Lukas Sparenborg / Darrel Moellendorf (Hg)

Klimaethik. Ein Reader

Tb., 511 Seiten, 30.- €

Berlin 2025 (Suhrkamp-Verlag)

von Fritz Reheis

Klima und Ethik zusammenzudenken, ist eine ausgesprochen anspruchsvolle Aufgabe, weil Subjekt und Objekt sowie die Umstände derjenigen Handlungen, die es ethisch zu beurteilen gilt, schwer zu identifizieren sind. Die Schwierigkeit beginnt schon bei der Benennung des Problems. Handelt es sich um einen Wandel, eine Krise oder eine Katastrophe des Klimas? Wer sind die Verursacher, wer die Betroffenen? Wie weit reichen diese Kollektive räumlich (intra-generationell) und zeitlich (inter-generationell)? Welche sozialen, ökonomischen und politischen Strukturen und Dynamiken müssen bedacht werden, wenn von kollektiven Subjekten und kollektiven Objekten gesprochen wird, deren problematische Praktiken ethisch beurteilt werden sollen? Spielt bei dieser Beurteilung das Wissen der Subjekte über die Konsequenzen und die Vermeidbarkeit ihrer problematischen Praktiken eine Rolle? Welche Vermeidungs- und Anpassungsmaßnahmen sind den verursachenden und betroffenen Kollektiven jeweils zumutbar? Und schließlich: Ist eher ein verantwortungsethischer oder ein deontologischer oder aber ein diskursethischer Ansatz grundsätzlich dazu geeignet, die Komplexität angemessen zu bearbeiten?

Die Herausgeber des Readers, Lukas Sparenborg, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaften, und Darrel Moellendorf, Professor für Internationale Politische Theorie und Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt/Main, haben sich dieser anspruchsvollen Aufgabe gestellt. Der Reader „Klimaethik“ versammelt sowohl bekannte, klassisch gewordene Texte der Sozialethik aus den vergangenen Jahrzehnten (oft noch ohne Bezug auf das Klima) wie auch neuere und bisher wenig bekannte Beiträge speziell zur Klimaethik, wobei ein Großteil der Texte ursprünglich auf Englisch erschienen ist. Hintergrund dieser Auswahl ist die Überzeugung, dass sich Klimagerechtigkeit „am besten im Lichte sorgfältiger Überlegungen und intelligenter Diskussionen über die auf dem Spiel stehenden Werte verwirklichen“ lässt (9 f.).

Die Herausgeber haben die Beiträge in vier Themenblöcke gebündelt. Der erste Block behandelt den „Klimawandel als Gerechtigkeitsproblem“. Der zweite thematisiert den Klimawandel in Bezug auf das „Verhältnis zwischen den Generationen“. Im dritten Block geht es um „individuelle und kollektive Verantwortung“. Der vierte Block schließlich trägt die Überschrift „Klimagerechtigkeit im Kontext globaler Ungerechtigkeiten“. Schaut man sich die Titel der einzelnen Beiträge genauer an, wirkt die Zuordnung zu den Blöcken allerdings bisweilen recht willkürlich. Warum etwa ist der Text aus „Das Prinzip Verantwortung“ von Hans Jonas dem Block mit dem Fokus auf intergenerationelle Verhältnisse zugeordnet und nicht dem über Verantwortung? Gleiches gilt für den Beitrag „Globale Erwärmung in einer ungleichen Welt“ mit dem Untertitel „Ein Fall von Öko-Kolonialismus“, der im Einstiegsblock über den Klimawandel als Gerechtigkeitsproblem zu finden ist, nicht aber in dem Block, der den Klimawandel auf die globalen Ungerechtigkeiten bezieht?

In der Einleitung begründen die Herausgeber ausführlich die Bedeutung des Readers für die aktuellen Diskurse und geben einen Überblick über die vier Blöcke. Die Zusammenfassungen der einzelnen Beiträge sind zwar von schwankender Qualität, führen aber gut in die ziemlich verschachtelten und vor allem voneinander isolierten Diskurse ein, die in der Moralphilosophie, der politischen Philosophie und der politischen Theorie über das Klimathema geführt werden. Mit eigenen Stellungnahmen halten sich die Herausgeber zurück und ermutigen die Leser (Studierende wie Forschende), weitere „Nachforschungen“ zu den Diskursen anzustellen. Am Ende der Einleitung benennen sie einige Themen, die es nicht mehr in den Reader geschafft haben, obwohl sie in den kommenden Jahren noch wichtiger werden dürften: die Finanzierung der Klimapolitik, der Zusammenhang von Klimawandel, Verlust der biologischen Vielfalt und Tierethik sowie die Diskussion über die Ethik des Klimaaktivismus (Ziel-Mittel-Verhältnis, Gehorsam und demokratische Normen).

Ein schweres Versäumnis, so muss an dieser Stelle angemerkt werden, ist freilich die Aussparung des Zusammenhangs von Klimawandel und Kapitalismus. Das Fehlen dieses Themas wird zwar an einer Stelle (15) kurz eingeräumt, taucht aber am Ende in der Liste der in Zukunft noch wichtiger werdenden Themen nicht mehr auf. Das ist gravierend, weil gerade die Frage nach der Zumutbarkeit einer Vermeidungs- und Anpassungspraxis in Bezug auf Klimaveränderungen erst dann ethisch diskutierbar wird, wenn die Zwangslogiken des Kapitalismus vor dem Hintergrund des weithin anerkannten ethischen Prinzips „Sollen impliziert Können“ („ultra posse, nemo obligatur“) berücksichtigt werden. Insgesamt ist der Reader ohne Zweifel eine reichhaltige Fundgrube im bisher noch recht jungen philosophischen Klimadiskurs. Für die Systematisierung dieses Diskurses und die unerlässliche Einbeziehung der politischen Ökonomie gibt es allerdings bessere Alternativen (für letztere etwa: „System Change oder Klimakollaps“ von Franz Garnreiter).

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