Dagmar Herzog

Der neue Faschistische Körper

Tb., 124 Seiten, 18,- €

Berlin 2025 (Wirklichkeit Books)

von Ottmar Mareis

Autoritarismus und Rechtsradikalismus bedrohen aktuell westliche Demokratien. Anlass genug für Dagmar Herzog, zu Beginn ihres Bandes auf zentrale Aspekte des postmodernen Faschismus einzugehen. Sie identifiziert drei Punkte, die sie mit typischen Wahlplakaten der AfD illustriert. Den markantesten Massenappeal kennzeichnet sie als „sexy Rassismus“. Zwar setze die AfD vordergründig auf Familienwerte, aber auf den Plakaten werden verdächtig oft weiße erotisierte Frauen/körper abgebildet. Sie sollen in ihrer übertriebenen Vulnerabilität vor finster dargestellten Migranten, PoC und „dubiosen Ethnien“ „beschützt“ werden. Sogar homosexuelle Paare werden verletzlich porträtiert, mit der angeblichen Selbstauskunft, vor „ausländischen, dunklen, autoritären Muslimen“ geschützt werden zu wollen. Die AfD umwerbe damit eine Wählergruppe, die sie in anderen Plakaten durch die Ästhetisierung der deutschen Normal-Familie, die durch „Genderirrsinn“ und „Homoehe“ bedroht sei, ansonsten verachtet und diskriminiert. Herzog betont, dass die erotisierten Frauen einen sexy Rassismus vermittels bitzelnder Erregung ausstrahlen. Sie erwähnt in diesem Band aber nicht, was Konsens vieler Faschismusanalysen der 70er Jahre war. Dass der „Besitz der Sexualität der Frau“ sowohl bei der AfD als auch besonders bei den Nazis an die „Züchtung“, treffender an den Wahn eines „reinrassigen Volks“, geknüpft ist. Nirgends scheint bei der Analyse des heutigen als auch des NS-Faschismus Wagners Beobachtung aus den „Meistersingern“ angebrachter: Wahn, Wahn, überall Wahn! (und Gier, Gier …!). Herzog zeigt auch ein Bild, auf dem Schaulustige sich auf Marktplätzen vor Schaukästen des NS-Propagandablatts „der Stürmer“ versammeln. Dort wurden erotische blonde Frauen abgebildet, die von Karikaturen jüdischer Männer und Schlangen mit jüdischen Namen bedrängt wurden. Sie spielten mit der Lust am Sex genau so, wie sie die Gefahren für das „Volk“ beschwörten.

Herzog analysiert die Sexualität in der NS-Propaganda als ein foucaultsches Relais, wobei ihre Referenzen auf Foucault wesentlich ausführlicher hätten ausfallen können, um das Sexdispositiv der Nazis noch transparenter zu machen. Denn die NS-Propaganda setzte Sexualität sehr strategisch und, falls nötig, ambivalent ein. Den protestantischen wie katholischen Kirchen gab sie in der Weimarer Republik wahltaktisch zu verstehen, dass sie bei der Machtergreifung traditionelle Familienwerte wie auch die konservative Sexualmoral wiedereinführen werde. Doch schon nach wenigen Jahren äußerten Priester, Pastoren und Kirchenräte ihren Ärger, dass dies nicht der Fall sei. Denn der NS propagierte gleichzeitig den aus der Jugendbewegung und dem Jugendstil kommenden nackten, wilden, schönen, jungen, vor Kraft und Reinheit strotzenden jugendlichen Körper, der mit viel Sexyness und Erotik aufgeladen war. In ihrem Vortrag im NS-Dokumentationszentrum in München (2026) sprach Herzog davon, dass die Weimarer Republik die bis dahin liberalste, experimentierfreudigste Sexualität hervorgebracht hatte, dass der Markt mit Ratgeberliteratur geflutet wurde. Magnus Hirschfeld, Sigmund Freud, Wilhelm Reich und Psychoanalytiker:innen waren während der 1920er Jahre in den unterschiedlichsten Medien en vogue. Die Psychoanalyse mit der daraus abgeleiteten Pädagogik faszinierten als neue populäre Wissenschaften. Eine der wichtigsten Erkenntnisse Herzogs ist jedoch, dass die Nazis diese erregende Body Positivity, mehr noch, diese Erfüllung verheißende Sexualpädagogik eben nicht, wie bisher angenommen, unterdrückt, sondern nach der Machtergreifung für die „arischen Deutschen“ weiter propagiert haben. Entgegen der repressiven Sexualmoral der Kirchen gaben sie sozusagen die Erlaubnis: „Du darfst.“ Herzog argumentiert damit, ohne dies zu thematisieren, gegen Wilhelm Reichs in der Massenpsychologie des Faschismus (1933) vertretene These, der NS basiere auf Sexualunterdrückung und der daraus entstehenden perversen, sadomasochistischen Aggression. Vor allem die Freudomarxisten der 68er Jahre beriefen sich auf Wilhelm Reichs Buch, das darüber hinaus lange den linken Diskurs über die psychoökonomischen Ursachen des Dritten Reichs bestimmte. Herzogs empirische Untersuchungen u. a. über Die Politisierung der Lust (2021) und der neue faschistische Körper (2025) widerlegen diese These, was das Tätervolk betrifft. Denn in ihrer Propaganda gingen die Nazis höchst selektiv vor: Für die Arier wurde zum lustvollen ehelichen und sogar außerehelichen Sex angespornt; der Sex mit Juden wurde jedoch als „schmutzig“, als strafrechtlich verfolgte „Rassenschande“ angeprangert. Alltägliche Ehen, Partnerschaften und Liaisons mit Juden wurden nach der Machtergreifung plötzlich repressiver Diskriminierung, Denunziation und KZ-Haft ausgesetzt. So schrieb sich der NS in den “Volkskörper“ ein. Aus der Opferperspektive hat Wilhelm Reich deshalb durchaus weiter Relevanz.

