Nida-Rümelin hält die Menschenrechtserklärung neben der in der UN-Charta angelegten (genauer: in Papierform gebrachten) „kollektiven Sicherheit“ für die „beiden Säulen einer humanen Weltordnung“ (59).

Dass Menschenrechte auch von westlichen Demokratien nicht wirklich ernst genommen werden, zeigt die Geschichte zur Genüge. Dass demokratische Regierungen, wenn sie es für nötig halten, nicht weniger gerne foltern lassen als Diktaturen, ist kein Geheimnis. Dass alle Regierungen der EU der CIA den Betrieb von Foltergefängnissen in der EU ausdrücklich erlaubten, hat ein Untersuchungsausschuss des EU-Parlaments dokumentiert. Und das Folterlager Guantanamo gibt es nun fast schon ein Vierteljahrhundert.

Augenblicklich sieht man die Geringschätzung von Menschenrechten zum Beispiel am deutschen und am EU-Lieferkettengesetz, das (um mit Habermas zu sprechen) nach „demokratischer Deliberation“ so weit abgeschwächt wurde, dass es faktisch unwirksam ist. Es würde nämlich, sagen Unternehmerverbände, „unsere Wettbewerbsfähigkeit“ verringern.

Mit anderen Worten: Menschenrechte im Globalen Süden können „wir“ (der liberale Westen) uns gar nicht leisten; oder, mit einem Buchtitel von Noam Chomsky: Profit Over People. Auch Nida-Rümelin könnte wissen, dass sich der Sozialhilfeempfänger in Europa das T-Shirt nur deshalb für neun Euro kaufen kann, weil es in Sklavenarbeit außerhalb der reichen Welt hergestellt wurde, wo der Preis für „unseren Wohlstand und  unseren sozialen Frieden“ bezahlt wird. Das Sweatshop-System in der Dritten Welt ist nichts anderes als die moderne Form der Sklaverei, die der Kapitalismus an seiner Peripherie braucht. Man muss als Anhänger von Demokratie und Aufklärung nur die Augen fest genug verschließen, um mit Habermas „die Abschaffung der Sklaverei“ (so im Interview mit dem Philosophie Magazin 2021/22) für eine historische Tatsache halten zu können.

Auch Nida-Rümelins Darstellung der UN-Charta (insbesondere mit ihren Kapiteln V und VI) als System „kollektiver Sicherheit“ ist etwas naiv. Denn eigentlich ist jedermann klar, dass der Sicherheitsrat, der sich heutzutage weitgehend blockiert, eine Fehlkonstruktion ist. Das beruht darauf, dass er das einzige UN-Organ ist, das völkerrechtlich verbindliche Beschlüsse fassen kann, dass somit solche Beschlüsse gegen die Vetomächte (und deren Verbündete, über die sie ihre schützende Hand halten) nicht möglich sind, sodass deren Willkür keine Grenzen gesetzt sind (wie ja der Ukraine-Krieg anschaulich demonstriert) – und dass der Sicherheitsrat auch nicht reformiert werden kann, da für jede Änderung der UN-Charta die Zustimmung des Sicherheitsrats nötig ist. Wer wie die Vetostaaten im Besitz von so viel Macht ist, wird niemals freiwillig darauf verzichten. Sogar der Vorschlag, dass künftig zwei Staaten ihr Veto einlegen müssen, damit es Gültigkeit erlangt, ist unrealistisch, da dies faktisch die jetzige Macht eines jeden Vetostaates verringern würde. Nida-Rümelin spart diese Problematik elegant aus, obwohl er weiß, dass vom Sicherheitsrat nur dann etwas zu erwarten ist, wenn es zufällig mal keinen Dissens zwischen den Vetomächten gibt. Gewiss ist die UNO gerade mit ihren Unterorganisationen wie UNICEF, UNESCO, UNHCR, WHO, ILO usw. eminent wichtig; aber Nida-Rümelins Ideen für den „Weg in eine neue Weltordnung“ sind nicht mehr als ein frommer Wunsch: „Die neue Realpolitik in den internationalen Beziehungen sollte der inneren Verfassung demokratischer Staaten analog sein: die Anerkennung einer prinzipiellen Gleichrangigkeit aller Akteure. Globale Institutionen sollten aus den heute schon bestehenden Institutionen wie dem UN-Sicherheitsrat und weiteren Unterorganisationen der Vereinten Nationen, dem Internationalen Strafgerichtshof, der OSZE, der OECD und anderen Zusammenschlüssen von Staaten, hervorgehen, die diese Anerkennung als gleichrangige Akteure der internationalen Politik im wechselseitigen Interesse und als Ergebnis eines fairen Aushandlungsprozesses absichern“ (79f.). Dass aus dem Sicherheitsrat, der eben qua Konstruktion nicht aus „gleichrangigen“ Akteuren besteht, gar nichts hervorgehen wird, ist klar. Dass auch die „innere Verfassung“ demokratischer Staaten nur der Papierform nach, d.h. in der ideologischen Selbstbeschreibung des Herrschaftsmodells „Demokratie“, die „Gleichrangigkeit aller Akteure“ kennt, lehrt der unvoreingenommene Blick auf die Realität. Jedermann weiß, was Lobbyismus ist, wie unterschiedlich hoch Parteispenden ausfallen und kennt die Macht und den Einfluss der Wirtschaftsverbände.

Im vorletzten Kapitel („Auf dem Weg in eine neue Weltordnung“) fällt also auf, dass es in ihm nur so von Konjunktiven wimmelt, von „sollte“ und „könnte“ und „dann würde“, von „fairen Aushandlungsprozessen“ und „fairer Kooperation“ und „ethische(r) Orientierung“. Es bleibt nicht nur die Frage, was das Wort „fair“ in der Politik bedeutet und wer es in wessen Sinn auslegt.

Man fragt sich auch, weshalb das letzte Kapitel („Zum Schluss: Seid Menschen!“) dann vollends ins Appellative und Predigthafte, in ein peinliches Pathos abgleitet, als hätte ein philosophisch interessierter Weihnachtsredenschreiber dem Bundespräsidenten die Feder geführt: „Diese Utopie einer befriedeten Welt und einer sich entwickelnden globalen Zivilkultur halte ich für unverzichtbar“ (91). „… jede humanistisch motivierte Praxis ist auf Ideale als regulative Ideen angewiesen“ (92). Wer mit dem von Margot Friedländer geborgten Imperativ gemeint ist, bleibt unklar. Trump, Putin, Xi Jinping, Elon Musk, Peter Thiel und Jeff Bezos? Der Islamische Staat und die Rheinmetall-Aktionäre? Neben den Oligarchen und Superreichen auch die Leser? Auch die Arbeits- und Wohnungslosen? Oder einfach wieder mal „wir alle“, auf die es angeblich ankommt?

Es ist einfach so, dass Nida-Rümelin außer völlig unrealistischen Phantasien nichts bietet zur Frage, wie es international realistischer Weise weitergehen könnte. Das wiederum mag auch darin einen Grund haben, dass er vielleicht wirklich glaubt, die Demokratie beruhe „auf humanistischen, universellen Werten und Normen“ (86) und auf „den unveräußerlichen Rechten aller Menschen“ (57); er glaubt vielleicht wirklich, dass das, was die westlichen Demokratien betreiben, eine „humanistische Praxis“ sei. Glauben kann man halt allerlei. Auch wider besseres Wissen.

Dennoch kann das Buch hier tatsächlich lehrreich sein. Und zwar dadurch, dass man herauszufinden versucht, was an ihm grundsätzlich nicht stimmt, wenn es in penetrantem Pathos von der liberalen Demokratie und ihren Werten schwadroniert.

Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit, Humanität etc. sind sog. Hochwertbegriffe, die a priori positiv konnotiert sind, weshalb sie sich so gut dazu eignen, als Etikette irgendwo (auf einem beliebigen sozialen System, einem politischen Programm oder einer Organisation) aufgeklebt zu werden, als seien sie eine Art Gütesiegel. Und exakt so verwendet Nida-Rümelin die Wörter human, liberal, demokratisch.

(Auch die europäischen Innenminister zum Beispiel nennen ihre inhumane Praxis der Abschiebung von Geflüchteten in diktatorische  Staaten oder in Lager außerhalb Europas ausdrücklich „human“.) 

Von den „unveräußerlichen Rechten“ aller Menschen sprachen bekanntlich die liberalen Gründerväter der USA in ihrer Unabhängigkeitserklärung: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights …” – und gleichzeitig waren sie Sklavenhalter. Man kann nämlich jederzeit A sagen und das Gegenteil von A tun. Für das Christentum war das jahrhundertelang gängige Praxis: Nächstenliebe predigen und gleichzeitig extreme Grausamkeit, Folter und Mord exekutieren. Das geht auch heute: von Menschenwürde und demokratischen Werten sprechen und dabei foltern lassen, von Sklavenarbeit andernorts profitieren, andere Länder überfallen, mit Drohnen beliebig Zivilisten in aller Welt töten.

Nida-Rümelin beruft sich ausdrücklich auf den Stichwortgeber von Thomas Jefferson & Co., den Urvater des Liberalismus, John Locke, bei dem „der Hinweis auf gleiche, unveräußerliche menschliche Rechte der Einschränkung staatlicher Gewalt gegenüber Individuen“ diene (59).

(Nur am Rande: Locke investierte sein Kapital u.a. in eine Sklavenhandelsgesellschaft.) Diese Bezugnahme auf Locke ist auch wiederum so ungenau, dass sie einfach falsch ist; denn es ging ihm nicht um Individuen und deren „menschliche Rechte“, sondern um das private Eigentum (auch an Sklaven), das der Staat zu schützen hat.

Nida-Rümelin ignoriert eine entscheidende Stelle in Lockes Zweiter Abhandlung über die Regierung: „Das große und hauptsächliche Ziel, weshalb Menschen sich zu einem Staatswesen zusammenschließen und sich unter eine Regierung stellen, ist also die Erhaltung ihres Eigentums“ (§ 124). Im berühmten 5. Kapitel versucht Locke, die Rechtmäßigkeit des Eigentums zu begründen.

Locke behauptet, dass Eigentum deshalb zu Recht besteht, weil es aus eigener persönlicher Arbeit hervorgegangen sei. Ein Mensch, der ein Stück Land bebaute, „fügte ihm dadurch etwas hinzu, das sein Eigentum war“ (seine Arbeitskraft), und deshalb ist das Stück Land sein Privateigentum (§ 32). „Das Gras, das mein Pferd gefressen, der Torf, den mein Knecht gestochen, und das Erz, das ich an irgendeiner Stelle gegraben habe, … werden ohne die Anweisung und Zustimmung von irgend jemandem mein Eigentum“ (§ 28). Wie es kommt, dass nun auch die Arbeit meines Knechts meine Arbeit ist, bleibt mysteriös. Weshalb habe ich überhaupt plötzlich einen Knecht? Ganz einfach: Weil mein Grundbesitz so groß ist, dass ich es allein mit eigener Arbeit nicht schaffe. Und habe ich genügend Knechte, dann arbeite ich selber gar nicht mehr. Auf welche Weise ich mir die Arbeitskraft anderer Menschen aneigne – ob durch persönliche Gewalt (Sklaverei) oder durch Geld (strukturelle Gewalt, die die Armut der Besitzlosen ausnützt) – das bleibt natürlich offen. Es sind also, anders als Nida-Rümelin behauptet, nicht „gleiche unveräußerliche menschliche Rechte“, die Locke wichtig sind, sondern die Freiheit des privaten Eigentums und die „unternehmerische“  Freiheit, sich fremde Arbeitskraft aneignen zu können – das ist bis heute der innerste Kerngehalt des Liberalismus. Die bürgerlichen Grundrechte sind schönes Beiwerk; sie werden staatlicherseits je nach Lage mal großzügiger, mal restriktiver gehandhabt, so wie der Sozialstaat je nach Finanzlage herauf- oder heruntergepegelt wird. Aber sie sind nicht wesentlich für den Liberalismus. Wesentlich ist, dass der Reichtum der Reichen (der „begüterten Minderheit“, so James Madison) nicht angetastet wird.  

Locke wusste genau, wie es in England und Schottland zu Großgrundbesitz kam, nämlich durch die schon von Thomas Morus in seinem Utopia (1516) kritisierten enclosures (Einhegungen), mit denen Adel und Großgrundbesitzer den Bauern das freie als Gemeineigentum genutzte Land (Allmende) wegnahmen und die Bauern vertrieben, um fortan extensiv Viehzucht darauf zu betreiben. Diese (in Deutschland als „Bauernlegen“ bekannte) Praxis des Landraubs bewegte sich immer weiter nach Norden und wurde in den schottischen Highlands bis zum Ende des 19. Jahrhunderts betrieben. Karl Marx beschreibt diesen Prozess in seinem Kapital (Bd. 1) unter der Überschrift Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation. Der Liberalismus enthält bis heute (nicht nur bei Locke) stets den Versuch, diesen gewaltförmigen Ursprung des Großgrundbesitzes (und damit des heutigen Reichtums) zu verschweigen; zum Beispiel auch, dass das liberale Amerika, sobald es sich als neuer demokratischer Staat formiert hatte, sogleich zum Zweck der Landnahme mit dem bereits begonnenen Genozid an der indigenen Bevölkerung weitermachte. All das wird hinter dem Wörtchen „liberal“ erfolgreich versteckt.

Als die liberalen, Sklaven haltenden Gründerväter der USA eine Verfassung ausarbeiteten, kam es ihnen darauf an, das „demokratische“ Wahlrecht so gestalten, dass nicht irgendwann eine Mehrheit für die Enteignung der Begüterten stimmen konnte. In seinem Journal of the Constitutional Convention (1787), in dem er über die Verhandlungen im Verfassungskonvent in Philadelphia berichtet, schreibt James Madison, es „sollte also unsere Regierungsform eine dauerhafte Absicherung der Interessen der Grundbesitzer gegen mögliche Innovationen sein … Die Regierungsform muss so eingerichtet sein, dass die Minderheit der Begüterten gegen die Mehrheit geschützt wird.“ Das funktioniert bis heute. Demokratie ist ein äußerst geschicktes Verfahren der Legitimation von Herrschaft, das notwendig wurde, als das Gottesgnadentum als Rechtfertigung nicht mehr überzeugte. Wenn die Regierten die Regierenden selber wählen, dann ist das die perfekte Legitimation. Dass das jedoch nicht bedeutet, dass alle Akteure in ihr gleichrangig sind und Menschenrechte fundamental wären, ist offensichtlich. Auch in der liberalen Demokratie geht es primär um den Schutz des großen Privateigentums; deshalb wird das Wahlrecht historisch zunächst ans Privateigentum gebunden. Vor allem jedoch wird eine formalrechtliche Gleichheit eingeführt, die es dem Milliardär und dem Obdachlosen in gleicher Weise verbietet, unter der Brücke zu nächtigen. Materielle Gleichheit hingegen wird als „Eingriff in die Freiheit des Eigentums“ abgelehnt. Bei Nida-Rümelin wird diese Differenz natürlich nicht klar, da er die ideologische Selbstbeschreibung des demokratischen Herrschaftssystems für die Wahrheit hält. Er  kann damit aber auch die Entwicklung des internationalen Geschehens, in dem es nicht um „Werte“, sondern um Machtfragen, um den Zugriff auf Ressourcen geht, nicht begreifen; er kann sie nur teilweise kritisch und nur fragmentarisch darstellen. Er will den Herrschaftsmechanismus der Demokratie nicht sehen, weil er an die ersatzreligiösen pathetischen Etiketten (human, liberal, gerecht etc.) glaubt.

Genauso irreführend wie seine Bezugnahme auf Locke ist die auf Kant. Gewiss geht unser Verständnis von Menschenwürde auf Kant zurück; aber das hat keine politische Bedeutung. Kant war kein Demokrat. In seiner Metaphysik der Sitten schreibt er, „alles Frauenzimmer, und überhaupt jedermann, der nicht nach eigenem Betrieb, sondern nach der Verfügung anderer … genötigt ist, seine Existenz (Nahrung und Schutz) zu erhalten [d.h. jeder abhängig Beschäftigte], entbehrt der bürgerlichen Persönlichkeit“, und hat deshalb auch kein Stimmrecht, das nur ökonomisch Selbstständigen zukommt. Nida-Rümelin rührt hier Dinge ineinander, die nicht zusammengehören. 

Es stimmt, dass Kant in seiner Schrift Zum ewigen Frieden die Idee eines Völkerbunds vorlegte, die auch Pate stand für die UNO. Aber schon seine Vermutung, dass in Republiken die Menschen weniger kriegsbegeistert seien, war offensichtlich, wie man heute sieht, sehr naiv. Dass Nida-Rümelin eine der wichtigsten Ideen Kants in dieser Schrift („Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören.“) einfach unterschlägt, spricht nicht für eine genaue Kant-Rezeption. Auch Politiker zitieren Kant gerne, wenn es zur ideologischen Ausrichtung der Rede passt und sich ein Kant-Zitat gut macht. Dass einer von ihnen den Königsberger Philosophen jemals wirklich ernst genommen hätte, ist nicht bekannt. Leider muss man das auch bei Nida-Rümelin feststellen. Philosophische Hinweise dienen ihm (wie Kant-Zitate in Politiker-Reden) eher dazu, den Text beschaulich aufzupeppen.

Dass sich Winston Churchill nach dem Zweiten Weltkrieg zu der These verstieg, „man habe möglicherweise das falsche Schwein  geschlachtet“ (34; ein Beleg fehlt), wird oft kolportiert (und ist, zugegebenermaßen, schön erfunden), kann aber nirgendwo verifiziert werden. Und dass schließlich das Kapitel „Die gescheiterte unipolare Weltordnung“ im Inhaltsverzeichnis fehlt, mag ein weiteres Indiz dafür sein, dass es sich um ein recht hastig hingeschriebenes Buch handelt, dessen Lektüre sich dadurch lohnt, dass man all seinen Halbheiten, Falschheiten und Oberflächlichkeiten auf den Grund geht.  

