Max Beck
Philosophieren im Exil
Logischer Empirismus und Kritische Theorie 1933-1945
Pb., 307 Seiten, 28,- €
Basel 2026 (Schwabe-Verlag)
von Konrad Lotter
Der „Positivismusstreit“, der Anfang der 1960er Jahre zwischen Vertretern der Frankfurter Schule und des Kritischen Rationalismus (Karl Popper, Hans Albert) ausgetragen wurde, klärte zwar die Gegensätze zweier Theorie-Ansätze und insbesondere den Gegensatz zwischen dialektischem und formallogischem Denken. Er trug aber auch zur Verbreitung und Befestigung eines Vorurteils bei: des Vorurteils der Feindschaft und vollständigen Unvereinbarkeit zwischen der sog. Kritischen Theorie und dem sog. Positivismus. Wenig beachtet bei der Rezeption dieses Streits wurde zum einen, dass sich Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zur Zeit, als dieser Streit stattfand, schon weit von den Anfängen der Kritischen Theorie entfernt hatten, zum anderen, dass auch die Kritischen Rationalisten andere Wege eingeschlagen hatten, als Rudolf Carnap, Otto Neurath und Hans Reichenbach, die Begründer des Logischen Empirismus, von denen sie ausgegangen waren. Es sind diese fünf genannten Philosophen, auf die sich Max Beck konzentriert, um – zumindest an den Anfängen beider Schulen um 1930 – auf eine Reihe von Parallelen und Übereinstimmungen aufmerksam zu machen. Gemeinsam ist beiden etwa die Zwischenstellung zwischen der Universität und einer außeruniversitären Forschungseinrichtung, die mit einer starken Aversion gegen die etablierte Philosophie und dem selbstbewussten Eintreten für eine Neuausrichtung der Philosophie verbunden war. Gemeinsam ist beiden weiterhin die Betonung kollektiver und interdisziplinär (mit besonderem Interesse an Soziologie und Psychologie) ausgerichteter Forschung. Vergleicht man die drei Texte, die als „Gründungsmanifeste“ der beiden „Schulen“ angesehen werden können – Carnaps und Neuraths Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis (1929), Horkheimers Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung (1931) und Reichenbachs Ziele und Wege der heutigen Naturphilosophie (1931) – so ist auch eine gemeinsame Abgrenzung gegen die Metaphysik mit Betonung empirischer Forschung festzustellen. Übereinstimmung besteht nicht zuletzt auch hinsichtlich ihres über die Philosophie hinausgehenden, politischen Engagements für eine bessere Gesellschaft, das bei den kritischen Theoretikern noch marxistisch, bei den logischen Empiristen sozialdemokratisch inspiriert war. Gerade dieses Engagement, das sich dem aufkommenden Nationalsozialismus bzw. Austrofaschismus widersetzte, war, zusammen mit ihrer jüdischen Abstammung – Carnap war der einzige Nicht-Jude unter den Genannten – der Grund ihrer Ausgrenzung und Verfolgung, der sie zur Emigration (über Genf, London, Prag, Amsterdam, Istanbul, letztlich nach England und vor allem die USA) zwang.
Der Schwerpunkt von Becks mit dem „Claus-Dieter Krohn-Preis für Exilforschung“ ausgezeichneten Dissertation liegt allerdings nicht auf den Parallelen und Übereinstimmungen der Kritischen Theorie und des Logischen Empirismus an ihren Anfängen, sondern darauf, wie sie sich im Laufe ihres Exils immer weiter voneinander entfernt haben. Diesen Prozess der Entfremdung verfolgt Beck unter drei Aspekten: erstens dem verschiedenen Umgang mit dem Wechsel der Sprache, zweitens den verschiedenen Urteilen über die Ursachen des Faschismus in ihren Herkunftsländern (die eng mit ihren Urteilen über die USA als dem Land, in dem sie die Staatsbürgerschaft erwarben, verbunden waren) und drittens in ihrer verschiedenartigen Rezeption der amerikanischen Philosophie, d.h. insbesondere des Pragmatismus.
