Heft 18: Restauration der Philosophie nach 1945

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10. Jahrgang, 1990, 146 Seiten, broschiert

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Philosophie der Restauration: das ist die Philosophie zwischen 1945 und 1950 und in den Jahren unmittelbar danach. Behandelt wird also eine Epoche, die von der bisherigen Philosophie-Geschichtsschreibung schamhaft übergangen wurde. Nicht, weil es darin an Namen oder großen Werken fehlt, sondern weil sie es vornehm vermieden hat, sich in die Niederungen jener Verhältnisse zu begeben, aus denen das philosophische Leben nach dem Zusammenbruch des Faschismus wiedererstanden ist.

Blicken wir auf diese Jahre zurück, so bemerken wir Poppers „„Offene Gesellschaft““ (1945), Adorno und Horkheimers „“Dialektik der Aufklärung““ (1947), Lukács’ „„Der junge Hegel““ (1948) und die Vorarbeiten zur „„Zerstörung der Vernunft““, die ersten Bände von Blochs „“Prinzip Hoffnung““ (1949), Löwiths „„Von Hegel zu Nietzsche““ (dt. 1950) u.a. Blicken wir dagegen mit den Augen der damaligen Zeit, so sehen wir – neben Jaspers und Heidegger – Theodor Litt und Nicolai Hartmann, Eduard Sprenger und Romano Guardini, Erich Rothacker, Arnold Gehlen, O.F.Bollnow u.a. Die Verschiebung der Schwerpunkte läßt sich nicht allein durch das Hervortreten dessen erklären, was über den Tag hinaus Gültigkeit besitzt. Weit mehr resultiert sie aus der kulturellen Hegemonie der „“alten Mächte““, die über die Zeit ihrer politischen Beseitigung hinaus wirksam bleiben und das Neue unterdrücken.

Thematisiert werden nicht nur die Inhalte der Philosophie. Thematisiert werden auch die Philosophen und ihre Biographien, die Entwicklung der Institutionen, in denen Philosophie betrieben wird und die gesellschaftliche Funktion der Philosophie. Entnazifizierung und Neubestallung, Rückkehr der Philosophie aus dem Exil und neue Ausgrenzung, beginnender „Kulturkampf mit dem Sozialismus und weltanschauliche Neuorientierung. Es geht um die Kontinuität und Diskontinuität der Philosophie zwischen dem Ende des Faschismus und dem Beginn des Kalten Krieges, zwischen der Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen und der Gründung der beiden deutschen Staaten, zwischen dem gemeinsamen Antifaschismus der Siegermächte und dem Antikommunismus der Westmächte. Die Vergegenwärtigung der Philosophie der Restauration ist nicht bloß die Vergegenwärtigung einer abgeschlossenen Epoche. Sie ist auch die Vergegenwärtigung der personellen, institutionellen und ideologischen Weichenstellung für die philosophische Entwicklung der Bundesrepublik.

Unangemessen erscheint die Auffassung, die Philosophie der Restauration sei ein „„Wiederanknüpfen an die Philosophie der 20er Jahre und an ältere Traditionen““. Verschwiegen wird dabei, daß Existenzphilosophie, Anthropologie, Phänomenologie und Ontologie als die vier Hauptströmungen der 50er Jahre auch im „Dritten Reich“ ihre Tradition besaßen. Verschwiegen wird auch, daß beim „“Wiederanknüpfen““ an die Philosophie der 20er Jahre bedeutende Richtungen von der Bildfläche verschwunden sind: nicht nur der Neopositivismus und die jüdische Philosophie, sondern auch die gesamte marxistische Philosophie. Unangemessen erscheint auch die Auffassung, die Philosophie der Restauration sei wesentlich ein Neuanfang, ein „„Aufbruch zu neuen Lebensformen und Weltdeutungen““. Zu organisiert und stark sind dafür die personellen und ideellen Kontinuitäten des Faschismus, zu heterogen und schwach die aus dem Exil heimkehrenden Antifaschisten. Beiden Ansätzen liegt der naive wie absichtsvolle Versuch zugrunde, der Philosophie eine über das Loch der „“Schreckensherrschaft““ hinwegexistierende Intergrität zu bescheinigen.

Wollte man die Philosophie der Restauration einer umfassenderen Epo-che der Philosophiegeschichte zuordnen, so böte sich die Epoche von 1933 bis 1968 an. Erst nach 1968, im Zuge der Studentenbewegung, kann von einer Bewältigung der Vergangenheit wirklich die Rede sein. Nicht nur im Hinblick auf das philosophische Begreifen des Faschismus (bis in die Kiesinger- und Lübke-Zeit hinein), sondern auch im Hinblick auf die Aneignung der im Exil entstandenen Philosophie. Erst nach 1968 wurde das aufgearbeitet, wozu in den Jahren nach 1945 der ideologische Abstand, der Wille und auch die philosophische Begrifflichkeit fehlten.

