Kohei Saito
Am Ende des Fortschritts
Überleben in den Ruinen des Kapitalismus
geb, 368 Seiten, 26,– €
München 2026 (dtv)
von Percy Turtur
Confusion will be my epitaph,
As I crawl a cracked and broken path
If we make it we can all sit back and laugh,
But I fear tomorrow I‘ll be crying.
Diese letzten Liedzeilen von King Crimson aus „Epitaph“ von 1968 sind heute aktueller, als sie es damals waren. Damals war es in erster Linie der Kalte Krieg mit atomarem Overkill; doch die Ökologie war damals auch schon ein Thema. Seither haben wir eine Chance bekommen und sie nahezu verspielt. In diesem Sinn kann man das aktuelle Buch von Kohei Saito lesen. Er beschönigt nichts an unserer gegenwärtigen globalen Situation, die auf eine nahezu biblische Apokalypse zuläuft, wie er schonungslos deutlich macht. Und es sind gerade die hypertrophen Utopien der Techno-Giganten, die als Brandbeschleuniger umso schneller in die Katastrophe führen.
Die Zukunft heißt Faschismus! Mit dieser steilen, aber nicht unbegründbaren These startet Saito in seine Dystopie. IT-Milliardäre wie Elon Musk wollen uns eine strahlende Zukunft verkaufen, in der es keinen Mangel mehr gibt – außer an begrenzten Luxusgütern, zu denen, wie Saito in Anlehnung an Sam Altman (CEO von OpenAI) sarkastisch anmerkt, auch bald „Land, Wasser, Nahrung und Energie“ (8) gehören werden. Mithin also lebensnotwendige Resourcen, die „buchstäblich zu einer Frage über Leben und Tod werden“. Diese begrenzten Resourcen werden von den Superreichen monopolisiert, so die These. Saitos Programm ist, mit Marx sowohl gegen den „Faschismus der auserwählten Eliten“ wie auch gegen den Neoliberalismus etwa von Friedrich August Hayek (1899-1992) anzutreten und „eine Pforte in die Zukunft zu öffnen, die dem Faschismus keinen Fußbreit zugesteht“ (10).
Doch zunächst erfolgt eine Bestandsaufnahme: Mit dem sich abzeichnenden Klimakollaps hat die Menschheit „das Tor zur Hölle geöffnet“. Wie nicht als Erste:r Saito zeigt, ist dieser Klimakollaps ein sich selbst verstärkender Prozess – je wärmer es wird, desto mehr Kohlendioxid und Methan werden zusätzlich zu den menschengemachten Emissionen aus natürlichen Speichern freigesetzt und heizen den Prozess der Erderhitzung weiter an. Nicht, dass das nicht alle halbwegs kompetenten klimatologischen Spatzen seit mittlerweile Jahrzehnten von allen Dächern pfeifen würden, aber: Was wahr ist, kann nicht oft genug gesagt werden! Und Saito sagt es in schmerzhafter Deutlichkeit.

Zuerst beschreibt er jedoch die dystopische Entwicklung hin zu einer Gesellschaft, in der eine Handvoll Menschen unfassbaren Reichtum anhäuft und die Menschheit in einer klimabedingt lebensbedrohlichen Mangelwirtschaft überleben muss. Sein Grundkurs zum Marxschen „Kapital“, erweitert um die neuen Formen des Technokapitalismus, ist kompetent und lehrreich. Die vorhersehbare Entwicklung führe zu mehr und mehr Ressourcenverschwendung und letzten Endes zum Ende der kapitalistischen Wirtschaft in ihrer heutigen Form. Die akuten Folgen lassen sich den alltäglichen Nachrichten und den Dokumentationen besorgter Ökologen leider nur allzu deutlich entnehmen, sofern sie nicht ohnehin am eigenen Leib, Leben und Geldbeutel gespürt werden. Krieg schließlich ist die denkbar schlimmste Ressourcenverschwendung. Das Bild, das Saito hier in Anschluss an Marx malt, ist nur allzu düster.