Dass sich beide Schulen in gegensätzliche Richtungen entwickelten, war angesichts der verschiedenen Traditionen, in denen sie standen, nicht verwunderlich. Beriefen sich die kritischen Theoretiker auf Hegel, Marx, Lukács und Freud, so sahen sich die logischen Empiristen in der Verlängerung von Hume, Mach, Frege und Wittgenstein. Allerdings gibt es auch hier Überschneidungen. Horkheimer und Adorno etwa promovierten gleichermaßen bei Hans Cornelius, der ein überzeugter Anhänger von Ernst Mach war. Otto Neurath stellte auch Marx und Feuerbach in die Ahnengalerie des „Wiener Kreises“. Adorno hatte, noch vor seiner zeitweiligen Übersiedelung nach England keine Bedenken, sich bei dem bereits nach Istanbul emigrierten Reichenbach um eine Assistentenstelle zu bewerben.
Außerordentlich aufschlussreich sind Becks Ausführungen über die Probleme der Exilanten mit der Aneignung der fremden Sprache und der Beurteilung des Englischen für die Philosophie. Neurath etwa, der selbst große Schwierigkeiten mit dem Erlernen der fremden Sprache hatte („I speak broken English fluently“), hielt nichtsdestoweniger, wie auch andere Vertreter des Logischen Empirismus, das Englische für geeigneter als das Deutsche, um seine Gedanken auszudrücken. Horkheimer und Adorno hingegen hielten das Englische zwar gut für das daily business, aber völlig ungeeignet für die „Hegelsche Tradition“ und die Formulierung ihrer Theorien. Ein nicht unwesentlicher Grund dafür, dass die einen auch nach 1945 in ihrem Gastland blieben, während die anderen umgehend nach Deutschland zurückkehrten.
Ein anderer, wohl triftigerer Grund für diese Entscheidung liegt, wie Beck überzeugend darlegt, in den verschiedenartigen Ansichten über die Ursachen des Umschlags der Zivilisation in die Barbarei ihrer Herkunftsländer und damit in der Frage, ob der Faschismus auch in den USA Fuß fassen und ihre Existenz bedrohen könnte. Für den Logischen Empirismus steht dieses Problem freilich außerhalb der Philosophie und wird nur peripher, in Briefen, Reden oder Zeitungsartikeln, behandelt. Bei Horkheimer und Adorno steht sie dagegen im Zentrum ihrer Theorien. Neurath führt vor allem den Untertanengeist als Ursache an, das „deutsche Klima“, wie er es nennt, das von Kant (Pflichterfüllung) und Goethe (Geniekult) geprägt sei. Da im liberalen Amerika und England ein anderes, offeneres „Klima“ herrsche, seien diese Länder nicht für den Faschismus anfällig. Völlig anders waren die Erklärungen der Kritischen Theorie, die den Faschismus als Folge der ökonomischen Dynamik des Kapitalismus begriffen. Horkheimer („Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“) folgte dabei weitgehend der Analyse von Friedrich Pollock. Ihr zufolge entwickelte sich der liberale „Privatkapitalismus“ mit seinen selbständigen Unternehmern und der Steuerung des Wirtschaftsgeschehens durch den Markt – infolge der bedrohlicher werdenden Krisen, die mehr und mehr durch regulierende Eingriffe des Staats bewältigt werden mussten – in einen „Staatskapitalismus“. Zwar unterscheidet Horkheimer mit Pollock zwischen einem totalitären Staatskapitalismus (wie im „Dritten Reich“) und einem demokratischen Staatskapitalismus (wie in den USA zur Zeit des New Deals), was aber nicht hieß, dass die USA gegen Faschismus gefeit waren und daher als ein absolut sicheres Exilland angesehen werden konnten. Es gelte also auch hier, auf der Hut zu sein, und das Aufkommen totalitärer Tendenzen zu beobachten und kenntlich zu machen.
