Wie kapitalistische Herrschaft die lebendige Natur ruiniert

Ulrich Ruschig

Wie kapitalistische Herrschaft die lebendige Natur ruiniert

Artensterben, Massentierhaltung und die Vergiftung der Welt

br., 171 Seiten, 20,- €

Köln 2025 (PapyRossa-Verlag)

von Marija Bogeljic-Petersen

Ein Menetekel ist ein warnendes Zeichen, das auf einen drohenden Niedergang oder eine heraufziehende Katastrophe verweist. Der Begriff stammt aus dem Buch Daniel, in dem eine geheimnisvolle Schrift an der Wand dem babylonischen König Belsazar das Ende seiner Herrschaft ankündigt. Daniel deutet diese Schrift als Urteil: Der König sei „gewogen und zu leicht befunden worden“, sein Handeln halte dem Maßstab der Gerechtigkeit nicht stand, seine Macht erweise sich als innerlich hohl und nicht länger legitim. Noch in derselben Nacht kommt der König ums Leben. Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet ein Menetekel daher ein unübersehbares Warnsignal für eine bereits einsetzende Krise, für einen Zustand, der seinen Geltungsanspruch verloren hat und seinem Ende entgegengeht.

Für Ulrich Ruschig, Biochemiker und Philosoph der Kritischen Theorie sowie ausgewiesener Kenner von Marx und Hegel, zudem Autor von Die Befreiung der Natur, das im Widerspruch,Nr. 71 von Georg Koch rezensiert wurde, sind das globale Artensterben und die industrialisierte Massentierhaltung genau solche Menetekel. Beide Phänomene, so Ruschig, weisen auf ein unermessliches, bislang beispielloses Unheil hin, nämlich auf den möglichen Kollaps des Lebens auf der Erde selbst. Im ersten Teil seines Buches untersucht er daher den Zusammenhang zwischen der Herrschaft des Kapitals über die lebendige Natur und dem drohenden Zusammenbruch der Biosphäre. Dass dieses Thema in der öffentlichen Wahrnehmung kaum mehr als eine Randnotiz des kulturindustriellen Infotainments bildet, sei bereits ein Hinweis auf seine verdrängte Dringlichkeit. Ob das Leben auf diesem Planeten eine Zukunft hat, hänge davon ab, ob diese Menetekel gelesen würden – und ob sie rechtzeitig gelesen würden. Rätselhaft erschienen sie lediglich jenen, die sich weigerten, den inneren Zusammenhang von Artensterben, Massentierhaltung und kapitalistischer Produktionsweise anzuerkennen. Wer sie jedoch wie Daniel zu deuten vermöge, höre ihre unmissverständliche Botschaft: „Oh Kapital, gezählt sind die Tage Deines Zugreifens auf die lebendige Natur, Du wurdest gewogen und zu leicht befunden! Das Leben auf dem Planeten, wenn deine Herrschaft einfach weiter ihre Wirkungen entfaltet, ist dem Untergang geweiht“ (15, 85).

Der gegenwärtige Zeitgeist, so Ruschig, neigt dazu, die Dramatik des Artensterbens zu relativieren, indem er dessen Ursachen nicht in den gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern im „Menschen an sich“ oder in der Zivilisation überhaupt verortet. Auf diese Weise werde eine historisch bestimmte Katastrophe, die unübersehbar mit dem Durchbruch der kapitalistischen Produktionsweise zusammenhängt, in eine ahistorische Abstraktion aufgelöst. Die Benennung des Menschen als Ursache verdecke die gesellschaftlichen Zwänge, unter denen menschliches Handeln stattfindet, und lässt den Prozess der Vernichtung lebendiger Natur als unvermeidlich erscheinen. Ruschig widerspricht dieser Deutung, indem er die Ursachen des Artensterbens in der Struktur der kapitalistischen Gesellschaft selbst verortet.

Im Rückgriff auf Marx’ Begriffe der reellen Subsumtion und des prozessierenden Widerspruchs entwickelt er in den ersten Kapiteln des Werks eine Analogie zwischen der Unterwerfung der lebendigen Arbeit und der Unterwerfung der lebendigen Natur unter das Kapital. Lebewesen werden in diesem Zusammenhang, je nach dem, zu (Un)Nutztieren, zu Waren, das heißt zu Trägern von Gebrauchswert und Tauschwert, und damit zu bloßen Mitteln der Verwertung. Sie werden in den Kreislauf des Kapitals integriert und seiner Bewegung unterworfen. Als reelle Subsumtion der lebendigen Natur bezeichnet Ruschig jene Umformung der evolutionären also natürlichen Art-Formen, die aus dieser Unterwerfung resultiert. Die maßlose Dynamik der Wertvermehrung trifft hier auf die begrenzten, artspezifischen Zweckmäßigkeiten der Lebewesen. Zum prozessierenden Widerspruch wird diese Kollision dort, wo Lebewesen als Warenkapital selbst zu Momenten der kapitalistischen Bewegung werden (48).

Mit dem Bruch im gesellschaftlichen Verhältnis zur lebendigen Arbeit sei, so Ruschig, zugleich ein Bruch im Verhältnis zur lebendigen Natur gesetzt. Die abstrakte Logik der Wertvermehrung mache notwendig auch Lebewesen zu ihren Mitteln und kollidiere damit mit deren konkreter, ansichseiender Zweckmäßigkeit, also ihren spezifischen Art-Formen. Hält dieser Zugriff an, würden diese eidetischen Formen deformiert und zerstört; Einmaliges gehe unwiederbringlich verloren. Das von Ruschig sogenannte „eidetische Moment der Arten“ bestimme objektiv, was eine Art ihrem Wesen nach ist. Zugleich sei es kein metaphysisches Formprinzip im aristotelischen Sinn, sondern ein Moment des Subjektiven innerhalb der objektiven Natur. Dieses Moment sei weder naturwissenschaftlich erfassbar noch notwendig mit Selbstbewusstsein verbunden, sondern Ausdruck einer inneren Zweckmäßigkeit, die nur begrifflich bestimmbar sei. Erkennbar werde diese Zweckmäßigkeit erst durch die Reflexion von Freiheitssubjekten, die zwischen dem Wesentlichen einer Art und ihrer bloßen instrumentellen Nutzung unterscheiden können. Erst auf dieser Grundlage sei die Rede von der Beherrschung der lebendigen Natur sinnvoll, denn Herrschaft setze kein Selbstbewusstsein voraus, wohl aber ein eigenes Zweckmoment im Beherrschten.

Die kapitalistische Produktionsweise sichere ihre Herrschaft, indem sie dieses subjektive Moment der Lebewesen bricht und dem abstrakten Zweck der Verwertung unterordnet. Die reelle Subsumtion der Lebewesen unter das Kapital bedeute, dass ihre Art-Formen unmittelbar oder vermittelt in den Prozess der Wertverwertung gezwungen werden. Diese Kollision abstrakter Wertlogik mit konkreter Lebensform überstehen die Arten nicht unversehrt: Sie werden verformt, verbraucht oder – sofern sie keinen Beitrag zur Geldvermehrung leisten – gleichgültig ihrem durch zerstörte Lebensbedingungen bewirkten Aussterben überlassen. Weit verbreitet sei die Auffassung, dass in der Natur kein Moment des Subjektiven existiere. Diese Sicht habe insbesondere die Aufklärung und die bürgerliche Philosophie verbreitet, etwa Fichte, der Tiere als bloßes Material für den Menschen betrachtete, oder Descartes, der den Lebewesen jegliche anima absprach. Bezugnehmend auf Kant wurde dabei eine Dichotomie aufgestellt: Hier das die Zwecke setzende Freiheitssubjekt, dort eine subjektlose Natur; hier das würdevolle vernünftige Subjekt, dort ein würdeloses Ding, das einen Preis hat. Lebewesen hätten nur insoweit Zwecke, als diese im menschlichen Urteilssubjekt verortet seien. Objektiv betrachtet bestehe die lebendige Natur aus Materie und Energie, frei von eigenständigen Zwecken, und werde damit für das Freiheitssubjekt zum Objekt, das für dessen Zwecke verfügbar gemacht werden könne. Die Annahme einer ansichseienden Zweckmäßigkeit, die Eigenständigkeit und Widerständigkeit der Lebewesen begründen könnte, habe die Aufklärung als überholtes metaphysisches Gedankenkonstrukt zurückgewiesen – als dubiose ‚Lebenskräfte‘, die angeblich die Freiheit des Subjekts einschränkten.

Nach Ruschig gehe diese Argumentation jedoch fehl, weil sie ausschließlich das transzendentale Subjekt anerkenne und nur so die Befreiung von der Natur ermögliche. Dieses Unterwerfungskonzept habe den Boden für die kapitalistische Nutzung der lebendigen Natur bereitet, die zugleich unter dem Vorwand der Emanzipation von einer ursprünglichen Natur gerechtfertigt worden sei – ein Ausdruck der Dialektik der Aufklärung. Ruschig zufolge entfaltet das Kapital eine historisch neuartige, revolutionäre Dynamik, die es systematisch in immer neue Sphären der Natur vordringen lässt. Die kapitalistische Produktionsweise unterwirft die Resultate der Naturwissenschaften der Verwertung und treibt deren Ausweitung voran, sofern sie als Mittel der Profitproduktion fungieren können. Implizit setze sie dabei voraus, dass der Natur weder ein Ding an sich sei noch ihr ein eigensinniges, eidetisches Art-Moment zukomme, das dem Verwertungsprozess eine immanente Grenze setzen könnte. Diese praktische Negation korrespondiere mit einer positivistischen, nachmetaphysischen Naturauffassung, die den ontologischen Gehalt des Artbegriffs ebenso leugne wie die Existenz eines nicht empirisch zugänglichen Dings an sich. Dem Kapital, dem solche theoretischen Fragen gleichgültig seien, falle dieser Zusammenhang nicht auf; entscheidend sei, dass es faktisch so verfahre, als sei lebendige Natur nichts als verfügbares Rohmaterial. In dieser Einheit von reeller Subsumtion der Natur unter den Verwertungsprozess und theoretischer Ausblendung ihres eigentümlichen Zweckmoments liege, so Ruschig, die Voraussetzung für die Verkennung des prozessierenden Widerspruchs zwischen Kapital und lebendiger Natur (74).

Dass Artensterben und Massentierhaltung strukturell zusammengehören, wird bei ihm nur vor dem Hintergrund einer ontologischen Bestimmtheit der lebendigen Natur verständlich. Wer Lebewesen auf empirische Populationen reduziert und die Existenz ansichseiender Art-Formen leugnet, deutet beide Phänomene lediglich als technische Probleme, nicht als Ausdruck einer gesellschaftlichen Krise. Damit bleibt das eigentliche Krisenhafte unsichtbar: Die Verletzung der inneren Zweckmäßigkeit des Lebendigen. Das Kapital reagiert auf diesen von ihm selbst erzeugten Widerspruch mit immer neuen Eingriffen, die in zusätzliche Verwertungsstrategien überführt werden, während die Natur weiter ruiniert wird. Ruschig fasst das eidetische Moment der Arten daher – im Anschluss an Kant – als Grenzbegriff, der die Differenz von Erscheinung und Wesen markiert. Die praktische Leugnung dieser Differenz ist, so seine These, konstitutiv für die kapitalistische Naturbeherrschung. Sein Fazit: Der daraus resultierende Widerspruch zwischen Kapitalverwertung und dem Prinzip des Lebendigen macht schließlich die Notwendigkeit einer gemeinsamen Emanzipation von Natur, Mensch und Arbeit sichtbar (86).

Im zweiten Teil seines Buches untersucht Ruschig systematisch, wie die philosophische Tradition die Unterwerfung der lebendigen Natur vorbereitet hat. Er wählt Descartes, Spinoza und Fichte aus, drei Idealisten, die allen Lebewesen eine eigenständige Bestimmung gegenüber dem Menschen absprechen. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede: Descartes trennt Geist und Materie strikt und betrachtet Lebewesen als mechanische Automaten; Spinoza versteht alles Seiende als Ausdruck einer einzigen Substanz, wodurch Lebewesen deterministisch in die Gesamtheit eingebunden sind; Fichte schließlich konstruiert die Natur aus der Perspektive des transzendentalen Ich, sodass Lebewesen nur in Bezug auf menschliche Zwecke Bedeutung erhalten. Trotz dieser Unterschiede verbindet sie die radikale Abwertung der Natur und die Vorstellung, dass ihre Selbstständigkeit dem menschlichen Denken untergeordnet ist. Ruschig zitiert zentrale Passagen und kommentiert sie kritisch: Die Entsubstantialisierung der Art-Formen, die die drei Philosophen propagieren, setze einen Denkprozess fort, der bereits mit dem Nominalismus begann – und den die moderne Gesellschaft praktisch umsetzt, indem sie die Eigenlogik der Lebewesen ignoriert und funktionalisiert.

Damit zeigt Ruschig, dass die philosophische Abwertung der Natur nicht nur abstrakt ist, sondern konkrete Folgen hat: Sie erleichtert die Instrumentalisierung von Lebewesen und ihrer Lebensweisen und eröffnet den Blick auf die Spannung zwischen theoretischer Abstraktion und realer Verwundbarkeit der Natur. In der Praxis kennt das Kapital kein moralisches Prinzip, das seinen Zugriff auf Lebewesen – ebenso wie auf lebendige Arbeit – begrenzen könnte. Theoretisch werden solche Eingriffe durch Philosophen wie Descartes und Spinoza gerechtfertigt: Sie begründen die Maxime, dass Lebewesen nach Belieben genutzt werden dürfen, und dienen insoweit den Zwecken des Kapitals. Damit wird die Praxis legitimiert, Lebewesen zu Rohstoff und Biomasse für den kapitalistischen Verwertungsprozess zu machen. Moralische Einwände erscheinen in diesem Rahmen als abwegig: Sie werden als Produkte „eitlen Aberglaubens“ oder „weibischer Barmherzigkeit“ abgetan, die beide aus Sphären jenseits der „gesunden Vernunft“ (ratio sana) stammen (125). Fichte knüpft an Spinoza an und überträgt dessen Idee, dass allein der göttlichen Substanz Wirklichkeit zukomme, auf sein Prinzip absoluter Subjektivität: Das Ich setze sich als Ich absolut, indem es sich mit sich selbst identifiziere.

Die Konsequenz für Tiere ist radikal: Ihnen wird kein eigenes Leben zugesprochen. Ob wilde oder domestizierte Tiere – ihr Erhalt ist im bürgerlichen Staat kein Ziel; ihr Tod gilt als regulärer Zweck. In der Massentierhaltung führt dies zur direkten oder zumindest mittelbaren Vernichtung der Tiere, sofern ihr Nutzen für das Kapital keinen längeren Verbleib erlaubt. Ebenso ergibt sich das Artensterben als indirekte, bewusst in Kauf genommene Folge der Schaffung von Lebensbedingungen, die ein Überleben der Arten unmöglich machen (152).

Die von Ruschig im zweiten Teil des Buches behandelten Philosophen – Descartes, Spinoza und Fichte – vertreten die Auffassung, dass Lebewesen nichts als Materie seien, vollständig den mechanischen Gesetzen unterworfen. Ein Moment des Subjektiven oder Eidetischen sei ihnen abzuerkennen; jede Metaphysik dieser Art werde als überflüssig und hinderlich abgetan. Auf diese Weise habe die Aufklärung die „antiken Weisheiten“ demontiert und mit der politischen Herrschaft eine radikale Neuordnung durchgesetzt. Erst wenn die Lebewesen von solch alten Weisheiten befreit seien, könne das Freiheitssubjekt seine Freiheit ohne Schranken verwirklichen – indem es die Lebewesen nach Belieben benutze.

Darüber hinaus erscheinen die Lebewesen im Verhältnis zum absoluten Ich als potenzielle Gegner, da sie trotz ihrer Trennung von der Geistigkeit des Ich dessen Reinheit bedrohen könnten. In dieser idealistischen Abstraktion existiere für die Tiere kein eigener Zweck; ihr Tod sei der einzig denkbare Zweck, sowohl für das herrschende Subjekt als auch für den rationalen Staat (155f.). Hegel zufolge erreiche die Geschichte mit der bürgerlichen Gesellschaft und dem bürgerlichen Staat ihr Ende, der absolute Geist finde seine Vollendung in Kunst, Religion und Philosophie. Daraus folgert Ruschig zynisch, dass die kapitalistische Produktionsweise als „Endzustand“ der Menschheitsentwicklung gedacht werde – ein Zustand, in dem die Lebewesen endgültig der kapitalistischen Verwertung unterworfen seien.

