Konrad Ott
Sittlichkeit und Nachhaltigkeit
Aussichten auf eine bürgerliche Postwachstumsgesellschaft
geb., 975 Seiten, 69.- €
Baden-Baden 2026 (Karl Alber-Verlag)
von Fritz Reheis
Transformationen gab es in der Menschheitsgeschichte schon viele. Die anstehende Nachhaltigkeitstransformation, so Konrad Ott, Professor für Philosophie und Ethik der Umwelt, hat den Anspruch, die erste „ihrer selbst bewusste, d.h. eine wissentliche (epistemische) und willentliche (volitive)“ Transformation zu sein (34). Um diesem Anspruch gerecht zu werden, holt Ott weit aus. Er weist nicht nur alle auf Marx aufbauenden und an die Kritische Theorie anschließenden Perspektiven, etwa die seines japanischen Kollegen Kohei Saito („Systemsturz“), vehement zurück, sondern auch andere Anhänger von Postwachstumskonzepten, die nicht explizit „bürgerlich“ sind (Muraca, Schmelzer/Vetter). Ihnen wirft er vor, sich mit der bloßen Umkehrung der bestehenden Verhältnisse („abstrakte Negation“) zu begnügen. Da Marx jedoch längst widerlegt sei, müsse eine sich selbst bewusste Transformation den Umweg über Marx beenden und sich auf Hegels Phänomenologie des Geistes besinnen. Das Buch wolle, so heißt es in der Vorrede, eine „bestimmte Negation des Bestehenden“ anbieten: „eine theoretisch robuste, ethisch seriöse und politisch wirklichkeitsnahe Alternative“, „eine Konzeption des transformativen Wandels hin zu einer nachhaltigen Postwachstumsgesellschaft (WNPWG) auf dem Boden der modernen bürgerlichen Gesellschaft, die für deren Mitglieder überwiegend zustimmungswürdig sein kann.“ (35, Hervorhebung im Original). Aus der Hegelschen Perspektive der Phänomenologie des Geistes sei die WNPWG im Kern nichts anderes als eine Hervorbringung des „objektiven Geistes“.
Im ersten Kapitel begründet Ott am Beispiel Deutschlands, warum dystopische Narrative über das Projekt des Umbaus der Industriegesellschaft falsch sind. Das zweite Kapitel legt die normativen Voraussetzungen der WNPWG dar: eine Verbindung von Diskursethik, anthropozentrischer Umweltethik und starker Nachhaltigkeit. Das dritte Kapitel ist „ein Krebsgang durch die maßgeblichen Gesellschaftstheorien“ und plädiert für eine „Befreiung“ von Marx und der Kritischen Theorie. Das vierte Kapitel enthält Otts Hegel-Deutung, wobei er die Idee der Freiheit als „absolute Idee des Geistes“ bestimmt. Im fünften Kapitel werden daraus Folgerungen für das positive Recht und für den strategischen Ansatz bei der Staatszielbestimmung (Art. 20 a GG) gezogen; das Konzept der Rechte für die Natur wird jedoch zurückgewiesen. Das sechste und siebte Kapitel behandelt aus diskursethischer Perspektive Fragen der Bereichsethiken (Moral, Moralität, Moralismus) und der Stufungen von Familiarität (Familie, Gemeinschaft, Kultur). Im achten Kapitel plädiert Ott für einen „grünen Kapitalismus“, im neunten für eine „environmental deliberative democracy“. Das zehnte Kapitel widmet sich schließlich der Ebene der internationalen Politik. Ott betont, was seit 1948 global erreicht worden sei, räumt aber ein, dass dies möglicherweise auch wieder durch eine „Geopolitik multipolarer Einflusssphären und Raubbau an der Natur zunichte gemacht“ werden könnte (56).
Das Urteil des Rezensenten ist zwiegespalten. Einerseits ist die breit angelegte theoretische Grundlegung einer Postwachstumsgesellschaft, die sich vom Zwang des Wachstums des in Geld gemessenen Sozialprodukts befreit, beeindruckend. Dazu gehört auch die Sprache und die gute Erschließbarkeit der fast eintausend Seiten durch ein Personen- und ein Sachregister. In Letzterem fehlen jedoch Begriffe, die für eine umfassende Thematisierung von „Nachhaltigkeit“ und „Transformation“ nach Auffassung des Rezensenten unverzichtbar sind, wenn diese Thematisierung auch an naturwissenschaftliche Diskurse anschließbar sein soll: die Begriffe „Entropie“ und „Syntropie“ („Negentropie“), „Leben“, „Kreislauf“ und vor allem „Zeit“. Allein schon die bloße Definition von „Nachhaltigkeit“ erfordert zwingend den Rekurs auf die Zeitdimension (Veränderung, Erneuerung, Geschwindigkeit, Dauer). Und ohne die banale Tatsache, dass menschliches Wirtschaften mit der Wirtschaft der Natur irgendwie synchronisiert sein muss, Menschen das Werk der Natur also immer nur fortsetzen können (Vandana Shiva), lässt sich ökologische Nachhaltigkeit nicht verstehen. Im Text wird dies unter dem Stichwort „Kreislauf- und Bioökonomie“ vielfach angesprochen, ohne jedoch die Temporalität als Kern von Nachhaltigkeit herauszuarbeiten. Bezeichnenderweise führt Ott in seinem Personenregister zwar Hermann Daly als Pionier eines starken Nachhaltigkeitsverständnisses an, übergeht aber dessen Konzept einer konsequenten Regenerativität (die sogenannten Daly-Regeln). Im Text erwähnte Autoren wie Sabine Hofmeister und Adelheid Biesecker, die aus einem zeitökologischen Interesse heraus das Thema Reproduktivität ins Zentrum des Transformationsdiskurses geholt haben, fehlen im Personenregister. Die fundamentale Bedeutung des Tutzinger Projekts einer „Ökologie der Zeit“ für den Nachhaltigkeitsdiskurs ist Ott offenbar völlig entgangen. Der Rezensent fragt sich, wie Ott die „tendenziell totalitäre“ und „kolonisierende“ Wirkung von Geld als allgemeines Äquivalent einräumen kann (661), ohne die Möglichkeit auch nur anzudeuten, dass die Zeit als Maßstab für Heterogenes, als „Zweitcode für Systeme“ (Luhmann), eine freiheitlichere (Hegel!) Alternative zu jener „Zeit-ist-Geld“-Formel sein könnte, die uns offensichtlich immer mehr in die Irre führt.