Heft 33: Wagnis Utopie

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19. Jahrgang, 1999, 136 Seiten, broschiert

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„Das Denken des Anderen“ scheint zur Zeit wenig Chancen zu haben. Allzu heftig bläst ihm der Wind entgegen: Das Zeitalter der „großen Erzählungen“ sei unwiderruflich zu Ende, ihr Wahrheitsgehalt habe sich schlicht aufgezehrt. Die utopischen Zukunftsentwürfe einer Gesellschaft jenseits des Kapitalismus sind in den Untergangsstrudel des „realen Sozialismus“ hineingezogen worden, sie haben ihre Glaubwürdigkeit und damit ihre Faszination verloren. Und auch um die beeindruckenden Katastrophenszenarios der Propheten, die die Menschheit auf den Abgrund zurasen sehen und sie zum „Umdenken“ auffordern, ist es stiller geworden, sie haben den Pragmatikern einer (rot-)grünen Öko-Reform Platz gemacht. So scheint der Gedanke an eine andere, bessere Welt sich in eine alt-linke Innerlichkeit zurückgezogen zu haben, wo melancholisch die Erinnerung ans Utopische vormaliger Aufbruchbewegungen bewahrt wird.

Dennoch wachsen der Unmut und die Unzufriedenheit mit dem, was ist, und die öffentliche Kritik wird lauter:  Mit der Globalisierung der Märkte steigen seit der großen Wende nicht nur die Kurse der Aktien und die Ausschüttungen der Dividenden in ungeahnte Höhen, sondern auch das Massenheer der Arbeitslosen, Teilzeit- und Multijobber und Wirtschaftsflüchtlinge gewinnt täglich neue Rekruten. Nicht nur werden jährlich neue Rekorde auf den globalen Schlachtfeldern der Produktion erzielt, sondern auch auf denen der Natur, die durch Stürme, Brände und Überschwemmungen ganze Länder verheert. Noch nie war die freie Marktwirtschaft so alternativlos, und doch bröckelt allenthalben die soziale Kohäsion. Mit der anwachsenden Zahl der Ausgeschlossenen steigen die Kriminalitätsraten in ihren Zentren und die Gewaltpotentiale und die Kriegsbereitschaft an ihren Rändern. Für zu viele wird die politische zur terroristischen Ökonomie.

So scheint die Zeit reif zu sein, über das, was ist, hinaus wieder das, was sein soll und sein kann, zu denken. Utopisches als ein real-mögliches Gegenbild zum Bestehenden zu entwerfen. Doch dazu bedarf es offenbar des Neubeginns, der vorurteilsfrei kritisch-prüfenden Reflexion auf das Obsolete, das Unzureichende, ja Bornierte und Gefährliche der klassischen Utopien: Ist die Kritik nicht im Recht, wenn sie feststellt, daß die klassisch-modernen Zukunftsentwürfe allesamt, von Bacon bis Marx, Marcuse und Bloch, tief im neuzeitlichen Paradigma eines Technizismus verwurzelt waren, der heute, im Rückblick, eher Schauer als Hoffnung weckt; da diese Entwürfe heute also eher das Kritikwürdige repräsentieren, als dessen Überwindung sie sich damals verstanden haben? Implizieren die einst so wirkungsmächtigen Ideen einer gerechten bzw. klassenlosen Gesellschaft von Arbeitenden nicht schon die Vorstellung einer sozial homogenen Arbeitsgemeinschaft, die uns heute nicht mehr als wünschbare Alternative zum bestehenden Gesellschaftssystem erscheinen kann? Und ist nicht auch die Vorstellung einer – noch so demokratischen – Planung der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion als der Alternative zur Anarchie des Marktes ein Hirngespinst, das der Idee einer allumfassenden Vernunft, die alles regiert, entsprungen ist, und die mit Recht der Kritik unterzogen wurde? Diese kritische Prüfung muß wohl als die Bedingung verstanden werden, ohne die eine Rekonstruktion des utopischen Denkens nicht möglich sein wird.

Angesichts dieser tiefen Zäsur nimmt es nicht wunder, wenn heute das Organ der Suche nach dem Anderen nicht das Denken in fertigen Begriffen, sondern die Vorstellungskraft der Phantasie ist, die anders mögliche, zukünftige Lebensformen entwirft, und wenn das Medium, in dem heute die utopischen Diskurse geführt werden, die Literatur ist, in der in der Form des Science-fiction- oder des eskapistischen Sehnsuchtsromans oder auch in provokanten Manifesten das zukünftig Mögliche vorgestellt wird.

Das Heft will einen Einblick über die neuen „utopischen Diskurse“ geben, in die Ausformungen der neuen Art kritischer Selbstreflektion und die Suche nach neuen tragfähigen Zukunftsmodellen. Ganz entscheidend für die neue Qualität dieses Diskurses dürfte die aktive Rolle sein, die die Frauen in ihm spielen. Diese Rolle beschränkt sich nicht nur auf Entwürfe einer zukünftigen Gesellschaftsform aus der Perspektive der Frauen, die Ana Maria Bach in ihrem Beitrag „Utopie, Philosophie und Feminismus“ vorstellt, sondern sie bezieht auch – wie Ina Schabert zeigt – die Besinnung und die Wiedererinnerung der Utopieliteratur von Frauen ein die durch den mainstream der Moderne an den Rand gedrängt und vergessen worden sind.

Burghart Schmidt, langjähriger Mitarbeiter Ernst Blochs und Präsident der Ernst-Bloch-Gesellschaft, befaßt sich in seinem Statement mit der Frage, welche Art des utopischen Denkens in der Tat veraltet ist und welche Ideen, wie aufgefaßt, ihren utopischen Gehalt nicht verloren haben. In Anknüpfung an die Kritische Theorie stellt Roger Behrens „Das Projekt Menschsein“ Schmied-Kowarziks vor, das die theoretische Kritik am Bestehenden mit dem praktisch-utopischen Entwerfen des Menschseins verbindet. Ergänzt werden diese Beiträge durch Rezensionen zu aktuellen Büchern zum Thema.

Unter der neuen Rubrik „Münchner Philosophie“ laden wir hier lehrende oder lebende Philosophen ein, sich und ihre Arbeit vorzustellen. Wir danken Eckhard Keßler, daß er der Einladung als erster nachgekommen ist.

Die Redaktion