Detailliert berichtet Max Beck über das Forschungsprojekt Cultural Aspects of Nationalsocialism (1941), das für die Entwicklung der Kritischen Theorie einige Aufschlüsse vermittelt. Nachdem die Rockefeller-Foundation keine finanzielle Unterstützung gewährt hatte, fragte man, ebenfalls erfolglos, bei verschiedenen anderen Stiftungen nach, wobei der Antrag auf Unterstützung wiederholt überarbeitet wurde, wodurch das Projekt an den amerikanischen Wissenschaftsbetrieb anschlussfähig gemacht werden sollte. Dabei verschwand nicht nur die ökonomische und damit marxistische Perspektive auf den Aufstieg des Nationalsozialismus. Statt die Duldung oder Unterstützung des Nationalsozialismus durch die Kirchen (wie etwa das Konkordat zwischen Vatikan und Hitler) zu untersuchen, sollte dem „Anti-Christentum“ eine Mitschuld nachgewiesen werden. Nietzsche, so war in den Anträgen zu lesen, wollte man gegen seine Anhänger aus den Reihen der Wegbereiter und Anhänger des „Dritten Reichs“ in Schutz nehmen. Heruntergespielt wurde auch die Möglichkeit eines Umschlags des demokratischen in einen totalitären Staatskapitalismus in den USA; man wollte offenbar, wie Beck vermutet, die potentiellen Geldgeber nicht vor den Kopf stoßen. Insgesamt zeichnet sich im Fortschritt der Zugeständnisse der Übergang von der ehemaligen Kritischen Theorie zur Programmatik der späteren Frankfurter Schule ab, die dann in der Dialektik der Aufklärung eine neue Art von „Gründungsmanifest“ erhielt.
Becks Buch ist nicht nur wegen der Verarbeitung vieler Informationen (aus bisher unveröffentlichtem Archiv-Material) lesenswert, sondern auch, weil es bisher wenig beachtete Ereignisse in Erinnerung ruft. So etwa berichtete es ausführlich über fünf Diskussionsrunden (1941), in denen in Anwesenheit nicht nur von Horkheimer, Adorno und Reichenbach, sondern auch von Günther Anders, Bert Brecht und anderen über Huxleys Brave New World diskutiert wurde: Fünf Diskussionen, in denen, durch Huxleys Roman vermittelt, vor allem die eigenen Positionen der Diskutanten sehr deutlich zu erkennen sind und von Beck kenntlich gemacht werden.
Bedingt durch die Nähe und philosophische Verwandtschaft zwischen Logischem Empirismus und amerikanischem Pragmatismus stand Reichenbach schon vor seiner Emigration in die USA mit John Dewey in Kontakt. Das erleichterte ihm den späteren Einstieg in die philosophische Szene des Gastlandes. Er hatte sofort die Möglichkeit, in führenden Journalen zu veröffentlichen und wurde, trotz seiner Vorbehalte gegen Dewey, als ein ernstzunehmender Gesprächspartner wahrgenommen und geschätzt. Aus der Verbindung des Logischen Empirismus mit dem Pragmatismus entstand später, nach Carnaps Wort, die Analytische Philosophie. Dagegen begann die Auseinandersetzung mit der Philosophie des Gastlandes bei Horkheimer erst nach seiner Übersiedelung in die USA. Adornos Rezeption des Pragmatismus fand größtenteils erst nach seiner Rückkehr nach Frankfurt statt. Während Horkheimer den Pragmatismus weitgehend dem Positivismus gleichsetzte und ablehnte, fiel Adornos Urteil differenzierter aus. Was er vor allem an Dewey hervorhob, war dessen Betonung der subjektiven, „unreflektierten“ Erfahrung.
In dreifacher Weise (Reflexion des Sprachwechsels, Faschismus-Kritik mit Blick auf die politischen Verhältnisse des Gastlandes und Auseinandersetzung mit der amerikanischen Philosophie) wird nicht nur der wachsende Gegensatz zwischen Kritischer Theorie und Logischem Empirismus geklärt, sondern auch der Umstand, dass die einen nach 1945 nach Deutschland zurückkehrten, die anderen sich im Gastland wohler fühlten, Karriere machten und blieben. Plausibel wird auf diese Weise auch, weshalb der Siegeszug des „Positivismus“ (auch durch das Wirken Wittgensteins und später Poppers) vom angelsächsischen Raum ausging, während die Kritische Theorie in den USA zunächst auf wenig Interesse stieß und erst in der Nachkriegszeit und in Deutschland an Einfluss gewann. Erst im Zuge der Studentenbewegung 1968 stieg ihr Einfluss (vor allem durch Marcuse) auch in den USA. Herbert Marcuse, der sich ebenfalls im Land seines Exils akklimatisiert und Karriere gemacht hatte, spielt in Becks Abhandlung, die sich auf die fünf genannten Philosophen beschränkt, allerdings keine Rolle.