Wie kapitalistische Herrschaft die lebendige Natur ruiniert

Ulrich Ruschig

Wie kapitalistische Herrschaft die lebendige Natur ruiniert

Artensterben, Massentierhaltung und die Vergiftung der Welt

br., 171 Seiten, 20,- €

Köln 2025 (PapyRossa-Verlag)

von Marija Bogeljic-Petersen

Ein Menetekel ist ein warnendes Zeichen, das auf einen drohenden Niedergang oder eine heraufziehende Katastrophe verweist. Der Begriff stammt aus dem Buch Daniel, in dem eine geheimnisvolle Schrift an der Wand dem babylonischen König Belsazar das Ende seiner Herrschaft ankündigt. Daniel deutet diese Schrift als Urteil: Der König sei „gewogen und zu leicht befunden worden“, sein Handeln halte dem Maßstab der Gerechtigkeit nicht stand, seine Macht erweise sich als innerlich hohl und nicht länger legitim. Noch in derselben Nacht kommt der König ums Leben. Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet ein Menetekel daher ein unübersehbares Warnsignal für eine bereits einsetzende Krise, für einen Zustand, der seinen Geltungsanspruch verloren hat und seinem Ende entgegengeht.

Für Ulrich Ruschig, Biochemiker und Philosoph der Kritischen Theorie sowie ausgewiesener Kenner von Marx und Hegel, zudem Autor von Die Befreiung der Natur, das im Widerspruch,Nr. 71 von Georg Koch rezensiert wurde, sind das globale Artensterben und die industrialisierte Massentierhaltung genau solche Menetekel. Beide Phänomene, so Ruschig, weisen auf ein unermessliches, bislang beispielloses Unheil hin, nämlich auf den möglichen Kollaps des Lebens auf der Erde selbst. Im ersten Teil seines Buches untersucht er daher den Zusammenhang zwischen der Herrschaft des Kapitals über die lebendige Natur und dem drohenden Zusammenbruch der Biosphäre. Dass dieses Thema in der öffentlichen Wahrnehmung kaum mehr als eine Randnotiz des kulturindustriellen Infotainments bildet, sei bereits ein Hinweis auf seine verdrängte Dringlichkeit. Ob das Leben auf diesem Planeten eine Zukunft hat, hänge davon ab, ob diese Menetekel gelesen würden – und ob sie rechtzeitig gelesen würden. Rätselhaft erschienen sie lediglich jenen, die sich weigerten, den inneren Zusammenhang von Artensterben, Massentierhaltung und kapitalistischer Produktionsweise anzuerkennen. Wer sie jedoch wie Daniel zu deuten vermöge, höre ihre unmissverständliche Botschaft: „Oh Kapital, gezählt sind die Tage Deines Zugreifens auf die lebendige Natur, Du wurdest gewogen und zu leicht befunden! Das Leben auf dem Planeten, wenn deine Herrschaft einfach weiter ihre Wirkungen entfaltet, ist dem Untergang geweiht“ (15, 85).

Der gegenwärtige Zeitgeist, so Ruschig, neigt dazu, die Dramatik des Artensterbens zu relativieren, indem er dessen Ursachen nicht in den gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern im „Menschen an sich“ oder in der Zivilisation überhaupt verortet. Auf diese Weise werde eine historisch bestimmte Katastrophe, die unübersehbar mit dem Durchbruch der kapitalistischen Produktionsweise zusammenhängt, in eine ahistorische Abstraktion aufgelöst. Die Benennung des Menschen als Ursache verdecke die gesellschaftlichen Zwänge, unter denen menschliches Handeln stattfindet, und lässt den Prozess der Vernichtung lebendiger Natur als unvermeidlich erscheinen. Ruschig widerspricht dieser Deutung, indem er die Ursachen des Artensterbens in der Struktur der kapitalistischen Gesellschaft selbst verortet.

Im Rückgriff auf Marx’ Begriffe der reellen Subsumtion und des prozessierenden Widerspruchs entwickelt er in den ersten Kapiteln des Werks eine Analogie zwischen der Unterwerfung der lebendigen Arbeit und der Unterwerfung der lebendigen Natur unter das Kapital. Lebewesen werden in diesem Zusammenhang, je nach dem, zu (Un)Nutztieren, zu Waren, das heißt zu Trägern von Gebrauchswert und Tauschwert, und damit zu bloßen Mitteln der Verwertung. Sie werden in den Kreislauf des Kapitals integriert und seiner Bewegung unterworfen. Als reelle Subsumtion der lebendigen Natur bezeichnet Ruschig jene Umformung der evolutionären also natürlichen Art-Formen, die aus dieser Unterwerfung resultiert. Die maßlose Dynamik der Wertvermehrung trifft hier auf die begrenzten, artspezifischen Zweckmäßigkeiten der Lebewesen. Zum prozessierenden Widerspruch wird diese Kollision dort, wo Lebewesen als Warenkapital selbst zu Momenten der kapitalistischen Bewegung werden (48).

Mit dem Bruch im gesellschaftlichen Verhältnis zur lebendigen Arbeit sei, so Ruschig, zugleich ein Bruch im Verhältnis zur lebendigen Natur gesetzt. Die abstrakte Logik der Wertvermehrung mache notwendig auch Lebewesen zu ihren Mitteln und kollidiere damit mit deren konkreter, ansichseiender Zweckmäßigkeit, also ihren spezifischen Art-Formen. Hält dieser Zugriff an, würden diese eidetischen Formen deformiert und zerstört; Einmaliges gehe unwiederbringlich verloren. Das von Ruschig sogenannte „eidetische Moment der Arten“ bestimme objektiv, was eine Art ihrem Wesen nach ist. Zugleich sei es kein metaphysisches Formprinzip im aristotelischen Sinn, sondern ein Moment des Subjektiven innerhalb der objektiven Natur. Dieses Moment sei weder naturwissenschaftlich erfassbar noch notwendig mit Selbstbewusstsein verbunden, sondern Ausdruck einer inneren Zweckmäßigkeit, die nur begrifflich bestimmbar sei. Erkennbar werde diese Zweckmäßigkeit erst durch die Reflexion von Freiheitssubjekten, die zwischen dem Wesentlichen einer Art und ihrer bloßen instrumentellen Nutzung unterscheiden können. Erst auf dieser Grundlage sei die Rede von der Beherrschung der lebendigen Natur sinnvoll, denn Herrschaft setze kein Selbstbewusstsein voraus, wohl aber ein eigenes Zweckmoment im Beherrschten.

Die kapitalistische Produktionsweise sichere ihre Herrschaft, indem sie dieses subjektive Moment der Lebewesen bricht und dem abstrakten Zweck der Verwertung unterordnet. Die reelle Subsumtion der Lebewesen unter das Kapital bedeute, dass ihre Art-Formen unmittelbar oder vermittelt in den Prozess der Wertverwertung gezwungen werden. Diese Kollision abstrakter Wertlogik mit konkreter Lebensform überstehen die Arten nicht unversehrt: Sie werden verformt, verbraucht oder – sofern sie keinen Beitrag zur Geldvermehrung leisten – gleichgültig ihrem durch zerstörte Lebensbedingungen bewirkten Aussterben überlassen. Weit verbreitet sei die Auffassung, dass in der Natur kein Moment des Subjektiven existiere. Diese Sicht habe insbesondere die Aufklärung und die bürgerliche Philosophie verbreitet, etwa Fichte, der Tiere als bloßes Material für den Menschen betrachtete, oder Descartes, der den Lebewesen jegliche anima absprach. Bezugnehmend auf Kant wurde dabei eine Dichotomie aufgestellt: Hier das die Zwecke setzende Freiheitssubjekt, dort eine subjektlose Natur; hier das würdevolle vernünftige Subjekt, dort ein würdeloses Ding, das einen Preis hat. Lebewesen hätten nur insoweit Zwecke, als diese im menschlichen Urteilssubjekt verortet seien. Objektiv betrachtet bestehe die lebendige Natur aus Materie und Energie, frei von eigenständigen Zwecken, und werde damit für das Freiheitssubjekt zum Objekt, das für dessen Zwecke verfügbar gemacht werden könne. Die Annahme einer ansichseienden Zweckmäßigkeit, die Eigenständigkeit und Widerständigkeit der Lebewesen begründen könnte, habe die Aufklärung als überholtes metaphysisches Gedankenkonstrukt zurückgewiesen – als dubiose ‚Lebenskräfte‘, die angeblich die Freiheit des Subjekts einschränkten.

Nach Ruschig gehe diese Argumentation jedoch fehl, weil sie ausschließlich das transzendentale Subjekt anerkenne und nur so die Befreiung von der Natur ermögliche. Dieses Unterwerfungskonzept habe den Boden für die kapitalistische Nutzung der lebendigen Natur bereitet, die zugleich unter dem Vorwand der Emanzipation von einer ursprünglichen Natur gerechtfertigt worden sei – ein Ausdruck der Dialektik der Aufklärung. Ruschig zufolge entfaltet das Kapital eine historisch neuartige, revolutionäre Dynamik, die es systematisch in immer neue Sphären der Natur vordringen lässt. Die kapitalistische Produktionsweise unterwirft die Resultate der Naturwissenschaften der Verwertung und treibt deren Ausweitung voran, sofern sie als Mittel der Profitproduktion fungieren können. Implizit setze sie dabei voraus, dass der Natur weder ein Ding an sich sei noch ihr ein eigensinniges, eidetisches Art-Moment zukomme, das dem Verwertungsprozess eine immanente Grenze setzen könnte. Diese praktische Negation korrespondiere mit einer positivistischen, nachmetaphysischen Naturauffassung, die den ontologischen Gehalt des Artbegriffs ebenso leugne wie die Existenz eines nicht empirisch zugänglichen Dings an sich. Dem Kapital, dem solche theoretischen Fragen gleichgültig seien, falle dieser Zusammenhang nicht auf; entscheidend sei, dass es faktisch so verfahre, als sei lebendige Natur nichts als verfügbares Rohmaterial. In dieser Einheit von reeller Subsumtion der Natur unter den Verwertungsprozess und theoretischer Ausblendung ihres eigentümlichen Zweckmoments liege, so Ruschig, die Voraussetzung für die Verkennung des prozessierenden Widerspruchs zwischen Kapital und lebendiger Natur (74).

Dass Artensterben und Massentierhaltung strukturell zusammengehören, wird bei ihm nur vor dem Hintergrund einer ontologischen Bestimmtheit der lebendigen Natur verständlich. Wer Lebewesen auf empirische Populationen reduziert und die Existenz ansichseiender Art-Formen leugnet, deutet beide Phänomene lediglich als technische Probleme, nicht als Ausdruck einer gesellschaftlichen Krise. Damit bleibt das eigentliche Krisenhafte unsichtbar: Die Verletzung der inneren Zweckmäßigkeit des Lebendigen. Das Kapital reagiert auf diesen von ihm selbst erzeugten Widerspruch mit immer neuen Eingriffen, die in zusätzliche Verwertungsstrategien überführt werden, während die Natur weiter ruiniert wird. Ruschig fasst das eidetische Moment der Arten daher – im Anschluss an Kant – als Grenzbegriff, der die Differenz von Erscheinung und Wesen markiert. Die praktische Leugnung dieser Differenz ist, so seine These, konstitutiv für die kapitalistische Naturbeherrschung. Sein Fazit: Der daraus resultierende Widerspruch zwischen Kapitalverwertung und dem Prinzip des Lebendigen macht schließlich die Notwendigkeit einer gemeinsamen Emanzipation von Natur, Mensch und Arbeit sichtbar (86).

Im zweiten Teil seines Buches untersucht Ruschig systematisch, wie die philosophische Tradition die Unterwerfung der lebendigen Natur vorbereitet hat. Er wählt Descartes, Spinoza und Fichte aus, drei Idealisten, die allen Lebewesen eine eigenständige Bestimmung gegenüber dem Menschen absprechen. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede: Descartes trennt Geist und Materie strikt und betrachtet Lebewesen als mechanische Automaten; Spinoza versteht alles Seiende als Ausdruck einer einzigen Substanz, wodurch Lebewesen deterministisch in die Gesamtheit eingebunden sind; Fichte schließlich konstruiert die Natur aus der Perspektive des transzendentalen Ich, sodass Lebewesen nur in Bezug auf menschliche Zwecke Bedeutung erhalten. Trotz dieser Unterschiede verbindet sie die radikale Abwertung der Natur und die Vorstellung, dass ihre Selbstständigkeit dem menschlichen Denken untergeordnet ist. Ruschig zitiert zentrale Passagen und kommentiert sie kritisch: Die Entsubstantialisierung der Art-Formen, die die drei Philosophen propagieren, setze einen Denkprozess fort, der bereits mit dem Nominalismus begann – und den die moderne Gesellschaft praktisch umsetzt, indem sie die Eigenlogik der Lebewesen ignoriert und funktionalisiert.

Damit zeigt Ruschig, dass die philosophische Abwertung der Natur nicht nur abstrakt ist, sondern konkrete Folgen hat: Sie erleichtert die Instrumentalisierung von Lebewesen und ihrer Lebensweisen und eröffnet den Blick auf die Spannung zwischen theoretischer Abstraktion und realer Verwundbarkeit der Natur. In der Praxis kennt das Kapital kein moralisches Prinzip, das seinen Zugriff auf Lebewesen – ebenso wie auf lebendige Arbeit – begrenzen könnte. Theoretisch werden solche Eingriffe durch Philosophen wie Descartes und Spinoza gerechtfertigt: Sie begründen die Maxime, dass Lebewesen nach Belieben genutzt werden dürfen, und dienen insoweit den Zwecken des Kapitals. Damit wird die Praxis legitimiert, Lebewesen zu Rohstoff und Biomasse für den kapitalistischen Verwertungsprozess zu machen. Moralische Einwände erscheinen in diesem Rahmen als abwegig: Sie werden als Produkte „eitlen Aberglaubens“ oder „weibischer Barmherzigkeit“ abgetan, die beide aus Sphären jenseits der „gesunden Vernunft“ (ratio sana) stammen (125). Fichte knüpft an Spinoza an und überträgt dessen Idee, dass allein der göttlichen Substanz Wirklichkeit zukomme, auf sein Prinzip absoluter Subjektivität: Das Ich setze sich als Ich absolut, indem es sich mit sich selbst identifiziere.

Die Konsequenz für Tiere ist radikal: Ihnen wird kein eigenes Leben zugesprochen. Ob wilde oder domestizierte Tiere – ihr Erhalt ist im bürgerlichen Staat kein Ziel; ihr Tod gilt als regulärer Zweck. In der Massentierhaltung führt dies zur direkten oder zumindest mittelbaren Vernichtung der Tiere, sofern ihr Nutzen für das Kapital keinen längeren Verbleib erlaubt. Ebenso ergibt sich das Artensterben als indirekte, bewusst in Kauf genommene Folge der Schaffung von Lebensbedingungen, die ein Überleben der Arten unmöglich machen (152).

Die von Ruschig im zweiten Teil des Buches behandelten Philosophen – Descartes, Spinoza und Fichte – vertreten die Auffassung, dass Lebewesen nichts als Materie seien, vollständig den mechanischen Gesetzen unterworfen. Ein Moment des Subjektiven oder Eidetischen sei ihnen abzuerkennen; jede Metaphysik dieser Art werde als überflüssig und hinderlich abgetan. Auf diese Weise habe die Aufklärung die „antiken Weisheiten“ demontiert und mit der politischen Herrschaft eine radikale Neuordnung durchgesetzt. Erst wenn die Lebewesen von solch alten Weisheiten befreit seien, könne das Freiheitssubjekt seine Freiheit ohne Schranken verwirklichen – indem es die Lebewesen nach Belieben benutze.

Darüber hinaus erscheinen die Lebewesen im Verhältnis zum absoluten Ich als potenzielle Gegner, da sie trotz ihrer Trennung von der Geistigkeit des Ich dessen Reinheit bedrohen könnten. In dieser idealistischen Abstraktion existiere für die Tiere kein eigener Zweck; ihr Tod sei der einzig denkbare Zweck, sowohl für das herrschende Subjekt als auch für den rationalen Staat (155f.). Hegel zufolge erreiche die Geschichte mit der bürgerlichen Gesellschaft und dem bürgerlichen Staat ihr Ende, der absolute Geist finde seine Vollendung in Kunst, Religion und Philosophie. Daraus folgert Ruschig zynisch, dass die kapitalistische Produktionsweise als „Endzustand“ der Menschheitsentwicklung gedacht werde – ein Zustand, in dem die Lebewesen endgültig der kapitalistischen Verwertung unterworfen seien.

Diesem „Endzustand“ stellt der Autor seinen radikalen Gegenentwurf entgegen: Das Mitleiden mit den vom Kapital gepeinigten Lebewesen. Dieses Mitleid sei aber kein spontaner Affekt und nicht von Sympathie abhängig, sondern beruhe auf der rationalen Erkenntnis der eidetischen Besonderheiten der Arten – ihres Subjektiven in der objektiven Natur. Erst in dieser Reflexion über die Vernunft lasse sich das Verhältnis von Mensch und Natur verstehen. Das Mitleiden, das uns vor uns selbst erschrecken lässt, solle Courage erzeugen – nach Marx die Courage, die die gemeinsame Emanzipation von Mensch und Natur beginnt, die Befreiung der Natur ebenso wie der unterworfenen Arbeit. Anders als die „politische Emanzipation“ beanspruche diese keine Ausplünderung oder Vernichtung der Natur, sondern eine echte, wechselseitige Freiheit.

Ulrich Ruschig schreibt präzise, argumentiert theoretisch scharf und untermauert seine Analysen mit konkreten, leider oft traurigen Beispielen aus der kapitalistischen Praxis. Gleichzeitig durchzieht seine Darstellung eine furiose, stellenweise zynische und zornige Tonalität – ein Zorn, den er auch vom Leser einzufordern scheint. Ein bedeutsames Buch, das es ermöglicht, wie Daniel die Menetekel der gegenwärtigen Naturkrise zu entziffern, ihre Tragweite zu verstehen und damit hoffentlich wirksam der drohenden Katastrophe entgegenzuwirken.