Saito geht davon aus, dass die Tech-Milliardäre sich längst auf die massiven Verschlechterungen der Lebensbedingungen eingestellt haben und lediglich am eigenen möglichst komfortablen Überleben arbeiten: „Eine universelle Fortschrittsidee für die Menschheit haben sie aufgegeben, bereiten sich auf das ‚Ende der Welt‘ vor und konzipieren eine Zukunft, die allein für eine auserwählte Elite bestimmt ist“ (80). Wenn man, wie der Rezensent, US-amerikanische Dystopien aus den 70ern kennt, weiß man, dass es damals bereits Konzepte gab, wie der Weltuntergang (der in verschiedenen Szenarien ausgemalt wurde) in stark bewachten Festungen, die Superreiche nebst Anhang und willfährigen Geistern aufnehmen sollten, möglichst komfortabel zu überstehen und nicht bloß zu überleben wäre. Je nach politischer Einstellung der Autoren entwickeln sich diese Untergangsszenarien unterschiedlich, meist scheitern sie. Eine neuere Dystopie dieser Art ist der Film „2012“ von Roland Emmerich, wo Reiche und Superreiche auf Archen eine Überschwemmung der Erde überstehen wollen. Letztlich endet dieser Film in einer falschen Versöhnung der Reichen und der weniger Privilegierten – einem gestohlenen und unglaubwürdigen Happy-End.
So gelangen wir zu der mehr oder weniger utopischen Alternative, für die Saito in seinem Buch wirbt:
Zunächst präzisiert er den Unterschied zwischen Kommunismus und Sozialismus: Während in Ersterem sich idealerweise das Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsumtion in einer egalitären Kultur zwangsfrei und ohne zentrale Planung einpendelt, bedeutet Sozialismus zentrale und – im besten Falle – demokratische Planung der Produktion anhand der tatsächlichen Bedürfnisse aller Menschen. Damit wird die ressourcenverschlingende Fehl- und Überproduktion der anarchischen Produktionsprozesse im Kapitalismus vermieden und so eine der Hauptquellen der Umweltzerstörung aus der Welt geschafft. Und die Produktion kann so geplant werden, dass sie einem zentralen Bedürfnis der Menschen, in einer ökologisch intakten Umwelt zu leben, Rechnung trägt, ohne zu übermäßigem Verzicht an Lebensqualität zu führen.
Damit begibt sich Saito in unmittelbare Gegnerschaft zu Hayek, der Planwirtschaft generell als absolutistisch ablehnt und das lauthals und leider mit einigem Erfolg verkündet hat. Er räumt ein, dass Hayeks Kritik an einer Planwirtschaft sowjetrussischer Art, wie sie im Osten der Normalfall war, nicht unberechtigt war. Er stellt sich aber die Frage, ob das die einzige Möglichkeit einer Planwirtschaft darstellt, so dass es keine planwirtschaftlichen Alternativen gibt. Was den Kapitalismus allgemein, aber besonders in seiner neoliberalen Spielart angeht, so stützt sich Saitos Kritik auf Marx und das ‚Kapital‘, um zu zeigen, dass dieser auch keine längerfristige Lösung der Menschheitsprobleme sein kann. Die „Falle“, in die Hayek uns geschickt hat, liegt nach Saito darin, dass er nur die Alternative: Planwirtschaft sowjetischer Prägung – unkontrollierte und unkontrollierbare Marktwirtschaft aufmacht. Da Erstere gescheitert ist, bleibt nach Hayek nur der Kapitalismus in seiner wildwüchsigen Ausprägung übrig.