Diesem „Endzustand“ stellt der Autor seinen radikalen Gegenentwurf entgegen: Das Mitleiden mit den vom Kapital gepeinigten Lebewesen. Dieses Mitleid sei aber kein spontaner Affekt und nicht von Sympathie abhängig, sondern beruhe auf der rationalen Erkenntnis der eidetischen Besonderheiten der Arten – ihres Subjektiven in der objektiven Natur. Erst in dieser Reflexion über die Vernunft lasse sich das Verhältnis von Mensch und Natur verstehen. Das Mitleiden, das uns vor uns selbst erschrecken lässt, solle Courage erzeugen – nach Marx die Courage, die die gemeinsame Emanzipation von Mensch und Natur beginnt, die Befreiung der Natur ebenso wie der unterworfenen Arbeit. Anders als die „politische Emanzipation“ beanspruche diese keine Ausplünderung oder Vernichtung der Natur, sondern eine echte, wechselseitige Freiheit.

Ulrich Ruschig schreibt präzise, argumentiert theoretisch scharf und untermauert seine Analysen mit konkreten, leider oft traurigen Beispielen aus der kapitalistischen Praxis. Gleichzeitig durchzieht seine Darstellung eine furiose, stellenweise zynische und zornige Tonalität – ein Zorn, den er auch vom Leser einzufordern scheint. Ein bedeutsames Buch, das es ermöglicht, wie Daniel die Menetekel der gegenwärtigen Naturkrise zu entziffern, ihre Tragweite zu verstehen und damit hoffentlich wirksam der drohenden Katastrophe entgegenzuwirken.

Göttner-Abendroth: Matriarchat – Spiritualität – Integrität

Heide Göttner-Abendroth (geb. 1941) promovierte 1973 an der Universität München und lehrte dort zehn Jahre als Lehrbeauftragte für Philosophie und Wissenschaftstheorie. 1986 gründete sie die „Internationale Akademie HAGIA für Matriarchatsforschung“, die sie seither leitet, und war u.a. Gastprofessorin in Montréal und Innsbruck. Sie leitete drei Weltkongresse für Matriarchatsforschung und wurde zweimal (2005, 2007) für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Göttner-Abendroth gilt als Mitbegründerin der modernen Frauen- und Matriarchatsforschung.

Matriarchat – Spiritualität – Integrität. Gespräch mit Heide Göttner-Abendroth


Christine Steffen (CS): Heide, du bist einer breiteren Öffentlichkeit, vor allem in der Frauenbewegung, durch deine beiden Bücher „Die tanzende Göttin“ und „Die Göttin und ihr Heros“ zur Matriarchatsforschung bekannt geworden. Wie und wann begann das?

Heide Göttner-Abendroth (HG): Zu deiner ersten Frage: Als ich vor ca. 20 Jahren auf diesem Gebiet zu forschen anfing, waren die Begriffe wie „Patriarchat“ und „Matriarchat“ noch völlig tabu; da gab es die Neue Frauenbewegung ja noch gar nicht, und ich habe meine Arbeit ganz alleine machen müssen. Ich habe mich niemandem zu sagen getraut, was ich forsche. Wenn ich jemandem gesagt hätte, das und das sei patriarchal, hätte man nur gelacht. Oder, wenn ich behauptet hätte, ich beschäftige mich mit Matriarchaten, dann hätte man mich für blöd erklärt. Also, ich sage es jetzt etwas grob: Ich habe schön mein reguläres Philosophiestudium gemacht, und diese „unseriöse Forschung“ in den Semesterferien und habe niemandem etwas davon mitgeteilt. So war das geistige Klima, bis dann durch die Frauenbewegung solche Begriffe wieder salonfähig und nachdenkenswert wurden. Das hat zehn Jahre gedauert; zehn Jahre Kritik auch von der Frauenbewegung her, die diese Begriffe zuerst wieder in den Mund genommen hat.

Heute arbeite ich zugleich theoretisch und praktisch. Theoretisch versuche ich, das, was die patriarchale Gesellschaftsform ausmacht, zu erkennen und zu kritisieren. In erster Linie bin ich mit der Erforschung der Geschichte und Gesellschaftsform des Matriarchats beschäftigt. Mir liegt daran, diese Gesellschaftsform in ihrer Vielschichtigkeit und ihrer langen Geschichte zu erforschen; denn in der Forschung sind wir heute noch ziemlich am Anfang. Seit Bachofen ist zwar viel herumgeforscht worden, aber ich kann wirklich sagen, nur herumgeforscht; denn das war ein Thema für Ideologien, Selbstrechtfertigungen und Weltbildforscherei am laufenden Band. Bisher ist das – ich kenne die ganze Forschungsliteratur – nicht einmal halbwegs neutral und sachgerecht abgehandelt worden. Das ist bei mir das erste sachliche und wissenschaftliche Interesse. Zur Zeit sitze ich an einem größeren Werk zur Geschichte der Gesellschaftsform des Matriarchats. Was in den beiden Büchern steht, die ihr kennt, sind nur kleine Ausschnitte aus meiner Forschung, die ich mittlerweile schon länger mache, durch die ich meine Interessengebiete wie die Mythologie, die Kunst und die Ästhetik bestimmt habe.

Matriarchatsforschung und Frauen-Gruppenarbeit

Alexander von Pechmann (AvP):Wie du schon angedeutet hast, ist für dich die Matriarchatsforschung ja kein Selbstzweck, sondern die Folge deiner Kritik des Patriarchats. Wie ist deine Haltung dazu? Lehnst du patriarchale Gesellschaftsformen generell ab, oder siehst du in ihnen auch kulturhistorisch wertvolle Teile und Errungenschaften, die erhaltenswert sind?

HG: Ehe wir eine zureichende Kritik des Patriarchats machen können, müssen wir überhaupt erst mal in Einzelheiten wissen, was die matriarchale Gesellschaftsform in ihrer Gesinnung, in ihrer Sozialstruktur und ihrer Ökonomie ausgemacht hat. Das ist ja, wie gesagt, höchst unzureichend erforscht. Erst wenn wir das wissen, finden wir die historische Folie, um uns klar zu werden, was im Patriarchat absorbiert, verändert oder auch weiter entwickelt worden ist. Mich interessiert in meiner Forschung ja nicht nur die Zeit der matriarchalen Gesellschaftsform, sondern genauso, wie in patriarchalen Gesellschaften matriarchale Traditionen weitergewirkt haben. Wie haben sie dort, auch untergründig, gearbeitet? Wie sind sie aufgenommen worden und haben dann wiederum Verbesserungen im Gesellschaftsablauf gebracht? Das ist eine Aufgabe, an der ich bestimmt noch zwei Jahre arbeite. Dann können wir zu einer vernünftigen und ruhigen, kritischen Einschätzung des Patriarchats kommen.

In den Büchern, die ihr kennt, vor allem die „Tanzende Göttin“ als einem rein essayistischen Buch, musste ich vieles plakativ in Antiposition darstellen, was bei einer genaueren gründlichen Erforschung so nicht stehenbleiben kann. Es gibt in patriarchalen Gesellschaften auch Entwicklungen, die stärkere Ausdifferenzierung von Arbeitsbereichen und Produktivkräften, gewisse Rationalisierungen von Wissenschaft und Technik, die durchaus nützlich und fruchtbar sind. Die Frage ist nicht: Wie kann man das in Bausch und Bogen heute abschaffen und zur Jungsteinzeit zurückkehren? Das wäre sehr naiv und romantisch. Die Frage ist: Von welcher Werthaltung aus sind diese patriarchalen Gesellschaften kreiert und angewandt worden? Das ist das, was wir kritisieren müssen. Nicht, dass das erfunden worden ist, sondern die Werthaltungen, die oft höchst menschenfeindlich sind, aus bestimmten Zwängen oder Wünschen zur Herrschaft und Herrschaftsausübung, die die patriarchale Geschichte durchziehen.

Ich möchte auch am Ende meiner Forschungen versuchen, eine matriarchale Utopie auf einer neuen philosophischen Ebene entwickeln. Und da ist es natürlich wichtig, wie wir heute die Errungenschaften, die aus der patriarchalen Zivilisation stammen, in eine neue Werthaltung integrieren können. Und diese neue Werthaltung knüpft, in gewisser Weise, an Bewusstseinsformen an, die in diesen alten Matriarchaten geherrscht haben, die nicht hierarchisch waren, auch nicht herrschaftsdurchsetzt, sondern die dem Menschen gegenüber weitaus humaner zugewandt waren als patriarchale Gesellschaften mit ihren Herrschafts- und Rechtszwängen. Was mich eben in meiner Forschung wirklich interessiert, ist, wie sich die reichen wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Errungenschaften integrieren lassen in ein ganz neues Verhältnis gegenüber dem Menschen, der Gesellschaft und der Natur. Ich glaube, das ist etwas, das uns alle drängt, was wir alle irgendwo suchen.

Gerlinde Schermer (GS): Du willst also eine Veränderung hin zu einer humaneren Gesellschaftsform. Bei dem Wie? würde mich interessieren: Wie groß ist das Interesse von Frauen? Was für Auswirkungen hat das? Verstehst du darunter eine einfache Vervielfältigung durch Gespräche? Wie soll man sich das auch sinnlich aneignen?

HG: Weißt du, ich kann da nur kurz auf meine vielfältige Arbeit verweisen. Ich arbeite theoretisch durch Bücher, Vorträge und Seminare. Da erreiche ich relativ viele Menschen, Frauen und Männer. Nur ist die Ebene, auf der ich sie erreichen kann, wiederum die der Argumente und des Intellekts. Das ist zwar ein wichtiger erster Zugang. Aber deine Psyche einmal auszuprobieren, dazu kommen wir damit nicht. Das ist eine Arbeit, die ich nur intensiv mit Gruppen machen kann. Es ist zwar viel, theoretisch so zusammenzuarbeiten; aber ich möchte diese beiden Arbeitsformen integrieren und neue Formen der Lehre finden. Ich bin etwas frustriert von diesen Lehrformen an der Universität, die ich lange gemacht habe, und auch von der Vortragsform, die ich jetzt noch machen muss. Da stehe ich vorne und rede, die Zuhörerinnen sitzen und hören zu, und dann kommt es bestenfalls noch zu einer Diskussion. Andere Vermittlungsformen zeigen sich mir ja schon in den engeren Gruppen, aber da habe ich mit meiner Erfahrung eben erst begonnen.

Es gibt auch ein ganz simples Problem: Nach zwei Jahren praktischer Arbeit ist der Zulauf ziemlich groß. Ich bereite gerade unser großes Winterabschlussfest vor; eine große Veranstaltung, an der viele Frauen teilnehmen können, und die ihnen unsere Arbeit einmal in einem großen Fest zeigt. Ich muss sagen, das Interesse ist ungeheuer groß, weil die Frauen genau spüren, dass diese Art der Arbeit zugleich intellektuell, künstlerisch und seelisch ist, und, was einen wohltuenden Effekt auf uns alle hat, ganzheitlich zusammenkommt. Das spricht sich zur Zeit ziemlich herum.

GS: Ich frage mich, ob es wirklich so viele Frauen gibt, die bereit sind, sich ein ganzes Jahr darauf einzulassen und dazu auch die Möglichkeiten haben.

HG: Über das ganze Jahr sind es wenige. Die Gruppen sind nie größer als 12 bis 14 Frauen. Aber bei diesem großen Fest kommen auch viele Frauen, die das einfach mal sehen wollen.

CS: Ich habe deine Frage so verstanden, Gerlinde, dass du meinst, inwieweit diese Frauen auch als Multiplikatorinnen wirken.

HG: Das kann werden. Ich wünsche mir das natürlich auch, aber ich kann das weder planen noch bestimmen. Das hängt sehr von den Vertiefungsprozessen ab, die jede Frau machen muss. Ich habe vor, nach dem dritten oder vierten Jahr diese Arbeit auf verschiedene Weise zu dokumentieren: durch Filme und ein Buch, vielleicht auch durch Ausstellungen. Das sind dann allerdings nur Dokumente. Da treten künstlerische Formen auf wie Hüllen dieses Prozesses; denn im Grunde zeigt eine Ausstellung und auch ein Film nicht das Fest, sondern nur die Hülle davon. Ich glaube, da tritt die Kunst tatsächlich in das ein, was ich als die ‚quasi-patriarchale Kunst‘ beschreibe. Ich benütze sie bewusst als Hüllen, die aber denen, die interessiert sind, vielleicht einen Eindruck davon geben, wie vielfältig und auf welchen Wegen das abläuft. Das kann eine Entscheidungshilfe sein, darin mitzuarbeiten; aber der Prozess ist es nicht. Wenn ihr ein Kunstprodukt eines Künstlers vor euch habt, ein Bild, dann ist das bloß die Hülle seines inneren Prozesses.

Kunst als Fiktion?

Ulrike Schwemmer (US): Du sagst, dass alle traditionelle Kunst reine Fiktion sei. Wenn du jetzt aber ein Bild als Hülle eines ganz bestimmten Prozesses und sie als Fiktion beschreibst, wie grenzt du dann die matriarchale Kunst davon ab?

HG: Die matriarchale Kunst, das sind diese Feste. Die kommen und vergehen, du kannst sie nicht sehen, sondern wirklich nur drin leben. Was ich dann davon dokumentieren kann, wie einen Film oder eine Ausstellung, das sind die Hüllen. Da gehe ich quasi in den patriarchalen Kunstbetrieb und benütze dessen Hüllencharakter.

US: Dann wäre das aber auch Fiktion, in deinen Begriffen.

HG: Es ist insofern eine Fiktion, weil es nicht mehr der seelische oder der spirituelle Prozess ist, nur noch die Abbildung davon.

US: Wenn du sagst, die patriarchale Kunst sei rein fiktional, – meinst du damit nur, dass du nur das Endresultat eines Prozesses hast, das sich abgelöst hat?

HG: Genau das. Die Kunst besteht aus Objekten, und die Objekte sind tatsächlich ein Endprodukt, ein Ding, das sich verfestigt hat aus dem seelischen Prozess des Künstlers. Nur so, als Ding oder als Ware, wird sie dann verfügbar auf dem patriarchalen Kunstmarkt; denn die Prozesse selbst sind nicht verfügbar. Insofern sage ich auch immer zu meinen Frauen, nachdem ein Jahr um ist: jetzt habt ihr ein wunderbares Kunstwerk erlebt; und es kam und es ging.

GS: Wenn ich dich recht verstanden habe, dann wendest du dich auch sehr gegen die Normensetzungen einer patriarchalen Ästhetik, die die künstlerische Aktivität einschränken würde. Ich bin jetzt doch etwas verwundert, weil der Jahreszeitenzyklus, den du deinen Festen und Arbeiten zugrundelegst, auch sehr starr und straff organisiert ist.

HG: Der Jahreszeitenzyklus ist ein kompliziertes Zusammenspiel zwischen Sonnen-, Mond- und Erdkonstellation. Ich erforsche im Grunde nur die Strukturen dieser alten Symbole. Du musst ja, wenn du ein solches Fest neu schaffen willst, wissen, welche Symbole gehören zu einem bestimmten Fest. Ich bin nicht dafür, sich das aus der Phantasie zu saugen. Das wird allenthalben und oft gemacht: aber das ist für mich nicht ein ernsthaftes Wiederaufgreifen dieser Muster, die ja in sich auch Schlüssel haben, Schlüssel für spirituelle Abläufe, die wir erst erforschen wollen. Darum bin ich da sehr streng und beharre auf diesen Strukturen.

Nur, eine offene Struktur ist etwas anderes als ein vorgefertigtes Gebilde, das wir imitieren. Eine offene Struktur ist, wenn du ein z.B. Musikstück nur in Kontrapunkten hast, dann aber die Melodien frei erfindest. Wenn du etwa das Wintersonnwendfest, dieses alte Symbol der Wiedergeburt der Sonne, nimmst, da musst du dich fragen: Was kann denn das für uns heute bedeuten?

Und das heißt, du musst es auch gesellschaftskritisch nehmen. Was heißt es, wenn du es patriarchal mit all den Verzerrungen zurückverfolgst? Da fängst du an zu denken, zu suchen, und kulturhistorisch zurückzugehen, was das früher vielleicht mal geheißen hat, unabhängig von der Unterscheidung in Gut und Böse, von der Vorstellung, dass das helle, gute, schöne Licht, das männliche Prinzip, aus der dunklen, niedrigen usw. Erde kommt. Da öffnet sich ein neuer, weiter Raum, der jenseits des dualistischen Denkens und jenseits aller Verzerrungen dieser Symbole ist; und dann fängst du an, es wieder neu zu kreieren.