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchat – Spiritualität – Integrität

Heide Göttner-Abendroth (geb. 1941) promovierte 1973 an der Universität München und lehrte dort zehn Jahre als Lehrbeauftragte für Philosophie und Wissenschaftstheorie. 1986 gründete sie die „Internationale Akademie HAGIA für Matriarchatsforschung“, die sie seither leitet, und war u.a. Gastprofessorin in Montréal und Innsbruck. Sie leitete drei Weltkongresse für Matriarchatsforschung und wurde zweimal (2005, 2007) für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Göttner-Abendroth gilt als Mitbegründerin der modernen Frauen- und Matriarchatsforschung.

Matriarchat – Spiritualität – Integrität. Gespräch mit Heide Göttner-Abendroth


Christine Steffen (CS): Heide, du bist einer breiteren Öffentlichkeit, vor allem in der Frauenbewegung, durch deine beiden Bücher „Die tanzende Göttin“ und „Die Göttin und ihr Heros“ zur Matriarchatsforschung bekannt geworden. Wie und wann begann das?

Heide Göttner-Abendroth (HG): Zu deiner ersten Frage: Als ich vor ca. 20 Jahren auf diesem Gebiet zu forschen anfing, waren die Begriffe wie „Patriarchat“ und „Matriarchat“ noch völlig tabu; da gab es die Neue Frauenbewegung ja noch gar nicht, und ich habe meine Arbeit ganz alleine machen müssen. Ich habe mich niemandem zu sagen getraut, was ich forsche. Wenn ich jemandem gesagt hätte, das und das sei patriarchal, hätte man nur gelacht. Oder, wenn ich behauptet hätte, ich beschäftige mich mit Matriarchaten, dann hätte man mich für blöd erklärt. Also, ich sage es jetzt etwas grob: Ich habe schön mein reguläres Philosophiestudium gemacht, und diese „unseriöse Forschung“ in den Semesterferien und habe niemandem etwas davon mitgeteilt. So war das geistige Klima, bis dann durch die Frauenbewegung solche Begriffe wieder salonfähig und nachdenkenswert wurden. Das hat zehn Jahre gedauert; zehn Jahre Kritik auch von der Frauenbewegung her, die diese Begriffe zuerst wieder in den Mund genommen hat.

Heute arbeite ich zugleich theoretisch und praktisch. Theoretisch versuche ich, das, was die patriarchale Gesellschaftsform ausmacht, zu erkennen und zu kritisieren. In erster Linie bin ich mit der Erforschung der Geschichte und Gesellschaftsform des Matriarchats beschäftigt. Mir liegt daran, diese Gesellschaftsform in ihrer Vielschichtigkeit und ihrer langen Geschichte zu erforschen; denn in der Forschung sind wir heute noch ziemlich am Anfang. Seit Bachofen ist zwar viel herumgeforscht worden, aber ich kann wirklich sagen, nur herumgeforscht; denn das war ein Thema für Ideologien, Selbstrechtfertigungen und Weltbildforscherei am laufenden Band. Bisher ist das – ich kenne die ganze Forschungsliteratur – nicht einmal halbwegs neutral und sachgerecht abgehandelt worden. Das ist bei mir das erste sachliche und wissenschaftliche Interesse. Zur Zeit sitze ich an einem größeren Werk zur Geschichte der Gesellschaftsform des Matriarchats. Was in den beiden Büchern steht, die ihr kennt, sind nur kleine Ausschnitte aus meiner Forschung, die ich mittlerweile schon länger mache, durch die ich meine Interessengebiete wie die Mythologie, die Kunst und die Ästhetik bestimmt habe.

Matriarchatsforschung und Frauen-Gruppenarbeit

Alexander von Pechmann (AvP):Wie du schon angedeutet hast, ist für dich die Matriarchatsforschung ja kein Selbstzweck, sondern die Folge deiner Kritik des Patriarchats. Wie ist deine Haltung dazu? Lehnst du patriarchale Gesellschaftsformen generell ab, oder siehst du in ihnen auch kulturhistorisch wertvolle Teile und Errungenschaften, die erhaltenswert sind?

HG: Ehe wir eine zureichende Kritik des Patriarchats machen können, müssen wir überhaupt erst mal in Einzelheiten wissen, was die matriarchale Gesellschaftsform in ihrer Gesinnung, in ihrer Sozialstruktur und ihrer Ökonomie ausgemacht hat. Das ist ja, wie gesagt, höchst unzureichend erforscht. Erst wenn wir das wissen, finden wir die historische Folie, um uns klar zu werden, was im Patriarchat absorbiert, verändert oder auch weiter entwickelt worden ist. Mich interessiert in meiner Forschung ja nicht nur die Zeit der matriarchalen Gesellschaftsform, sondern genauso, wie in patriarchalen Gesellschaften matriarchale Traditionen weitergewirkt haben. Wie haben sie dort, auch untergründig, gearbeitet? Wie sind sie aufgenommen worden und haben dann wiederum Verbesserungen im Gesellschaftsablauf gebracht? Das ist eine Aufgabe, an der ich bestimmt noch zwei Jahre arbeite. Dann können wir zu einer vernünftigen und ruhigen, kritischen Einschätzung des Patriarchats kommen.

In den Büchern, die ihr kennt, vor allem die „Tanzende Göttin“ als einem rein essayistischen Buch, musste ich vieles plakativ in Antiposition darstellen, was bei einer genaueren gründlichen Erforschung so nicht stehenbleiben kann. Es gibt in patriarchalen Gesellschaften auch Entwicklungen, die stärkere Ausdifferenzierung von Arbeitsbereichen und Produktivkräften, gewisse Rationalisierungen von Wissenschaft und Technik, die durchaus nützlich und fruchtbar sind. Die Frage ist nicht: Wie kann man das in Bausch und Bogen heute abschaffen und zur Jungsteinzeit zurückkehren? Das wäre sehr naiv und romantisch. Die Frage ist: Von welcher Werthaltung aus sind diese patriarchalen Gesellschaften kreiert und angewandt worden? Das ist das, was wir kritisieren müssen. Nicht, dass das erfunden worden ist, sondern die Werthaltungen, die oft höchst menschenfeindlich sind, aus bestimmten Zwängen oder Wünschen zur Herrschaft und Herrschaftsausübung, die die patriarchale Geschichte durchziehen.

Ich möchte auch am Ende meiner Forschungen versuchen, eine matriarchale Utopie auf einer neuen philosophischen Ebene entwickeln. Und da ist es natürlich wichtig, wie wir heute die Errungenschaften, die aus der patriarchalen Zivilisation stammen, in eine neue Werthaltung integrieren können. Und diese neue Werthaltung knüpft, in gewisser Weise, an Bewusstseinsformen an, die in diesen alten Matriarchaten geherrscht haben, die nicht hierarchisch waren, auch nicht herrschaftsdurchsetzt, sondern die dem Menschen gegenüber weitaus humaner zugewandt waren als patriarchale Gesellschaften mit ihren Herrschafts- und Rechtszwängen. Was mich eben in meiner Forschung wirklich interessiert, ist, wie sich die reichen wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Errungenschaften integrieren lassen in ein ganz neues Verhältnis gegenüber dem Menschen, der Gesellschaft und der Natur. Ich glaube, das ist etwas, das uns alle drängt, was wir alle irgendwo suchen.

Gerlinde Schermer (GS): Du willst also eine Veränderung hin zu einer humaneren Gesellschaftsform. Bei dem Wie? würde mich interessieren: Wie groß ist das Interesse von Frauen? Was für Auswirkungen hat das? Verstehst du darunter eine einfache Vervielfältigung durch Gespräche? Wie soll man sich das auch sinnlich aneignen?

HG: Weißt du, ich kann da nur kurz auf meine vielfältige Arbeit verweisen. Ich arbeite theoretisch durch Bücher, Vorträge und Seminare. Da erreiche ich relativ viele Menschen, Frauen und Männer. Nur ist die Ebene, auf der ich sie erreichen kann, wiederum die der Argumente und des Intellekts. Das ist zwar ein wichtiger erster Zugang. Aber deine Psyche einmal auszuprobieren, dazu kommen wir damit nicht. Das ist eine Arbeit, die ich nur intensiv mit Gruppen machen kann. Es ist zwar viel, theoretisch so zusammenzuarbeiten; aber ich möchte diese beiden Arbeitsformen integrieren und neue Formen der Lehre finden. Ich bin etwas frustriert von diesen Lehrformen an der Universität, die ich lange gemacht habe, und auch von der Vortragsform, die ich jetzt noch machen muss. Da stehe ich vorne und rede, die Zuhörerinnen sitzen und hören zu, und dann kommt es bestenfalls noch zu einer Diskussion. Andere Vermittlungsformen zeigen sich mir ja schon in den engeren Gruppen, aber da habe ich mit meiner Erfahrung eben erst begonnen.

Es gibt auch ein ganz simples Problem: Nach zwei Jahren praktischer Arbeit ist der Zulauf ziemlich groß. Ich bereite gerade unser großes Winterabschlussfest vor; eine große Veranstaltung, an der viele Frauen teilnehmen können, und die ihnen unsere Arbeit einmal in einem großen Fest zeigt. Ich muss sagen, das Interesse ist ungeheuer groß, weil die Frauen genau spüren, dass diese Art der Arbeit zugleich intellektuell, künstlerisch und seelisch ist, und, was einen wohltuenden Effekt auf uns alle hat, ganzheitlich zusammenkommt. Das spricht sich zur Zeit ziemlich herum.

GS: Ich frage mich, ob es wirklich so viele Frauen gibt, die bereit sind, sich ein ganzes Jahr darauf einzulassen und dazu auch die Möglichkeiten haben.

HG: Über das ganze Jahr sind es wenige. Die Gruppen sind nie größer als 12 bis 14 Frauen. Aber bei diesem großen Fest kommen auch viele Frauen, die das einfach mal sehen wollen.

CS: Ich habe deine Frage so verstanden, Gerlinde, dass du meinst, inwieweit diese Frauen auch als Multiplikatorinnen wirken.

HG: Das kann werden. Ich wünsche mir das natürlich auch, aber ich kann das weder planen noch bestimmen. Das hängt sehr von den Vertiefungsprozessen ab, die jede Frau machen muss. Ich habe vor, nach dem dritten oder vierten Jahr diese Arbeit auf verschiedene Weise zu dokumentieren: durch Filme und ein Buch, vielleicht auch durch Ausstellungen. Das sind dann allerdings nur Dokumente. Da treten künstlerische Formen auf wie Hüllen dieses Prozesses; denn im Grunde zeigt eine Ausstellung und auch ein Film nicht das Fest, sondern nur die Hülle davon. Ich glaube, da tritt die Kunst tatsächlich in das ein, was ich als die ‚quasi-patriarchale Kunst‘ beschreibe. Ich benütze sie bewusst als Hüllen, die aber denen, die interessiert sind, vielleicht einen Eindruck davon geben, wie vielfältig und auf welchen Wegen das abläuft. Das kann eine Entscheidungshilfe sein, darin mitzuarbeiten; aber der Prozess ist es nicht. Wenn ihr ein Kunstprodukt eines Künstlers vor euch habt, ein Bild, dann ist das bloß die Hülle seines inneren Prozesses.

Kunst als Fiktion?

Ulrike Schwemmer (US): Du sagst, dass alle traditionelle Kunst reine Fiktion sei. Wenn du jetzt aber ein Bild als Hülle eines ganz bestimmten Prozesses und sie als Fiktion beschreibst, wie grenzt du dann die matriarchale Kunst davon ab?

HG: Die matriarchale Kunst, das sind diese Feste. Die kommen und vergehen, du kannst sie nicht sehen, sondern wirklich nur drin leben. Was ich dann davon dokumentieren kann, wie einen Film oder eine Ausstellung, das sind die Hüllen. Da gehe ich quasi in den patriarchalen Kunstbetrieb und benütze dessen Hüllencharakter.

US: Dann wäre das aber auch Fiktion, in deinen Begriffen.

HG: Es ist insofern eine Fiktion, weil es nicht mehr der seelische oder der spirituelle Prozess ist, nur noch die Abbildung davon.

US: Wenn du sagst, die patriarchale Kunst sei rein fiktional, – meinst du damit nur, dass du nur das Endresultat eines Prozesses hast, das sich abgelöst hat?

HG: Genau das. Die Kunst besteht aus Objekten, und die Objekte sind tatsächlich ein Endprodukt, ein Ding, das sich verfestigt hat aus dem seelischen Prozess des Künstlers. Nur so, als Ding oder als Ware, wird sie dann verfügbar auf dem patriarchalen Kunstmarkt; denn die Prozesse selbst sind nicht verfügbar. Insofern sage ich auch immer zu meinen Frauen, nachdem ein Jahr um ist: jetzt habt ihr ein wunderbares Kunstwerk erlebt; und es kam und es ging.

GS: Wenn ich dich recht verstanden habe, dann wendest du dich auch sehr gegen die Normensetzungen einer patriarchalen Ästhetik, die die künstlerische Aktivität einschränken würde. Ich bin jetzt doch etwas verwundert, weil der Jahreszeitenzyklus, den du deinen Festen und Arbeiten zugrundelegst, auch sehr starr und straff organisiert ist.

HG: Der Jahreszeitenzyklus ist ein kompliziertes Zusammenspiel zwischen Sonnen-, Mond- und Erdkonstellation. Ich erforsche im Grunde nur die Strukturen dieser alten Symbole. Du musst ja, wenn du ein solches Fest neu schaffen willst, wissen, welche Symbole gehören zu einem bestimmten Fest. Ich bin nicht dafür, sich das aus der Phantasie zu saugen. Das wird allenthalben und oft gemacht: aber das ist für mich nicht ein ernsthaftes Wiederaufgreifen dieser Muster, die ja in sich auch Schlüssel haben, Schlüssel für spirituelle Abläufe, die wir erst erforschen wollen. Darum bin ich da sehr streng und beharre auf diesen Strukturen.

Nur, eine offene Struktur ist etwas anderes als ein vorgefertigtes Gebilde, das wir imitieren. Eine offene Struktur ist, wenn du ein z.B. Musikstück nur in Kontrapunkten hast, dann aber die Melodien frei erfindest. Wenn du etwa das Wintersonnwendfest, dieses alte Symbol der Wiedergeburt der Sonne, nimmst, da musst du dich fragen: Was kann denn das für uns heute bedeuten?

Und das heißt, du musst es auch gesellschaftskritisch nehmen. Was heißt es, wenn du es patriarchal mit all den Verzerrungen zurückverfolgst? Da fängst du an zu denken, zu suchen, und kulturhistorisch zurückzugehen, was das früher vielleicht mal geheißen hat, unabhängig von der Unterscheidung in Gut und Böse, von der Vorstellung, dass das helle, gute, schöne Licht, das männliche Prinzip, aus der dunklen, niedrigen usw. Erde kommt. Da öffnet sich ein neuer, weiter Raum, der jenseits des dualistischen Denkens und jenseits aller Verzerrungen dieser Symbole ist; und dann fängst du an, es wieder neu zu kreieren.

Aber wir halten uns an die Symbole. Wir können ja auch nicht im Frühling Getreide schneiden; im Herbst kein Frühlingssymbol feiern und im Frühling kein Herbstsymbol. Sie müssen auch stimmen, darauf bestehe ich dann schon. Das grenzt eine absolute, subjektive Freiheit der Kreativität ein, das weiß ich. Auf der anderen Seite haben wir die Erfahrung gemacht, dass, wenn du eine offene Struktur hast, eine unglaubliche Kreativität einfließen kann, wenn du das kulturhistorisch wendest. Die Kreativität, die du ansprichst, ist die Autonomie des Künstlers, der aus sich heraus immer alles darf und schafft seit der Genie-Ästhetik des 18. Jahrhunderts; die ist noch ziemlich jung. Aber auch in unseren europäischen mittelalterlichen Kulturen und danach noch gab es diese Art von Kreativität nicht. Auch da schuf man alte, reiche Symbolmuster nach, interpretierte und kreierte sie neu.

Ästhetik – Spiritualität

US: Ich habe eine Frage, die daran anschließt: Ist „Ästhetik“ und „Spiritualität“ für dich eigentlich identisch oder …

HG: … das ist nicht identisch. Meine These ist ja, dass die Absonderung der Bereiche in Kunst und Religion und Wissenschaft – alles schön geordnet und in Institutionen verankert – eine typisch patriarchale Gesellschaftserscheinung ist. Im Grunde ist es egal, an welcher Ecke du anfängst, wenn du diese gesteckten Grenzen überschreiten willst. Wenn du von der Kunst her den Zugang zur Spiritualität gewinnst oder aber von der Wissenschaft her, dann ordnet sich der Entwicklungsweg anders; denn künstlerische Ausdrucksformen sind etwas anderes als spirituelle Ausdrucksformen. Die Gebiete gehen jedoch nicht eklektizistisch ineinander über, sondern bekommen einen Zusammenhang, wenn man sie nicht als gesonderte Bereiche und gesonderte Spielregeln betrachtet, sondern, wie ich sage, als eine ganzheitliche Konzeption in Bezug auf die Gesellschaft und die Menschen.

AvP: Meint „Spiritualität“ für dich das Element dieser Einheitlichkeit des Menschen hinsichtlich seiner verschiedenen Fähigkeiten, oder verstehst du darunter wiederum eine eigene Kraft, neben den anderen Fähigkeiten?

HG: Was heißt eigene Kraft oder nicht-eigene Kraft? Wenn du sagst „eigene Kraft“, hast du wieder ein Ressort für sich. In dem Sinne ist es keine eigene Kraft. Ich sage es mal in einem alten mythischen Ausdruck, der auch heute bei spirituellen Arbeiten, zum Beispiel bei den Hopi, noch gebraucht wird: es ist die „kosmische Balance“ zwischen allem. Die kosmische Balance zwischen den Kräften im Menschen, zwischen den Bereichen in der Gesellschaft oder auch die kosmische Balance zwischen Mensch und Natur. Dies sich immer ins Bewusstsein zu bringen, immer in dieser Richtung zu arbeiten, das ist das Spirituelle. Das ist keine eigene Kraft, die man eigens institutionalisieren kann, sondern gerade die grenzüberschreitende Kraft. Aber es ist natürlich eine bestimmte Kraft, der man sich bewusst werden kann, weil sie sich abhebt von der nur ästhetischen oder nur wissenschaftlichen Kraft.