Der einleitende Artikel behandelt das Exil der Philosophie nach 1933 und ihre Rückkehr nach 1945. Ins Zentrum rückt Konrad Lotter die Frage warum der überwiegende Teil der emigrierten Philosophen nicht nach Deutschland zurückgekehrt ist. Er beschreibt den Zustand der Philosophie nach dem Zusammenbruch des Faschismus und untersucht die Rolle, die die aus der Emigration Zurückkehrenden darin gespielt haben.

Am Beispiel der „“Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie““ und der von ihr veranstalteten ersten Kongresse während der Restaurationszeit verfolgt Alex Demirovic die Neu-Organisation der Philosophie in Deutschland: die Verengung der in ihren Anfängen noch gesamtdeut-schen zu einer westdeutschen Gesellschaft, die Abkehr vom Konzept einer offenen, demokratisch-verfaßten und ihre Hinwendung zu einer ständischen, geistes-aristokratischen und die Philosophie „“überwachenden““ Organisation.

Alexander v. Pechmann zieht die Entwicklungslinien des philosophischen Instituts der Universität München zwischen 1945 und 1950 nach, das Ausscheiden und den Verbleib von Nazi-Philosophen, die zaghafte Eingliederung von Emigranten und, als Schwerpunkt, die neuentstehende Hegemonie der katholischen, neuscholastischen Philosophie. Überaus plastisch treten die Zeitumstände zwischen Faschismus und Restauration in dem Gespräch mit Prof. Ernesto Grassi zutage. Jahrgang 1903, erlebte Grassi die Mailänder Universität zur Zeit des Duce ebenso wie die Berliner Universität zur Zeit Hitlers. Er arbeitete in Freiburg mit Heidegger zusammen und hatte ab 1948 den Münchner Lehrstuhl für Geistesge-schichte des Humanismus inne.

Im Gegensatz zu den stark empirisch und dokumentarisch ausgerichteten Artikeln kommen im folgenden exemplarische philosophischen Positionen der damaligen Zeit zu ihrem Recht. Vorgestellt werden Karl Jaspers’ philosophische und politische Entwicklung zwischen 1945 und 1950 (Johan J. Grund), Romano Guardinis Abkehr vom Fortschrittsopti-mismus der Aufklärung (Hajo Bahner), Martin Heideggers „“Kehre““ und Kontinuität (Ignaz Knips), Otto F. Bollnows Versuch, die Existenzphilosophie zu überwinden bzw. zum Vordenker einer „“neuen Geborgenheit““ zu werden (Hartmut Längin) und schließlich Arnold Gehlens konservative Anthropologie und Technikkritik (Roger Behrens).

An ein Kapitel der Nachkriegsphilosophie in der DDR erinnert Hans G. Mittermüller. Anhand der Auseinandersetzung um Hegels Philosophie und ihrer Bedeutung für den Marxismus rollt der Artikel den Streit zwischen den „“Dialektikern““ Bloch, Cornu, Lukács und den „„Stalinisten““ auf, die Hegel zum reaktionären Romantiker abstempeln wollten, auf dessen Erbe man für den Aufbau des Sozialismus verzichten könne.

Das SONDERTHEMA untersucht anläßlich der gegenwärtigen Umwälzungen in Osteuropa und der DDR das Verhältnis von „“Kapitalismus und Sozialismus heute““. Prof. Leo Kofler, der nach seiner Flucht vor dem Faschismus 1945 in die DDR zurückgekehrt und nach Konflikten mit dem Stalinismus bereits Anfang der 50er Jahre in die BRD übergesiedelt ist, analysiert die Entwicklungstendenzen des gegenwärtigen Sozialismus. Auf entschiedene und unzeitgemäße Weise ruft er die Verdiens-te ins Gedächtnis, die der reale Sozialismus trotz seiner Deformationen doch auch unzweifelhaft hat und plädiert für eine sozialistische Demo-kratie jenseits des stalinistischen Diktats, jenseits aber auch des Diktats des Marktes und seiner sozialen Atomisierung, seinen Manchester-Tendenzen und seinem neu-kapitalistischen Yuppietum.

Wie immer wird das Heft durch Rezensionen neuerschienener Bücher, insbesondere zum Thema, und durch Tagungsberichte abgerundet.

Die Redaktion