Dagegen argumentiert Saito und für eine „Wirtschaftsdebatte 2.0“ (153). Gegen von Hayeks Behauptung, dass gesamtwirtschaftliche Planung schon theoretisch unmöglich sei, setzt er die neuen Technologien: Mit heutigen Supercomputern und den vorhandenen Daten über Ressourcen auf der einen Seite und den Bedürfnissen der Menschen auf der anderen Seite, so Saito, sei eine umfassende Planwirtschaft möglich, „die ohne Verschwendung produzierte“ (155). Auch die Art der Datenerfassung habe sich inzwischen revolutioniert, so dass das gesamtgesellschaftliche Wissen in einer Weise erfassbar sei, die früher undenkbar war. Das ermögliche eine Wirtschaftsplanung – für Hayek noch unvorstellbar – der Produktion ebenso wie der Nachfrage. Damit sei auch Geld als einziges Kriterium nach neueren Entwicklungen obsolet und ineffizient für die Planung der Wirtschaft. Der Preis sei nicht mehr allein die adäquate Lösung für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage, da er eine Vielfalt von Marktinformationen auf nur eine einzige Zahl für jedes Produkt bündele. Dazu sei das Preisgefüge ein viel zu träger Mechanismus, da Unternehmen erst im Nachhinein auf mangelnde Nachfrage reagieren können. Statt lediglich durch Veränderung des Preises auf veränderte Produktions- und Nachfragesituationen zu reagieren, könne mit moderner, flexibler und demokratischer Planung präventiv agiert werden, im Gegensatz zu der starren, bürokratischen Planung im untergegangenen „real existierenden Sozialismus“.
Saito dreht also Hayeks Argument für den Markt um, dass diesem eine spontane Ordnung innewohne, die einer Planung entgegenstünde: Der Markt sei eine „künstliche Ordnung, die durch nicht marktliche Institutionen geschützt und getragen wird“ (188). Ohne staatliche Ordnung, die dem Markt einerseits die notwendigen Fundamente liefert (etwa Geld und eine Eigentumsordung) und ihn andererseits lenkt und einhegt, sei eine Marktwirtschaft nicht möglich. Und in Krisensituationen bedürfe es starker staatlicher Intervention; so wäre die Corona-Krise anders nicht zu bewältigen gewesen (der Markt hat, wie sich hinterher gezeigt hat, eher für zusätzliche ökonomische Probleme in der Pandemie gesorgt; Anm. des Rez.). Und auch bei der umfassenden Klimakrise werde ‚der Markt‘ keines der damit verbundenen Probleme ‚von selber‘ lösen, geschweige denn das gesamtgesellschaftliche Problem.
Die ‚erste Phase‘ der Klimakrise, wie er sie diagnostiziert, sei vorbei und die damit verbundene Chance vertan, durch Aufgabe der Wachstumsideologie den Klimawandel zu stoppen oder wenigstens spürbar zu verlangsamen. In der zu erwartenden „permanenten Mangelwirtschaft“ der zweiten Phase, so Saito, werde man dennoch weiter auf ‚Degrowth‘ oder ‚Negativwachstum‘ setzen müssen. Er setzt auf das Korrektiv von „starke[r] Autonomie und Selbstorganisation von unten“ (190), um gegen das Kapital staatliche Maßnahmen durchführen zu können. Es müsse eine Art „Kriegswirtschaftssystem“ etabliert werden, um unter Wahrung der Demokratie gegen die Zerstörung der Umwelt vorgehen zu können. Er nimmt sich dabei die britische Kriegswirtschaft während des Zweiten Weltkriegs zum Vorbild, die dazu diente, einerseits die Ressourcen zur Verteidigung bereitzustellen, andererseits der Bevölkerung ihre grundlegende Versorgung zu garantieren. Als neuen „Feind“, meint Sato polemisch, haben die großen Ölkonzerne als CO2-Schleudern Hitler abgelöst. Sollte man am Kapitalismus und damit am Wirtschaftswachstum festhalten, würde das zwangsweise in einen regelrechte Teufelskreis führen.