AvP: Also die Kraft, die die Balance bringt.

HG: Die synthetisierende Kraft – obwohl, das ist auch wieder so ein etwas blasser philosophischer Ausdruck –, die die Auflösung von Verfestigungen in Ressorts und Institutionen, die die Verengung auf Innerpsychisches oder Innergesellschaftliches dazu bringen kann, den Blick auf den Kosmos im Sinne von Natur zu bekommen.

AvP: Wieso trennst du das eigentlich von der dialektischen Form ab? Dialektik versucht ja auch, die Unterschiedlichkeit der Gegensätze aufzuheben und in eine Einheit zu bringen.

HG: Das dialektische Denken ist in der Philosophiegeschichte im Grunde noch ein Relikt, ein Rest dieses alten kosmischen Sich-Befindens in vielen Himmelsrichtungen, Polaritäten, menschlichen Gegebenheiten usw. Es ist, glaube ich, eine rationale Formulierung dessen. Das beginnt schon mit der platonischen Dialektik und setzt sich durch die ganzen Varianten der Dialektik bis zu Hegel und später fort. Es ist eine rationalistische Aufarbeitung dessen, was Völker in den nicht-patriarchalen Gesellschaften spirituell dauernd tun, indem sie sich, ob sie nun mental, psychisch oder praktisch arbeiten, in diesen Bezug zum Gesellschaftsganzen, zum Ganzen der Kräfte im Menschen oder auch zum Naturganzen setzen. Ich glaube, in der Philosophie ist das noch so ein Nachhall. Eine Verzerrung liegt allerdings darin, dass es rein auf dem rationalen, dem Denkbereich formuliert worden ist. So fängt es bei Plato an, bei Hegel wird es dann als eine Kosmogonie formuliert und erst in der Marx’schen Dialektik wird es dann wieder auf das Gesellschaftsganze gewendet. Nur ist es da immer wieder fast wie technifiziert durch dieses „These – Antithese – Synthese“. Es ist fast eine Technik dessen, wie man sich mit vielen Bereichen in Bezug setzen kann, – als ob das so schrittweise ginge. Aber ich würde sagen, innerhalb der Philosophie ist das noch ein Rest alter Denkformen.

Man hatte das in poetisch-musischer Form in den urphilosophischen Gesellschaften; dort kam das oft vor als das paradoxe Sprechen des Dichters. Die dichterische, poetische Sprache, die in alter Zeit eine magische Sprache war, sprach sich gerade in solchen Paradoxien, scheinbaren Widersprüchen und Gegensätzen aus. Bei Plato beginnt dann die Rationalisierung dieser Haltung. Was in den matriarchalen Kulturen eine Haltung war, ist bei den Philosophen dann zu einer Denkschule geworden. Ich sage das manchmal als Anekdote: Wenn Hegel am Schreibtisch sitzt und durch sein dialektisches Denken die ganze Welt einzuholen versucht. Es ist der Unterschied, ob du es lebst oder am Schreibtisch dialektisch nur einholst.

Dialektik und Praxis

US: Da schließt sich mir die nächste Frage an: Ist das nicht eine Ästhetisierung von Leben?

HG: Da  muss ich zuerst noch zum Begriff was sagen. Ob ich es „Ästhetisierung des Lebens“ nenne, oder ob ich sage, es ist das dialektische Eine als Haltung, – das sind im Grunde alles Begriffshülsen, die diese Haltung der kosmischen Balance, die sich auf Mensch, Gesellschaft und Natur bezieht, zu umschreiben versuchen. Wir haben eben nur diese Begrifflichkeiten aus unserer philosophischen Tradition. Ich habe das eben anhand der Ästhetik formuliert und gezeigt, dass die matriarchale Ästhetik im Grunde ja keine Ästhetik ist, sondern die Fähigkeit, jene Balance herzustellen. Das ist gemeint mit Ästhetisierung. Du kannst genauso gut sagen, das sei eine Politisierung oder ein matriarchaler Wissenszugang; die Begriffe spielen da nicht so eine große Rolle.

US: Ich habe nur deinen Begriff aufgegriffen. Was ich eigentlich wissen wollte, ist, wie sich das in dieser Gesellschaft gestalten kann.

HG: Weißt du, in dieser Gesellschaft kannst du – ich habe das etwas angedeutet am Ende meines Buches – nur in kleinen Experimenten, in kleinen Enklaven beginnen. Diese kosmische Balance mit ihren Vielheiten herzustellen, ist eine Utopie, ein utopischer Gedanke, den man als Leitidee da einbringt. Wie gesagt, ich arbeite jetzt seit zwei Jahren auch praktisch, indem ich das alte Muster, das alte Mysterienspiel des Jahreszeitenzyklus benutze, in das sehr viele Möglichkeiten einfließen können. Deswegen arbeite ich in sehr kleinen Gruppen mit Frauen zusammen, in denen wir versuchen, unsere intellektuelle Durchdringung, unsere ästhetische Ausdrucksfähigkeit und unsere musischen Begabungen, unsere seelischen Fähigkeiten in einen ganzheitlichen Spielablauf zu bringen. Das sind Versuche, um uns klarzumachen, welche Geistigkeit hinter diesem Muster der alten Mysterienspiele steckt, welche Vielfalt und welche nicht-patriarchalen Verhaltens- und Lebensmuster. Das ist die jetzige, rein experimentelle Situation. Ob das mal für mehr Menschen interessant wird und seinen experimentellen Charakter verliert, das weiß ich jetzt nicht. Ich gehe da so bescheiden vor wie andere junge Menschen. Du kannst natürlich eine Leitidee haben, einen Entwurf, der vielleicht gesellschaftsverändernd ist. Aber wir fangen ja nicht mehr mit großen Strategien von oben an, sondern mit den kleinen Experimenten, da wo wir sind. Das halte ich auch für realistischer.

Bärbel Duft (BD): Ist all dies nicht ein Rückzug aus der Gesellschaft? Das ist, scheint mir, ein wichtiger Punkt.

HG: Ich will erst eine kritische Frage an dich stellen: Was ist denn ein Rückzug aus der Gesellschaft? Wissen wir das so genau? Goethe hat einmal ein schönes Wort über den Dichter gesagt: Wenn man sich mit der Kunst beschäftigt, ist das der sicherste Weg, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen und zugleich sich mit ihr zu verbinden. Darin liegt eine Paradoxie. Ich sage es dir jetzt aus meiner Sicht: Wenn du in eine sehr intensive Arbeit spiritueller Art einsteigen willst, musst du dich erst mal zurückziehen; sonst ist das gar nicht möglich. Dass ich mich aber nicht zurückziehe, siehst du daran, dass ich zugleich extensiv arbeite mit Büchern und Vorträgen, durch die ich glücklicherweise viele Menschen erreiche. Auf lange Sicht möchte ich natürlich diese intensive Arbeit – darum habe ich auch von der Dokumentation gesprochen – wiederum vermitteln. Mein Ziel ist jedoch auch nicht – das habe ich eben jahrelang erlebt –, mich mit Bücherschreiben und Seminarehalten tot zu hetzen und vor lauter Weitergeben jegliche innere Substanz zu verlieren. Das ist eine Balance, beides zusammenzuschließen; wie ich das praktisch tue, muss ich ein Leben lang neu erfinden. Ich bin aber auch eine Gegnerin von insiderisch spirituellen Gruppen. Ich habe mir da unter den Frauen, die so daran hängen, schon genügend Feindinnen gemacht, weil ich sage, das führt nicht weiter, das führt irgendwann zur Erstarrung. Die Auseinandersetzung mit der Kultur, in der wir sind, dauernd wieder zu leisten, ist Teil der spirituellen Aufgabe. Man kann sich nur teilweise zurückziehen, dann muss man sich wieder auseinandersetzen; denn keine Insel in unserer Kultur ist eine echte Insel.

Mann und Frau im Patriarchat

AvP: Bei dem, was du bislang über Spiritualität, Kunst und die Symbole gesagt hast, habe ich eigentlich nichts ausschließlich Frauenspezifisches herausgehört. Was ist denn nun das, von dem du meinst, es gelte nur für Frauen?

HG: Von meiner theoretischen Seite her mache ich längst nicht nur Arbeit für Frauen, sondern meine, eine ganze Gesellschaftsform zu untersuchen und eine andere zu kritisieren. Das ist, denke ich, eine ganz allgemein philosophisch wichtige Arbeit und richtet sich an Frauen und Männer; obwohl es natürlich etwas anderes ist, die Geschichte einmal konsequent unter der Perspektive einer von Frauen geprägten Gesellschaftsform zu untersuchen.

Im Praktischen habe ich jetzt wirklich nur von Frauen gesprochen, aus einem bestimmten Grund. Ich habe keine separatistischen Gründe, sondern einfach keine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Männern. In meiner zweijährigen Arbeit waren allein so viele Schwierigkeiten zu bewältigen, erstmal uns Frauen aus den inneren patriarchalen Mechanismen raus zu lösen, dass ich im jetzigen Stand schlicht überfordert bin, auch noch die Probleme in Bezug auf die Männer mitzulösen.

Zum anderen habe ich das Gefühl, dass der Weg, den manche Männer begonnen haben, noch einige Jahre allein für sie weiter gehen muss, ehe sie soweit sind, dass man das mal kombinieren kann. Allein! Was glaubt ihr, wie viele Jahre Frauen, die heute in der Öffentlichkeit auftreten, allein ihren Weg gegangen sind: im Nichts zwischen allen Geschlechterrollen? Also meiner war mindestens zehn Jahre lang in völliger Isolation. Junge Männer, die heute weiterkommen wollen, müssen auch mal diese Phase der alleinigen Entwicklung durchgehen. Das sind existentielle Erfahrungen, die Frauen den Männern und Männern den Frauen nicht abnehmen können.

Genauso wie ich mich dafür interessiere, wie Frauen langsam zu einer Art matriarchaler innerer Souveränität kommen – nicht nur Selbstbewusstsein, das ist zu flach und psychologisch, sondern wirklich eine Art innerer Souveränität –, interessiert mich, wie Männer sich aus diesen patriarchalen Verklammerungen lösen und zu einer Art matriarchaler Integrität kommen können – so bezeichne ich das für Männer.

Aber die Nicht-mehr-Berührbarkeit von diesen ganzen patriarchalen Verführungen ist für Männer schwerer als für Frauen; denn das System absorbiert sie mit vielen Hilfestellungen immer wieder. Da die Integrität zu wahren, ist nicht leicht für einen Mann heute.

Wir sind ja in einer patriarchalen Gesellschaft nicht ganz in symmetrischen Positionen. Das Patriarchat, wie bedrückend es auch immer auf Männer wirkt, gibt ihnen mehr Chancen als Frauen. Insofern glaube ich, wird auch ein ehrlicher Bewusstseinsprozess bei Männern etwas anders verlaufen als bei Frauen. Und das sollen Männer wirklich allein tun.

US: Wäre das dann aber nicht das Aufrechterhalten der unterschiedlichen Geschlechtsmerkmale?

HG: Es sind nicht verschiedene Geschlechtsmerkmale, sondern unsere geschichtlichen Positionen sind heute verschieden. Die geschichtliche Position von Frauen, von bewussten Frauen, ist heute anders als die von Männern. Wir leben noch immer in einer patriarchalen Gesellschaft, die diese Asymmetrie mit sich bringt. Ich beobachte mit großer Freude, wenn aufgeschlossene Männer mehr und mehr ihren eigenen Weg suchen; denn das ist die Vorstufe, dass auch mal, auf dieser hohen Bewusstseinsebene, eine kreative Begegnung stattfinden wird.

AvP: Für mich ist das von dem, was du geschrieben hast, insofern unterschieden, als sich mir dort der Gedanke aufgedrängt hatte, du versuchst matriarchale Formen nur zu entwickeln, um zu fordern, nachdem 2000 Jahre lang die Männer geherrscht haben, soll das mal umgedreht werden …

HG: 4000 Jahre, Alexander.

AvP: Das kommt wahrscheinlich auf die Kulturen an.

HG: Hier waren es 4000 Jahre.

AvP: … in der Rückbesinnung auf die alten Formen von der Göttin und ihrem Heros.

US: Aber Alexander, du weichst aus.

HG: Das steht wirklich nirgendwo in meinen Büchern! Ich kritisiere immer diese simplifizierende Umkehrung, das Matriarchat sei praktisch nur die umgekehrte Herrschaftsform des Patriarchats. Wenn man das so sieht, dann kommt die Abwehr der Männer auf dem Fuße. Das kritisiere ich dauernd und dauernd. Wenn ich eine matriarchale Gesellschaftsform untersuche – ich sage das auch an vielen Stellen –, dann geht es mir nicht nur darum, wie eine neue Selbstauffassung der Frauen im matriarchalen Sinn, auf einer höheren Bewusstseinsstufe, aussieht, sondern auch der Männer. Ich denke an beide. Das ist ja gerade das, was mich auch von vielen Feministinnen unterscheidet, die ausschließlich Frauenperspektiven und Frauenstandpunkte untersuchen. Ich untersuche keinen ausschließlichen Frauenstandpunkt, sondern eine Gesellschaft, die von Frauen bestimmt war, nämlich das Matriarchat. Für mich ist es faszinierend, je mehr ich da eindringe, mit welcher erstaunlichen sozialen Intelligenz diese matriarchalen Gesellschaften geführt worden sind. Die funktionierten nämlich, ohne dass man, wer weiß, welche Autoritäten, Befehlsgewalten und Herrschaftsmechanismen einführen musste. Das ist aus utopischer Sicht höchst faszinierend: Dort waren Männer in ihren Eigenheiten in das ganze Gefüge integriert, hatten verschiedene wichtige Rollen und Bedeutung. Man hat überhaupt nicht den Eindruck, dass sie in ihre Fähigkeiten unterdrückt wurden; sie waren so voll integriert, dass das wirklich wie in einer ‚kosmischen Balance‘ funktionierte. Das ist nicht nur Theorie, das haben die sehr gut praktiziert.

Mir wird manchmal vorgeworfen, ich sähe das etwas rosig und idealisierend. Da möchte ich nur mal auf das noch immer klassische Buch von Lewis Morgan verweisen, der die Gentilgesellschaften bei den Irokesen beschreibt. Die Stammes- oder Gentilgesellschaften haben tatsächlich über die Verwandtschaftsbeziehungen wunderbar funktioniert, und zwar herrschaftsfrei; und die waren matriarchal geprägt. Es gibt Theoretiker wie Christian Sigrist, die solche Konzepte wieder aufgreifen, mehr und mehr solche Gesellschaftsformen untersuchen, die hoch komplex waren, gut organisiert und trotzdem herrschaftsfrei, nämlich ohne Hierarchie, funktionierten. Er nennt sein Buch „Regulierte Anarchie“, Anarchie heißt Herrschaftslosigkeit, aber eben nach Regeln. Und das waren großenteils matriarchale Gesellschaften.

BD: Das Vorurteil, dass das Matriarchat die Umkehrung des Patriarchats sei, finde ich ganz bezeichnend. Was mich erstaunt, ist, dass auch Frauen auf dieses Urteil reinfallen. Das ist ja an und für sich ein Ausdruck patriarchalen Denkens, dass es gar nicht anders vorstellbar ist, als dass eine Gesellschaft herrschaftlich und hierarchisch funktioniert. Man muß ganz schön alt werden, um das zu durchschauen.

HG: Weißt du, ich arbeite schon zwanzig Jahre an der Materie; ich habe dabei Stunde um Stunde meine eigenen Vorurteile abstreifen müssen. Weil das, was ich da las, war so verquer zu unseren Denkweisen, dass ich das wirklich nur langsam begriff. Was du sagst von der Umkehrung, dass in Matriarchaten eben die Mütter geherrscht haben und die Männer auch unterdrückt wurden, das ist wirklich ein schlicht banales Vorurteil, das dauernd reproduziert wird, weil es natürlich herrschenden Kreisen und der herrschenden Wissenschaft passt. Aber ich kann nur sagen: Leute, die das wiederholen, ob Männer oder Frauen, haben wirklich keine Ahnung von der Materie! Die haben noch kein wirklich zureichendes Buch aus diesem Gebiet gelesen. Denen würde ich sagen: Lest nur mal, bitteschön, Morgan, nur mal diese eine klassische Schrift; dann kriegt ihr ein völlig anderes Weltbild! Die kennen meistens nichts. Ich werde dann immer, in der Vortragssituation, leicht wütend, wenn das wieder und wieder kommt.

Matriarchat: Umkehrung des Patriarchats?

GS: Auch auf diese Gefahr hin … Du schreibst in deinem Buch über matriarchale Gesellschaften, die Frau sei die Schöpferin der Kunst und der Gesellschaft. Und der Mann – wo hat der seine Rolle? Wie konnte sich aus diesen matriarchalen Strukturen, die relativ herrschaftsfrei funktioniert haben, die patriarchale Herrschaftsform entwickeln? Und wie gehen wir heute damit um, wenn wir gegen diese Herrschaftsform eine Gegenbewegung schaffen wollen?

HG: Das ist ein ganzes Bündel schwierigster Fragen auf einmal. Was die Rolle von Männern in Matriarchaten angeht, kann ich dir nur sagen: in Stammesgesellschaften gelten sie nichts in der Sippe der angetrauten Frau, sondern nur in der Sippe ihrer Mutter. Und dort sind sie als Söhne oder Brüder geachtet und vertreten oft die Sippe nach außen. Solche Männer, die verhandeln oder bei Kriegen eine ganze Sippe oder einen ganzen Stamm nach außen vertreten, – das habe ich aus heutigem Material erschließen können – treten mit ganz anderer Würde und ganz anderem Verantwortungsgefühl auf, als wenn einer nur sich selbst und seine Machtposition vertritt.

Dann gibt es andere Formen, wo Männer und Frauen getrennte Bereiche haben. Die Frauen haben das häusliche und das dörfliche Leben bestimmt, während die Männer ihre Organisation in freier Natur gehabt haben, auf Jagden oder bei der Kriegsführung, das hat man in Nordamerika gut beobachten können. Das hat aber nicht die dominante Stellung der Frau in den sesshaften Bereichen, den Pueblo- oder Zeltstädten, tangiert; das war nach Bereichen getrennt.