Die andere dunkle Seite des foucaultschen Relais der gehypten Sexualität, das die AfD und der NS teilen, ist die obsessiv abwertende Beschäftigung mit Behinderung respektive mit Menschen bzw. „Körpern“ mit Behinderung. Dies geht einher mit der propagandistischen Sorge über die angebliche Verminderung der Intelligenz (IQ) des „Volkes“ durch „Behinderte“ bzw. heute durch die Inklusionspädagogik. Sehr erhellend wird hierzu auf die Epoche des Präfaschismus seit Ende des 19. Jahrhunderts eingegangen. 1895 veröffentlichte Alfred Plötz die pseudowissenschaftliche, aber einflussreiche Schrift „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen. Ein Versuch über Rassenhygiene und ihr Verhältnis zu den humanen Idealen, besonders zum Sozialismus“. Sie wurde später zum „Rassenhygiene Programm“ des NS. Zudem thematisiert Herzog die Niederlage im ersten Weltkrieg als kollektive narzisstische Kränkung, die sich über die Weimarer Republik hinaus auswirkte. Besonders in der vom Strafrechtler Karl Binding und einem der renommiertesten Psychiater der Weimarer Republik, Alfred Hoche, herausgegebenen Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (1920). In ihr wurde suggeriert, dass die prekäre Lage Deutschlands mit den „vielen Behinderten“ und „Schwachsinnigen“ korreliere. Herzog hätte diese Schriften noch mehr auf den Mainstream der damaligen politischen Romantik, universitären Biologie und Medizin beziehen können, der sich hauptsächlich mit Erblehre, Eugenik, Rassenkunde und Darwinismus beschäftigte. Allein diese eugenische Begrifflichkeit trägt den Horror schon in sich, den die Nazis später umsetzten. So ließ der damalige NS-Kultusminister in Bayern, Hans Schemm, verlauten, der NS sei angewandte Biologie, und Rudolf Hess sprach vom NS als angewandter Rassenkunde. Schon zum 1.1.1934 trat das sog. „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchs“ in Kraft. Es war die Rechtsgrundlage für das NS-Euthanasieprogramm und die T4-Aktion, denen ca. 350 000 Menschen zum Opfer fielen. Dies bedeutete zudem für mehr als 400 000 Menschen die Zwangssterilisation. Ärzt:innen, Erzieher:innen, Lehrer:innen und Sozialarbeiter:innen waren aufgefordert, Personen zu melden, die unter dieses Gesetz fallen; was sie gegen ihren Berufseid auf verstörend gründliche Weise taten. Solchermaßen schrieb sich der NS in viele Professionen ein. Am Ende stand die Zerstörung Europas, Eurasiens, die Shoa, d.h. ca. 60 Millionen Tote.