Im Kapitel mit dem provokanten Titel „Der späte Marx und die Diktatur des Proletariats“ (205) setzt Saito der „kapitalistischen grünen Kriegswirtschaft“ einiger Ökonomen eine „sozialistische grüne Kriegswirtschaft“ entgegen. Dabei denkt er an „eine neue Form der Diktatur“. Bei Marx ist dabei für eine Übergangszeit an eine Herrschaft der Armen anstelle einer Herrschaft der Superreichen gedacht. Saito möchte so den scheinbaren Widerspruch auflösen, der zwischen Marx’ Eintreten für eine demokratische Gesellschaft und seiner Vorstellung einer „Diktatur des Proletariats“ besteht. Der Wandel des Diktaturbegriffs gehe vom altrömischen Begriff einer Diktatur zur kurzfristigen Beilegung einer Krise und Rückkehr zur alten Ordnung über den Begriff in der Französischen Revolution zur „Befreiung des Volkes“ mittels einer elitären Minderheit über mehrere Jahre zum Marx’schen Begriff der Diktatur über, in dem die ganze Arbeiterklasse die Rolle des revolutionären Subjekts einnimmt, mit einer Übergangszeit von etwa einer Generation. „In ihrer Substanz ist sie außerordentlich demokratisch und antiautoritär“. In der Pariser Kommune von 1871 beispielsweise konnten sehr schnell sehr weitgehende soziale Reformen und eine demokratische Volksvertretung durchgesetzt werden, bevor sie mit militärischer Gewalt zerschlagen wurde. Deshalb sei sie als „reichhaltige Inspirationsquelle“ (221) auch heute noch ein Vorbild.
Saito plädiert für eine vierte Form von ‚Diktatur‘: „Die Diktatur der Ökologie“ (DdÖ), um die Leidtragenden vor den Folgen der unvermeidlichen Umweltkrise zu schützen (232). Statt eines Technofaschismus, der lediglich einer Elite das Überleben ermöglicht, müsse eine „auf Gleichheit ausgerichtete ökonomische Ordnung“ (233) errichtet werden. Für eine Übergangsperiode solle, wie bei früheren Diktaturen, eine DdÖ die Herrschaft übernehmen. Basisdemokratie und sozialistische Diktatur von oben greifen dabei ineinander. Saito denkt dabei langfristig: Bis 2050 sieht er wenig Chancen für den überlebensnotwendigen Umbau der Gesellschaft, der seiner Ansicht nach bis 2080 durchgeführt sein muss, damit eine Bewältigung der ökologischen Krise noch möglich ist. (Mir scheinen beide Vorstellungen optimistisch: Dass es bis 2050 eine ausreichend starke Volksbewegung gegen den Kapitalismus geben wird, ebenso, dass sich 2080 der endgültige Klimakollaps, wie auch immer er aussehen mag, noch verhindern lässt. Ich meine, die Realität ist noch härter als Saito sie ausmalt, A.d.R.).
Schon in der Pariser Kommune wurden fünf Maßnahmen umgesetzt, die Saito für zentral zur Errichtung einer DdÖ hält:
Arbeit und Industrie müssen demokratisiert werden, um eine wirksame Dekorbonisierung der Produktion zu ermöglichen. Die Machtverhältnisse in der Industrie müssen dafür ‚dekonstruiert‘ (239) und umgekehrt werden. In einzelnen Fällen ist es schon gelungen, so Saito, lebenswichtige Versorgungsstrukturen wieder aus privater Hand in kommunale Kontrolle zurückzuführen. Aus profitbestimmter Arbeit muss die Arbeit in die Erhaltung der Lebensbedingungen umgewandelt werden.
Als zweiter Punkt müssen Bürgerrechte gestärkt werden, und zwar nicht exklusiv, regional beschränkt, sondern für alle Bürger:innen dieses Planeten, wo auch immer sie leben und arbeiten, um durch gemeinschaftliches Handeln zu Synergien zu kommen (248).
Drittens müssen in der DdÖ im Interesse des Umbaus der Ökonomie Ressourcen requiriert und Arbeitskräfte für eine „grüne universelle Armee“ einberufen werden (250). Die Bürger:innen können für eine bestimmte Zeit dazu verpflichtet werden, „sich … an Aktivitäten zum Schutz der Umwelt zu beteiligen“ (251). Dabei sollen, um diktatorische Zwangsmaßnahmen zu vermeiden, die Tätigkeit, Ort und Zeit nach individuellen Präferenzen gewählt werden können, wie das im „Ersatzdienst“ zum Wehrdienst mehr oder weniger ähnlich geregelt war.
