Heft 25: Philosophie des Mülls

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14. Jahrgang, 1994, 116 Seiten, broschiert

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Zum Thema

Müll als Thema der Philosophie? Statt der hehren „Arbeit am Begriff“ nun die elende „Arbeit im Dreck“? Sic tempora mutantur. Zwischen die Reiche der Freiheit und der Natur wachsen die Berge aus Müll. Die Abfälle unserer Zivilisation vergiften die Erde, verschmutzen das Wasser und verunreinigen die Luft. Der Müll schiebt sich zwischen Mensch und Natur und macht die Zukunftshoffnung auf ihre Versöhnung zum Märchen aus alter Zeit. Kein Mensch weiß, wie die Milliarden Tonnen vorhandenen und künftigen Mülls je zu entsorgen sind.

Mit dem Müll setzt gegenwärtig eine neue Dimension der Ökologie-Diskussion ein. Die ökologische Kritik am bestehenden Wirtschaftssystem begann mit der Erfahrung der Endlichkeit der Natur, d.h. der Endlichkeit des Erdöls und anderer Ressourcen. Es folgte die Wahrnehmung der Zerstörung der Natur, des Waldsterbens, der Strahlenbelastung, des Ozonlochs. Diese beide Richtungen der Kritik überlagerten und ergänzten sich zwar, stellten vor allem aber auch Gegensätze dar. Die eine Richtung ging von den Voraussetzungen, die andere von den Folgen der Produktion aus. Obwohl beide die „Grenzen des Wachstums“ diagnostizierten, wurde im einen Fall das Wirtschaftswachstum als Ausplünderung des Planeten, als Vernichtung endlicher Rohstoffe kritisiert, deren Entstehen Jahrmillionen gedauert hatte, im anderen Fall als Eingriff in die Naturkreisläufe, der den Lebensraum der Pflanzen, Tiere und Menschen zerstört.

Mit dem Müll beginnt eine dritte Richtung der ökologischen Kritik. Neu daran ist nicht nur die zunehmende Überforderung der Gesellschaft und des Staats, mit den Abfällen der Produktion und Komsumtion fertig zu werden. Neu daran ist vor allem, daß sie die beiden anderen Richtungen in sich vereinigt und auf eine neue Stufe hebt. Denn Müll ist beides: er ist aufgebrauchte, vernutzte Natur und zugleich Zerstörung der Natur als Lebenswelt. Verschleiß des natürlichen Reichtums an Rohstoffen und Energie und Verschleiß des natürlichen Lebensraums sind die Kehrseiten desselben wirtschaftlichen Wachstumsprozesses, die in der Zunahme des Mülls ihren sichtbaren Ausdruck haben. Die Potenzierung von Mülls ist zugleich die De-Potenzierung von Natur.

Auch unter ideologischen Gesichtspunkten weist der Müll in eine neue Richtung. Solange dem Wachstum nur durch die Endlichkeit der Natur Grenzen gesetzt schienen, verblieb die Diskussion in den die Moderne kennzeichnenden, anthropozentristischen Bahnen. Die Sorge galt ausschließlich dem Menschen, dessen Wohlergehen und Zukunft durch die Endlichkeit der Ressourcen bedroht schien. Mit der Verlagerung des Schwerpunkts auf die Naturzerstörung (als „Lebenswelt“ oder „Schöpfung“) machte die anthropozentristische zunehmend einer ökozentristischen Perspektive Platz. Die Natur wurde nicht nur als Heimat des Menschen, sondern allen Lebens verstanden, das in ihren vielfältigen Vernetzungen nur einer holistischen Denkweise erschlossen werden konnte.

Für viele war und ist die ökozentristische Perspektive bis heute schlüssig und akzeptabel. Richtig aber ist sie wohl nur als Negation der anthropozentristischen Perspektive. Denn sie setzt dem einen falschen Extrem nur ein anderes entgegen: dem Positivismus der instrumentell-verfügenden Vernunft nur die Metaphysik einer selbsttätigen und selbstzweckhaften Natur. Der Anthropozentrismus ordnete die Natur dem Menschen unter und negierte die Eigenart und Fremdheit der Natur indem er sie dem Menschen assimilierte. Der Ökozentrismus ordnet den Menschen der Natur unter und negiert die Eigenart und Fremdheit des Menschen, indem er ihn in natürliche, „kosmische Kreisläufe“ zu reintegrieren versucht. Wie der Mensch aber Teil der Natur ist, so steht er, indem er arbeitet und seinen Stoffwechsel mit der Natur regelt, der Natur auch gegenüber. Er bewegt sich innerhalb der natürlichen Zirkularität und sprengt diese Zirkularität zugleich. Für diese Zwischenstellung ist der Müll der sinnlich-stoffliche Ausdruck: er stellt den Endpunkt der linearen Produktionsprozesse dar und durchbricht die Zirkularität der Naturprozesse.