Aber wir halten uns an die Symbole. Wir können ja auch nicht im Frühling Getreide schneiden; im Herbst kein Frühlingssymbol feiern und im Frühling kein Herbstsymbol. Sie müssen auch stimmen, darauf bestehe ich dann schon. Das grenzt eine absolute, subjektive Freiheit der Kreativität ein, das weiß ich. Auf der anderen Seite haben wir die Erfahrung gemacht, dass, wenn du eine offene Struktur hast, eine unglaubliche Kreativität einfließen kann, wenn du das kulturhistorisch wendest. Die Kreativität, die du ansprichst, ist die Autonomie des Künstlers, der aus sich heraus immer alles darf und schafft seit der Genie-Ästhetik des 18. Jahrhunderts; die ist noch ziemlich jung. Aber auch in unseren europäischen mittelalterlichen Kulturen und danach noch gab es diese Art von Kreativität nicht. Auch da schuf man alte, reiche Symbolmuster nach, interpretierte und kreierte sie neu.

Ästhetik – Spiritualität

US: Ich habe eine Frage, die daran anschließt: Ist „Ästhetik“ und „Spiritualität“ für dich eigentlich identisch oder …

HG: … das ist nicht identisch. Meine These ist ja, dass die Absonderung der Bereiche in Kunst und Religion und Wissenschaft – alles schön geordnet und in Institutionen verankert – eine typisch patriarchale Gesellschaftserscheinung ist. Im Grunde ist es egal, an welcher Ecke du anfängst, wenn du diese gesteckten Grenzen überschreiten willst. Wenn du von der Kunst her den Zugang zur Spiritualität gewinnst oder aber von der Wissenschaft her, dann ordnet sich der Entwicklungsweg anders; denn künstlerische Ausdrucksformen sind etwas anderes als spirituelle Ausdrucksformen. Die Gebiete gehen jedoch nicht eklektizistisch ineinander über, sondern bekommen einen Zusammenhang, wenn man sie nicht als gesonderte Bereiche und gesonderte Spielregeln betrachtet, sondern, wie ich sage, als eine ganzheitliche Konzeption in Bezug auf die Gesellschaft und die Menschen.

AvP: Meint „Spiritualität“ für dich das Element dieser Einheitlichkeit des Menschen hinsichtlich seiner verschiedenen Fähigkeiten, oder verstehst du darunter wiederum eine eigene Kraft, neben den anderen Fähigkeiten?

HG: Was heißt eigene Kraft oder nicht-eigene Kraft? Wenn du sagst „eigene Kraft“, hast du wieder ein Ressort für sich. In dem Sinne ist es keine eigene Kraft. Ich sage es mal in einem alten mythischen Ausdruck, der auch heute bei spirituellen Arbeiten, zum Beispiel bei den Hopi, noch gebraucht wird: es ist die „kosmische Balance“ zwischen allem. Die kosmische Balance zwischen den Kräften im Menschen, zwischen den Bereichen in der Gesellschaft oder auch die kosmische Balance zwischen Mensch und Natur. Dies sich immer ins Bewusstsein zu bringen, immer in dieser Richtung zu arbeiten, das ist das Spirituelle. Das ist keine eigene Kraft, die man eigens institutionalisieren kann, sondern gerade die grenzüberschreitende Kraft. Aber es ist natürlich eine bestimmte Kraft, der man sich bewusst werden kann, weil sie sich abhebt von der nur ästhetischen oder nur wissenschaftlichen Kraft.

AvP: Also die Kraft, die die Balance bringt.

HG: Die synthetisierende Kraft – obwohl, das ist auch wieder so ein etwas blasser philosophischer Ausdruck –, die die Auflösung von Verfestigungen in Ressorts und Institutionen, die die Verengung auf Innerpsychisches oder Innergesellschaftliches dazu bringen kann, den Blick auf den Kosmos im Sinne von Natur zu bekommen.

AvP: Wieso trennst du das eigentlich von der dialektischen Form ab? Dialektik versucht ja auch, die Unterschiedlichkeit der Gegensätze aufzuheben und in eine Einheit zu bringen.

HG: Das dialektische Denken ist in der Philosophiegeschichte im Grunde noch ein Relikt, ein Rest dieses alten kosmischen Sich-Befindens in vielen Himmelsrichtungen, Polaritäten, menschlichen Gegebenheiten usw. Es ist, glaube ich, eine rationale Formulierung dessen. Das beginnt schon mit der platonischen Dialektik und setzt sich durch die ganzen Varianten der Dialektik bis zu Hegel und später fort. Es ist eine rationalistische Aufarbeitung dessen, was Völker in den nicht-patriarchalen Gesellschaften spirituell dauernd tun, indem sie sich, ob sie nun mental, psychisch oder praktisch arbeiten, in diesen Bezug zum Gesellschaftsganzen, zum Ganzen der Kräfte im Menschen oder auch zum Naturganzen setzen. Ich glaube, in der Philosophie ist das noch so ein Nachhall. Eine Verzerrung liegt allerdings darin, dass es rein auf dem rationalen, dem Denkbereich formuliert worden ist. So fängt es bei Plato an, bei Hegel wird es dann als eine Kosmogonie formuliert und erst in der Marx’schen Dialektik wird es dann wieder auf das Gesellschaftsganze gewendet. Nur ist es da immer wieder fast wie technifiziert durch dieses „These – Antithese – Synthese“. Es ist fast eine Technik dessen, wie man sich mit vielen Bereichen in Bezug setzen kann, – als ob das so schrittweise ginge. Aber ich würde sagen, innerhalb der Philosophie ist das noch ein Rest alter Denkformen.

Man hatte das in poetisch-musischer Form in den urphilosophischen Gesellschaften; dort kam das oft vor als das paradoxe Sprechen des Dichters. Die dichterische, poetische Sprache, die in alter Zeit eine magische Sprache war, sprach sich gerade in solchen Paradoxien, scheinbaren Widersprüchen und Gegensätzen aus. Bei Plato beginnt dann die Rationalisierung dieser Haltung. Was in den matriarchalen Kulturen eine Haltung war, ist bei den Philosophen dann zu einer Denkschule geworden. Ich sage das manchmal als Anekdote: Wenn Hegel am Schreibtisch sitzt und durch sein dialektisches Denken die ganze Welt einzuholen versucht. Es ist der Unterschied, ob du es lebst oder am Schreibtisch dialektisch nur einholst.

Dialektik und Praxis

US: Da schließt sich mir die nächste Frage an: Ist das nicht eine Ästhetisierung von Leben?

HG: Da  muss ich zuerst noch zum Begriff was sagen. Ob ich es „Ästhetisierung des Lebens“ nenne, oder ob ich sage, es ist das dialektische Eine als Haltung, – das sind im Grunde alles Begriffshülsen, die diese Haltung der kosmischen Balance, die sich auf Mensch, Gesellschaft und Natur bezieht, zu umschreiben versuchen. Wir haben eben nur diese Begrifflichkeiten aus unserer philosophischen Tradition. Ich habe das eben anhand der Ästhetik formuliert und gezeigt, dass die matriarchale Ästhetik im Grunde ja keine Ästhetik ist, sondern die Fähigkeit, jene Balance herzustellen. Das ist gemeint mit Ästhetisierung. Du kannst genauso gut sagen, das sei eine Politisierung oder ein matriarchaler Wissenszugang; die Begriffe spielen da nicht so eine große Rolle.

US: Ich habe nur deinen Begriff aufgegriffen. Was ich eigentlich wissen wollte, ist, wie sich das in dieser Gesellschaft gestalten kann.

HG: Weißt du, in dieser Gesellschaft kannst du – ich habe das etwas angedeutet am Ende meines Buches – nur in kleinen Experimenten, in kleinen Enklaven beginnen. Diese kosmische Balance mit ihren Vielheiten herzustellen, ist eine Utopie, ein utopischer Gedanke, den man als Leitidee da einbringt. Wie gesagt, ich arbeite jetzt seit zwei Jahren auch praktisch, indem ich das alte Muster, das alte Mysterienspiel des Jahreszeitenzyklus benutze, in das sehr viele Möglichkeiten einfließen können. Deswegen arbeite ich in sehr kleinen Gruppen mit Frauen zusammen, in denen wir versuchen, unsere intellektuelle Durchdringung, unsere ästhetische Ausdrucksfähigkeit und unsere musischen Begabungen, unsere seelischen Fähigkeiten in einen ganzheitlichen Spielablauf zu bringen. Das sind Versuche, um uns klarzumachen, welche Geistigkeit hinter diesem Muster der alten Mysterienspiele steckt, welche Vielfalt und welche nicht-patriarchalen Verhaltens- und Lebensmuster. Das ist die jetzige, rein experimentelle Situation. Ob das mal für mehr Menschen interessant wird und seinen experimentellen Charakter verliert, das weiß ich jetzt nicht. Ich gehe da so bescheiden vor wie andere junge Menschen. Du kannst natürlich eine Leitidee haben, einen Entwurf, der vielleicht gesellschaftsverändernd ist. Aber wir fangen ja nicht mehr mit großen Strategien von oben an, sondern mit den kleinen Experimenten, da wo wir sind. Das halte ich auch für realistischer.

Bärbel Duft (BD): Ist all dies nicht ein Rückzug aus der Gesellschaft? Das ist, scheint mir, ein wichtiger Punkt.

HG: Ich will erst eine kritische Frage an dich stellen: Was ist denn ein Rückzug aus der Gesellschaft? Wissen wir das so genau? Goethe hat einmal ein schönes Wort über den Dichter gesagt: Wenn man sich mit der Kunst beschäftigt, ist das der sicherste Weg, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen und zugleich sich mit ihr zu verbinden. Darin liegt eine Paradoxie. Ich sage es dir jetzt aus meiner Sicht: Wenn du in eine sehr intensive Arbeit spiritueller Art einsteigen willst, musst du dich erst mal zurückziehen; sonst ist das gar nicht möglich. Dass ich mich aber nicht zurückziehe, siehst du daran, dass ich zugleich extensiv arbeite mit Büchern und Vorträgen, durch die ich glücklicherweise viele Menschen erreiche. Auf lange Sicht möchte ich natürlich diese intensive Arbeit – darum habe ich auch von der Dokumentation gesprochen – wiederum vermitteln. Mein Ziel ist jedoch auch nicht – das habe ich eben jahrelang erlebt –, mich mit Bücherschreiben und Seminarehalten tot zu hetzen und vor lauter Weitergeben jegliche innere Substanz zu verlieren. Das ist eine Balance, beides zusammenzuschließen; wie ich das praktisch tue, muss ich ein Leben lang neu erfinden. Ich bin aber auch eine Gegnerin von insiderisch spirituellen Gruppen. Ich habe mir da unter den Frauen, die so daran hängen, schon genügend Feindinnen gemacht, weil ich sage, das führt nicht weiter, das führt irgendwann zur Erstarrung. Die Auseinandersetzung mit der Kultur, in der wir sind, dauernd wieder zu leisten, ist Teil der spirituellen Aufgabe. Man kann sich nur teilweise zurückziehen, dann muss man sich wieder auseinandersetzen; denn keine Insel in unserer Kultur ist eine echte Insel.

Mann und Frau im Patriarchat

AvP: Bei dem, was du bislang über Spiritualität, Kunst und die Symbole gesagt hast, habe ich eigentlich nichts ausschließlich Frauenspezifisches herausgehört. Was ist denn nun das, von dem du meinst, es gelte nur für Frauen?

HG: Von meiner theoretischen Seite her mache ich längst nicht nur Arbeit für Frauen, sondern meine, eine ganze Gesellschaftsform zu untersuchen und eine andere zu kritisieren. Das ist, denke ich, eine ganz allgemein philosophisch wichtige Arbeit und richtet sich an Frauen und Männer; obwohl es natürlich etwas anderes ist, die Geschichte einmal konsequent unter der Perspektive einer von Frauen geprägten Gesellschaftsform zu untersuchen.

Im Praktischen habe ich jetzt wirklich nur von Frauen gesprochen, aus einem bestimmten Grund. Ich habe keine separatistischen Gründe, sondern einfach keine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Männern. In meiner zweijährigen Arbeit waren allein so viele Schwierigkeiten zu bewältigen, erstmal uns Frauen aus den inneren patriarchalen Mechanismen raus zu lösen, dass ich im jetzigen Stand schlicht überfordert bin, auch noch die Probleme in Bezug auf die Männer mitzulösen.

Zum anderen habe ich das Gefühl, dass der Weg, den manche Männer begonnen haben, noch einige Jahre allein für sie weiter gehen muss, ehe sie soweit sind, dass man das mal kombinieren kann. Allein! Was glaubt ihr, wie viele Jahre Frauen, die heute in der Öffentlichkeit auftreten, allein ihren Weg gegangen sind: im Nichts zwischen allen Geschlechterrollen? Also meiner war mindestens zehn Jahre lang in völliger Isolation. Junge Männer, die heute weiterkommen wollen, müssen auch mal diese Phase der alleinigen Entwicklung durchgehen. Das sind existentielle Erfahrungen, die Frauen den Männern und Männern den Frauen nicht abnehmen können.

Genauso wie ich mich dafür interessiere, wie Frauen langsam zu einer Art matriarchaler innerer Souveränität kommen – nicht nur Selbstbewusstsein, das ist zu flach und psychologisch, sondern wirklich eine Art innerer Souveränität –, interessiert mich, wie Männer sich aus diesen patriarchalen Verklammerungen lösen und zu einer Art matriarchaler Integrität kommen können – so bezeichne ich das für Männer.

Aber die Nicht-mehr-Berührbarkeit von diesen ganzen patriarchalen Verführungen ist für Männer schwerer als für Frauen; denn das System absorbiert sie mit vielen Hilfestellungen immer wieder. Da die Integrität zu wahren, ist nicht leicht für einen Mann heute.

Wir sind ja in einer patriarchalen Gesellschaft nicht ganz in symmetrischen Positionen. Das Patriarchat, wie bedrückend es auch immer auf Männer wirkt, gibt ihnen mehr Chancen als Frauen. Insofern glaube ich, wird auch ein ehrlicher Bewusstseinsprozess bei Männern etwas anders verlaufen als bei Frauen. Und das sollen Männer wirklich allein tun.

US: Wäre das dann aber nicht das Aufrechterhalten der unterschiedlichen Geschlechtsmerkmale?

HG: Es sind nicht verschiedene Geschlechtsmerkmale, sondern unsere geschichtlichen Positionen sind heute verschieden. Die geschichtliche Position von Frauen, von bewussten Frauen, ist heute anders als die von Männern. Wir leben noch immer in einer patriarchalen Gesellschaft, die diese Asymmetrie mit sich bringt. Ich beobachte mit großer Freude, wenn aufgeschlossene Männer mehr und mehr ihren eigenen Weg suchen; denn das ist die Vorstufe, dass auch mal, auf dieser hohen Bewusstseinsebene, eine kreative Begegnung stattfinden wird.

AvP: Für mich ist das von dem, was du geschrieben hast, insofern unterschieden, als sich mir dort der Gedanke aufgedrängt hatte, du versuchst matriarchale Formen nur zu entwickeln, um zu fordern, nachdem 2000 Jahre lang die Männer geherrscht haben, soll das mal umgedreht werden …

HG: 4000 Jahre, Alexander.

AvP: Das kommt wahrscheinlich auf die Kulturen an.

HG: Hier waren es 4000 Jahre.

AvP: … in der Rückbesinnung auf die alten Formen von der Göttin und ihrem Heros.

US: Aber Alexander, du weichst aus.

HG: Das steht wirklich nirgendwo in meinen Büchern! Ich kritisiere immer diese simplifizierende Umkehrung, das Matriarchat sei praktisch nur die umgekehrte Herrschaftsform des Patriarchats. Wenn man das so sieht, dann kommt die Abwehr der Männer auf dem Fuße. Das kritisiere ich dauernd und dauernd. Wenn ich eine matriarchale Gesellschaftsform untersuche – ich sage das auch an vielen Stellen –, dann geht es mir nicht nur darum, wie eine neue Selbstauffassung der Frauen im matriarchalen Sinn, auf einer höheren Bewusstseinsstufe, aussieht, sondern auch der Männer. Ich denke an beide. Das ist ja gerade das, was mich auch von vielen Feministinnen unterscheidet, die ausschließlich Frauenperspektiven und Frauenstandpunkte untersuchen. Ich untersuche keinen ausschließlichen Frauenstandpunkt, sondern eine Gesellschaft, die von Frauen bestimmt war, nämlich das Matriarchat. Für mich ist es faszinierend, je mehr ich da eindringe, mit welcher erstaunlichen sozialen Intelligenz diese matriarchalen Gesellschaften geführt worden sind. Die funktionierten nämlich, ohne dass man, wer weiß, welche Autoritäten, Befehlsgewalten und Herrschaftsmechanismen einführen musste. Das ist aus utopischer Sicht höchst faszinierend: Dort waren Männer in ihren Eigenheiten in das ganze Gefüge integriert, hatten verschiedene wichtige Rollen und Bedeutung. Man hat überhaupt nicht den Eindruck, dass sie in ihre Fähigkeiten unterdrückt wurden; sie waren so voll integriert, dass das wirklich wie in einer ‚kosmischen Balance‘ funktionierte. Das ist nicht nur Theorie, das haben die sehr gut praktiziert.

