Michael Hampe

Krise der Aufklärung

Über die Fortsetzbarkeit einer Lebensform

Tb, 208 Seiten, 22,- €

Berlin 2025 (Suhrkamp-Verlag)

von Franco Zotta

Michael Hampe hat ein in mehrfacher Hinsicht eigentümliches Buch geschrieben. Der bis vor kurzem an der ETH Zürich lehrende Philosoph versammelt in „Krise der Aufklärung“ mehrere Aufsätze, an denen er seit 2016 arbeitete, und die zwischen 2018 und 2024 erschienen sind. Laut Verfasser sind sie aber so gut gealtert, dass man sie 2025, wenn auch überarbeitet, noch einmal veröffentlichen kann, obwohl sie in weiten Teilen als philosophische Reflexion zeitgenössischer Entwicklungen im genannten Zeitraum in Politik und Gesellschaft gehalten sind. Diesem interpretatorischen Gestus ist geschuldet, dass der Autor eine große Zahl von Themen aufgreift, die in der Öffentlichkeit seither virulent waren und sind: Bildungskrise, Ukraine-Krieg, Putin, Trump, Klimawandel, KI-Disruption, Elon Musk, Peter Thiel & Co (die Hampe unter dem unmissverständlichen Stichwort „Technofaschismus“ abhandelt), Rechtsextremismus und das globale Erstarken autoritärer Kritiker:innen der liberalen Demokratie – man wird Mühe haben, ein vergleichbar prominentes Thema nicht behandelt zu finden auzf den 208 Seiten, die Hampe vorgelegt hat.

Die Themenfülle korreliert beinahe zwangsläufig mit einem erzählerischen Stil, den man eher selten in philosophischen Texten findet, dafür oft aus feuilletonistischen Beiträgen kennt: Hampe hat erkennbar keine Scheu, einem philosophischen Weltgeist gleich selbst disparateste Themen diagnostisch so zu bündeln, dass wenige Ursachen einen Großteil der erwähnten Weltprobleme mit Erklärungsmustern versehen. Da der Autor sich dabei einer auch ohne großes philosophisches Vorwissen zugänglichen Sprache bedient und anschaulich formulieren kann, liest sich „Krise der Aufklärung“ wie das essayistische Resümee eines vor allem besorgten und warnenden Philosophen, der am Ende seiner akademischen Lehrtätigkeit im Dienste der Aufklärung einem größeren Publikum eloquent darlegen muss, dass und wieso ausgerechnet das Zeitalter der Aufklärung sich am Vorabend einer möglichen globalen Barbarei wiederfindet.

Nun dürfte es selbst Voltaires Candide schwerfallen, angesichts der Fülle an Problemlagen, mit denen Hampes Zeitdiagnose zwangsläufig konfrontiert ist, sich in der besten aller Welten zu wähnen. Die Krisensymptome sind unübersehbar, die mit ihren verknüpften Szenarien, die Hampe dem Lesenden immer wieder klar vor Augen führt, beängstigend. Hampe wähnt die „kultivierte Fortpflanzungsgemeinschaft“ an einem Scheideweg: Wenn sie sich, verstanden als Aufklärung über die Aufklärung, nicht schonungslos konfrontiert mit den zerstörerischen Potenzialen, die diese entfesselte Gemeinschaft mit ihrem „Projekt Moderne“ zugleich groß gemacht und an den Abgrund geführt hat, dann werden die politischen und ökologischen Mega-Krisen in einem globalen Zivilisationsbruch münden.

Das Buch ist folglich durchsetzt mit meist düsteren, oft kapitalismuskritischen Analysen, die kontrastiert werden mit Appellen, sich als Weltgemeinschaft von der exzessiv Ressourcen verbrauchenden Selbstverwirklichungsmetaphysik zu lösen, die die dominierende anthropozentrische Aufklärungserzählung letztlich zum Schaden von Mensch und Natur hervorgebracht hat. Hampe will die hybride Gestalt der großen Aufklärungserzählung dekonstruieren zugunsten einer geläuterten Aufklärungsidee, die, ausgehend von wenigen, bescheidenen Annahmen über das auf Sozialität angelegte und auf eine intakte Natur angewiesene Menschengeschlecht, eine neue Ethik begründet, die inklusiv, empathisch, lösungsorientiert, kooperativ daherkommt und dabei auf starke Wahrheitspostulate und -lehren der Vergangenheit konsequent verzichtet.

