Michel Foucault

Eine Biographie – erweiterte Neuausgabe

geb., 639 Seiten, 38,- €

Berlin 2026 (Suhrkamp-Verlag)

von Alexander von Pechmann

Foucault, geboren 1926, stammt aus gutbürgerlich-katholischem Haus in der französischen Provinz. Sein Vater war Professor für Anatomie in Poitiers, der für seinen ältesten Sohn das Studium der Medizin vorgesehen hatte. Dem widersetzte sich der Sohn. Foucault war ein fleißiger und guter Schüler, aber er interessierte sich für Literatur und Geschichte und wollte Philosophie studieren, was er dank seiner Mutter schließlich auch konnte. Nach dem Abitur 1943, zur Zeit der deutschen Besatzung, bewarb er sich an der Eliteuniversität École normale superieure (ENS) in Paris, in die er allerdings erst nach dem zweiten Versuch 1946 aufgenommen wurde. Eribon schildert recht ungeschminkt, wie er sich dort als Außenseiter aus der Provinz und mit seiner homosexueller Orientierung im Kreis der Elitestudenten durchsetzte. „Er gerät mit jedermann in Streit, verfeindet sich mit allen und jedem und legt alle Anzeichen einer bemerkenswerten Aggressivität an den Tag, zu der sich überdies eine recht ausgeprägte Megalomanie gesellt“ (58). Er zerfetzt sich im Klassenraum mit einem Rasiermesser die Brust; ein ander Mal verfolgt er nächtens einen Kommilitonen mit dem Dolch in der Hand. 1948 unternimmt er einen Selbstmordversuch, der bestätigt, was man vermutet hatte: dass er „dem Wahnsinn nahe war“ (ebd.). Danach fand er sich in der Psychiatrie bei dem angesehenen Prof. Delay wieder, zu dem ihn sein Vater gebracht hatte. Der Arzt vermutete, dass „diese Störungen von einer sehr schlecht ausgelebten und verarbeiteten Homosexualität“ (59) herrühren. Dennoch – oder deshalb? – bestand Foucault im zweiten Anlauf seine Abschlussprüfungen an der ENS mit Bravour. (Er war allerdings wütend, nicht Erster geworden zu sein!, 79)

Nach dem Studium verweigerte Foucault den damals obligatorischen Eintritt in den staatlichen Schuldienst und bewarb sich 1951 bei der Fondation Thiers, einem Elitepensionat in Paris, das er jedoch wegen seiner ständigen Konflikte mit den Mitstipendiaten schon nach einem Jahr wieder verließ. Auf Betreiben von Louis Althusser und Jules Vuillemin, mit denen er an der ENS Freundschaft geschlossen hatte, wurde Foucault – 26-jährig – Assistent an der Universität Lille, um dort vor allem Psychologie zu lehren. Eribon schildert, wie in dieser Zeit seine intensive Beschäftigung mit der Geschichte des Wahnsinns begann, die dann in die Bücher über „Wahnsinn und Gesellschaft“ (1961) und „Die Geburt der Klinik“ (1963) mündete. Zudem trat er, erneut auf Betreiben Althussers, der KPF, der Partei der Arbeiterklasse, bei, die er jedoch nicht zuletzt seiner Homosexualität wegen, wie Althusser vermutete (108), 1954 wieder verließ, da in ihr die Homosexualität als Laster einer dekadenten Bourgeoisie galt, sodass er sich in dieser Partei niemals hätte wohlfühlen können.

1955 nahm Foucault auf Betreiben des einflussreichen Religions- und Sprachwissenschaftlers Georges Dumézil, den er an der ENS gehört und kennen gelernt hatte, die Stelle eines Französisch-Lektors im schwedischen Uppsala an. Sein Beweggrund, Frankreich zu verlassen, war nicht zuletzt seine Hoffnung, dort, im „Exil“, als Homosexueller ein liberaleres Klima vorzufinden. „Als ich Frankreich verließ,“ schrieb er später, „war die Freiheit, was das persönliche Leben anging, furchtbar eingeschränkt … Zu jener Zeit galt Schweden als ein viel liberaleres Land“ (136). Dies freilich, so Eribon, erwies sich als Trugschluss. Das kalte physische, aber auch soziale Klima machten ihm zu schaffen. Als er feststellen musste, dass sein Werk über „Wahnsinn und Gesellschaft“, an dem er während dieser Zeit intensiv weitergearbeitet hatte, nicht angenommen würde, verließ er 1958 Schweden, das er so wenig einladend empfunden hatte (157). Bald darauf, trat er, erneut durch Vermittlung Dumézils, in Warschau die Stelle des Direktors des Centre français an. Nach kurzer Zeit musste er allerdings Warschau wieder verlassen, weil er ein Verhältnis zu einem jungen Polen hatte, der für den Staatssicherheitsdienst arbeitete.