Mir wird manchmal vorgeworfen, ich sähe das etwas rosig und idealisierend. Da möchte ich nur mal auf das noch immer klassische Buch von Lewis Morgan verweisen, der die Gentilgesellschaften bei den Irokesen beschreibt. Die Stammes- oder Gentilgesellschaften haben tatsächlich über die Verwandtschaftsbeziehungen wunderbar funktioniert, und zwar herrschaftsfrei; und die waren matriarchal geprägt. Es gibt Theoretiker wie Christian Sigrist, die solche Konzepte wieder aufgreifen, mehr und mehr solche Gesellschaftsformen untersuchen, die hoch komplex waren, gut organisiert und trotzdem herrschaftsfrei, nämlich ohne Hierarchie, funktionierten. Er nennt sein Buch „Regulierte Anarchie“, Anarchie heißt Herrschaftslosigkeit, aber eben nach Regeln. Und das waren großenteils matriarchale Gesellschaften.

BD: Das Vorurteil, dass das Matriarchat die Umkehrung des Patriarchats sei, finde ich ganz bezeichnend. Was mich erstaunt, ist, dass auch Frauen auf dieses Urteil reinfallen. Das ist ja an und für sich ein Ausdruck patriarchalen Denkens, dass es gar nicht anders vorstellbar ist, als dass eine Gesellschaft herrschaftlich und hierarchisch funktioniert. Man muß ganz schön alt werden, um das zu durchschauen.

HG: Weißt du, ich arbeite schon zwanzig Jahre an der Materie; ich habe dabei Stunde um Stunde meine eigenen Vorurteile abstreifen müssen. Weil das, was ich da las, war so verquer zu unseren Denkweisen, dass ich das wirklich nur langsam begriff. Was du sagst von der Umkehrung, dass in Matriarchaten eben die Mütter geherrscht haben und die Männer auch unterdrückt wurden, das ist wirklich ein schlicht banales Vorurteil, das dauernd reproduziert wird, weil es natürlich herrschenden Kreisen und der herrschenden Wissenschaft passt. Aber ich kann nur sagen: Leute, die das wiederholen, ob Männer oder Frauen, haben wirklich keine Ahnung von der Materie! Die haben noch kein wirklich zureichendes Buch aus diesem Gebiet gelesen. Denen würde ich sagen: Lest nur mal, bitteschön, Morgan, nur mal diese eine klassische Schrift; dann kriegt ihr ein völlig anderes Weltbild! Die kennen meistens nichts. Ich werde dann immer, in der Vortragssituation, leicht wütend, wenn das wieder und wieder kommt.

Matriarchat: Umkehrung des Patriarchats?

GS: Auch auf diese Gefahr hin … Du schreibst in deinem Buch über matriarchale Gesellschaften, die Frau sei die Schöpferin der Kunst und der Gesellschaft. Und der Mann – wo hat der seine Rolle? Wie konnte sich aus diesen matriarchalen Strukturen, die relativ herrschaftsfrei funktioniert haben, die patriarchale Herrschaftsform entwickeln? Und wie gehen wir heute damit um, wenn wir gegen diese Herrschaftsform eine Gegenbewegung schaffen wollen?

HG: Das ist ein ganzes Bündel schwierigster Fragen auf einmal. Was die Rolle von Männern in Matriarchaten angeht, kann ich dir nur sagen: in Stammesgesellschaften gelten sie nichts in der Sippe der angetrauten Frau, sondern nur in der Sippe ihrer Mutter. Und dort sind sie als Söhne oder Brüder geachtet und vertreten oft die Sippe nach außen. Solche Männer, die verhandeln oder bei Kriegen eine ganze Sippe oder einen ganzen Stamm nach außen vertreten, – das habe ich aus heutigem Material erschließen können – treten mit ganz anderer Würde und ganz anderem Verantwortungsgefühl auf, als wenn einer nur sich selbst und seine Machtposition vertritt.

Dann gibt es andere Formen, wo Männer und Frauen getrennte Bereiche haben. Die Frauen haben das häusliche und das dörfliche Leben bestimmt, während die Männer ihre Organisation in freier Natur gehabt haben, auf Jagden oder bei der Kriegsführung, das hat man in Nordamerika gut beobachten können. Das hat aber nicht die dominante Stellung der Frau in den sesshaften Bereichen, den Pueblo- oder Zeltstädten, tangiert; das war nach Bereichen getrennt.

Bei den hochkulturellen Matriarchaten des matriarchalen Königtums haben wir dann eine interessante Erscheinung. Das war kein autonomes Königtum wie in den patriarchalen Gesellschaften, sondern bezogen auf Tempelzentren und auf die Priesterinnen, die dort tätig waren. Diese Könige hatten die Aufgabe, die Männer für oft komplizierte Bautätigkeiten zu organisieren. Das fängt an bei den Bewässerungssystemen dieser hochkulturellen Matriarchate der alten Induskultur, in Altägypten, der ältesten Euphrat- und Tigriskultur; das war keine gering geschätzte Aufgabe. Daraus ergab sich eine erweiterte Bautätigkeit, die dann in Landgestaltung, in Steinaufbauten bis hin zu Tempelbauten bestanden, auch das war die Aufgabe der Männer. Aber wie und was, unter welchen symbolischen und spirituellen Zusammenhängen gebaut wurde, das haben die Priesterinnen im Tempelzentrum bestimmt; denn sämtliche Bauanlagen waren symbolisch und spirituell, deren spirituell mythischer Geist in den Tempelzentren vertreten wurde. Heute starrt die Archäologie meist auf das Königtum und die phantastischen Dinge, die gebaut wurden, und weiß überhaupt nicht mehr, dass im Hintergrund die Prägerinnen dieser Bauwerke und -tätigkeit saßen. Deswegen gibt es in Geschichtsbüchern so herrliche Fehlurteile: Sobald ein König auftritt, der eine Pyramide baut, ist das schon eine patriarchale Kultur; was überhaupt nicht stimmt, weil man das Sozialgefüge zwischen Tempelzentrum und Königshaus missachtet oder nicht kennt. Das spiegelt sich auch in der Mythologie wider. Der Sonnenheros, der in diesen Mysterien und Zyklen auftritt, ist ja keine unterdrückte Person, sondern wird manchmal fast zum Zentrum des Ganzen. Doch das ist dann unserer Perspektive; das Zentrum ist nicht er, sondern, ich sage es mal mythologisch: so wie die Sonne ein Teil des ganzen Gestirnhimmels ist, ist er ein wichtiger Teil des Gestirnhimmels, aber nicht das Zentrum. So wurde das auch tatsächlich aufgefasst. Die Frauen dieser alten Kulturen jedenfalls würden lachen, wenn man ihnen sagte: Ihr unterdrückt die Männer, die würden sagen: „Unterdrückt die Nacht die Sonne?“

Erklärungsmodelle patriarchaler Gesellschaften

HG: Dann hast du gefragt, wie das mit den Umschwüngen war. Dazu gibt es viele Thesen. Lauter einlinige Thesen, die für alle Kontinente, zu allen Zeiten, bei jeder Bedingung stimmen sollen. Davon halte ich nicht viel. Ich versuche, in meiner neuen Arbeit diese Umschwünge gesondert zu untersuchen. Im eurasischen Raum hat es keine immanenten Mechanismen gegeben, sondern wahrscheinlich eine Entwicklung, die durch katastrophale Existenzbedingungen zustande gekommen ist und in der Folge zu katastrophalen Völkerwanderungen geführt hat. Diese Stämme haben im Zusammenbruch ihrer eigenen Gentilverfassung gelebt und kamen praktisch als Räuber in die alten matriarchalen Hochkulturen im Mittelmeerraum und im Vorderen Orient. Ich sage „Räuber“ jetzt nicht abwertend, sondern im Sinne von Menschen, die ohne jegliche Sozialstruktur lebten, weil sie Generationen lang Katastrophen hinter sich gebracht hatten. Die kamen in ihrer desolaten Verfassung in ein Land, das reich war und wo der Ackerbau blühte. Wahrscheinlich hatten sie gar keine andere Wahl, als es zu erobern; als sie es erobert hatten, hatten sie keine andere Wahl, als ihre Herrschaft zu sichern. Sobald diese Überlagerung kam, kommen erst mal dunkle Jahrhunderte, in denen man archäologisch fast nichts mehr findet. Daraus haben sich dann die ersten „Zwei-Schichten-Staaten“ gebildet, in denen diese Räuber aus Existenznot ihre kriegerischen Mechanismen einsetzten, die die anderen Kulturen nicht kannten. Dadurch setzten sich dann, weil das Männer waren, das Übergewicht der Männer, der Kriegstechniken und damit der Herrschaft durch. So entwickelte sich Patriarchales.

Das ist die These, wie durch katastrophale Klimaverschiebungen und entsprechende Völkerwanderungen in Europa und Asien die Verhältnisse verlaufen sein könnten. Darüber hinaus besteht immer noch das Problem, wie in anderen Gesellschaften, die nicht solch extreme Bedingungen erlebt haben wie im Pazifik oder in Afrika, immanent die Umschwünge geschehen sind. Ich muss sagen, da habe ich des Pudels Kern auch noch nicht ganz gefunden.

Es gibt einige Theorien, besonders von marxistischen Theoretikern, wie durch Anhäufung von Heiratsgut oder Gütern, die durch gegenseitigen Sippentausch sich in einer Hand häuften, ein Übergewicht einzelner Männer entstanden ist – sie nennen das dann schon ‚Privateigentum‘, was auf dieser frühen Stufe bestimmt nicht gilt, weil das Bewusstsein von Privateigentum gar nicht vorhanden war –, und ihnen dadurch auch mehr Möglichkeiten gegeben wurden, Handel zu treiben. Wie durch dieses Übergewicht sich langsam auch ein stärkeres Bewusstsein herausgebildet hat, das zur Patrilinearität geführt hat, und dann zum Übergewicht von Häuptlingen, die sich allmählich unabhängig machten; wie also stufenweise, durch Bewusstseinsstufen hindurch, Patriarchate entstanden sind – all das wären Theorien immanenter Mechanismen. Auf keinen Fall aber taugen solche Erklärungsmuster, dass durch Erfindung eines einzigen Gerätes wie des Pfluges oder einer einzigen neuen Wirtschaft des Getreidebaus oder einer einzigen neuen Erkenntnis wie der Vaterschaft schlagartig und plötzlich das Patriarchat entstanden sei. Diese Entstehungsprozesse dauern jahrhundertelang und sind Prozesse der Verschiebung von Gütern, von Technologie und Bewusstsein auf die Seite der Männer. Doch das muss man im Einzelnen nachforschen, man kann da keine Bausch-und-Bogen-These machen; und das ist ein Teil meiner Forschungsaufgabe.

AvP: Ich habe eine Frage, die spiegelbildlich dazu ist: was wären für dich die Gründe und Ursachen, die die Abschaffung und Überwindung des Patriarchats in der Gegenwart möglich machen? So wie in einem langen Prozess das Patriarchat entstanden ist, so deuten heute bestimmte Faktoren darauf hin, dass das Patriarchat nicht mehr haltbar sein könnte.

HG: Also, in einem Punkt muss ich manchen Forscherinnen und Forschern eine Illusion nehmen. Manche glauben nämlich, wenn man die Mechanismen kennt, wie das Matriarchat zum Patriarchat umschlug, könne man das vice versa wieder umdrehen. Das geht überhaupt nicht. Erstens gibt‘s nicht eine Ursache und einen Mechanismus, sondern das sind lange komplizierte Entwicklungen; und zweitens sind die historischen Bedingungen heute so anders, dass man nicht durch die Umkehr irgendeines Mechanismus wieder ein Matriarchat herstellen kann. Das ist schlicht eine Illusion; da hat man ein rein mechanistisches Geschichtsbild.

Was für mich so spannend an dieser Forschung ist, dass ich, je mehr ich mich mit der matriarchalen Gesellschaftsform beschäftige, desto deutlicher erkenne, was an patriarchalen Mustern und Strukturen, an Bildern, Verhalten und Vorstellungsweisen eigentlich alles existiert. Wir unterschätzen das, weil wir das so gewöhnt sind. Und wenn man die überwinden will, muss man sie sehr genau kennen. Darum liegt mir sehr daran, das Patriarchat in seiner Entwicklung und in seinen Mustern bis heute genau zu erfassen. Und aus der Erforschung der alten Matriarchate kommen uns vielleicht Anregungen, in welche Richtung man es überwinden könnte. Aber nur das, nur die Richtung; weil die Imitation einer historisch vergangenen Gesellschaftsform nicht möglich ist.

Ende des Patriarchats

AvP: Meine Frage war ja: Kann man das Patriarchat überhaupt überwinden? Gibt es Argumente, die besagen, dass es nicht nur ein Mit-dem-Kopf-an-die-Wand-Rennen, sondern von der Struktur her auch möglich ist?

HG: Weißt du, das Patriarchat mit seinen Strukturen wird mehr und mehr Menschen dubios; nicht nur Frauen erkennen das und leiden darunter – mehr und mehr Männer auch. Mittlerweile hat unsere Technologie, unsere Strategie und unser militärisches Denken, die ökologischen Probleme und die der Gesellschaft, die Brutalität und Kriminalität unserer zerrütteten Gesellschaft einen Grad an Absurdität erreicht, dass immer offensichtlicher wird, welche Sprengkraft darin liegt. Das ist nicht nur eine Gegenwartsaufnahme, sondern das sind grundlegende Gegensätze, Widersprüche und Brüche, die sich mehr und mehr verstärken.

Sie zeigen, dass die patriarchale Gesellschaft sowohl in ihrem Verhalten gegenüber der Natur, als auch gegenüber den Menschen und im Verhalten der Staaten untereinander dermaßen absurd geworden ist, dass wohl kein vernünftiger und aufgeschlossener Mensch heute diese Gesellschaftsform noch für entwickelbar hält. Ich habe absichtlich an die Absurdität der Waffenrüsterei erinnert, die ja mittlerweile so gigantisch ist, dass sie – hoffentlich – nicht mehr anwendbar ist. So geht’s auch den menschlichen Beziehungen, wo die Atomisierung des Individuums so weit gediehen ist, dass die Vereinzelung, die Isolation und die Einsamkeit bald nicht mehr tragbar ist.

Das ist so was wie ein Endpunkt einer Entwicklung, die in einer Gesellschaft begann, der Gentilverfassung, in der jede Person im Rahmen dieser Verwandtschaftsordnung irgendwo aufgehoben war; die wurde dann zerschlagen in die patriarchale Großfamilie, die sich um einzelne Männer gruppierte; die wurde dann zerschlagen in die patriarchale Kleinfamilie; und heute wird die patriarchale Kleinfamilie noch zerschlagen. Das Ende ist ein isoliertes, einsames, atomisiertes Individuum, das staatlichen oder sonst welchen Manipulationen hilflos ausgesetzt ist. Dies ist ein Endpunkt; denn danach kann man nicht noch etwas atomisieren. Auch das ist eine Absurdität.

BD: Diese Widersprüche, diese negativen Eigenschaften unserer heutigen Gesellschaft werden sicher von immer mehr gesehen. Aber es gibt nur wenige Menschen, die das mit dem „Patriarchat“ in Verbindung bringen.

HG: Weißt du, es ist die Aufgabe meiner historischen Forschung, diese Traditionslinie zu zeigen. Darum habe ich daran erinnert, wie eine nicht-hierarchische Gemeinschaft mehr und mehr zerschlagen wurde bis zu diesem absurden Endpunkt heute. Er ist wichtig, dass wir das nicht nur als Crux unserer modernen Gesellschaft sehen, sondern als eine konsequente patriarchale Entwicklung durch ihre wirklich menschenverachtende Einstellung. Das Ergebnis ist das, was wir heute haben. Es ist ja keineswegs nur die Frauenbewegung; es sind mehr und mehr denkende Männer, die kritisieren, die New-Age-Bewegung, die Alternativbewegungen; egal an welchem Punkt angefangen wird – die Wunden sind so offensichtlich, dass diese Kritik häufiger, vielschichtiger und immer dringender wird. Und das sind für mich Zeichen dafür, dass diese Gesellschaftsform, in der wir leben, nämlich das Patriarchat, am Ende ist.

Systemveränderung durch Basisvernetzung?

HG: Gerlinde, du hast vorhin noch gefragt: Wie ist es möglich, aus einer herrschaftsdurchsetzten zu einer nicht-herrschaftsdurchsetzten Gesellschaftsform zu kommen? Das ist echt ein Kunststück.