Bei den hochkulturellen Matriarchaten des matriarchalen Königtums haben wir dann eine interessante Erscheinung. Das war kein autonomes Königtum wie in den patriarchalen Gesellschaften, sondern bezogen auf Tempelzentren und auf die Priesterinnen, die dort tätig waren. Diese Könige hatten die Aufgabe, die Männer für oft komplizierte Bautätigkeiten zu organisieren. Das fängt an bei den Bewässerungssystemen dieser hochkulturellen Matriarchate der alten Induskultur, in Altägypten, der ältesten Euphrat- und Tigriskultur; das war keine gering geschätzte Aufgabe. Daraus ergab sich eine erweiterte Bautätigkeit, die dann in Landgestaltung, in Steinaufbauten bis hin zu Tempelbauten bestanden, auch das war die Aufgabe der Männer. Aber wie und was, unter welchen symbolischen und spirituellen Zusammenhängen gebaut wurde, das haben die Priesterinnen im Tempelzentrum bestimmt; denn sämtliche Bauanlagen waren symbolisch und spirituell, deren spirituell mythischer Geist in den Tempelzentren vertreten wurde. Heute starrt die Archäologie meist auf das Königtum und die phantastischen Dinge, die gebaut wurden, und weiß überhaupt nicht mehr, dass im Hintergrund die Prägerinnen dieser Bauwerke und -tätigkeit saßen. Deswegen gibt es in Geschichtsbüchern so herrliche Fehlurteile: Sobald ein König auftritt, der eine Pyramide baut, ist das schon eine patriarchale Kultur; was überhaupt nicht stimmt, weil man das Sozialgefüge zwischen Tempelzentrum und Königshaus missachtet oder nicht kennt. Das spiegelt sich auch in der Mythologie wider. Der Sonnenheros, der in diesen Mysterien und Zyklen auftritt, ist ja keine unterdrückte Person, sondern wird manchmal fast zum Zentrum des Ganzen. Doch das ist dann unserer Perspektive; das Zentrum ist nicht er, sondern, ich sage es mal mythologisch: so wie die Sonne ein Teil des ganzen Gestirnhimmels ist, ist er ein wichtiger Teil des Gestirnhimmels, aber nicht das Zentrum. So wurde das auch tatsächlich aufgefasst. Die Frauen dieser alten Kulturen jedenfalls würden lachen, wenn man ihnen sagte: Ihr unterdrückt die Männer, die würden sagen: „Unterdrückt die Nacht die Sonne?“

Erklärungsmodelle patriarchaler Gesellschaften

HG: Dann hast du gefragt, wie das mit den Umschwüngen war. Dazu gibt es viele Thesen. Lauter einlinige Thesen, die für alle Kontinente, zu allen Zeiten, bei jeder Bedingung stimmen sollen. Davon halte ich nicht viel. Ich versuche, in meiner neuen Arbeit diese Umschwünge gesondert zu untersuchen. Im eurasischen Raum hat es keine immanenten Mechanismen gegeben, sondern wahrscheinlich eine Entwicklung, die durch katastrophale Existenzbedingungen zustande gekommen ist und in der Folge zu katastrophalen Völkerwanderungen geführt hat. Diese Stämme haben im Zusammenbruch ihrer eigenen Gentilverfassung gelebt und kamen praktisch als Räuber in die alten matriarchalen Hochkulturen im Mittelmeerraum und im Vorderen Orient. Ich sage „Räuber“ jetzt nicht abwertend, sondern im Sinne von Menschen, die ohne jegliche Sozialstruktur lebten, weil sie Generationen lang Katastrophen hinter sich gebracht hatten. Die kamen in ihrer desolaten Verfassung in ein Land, das reich war und wo der Ackerbau blühte. Wahrscheinlich hatten sie gar keine andere Wahl, als es zu erobern; als sie es erobert hatten, hatten sie keine andere Wahl, als ihre Herrschaft zu sichern. Sobald diese Überlagerung kam, kommen erst mal dunkle Jahrhunderte, in denen man archäologisch fast nichts mehr findet. Daraus haben sich dann die ersten „Zwei-Schichten-Staaten“ gebildet, in denen diese Räuber aus Existenznot ihre kriegerischen Mechanismen einsetzten, die die anderen Kulturen nicht kannten. Dadurch setzten sich dann, weil das Männer waren, das Übergewicht der Männer, der Kriegstechniken und damit der Herrschaft durch. So entwickelte sich Patriarchales.

Das ist die These, wie durch katastrophale Klimaverschiebungen und entsprechende Völkerwanderungen in Europa und Asien die Verhältnisse verlaufen sein könnten. Darüber hinaus besteht immer noch das Problem, wie in anderen Gesellschaften, die nicht solch extreme Bedingungen erlebt haben wie im Pazifik oder in Afrika, immanent die Umschwünge geschehen sind. Ich muss sagen, da habe ich des Pudels Kern auch noch nicht ganz gefunden.

Es gibt einige Theorien, besonders von marxistischen Theoretikern, wie durch Anhäufung von Heiratsgut oder Gütern, die durch gegenseitigen Sippentausch sich in einer Hand häuften, ein Übergewicht einzelner Männer entstanden ist – sie nennen das dann schon ‚Privateigentum‘, was auf dieser frühen Stufe bestimmt nicht gilt, weil das Bewusstsein von Privateigentum gar nicht vorhanden war –, und ihnen dadurch auch mehr Möglichkeiten gegeben wurden, Handel zu treiben. Wie durch dieses Übergewicht sich langsam auch ein stärkeres Bewusstsein herausgebildet hat, das zur Patrilinearität geführt hat, und dann zum Übergewicht von Häuptlingen, die sich allmählich unabhängig machten; wie also stufenweise, durch Bewusstseinsstufen hindurch, Patriarchate entstanden sind – all das wären Theorien immanenter Mechanismen. Auf keinen Fall aber taugen solche Erklärungsmuster, dass durch Erfindung eines einzigen Gerätes wie des Pfluges oder einer einzigen neuen Wirtschaft des Getreidebaus oder einer einzigen neuen Erkenntnis wie der Vaterschaft schlagartig und plötzlich das Patriarchat entstanden sei. Diese Entstehungsprozesse dauern jahrhundertelang und sind Prozesse der Verschiebung von Gütern, von Technologie und Bewusstsein auf die Seite der Männer. Doch das muss man im Einzelnen nachforschen, man kann da keine Bausch-und-Bogen-These machen; und das ist ein Teil meiner Forschungsaufgabe.

AvP: Ich habe eine Frage, die spiegelbildlich dazu ist: was wären für dich die Gründe und Ursachen, die die Abschaffung und Überwindung des Patriarchats in der Gegenwart möglich machen? So wie in einem langen Prozess das Patriarchat entstanden ist, so deuten heute bestimmte Faktoren darauf hin, dass das Patriarchat nicht mehr haltbar sein könnte.

HG: Also, in einem Punkt muss ich manchen Forscherinnen und Forschern eine Illusion nehmen. Manche glauben nämlich, wenn man die Mechanismen kennt, wie das Matriarchat zum Patriarchat umschlug, könne man das vice versa wieder umdrehen. Das geht überhaupt nicht. Erstens gibt‘s nicht eine Ursache und einen Mechanismus, sondern das sind lange komplizierte Entwicklungen; und zweitens sind die historischen Bedingungen heute so anders, dass man nicht durch die Umkehr irgendeines Mechanismus wieder ein Matriarchat herstellen kann. Das ist schlicht eine Illusion; da hat man ein rein mechanistisches Geschichtsbild.

Was für mich so spannend an dieser Forschung ist, dass ich, je mehr ich mich mit der matriarchalen Gesellschaftsform beschäftige, desto deutlicher erkenne, was an patriarchalen Mustern und Strukturen, an Bildern, Verhalten und Vorstellungsweisen eigentlich alles existiert. Wir unterschätzen das, weil wir das so gewöhnt sind. Und wenn man die überwinden will, muss man sie sehr genau kennen. Darum liegt mir sehr daran, das Patriarchat in seiner Entwicklung und in seinen Mustern bis heute genau zu erfassen. Und aus der Erforschung der alten Matriarchate kommen uns vielleicht Anregungen, in welche Richtung man es überwinden könnte. Aber nur das, nur die Richtung; weil die Imitation einer historisch vergangenen Gesellschaftsform nicht möglich ist.

Ende des Patriarchats

AvP: Meine Frage war ja: Kann man das Patriarchat überhaupt überwinden? Gibt es Argumente, die besagen, dass es nicht nur ein Mit-dem-Kopf-an-die-Wand-Rennen, sondern von der Struktur her auch möglich ist?

HG: Weißt du, das Patriarchat mit seinen Strukturen wird mehr und mehr Menschen dubios; nicht nur Frauen erkennen das und leiden darunter – mehr und mehr Männer auch. Mittlerweile hat unsere Technologie, unsere Strategie und unser militärisches Denken, die ökologischen Probleme und die der Gesellschaft, die Brutalität und Kriminalität unserer zerrütteten Gesellschaft einen Grad an Absurdität erreicht, dass immer offensichtlicher wird, welche Sprengkraft darin liegt. Das ist nicht nur eine Gegenwartsaufnahme, sondern das sind grundlegende Gegensätze, Widersprüche und Brüche, die sich mehr und mehr verstärken.

Sie zeigen, dass die patriarchale Gesellschaft sowohl in ihrem Verhalten gegenüber der Natur, als auch gegenüber den Menschen und im Verhalten der Staaten untereinander dermaßen absurd geworden ist, dass wohl kein vernünftiger und aufgeschlossener Mensch heute diese Gesellschaftsform noch für entwickelbar hält. Ich habe absichtlich an die Absurdität der Waffenrüsterei erinnert, die ja mittlerweile so gigantisch ist, dass sie – hoffentlich – nicht mehr anwendbar ist. So geht’s auch den menschlichen Beziehungen, wo die Atomisierung des Individuums so weit gediehen ist, dass die Vereinzelung, die Isolation und die Einsamkeit bald nicht mehr tragbar ist.

Das ist so was wie ein Endpunkt einer Entwicklung, die in einer Gesellschaft begann, der Gentilverfassung, in der jede Person im Rahmen dieser Verwandtschaftsordnung irgendwo aufgehoben war; die wurde dann zerschlagen in die patriarchale Großfamilie, die sich um einzelne Männer gruppierte; die wurde dann zerschlagen in die patriarchale Kleinfamilie; und heute wird die patriarchale Kleinfamilie noch zerschlagen. Das Ende ist ein isoliertes, einsames, atomisiertes Individuum, das staatlichen oder sonst welchen Manipulationen hilflos ausgesetzt ist. Dies ist ein Endpunkt; denn danach kann man nicht noch etwas atomisieren. Auch das ist eine Absurdität.

BD: Diese Widersprüche, diese negativen Eigenschaften unserer heutigen Gesellschaft werden sicher von immer mehr gesehen. Aber es gibt nur wenige Menschen, die das mit dem „Patriarchat“ in Verbindung bringen.

HG: Weißt du, es ist die Aufgabe meiner historischen Forschung, diese Traditionslinie zu zeigen. Darum habe ich daran erinnert, wie eine nicht-hierarchische Gemeinschaft mehr und mehr zerschlagen wurde bis zu diesem absurden Endpunkt heute. Er ist wichtig, dass wir das nicht nur als Crux unserer modernen Gesellschaft sehen, sondern als eine konsequente patriarchale Entwicklung durch ihre wirklich menschenverachtende Einstellung. Das Ergebnis ist das, was wir heute haben. Es ist ja keineswegs nur die Frauenbewegung; es sind mehr und mehr denkende Männer, die kritisieren, die New-Age-Bewegung, die Alternativbewegungen; egal an welchem Punkt angefangen wird – die Wunden sind so offensichtlich, dass diese Kritik häufiger, vielschichtiger und immer dringender wird. Und das sind für mich Zeichen dafür, dass diese Gesellschaftsform, in der wir leben, nämlich das Patriarchat, am Ende ist.

Systemveränderung durch Basisvernetzung?

HG: Gerlinde, du hast vorhin noch gefragt: Wie ist es möglich, aus einer herrschaftsdurchsetzten zu einer nicht-herrschaftsdurchsetzten Gesellschaftsform zu kommen? Das ist echt ein Kunststück.

Es ist natürlich einfach, in einer herrschaftsfreien Gesellschaft Herrschaft einzuführen, indem einige plötzlich ihren Egoismus entdecken und die Vorteile auf sich häufen. Aber wie löst man aus einer herrschaftsdurchsetzten sich wieder heraus? Das ist wirklich ein großes Problem. Ich kann euch das auch nicht schlicht und einfach beantworten. Ich kann euch bloß meine persönlichsten Ideen dazu sagen und euch das ins Gedächtnis rufen, was schon viele Menschen versuchen: nämlich nicht wieder mit einer großen Strategie, d.h. Revolution von oben oder unten, in der die Menschen wieder hierarchisch gegliedert werden, je nachdem, wie weit ihr Bewusstsein gediehen ist; sondern so, wie es heute eigentlich probiert wird: in kleinen Gruppen, an vielen Orten, an vielen Stellen konkret anzufangen, Verhaltensformen und Gesellschaftsformen zu ändern. Und diese Gruppen sind in meinen Augen schon nicht mehr einzelne subkulturelle Erscheinungen, sondern das ist schon zu einem Netz geworden.

Und das ist deswegen so interessant, weil dieses Netz gar nicht herrschaftsdrohend gegen die Herrschenden vorgeht, sondern dem die Herrschenden einfach gleichgültig sind. Die gliedern sich, so weit sie können, aus den Hierarchien, Institutionen aus; leben dafür natürlich bescheiden, oft überbescheiden. Aber dadurch unterlaufen sie all das, was von ihnen erwartet wird. Sie unterlaufen, was von den Menschen erwartet wird, den Ehrgeiz, in der Hierarchie aufzusteigen, dass man dauernd am Konsum und Reichtum teilhaben muss; sie unterlaufen das. Und das ist für Leute, die dauernd in den Vorstellungen von Herrschenden und Beherrschten, die dann auch herrschen wollen, denken, höchst verwirrend. Es ist fast so, als ob denen der Boden unter den Füßen wegschmilzt, bis solche Riesen auf tönernen Füßen stehen.

GS: Das ist doch aber ein ganz wunder Punkt. Denn in dem Moment, wo sich das Netz so entwickelt hat, dass es als eine Gefahr gesehen wird, könnte es ja sehr massiv bekämpft werden. Es ist ja nicht so, dass die Herrschenden auf einem so niedrigen Stand sind, dass sie uns egal sein könnten. Kann man das wirklich so alternativ unterlaufen, wenn die Geschichte des Patriarchats doch gezeigt hat, wie es es geschafft hat, die matriarchalen Elemente zu unterdrücken?

HG: Ich habe vorhin nur geschildert, wie es heute verläuft. Dass vielleicht, wenn es zu viele werden, massiver Druck von oben kommt, ist ja nicht ausgeschlossen. Nur, es gibt heute Faktoren, die eben anders sind als früher. Man kann heute, wenn sehr viele Menschen nicht mehr in diesen Hierarchien und Institutionen mitarbeiten, nicht mehr ohne Weiteres bewusstlos mit den Waffen auf sie einschlagen. Dazu sind die Waffen heute zu gefährlich und die öffentliche Meinung zu groß und zu breit. Das klingt etwas idealistisch und naiv, wirst du vielleicht sagen, – aber ich meine, in unseren westlichen Demokratien gibt es immerhin noch einen Mechanismus, nämlich die Abhängigkeit der Regierenden von ihren Wählern. Das ist zwar in gewisser Weise formal, aber nicht ganz zu unterschätzen. Zudem haben wir Zivilisationsformen entwickelt, die auch in ihren negativen Mechanismen für viel mehr Menschen durchsichtig geworden sind, als das früher war.

Das sind Faktoren, die ins Gewicht fallen können. Ich kann nicht sagen, das läuft so; ich kann keine Prognose machen, ich bin kein Prophet. Aber ich kann darauf hinweisen, welche Faktoren heute ins Gewicht fallen können, die durchaus auch die stützen können, die anders leben wollen.

GS: Jetzt verstehe ich das. Mich hatte nur verwirrt, dass du in deinem Buch von der Öffentlichkeit im Patriarchat als einer Enklave der Ohnmacht gesprochen hast.

HG: Hab‘ ich das? Das müssen wir mal im Zusammenhang gucken; ich hab‘s bestimmt nicht in dem politischen Sinne gemeint. Du beziehst dich sicher auf die „Tanzende Göttin“; das ist essayistisch geschrieben, bitte vergiss das nicht ganz. Ich kann in einem Buch, in dem ich die Geschichte des Matriarchats und eine Patriarchatskritik im Detail ausführe, zu solchen Fragen viel detaillierter Stellung nehmen, wie ich es hier jetzt auch versuche, als in einem Buch, in dem ich mich essayistisch mit den Fragen „matriarchaler Kunst und Spiritualität“ auseinandersetze.

Feminismus und Marxismus

BD: Zum Teil bist du ja schon darauf eingegangen; aber könntest du doch noch Genaueres zu deinem Verhältnis zum Marxismus, zu den sozialistischen Revolutionen und Staaten sagen?

HG: Weißt du, ich werde oft, auch von Frauen gefragt: Inwieweit ist denn das, was du hier vertrittst auch politisch, oder wieweit kann‘s auch revolutionär werden? Da frage ich immer: Was meinst du damit? Welchen Politikbegriff, welchen Revolutionsbegriff hast du? Solange wir Politik- und Revolutionsbegriffe entwickeln – auch wenn sie von unten kommen –, wo wieder mit Kadern und abgestuften Arbeiten operiert wird, sind wir noch immer in dem hierarchischen Modell. Das zeigen ja auch die noch so interessanten Volksrevolutionen, die letzten Endes wieder zum Aufbau hierarchischer Staaten führten. Da hat schon an der Struktur der Revolution was nicht gestimmt; das waren keine Revolutionen, die von den konkreten Bedingungen von Individuen und kleinen Gruppen ausgegangen sind, sondern die wieder eine allgemeine Strategie hatten. Ich muss sagen, in dem Sinne steckt hinter dem Spirituellen oder der spirituellen Arbeit, die ich euch geschildert habe, in der Tat ein anderer Politikbegriff: verschiedene Menschen an verschiedenen Orten, die aus ganz verschiedenen Gründen kritisch aus dem System austreten, die sich gar nicht abgesprochen haben, aber durch die Entwicklung eine Art Netz ohne Dachorganisation bilden, das ist eine andere Revolution, die sich weder organisiert noch strategisch verbindet; drum ist die auch nicht zu greifen.