Aus eigenen Stücken, wie es scheint, ging er daraufhin nach Deutschland, dessen Sprache er schon früh erlernt hatte, um Kant, Hegel, Marx, Nietzsche und Heidegger im Original studieren zu können. Wie Sartre und Raymond Aron vor ihm wollte auch er „ein Jahr in einer großen deutschen Stadt … verbringen“ (163). Foucault wählte Hamburg. Dort ging es wieder darum, das französische Kulturinstitut zu leiten, die eingeladenen Referenten zu empfangen (u.a. Alain Robbe-Grillet, dem er St. Pauli und die Reeperbahn zeigte) sowie an der Universität Vorlesungen im Fachbereich Romanistik zu halten (164). Dort schloss er auch seine Thèse über „Wahnsinn und Gesellschaft“ ab. Als er 1960, erneut auf Betreiben Jules Vuillemins, den Ruf auf einen vakanten Lehrstuhl an der Universität Clermont-Ferrand erhielt, setzte er, wie Eribon ihn zitert, seinem bisherigen Dasein als „Botschafter der französischen Kultur in der Welt“ (166) bzw. seinem „Exil außerhalb Frankreichs ein vorläufiges Ende“ (165). Bis 1966 war Foucault dort erst Lehrbeauftragter, dann Lehrstuhlinhaber im Fachbereich Philosophie bzw. Psychologie, speziell für Psychopathologie (236).

War es bisher vor allem Dumézil gewesen, der den jungen Foucault gefördert hatte, sollte es jetzt Georges Canguilhem werden, den er gleichfalls an der ENS kennen gelernt hatte. Er war mit seiner Kritik an der Subjektphilosophie der Existentialisten und Phänomenologen zum „Vorläufer des Strukturalismus“ (186) geworden, und unternahm es nun, als Dekan das (positive) Gutachten der von Foucault verfassten Thèse zu erstellen. Im Herbst 1962 wurde das fast 1000-seitiges Werk schließlich von der Universität angenommen, und Foucault erhielt die Medaille des CNRS für das beste Werk im Fach Philosophie (207).

Überblickt man Eribons Schilderung von Foucaults Werdegang bis zum Jahr 1966, so war er offenbar ein gewiss hervorragender und fleißiger Gelehrter, aber auch ein eigenartiger Intellektueller mit reichlich spleenigen „Dandy“-Marotten, der auf dem Weg war, sich vor allem auf dem Gebiet der Psychologie und Psychiatrie in der akademischen Welt einen Namen zu machen. Zwar habe er häufig über Politik gesprochen, habe aber – bis auf jene kurze Phase in der KPF – weder einer Partei angehört noch sei er ein politisches Engagement eingegangen. „Seine früheren Kollegen“, fasst Eribon zusammen, „sind sich im Allgemeinen darin einig, ihn ‚eher links’ einzuordnen, obwohl diese Zuschreibung durchaus nicht einstimmig erfolgt“ (239). Der Staat als Monopolist der Gewalt war für ihn kein Thema.

Allerdings schien eine Art Politisierung einzusetzen, als er – durch Vermittlung des ehemaligen Botschafters in Warschau, Ètienne Burin des Roziers – sich für die Reform des Universitätswesens einzusetzen begann. Dies geschah zu der Zeit, 1965, als das Universitätswesen und dessen Reform zu einem Politikum ersten Ranges werden sollte, und „die Universität ins Leuchtfeuer der Aktualität“ (242) rückte. Seine Ernennung zum stellvertretenden Direktor des Universitätswesens im Erziehungsministerium scheiterte jedoch: „‚Stellen Sie sich einen Leiter des Universitätswesens vor, der homosexuell ist’, entrüsteten sich die Verächter Foucaults, die nicht zögern, sein polnisches Missgeschick in Erinnerung zu rufen“ (241). Dennoch nahm er an der vom Erziehungsminister eingerichteten Kommission zum höheren Bildungswesen teil. Er bereicherte die Kommission mit dem Vorschlag einer Abschaffung jener Tortur der Thèse principal, der sich selbst hatte unterziehen müssen, als einer solchen Anstrengung, „dass der Autor für den Rest seiner Tage erschöpft ist“ (244), sowie mit einem detaillierten Plan der Philosophielehre am Gymnasium und der Universität.