Es ist natürlich einfach, in einer herrschaftsfreien Gesellschaft Herrschaft einzuführen, indem einige plötzlich ihren Egoismus entdecken und die Vorteile auf sich häufen. Aber wie löst man aus einer herrschaftsdurchsetzten sich wieder heraus? Das ist wirklich ein großes Problem. Ich kann euch das auch nicht schlicht und einfach beantworten. Ich kann euch bloß meine persönlichsten Ideen dazu sagen und euch das ins Gedächtnis rufen, was schon viele Menschen versuchen: nämlich nicht wieder mit einer großen Strategie, d.h. Revolution von oben oder unten, in der die Menschen wieder hierarchisch gegliedert werden, je nachdem, wie weit ihr Bewusstsein gediehen ist; sondern so, wie es heute eigentlich probiert wird: in kleinen Gruppen, an vielen Orten, an vielen Stellen konkret anzufangen, Verhaltensformen und Gesellschaftsformen zu ändern. Und diese Gruppen sind in meinen Augen schon nicht mehr einzelne subkulturelle Erscheinungen, sondern das ist schon zu einem Netz geworden.

Und das ist deswegen so interessant, weil dieses Netz gar nicht herrschaftsdrohend gegen die Herrschenden vorgeht, sondern dem die Herrschenden einfach gleichgültig sind. Die gliedern sich, so weit sie können, aus den Hierarchien, Institutionen aus; leben dafür natürlich bescheiden, oft überbescheiden. Aber dadurch unterlaufen sie all das, was von ihnen erwartet wird. Sie unterlaufen, was von den Menschen erwartet wird, den Ehrgeiz, in der Hierarchie aufzusteigen, dass man dauernd am Konsum und Reichtum teilhaben muss; sie unterlaufen das. Und das ist für Leute, die dauernd in den Vorstellungen von Herrschenden und Beherrschten, die dann auch herrschen wollen, denken, höchst verwirrend. Es ist fast so, als ob denen der Boden unter den Füßen wegschmilzt, bis solche Riesen auf tönernen Füßen stehen.

GS: Das ist doch aber ein ganz wunder Punkt. Denn in dem Moment, wo sich das Netz so entwickelt hat, dass es als eine Gefahr gesehen wird, könnte es ja sehr massiv bekämpft werden. Es ist ja nicht so, dass die Herrschenden auf einem so niedrigen Stand sind, dass sie uns egal sein könnten. Kann man das wirklich so alternativ unterlaufen, wenn die Geschichte des Patriarchats doch gezeigt hat, wie es es geschafft hat, die matriarchalen Elemente zu unterdrücken?

HG: Ich habe vorhin nur geschildert, wie es heute verläuft. Dass vielleicht, wenn es zu viele werden, massiver Druck von oben kommt, ist ja nicht ausgeschlossen. Nur, es gibt heute Faktoren, die eben anders sind als früher. Man kann heute, wenn sehr viele Menschen nicht mehr in diesen Hierarchien und Institutionen mitarbeiten, nicht mehr ohne Weiteres bewusstlos mit den Waffen auf sie einschlagen. Dazu sind die Waffen heute zu gefährlich und die öffentliche Meinung zu groß und zu breit. Das klingt etwas idealistisch und naiv, wirst du vielleicht sagen, – aber ich meine, in unseren westlichen Demokratien gibt es immerhin noch einen Mechanismus, nämlich die Abhängigkeit der Regierenden von ihren Wählern. Das ist zwar in gewisser Weise formal, aber nicht ganz zu unterschätzen. Zudem haben wir Zivilisationsformen entwickelt, die auch in ihren negativen Mechanismen für viel mehr Menschen durchsichtig geworden sind, als das früher war.

Das sind Faktoren, die ins Gewicht fallen können. Ich kann nicht sagen, das läuft so; ich kann keine Prognose machen, ich bin kein Prophet. Aber ich kann darauf hinweisen, welche Faktoren heute ins Gewicht fallen können, die durchaus auch die stützen können, die anders leben wollen.

GS: Jetzt verstehe ich das. Mich hatte nur verwirrt, dass du in deinem Buch von der Öffentlichkeit im Patriarchat als einer Enklave der Ohnmacht gesprochen hast.

HG: Hab‘ ich das? Das müssen wir mal im Zusammenhang gucken; ich hab‘s bestimmt nicht in dem politischen Sinne gemeint. Du beziehst dich sicher auf die „Tanzende Göttin“; das ist essayistisch geschrieben, bitte vergiss das nicht ganz. Ich kann in einem Buch, in dem ich die Geschichte des Matriarchats und eine Patriarchatskritik im Detail ausführe, zu solchen Fragen viel detaillierter Stellung nehmen, wie ich es hier jetzt auch versuche, als in einem Buch, in dem ich mich essayistisch mit den Fragen „matriarchaler Kunst und Spiritualität“ auseinandersetze.

Feminismus und Marxismus

BD: Zum Teil bist du ja schon darauf eingegangen; aber könntest du doch noch Genaueres zu deinem Verhältnis zum Marxismus, zu den sozialistischen Revolutionen und Staaten sagen?

HG: Weißt du, ich werde oft, auch von Frauen gefragt: Inwieweit ist denn das, was du hier vertrittst auch politisch, oder wieweit kann‘s auch revolutionär werden? Da frage ich immer: Was meinst du damit? Welchen Politikbegriff, welchen Revolutionsbegriff hast du? Solange wir Politik- und Revolutionsbegriffe entwickeln – auch wenn sie von unten kommen –, wo wieder mit Kadern und abgestuften Arbeiten operiert wird, sind wir noch immer in dem hierarchischen Modell. Das zeigen ja auch die noch so interessanten Volksrevolutionen, die letzten Endes wieder zum Aufbau hierarchischer Staaten führten. Da hat schon an der Struktur der Revolution was nicht gestimmt; das waren keine Revolutionen, die von den konkreten Bedingungen von Individuen und kleinen Gruppen ausgegangen sind, sondern die wieder eine allgemeine Strategie hatten. Ich muss sagen, in dem Sinne steckt hinter dem Spirituellen oder der spirituellen Arbeit, die ich euch geschildert habe, in der Tat ein anderer Politikbegriff: verschiedene Menschen an verschiedenen Orten, die aus ganz verschiedenen Gründen kritisch aus dem System austreten, die sich gar nicht abgesprochen haben, aber durch die Entwicklung eine Art Netz ohne Dachorganisation bilden, das ist eine andere Revolution, die sich weder organisiert noch strategisch verbindet; drum ist die auch nicht zu greifen.

Man hat das ja auch in der Frauenbewegung. Die gibt‘s mal da und mal dort; das entzündet sich an immer anderen Problemen. Die haben sich doch nicht abgesprochen, die Frauen! Die haben auch keine Strategie; aber das ist dauernd virulent und dadurch von gewissen herrschenden Leuten nicht zu fassen. Das ist eine andere Art von Revolution, die weiterbringt, weil sie den Menschen nicht strategisch übergeht, sondern von ihm ausgeht. Die dauert natürlich etwas länger als die Revolution, die, wie die sozialistische, innerhalb von einer Generation eine andere Welt schaffen will.

BD: Ich könnte mir vorstellen, dass man fragt: Haben wir die Zeit dafür?

HG: Tja, du hast recht; nur, da können wir alle nichts dazu. Wir haben nur die Alternative: Wollen wir wieder so eine Hauruck-Revolution, die viele Menschen zu Tode gebracht hat und trotzdem die alten Strukturen wiederbringt; oder wollen wir die behutsame Revolution, die auf die Menschen Rücksicht nimmt …

BD: … und die andauert …

HG: … die über Generationen hinweg geht. Auch die Revolution, die das Patriarchat eingeführt hat, ging nicht von einer Generation auf die andere – obwohl zerstören immer leichter ist als aufbauen; sage ich mal etwas plakativ. Wir können nur in der Zeit, die uns gegeben ist, tun, was wir können; wie viel Zeit wir haben, wissen wir nicht. Wir kennen das aus der Friedensbewegung; die hatten auch nicht furchtbar viel Zeit, denn das Wettrüsten geht weiter. Aber sie hat versucht, Zeit zu gewinnen. Wir haben die Aufgabe, Zeit zu gewinnen; ob wir sie noch haben, ist eine metaphysische Frage, die keiner beantworten kann.

AvP: Würdest du wirklich sagen, dass die sozialistischen Revolutionen eine Weiterführung dessen waren, was patriarchale Herrschaft möglich gemacht hat? Oder sind da nicht doch Mechanismen entstanden, durch die sich auch andere Interessen haben artikulieren können, wie die Arbeiterbewegung?

HG: Es ist genauso wie bei den Demokratisierungsprozessen, durch die andere Bevölkerungsschichten auch eine Chance bekamen, sich staatlich durchzusetzen. So ist das auch in den sozialistischen Revolutionen geschehen, weil da erstmals die Arbeiterschaft ins Licht der Geschichte trat und eine Rolle und Aufgabe erhielt. Ich würde das aber deswegen noch als patriarchal bezeichnen, weil noch immer die Blindheit in Bezug auf die Situation der Frauen besteht. Die patriarchale Gesellschaft ist ja nicht seit ihrem Beginn bis heute dieselbe geblieben. Da gibt es eben soziale Revolutionen; das sind Entwicklungen weiter. Sie sind nicht zu Ende geführt worden und deswegen patriarchal, weil in ihnen noch immer die mann-zentrierte Perspektive besteht. Der Mann – ob er nun Bourgeois ist oder Arbeiter, König oder Untertan – ist immer noch Zentrum des Denkens und der Weltsicht.

Ich möchte mal an das spannende Wort von Engels erinnern, dass der erste soziale Gegensatz, und zwar der grundlegende, durch die Unterdrückung der Frau in die Welt gekommen ist. Eine schöne These von ihm und anderen marxistischen Theoretikern; nur die Konsequenz haben sie nicht daraus gezogen. Sie haben die Gesellschaftsform, die den Arbeiter, den Bourgeois usw. in Bezug setzt, nicht nochmal auf die Situation und auf die Geschichte der Frauen hinterfragt. Das ist ein gutes Programm, das unausgeführt geblieben ist und heute radikal und grundlegend wieder von Feministinnen aufgegriffen wird, die eindeutig feststellen, dass die Probleme, die mit der Situation der Frauen zusammenhängen, eben nicht gelöst sind, wenn sich die Arbeiter-Unternehmer-Gegensätze lösen, sondern viel tiefgreifender sind, weil geschichtlich älter, viel grundlegender in allen Bereichen.

AvP: Würdest du meinen, dass das eine Bedingung für das andere ist?

HG: Was Bedingung für was?

AvP: … dass die Abschaffung des Privateigentums an den Produktionsmitteln und der Verfügung über sie – logischerweise von Männern –, also die Sozialisierung, eine notwendige Stufe ist; wobei ich dir Recht gebe, dass damit das Frauenproblem noch nicht gelöst ist.

HG: Also, das hängt zusammen. Wenn man der Engels‘schen These folgen würde, das Privateigentum sei allein der Faktor gewesen, der zur Unterdrückung der Frau durch den Mann geführt habe, dann würde logischerweise die Abschaffung des Privateigentums genügen, um die Frauen zu befreien. Aber das ist eben nicht der einzige Faktor. Es kommen noch biologische und kulturelle Faktoren hinzu; alles Faktoren, die man im Grunde nur herausbekommt, wenn man Matriarchatsforschung betreibt. Es gibt eben die verschiedene Situation von Frauen und Männern, dass Frauen zur Mutterschaft fähig sind oder Kinder haben; daß Frauen tatsächlich Kulturschöpferinnen waren und eine völlig andersartige Kultur geschaffen haben, als sie dann in den Patriarchaten entwickelt wurde. Das Privateigentum ist nur ein Faktor, wenn auch ein wichtiger, aber nur einer. Wenn man sieht, wie viele Faktoren da noch hineinspielen, um das Patriarchat zu ändern, dann muss man weit hinter die marxistische Klassenanalyse zurückgehen, auch im philosophischen Hinterfragen.

In dem Sinne ist tatsächlich die marxistische Denkweise – wie progressiv auch immer, das würde ich in keiner Weise bestreiten – doch noch eine patriarchale Denkweise, weil mann-zentriert, die Analyse der Frauensituation, auch der geschichtlichen, bleibt weg. Ebenso die Vorstellung, man könne die Geschichte erfassen auf so einer schönen Linie: so wie die Geschichte begonnen hat, so schafft man sie am Ende ab – und dann kommt die wunderschöne Utopie. Das ist eine einlinig kausale Denkweise und typisch für patriarchale Wissenschaft, ich kann mir da nicht helfen.

AvP: Ich würde da zwar mehr die dialektischen Elemente in den Vordergrund stellen, …

HG: ok., ich habe mich jetzt mehr auf Engels bezogen; da kommt das manchmal so‘n bisschen plakativ-kausal heraus.

AvP: … aber manchmal auch differenziert.

HG: Ich meine die Geschichte mit dem Privateigentum. Sobald das abgeschafft ist, verschwinden die Klassengegensätze, und alle sind befreit.

AvP: Aber es kommt von ihm doch auch anderes.

HG: Ich habe mich da jetzt nicht auf Marx bezogen, der da differenziert und dialektisch arbeitet. Nur möchte ich dir nochmal sagen: Dialektik ist in der Tat eine Schreibtischphilosophie, auch die Dialektik der Widersprüche. Mich interessiert an dem Punkt, was ich auch in meine Arbeit mit hinein nehme, um wieviel vielfältiger und reicher die Widersprüche sind, wenn man sie erlebt in praktischer Arbeit, als wenn man sie, wie gesagt, mit der dialektischen Widerspruchsphilosophie einzuholen versucht. Ich will keineswegs die Reichweite der marxistischen Analysen und ihre Bedeutung verkleinern. Aber es ist noch sehr viel Schreibtischphilosophie und patriarchale Denkweise darin, was sich eben leider in der Struktur sozialistischer Staaten mit ihrem Hierarchiegehabe wiederum ausdrückt. Aber das sind jetzt Thesen, über die könnten wir uns noch stundenlang unterhalten.

AvP: Ich glaube, da könnten wir schon zusammenkommen. Wenn Marx alte Gesellschaftsformationen studiert, dann macht er das auch sehr detailliert und ohne große Schablonen. Aber gut; da kamen dann auch wieder vage allgemeine Aussagen vor, wie bei dir ja auch, wenn du sagst, das und das sei „essayistisch“ gemeint, und wenn man‘s konkret machte, würde es natürlich komplizierter … Das sind Sachen, da müsste man sich im Detail streiten.

HG: Das Wichtigste aber ist seine Denkweise, die ausschließlich auf die Analyse der sozialen Bezüge von Männern gerichtet. ist. Wo bleibt der ganze Reproduktions- und Arbeitssektor der Frauen? … fällt völlig weg! Wo bleibt die Geschichte der Frauen? … ist nicht drinnen!

AvP: Aber es ist doch nicht von der Lehre her ausgeschlossen!

HG: Es ist faktisch ausgeschlossen.

AvP: Das muß nicht … Eine materialistische Herangehensweise im Sinne von Marx schließt das überhaupt nicht aus – im Gegenteil.

HG: Es ist theoretisch nicht ausgeschlossen, aber es ist nicht getan worden. Und die Folge davon ist der Aufbau der sozialistischen Staaten. Das siehst du, da sind die Frauenprobleme mitnichten gelöst worden.

CS: Aber hängt das nicht auch von der historischen Situation ab? Wenn ich mir vorstelle – ganz spekulativ gedacht –, wir würden in einigen Jahren die sozialistische Revolution haben, dann würde es bei uns sicher ganz anders aussehen als  z.B. in der DDR, weil doch der Stand unserer Frauenbewegung und auch der bewussten Frauen ein ganz anderer ist.

HG: Ich weiß nur nicht, wie weit in den sozialistischen Revolutionen die Frauenbewegung dann wieder unterdrückt würde. In Russland wird jeder feministische Ansatz absolut unterdrückt, weil man dort von der Ideologie ausgeht, dass mit der Auflösung der Klassengegensätze jedes Frauenproblem gelöst ist; da ist keine Kritik möglich. Es ist in der Theorie nicht drin, dass die Frauen die marxistische Analyse patriarchal hinterfragen, dass mit der Analyse der Klassengegensätze und des Privateigentums noch nicht alles geleistet worden ist.

Ich möchte den Gedanken als Anregung hier einfügen, dass die marxistische Klassenanalyse nämlich im Grunde erst ab einer bestimmten historischen Entwicklungsstufe passt, erst ab der antiken Sklavenhaltergesellschaft. Ab da untersucht Marx; ab da passt’s. Und das ist eine typisch klassisch patriarchale Gesellschaft. Während, wenn du dir matriarchale Gesellschaften, die Gentilgesellschaften anschaust, da passt die Klassenanalyse überhaupt nicht. Und darum ist es mir begreiflich, warum Marx bei seinem Denkapparat die Analyse der Nicht-Klassengesellschaften gar nicht in den Blick bekommt. Es ist eben unsere historische Aufgabe heute, das zu überschreiten, die Analyse nochmal gründlicher zu machen, nochmal mehr in die Geschichte zurückzugehen, da wo eben mangels Wissen oder auch Kenntnisse über solche Gesellschaften die Analyse noch nicht möglich war. Ich will nicht sagen, dass Marx, wenn heute leben würde, das auslassen würde. Heute würde er es vielleicht tun.