Fast ließe der Müll sich als „anthropologische Konstante“ begreifen: der Mensch beginnt sich vom Tier zu unterscheiden, wo er aus der Zirkularität der Natur heraustritt und Müll erzeugt. Aber mit dieser Definition des Menschen als „das Tier, das Müll erzeugt“, ist das Wesen des Menschen nur unzureichend erfaßt. Entscheidend ist die geschichtliche Dimension, in der die Möglichkeit der (quantitativen und qualitativen) Müllproduktion in bestimmten Produktionssystemen aktualisiert wird. Eine neue Qualität entsteht, wo die Zeit, die die Produktionsabfälle benötigen, um durch Verwesung, Verrottung, Zerfall etc. wieder in die natürlichen Kreisläufe einzugehen, im Verhältnis zur Lebensdauer des Menschen unverhältnismäßig lang wird. An dieser Grenze, die mit der Erzeugung von chemischen und atomaren Abfällen überschritten wird, wird Abfall im eigentlichen Sinne zu Müll, zu nicht mehr abbaubaren und wiederverwendbaren Stoffen. Das Müll beginnt, die wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu überlagern.

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In ihren 12 Thesen zur Philosophie des Mülls gehen Wolfgang Habermeyer und Konrad Lotter von einem Begriff des guten Lebens aus, der sich nicht mehr (wie in der Antike) an der sozialen Gemeinschaft der Polis oder (wie in der Neuzeit) an Reichtum und wirtschaftlichem Wachstum, sondern am Frieden des Menschen mit der Natur orientiert. Auf dieser Grundlage wird das Anwachsen des Mülls als Symptom einer gestörten Beziehung des Menschen zur Natur und, darüber hinaus, als Symptom eines mißlingenden Lebens begriffen.

Als Stellungnahme zu diesen Thesen erläutert Wolfgang Herrmann den Sinn und die Bedeutung der religiösen Reinigungsriten, wie sie insbesondere das Alte Testament vorschreibt. Nachdem die Menschen das rechte, religiöse Maß verloren haben, verrennen sie sich, so die Hauptthese, in falsche Extreme. Einerseits produzieren sie immer mehr Schmutz, Gewalt und Müll, andererseits nimmt das Bedürfnis nach Hygiene und Sauberkeit wahnhafte Züge an. Müll und Reinheitswahn werden gleichermaßen als Ausgeburten der Gewalthaltigkeit der herrschenden Rationalität begriffen.

Roger Behrens spannt einen Bogen von der Philosophie des Abfalls zur Philosophie des Mülls. Für Walter Benjamin hat „Abfall“ noch die positive Bedeutung einer Spur. In der Phantasie und in den Händen von Kindern oder Künstlern gewinnt er seinen ursprünglichen Gebrauchswert zurück. Für Adorno hingegen ist alle Kultur nach Auschwitz „Müll“.

Den systematischen Ort des Mülls zwischen menschlicher und natürlicher Reproduktion bestimmt Alexander v. Pechmann. Sein Beitrag zeichnet die Prozesse nach, in denen sich das menschliche Reproduktionssystem vom Naturzyklus abkoppelt und seine eigenen Zyklen erschafft.

Joachim Spangenberg sieht in der „Vermüllung“ der Natur ein Grundprinzip der menschlichen Arbeit, das er physikalisch als Maximierung der Entropie beschreibt. Auf dieser Grundlage entwickelt er Optionen und Perspektiven der „Entmüllung“.

Ferdinand Rotzinger kritisiert die von der gegenwärtigen Umweltpolitik vorgegebene Zielhierarchie von Abfallvermeidung, -verwertung und -entsorgung. Da die Vermeidung dem Prinzip des Wirtschaftswachstums, die Verwertung (weitgehend) den Naturgesetzen widerspricht, bleibt letztlich nur die Entsorgung (Verbrennung, Deponie), die in zunehmendem Maße die Lebensräume einschränkt und die Lebensqualität vermindert.

Karl-Heinz Barth schließlich zeichnet in seinem „Lehrstück grüner Punkt“ die Verdrehung einer ökologischen Idee in ihr direktes Gegenteil nach. Was 1990 als Verordnung über die Vermeidung von Abfällen begonnen hat, entpuppt sich 1993 als profitträchtige Entsorgungsindustrie, die im Interesse ihres eigenen Wachstums einer Ausdehnung von Abfällen in die Hände arbeitet.

Im Rezensionsteil werden Bücher zum Thema und philosophische Neuerscheinungen besprochen. Der Leserbrief von Klaus Weber zu Thea Bauriedls Artikel „Miteinander oder Gegeneinander?“ in Nr.24 schließt das Heft ab.

Die Redaktion