Viertens müssen „Rationierung und Enteignung“ (254) im Interesse der Allgemeinheit und im Rahmen einer Selbstverwaltung möglich sein, wenn sie notwendig sind. Als Besipiel nennt Saito die Initiative in Berlin, Wohnraum zu enteignen, der zur Spekulation missbraucht wird, auch wenn diese Initiative letztlich gegen den demokratischen Entscheid gescheitert ist. Beispielweise bietet das deutsche Grundgesetz die Möglichkeit einer Enteignung, wenn sie im Interesse der Allgemeinheit ist. Um die Allgemeinheit zu schützen, sei auch die Enteignung der großen Rechenzentren erforderlich, um die „digitale Souveränität“ (258) der Menschen wiederherzustellen. Auch KI-Grundmodelle müssen Gemeingut werden.
Auch müssen „Verbotsmaßnahmen“ (260) ergriffen werden können, wenn sie zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und zur Dekarbonisierung erforderlich sind. Der Individualverkehr mittels fossiler Brennstoffe (Verbrenner-Autos, Privatflugzeuge) muss stark eingeschränkt werden, bis hin zu deren Abschaffung.
Alle diese Maßnahmen sollen, so die Vorstellung Saitos, im Rahmen einer „radikalen Demokratie“ (262) verwirklicht werden. Bei den vorgenannten einschneidenden Maßnahmen bestehe starker Diskussionsbedarf, der zu einer Stärkung demokratischer Entscheidungsprozesse führen werde. Als Beispiel nennt er die demokratisch gewählte Linksregierung Kolumbiens, die unter Führung von Gustavo Petro die Ölförderung des Landes stark eingeschränkt hat. Saito betont, dass die ökologischen Maßnahmen nicht gegen die Bevölkerung, sondern demokratisch durch Bürgerbewegungen, Wahlen und Streiks zustande kamen.
Die Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft nennt Saito „Dunklen Sozialismus“ (272). Mit dem Beispiel von Ecuador, wo unter Rafael Correa eine „partizipative Planwirtschaft“ errichtet wurde, mithilfe der Arbeiterschaft, der Bauern, der Frauen und der Ureinwohner. Dabei wurden auch weltweit erstmalig die „Rechte der Natur“ anerkannt. Neben Legislative, Exekutive und Judikative gibt es in Ecuador mit dem „Rat für Bürgerbeteiligung und soziale Kontrolle“ (273) eine vierte Macht im Staat. In einem Vierjahresplan soll das „Buen Vivir“ (gutes Leben, schöne Erde) gefördert werden. Dabei soll dezentralisiert geplant werden.
Der Dunkle Sozialismus soll nach Saito auf fünf Säulen (Tabelle, S. 277) ruhen:
Gegen die „institutionalisierte Verschwendung“ des Kapitalismus soll es einen „Wandel hin zu Dekommodifizierung (Verringerung der Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt; A.d.R.) und bedarfsorientierten Wirtschaft“ geben; damit soll die Dynamik unbegrenzter Profitmaximierung im Kapitalismus gestoppt werden. Durch den Übergang zur Bedarfsorientierung sollen auch die Interessen künftiger Generationen, die am demokratischen Prozess noch nicht teilnehmen können, besser berücksichtigt werden.
Gegen den „Despotismus des Kapitals“ soll die Vergesellschaftung der Investitionen wirken. Statt, wie im „real existierenden Sozialismus“, die Investitionen in die Hände von Bürokraten zu legen, sollen sie im demokratischen Prozess verhandelt werden.
Der „Pseudorationalismus“ des Marktmechanismus mit der Reduktion auf den Preis als einziges Kriterium wird durch die „Mehrdimensionalität der Preise“ demokratisiert, der plurale Kriterien wie Umwelt, Ethik und Glück einbezieht.
Der Wettbewerb als „Verschleierungsverfahren“ soll mithilfe der „Nutzung von implizitem Wissen durch partizipative Wirtschaft“ ausgehebelt werden. Statt Konkurrenz wird auf Zusammenarbeit gesetzt.