AvP: Darauf kam es mir an.

HG. Ich würde mich ja sehr freuen, wenn auch von Marxisten die Patriarchatskritik weitergetrieben wird; aber sie wird faktisch nicht. In den Ostblockstaaten mag das Problem darin liegen, dass sie ihre Gesellschaft noch immer nicht als Patriarchat begreifen. Das wäre ja eine immanente Kritik, die dort sehr schwierig ist.

BD: Aber das ist ja auch eine lange Entwicklung, bevor man seine Gesellschaft als patriarchal begreift. Alles in unserer Sozialisation arbeitet doch darauf hin, dass das verwischt wird, dass das nicht existiert.

HG: Ja, wie ich eingangs schon sagte, waren die Begriffe „Patriarchat“ und „Matriarchat“ bei uns vor 10 Jahren noch völlig tabu; die sind erst heute wieder salonfähig. Und in dieser Hinsicht muss das Bewusstsein, dass sozialistische Staaten ihre patriarchalen Elemente und Strukturen noch immer haben, auch erst langsam durchdringen. Vielleicht gibt es dann auch mal zureichendere Analysen.

Zweifellos gibt es ja marxistische Theoretiker, die sehr für die Frauen mitdenken; aber den Rahmen des Systems und der praktischen Probleme setzen immer noch die Männer. Für mich ändert sich grundlegend erst dann etwas, wenn den Frauen nicht gesagt wird: hier könnt ihr euch gleichberechtigt an der Ökonomie beteiligen, eure Kinderkrippen usw.; sondern wenn Frauen mal in den Stand gesetzt werden, den Rahmen der Gesellschaft mitzubestimmen. Solange das nicht der Fall ist, werden die alten Sozialstrukturen unausrottbar bleiben, werden sich die Frauen überlegen, warum sie ihre Kinder im Kinderhort abliefern sollen, wenn sie noch nicht einmal den Rahmen der Erziehung bestimmen können.

Matriarchale Gesellschaften sind nun mal die, wo Frauen bestimmend den Rahmen der Gesellschaft prägen, nicht allein, aber bestimmend. Und solange das nicht gegeben ist, hast du Patriarchate. Da muss man ihnen den Raum einräumen, überhaupt das framework, das Gesamte der Gesellschaft, theoretisch und praktisch mitzubestimmen.

Ganzheitlichkeit“ contra „Basis-Überbau“

BD: Du hast es eigentlich gerade selber angesprochen. Wenn eine Frau mitbestimmen würde, dann wäre für sie nicht das Problem: wie finanziere ich eine Krippe, wie gehe ich arbeiten? Sie würde ganzheitlicher denken, sie würde fragen: Wie kann ich gesellschaftlich tätig sein, ohne mich von meinem Kind zu trennen? Wie müssen die gesellschaftlichen Bedingungen sein, dass diese Trennung eben nicht vollzogen werden muss?

HG: So sehe ich es auch. Eine Frau würde sagen: mich interessiert doch nicht nur der ökonomische Faktor, sondern der ökonomische, der seelische, der spirituelle und der geistige zugleich. Das ist eine andere Denkweise.

Erst wenn wir wirklich gleich sind, politisch und ökonomisch, dann setzt sich diese Perspektive durch. Auch wenn wir die juristische Gleichberechtigung haben und in der marxistischen Theorie auch die ökonomische Gleichberechtigung der Frau, sie wird – aus welchen Gründen auch immer – nicht realisiert. Wenn man sich die Spitze der Hierarchien und der Institutionen anschaut, da sind irgendwelche retardierenden Mechanismen, die unbewusst patriarchal sind bei diesen Männern.

Trotzdem, ich habe in keinem Punkt bestritten, dass die Bestrebungen marxistischer Männer oder auch progressiver bürgerlicher Männer notwendig sind, um überhaupt erst mal eine Gleichheit der Chancen für Frauen herzustellen. Aber bei allen progressiven Tendenzen – die Analyse geht noch nicht weit genug. Deswegen bezeichne ich – das ist vielleicht eine kuriose Bezeichnung – die marxistischen Staaten als „patriarchal-reformistisch“. Sie sind, was das patriarchale Element betrifft, keineswegs revolutionär, sondern reformistisch; wenn dir das was sagt, dieses Wort. Mir hat‘s zur Klärung was genützt.

AvP: Zwischen Revolution und Reform muss man ja nicht so absolut trennen.

HG: Also, ob du eine patriarchale Gesellschaftsordnung und Denkweise hast oder eine andere, das ist schon ein ganz gewaltiger Sprung. Das sage ich nicht nur von meiner Theorie her, sondern auch von meiner praktischen Erfahrung. Wie lange ich selbst mit anderen Frauen darum ringe, die ganze patriarchale Infiltration und Erziehung, die wir in uns haben, herauszubekommen!

In meinem ganz persönlichen Leben erlebe ich jeden Schritt wirklich als revolutionär und sehr verändernd. Versucht z.B. mal, nicht dualistisch zu denken, sich wirklich so zu verhalten, also – ich sage das jetzt so als Schlagwort: es ist wahnsinnig schwierig. Da sehe ich nämlich, in wie vielen Gewohnheiten wir stecken, die in uns unbewusst viel stärker sind, als wir meinen.

US: Gerade bei den Prozessen der Selbstbewusstwerdung passieren wahnsinnig viel Rückschläge, permanent. Aber ich denke, genauso wie das Automatismen sind, die man mit sich herumschleppt, muss auch das Neue sich zum Automatismus entwickeln; und bis sich das vom Bewusstsein im Verhalten widerspiegelt, ist noch ein weiter Schritt.

HG: Ja, deswegen ist auch der Weg, den die Frauenbewegung am Anfang nahm, der conscious raising groups, also der Gruppen, die Bewusstsein verändern, so enorm wichtig; denn diese Art von Revolution beginnt wirklich beim Individuum, beim Bewusstsein. Sonst fallen wir wieder, selbst wenn wir das Beste wollen und beabsichtigen, in unbewusste patriarchale Mechanismen zurück, Frauen wie Männer.

US: Die bilden ein unheimliches Kontrollsystem, auch sich selbst gegenüber.

HG: Das geht bis in die Träume, bis in die unbewussten Visionen, bis in die Gefühle.

GS: Was mir dabei sehr schwer fällt, ist, dass dieser Prozess ja zu einem sehr großen Teil über die wissenschaftliche Aneignung läuft, über eine Denkform, gegen die ich mich ja zunächst einmal stelle.

HG: Diese Brüche haben wir, weil wir uns in dieser Kultur bewegen und deren Sprache brauchen, um uns verständlich zu machen. Wir leben ja nicht in einer heilen, utopischen Gesellschaft.

US: Auch die Form von Wahrnehmung, die sich ja auch verändert. Du nimmst zunächst ja mal das wahr, was du kennst, und mit dem du in deinem Kulturkreis verwachsen bist, wovon du einen Begriff hast. Von dem Moment an, wo dein Bewusstsein sich ändert, verändert sich auch deine Sensibilisierung und du nimmst die Dinge anders wahr,

HG: Ich möchte es auch nochmal von der Seite des Unbewussten her betonen. Das ist eben ein Punkt, wo selbst die progressivsten Denker plötzlich ihr patriarchales Unbewusstes hervorkehren. Die Beziehung zwischen Männer und Frauen ist sehr stark von seelischen, auch von erotischen Faktoren geprägt, die tief in unser Unbewusstes reichen. Und da schnappt immer wieder die Falle zu, wenn diese Bewusstwerdungsprozesse nicht geschafft werden. Das ist etwas anderes, als alles durch Ökonomie zu lösen; das sind andere Elemente, viel tiefer greifend.

US: Ich denke, gerade für Frauen ist diese Form der Abhängigkeit wesentlich schwieriger zu lösen als die ökonomische.

HG: Solche Erscheinungsformen hat man bei uns ebenso wie in den sozialistischen Ländern, wo die Frauen im günstigsten Fall relativ unabhängig sind – und dann bilden sie wieder ihre Kleinfamilie. Nicht mehr als Wirtschaftsgrundlage, aber psychisch werden dann die ganz alten patriarchalen Muster wiederholt. Ich meine auch, die marxistische Analyse hat an diesem Punkt das Problem, dass die psychische Innenseite der Menschen kaum ins Blickfeld kommt, es ist mehr die gesellschaftstheoretische Außenseite; aber das ganze Feld der psychischen Innenseite und ihre Verschränkung mit der ökonomischen Außenseite bleibt unklar.

AvP: Sag jetzt aber nicht: „das Ökonomische ist das Unwichtige“.

HG: Ich sage nicht, das eine ist wichtig, das andere ist unwichtig; das eine steht oben, das andere unten. Das wäre schon wieder ein Hierarchisieren. Ich habe lediglich gesagt, der psychologische Bereich, der Innenbereich, fehlt in der marxistischen Analyse. Das wertet sie nicht ab; aber es fehlt ihr der Bereich, um den Menschen wirklich ganz zu erfassen.

US: Bei einem noch so aufgeklärten Mann laufen Sachen ab, die sind über die Begrifflichkeit gar nicht zu lösen.

AvP: Ich find‘s schade – jetzt mal etwas polemisch gesagt –, wenn eine gewisse Elite sich über Fragen des Innenlebens unterhält, während andere schauen müssen, dass sie überhaupt am Leben bleiben. Wenn wir in die Welt hineinschauen, dann müssen wir doch zum Ergebnis kommen, dass Frauen hier in Westeuropa oder Nordamerika eine gewisse Elite bilden. Deswegen mein Beharren darauf, dass die ökonomische Sicherung erst mal vorhanden sein muss. Würdest du nicht meinen, dass insofern eine Hierarchie nötig ist? Ohne eine ökonomische Grundlegung und Sicherung ist es eben sehr schwer, sich auch psychisch zu befreien.

GS: Aber warum nicht gleichzeitig?

US: Du hast schon wieder eine Hierarchie und Rangordnung drinnen!

HG: Was ich vorhin sagte mit dem ganzheitlichen Denken, das ist kein Plakat, sondern eine andere Einstellung, mit den Dingen umzugehen. Ich sage nicht, die Ökonomie ist die Basis, und der ganze Rest ist Überbau. Das ist schon wieder ein hierarchisches Denken, von dem ich nicht ausgehe. Was du sagst, dass, wenn Menschen nichts zu essen haben, sie sterben, darüber brauchen wir doch gar nicht zu diskutieren. Aber dass die Menschen eine Innenseite haben und dauernd auf diese Innenseite reagieren, ist genauso wichtig. Das sehe ich nicht hierarchisch, sondern verschränkt. Es ist nicht die Frage von Psychologie als Teil des Überbaus, sondern dass du wirklich den Menschen, so wie er ist, elementar nimmst. Er hat ja nicht nur Essbedürfnisse; er hat eine ganze Reihe anderer, die dauernd ineinander übergreifen.

Wenn in Amerika und Deutschland die Frauen damit begonnen haben, conscious raising zu machen, dann war das oft eine Art von elementarer Notwendigkeit. Das waren keine elitären Zirkel, sondern das hat besonders den Frauen geholfen, die fast auf der niedrigsten Stufe standen, nämlich den geprügelten Frauen, die in die Frauenhäuser kamen. Mit denen haben Frauen gearbeitet und gearbeitet, damit sie, nachdem sie sich in den Frauenhäusern erholt hatten, nicht wieder in dieselben verbogenen Strukturen zurückkehren, wo sie wieder als Sklavin ihres Mannes, sei es der Arbeiter oder der Bürger, sich prügeln lassen mussten. Damit sie überhaupt erst einen Schritt zu ihrer ökonomischen Selbständigkeit tun konnten, war es für sie elementar wichtig, dass sie erst mal ein Bewusstsein von dem bekommen, was ihnen dauernd passiert ist. Die hielten das für naturgewollt oder gottgegeben – oder gar für richtig –, bis ihnen klar wurde, dass die Familienform, in der sie steckten, absurd ist. Dann hatten sie den Mut zu sagen: jetzt versuche ich, mir mein Geld selber zu verdienen. Es ist wirklich nicht das Entweder – Oder.

US: Aber es ist doch zu beobachten, dass dies Bewusstsein sich regressiv zu entwickeln beginnt. Das war schon mal stärker. Mittlerweile gibt es wieder diese Tendenzen zur Sicherheit; dieses Zurück zu einer bestimmten Weiblichkeit ist gerade wieder unheimlich am Aufflammen.

HG: Welche Form von Weiblichkeit? Die alten Familienformen?

US: Ja, genau; wenn ich beobachte, …

HG: … das wird ja auch politisch gefördert: die „neue Mütterlichkeit“, die „sanfte Macht der Familie“. Das hängt natürlich auch mit der desolaten Arbeitssituation zusammen, wo die Frauen die ersten sind, die die Stellen verlieren. Dann wird ihnen wieder Heim, Haus und Kinder angedient, und das auch noch als – „sanfte Macht“! Ich meine, das ist ein uralter politischer Trick, der ist so neu nicht.

AvP: Aber wenn dieser Trick mal abgeschafft wäre und  ökonomische Gleichberechtigung bestünde, …

HG: … das wäre ein riesiger Fortschritt, da haben wir keinen Dissens. Ich frage mich jedoch: wie schön die Theorie auch ist, wie weit stimmt sie denn in der Praxis mit der ökonomischen Gleichstellung der Frauen überein? Wenn die Frauen immer nur ‚leicht‘ –  wenn‘s nur leicht ist – im Nachteil mit ihren ökonomischen Möglichkeiten gegenüber den Männern sind, dann kann ich mir das nur aus unbewusst patriarchalen Denkweisen erklären, die die Männer haben und immer wieder durchführen. Drum sage ich ja: im Grunde ändert sich nichts – außer die Frauen bestimmen den Rahmen der Gesellschaft ganz stark mit. Sonst ändert sich da nichts.

Das Gespräch führten Bärbel Duft, Alexander v. Pechmann, Gerlinde Schermer, Ulrike Schwemmer und Christine Steffen.

aus: Widerspruch 1/85: Frauen Denken

Simanowski – Sprachmaschinen

Roberto Simanowski

Sprachmaschinen

Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz

Pb., 288 Seiten, 23,- €

München 2025 (C.H. Beck-Verlag)

von Konrad Lotter

Die verbreitetste Form ihrer Anwendung besitzt die künstliche Intelligenz in Form verschiedener Sprachmaschinen. Sie tragen verschiedene Namen wie ChatGPT und Gemini (in verschiedenen Versionen), Grok oder Deep Seek und wurden vor allem in den USA und in China entwickelt. Der europäische Nachzügler OpenEuroLLM befindet sich erst im Aufbau. Mit ihren unglaublichen Fähigkeiten erleichtern und beschleunigen sie das tägliche Leben und die Arbeit der Menschen. Sie verwandeln das gesprochene Wort in Schrift und können Geschriebenes laut vorlesen. Sie versorgen uns mit Informationen, geben Antworten auf alle Fragen und erklären die Welt. Durch ihre Fähigkeit, von einer Sprache in andere Sprachen zu übersetzen, heben sie die babylonische Sprachverwirrung auf. Vor allem aber können sie bestehende Texte zusammenfassen, ihren Inhalt in konzentrierter Form wiedergeben und selbst Texte zu beliebigen Themen verfassen.

Um die Bewunderung für die Leistungen der Sprachmaschinen nicht in den Himmel wachsen und in blindes Vertrauen umschlagen zu lassen, diskutiert Simanowski, Medienphilosoph und Internet-Experte, verschiedene damit verbundene sprachphilosophische, erkenntnistheoretische, moralphilosophische und politische Probleme und schärft so das Bewusstsein der Grenzen und Gefahren, die darin lauern. Vor allem zerstört er eine Reihe verbreiteter Vorurteile. Erstes Vorurteil: Sprachmaschinen sind allwissend. Tatsächlich ist ihr Wissen auf die Texte beschränkt, mit denen sie trainiert wurden. Über die Wirklichkeit wissen sie nur, was ihnen durch Texte vermittelt worden ist. Sie verfügen also über keine eigenen Erfahrungen, Erlebnisse oder Gefühle. Zweites Vorurteil: Sprachmaschinen vermitteln Wahrheiten. Tatsächlich referieren sie nur die verschiedenen Ansichten, die darüber im Umlauf sind und geben statistisch errechnete Durchschnitts-Ansichten wieder. Wohlwollend könnte man dieses Verfahren als Konsenstheorie der Wahrheit (im Gegensatz zur Korrespondenztheorie, die die Wahrheit als Übereinstimmung des Denkens mit der Realität begreift) durchgehen lassen. Kritisch dagegen einwenden ließe sich allerdings, dass die mainstream-Wahrheit nur die verbreitetste und am lautstärksten vorgetragene Form der Lüge ist.

