Roberto Simanowski

Sprachmaschinen

Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz

Pb., 288 Seiten, 23,- €

München 2025 (C.H. Beck-Verlag)

von Konrad Lotter

Die verbreitetste Form ihrer Anwendung besitzt die künstliche Intelligenz in Form verschiedener Sprachmaschinen. Sie tragen verschiedene Namen wie ChatGPT und Gemini (in verschiedenen Versionen), Grok oder Deep Seek und wurden vor allem in den USA und in China entwickelt. Der europäische Nachzügler OpenEuroLLM befindet sich erst im Aufbau. Mit ihren unglaublichen Fähigkeiten erleichtern und beschleunigen sie das tägliche Leben und die Arbeit der Menschen. Sie verwandeln das gesprochene Wort in Schrift und können Geschriebenes laut vorlesen. Sie versorgen uns mit Informationen, geben Antworten auf alle Fragen und erklären die Welt. Durch ihre Fähigkeit, von einer Sprache in andere Sprachen zu übersetzen, heben sie die babylonische Sprachverwirrung auf. Vor allem aber können sie bestehende Texte zusammenfassen, ihren Inhalt in konzentrierter Form wiedergeben und selbst Texte zu beliebigen Themen verfassen.

Um die Bewunderung für die Leistungen der Sprachmaschinen nicht in den Himmel wachsen und in blindes Vertrauen umschlagen zu lassen, diskutiert Simanowski, Medienphilosoph und Internet-Experte, verschiedene damit verbundene sprachphilosophische, erkenntnistheoretische, moralphilosophische und politische Probleme und schärft so das Bewusstsein der Grenzen und Gefahren, die darin lauern. Vor allem zerstört er eine Reihe verbreiteter Vorurteile. Erstes Vorurteil: Sprachmaschinen sind allwissend. Tatsächlich ist ihr Wissen auf die Texte beschränkt, mit denen sie trainiert wurden. Über die Wirklichkeit wissen sie nur, was ihnen durch Texte vermittelt worden ist. Sie verfügen also über keine eigenen Erfahrungen, Erlebnisse oder Gefühle. Zweites Vorurteil: Sprachmaschinen vermitteln Wahrheiten. Tatsächlich referieren sie nur die verschiedenen Ansichten, die darüber im Umlauf sind und geben statistisch errechnete Durchschnitts-Ansichten wieder. Wohlwollend könnte man dieses Verfahren als Konsenstheorie der Wahrheit (im Gegensatz zur Korrespondenztheorie, die die Wahrheit als Übereinstimmung des Denkens mit der Realität begreift) durchgehen lassen. Kritisch dagegen einwenden ließe sich allerdings, dass die mainstream-Wahrheit nur die verbreitetste und am lautstärksten vorgetragene Form der Lüge ist.

Den umfangreichsten Teil seines Buches widmet Simanowski der Diskussion eines dritten Vorurteils, das den Sprachmaschinen Objektivität oder (Wert-) Neutralität zuspricht. Tatsächlich werden mit dem Land, der Kultur und der Sprache, in denen Sprachmaschinen trainiert werden, auch deren Ideologie transportiert. Und da die verbreitetsten Sprachmaschinen aus den USA stammen, wird der Rest der Welt mit amerikanischen oder westlichen Werten geflutet. Sprachmaschinen werden auf diese Weise, wie Simanowski zu Bedenken gibt, zu „Mitteln des Kulturkampfes“ oder des „Kulturimperialismus“, der schon bei den verschiedenen Interpretationen der Menschenrechte beginnt, die den Auskünften der Sprachmaschinen zugrunde liegen: Die Menschen werden als vom Gemeinwesen isolierte Individuen, nicht wie in anderen Kulturen (Afrika oder Indien) als Teil der Gemeinschaft begriffen. Wiederholt macht Simanowski auf die verschiedenen moralischen oder politischen Orientierungen aufmerksam, die bei Auskünften über strittige Fragen wie etwa des Schwangerschaftsabbruchs, der Akzeptanz von Homosexualität und gleichgeschlechtlicher Ehe, der Migration, der Meinungsfreiheit oder des Klimawandels zu bemerken sind. Da eine globale Übereinstimmung politischer und moralischer Werte nicht existiert, besteht die Frage, wie über die bestehenden Differenzen berichtet wird. Ob etwa unterstellt wird, dass sich die Werte im geschichtlichen Fortschritt und dem Zusammenwachsen der Kulturen an die westlichen Vorstellungen annähern, oder ob nebeneinander bestehende Vorstellungen als gleichwertig und gleichberechtigt angesehen werden.

Spielte sich der alte „Kulturkampf“ (zu Bismarcks Zeiten) zwischen dem säkularen Staat und der katholischen Kirche ab, so richtet sich der neue, der von der amerikanischen Administration ausgeht, gegen „Linkslastigkeit“ und „Wokeness“ in Bezug auf Diskriminierung oder Inklusion. Prinzipiell unterliegen die Auskünfte der Sprachmaschinen zwar einem „Finetuning“, d.h. einer „Zweiterziehung“ (nach ihrer „Ersterziehung“ durch Trainingsdaten), in denen „toxische“ Behauptungen ausgemerzt, moralische Entgleisungen korrigiert und Minderheiten respektiert werden. Gleichzeitig berichtet Simanowski aber auch von Donald Trumps Drohungen und Einschüchterungen, vor denen KI-Entwickler wie etwa Marc Zuckerberg eingeknickt sind und sich daraufhin vom „woken Diversitätsaktivismus“ ferngehalten haben.