Der „Riss im Stoffwechsel“ (mit der Natur; A.d.R.) soll durch die Einbeziehung ökologischer Grenzen in die Wirtschaft geschlossen werden. Daten von Weltraumsatelliten, aus dem Boden und gesellschaftliche Daten werden gesammelt und damit die Umweltauswirkungen bestimmter Maßnahmen erfasst, um ein „Umweltrechnungswesen“ (294) zu erstellen.
VonSeiten des Kapitalismus in Gestalt seiner Vertreter ist, darüber ist Saito sich im Klaren, „erbitterter Widerstand“ (301) zu erwarten. Eines der Probleme sind die Fragen der geistigen Eigentumsrechte: Da diese derzeit hauptsächlich im globalen Norden, vor allem in den USA, liegen, erfordert das für viele Länder des Südens hohe Lizenzzahlungen. Der „Faschismus der Eliten“ (303) werde in der Entwicklung hin zur permanenten Mangelwirtschaft wahrscheinlich weiter zunehmen. Dagegen führt er Beispiele wie das ‚Rote Wien‘ von 1918 bis 1935 an, wo sich für eine gewisse Zeit ein auf Commons (Gemeineigentum) basiertes Wirtschaften durchsetzen konnte. Im ‚Roten New York‘ startet der sozialistische Bürgermeister Zohran Mamdani gerade ein Programm für eine solidarischere Stadt. Durch „demokratische Planung [sollen] gemeinsam die Commons“ (310) ausgeweitet werden.
Im Nachwort „Die Apokalypse der Niemande“ (316) beschreibt Saito die derzeitigen gesellschaftlichen Umbrüche als eine Art stiller Revolution von oben. Am Beispiel das Internets zeigt er, wie eine Verbindung von Tech-Milliardären mit der Staatsmacht im Stillen die Kontrolle über das ursprünglich ‚freie‘ Internet übernommen haben. Der „Keil der gesellschaftlichen Spaltung“ (317) wurde damit tiefer geschlagen, Kontrolle und Überwachung im digitalen Raum nehmen überhand, mit dem „Technofaschismus“ als Endergebnis.
Nach Einschätzung von Saito befinden wir uns mitten in Klimakollaps und Katastrophe. In seinem „Dunklen Sozialismus“ soll ein Wandel verwirklicht werden, der ein Überleben der Menschheit ermögliche. Er setzt dabei auf eine „langfristige Leitidee“ (319), um die richtigen Entscheidungen treffen und eine „planwirtschaftlichen Ordnung“ etablieren zu können: „Die Zukunft hängt davon ab, ob wir eine demokratische Planung Realität werden lassen können oder nicht“ (321).
Wie bei allen derartigen utopischen Ausführungen bleibt jedoch die Frage: Wer hängt der Katze die Schelle um? Oder, anders ausgedrückt: Die Menschheit als revolutionäres Subjekt (abzüglich einer Handvoll Multimilliardäre und Politiker, die sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen von je einem kleinen Teil der Erdbevölkerung wählen lassen – oder nicht einmal das) bleibt weit hinter allen Erwartungen zurück, die sich legitimerweise an sie stellen ließen, würde sie (die Menschheit) ihre eigenen (un-)verstandenen Interessen mit etwas Verstand, wenn nicht gar ein wenig Vernunft verfolgen. Kohei Saito jedenfalls hat sich gerettet, insofern er einen vernünftig klingenden Vorschlag zur Rettung der Menschheit an eine vermutlich allzu geringe und machtlose Minderheit gerichtet hat.
… we can turn the world around
we can turn the earth‘s revolution …
People have the power!
Patty Smith 1987
Wenn sie‘s bloß wüssten.
Postscriptum: Dies ist eine Rezension eines sehr ernsthaften Buches über ein sehr ernstes Thema. Darüber soll der flotte, leicht ironische Ton in Teilen der Rezension auf keinen Fall hinwegtäuschen. Wirklich wichtige Probleme lassen sich bloß mit Humor ertragen.