Den umfangreichsten Teil seines Buches widmet Simanowski der Diskussion eines dritten Vorurteils, das den Sprachmaschinen Objektivität oder (Wert-) Neutralität zuspricht. Tatsächlich werden mit dem Land, der Kultur und der Sprache, in denen Sprachmaschinen trainiert werden, auch deren Ideologie transportiert. Und da die verbreitetsten Sprachmaschinen aus den USA stammen, wird der Rest der Welt mit amerikanischen oder westlichen Werten geflutet. Sprachmaschinen werden auf diese Weise, wie Simanowski zu Bedenken gibt, zu „Mitteln des Kulturkampfes“ oder des „Kulturimperialismus“, der schon bei den verschiedenen Interpretationen der Menschenrechte beginnt, die den Auskünften der Sprachmaschinen zugrunde liegen: Die Menschen werden als vom Gemeinwesen isolierte Individuen, nicht wie in anderen Kulturen (Afrika oder Indien) als Teil der Gemeinschaft begriffen. Wiederholt macht Simanowski auf die verschiedenen moralischen oder politischen Orientierungen aufmerksam, die bei Auskünften über strittige Fragen wie etwa des Schwangerschaftsabbruchs, der Akzeptanz von Homosexualität und gleichgeschlechtlicher Ehe, der Migration, der Meinungsfreiheit oder des Klimawandels zu bemerken sind. Da eine globale Übereinstimmung politischer und moralischer Werte nicht existiert, besteht die Frage, wie über die bestehenden Differenzen berichtet wird. Ob etwa unterstellt wird, dass sich die Werte im geschichtlichen Fortschritt und dem Zusammenwachsen der Kulturen an die westlichen Vorstellungen annähern, oder ob nebeneinander bestehende Vorstellungen als gleichwertig und gleichberechtigt angesehen werden.

Spielte sich der alte „Kulturkampf“ (zu Bismarcks Zeiten) zwischen dem säkularen Staat und der katholischen Kirche ab, so richtet sich der neue, der von der amerikanischen Administration ausgeht, gegen „Linkslastigkeit“ und „Wokeness“ in Bezug auf Diskriminierung oder Inklusion. Prinzipiell unterliegen die Auskünfte der Sprachmaschinen zwar einem „Finetuning“, d.h. einer „Zweiterziehung“ (nach ihrer „Ersterziehung“ durch Trainingsdaten), in denen „toxische“ Behauptungen ausgemerzt, moralische Entgleisungen korrigiert und Minderheiten respektiert werden. Gleichzeitig berichtet Simanowski aber auch von Donald Trumps Drohungen und Einschüchterungen, vor denen KI-Entwickler wie etwa Marc Zuckerberg eingeknickt sind und sich daraufhin vom „woken Diversitätsaktivismus“ ferngehalten haben.

Auf technische Details der Programmierung und der Erstellung von Algorithmen verzichtet das Buch. Sie wären für den Laien ohnehin kaum verständlich. Nicht unmittelbar zum Thema gehört der enorme Energie-Bedarf der Sprachmaschinen und der riesige Ausstoß von CO2, den sie verursachen. Auch darüber verliert das Buch zurecht kein Wort. Umso klarer und eindringlicher formuliert es dagegen eine Reihe prinzipieller Vorbehalte. Neben den eklatanten Verletzungen des Urheberrechts (bei den Texten, die zu Trainingszwecken benutzt werden) und den umfassenden Möglichkeiten der Überwachung derer, die die neue Technik benützen, macht Simanowski vor allem auf zwei Gefahren aufmerksam. Zum einen werden die Sprachmaschinen in wachsendem Maße mit Texten gefüttert, die sie selbst produziert haben. Die outputs der KI werden zu künftigen inputs, so dass ein von der Vergangenheit her dominiertes selbstreferentielles System entsteht: eine „Daten-Inzucht“, wodurch geistige und soziale Entwicklungen behindert werden. Zum anderen werden die User, die die leicht zugänglichen Hilfen bei der Beschaffung von Informationen, der Erstellung von Texten, bei Übersetzungen etc. zunehmend in Anspruch nehmen, immer träger, unselbständiger und unmündiger. Ein Verlust geistiger Souveränität.

In einem Exkurs über die Technikphilosophie des 20. Jahrhunderts zeigt Simanowski deren gemeinsamen Nenner auf. Georg Simmel bezeichnet es als „Tragödie der Kultur“, dass alles, was der Mensch erschafft (wie etwa technische Geräte), sich kraft einer inneren Logik mit der Zeit gegen ihn selbst richtet. Ernst Cassirer spricht von der „Rückwirkung“ (der Technik) auf die „Sachordnung“ (der Institutionen), Martin Heidegger vom „Gestell“, das den handelnden Menschen selbst unter seine Regie nimmt. Günther Anders definiert die technischen Geräte nicht als „Mittel“, sondern als „Vorentscheidungen“ zu bestimmten Zwecken. Durchwegs wird die Technik als ein autonom sich selbst bestimmendes „Subjekt“ begriffen, dessen Eigendynamik sich dem gesellschaftlichen Leben aufdrängt. Nirgends wird – auch von Simanowski nicht – nach den gesellschaftlichen (sprich: kapitalistischen) Bedingungen und Ursachen des technischen Fortschritts gefragt. Nirgends wird daher auch eine Perspektive aufgezeigt, wie die verselbständigte, autonom und immer bedrohlicher werdende Technik in einer post-kapitalistischen Gesellschaft wieder unter die Kontrolle der Menschen gebracht werden könnte.

Simanowski selbst bringt die KI mit Hegels „Herr-Knecht“-Dialektik in Verbindung. Mit ihren Sprachmaschinen erscheint die KI darin als Knecht, in dienender Rolle. Sie entlastet den Herrn, den User, nimmt ihm viele Mühen ab, macht ihn umgekehrt aber immer unselbständiger, unfähiger und abhängiger. Am Ende schlägt das Verhältnis um, und die Technik wird zum Herrn. Früher, unter dem Einfluss von Marx, hatte man Hegels Herrn mit dem Kapitalisten, den Knecht mit dem Arbeiter identifiziert, so dass der dialektische Umschlag als Verwirklichung einer Gesellschaft begriffen wurde, in der die „assoziierten Produzenten“ das Sagen haben. Nun, wo Herr und Knecht mit User und KI gleichgesetzt werden, führt der Umschlag nicht in den Sozialismus, sondern in die Technokratie. Ebenfalls in Anlehnung an Hegel setzt Simanowski die „Allwissenheit“ der KI mit den Gedanken Gottes vor der Schöpfung gleich. Der Sündenfall, durch den der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde, war die Voraussetzung dafür, dass er sich arbeitend und erkennend entwickeln, sich den an Natur und Geschichte entäußerten „absoluten Geist“ aneignen und damit selbst zu einem alter deus werden konnte. Scheinbar als Subjekt der Geschichte, tatsächlich (für Hegel) aber nur als „Erfüllungsgehilfe“ eines göttlichen Heilplanes. Mit Hilfe der KI jedenfalls und der Verwirklichung der besagten Technokratie, so Simanowskis Schluss, könnte der Mensch ins Paradies und damit in einen Zustand vor seiner Individuation zurückkehren. Eine interessante, aber gewagte Interpretation!

Das vielschichtige und anregende Buch endet mit dem (nach dieser Interpretation eher banalen) Ratschlag an Lehrer und Dozenten, sie sollten ihren Schülern Mediennutzung und Medienreflexion gleichermaßen näherbringen. Mit einer Reihe praktischer Vorschläge (wie z.B. dem Hinterfragen aller gegebenen Antworten oder dem Vergleich der Antworten verschiedener Sprachmaschinen) zeigt es, auf welche Weise beide Kompetenzen miteinander verbunden und weitergegeben werden könnten.

Klein – Toxisch Reich

Sebastian Klein

Toxisch reich

Warum extremer Reichtum unsere Demokratie gefährdet

br., 204 Seiten, 19.- €

München 2025 (Oekom Verlag)

von Bernd M. Malunat

Sebastian Klein hat eine sehr persönliche Schrift vorgelegt, die dennoch nicht zu autobiographisch geraten ist. Der Autor skizziert den Weg, den er als Unternehmer gegangen ist, um dann zu einem Mahner wider den toxischen Reichtum einer kleinen Minderheit zu werden – mit vielen guten Gründen und bestem Gewissen.

Als Mitbegründer von Blinkist, einer App, die den Inhalt von Büchern in knapper Form zusammenfasst, wurde er durch deren Verkauf an ein australisches Unternehmen zum Multimillionär. Den allergrößten Teil dieses Vermögens hat er gemeinnützigen Zwecken zugeführt, wurde dadurch populär und nutzt seine mediale Reichweite nun, um die Gefahren extremen Reichtums für das gesellschaftliche Zusammenleben zu begründen und zu belegen. Es handelt sich also nicht um eine dezidiert wissenschaftliche Schrift, vielmehr um eine Art von Erfahrungsbericht eines Insiders, der durch einschlägige Literatur gut unterfüttert ist, vor allem aber auf sehr vielen Gesprächen beruht, die er mit kritischen Geistern führte. Diese Gespräche sind zugleich ein Beleg, dass sich in allmählich wachsenden Kreisen ein Bewusstsein dafür herausbildet, wie gefährlich extremer Reichtum für alle Demokratien ist.

Die Belege, die Klein anführt, sind nicht wirklich neu, in dieser Form aber eher selten anzutreffen. Für den studierten Psychologen stand am Anfang seiner Überlegungen die Selbsterkenntnis, Teil des Problems gewesen zu sein (7), als er zu dem einen Prozent der Reichsten im Land gehörte. Ihm wurde klar, dass sich extreme Ungleichheit und Demokratie gegenseitig ausschließen (17), weil extremer Reichtum ein strukturelles Problem darstellt (20). Das zeigt sich etwa daran, dass die reichsten 10 Prozent der deutschen Haushalte deutlich mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Geld- und Finanzvermögens besitzen, während die unteren 50 Prozent der Bevölkerung über so gut wie nichts verfügt (26) – rund 13 Millionen Menschen gelten deshalb als arm oder als armutsgefährdet, darunter besonders viele Kinder. Das lässt sich am Gini-Koeffizienten ablesen, einer Messgröße für (Vermögens-)Ungleichheit, der in Deutschland den hohen Wert von 0,72 erreicht (1,0 bedeutet vollkommene Konzentration). Die Vermögens-Schere öffnet sich immer weiter und hat ein bedenkliches Ausmaß erreicht. (Der aktuelle, 7. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung vom Dezember 2025 weist ähnliche Werte aus. Der Bericht wird allerdings dafür kritisiert, dass er nur geschätzte Angaben zu den bestehenden Vermögen macht, machen kann, weil konkrete Zahlen nicht erhoben werden können, da die Pflicht der Reichen zu entsprechenden Meldungen zugleich mit dem Verzicht auf die Einziehung der Vermögenssteuer ausgesetzt wurde.)

Den Gründen für diese in hohem Maß gefährliche Ungleichheit versucht der Autor auf die Spur zu kommen. Im Rückblick zeige sich, dass Ungleichheit ein überkommenes Phänomen sei, das einen ersten beklemmenden Höhepunkt durch die elenden Arbeitsbedingungen während der Industrialisierung in der sog. Gründerzeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts erreichte, und durch den europäischen Kolonialismus wurde diese Entwicklung zusätzlich verstärkt; Ungleichheit wurde so zum globalen Problem und ist es geblieben. Das hat sich bis heute keineswegs grundlegend verändert, sklavenähnliche Verhältnisse bestehen nach wie vor, insbesondere im Globalen Süden. Durch das – stark verwässerte – Lieferketten-Gesetz wurden die dortigen Bedingungen zwar gemildert; aber es bleibt natürlich dabei, dass sich Wenige den Ertrag der Arbeit Vieler aneignen.

Viele der heutigen Milliardärsvermögen lassen sich bis in diese Zeiten zurückverfolgen. Sie entstanden teils in einer düsteren Vergangenheit, etwa durch die Zwangsarbeit im „dritten Reich“, die bis heute wenig aufgearbeitet wurde, und sie setzt sich durch Ausbeutung und Umweltzerstörung noch immer weiter fort (58). Es sei deshalb Illusion, anzunehmen, Aufstieg beruhe vor allem auf meritokratischen Leistungen und Verdiensten; wichtig sei vielmehr, in eine reiche Familie hineingeboren zu werden (59 ff.). Natürlich gibt es auch einige Selfmade-Millionäre, aber etwa drei Viertel haben ihre Vermögen geerbt. Zugespitzt formuliert: Milliardär wird man am leichtesten, wenn man als Millionär startet! (65) Dabei gelte häufig, „dass große Vermögen nicht nur eine dunkle Vergangenheit, sondern auch auch eine dunkle Gegenwart haben“ (58). Klein scheut sich auch nicht, wenigstens einige dieser Nutznießer zu benennen: Siemens, Volkswagen, Kühne + Nagel, Dr. Oetker, Quandt, Klatten (55) – die Liste ließe sich deutlich erweitern.

In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich durch die verfassungsrechtliche Normierung eines relativ starken Sozialstaates zunächst eine gewisse Egalisierung, so dass eine breite Mittelschicht entstehen konnte. Bewirkt hat dies nicht zuletzt die Einführung progressiver Einkommens- und Vermögenssteuern, die allerdings recht schnell wieder drastisch reduziert wurden. Die Vermögenssteuer wurde aufgrund eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts bereits 1995 sogar völlig suspendiert und bis zum heutigen Tag nicht wieder in Kraft gesetzt, obwohl Art. 106 Abs. 2 GG dies ausdrücklich normiert.

Die Abkehr von den ausgleichenden Wirkungen des Sozialstaates macht der Autor in der Hinwendung zum Neoliberalismus aus, der den Einfluss des Staates zugunsten der Initiative privatwirtschaftlicher Akteure zurückdrängen sollte; „die Idee der sozialen Marktwirtschaft wich dem Finanzmarkt-Kapitalismus“ (33). Diese als Reagonomics oder Thatcherismus bezeichnete Entwicklung wurde durch den Ausverkauf der ostdeutschen Staatswirtschaft an westdeutsche Unternehmen nach der Wiedervereinigung 1989 nochmals verstärkt. Das Empfinden sehr großer Teilen der Bevölkerung in den ostdeutschen Bundesländern, benachteiligt worden zu sein, dürfte nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein.

Einen Höhepunkt erreichte der Neoliberalismus in Deutschland durch die Arbeitsmarktreformen der ‚Agenda 2010‘, mit der der damalige Bundeskanzler Schröder den größten Niedriglohnsektor Europas schuf – und damit ein neues Prekariat (35). Die von Spekulationen der Banken ausgelöste Finanzmarktkrise 2008, die durch den massiven Einsatz von Steuermitteln eingedämmt werden musste, hat die Ungleichheit nochmals beträchtlich verschärft (35). Ein ganz entscheidendes Instrument, diese Verhältnisse zu bewahren, bildet der Lobbyismus, der in unterschiedlichen Erscheinungen auftritt und zu verschiedenartigen Zwecken eingesetzt wird (40 ff.).

Besonders klar setzt sich Klein mit dem Verhalten der für die vielfachen Krisen der Umwelt Verantwortlichen auseinander. „Reiche zerstören mit ihrem Konsum unsere Lebensgrundlage“ (78); „der größte Teil der Vermögen (wird) nicht in die Rettung, sondern (in) die Zerstörung unseres Planeten investiert“ (78). Die Reichen „produzieren die Erderwärmung nicht nur, sondern sie profitieren auch noch davon“ (76). Daraus folgt für ihn, „wer die Klimakrise lösen will, sollte an der Ungleichheitskrise ansetzen“ (79). Dazu komme, dass Ungleichheit schlecht sei für die Wirtschaft (81ff.), vor allem weil Potentiale ungenutzt blieben, die Dynamik schwände und Transformationen erschwert würden, weshalb modernisierende Investitionen letztlich ausblieben. In der Konsequenz ist davon natürlich auch die Umwelt betroffen, was sich an der wankelmütigen Energiewende belegen ließe, die trotz aller eindringlichen Befunde nicht bereit ist, den Ausstoß klimarelevanter Treibhausgase konsequent zu beenden.