Bei allem hochschulpolitischen Engagement war (und blieb) Foucault heftiger Antikommunist. „Seit er die Kommunistische Partei verlassen und seit er in Polen gelebt hat, hat Foucault einen wilden Hass auf alles entwickelt, was auch nur, von fern oder nah, an den Kommunismus erinnert“ (246). So etwa hatte sich noch in Clermont-Ferrand der Philosoph Roger Garaudy, Mitglied des Politbüros der KPF, der auf Betreiben des Premierministers Pompidou Lehrstuhlinhaber in Philosophie geworden war, „der unversöhnlichen Feindschaft Foucaults zu erwehren“ (246). Foucault stritt Garaudy ab, ein Philosoph zu sein, und skandalisierte kleinlich jeden Fehler und jedes Missgeschick, das ihm unterlief. Foucault hatte, wie Eribon es deutet, offenbar noch eine alte Rechnung zu begleichen, da Garaudy damals schon großen Einfluss in der KPF hatte, während Foucault nur passiv eine Zeit lang „der Eintrittswelle in die Kommunistische Partei gehuldigt hatte“ (247).

Nach dem großen Erfolg seines Buches „Die Ordnung der Dinge“ im Jahre 1966 hielt es Foucault in Clermont-Ferrand nicht mehr aus. Doch, fragt Eribon, warum unternahm er nicht Anstrengungen, nach Paris zu gehen, dem geistigen Zentrum Frankreichs, sondern nahm, gerade zum Zeitpunkt seines beginnenden Ruhms, eine Stelle in Tunis an? Denn „dieses neue und freigewählte Exil [fällt] wieder eher in den Bereich einer Wartestellung. Was er will, ist ein Posten in Paris“ (302). Noch dazu, wo sich bald zeigte, dass in Tunis seine feindselige Ablehnung des Marxismus die Studenten in Verwirrung brachte, die ihn umso bereitwilliger „rechts“ einordneten. Er galt ihnen als „Vertreter der gaullistischen Technokratie“, als „zu westlich, um Tunesien verstehen zu können“ (304).

Als es dann auch in Tunis 1968 zu Unruhen und Ausschreitungen kam, zeigte sich Foucault höchst erschüttert vom Antisemitismus der Randalierer und fragte sich, „aufgrund welcher List (oder Dummheit) der Geschichte der Marxismus für all das Anlass (und Vokabular) geliefert hat“ (311). Gott sei Dank, so muss man Foucault verstehen, war die Reaktion der Regierung – anders als im „Mai 1968“ in Frankreich – „rasch, streng – allem Anschein nach auch aufrichtig“ (311). Als dann im März 1969 jedoch die Proteste an der Universität angesichts des Besuchs des amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey in Tunesien erneut aufflammten und die Staatsmacht mit großer Härte reagierte, schloss sich Foucault überraschend nicht nur dem Lehrkörper an, der gegen die Verhaftungen und Folterungen der Staatsmacht protestierte. Er gewährte auch Studenten, die den Polizeirazzien entgangen waren, Unterschlupf; ließ in seinem Garten Flugblätter herstellen und versteckte dort die Kopiergeräte der Studenten. Hartnäckig, aber vergeblich trat er vor Gericht als Zeuge zugunsten der Studenten auf und wurde einmal sogar von einem tunesischen Polizisten zusammengeschlagen. Doch da er französischer Staatsbürger und sein Prestige zu groß war, blieb er offiziell unbehelligt (312 f.).