Auf technische Details der Programmierung und der Erstellung von Algorithmen verzichtet das Buch. Sie wären für den Laien ohnehin kaum verständlich. Nicht unmittelbar zum Thema gehört der enorme Energie-Bedarf der Sprachmaschinen und der riesige Ausstoß von CO2, den sie verursachen. Auch darüber verliert das Buch zurecht kein Wort. Umso klarer und eindringlicher formuliert es dagegen eine Reihe prinzipieller Vorbehalte. Neben den eklatanten Verletzungen des Urheberrechts (bei den Texten, die zu Trainingszwecken benutzt werden) und den umfassenden Möglichkeiten der Überwachung derer, die die neue Technik benützen, macht Simanowski vor allem auf zwei Gefahren aufmerksam. Zum einen werden die Sprachmaschinen in wachsendem Maße mit Texten gefüttert, die sie selbst produziert haben. Die outputs der KI werden zu künftigen inputs, so dass ein von der Vergangenheit her dominiertes selbstreferentielles System entsteht: eine „Daten-Inzucht“, wodurch geistige und soziale Entwicklungen behindert werden. Zum anderen werden die User, die die leicht zugänglichen Hilfen bei der Beschaffung von Informationen, der Erstellung von Texten, bei Übersetzungen etc. zunehmend in Anspruch nehmen, immer träger, unselbständiger und unmündiger. Ein Verlust geistiger Souveränität.

In einem Exkurs über die Technikphilosophie des 20. Jahrhunderts zeigt Simanowski deren gemeinsamen Nenner auf. Georg Simmel bezeichnet es als „Tragödie der Kultur“, dass alles, was der Mensch erschafft (wie etwa technische Geräte), sich kraft einer inneren Logik mit der Zeit gegen ihn selbst richtet. Ernst Cassirer spricht von der „Rückwirkung“ (der Technik) auf die „Sachordnung“ (der Institutionen), Martin Heidegger vom „Gestell“, das den handelnden Menschen selbst unter seine Regie nimmt. Günther Anders definiert die technischen Geräte nicht als „Mittel“, sondern als „Vorentscheidungen“ zu bestimmten Zwecken. Durchwegs wird die Technik als ein autonom sich selbst bestimmendes „Subjekt“ begriffen, dessen Eigendynamik sich dem gesellschaftlichen Leben aufdrängt. Nirgends wird – auch von Simanowski nicht – nach den gesellschaftlichen (sprich: kapitalistischen) Bedingungen und Ursachen des technischen Fortschritts gefragt. Nirgends wird daher auch eine Perspektive aufgezeigt, wie die verselbständigte, autonom und immer bedrohlicher werdende Technik in einer post-kapitalistischen Gesellschaft wieder unter die Kontrolle der Menschen gebracht werden könnte.

Simanowski selbst bringt die KI mit Hegels „Herr-Knecht“-Dialektik in Verbindung. Mit ihren Sprachmaschinen erscheint die KI darin als Knecht, in dienender Rolle. Sie entlastet den Herrn, den User, nimmt ihm viele Mühen ab, macht ihn umgekehrt aber immer unselbständiger, unfähiger und abhängiger. Am Ende schlägt das Verhältnis um, und die Technik wird zum Herrn. Früher, unter dem Einfluss von Marx, hatte man Hegels Herrn mit dem Kapitalisten, den Knecht mit dem Arbeiter identifiziert, so dass der dialektische Umschlag als Verwirklichung einer Gesellschaft begriffen wurde, in der die „assoziierten Produzenten“ das Sagen haben. Nun, wo Herr und Knecht mit User und KI gleichgesetzt werden, führt der Umschlag nicht in den Sozialismus, sondern in die Technokratie. Ebenfalls in Anlehnung an Hegel setzt Simanowski die „Allwissenheit“ der KI mit den Gedanken Gottes vor der Schöpfung gleich. Der Sündenfall, durch den der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde, war die Voraussetzung dafür, dass er sich arbeitend und erkennend entwickeln, sich den an Natur und Geschichte entäußerten „absoluten Geist“ aneignen und damit selbst zu einem alter deus werden konnte. Scheinbar als Subjekt der Geschichte, tatsächlich (für Hegel) aber nur als „Erfüllungsgehilfe“ eines göttlichen Heilplanes. Mit Hilfe der KI jedenfalls und der Verwirklichung der besagten Technokratie, so Simanowskis Schluss, könnte der Mensch ins Paradies und damit in einen Zustand vor seiner Individuation zurückkehren. Eine interessante, aber gewagte Interpretation!

Das vielschichtige und anregende Buch endet mit dem (nach dieser Interpretation eher banalen) Ratschlag an Lehrer und Dozenten, sie sollten ihren Schülern Mediennutzung und Medienreflexion gleichermaßen näherbringen. Mit einer Reihe praktischer Vorschläge (wie z.B. dem Hinterfragen aller gegebenen Antworten oder dem Vergleich der Antworten verschiedener Sprachmaschinen) zeigt es, auf welche Weise beide Kompetenzen miteinander verbunden und weitergegeben werden könnten.

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