Man hat das ja auch in der Frauenbewegung. Die gibt‘s mal da und mal dort; das entzündet sich an immer anderen Problemen. Die haben sich doch nicht abgesprochen, die Frauen! Die haben auch keine Strategie; aber das ist dauernd virulent und dadurch von gewissen herrschenden Leuten nicht zu fassen. Das ist eine andere Art von Revolution, die weiterbringt, weil sie den Menschen nicht strategisch übergeht, sondern von ihm ausgeht. Die dauert natürlich etwas länger als die Revolution, die, wie die sozialistische, innerhalb von einer Generation eine andere Welt schaffen will.

BD: Ich könnte mir vorstellen, dass man fragt: Haben wir die Zeit dafür?

HG: Tja, du hast recht; nur, da können wir alle nichts dazu. Wir haben nur die Alternative: Wollen wir wieder so eine Hauruck-Revolution, die viele Menschen zu Tode gebracht hat und trotzdem die alten Strukturen wiederbringt; oder wollen wir die behutsame Revolution, die auf die Menschen Rücksicht nimmt …

BD: … und die andauert …

HG: … die über Generationen hinweg geht. Auch die Revolution, die das Patriarchat eingeführt hat, ging nicht von einer Generation auf die andere – obwohl zerstören immer leichter ist als aufbauen; sage ich mal etwas plakativ. Wir können nur in der Zeit, die uns gegeben ist, tun, was wir können; wie viel Zeit wir haben, wissen wir nicht. Wir kennen das aus der Friedensbewegung; die hatten auch nicht furchtbar viel Zeit, denn das Wettrüsten geht weiter. Aber sie hat versucht, Zeit zu gewinnen. Wir haben die Aufgabe, Zeit zu gewinnen; ob wir sie noch haben, ist eine metaphysische Frage, die keiner beantworten kann.

AvP: Würdest du wirklich sagen, dass die sozialistischen Revolutionen eine Weiterführung dessen waren, was patriarchale Herrschaft möglich gemacht hat? Oder sind da nicht doch Mechanismen entstanden, durch die sich auch andere Interessen haben artikulieren können, wie die Arbeiterbewegung?

HG: Es ist genauso wie bei den Demokratisierungsprozessen, durch die andere Bevölkerungsschichten auch eine Chance bekamen, sich staatlich durchzusetzen. So ist das auch in den sozialistischen Revolutionen geschehen, weil da erstmals die Arbeiterschaft ins Licht der Geschichte trat und eine Rolle und Aufgabe erhielt. Ich würde das aber deswegen noch als patriarchal bezeichnen, weil noch immer die Blindheit in Bezug auf die Situation der Frauen besteht. Die patriarchale Gesellschaft ist ja nicht seit ihrem Beginn bis heute dieselbe geblieben. Da gibt es eben soziale Revolutionen; das sind Entwicklungen weiter. Sie sind nicht zu Ende geführt worden und deswegen patriarchal, weil in ihnen noch immer die mann-zentrierte Perspektive besteht. Der Mann – ob er nun Bourgeois ist oder Arbeiter, König oder Untertan – ist immer noch Zentrum des Denkens und der Weltsicht.

Ich möchte mal an das spannende Wort von Engels erinnern, dass der erste soziale Gegensatz, und zwar der grundlegende, durch die Unterdrückung der Frau in die Welt gekommen ist. Eine schöne These von ihm und anderen marxistischen Theoretikern; nur die Konsequenz haben sie nicht daraus gezogen. Sie haben die Gesellschaftsform, die den Arbeiter, den Bourgeois usw. in Bezug setzt, nicht nochmal auf die Situation und auf die Geschichte der Frauen hinterfragt. Das ist ein gutes Programm, das unausgeführt geblieben ist und heute radikal und grundlegend wieder von Feministinnen aufgegriffen wird, die eindeutig feststellen, dass die Probleme, die mit der Situation der Frauen zusammenhängen, eben nicht gelöst sind, wenn sich die Arbeiter-Unternehmer-Gegensätze lösen, sondern viel tiefgreifender sind, weil geschichtlich älter, viel grundlegender in allen Bereichen.

AvP: Würdest du meinen, dass das eine Bedingung für das andere ist?

HG: Was Bedingung für was?

AvP: … dass die Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und der Verfügung über sie – logischerweise von Männern –, also die Sozialisierung, eine notwendige Stufe ist; wobei ich dir Recht gebe, dass damit das Frauenproblem noch nicht gelöst ist.

HG: Also, das hängt zusammen. Wenn man der Engels‘schen These folgen würde, das Privateigentum sei allein der Faktor gewesen, der zur Unterdrückung der Frau durch den Mann geführt habe, dann würde logischerweise die Abschaffung des Privateigentums genügen, um die Frauen zu befreien. Aber das ist eben nicht der einzige Faktor. Es kommen noch biologische und kulturelle Faktoren hinzu; alles Faktoren, die man im Grunde nur herausbekommt, wenn man Matriarchatsforschung betreibt. Es gibt eben die verschiedene Situation von Frauen und Männern, dass Frauen zur Mutterschaft fähig sind oder Kinder haben; daß Frauen tatsächlich Kulturschöpferinnen waren und eine völlig andersartige Kultur geschaffen haben, als sie dann in den Patriarchaten entwickelt wurde. Das Privateigentum ist nur ein Faktor, wenn auch ein wichtiger, aber nur einer. Wenn man sieht, wie viele Faktoren da noch hineinspielen, um das Patriarchat zu ändern, dann muss man weit hinter die marxistische Klassenanalyse zurückgehen, auch im philosophischen Hinterfragen.

In dem Sinne ist tatsächlich die marxistische Denkweise – wie progressiv auch immer, das würde ich in keiner Weise bestreiten – doch noch eine patriarchale Denkweise, weil mann-zentriert, die Analyse der Frauensituation, auch der geschichtlichen, bleibt weg. Ebenso die Vorstellung, man könne die Geschichte erfassen auf so einer schönen Linie: so wie die Geschichte begonnen hat, so schafft man sie am Ende ab – und dann kommt die wunderschöne Utopie. Das ist eine einlinig kausale Denkweise und typisch für patriarchale Wissenschaft, ich kann mir da nicht helfen.

AvP: Ich würde da zwar mehr die dialektischen Elemente in den Vordergrund stellen, …

HG: ok., ich habe mich jetzt mehr auf Engels bezogen; da kommt das manchmal so‘n bisschen plakativ-kausal heraus.

AvP: … aber manchmal auch differenziert.

HG: Ich meine die Geschichte mit dem Privateigentum. Sobald das abgeschafft ist, verschwinden die Klassengegensätze, und alle sind befreit.

AvP: Aber es kommt von ihm doch auch anderes.

HG: Ich habe mich da jetzt nicht auf Marx bezogen, der da differenziert und dialektisch arbeitet. Nur möchte ich dir nochmal sagen: Dialektik ist in der Tat eine Schreibtischphilosophie, auch die Dialektik der Widersprüche. Mich interessiert an dem Punkt, was ich auch in meine Arbeit mit hinein nehme, um wieviel vielfältiger und reicher die Widersprüche sind, wenn man sie erlebt in praktischer Arbeit, als wenn man sie, wie gesagt, mit der dialektischen Widerspruchsphilosophie einzuholen versucht. Ich will keineswegs die Reichweite der marxistischen Analysen und ihre Bedeutung verkleinern. Aber es ist noch sehr viel Schreibtischphilosophie und patriarchale Denkweise darin, was sich eben leider in der Struktur sozialistischer Staaten mit ihrem Hierarchiegehabe wiederum ausdrückt. Aber das sind jetzt Thesen, über die könnten wir uns noch stundenlang unterhalten.

AvP: Ich glaube, da könnten wir schon zusammenkommen. Wenn Marx alte Gesellschaftsformationen studiert, dann macht er das auch sehr detailliert und ohne große Schablonen. Aber gut; da kamen dann auch wieder vage allgemeine Aussagen vor, wie bei dir ja auch, wenn du sagst, das und das sei „essayistisch“ gemeint, und wenn man‘s konkret machte, würde es natürlich komplizierter … Das sind Sachen, da müsste man sich im Detail streiten.

HG: Das Wichtigste aber ist seine Denkweise, die ausschließlich auf die Analyse der sozialen Bezüge von Männern gerichtet. ist. Wo bleibt der ganze Reproduktions- und Arbeitssektor der Frauen? … fällt völlig weg! Wo bleibt die Geschichte der Frauen? … ist nicht drinnen!

AvP: Aber es ist doch nicht von der Lehre her ausgeschlossen!

HG: Es ist faktisch ausgeschlossen.

AvP: Das muß nicht … Eine materialistische Herangehensweise im Sinne von Marx schließt das überhaupt nicht aus – im Gegenteil.

HG: Es ist theoretisch nicht ausgeschlossen, aber es ist nicht getan worden. Und die Folge davon ist der Aufbau der sozialistischen Staaten. Das siehst du, da sind die Frauenprobleme mitnichten gelöst worden.

CS: Aber hängt das nicht auch von der historischen Situation ab? Wenn ich mir vorstelle – ganz spekulativ gedacht –, wir würden in einigen Jahren die sozialistische Revolution haben, dann würde es bei uns sicher ganz anders aussehen als  z.B. in der DDR, weil doch der Stand unserer Frauenbewegung und auch der bewussten Frauen ein ganz anderer ist.

HG: Ich weiß nur nicht, wie weit in den sozialistischen Revolutionen die Frauenbewegung dann wieder unterdrückt würde. In Russland wird jeder feministische Ansatz absolut unterdrückt, weil man dort von der Ideologie ausgeht, dass mit der Auflösung der Klassengegensätze jedes Frauenproblem gelöst ist; da ist keine Kritik möglich. Es ist in der Theorie nicht drin, dass die Frauen die marxistische Analyse patriarchal hinterfragen, dass mit der Analyse der Klassengegensätze und des Privateigentums noch nicht alles geleistet worden ist.

Ich möchte den Gedanken als Anregung hier einfügen, dass die marxistische Klassenanalyse nämlich im Grunde erst ab einer bestimmten historischen Entwicklungsstufe passt, erst ab der antiken Sklavenhaltergesellschaft. Ab da untersucht Marx; ab da passt’s. Und das ist eine typisch klassisch patriarchale Gesellschaft. Während, wenn du dir matriarchale Gesellschaften, die Gentilgesellschaften anschaust, da passt die Klassenanalyse überhaupt nicht. Und darum ist es mir begreiflich, warum Marx bei seinem Denkapparat die Analyse der Nicht-Klassengesellschaften gar nicht in den Blick bekommt. Es ist eben unsere historische Aufgabe heute, das zu überschreiten, die Analyse nochmal gründlicher zu machen, nochmal mehr in die Geschichte zurückzugehen, da wo eben mangels Wissen oder auch Kenntnisse über solche Gesellschaften die Analyse noch nicht möglich war. Ich will nicht sagen, dass Marx, wenn heute leben würde, das auslassen würde. Heute würde er es vielleicht tun.

AvP: Darauf kam es mir an.

HG. Ich würde mich ja sehr freuen, wenn auch von Marxisten die Patriarchatskritik weitergetrieben wird; aber sie wird faktisch nicht. In den Ostblockstaaten mag das Problem darin liegen, dass sie ihre Gesellschaft noch immer nicht als Patriarchat begreifen. Das wäre ja eine immanente Kritik, die dort sehr schwierig ist.

BD: Aber das ist ja auch eine lange Entwicklung, bevor man seine Gesellschaft als patriarchal begreift. Alles in unserer Sozialisation arbeitet doch darauf hin, dass das verwischt wird, dass das nicht existiert.

HG: Ja, wie ich eingangs schon sagte, waren die Begriffe „Patriarchat“ und „Matriarchat“ bei uns vor 10 Jahren noch völlig tabu; die sind erst heute wieder salonfähig. Und in dieser Hinsicht muss das Bewusstsein, dass sozialistische Staaten ihre patriarchalen Elemente und Strukturen noch immer haben, auch erst langsam durchdringen. Vielleicht gibt es dann auch mal zureichendere Analysen.

Zweifellos gibt es ja marxistische Theoretiker, die sehr für die Frauen mitdenken; aber den Rahmen des Systems und der praktischen Probleme setzen immer noch die Männer. Für mich ändert sich grundlegend erst dann etwas, wenn den Frauen nicht gesagt wird: hier könnt ihr euch gleichberechtigt an der Ökonomie beteiligen, eure Kinderkrippen usw.; sondern wenn Frauen mal in den Stand gesetzt werden, den Rahmen der Gesellschaft mitzubestimmen. Solange das nicht der Fall ist, werden die alten Sozialstrukturen unausrottbar bleiben, werden sich die Frauen überlegen, warum sie ihre Kinder im Kinderhort abliefern sollen, wenn sie noch nicht einmal den Rahmen der Erziehung bestimmen können.

Matriarchale Gesellschaften sind nun mal die, wo Frauen bestimmend den Rahmen der Gesellschaft prägen, nicht allein, aber bestimmend. Und solange das nicht gegeben ist, hast du Patriarchate. Da muss man ihnen den Raum einräumen, überhaupt das framework, das Gesamte der Gesellschaft, theoretisch und praktisch mitzubestimmen.

Ganzheitlichkeit“ contra „Basis-Überbau“

BD: Du hast es eigentlich gerade selber angesprochen. Wenn eine Frau mitbestimmen würde, dann wäre für sie nicht das Problem: wie finanziere ich eine Krippe, wie gehe ich arbeiten? Sie würde ganzheitlicher denken, sie würde fragen: Wie kann ich gesellschaftlich tätig sein, ohne mich von meinem Kind zu trennen? Wie müssen die gesellschaftlichen Bedingungen sein, dass diese Trennung eben nicht vollzogen werden muss?

HG: So sehe ich es auch. Eine Frau würde sagen: mich interessiert doch nicht nur der ökonomische Faktor, sondern der ökonomische, der seelische, der spirituelle und der geistige zugleich. Das ist eine andere Denkweise.

Erst wenn wir wirklich gleich sind, politisch und ökonomisch, dann setzt sich diese Perspektive durch. Auch wenn wir die juristische Gleichberechtigung haben und in der marxistischen Theorie auch die ökonomische Gleichberechtigung der Frau, sie wird – aus welchen Gründen auch immer – nicht realisiert. Wenn man sich die Spitze der Hierarchien und der Institutionen anschaut, da sind irgendwelche retardierenden Mechanismen, die unbewusst patriarchal sind bei diesen Männern.

Trotzdem, ich habe in keinem Punkt bestritten, dass die Bestrebungen marxistischer Männer oder auch progressiver bürgerlicher Männer notwendig sind, um überhaupt erst mal eine Gleichheit der Chancen für Frauen herzustellen. Aber bei allen progressiven Tendenzen – die Analyse geht noch nicht weit genug. Deswegen bezeichne ich – das ist vielleicht eine kuriose Bezeichnung – die marxistischen Staaten als „patriarchal-reformistisch“. Sie sind, was das patriarchale Element betrifft, keineswegs revolutionär, sondern reformistisch; wenn dir das was sagt, dieses Wort. Mir hat‘s zur Klärung was genützt.

AvP: Zwischen Revolution und Reform muss man ja nicht so absolut trennen.

HG: Also, ob du eine patriarchale Gesellschaftsordnung und Denkweise hast oder eine andere, das ist schon ein ganz gewaltiger Sprung. Das sage ich nicht nur von meiner Theorie her, sondern auch von meiner praktischen Erfahrung. Wie lange ich selbst mit anderen Frauen darum ringe, die ganze patriarchale Infiltration und Erziehung, die wir in uns haben, herauszubekommen!

In meinem ganz persönlichen Leben erlebe ich jeden Schritt wirklich als revolutionär und sehr verändernd. Versucht z.B. mal, nicht dualistisch zu denken, sich wirklich so zu verhalten, also – ich sage das jetzt so als Schlagwort: es ist wahnsinnig schwierig. Da sehe ich nämlich, in wie vielen Gewohnheiten wir stecken, die in uns unbewusst viel stärker sind, als wir meinen.

US: Gerade bei den Prozessen der Selbstbewusstwerdung passieren wahnsinnig viel Rückschläge, permanent. Aber ich denke, genauso wie das Automatismen sind, die man mit sich herumschleppt, muss auch das Neue sich zum Automatismus entwickeln; und bis sich das vom Bewusstsein im Verhalten widerspiegelt, ist noch ein weiter Schritt.

HG: Ja, deswegen ist auch der Weg, den die Frauenbewegung am Anfang nahm, der conscious raising groups, also der Gruppen, die Bewusstsein verändern, so enorm wichtig; denn diese Art von Revolution beginnt wirklich beim Individuum, beim Bewusstsein. Sonst fallen wir wieder, selbst wenn wir das Beste wollen und beabsichtigen, in unbewusste patriarchale Mechanismen zurück, Frauen wie Männer.

US: Die bilden ein unheimliches Kontrollsystem, auch sich selbst gegenüber.

HG: Das geht bis in die Träume, bis in die unbewussten Visionen, bis in die Gefühle.

GS: Was mir dabei sehr schwer fällt, ist, dass dieser Prozess ja zu einem sehr großen Teil über die wissenschaftliche Aneignung läuft, über eine Denkform, gegen die ich mich ja zunächst einmal stelle.

HG: Diese Brüche haben wir, weil wir uns in dieser Kultur bewegen und deren Sprache brauchen, um uns verständlich zu machen. Wir leben ja nicht in einer heilen, utopischen Gesellschaft.