„Eines ist sicher,“ schreibt Eribon zu diesem Gesinnungswandel, „Foucault haben diese Ereignisse heftig aufgewühlt (313). „Ich war tief beeindruckt von diesen Mädchen und Jungen“, erklärte Foucault später, „die sich erheblichen Risiken aussetzten, wenn sie ein Flugblatt verfassten, es verteilten oder zum Streik aufriefen. Das war für mich eine wirkliche politische Erfahrung.“ Von all den bisherigen negativen Erfahrungen mit der KPF oder mit den Kliniken und psychiatrischen Anstalten „war mir eine etwas bittere politische Grundeinstellung geblieben, ein sehr spekulativer Skeptizismus … Dort, in Tunesien, sah ich mich veranlasst, den Studenten konkrete Hilfe zu leisten … Ich musste auf irgendeine Weise in die politische Auseinandersetzung eintreten“ (314).

Dennoch wollte Foucault weg von Tunis und – was er schon immer anstrebte – nach Paris. Er hatte während dieser Zeit intensiv an seinem neuen Buch „L’Archéologie du savoir“ gearbeitet, das er fertig gestellt hatte, als er Tunis Anfang 1969 verließ. Nach langen Überlegungen und Verhandlungen entschloss er sich schließlich, sich an der neu zu errichtenden Reformuniversität von Vincennes zu bewerben, die von der politischen Rechten einhellig als „linksradikale Versammlung“ (324), als „rote Bastion“ (325) denunziert wurde. Dem Komitee, das die Universität und den Lehrkörper organisieren sollte, gehörten unter anderen Michel Serres, Jean-Pierre Venant, Georges Canguilhem, Emanuel Roy Ladurie, Roland Barthes und Jacques Derrida an (323). Auf Betreiben Canguilhems fiel die Wahl auf den 43-jährigen Foucault, der den Fachbereich Philosophie organisieren sollte. Er kooptierte dafür seinerseits unter anderen Judith Miller, die Tochter Jacques Lacans, Francois Regnault, Étienne Balibar sowie Francois Châtelet und war, wie Eribon es deutet, bemüht, im Fachbereich Philosophie einen gewissen Ausgleich von Maoisten, Trotzkisten und orthodoxen Marxisten zu schaffen.

Als Anfang 1969 dann die Universität ihre Pforten öffnete, fanden allerdings statt Seminaren und Vorlesungen Fakultätsbesetzungen und Straßenschlachten mit der Polizei statt, wurden Tische, Stühle und Schränke zu Barrikaden ‚umfunktioniert’. Auch Foucault wurde verhaftet und erst am frühen Morgen wieder freigelassen. Am 10. Februar 1970 fand in der Universität ein großes Meeting statt, um gegen die Polizeimaßnahmen zu protestieren, auf dem neben Jean-Paul Sartre auch Michel Foucault sprach und die Maßnahmen als „berechnete Repression“ brandmarkte (331). Vercennes verfiel „in den Rhythmus von Vollversammlungen, Demonstrationen, Zusammenstößen mit der Polizei, Feldschlachten zwischen Kommunisten und extremen Linken und Grabenkämpfen zwischen linken Sekten“ (331). Zudem galt der Fachbereich Philosophie, den Foucault zu verantworten hatte, als die „Speerspitze dieser permanenten Unruhen“ (335), wobei er sich, wie Eribon berichtet, „mitunter mit Herzenslust an den verschiedensten Demonstrationen beteiligt, die sie Tag für Tag anzettelt“ (335). Trotz des Chaos setzte sich Foucault für seinen Fachbereich ein und verwies öffentlich auf die „Falle“, die die Obrigkeiten dem Fachbereich gestellt haben, „indem sie ihm vollste Freiheit zusicherten und sie unterdrückten, sobald er sie auch nutzen wollte“ (334). Bald jedoch ermüdeten ihn die permanenten und fruchtlosen Unruhen. „Ich hatte genug davon, ständig von Halbverrückten umgeben zu sein“ (336), schrieb er später.

Aus den zwei Jahren in Vercennes ging jedoch, so Eribon, ein ganz anderer Foucault hervor. „In weiter Ferne liegt der Akademiker, der an ministeriellen Kommissionen partizipierte … aus der Retorte von Vincennes steigt der engagierte Philosoph, der an allen Fronten eingreift, an der des Handelns wie an der des Denkens“ (337). Er habe jetzt auch Abschied von seinen trockenen ‚strukturalistischen’ Werken wie „Die Ordnung der Dinge“ genommen, interessant hingegen seien für ihn jetzt Bücher geworden, „aus denen eine gewisse ‚Leidenschaft’ spricht, das heißt, die von Wahnsinn, Verbrechen und Sexualität handeln“ (339).