Möchte man eine durchgehende Grundmelodie der diversen Aufsätze ausmachen, so ist sie sicherlich das stetig wiederkehrende Angebot Hampes, auf dem Boden eines pragmatischen Philosophieansatzes die Aufklärung anders zu justieren. Was einst Hampes Bruder im Geiste Gianni Vattimo „pensiero debole“, also schwaches Denken, nannte, ist auch für Hampe der Weg aus der konstatierten Krise der Aufklärung: Erst wenn die Menschheit sich von den fragwürdigen Metanarrationen löst, die letztlich der Omnipotenzillusion verhaftet sind, allein starke Geltungs- und Wahrheitsansprüche können das Richtige vom Falschen trennen und menschlichen Kollektiven so klare, weil unbestreitbare moralische Wegweiser an die Hand geben, – erst durch diese Elimination der Anfangsmythen der frühen Aufklärung also könne der Raum geöffnet werden, in dem Subjekte dialogisch und mit Rekurs auf weitgehend geteilte common sense-Bestände Regeln zur Minimierung von Leid und zur Bewahrung der Lebensgrundlagen finden.

Das ist grundsympathisch. Wenig von dem, was Hampe am Zustand der Welt kritisiert, als verantwortliche Ursachen benennt und als erstrebenswerten Gegenentwurf skizziert, stößt beim Rezensenten auf grundsätzliche Ablehnung. Gleichwohl hinterlässt die Generalabrechnung mit der großen Aufklärungserzählung, die Hampe im Kern für vieles Beklagenswerte in der Welt mindestens mittelbar verantwortlich macht, auf Dauer einen schalen Beigeschmack. Weniger deshalb, weil an dieser Erzählung nichts zu kritisieren wäre, sondern weil Hampe zu seinem Gegenentwurf des schwachen Denkens die kritische Distanz vermissen lässt. Man muss sich jedoch nicht sonderlich anstrengen, um im Konzept des schwachen Denkens selbst eine mehr als nur denkbare Ursache für viele Phänomene zu sehen, an denen der Autor sich kritisch abarbeitet. Wer Emanzipationszugewinne vor allem mittels zersetzender Kritik an als fundamentalistisch gegeißelten Motiven der frühen Aufklärung und ihres emphatischen Vernunfts- und Wahrheitsbegriffs zu erzielen sucht, öffnet eben zugleich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit jenen sinistren Gestalten Tür und Tor, deren Weltsicht bereits im Kern inkompatibel war mit jenen großen Vernunfts- und Wahrheitsregimen, die nun als universale Problemursache herhalten müssen.

Die Renaissance des antidemokratischen Autoritarismus oder die Wiedergeburt faschistoider Gesellschaftskonzepte, die genüsslich alternative Fakten produzieren, antiszientistischem Gedankengut frönen und unter Meinungspluralismus primär verstehen, alles wieder sagen und denken zu dürfen, was die große Aufklärungserzählung in den Giftschrank des Unvernünftigen verbannt hatte, ist die Kehrseite einer schwachen Theorie, die ihre Geltungsansprüche primär mit pragmatischen Verweis auf historisch gewachsene Bestände zu begründen sucht, die der Volksmund wohl mit gesundem Menschenverstand umschreiben würde. Nun aber ist die Büchse der Pandora wieder sperrangelweit geöffnet. Die Frage, die auch Hampe nicht beantwortet, wird sein, wie man den Deckel wieder geschlossen bekommt. Ein wenig mehr Verteidigung des robusten Wahrheitsfundamentalismus könnte da durchaus helfen.

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