US: Auch die Form von Wahrnehmung, die sich ja auch verändert. Du nimmst zunächst ja mal das wahr, was du kennst, und mit dem du in deinem Kulturkreis verwachsen bist, wovon du einen Begriff hast. Von dem Moment an, wo dein Bewusstsein sich ändert, verändert sich auch deine Sensibilisierung und du nimmst die Dinge anders wahr,

HG: Ich möchte es auch nochmal von der Seite des Unbewussten her betonen. Das ist eben ein Punkt, wo selbst die progressivsten Denker plötzlich ihr patriarchales Unbewusstes hervorkehren. Die Beziehung zwischen Männer und Frauen ist sehr stark von seelischen, auch von erotischen Faktoren geprägt, die tief in unser Unbewusstes reichen. Und da schnappt immer wieder die Falle zu, wenn diese Bewusstwerdungsprozesse nicht geschafft werden. Das ist etwas anderes, als alles durch Ökonomie zu lösen; das sind andere Elemente, viel tiefer greifend.

US: Ich denke, gerade für Frauen ist diese Form der Abhängigkeit wesentlich schwieriger zu lösen als die ökonomische.

HG: Solche Erscheinungsformen hat man bei uns ebenso wie in den sozialistischen Ländern, wo die Frauen im günstigsten Fall relativ unabhängig sind – und dann bilden sie wieder ihre Kleinfamilie. Nicht mehr als Wirtschaftsgrundlage, aber psychisch werden dann die ganz alten patriarchalen Muster wiederholt. Ich meine auch, die marxistische Analyse hat an diesem Punkt das Problem, dass die psychische Innenseite der Menschen kaum ins Blickfeld kommt, es ist mehr die gesellschaftstheoretische Außenseite; aber das ganze Feld der psychischen Innenseite und ihre Verschränkung mit der ökonomischen Außenseite bleibt unklar.

AvP: Sag jetzt aber nicht: „das Ökonomische ist das Unwichtige“.

HG: Ich sage nicht, das eine ist wichtig, das andere ist unwichtig; das eine steht oben, das andere unten. Das wäre schon wieder ein Hierarchisieren. Ich habe lediglich gesagt, der psychologische Bereich, der Innenbereich, fehlt in der marxistischen Analyse. Das wertet sie nicht ab; aber es fehlt ihr der Bereich, um den Menschen wirklich ganz zu erfassen.

US: Bei einem noch so aufgeklärten Mann laufen Sachen ab, die sind über die Begrifflichkeit gar nicht zu lösen.

AvP: Ich find‘s schade – jetzt mal etwas polemisch gesagt –, wenn eine gewisse Elite sich über Fragen des Innenlebens unterhält, während andere schauen müssen, dass sie überhaupt am Leben bleiben. Wenn wir in die Welt hineinschauen, dann müssen wir doch zum Ergebnis kommen, dass Frauen hier in Westeuropa oder Nordamerika eine gewisse Elite bilden. Deswegen mein Beharren darauf, dass die ökonomische Sicherung erst mal vorhanden sein muss. Würdest du nicht meinen, dass insofern eine Hierarchie nötig ist? Ohne eine ökonomische Grundlegung und Sicherung ist es eben sehr schwer, sich auch psychisch zu befreien.

GS: Aber warum nicht gleichzeitig?

US: Du hast schon wieder eine Hierarchie und Rangordnung drinnen!

HG: Was ich vorhin sagte mit dem ganzheitlichen Denken, das ist kein Plakat, sondern eine andere Einstellung, mit den Dingen umzugehen. Ich sage nicht, die Ökonomie ist die Basis, und der ganze Rest ist Überbau. Das ist schon wieder ein hierarchisches Denken, von dem ich nicht ausgehe. Was du sagst, dass, wenn Menschen nichts zu essen haben, sie sterben, darüber brauchen wir doch gar nicht zu diskutieren. Aber dass die Menschen eine Innenseite haben und dauernd auf diese Innenseite reagieren, ist genauso wichtig. Das sehe ich nicht hierarchisch, sondern verschränkt. Es ist nicht die Frage von Psychologie als Teil des Überbaus, sondern dass du wirklich den Menschen, so wie er ist, elementar nimmst. Er hat ja nicht nur Essbedürfnisse; er hat eine ganze Reihe anderer, die dauernd ineinander übergreifen.

Wenn in Amerika und Deutschland die Frauen damit begonnen haben, conscious raising zu machen, dann war das oft eine Art von elementarer Notwendigkeit. Das waren keine elitären Zirkel, sondern das hat besonders den Frauen geholfen, die fast auf der niedrigsten Stufe standen, nämlich den geprügelten Frauen, die in die Frauenhäuser kamen. Mit denen haben Frauen gearbeitet und gearbeitet, damit sie, nachdem sie sich in den Frauenhäusern erholt hatten, nicht wieder in dieselben verbogenen Strukturen zurückkehren, wo sie wieder als Sklavin ihres Mannes, sei es der Arbeiter oder der Bürger, sich prügeln lassen mussten. Damit sie überhaupt erst einen Schritt zu ihrer ökonomischen Selbständigkeit tun konnten, war es für sie elementar wichtig, dass sie erst mal ein Bewusstsein von dem bekommen, was ihnen dauernd passiert ist. Die hielten das für naturgewollt oder gottgegeben – oder gar für richtig –, bis ihnen klar wurde, dass die Familienform, in der sie steckten, absurd ist. Dann hatten sie den Mut zu sagen: jetzt versuche ich, mir mein Geld selber zu verdienen. Es ist wirklich nicht das Entweder – Oder.

US: Aber es ist doch zu beobachten, dass dies Bewusstsein sich regressiv zu entwickeln beginnt. Das war schon mal stärker. Mittlerweile gibt es wieder diese Tendenzen zur Sicherheit; dieses Zurück zu einer bestimmten Weiblichkeit ist gerade wieder unheimlich am Aufflammen.

HG: Welche Form von Weiblichkeit? Die alten Familienformen?

US: Ja, genau; wenn ich beobachte, …

HG: … das wird ja auch politisch gefördert: die „neue Mütterlichkeit“, die „sanfte Macht der Familie“. Das hängt natürlich auch mit der desolaten Arbeitssituation zusammen, wo die Frauen die ersten sind, die die Stellen verlieren. Dann wird ihnen wieder Heim, Haus und Kinder angedient, und das auch noch als – „sanfte Macht“! Ich meine, das ist ein uralter politischer Trick, der ist so neu nicht.

AvP: Aber wenn dieser Trick mal abgeschafft wäre und  ökonomische Gleichberechtigung bestünde, …

HG: … das wäre ein riesiger Fortschritt, da haben wir keinen Dissens. Ich frage mich jedoch: wie schön die Theorie auch ist, wie weit stimmt sie denn in der Praxis mit der ökonomischen Gleichstellung der Frauen überein? Wenn die Frauen immer nur ‚leicht‘ –  wenn‘s nur leicht ist – im Nachteil mit ihren ökonomischen Möglichkeiten gegenüber den Männern sind, dann kann ich mir das nur aus unbewusst patriarchalen Denkweisen erklären, die die Männer haben und immer wieder durchführen. Drum sage ich ja: im Grunde ändert sich nichts – außer die Frauen bestimmen den Rahmen der Gesellschaft ganz stark mit. Sonst ändert sich da nichts.

Das Gespräch führten Bärbel Duft, Alexander v. Pechmann, Gerlinde Schermer, Ulrike Schwemmer und Christine Steffen.

aus: Widerspruch 1/85: Frauen Denken

Simanowski – Sprachmaschinen

Roberto Simanowski

Sprachmaschinen

Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz

Pb., 288 Seiten, 23,- €

München 2025 (C.H. Beck-Verlag)

von Konrad Lotter

Die verbreitetste Form ihrer Anwendung besitzt die künstliche Intelligenz in Form verschiedener Sprachmaschinen. Sie tragen verschiedene Namen wie ChatGPT und Gemini (in verschiedenen Versionen), Grok oder Deep Seek und wurden vor allem in den USA und in China entwickelt. Der europäische Nachzügler OpenEuroLLM befindet sich erst im Aufbau. Mit ihren unglaublichen Fähigkeiten erleichtern und beschleunigen sie das tägliche Leben und die Arbeit der Menschen. Sie verwandeln das gesprochene Wort in Schrift und können Geschriebenes laut vorlesen. Sie versorgen uns mit Informationen, geben Antworten auf alle Fragen und erklären die Welt. Durch ihre Fähigkeit, von einer Sprache in andere Sprachen zu übersetzen, heben sie die babylonische Sprachverwirrung auf. Vor allem aber können sie bestehende Texte zusammenfassen, ihren Inhalt in konzentrierter Form wiedergeben und selbst Texte zu beliebigen Themen verfassen.

Um die Bewunderung für die Leistungen der Sprachmaschinen nicht in den Himmel wachsen und in blindes Vertrauen umschlagen zu lassen, diskutiert Simanowski, Medienphilosoph und Internet-Experte, verschiedene damit verbundene sprachphilosophische, erkenntnistheoretische, moralphilosophische und politische Probleme und schärft so das Bewusstsein der Grenzen und Gefahren, die darin lauern. Vor allem zerstört er eine Reihe verbreiteter Vorurteile. Erstes Vorurteil: Sprachmaschinen sind allwissend. Tatsächlich ist ihr Wissen auf die Texte beschränkt, mit denen sie trainiert wurden. Über die Wirklichkeit wissen sie nur, was ihnen durch Texte vermittelt worden ist. Sie verfügen also über keine eigenen Erfahrungen, Erlebnisse oder Gefühle. Zweites Vorurteil: Sprachmaschinen vermitteln Wahrheiten. Tatsächlich referieren sie nur die verschiedenen Ansichten, die darüber im Umlauf sind und geben statistisch errechnete Durchschnitts-Ansichten wieder. Wohlwollend könnte man dieses Verfahren als Konsenstheorie der Wahrheit (im Gegensatz zur Korrespondenztheorie, die die Wahrheit als Übereinstimmung des Denkens mit der Realität begreift) durchgehen lassen. Kritisch dagegen einwenden ließe sich allerdings, dass die mainstream-Wahrheit nur die verbreitetste und am lautstärksten vorgetragene Form der Lüge ist.

Den umfangreichsten Teil seines Buches widmet Simanowski der Diskussion eines dritten Vorurteils, das den Sprachmaschinen Objektivität oder (Wert-) Neutralität zuspricht. Tatsächlich werden mit dem Land, der Kultur und der Sprache, in denen Sprachmaschinen trainiert werden, auch deren Ideologie transportiert. Und da die verbreitetsten Sprachmaschinen aus den USA stammen, wird der Rest der Welt mit amerikanischen oder westlichen Werten geflutet. Sprachmaschinen werden auf diese Weise, wie Simanowski zu Bedenken gibt, zu „Mitteln des Kulturkampfes“ oder des „Kulturimperialismus“, der schon bei den verschiedenen Interpretationen der Menschenrechte beginnt, die den Auskünften der Sprachmaschinen zugrunde liegen: Die Menschen werden als vom Gemeinwesen isolierte Individuen, nicht wie in anderen Kulturen (Afrika oder Indien) als Teil der Gemeinschaft begriffen. Wiederholt macht Simanowski auf die verschiedenen moralischen oder politischen Orientierungen aufmerksam, die bei Auskünften über strittige Fragen wie etwa des Schwangerschaftsabbruchs, der Akzeptanz von Homosexualität und gleichgeschlechtlicher Ehe, der Migration, der Meinungsfreiheit oder des Klimawandels zu bemerken sind. Da eine globale Übereinstimmung politischer und moralischer Werte nicht existiert, besteht die Frage, wie über die bestehenden Differenzen berichtet wird. Ob etwa unterstellt wird, dass sich die Werte im geschichtlichen Fortschritt und dem Zusammenwachsen der Kulturen an die westlichen Vorstellungen annähern, oder ob nebeneinander bestehende Vorstellungen als gleichwertig und gleichberechtigt angesehen werden.

Spielte sich der alte „Kulturkampf“ (zu Bismarcks Zeiten) zwischen dem säkularen Staat und der katholischen Kirche ab, so richtet sich der neue, der von der amerikanischen Administration ausgeht, gegen „Linkslastigkeit“ und „Wokeness“ in Bezug auf Diskriminierung oder Inklusion. Prinzipiell unterliegen die Auskünfte der Sprachmaschinen zwar einem „Finetuning“, d.h. einer „Zweiterziehung“ (nach ihrer „Ersterziehung“ durch Trainingsdaten), in denen „toxische“ Behauptungen ausgemerzt, moralische Entgleisungen korrigiert und Minderheiten respektiert werden. Gleichzeitig berichtet Simanowski aber auch von Donald Trumps Drohungen und Einschüchterungen, vor denen KI-Entwickler wie etwa Marc Zuckerberg eingeknickt sind und sich daraufhin vom „woken Diversitätsaktivismus“ ferngehalten haben.

Auf technische Details der Programmierung und der Erstellung von Algorithmen verzichtet das Buch. Sie wären für den Laien ohnehin kaum verständlich. Nicht unmittelbar zum Thema gehört der enorme Energie-Bedarf der Sprachmaschinen und der riesige Ausstoß von CO2, den sie verursachen. Auch darüber verliert das Buch zurecht kein Wort. Umso klarer und eindringlicher formuliert es dagegen eine Reihe prinzipieller Vorbehalte. Neben den eklatanten Verletzungen des Urheberrechts (bei den Texten, die zu Trainingszwecken benutzt werden) und den umfassenden Möglichkeiten der Überwachung derer, die die neue Technik benützen, macht Simanowski vor allem auf zwei Gefahren aufmerksam. Zum einen werden die Sprachmaschinen in wachsendem Maße mit Texten gefüttert, die sie selbst produziert haben. Die outputs der KI werden zu künftigen inputs, so dass ein von der Vergangenheit her dominiertes selbstreferentielles System entsteht: eine „Daten-Inzucht“, wodurch geistige und soziale Entwicklungen behindert werden. Zum anderen werden die User, die die leicht zugänglichen Hilfen bei der Beschaffung von Informationen, der Erstellung von Texten, bei Übersetzungen etc. zunehmend in Anspruch nehmen, immer träger, unselbständiger und unmündiger. Ein Verlust geistiger Souveränität.

In einem Exkurs über die Technikphilosophie des 20. Jahrhunderts zeigt Simanowski deren gemeinsamen Nenner auf. Georg Simmel bezeichnet es als „Tragödie der Kultur“, dass alles, was der Mensch erschafft (wie etwa technische Geräte), sich kraft einer inneren Logik mit der Zeit gegen ihn selbst richtet. Ernst Cassirer spricht von der „Rückwirkung“ (der Technik) auf die „Sachordnung“ (der Institutionen), Martin Heidegger vom „Gestell“, das den handelnden Menschen selbst unter seine Regie nimmt. Günther Anders definiert die technischen Geräte nicht als „Mittel“, sondern als „Vorentscheidungen“ zu bestimmten Zwecken. Durchwegs wird die Technik als ein autonom sich selbst bestimmendes „Subjekt“ begriffen, dessen Eigendynamik sich dem gesellschaftlichen Leben aufdrängt. Nirgends wird – auch von Simanowski nicht – nach den gesellschaftlichen (sprich: kapitalistischen) Bedingungen und Ursachen des technischen Fortschritts gefragt. Nirgends wird daher auch eine Perspektive aufgezeigt, wie die verselbständigte, autonom und immer bedrohlicher werdende Technik in einer post-kapitalistischen Gesellschaft wieder unter die Kontrolle der Menschen gebracht werden könnte.

Simanowski selbst bringt die KI mit Hegels „Herr-Knecht“-Dialektik in Verbindung. Mit ihren Sprachmaschinen erscheint die KI darin als Knecht, in dienender Rolle. Sie entlastet den Herrn, den User, nimmt ihm viele Mühen ab, macht ihn umgekehrt aber immer unselbständiger, unfähiger und abhängiger. Am Ende schlägt das Verhältnis um, und die Technik wird zum Herrn. Früher, unter dem Einfluss von Marx, hatte man Hegels Herrn mit dem Kapitalisten, den Knecht mit dem Arbeiter identifiziert, so dass der dialektische Umschlag als Verwirklichung einer Gesellschaft begriffen wurde, in der die „assoziierten Produzenten“ das Sagen haben. Nun, wo Herr und Knecht mit User und KI gleichgesetzt werden, führt der Umschlag nicht in den Sozialismus, sondern in die Technokratie. Ebenfalls in Anlehnung an Hegel setzt Simanowski die „Allwissenheit“ der KI mit den Gedanken Gottes vor der Schöpfung gleich. Der Sündenfall, durch den der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde, war die Voraussetzung dafür, dass er sich arbeitend und erkennend entwickeln, sich den an Natur und Geschichte entäußerten „absoluten Geist“ aneignen und damit selbst zu einem alter deus werden konnte. Scheinbar als Subjekt der Geschichte, tatsächlich (für Hegel) aber nur als „Erfüllungsgehilfe“ eines göttlichen Heilplanes. Mit Hilfe der KI jedenfalls und der Verwirklichung der besagten Technokratie, so Simanowskis Schluss, könnte der Mensch ins Paradies und damit in einen Zustand vor seiner Individuation zurückkehren. Eine interessante, aber gewagte Interpretation!

Das vielschichtige und anregende Buch endet mit dem (nach dieser Interpretation eher banalen) Ratschlag an Lehrer und Dozenten, sie sollten ihren Schülern Mediennutzung und Medienreflexion gleichermaßen näherbringen. Mit einer Reihe praktischer Vorschläge (wie z.B. dem Hinterfragen aller gegebenen Antworten oder dem Vergleich der Antworten verschiedener Sprachmaschinen) zeigt es, auf welche Weise beide Kompetenzen miteinander verbunden und weitergegeben werden könnten.

Klein – Toxisch Reich

Sebastian Klein

Toxisch reich

Warum extremer Reichtum unsere Demokratie gefährdet

br., 204 Seiten, 19.- €

München 2025 (Oekom Verlag)

von Bernd M. Malunat

Sebastian Klein hat eine sehr persönliche Schrift vorgelegt, die dennoch nicht zu autobiographisch geraten ist. Der Autor skizziert den Weg, den er als Unternehmer gegangen ist, um dann zu einem Mahner wider den toxischen Reichtum einer kleinen Minderheit zu werden – mit vielen guten Gründen und bestem Gewissen.