Am 2. Dezember 1970 hielt Foucault dann seine Inauguralvorlesung am Collège de France, dem „Allerheiligste(n) des französischen Universitätswesens“ (342). Nach den jahrelangen Bemühungen seiner Förderer Jean Hyppolite, Dumézil, Vuillemin und Fernand Braudel erhielt er den für ihn geschaffenen Lehrstuhl für die „Geschichte der Denksysteme“. In deren Zentrum, so skizziert Foucault sein Lehrvorhaben, stehe die Untersuchung der Verbindung und Durchdringung „zwischen den bestehenden Wissenschaften (deren Geschichte so häufig verfasst wird) und der öffentlichen Meinung (die die Historiker zu bearbeiten wissen)“ (349), für die er dann die Begriffe des „Diskurses“ bzw. der „Episteme“ gebrauchen wird.

Statt sich jedoch akademisch auf die Ausarbeitung dieser Geschichte zu konzentrieren, gründete Foucault zwei Monate nach seinem Antritt, am 2. Februar 1971, die „Groupe d’information sur les prisons (GIP), die ein von ihm erarbeitetes Pamphlet mit dem Titel „Intolerable“, herausgab. Dort heißt es:

„Unerträglich sind:

die Gerichte, die Bullen,

die Krankenhäuser, die Narrentürme, die Schule,

der Militärdienst,

die Presse, das Fernsehen, der Staat.“ (359).

„Man behandelt die Inhaftierten wie Hunde. Die wenigen Rechte, die sie haben, werden nicht respektiert. Wir wollen diesen Skandal in die Öffentlichkeit tragen“ (364).

Nicht zuletzt unter seinem Einfluss wollte die Gruppe weder als „Stellvertreter“ noch als „Sprachrohr“ der Gefangenen dienen, sondern vielmehr den öffentlichen Raum schaffen, um das „Unerträgliche“ von den Gefangenen selbst zur Sprache zu bringen: „An ihnen ist es, den Kampf in die Hände zu nehmen, der die Unterdrückung hindern soll, sich auszubreiten“ (366). Die GIP, kommentiert Eribon, „das ist zu Beginn der 70er Jahre Michel Foucaults Hauptanliegen“ (368). Nicht nur der französische Justizminister prangerte die Aktionen der Gruppe als eine „gefährliche Agitation“ an, auch Kommunisten verlangten, „den Umtrieben dieses ‚Spitzbubensyndikats’ ein Ende zu machen“ (371). Trotz mancher Erfolge in der Öffentlichkeitsarbeit beklagte Foucault jedoch bald das Scheitern der Bewegung. „Michel“, erklärte Gilles Deleuze später, „hatte das Gefühl, dass alles zu nichts geführt hat“ (375). Und dennoch erschien 1975 als Folge dieses Engagements eines seiner wichtigsten Bücher: „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“, in dem er der humanwissenschaftlich basierten Technologie der Macht nachgeht, die sich auf den Körper erstreckt, um ihn zu unterwerfen und zu beherrschen.

In den 70er Jahren gab es offenbar zwei Foucaults. Zum einen nahm er seine Rolle als Gelehrter und Professor sehr ernst. Er hielt seine gewissenhaft ausgearbeiteten Vorlesungen zur „Geschichte der Denksysteme“ vor großem Publikum und wirkte konstruktiv in den Gremien mit. Zum anderen aber war er der öffentliche Intellektuelle der Demonstrationen und der Agitation, der sich vielfältig gegen alles „Unerträgliche“ engagierte. 1975 schloss er sich dem von Yves Montand, Costa-Gavras, Claude Mauriac, Régis Debray und Katharina von Bülow initiierten Protest gegen die Exekution von elf Frauen und Männern durch die franquistische Diktatur an, verfasste die Erklärung der Gruppe und reiste nach Madrid, wo der „ungebärdige Philosoph“ (428) mit dem Polizisten als Vertreter der Staatsmacht zusammenstieß. Er nahm 1977 an den Aktionen gegen die Auslieferung von Klaus Croissant, dem Anwalt der Baader-Meinhof-Gruppe, an den westdeutschen Staat teil.