Sehr interessant ist auch das Nachwort von Alberto Toscano, der Herzogs Forschungen rekapituliert. Besonders wird hier die faschistische Obsession des schönen, starken, (jugendlichen) Körpers thematisiert. Viele Forschungen über den Faschismus, so Toskano, kommen zu dem Schluss, dass es praktisch unmöglich sei, „die somatischen Praktiken von den symbolischen, allegorischen und metaphorischen Verwendungen des Körpers“ in der NS-Propaganda zu trennen. Sie wollte, dass „all ihre Metaphern verkörpert werden und die Verkörperungen mit den Metaphern korrespondieren, … bis sie deckungsgleich werden“, woraus sich „vielfältige Umschlagpunkte und Verdichtungen zwischen Fantasie und Realität ergeben“. Der Körper wurde zur Projektionsfläche einer ausufernden „semantischen Produktivität“, wodurch die Metaphern des Politischen krass körperlich werden – vom „Staatskörper“ bis zum „Staatsoberhaupt“.

Die Forschungen über den Körper des Führers bilden inzwischen eine eigene Disziplin, die weiterer Explorationen bedarf. Denn im Faschismus wird der Körper sowohl Subjekt als auch Objekt – „von Erfahrungen über Prozesse der Bedeutungskonstitution hinaus oder ihnen unterliegend“. Nach Herzog erreiche „der Faschismus ein körperliches Unbewusstes, das nicht wie eine Sprache strukturiert ist“. So habe der italienische Psychoanalytiker Elvio Fachinelli dies in seiner Auseinandersetzung mit Lacan verdeutlicht. Freud folgend ergänzt er, dass es sich um „die große Macht unbewusster Ideen (handelt), die sich direkt auf den Körper auswirken“ und mit ihm rückgekoppelt sind. Dies weise auf „eine Sprache des Körpers hin, die sich nicht auf das universale System der Sprache reduzieren lässt“. Weiter führt Toscano aus, „man sollte auch von Reagan bis Trump über ein Schema der Identifikation hinausgehen, d.h. Propriozeption – die nonvisuelle Empfindung für die Verformung des Körpers in der Bewegung – einbeziehen, sowie die infralinguistische Faszination“, die der Körper des Führers in der Propaganda unterhalb der eigentlichen Sprachstruktur ausübt. Hier eröffnen sich in der Tat interessante Forschungsdimensionen.

Für all die angerissenen Themen ist das 120 Seiten-Bändchen allerdings zu schmal. Nicht mal angetippt sind in der Rezension die von Herzog angeführte heutige Körperoptimierung, Wellness, Lookmaxing und Fitnesspropaganda, die sie als gefährliche, disziplinäre Formen postmoderner Biopolitik interpretiert. Um all die Punkte themengerecht abzuhandeln, wäre ein Band von wesentlich größerem Umfang oder mehrere Bände nötig gewesen. Nur später im Buch kommt sie auf die schon von Horkheimer thematisierte Problematik zu sprechen, ohne ihn zu erwähnen, dass wer nicht vom Kapitalismus reden will, auch vom Faschismus schweigen müsse. Sie verweist darauf, dass in Verwertungs- und Reproduktionskrisen des Kapitalismus rechte wie konservative Stimmen laut werden, die Überschussbevölkerungen definieren, identifizieren und anprangern. In ihnen finden sich schnell alle, die „dem Staat nur Geld kosten“ respektive im Arbeitsprozess nicht integrierbar sind. Dieses Problem, das doch eigentlich eine große gesellschaftliche Fürsorge- und Sozialstaatskrise ist, wird in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit plus Krisenhaftigkeit des Kapitalismus gerne auf Minderheitsethnien ausgedehnt, die entbehrlich erscheinen. Zur damaligen Zeit waren dies vor allem „Juden“, „Zigeuner“, „Behinderte“, „Homosexuelle“ etc. Heute zählt Herzog, neben lateinamerikanische Migrant:innen in den USA und Migrant:innen generell, auch Palästinenser:innen zur postmodernen „Überschussbevölkerung“, denen je nach politischer Entwicklung „die Auslöschung drohen könnte“.

Nach der Lektüre des Buches wirken die Wahlplakate und Forderungen der AfD noch einmal schockierender. Es ist nun definitiv gewiss, dass wir in einer Zeit des wiederkehrenden Prä/Faschismus leben. Äußerst bedauerlich ist es daher für Deutschlands Universitäten, dass Dagmar Herzog an der City University of New York lehrt. Einmal mehr scheint New York ein Ort zu sein, wo Unmögliches möglich ist. Denn ihre Forschungen wären gerade für Deutschland wichtig. Doch mit Faschismusforschung bekommt man heute dort, wo es am nötigsten wäre, keine universitäre Zulassung. Alle hierfür Verantwortlichen sollten sich an die eigene Nase fassen.

Schreibe einen Kommentar