Als Mitbegründer von Blinkist, einer App, die den Inhalt von Büchern in knapper Form zusammenfasst, wurde er durch deren Verkauf an ein australisches Unternehmen zum Multimillionär. Den allergrößten Teil dieses Vermögens hat er gemeinnützigen Zwecken zugeführt, wurde dadurch populär und nutzt seine mediale Reichweite nun, um die Gefahren extremen Reichtums für das gesellschaftliche Zusammenleben zu begründen und zu belegen. Es handelt sich also nicht um eine dezidiert wissenschaftliche Schrift, vielmehr um eine Art von Erfahrungsbericht eines Insiders, der durch einschlägige Literatur gut unterfüttert ist, vor allem aber auf sehr vielen Gesprächen beruht, die er mit kritischen Geistern führte. Diese Gespräche sind zugleich ein Beleg, dass sich in allmählich wachsenden Kreisen ein Bewusstsein dafür herausbildet, wie gefährlich extremer Reichtum für alle Demokratien ist.

Die Belege, die Klein anführt, sind nicht wirklich neu, in dieser Form aber eher selten anzutreffen. Für den studierten Psychologen stand am Anfang seiner Überlegungen die Selbsterkenntnis, Teil des Problems gewesen zu sein (7), als er zu dem einen Prozent der Reichsten im Land gehörte. Ihm wurde klar, dass sich extreme Ungleichheit und Demokratie gegenseitig ausschließen (17), weil extremer Reichtum ein strukturelles Problem darstellt (20). Das zeigt sich etwa daran, dass die reichsten 10 Prozent der deutschen Haushalte deutlich mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Geld- und Finanzvermögens besitzen, während die unteren 50 Prozent der Bevölkerung über so gut wie nichts verfügt (26) – rund 13 Millionen Menschen gelten deshalb als arm oder als armutsgefährdet, darunter besonders viele Kinder. Das lässt sich am Gini-Koeffizienten ablesen, einer Messgröße für (Vermögens-)Ungleichheit, der in Deutschland den hohen Wert von 0,72 erreicht (1,0 bedeutet vollkommene Konzentration). Die Vermögens-Schere öffnet sich immer weiter und hat ein bedenkliches Ausmaß erreicht. (Der aktuelle, 7. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung vom Dezember 2025 weist ähnliche Werte aus. Der Bericht wird allerdings dafür kritisiert, dass er nur geschätzte Angaben zu den bestehenden Vermögen macht, machen kann, weil konkrete Zahlen nicht erhoben werden können, da die Pflicht der Reichen zu entsprechenden Meldungen zugleich mit dem Verzicht auf die Einziehung der Vermögenssteuer ausgesetzt wurde.)

Den Gründen für diese in hohem Maß gefährliche Ungleichheit versucht der Autor auf die Spur zu kommen. Im Rückblick zeige sich, dass Ungleichheit ein überkommenes Phänomen sei, das einen ersten beklemmenden Höhepunkt durch die elenden Arbeitsbedingungen während der Industrialisierung in der sog. Gründerzeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreichte, und durch den europäischen Kolonialismus wurde diese Entwicklung zusätzlich verstärkt; Ungleichheit wurde so zum globalen Problem und ist es geblieben. Das hat sich bis heute keineswegs grundlegend verändert, sklavenähnliche Verhältnisse bestehen nach wie vor, insbesondere im Globalen Süden. Durch das – stark verwässerte – Lieferketten-Gesetz wurden die dortigen Bedingungen zwar gemildert; aber es bleibt natürlich dabei, dass sich Wenige den Ertrag der Arbeit Vieler aneignen.

Viele der heutigen Milliardärsvermögen lassen sich bis in diese Zeiten zurückverfolgen. Sie entstanden teils in einer düsteren Vergangenheit, etwa durch die Zwangsarbeit im „dritten Reich“, die bis heute wenig aufgearbeitet wurde, und sie setzt sich durch Ausbeutung und Umweltzerstörung noch immer weiter fort (58). Es sei deshalb Illusion, anzunehmen, Aufstieg beruhe vor allem auf meritokratischen Leistungen und Verdiensten; wichtig sei vielmehr, in eine reiche Familie hineingeboren zu werden (59 ff.). Natürlich gibt es auch einige Selfmade-Millionäre, aber etwa drei Viertel haben ihre Vermögen geerbt. Zugespitzt formuliert: Milliardär wird man am leichtesten, wenn man als Millionär startet! (65) Dabei gelte häufig, „dass große Vermögen nicht nur eine dunkle Vergangenheit, sondern auch auch eine dunkle Gegenwart haben“ (58). Klein scheut sich auch nicht, wenigstens einige dieser Nutznießer zu benennen: Siemens, Volkswagen, Kühne + Nagel, Dr. Oetker, Quandt, Klatten (55) – die Liste ließe sich deutlich erweitern.

In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich durch die verfassungsrechtliche Normierung eines relativ starken Sozialstaates zunächst eine gewisse Egalisierung, so dass eine breite Mittelschicht entstehen konnte. Bewirkt hat dies nicht zuletzt die Einführung progressiver Einkommens- und Vermögenssteuern, die allerdings recht schnell wieder drastisch reduziert wurden. Die Vermögenssteuer wurde aufgrund eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts bereits 1995 sogar völlig suspendiert und bis zum heutigen Tag nicht wieder in Kraft gesetzt, obwohl Art. 106 Abs. 2 GG dies ausdrücklich normiert.

Die Abkehr von den ausgleichenden Wirkungen des Sozialstaates macht der Autor in der Hinwendung zum Neoliberalismus aus, der den Einfluss des Staates zugunsten der Initiative privatwirtschaftlicher Akteure zurückdrängen sollte; „die Idee der sozialen Marktwirtschaft wich dem Finanzmarkt-Kapitalismus“ (33). Diese als Reagonomics oder Thatcherismus bezeichnete Entwicklung wurde durch den Ausverkauf der ostdeutschen Staatswirtschaft an westdeutsche Unternehmen nach der Wiedervereinigung 1989 nochmals verstärkt. Das Empfinden sehr großer Teilen der Bevölkerung in den ostdeutschen Bundesländern, benachteiligt worden zu sein, dürfte nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein.

Einen Höhepunkt erreichte der Neoliberalismus in Deutschland durch die Arbeitsmarktreformen der ‚Agenda 2010‘, mit der der damalige Bundeskanzler Schröder den größten Niedriglohnsektor Europas schuf – und damit ein neues Prekariat (35). Die von Spekulationen der Banken ausgelöste Finanzmarktkrise 2008, die durch den massiven Einsatz von Steuermitteln eingedämmt werden musste, hat die Ungleichheit nochmals beträchtlich verschärft (35). Ein ganz entscheidendes Instrument, diese Verhältnisse zu bewahren, bildet der Lobbyismus, der in unterschiedlichen Erscheinungen auftritt und zu verschiedenartigen Zwecken eingesetzt wird (40 ff.).

Besonders klar setzt sich Klein mit dem Verhalten der für die vielfachen Krisen der Umwelt Verantwortlichen auseinander. „Reiche zerstören mit ihrem Konsum unsere Lebensgrundlage“ (78); „der größte Teil der Vermögen (wird) nicht in die Rettung, sondern (in) die Zerstörung unseres Planeten investiert“ (78). Die Reichen „produzieren die Erderwärmung nicht nur, sondern sie profitieren auch noch davon“ (76). Daraus folgt für ihn, „wer die Klimakrise lösen will, sollte an der Ungleichheitskrise ansetzen“ (79). Dazu komme, dass Ungleichheit schlecht sei für die Wirtschaft (81ff.), vor allem weil Potentiale ungenutzt blieben, die Dynamik schwände und Transformationen erschwert würden, weshalb modernisierende Investitionen letztlich ausblieben. In der Konsequenz ist davon natürlich auch die Umwelt betroffen, was sich an der wankelmütigen Energiewende belegen ließe, die trotz aller eindringlichen Befunde nicht bereit ist, den Ausstoß klimarelevanter Treibhausgase konsequent zu beenden.

Der Autor wendet seinen Blick daraufhin einem nicht minder drängenden Anliegen zu. Er fürchtet nämlich, dass wir „in Zeiten (leben), in denen die Demokratie als Ganzes auf dem Spiel steht“ (99), weil extreme Ungleichheit und Demokratie nicht dauerhaft gemeinsam existieren können. „Wer also auch in Zukunft eine demokratische Gesellschaft möchte, muss extremen Reichtum bekämpfen“ (99). Klein macht das vor allem daran fest, dass ärmere Menschen sich weniger repräsentiert, von politischen Entscheidungen ausgeschlossen fühlen. Sie entwickeln Abstiegs- und Zukunftsängste, lehnen deshalb Veränderungen ab, weil sie Unsicherheiten bergen, und fallen auf autoritäre Parteien herein, welche die Schuld für alle Probleme auf ‚Andere‘, vor allem Asylsuchenden, Flüchtlingen, Migranten, schieben, obwohl sie selbst kein Programm aufweisen, das Grund gibt, die möglicherweise berechtigten Befürchtungen zu beheben.

Verstärkt werden die vielleicht nur subjektiven Empfindungen dadurch, dass die Reichen mittels unseres Rechtssystems deutliche Vorteile erlangen (103). Klar zeige sich das zum Beispiel daran, dass Sozialleistungsbetrug und Steuerhinterziehung vergleichbare Straftaten darstellten, die den Staat in gleicher Weise schädigen, die aber völlig ungleiche Folgen zeitigen. Während der Steuerhinterzieher die Möglichkeit hat, der Strafverfolgung durch eine Selbstanzeige gänzlich zu entgehen, droht denjenigen eine Gefängnisstrafe, die zu Unrecht etwa das Bürgergeld bezogen haben. Dass Vermögende ihren Rechtsschutz deutlich besser zu finanzieren vermögen, bedarf nicht der Erörterung.

Diese Ungerechtigkeit lässt sich am besten durch Zahlen belegen (111). Durch Steuerhinterziehung entgehen dem deutschen Staat jährlich zwischen 50 und 100 Milliarden Euro, durch Steuervermeidungskonstrukte, etwa bei der Erbschaftssteuer (109), weitere geschätzte 50 Milliarden Euro, und allein durch Cum-Ex-Geschäfte ist dem Fiskus ein Schaden von etwa 36 Milliarden Euro entstanden. Daran zeige sich deutlich, dass ein wesentliches Kennzeichen der rechtsstaatlichen Demokratie verletzt werde: die von der Verfassung garantierte Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz (Art. 3 Abs. 1 GG).

In einem Exkurs beschäftigt sich Klein mit der sog. Philanthropie, wenn also Reiche Gelder in Stiftungen einbringen. Sein Fazit ist knapp und klar: „Wenn Reiche darüber entscheiden, wie das Gemeinwesen aussehen soll, ist das kein Fortschritt, sondern Neofeudalismus, ein Reise in die vordemokratische Vergangenheit“ (120).

Die bisherige Schilderung ist ein Rückblick, eine Art Bestandsaufnahme der Ursachen der demokratiegefährdenden Ungleichverteilung des Reichtums; sie bildet die Grundlage der Anregungen, von denen der Autor sich Erholung erhofft. Zunächst gelte es, den Leistungsbegriff neu zu bestimmen, und zwar nach dem Kriterium, welchen Nutzen eine Tätigkeit der Gesellschaft stifte; daran sollte sich dann auch die Bezahlung orientieren. Dazu gehöre auch eine neue Sprache, die den wahren Inhalt von Begriffen ausdrücke. Arme Menschen seien nicht ‚sozial schwach‘, sondern eben arm, weil sie nicht die Bezahlung erhalten, die sie eigentlich verdienten. „Sozial schwach sind für mich Menschen wie Friedrich Merz oder Christian Lindner, die Politik für die Reichsten machen und denen der Großteil der Gesellschaft schlicht egal ist“ (136). Pointierter kann man kaum formulieren!

Erforderlich sei auch die Erhöhung der Transparenz, zuerst bei den Reichsten, weil deren Ausmaß an Reichtum nicht einmal bekannt ist, sondern bloß geschätzt werden kann; dann bei den Politikern, die Entscheidungen auch auf der Grundlage eigener ökonomischer Interessen treffen können, und deshalb keine Nebeneinkünfte erzielen dürfen (146), zumindest aber für deren vollständige Offenlegung sorgen müssen. Schließlich fordert er noch solide informierende Medien und eine gute schulische Bildung, nicht zuletzt um Politik wirklich verstehen zu können.

Wesentlicher allerdings ist die Schaffung eines Steuersystems, das der Gesellschaft dient. In der Vergangenheit sind viele unternehmensrelevante Steuern reduziert oder ganz abgeschafft worden (149), wodurch sich die Lohnsteuer zur größten Einnahmequelle des Staates entwickelte. „Es gibt kein Land der Welt, das Arbeit stärker und Vermögen geringer besteuert als Deutschland“ (148, Zitat: M. Fratzscher). (Tatsächlich sind die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer höher als die aus der Lohn- bzw. Einkommenssteuer.) Er plädiert deshalb für eine gerechte Erbschafts- und Schenkungssteuer, die Wiederinkraftsetzung der Vermögenssteuer, die bei einem Steuersatz von nur 1 Prozent jährliche Einnahmen von rund 70 Milliarden Euro erbringen würden, eine progressive Besteuerung der Kapitalerträge, eine höhere Besteuerung umweltschädlicher Luxusartikel, während die Dinge des alltäglichen Bedarfs vollständig von der Mehrwertsteuer befreit werden sollten. Eingeführt werden könnte eine Übergewinnsteuer, die jährlich etwa 20 Milliarden Euro einbringen würde, sowie ein Grunderbe für junge Menschen in Höhe von etwa 120.000 Euro und außerdem ein Bürgergeld, das den Namen verdient, von 1.200 Euro.

Diese Vorschläge sind nicht wirklich originell, bedeuten jedoch ein gewisses Maß an Umverteilung, die zwar nicht populär, aber wirksam sei. „Steuern sind ein effektiver und erprobter Weg, um Ungleichheit zu reduzieren“ (161). Klein geht allerdings noch einen Schritt weiter. Nach etwa vierzig Jahren neoliberaler Wirtschaftspolitik sei es an der Zeit, das Rad wieder etwas zurückzudrehen, weil wichtige Güter nicht dem Markt überlassen, nicht zur Ware werden dürften. Das gelte etwa für Wohnraum, für das Gesundheitswesen, aber auch für öffentliche Güter, die in der Vergangenheit bereits ganz oder teilweise privatisiert wurden.

Um diesen Weg einschlagen zu können, sei auch an neue Eigentumsformen zu denken. Außer der Wiederbelebung der alten Genossenschaftsidee plädiert er für ein Verantwortungseigentum, das sich dadurch auszeichnet, dass Investoren kein Stimmrecht und nur eine gedeckelte Rendite erhalten, Gewinne reinvestiert oder gemeinwohlorientiert verwendet werden und Unternehmen nicht verkauft oder anderweitig zum Spekulationsobjekt gemacht werden dürfen, um dem Rendite-Imperativ der Finanzindustrie zu entkommen. Der Autor hat dem von ihm inzwischen gegründeten Medienunternehmen ‚Neue Narrative‘ diese Form verpasst, obwohl sie bislang noch nicht als eigenständige Rechtsform anerkannt ist (175 f.).

Es muss sich vieles ändern, damit es bleiben kann, wie es ist, schrieb einst Giuseppe Tomasi di Lampedusa im ‚Leopard‘, und diesem im Grund konservativen Anliegen ist Sebastian Klein in großem Umfang gerecht geworden. Es handelt sich aber bloß um Disruption, mutig zwar, aber nicht mutig genug, um Anlass zu einem ‚optimistischen Ausblick‘ (188) zu geben. Die seit geraumer Zeit engagiert auftretenden Initiativen, wie etwa taxmenow, das Netzwerk Steuergerechtigkeit oder die Bürgerbewegung ‚Finanzwende‘, sind zwar zu begrüßen, reichen dafür aber nicht aus. Dazu hätte es härterer Forderungen bedurft, um die asymmetrische Gestaltungsmacht des Großkapitals auf die konkrete Politik zu begrenzen. Verdeutlichen lässt sich das etwa daran, dass allein die oben bezifferten Steuerhinterziehungen mehr als ausreichten, um alle Haushaltsprobleme der amtierenden Regierung vollständig zu lösen. Dabei käme die Behebung dieser Probleme nicht zuletzt den Reichen zugute, für die eine intakte Umwelt, funktionierende Infrastruktur, gesicherte Versorgung, gute Bildung und Ausbildung und eine stabile Inlands-Nachfrage von zentraler Bedeutung sind. Aber unter dem Druck finanzstarker Wirtschafts-Lobbies verzichtet die Politik darauf, selbst auf die Gefahr hin, dass die Regierung zerbricht. Viel deutlicher lässt sich kaum zeigen, dass die Macht des Geldes die der Vernunft deutlich übersteigt.

Völlig außer acht gelassen hat Klein, was toxischer Reichtum in anderen Weltregionen anrichtet. Wenn man die Perzeptionen der sogenannten Techvisionäre betrachtet, gewinnt man einen Eindruck davon, wie toxischer Reichtum tatsächlich wirkt. Einige Stichworte dazu mögen genügen: Longevity, KI-optimierte Gehirne, Besiedelung des Mondes, Erkundung des Roten Planeten, staatsfreie Inseln im Pazifik, Tiefsee-Bergbau, Ausbeutung von Planetoiden, und so weiter! Reichtum generiert so weiteren Reichtum. Dieses Narrativ betont ausdrücklich, dass Demokratie und Freiheit unvereinbar seien, und von Gleichheit längst keine Rede mehr ist.

Ausblickend kann man dem Autor wohl zustimmen: Toxischer Reichtum gefährdet die Demokratie, nicht nur hierzulande, weil Kapital eine unverkennbar rechts-radikale Struktur aufweist!