Will man hier eine Klammer zwischen beiden Foucaults, dem Gelehrten und dem Agitator, sehen, so war es offenbar seine feste Überzeugung, dass sich aller sinnvolle und erfolgreiche Widerstand und Protest allemal auf das gewissenhafte Studium der Tatsachen gründen müsse. „Die Herstellung von Verbindungen zwischen Denkbewegungen, der Analyse von Institutionen und der Problematisierung des persönlichen, individuellen Alltagslebens“, zitiert ihn Eribon, „verleiht jener Bewegung Kraft, die dafür sorgt, dass die Ideen, die Institutionen und das Bild, das man sich von sich selbst und anderen hat, sich verändert“ (481).

Am 8. September 1978, dem „Schwarzen Freitag“, richtete die Armee des persischen Schahs in Teheran ein Blutbad an. „Nahezu viertausend Tote waren der Preis“ (455). Im Auftrag der italienischen Zeitung Corriere della sera, für die Foucault eine Reihe von Beiträgen geschrieben hatte, flog er nach Teheran, um über die Unruhen zu berichten. Er gewann den Eindruck, dass der Massenprotest gegen das Schah-Regime nicht als rückwärts gewandter Protest gegen die Modernisierung zu verstehen sei, wie ihn die Vertreter der Moderne interpretierten. „Alt ist hier im Iran vor allem der Schah … er träumt den überholten Traum, sein Land durch Säkularisierung und Industrialisierung zu öffnen. Archaisch ist heute sein Modernisierungsprojekt, seine waffenstarrende Despotie, sein korruptes System. Archaisch ist dieses Regime“ (460). Im Iran sprach Foucault mit zahllosen Leuten, mit Führern der Opposition, mit Mullahs und Ayatollahs, mit Studenten und Passanten und stellte immer die selbe Frage: „Was wollt ihr?“ Und er erhielt die immergleiche Antwort: „Eine islamische Regierung“ (460). Ist, so fragte sich Foucault, dieser Wille zum islamischen Staat „als Versöhnung anzusehen oder als Widerspruch oder als Schwelle zu etwas Neuem?“ (461). Diesen gemeinsamen und unbedingten Willen, den er überall erfuhr, deutete er als etwas, was „bei uns seit der Renaissance und den großen Krisen des Christentums in Vergessenheit geraten ist, das Ziel einer politischen Spiritualität nämlich“ (461). Zurück in Paris schien Foucault „geradezu darauf (zu) brenn(en), die Persönlichkeit des Ayatollah Chomeni zu sehen, „deren bloßer Name bereits Millionen von Menschen in Bewegung setzt und die sich durch nichts aufhalten lassen, nicht einmal durch die Maschinengewehre einer Diktatur“ (462). Er erkenne darin „die Kraft eines mystischen Stroms“, der zwischen diesem alten, im Exil lebenden Mann und seinem Volk fließt, „das nach ihm ruft.“ (463). Vielleicht, spekuliert Foucault, ist diese Bewegung „die erste große Erhebung gegen die weltumspannenden Systeme, die modernste und irrsinnigste Form der Revolte“ (464). Ob sich diese Revolte aus dem „Geist des Islam“ zum Guten oder Schlechten wendet – Foucault war offenbar fasziniert von der Kraft dieses „mystischen Stroms“. Als Folge dieser Erfahrung, erzählt Bani Sadr, der erste Präsident der islamischen Republik, später, beschloss Foucault, „über den Begriff der Macht nachzudenken“ (464).

Nach dem Staatsstreich in Polen 1981 verfasste Foucault gemeinsam mit Pierre Bourdieu einen Aufruf an die neue linke Regierung unter Mitterand, im Sinne der Menschenrechte Stellung zum Verbot der Solidarnosc durch den polnischen General Jaruzelski zu nehmen, der in Frankreich eine ungeheure Wirkung haben sollte, die Regierung mit Beteiligung der KPF in große Verlegenheit stürzte und die „Einheit der Linken“ (489) an den Rand des Zusammenbruchs brachte. Er fuhr auf den Spuren seiner Vergangenheit nach Warschau, um dort Lech Walesa – vergeblich – im Gefängnis zu besuchen. Dieses Engagement für die „große Sonne der polnischen Freiheit“ (497) wurde allerdings, so Eribon im Rückblick, „die letzte Betätigung Michel Foucaults“ (496) auf dem Feld der Politik.

In den letzten Jahren machten sich bei Foucault eher Skeptizismus und Resignation breit. Er vermisste zunehmend die intensiven Debatten, das Ringen um Wahrheit und beklagte den Niedergang der „kritischen Funktion“ (477): „Der Meinungsaustausch, die Diskussionen und eventuell sogar die recht lebhafte Auseinandersetzung in Bezug auf unterschiedliche Ideen haben keinen Ort mehr, an dem sie sich zum Ausdruck bringen können“ (478 f.). Die Zeitschriften seien nicht mehr dieser Ort; sie seien entweder sektiererisch oder zu „Stützpunkten eines faden Eklektizismus“ (478) geworden. Und auch die Universitäten sah er auf dem „Rückzug“ (479) zu sich selbst.

In dieser Zeit wurden die USA zum Schwerpunkt seines Lebens. Dort hielt er viele Vorträge über allerlei Themen, hatte aber einen schweren Stand, weil seine Philosophenkollegen wie auch die Presse seine „opaken“ Theorien als „frag fog“, als „Nebel von Frosch-Essern“ (513) bespöttelten, Konservative ihm seine radikalen Positionen zum Vorwurf machten und ihm „die – sehr zahlreichen – Marxisten den verzweifelten ‚Nihilismus’“ (512) zuschrieben. Und dennoch musste alle Welt zur Kenntnis nehmen, dass der Name ‚Foucault‘ mittlerweile ganze Studentenmassen in die Hörsäle von Stanford, Berkeley und selbst von Burlington in den Wäldern Vermonts lockte (512). Zudem nutzte er die von ihm hoch gelobten amerikanischen Bibliotheken, um seine letzten Werke über den „Gebrauch der Lüste“ und die „Sorge um sich“ fertigzustellen.

„Die Vereinigten Staaten“, so Eribon, „– für Michel Foucault ist das die Lust an der Arbeit. Aber es ist auch die Lust schlechthin.“ Er genoss die Freiheit in New York und San Francisco mit ihren vitalen Homosexuellenvierteln. Diese „Möglichkeit, unseren Körper als mögliche Quelle für eine Mannigfaltigkeit von Lüsten zu gebrauchen,“ schrieb er, „ist etwas sehr Wichtiges“. Rückhaltlos gab er sich der SM-Sexualität hin (516). „Seit Beginn der achtziger Jahre“, beschreibt Eribon diese Lebensphase, „versucht er ganz ernsthaft, Frankreich und Paris hinter sich zu lassen, die er zunehmend schwerer erträglich findet, und sich in den Vereinigten Staaten einzurichten … Sonnenüberflutet, wunderbar.“ (519) Er trug sich mit dem Gedanken, das Collège de France zu verlassen, und sagte, wie Pierre Bordieu berichtet, dass er am Beginn des Jahres 1984 mit Sicherheit „meine Vorlesung nicht wiederaufnehmen“ (530) werde.

Am 2. Juni 1984 wurde Foucault in seiner Pariser Wohnung ohnmächtig und ins Krankenhaus gebracht. Er starb am 25. Juni an der neuen Krankheit AIDS. Auf Wunsch seiner Mutter, Madame Foucault, wurde er kirchlich auf dem Friedhof von Vondeuvre bestattet.

Wie anfangs gesagt, gelingt es Eribon in seiner Biographie vorzüglich, Foucaults geistige Arbeit, wie sie sich in seinen Texten über den Wahnsinn, die Macht und dann die Sexualität niedergeschlagen hat, mit seinem persönlichen Erfahren und Erleben zu verbinden. Folgt man der Biographie, so war es offenbar gerade diese Verbindung bzw. Spannung zwischen Foucaults impulsiver, zerrissener und grenzüberschreitender Persönlichkeit und der gründlichen und umsichtigen Gelehrsamkeit, die seine Werke kennzeichnen, die Foucault zu einem der kreativsten Denker des 20. Jahrhunderts gemacht hat.

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