Der Autor wendet seinen Blick daraufhin einem nicht minder drängenden Anliegen zu. Er fürchtet nämlich, dass wir „in Zeiten (leben), in denen die Demokratie als Ganzes auf dem Spiel steht“ (99), weil extreme Ungleichheit und Demokratie nicht dauerhaft gemeinsam existieren können. „Wer also auch in Zukunft eine demokratische Gesellschaft möchte, muss extremen Reichtum bekämpfen“ (99). Klein macht das vor allem daran fest, dass ärmere Menschen sich weniger repräsentiert, von politischen Entscheidungen ausgeschlossen fühlen. Sie entwickeln Abstiegs- und Zukunftsängste, lehnen deshalb Veränderungen ab, weil sie Unsicherheiten bergen, und fallen auf autoritäre Parteien herein, welche die Schuld für alle Probleme auf ‚Andere‘, vor allem Asylsuchenden, Flüchtlingen, Migranten, schieben, obwohl sie selbst kein Programm aufweisen, das Grund gibt, die möglicherweise berechtigten Befürchtungen zu beheben.

Verstärkt werden die vielleicht nur subjektiven Empfindungen dadurch, dass die Reichen mittels unseres Rechtssystems deutliche Vorteile erlangen (103). Klar zeige sich das zum Beispiel daran, dass Sozialleistungsbetrug und Steuerhinterziehung vergleichbare Straftaten darstellten, die den Staat in gleicher Weise schädigen, die aber völlig ungleiche Folgen zeitigen. Während der Steuerhinterzieher die Möglichkeit hat, der Strafverfolgung durch eine Selbstanzeige gänzlich zu entgehen, droht denjenigen eine Gefängnisstrafe, die zu Unrecht etwa das Bürgergeld bezogen haben. Dass Vermögende ihren Rechtsschutz deutlich besser zu finanzieren vermögen, bedarf nicht der Erörterung.

Diese Ungerechtigkeit lässt sich am besten durch Zahlen belegen (111). Durch Steuerhinterziehung entgehen dem deutschen Staat jährlich zwischen 50 und 100 Milliarden Euro, durch Steuervermeidungskonstrukte, etwa bei der Erbschaftssteuer (109), weitere geschätzte 50 Milliarden Euro, und allein durch Cum-Ex-Geschäfte ist dem Fiskus ein Schaden von etwa 36 Milliarden Euro entstanden. Daran zeige sich deutlich, dass ein wesentliches Kennzeichen der rechtsstaatlichen Demokratie verletzt werde: die von der Verfassung garantierte Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz (Art. 3 Abs. 1 GG).

In einem Exkurs beschäftigt sich Klein mit der sog. Philanthropie, wenn also Reiche Gelder in Stiftungen einbringen. Sein Fazit ist knapp und klar: „Wenn Reiche darüber entscheiden, wie das Gemeinwesen aussehen soll, ist das kein Fortschritt, sondern Neofeudalismus, ein Reise in die vordemokratische Vergangenheit“ (120).

Die bisherige Schilderung ist ein Rückblick, eine Art Bestandsaufnahme der Ursachen der demokratiegefährdenden Ungleichverteilung des Reichtums; sie bildet die Grundlage der Anregungen, von denen der Autor sich Erholung erhofft. Zunächst gelte es, den Leistungsbegriff neu zu bestimmen, und zwar nach dem Kriterium, welchen Nutzen eine Tätigkeit der Gesellschaft stifte; daran sollte sich dann auch die Bezahlung orientieren. Dazu gehöre auch eine neue Sprache, die den wahren Inhalt von Begriffen ausdrücke. Arme Menschen seien nicht ‚sozial schwach‘, sondern eben arm, weil sie nicht die Bezahlung erhalten, die sie eigentlich verdienten. „Sozial schwach sind für mich Menschen wie Friedrich Merz oder Christian Lindner, die Politik für die Reichsten machen und denen der Großteil der Gesellschaft schlicht egal ist“ (136). Pointierter kann man kaum formulieren!

Erforderlich sei auch die Erhöhung der Transparenz, zuerst bei den Reichsten, weil deren Ausmaß an Reichtum nicht einmal bekannt ist, sondern bloß geschätzt werden kann; dann bei den Politikern, die Entscheidungen auch auf der Grundlage eigener ökonomischer Interessen treffen können, und deshalb keine Nebeneinkünfte erzielen dürfen (146), zumindest aber für deren vollständige Offenlegung sorgen müssen. Schließlich fordert er noch solide informierende Medien und eine gute schulische Bildung, nicht zuletzt um Politik wirklich verstehen zu können.

Wesentlicher allerdings ist die Schaffung eines Steuersystems, das der Gesellschaft dient. In der Vergangenheit sind viele unternehmensrelevante Steuern reduziert oder ganz abgeschafft worden (149), wodurch sich die Lohnsteuer zur größten Einnahmequelle des Staates entwickelte. „Es gibt kein Land der Welt, das Arbeit stärker und Vermögen geringer besteuert als Deutschland“ (148, Zitat: M. Fratzscher). (Tatsächlich sind die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer höher als die aus der Lohn- bzw. Einkommenssteuer.) Er plädiert deshalb für eine gerechte Erbschafts- und Schenkungssteuer, die Wiederinkraftsetzung der Vermögenssteuer, die bei einem Steuersatz von nur 1 Prozent jährliche Einnahmen von rund 70 Milliarden Euro erbringen würden, eine progressive Besteuerung der Kapitalerträge, eine höhere Besteuerung umweltschädlicher Luxusartikel, während die Dinge des alltäglichen Bedarfs vollständig von der Mehrwertsteuer befreit werden sollten. Eingeführt werden könnte eine Übergewinnsteuer, die jährlich etwa 20 Milliarden Euro einbringen würde, sowie ein Grunderbe für junge Menschen in Höhe von etwa 120.000 Euro und außerdem ein Bürgergeld, das den Namen verdient, von 1.200 Euro.

Diese Vorschläge sind nicht wirklich originell, bedeuten jedoch ein gewisses Maß an Umverteilung, die zwar nicht populär, aber wirksam sei. „Steuern sind ein effektiver und erprobter Weg, um Ungleichheit zu reduzieren“ (161). Klein geht allerdings noch einen Schritt weiter. Nach etwa vierzig Jahren neoliberaler Wirtschaftspolitik sei es an der Zeit, das Rad wieder etwas zurückzudrehen, weil wichtige Güter nicht dem Markt überlassen, nicht zur Ware werden dürften. Das gelte etwa für Wohnraum, für das Gesundheitswesen, aber auch für öffentliche Güter, die in der Vergangenheit bereits ganz oder teilweise privatisiert wurden.

Um diesen Weg einschlagen zu können, sei auch an neue Eigentumsformen zu denken. Außer der Wiederbelebung der alten Genossenschaftsidee plädiert er für ein Verantwortungseigentum, das sich dadurch auszeichnet, dass Investoren kein Stimmrecht und nur eine gedeckelte Rendite erhalten, Gewinne reinvestiert oder gemeinwohlorientiert verwendet werden und Unternehmen nicht verkauft oder anderweitig zum Spekulationsobjekt gemacht werden dürfen, um dem Rendite-Imperativ der Finanzindustrie zu entkommen. Der Autor hat dem von ihm inzwischen gegründeten Medienunternehmen ‚Neue Narrative‘ diese Form verpasst, obwohl sie bislang noch nicht als eigenständige Rechtsform anerkannt ist (175 f.).

Es muss sich vieles ändern, damit es bleiben kann, wie es ist, schrieb einst Giuseppe Tomasi di Lampedusa im ‚Leopard‘, und diesem im Grund konservativen Anliegen ist Sebastian Klein in großem Umfang gerecht geworden. Es handelt sich aber bloß um Disruption, mutig zwar, aber nicht mutig genug, um Anlass zu einem ‚optimistischen Ausblick‘ (188) zu geben. Die seit geraumer Zeit engagiert auftretenden Initiativen, wie etwa taxmenow, das Netzwerk Steuergerechtigkeit oder die Bürgerbewegung ‚Finanzwende‘, sind zwar zu begrüßen, reichen dafür aber nicht aus. Dazu hätte es härterer Forderungen bedurft, um die asymmetrische Gestaltungsmacht des Großkapitals auf die konkrete Politik zu begrenzen. Verdeutlichen lässt sich das etwa daran, dass allein die oben bezifferten Steuerhinterziehungen mehr als ausreichten, um alle Haushaltsprobleme der amtierenden Regierung vollständig zu lösen. Dabei käme die Behebung dieser Probleme nicht zuletzt den Reichen zugute, für die eine intakte Umwelt, funktionierende Infrastruktur, gesicherte Versorgung, gute Bildung und Ausbildung und eine stabile Inlands-Nachfrage von zentraler Bedeutung sind. Aber unter dem Druck finanzstarker Wirtschafts-Lobbies verzichtet die Politik darauf, selbst auf die Gefahr hin, dass die Regierung zerbricht. Viel deutlicher lässt sich kaum zeigen, dass die Macht des Geldes die der Vernunft deutlich übersteigt.

Völlig außer acht gelassen hat Klein, was toxischer Reichtum in anderen Weltregionen anrichtet. Wenn man die Perzeptionen der sogenannten Techvisionäre betrachtet, gewinnt man einen Eindruck davon, wie toxischer Reichtum tatsächlich wirkt. Einige Stichworte dazu mögen genügen: Longevity, KI-optimierte Gehirne, Besiedelung des Mondes, Erkundung des Roten Planeten, staatsfreie Inseln im Pazifik, Tiefsee-Bergbau, Ausbeutung von Planetoiden, und so weiter! Reichtum generiert so weiteren Reichtum. Dieses Narrativ betont ausdrücklich, dass Demokratie und Freiheit unvereinbar seien, und von Gleichheit längst keine Rede mehr ist.

Ausblickend kann man dem Autor wohl zustimmen: Toxischer Reichtum gefährdet die Demokratie, nicht nur hierzulande, weil Kapital eine unverkennbar rechts-radikale Struktur aufweist!

Das Klima. Geschichte des Begriffs (III)

Das Klima. Geschichte des Begriffs, 3.Teil

von Alexander von Pechmann

Alexander von Humboldts Erforschung des Klimas

Wie kein anderer ist Humboldt diesem umfassenden Forschungsprogramm selbst gefolgt: auf seinen Erderkundungen kroch er mit einer Vielzahl von Messinstrumenten in die tiefsten Schächte und Erdlöcher und erkletterte die höchsten Berge; er vermaß nahezu jeden Fluss, Berg und See, den er traf, und beobachtete die Variationen der Pflanzen- und der Tierwelt in ihren jeweiligen Lebensräumen; er seilte sich fest im Sturm, um die Höhe der Meereswellen zu messen; er sammelte unzählige Gesteins- und Pflanzenproben, die er sorgfältig etikettierte … Sein waches Interesse am Einzelnen wie seine Datensammelwut dürften wohl erst von „Google“ übertroffen worden sein.

Aristokrat, der er war, dienten diese Datenmassen Humboldt allerdings nicht der schnöden Vermarktung, sondern der Entdeckung der Zusammenhänge in der Natur. So gehen auf ihn die „isothermen Linien“ zurück, die Orte mit gleicher Jahrestemperatur verbinden und zugleich Schlüsse auf die Art der Pflanzen erlauben. Er entdeckte den nach ihm benannten „Humboldtstrom“, die Zirkulation des Wassers im Pazifik. Als allgemeines Resultat seiner Erderforschung und -vermessung ergab sich für ihn die Definition der Erde als System: die Erdkugel sei von zwei „Meeren“ bedeckt, einem aus Wasser und einem aus Luft. Durch beide laufe ein ständiges Strömen: im atlantischen Ozean der Golf-, im Pazifik der Humboldtstrom. Die Ströme des „Luftozeans“, die von den Schwankungen der Sonnenwärme in Bewegung gehalten und an den Schräghängen der großen Steinmassive gebrochen werden, bewirken, dass die Verteilung der Gewächsarten nicht den linearen Breitengraden, sondern den geschwungenen isothermischen Linien folge. Dieses System der Ströme des Wassers und der Luft verbinde die Kontinente zu einer Einheit.

Humboldt bleibt damit letztlich bei dem Dualismus zweier Welten stehen: einer physischen Welt und einer intellektuellen Welt, die jeweils nach fundamental anderen Gesetzen funktionieren. Einerseits gehöre der Mensch der Natur als eines „lebendigen Ganzen“ an – diese wäre sonst kein Ganzes –, andererseits aber unterliege er Gesetzen von ganz anderer Art als den Naturgesetzen. Er zieht offenbar wie Kant die strikte Grenze zwischen dem Menschen und der Natur, die Herders „dynamischer Spinozismus“ doch überwinden wollte. Humboldt starb sechs Monate, bevor Charles Darwins Buch „Über die Entstehung der Arten“ erschien, das einen neuen Diskurs über das „Tier-Mensch-Übergangsfeld“ eröffnen sollte.

Die Klimatologie als Wissenschaft

Neben der Fertigstellung und Veröffentlichung seines Alterswerks war Humboldt bis zuletzt bemüht, die Klimaforschung zu institutionalisieren. Sie sollte nicht mehr nur Sache einzelner Abenteurer sein, sondern zu einer staatlich geförderten Angelegenheit werden. So hatte er schon 1831 eine „mathematische Betrachtung der Klimate“ gefordert, worunter er eine systematische Sammlung und Auswertung von Messdaten verstand, sowie den Aufbau eines Netzwerks meteorologischer Stationen. Auf seine Veranlassung wurde das „Königlich Preußische Meteorologische Institut“ in Berlin als Zentrum eines Beobachtungsnetzes gegründet. In der Folge entstanden Institute wie 1851 die „Hohe Warte“ in Wien, 1854 der „Königlich-niederländische Wetterdienst“ in Utrecht und 1872 das „Physikalische Zentralinstitut“ in St. Peterburg.

Es war dann vor allem der Meteorologe Heinrich Wilhelm Dove, Leiter des Berliner Instituts, der auf den simplen Sachverhalt verwies, dass das Klima keine staatlichen Grenzen kenne, und darauf insistierte, dass man zur Erforschung der physikalischen wie chemischen Prozesse wie zur Voraussage des Wetters die Prozesse in der Atmosphäre wie ihre geophysikalischen Ursachen weltweit in den Blick nehmen müsse. Zudem machte auch das Wachstum der Wirtschaft mit ihrem zunehmenden Schiffsverkehr die meteorologische Forschung auf globaler Ebene aus praktischen Gründen erforderlich.

Im Weiteren suchte dann vor allem der Meteorologe Christoph Buys Ballot als Leiter des holländischen Instituts nach Wegen zur internationalen Kooperation. Er veröffentlichte die „Suggestions on a uniform system of meteorological observations“, die sowohl die Eindeutigkeit der Messdaten als auch ihren freien Austausch und damit ihre Vergleichbarkeit zum Inhalt hatten. Sie sollten sich als ein wegweisendes Programm erweisen, das noch heute der globalen Wetterbeobachtung zugrunde liegt.

Auf der Meteorologen-Versammlung 1972 in Leipzig waren schließlich zwanzig Regierungen vertreten, die übereinkamen, eine internationale Organisation zu schaffen. Anschließend wurde 1879 die „Internationale Meteorologische Organisation“ (IMO) gegründet, deren erster Direktor Buys Ballot wurde.

Auf Initiative dieser Organisation wurden im Rahmen des sog. „Internationalen Polarjahres“ 1882-3 Wetterstationen auch in den Polarregionen, 14 in der Arktis, zwei in der Antarktis, eingerichtet. Hinzu kamen Wetterstationen auf den Bergen, 1886 auf dem Sonnblick in Österreich und auf dem Säntis in der Schweiz sowie 1895 auf dem Brocken und 1900 auf der Zugspitze in Deutschland. Bis Ende des 19. Jahrhunderts entstand so in der Tat das von Humboldt geforderte globale Netz der Wetterbeobachtung.

Als in den 30er Jahren in Nazi-Deutschland die meteorologischen Daten unter den Geheimnisvorbehalt gerieten und 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, kamen die meteorologischen Kooperationen zwischen den Staaten zum Erliegen. Nach dem Krieg wurde dann 1947 in Washington von den 42 anwesenden Staaten der Beschluss zur Gründung der „World Meteorological Organisation“ (WMO) als Nachfolgeorganisation gefasst, die 1950 ins Leben gerufen und ein Jahr später zu einer Organisation der Vereinten Nationen wurde. Sie veranstaltete 1979 die erste Weltklimakonferenz, und 2007 erhielt der von ihr eingerichtete „Weltklimarat“ den Friedensnobelpreis.

Parallel zur Institutionalisierung der globalen Wetterbeobachtung etablierten sich die Meteorologie und Klimatologie als systematisch aufgebaute Naturwissenschaften. Anders als von Humboldt war sie jedoch nicht darauf gerichtet, „den Geist der Natur zu ergreifen“, sondern auf die Herstellung eines nützlichen Wissens von den weltweiten meteorologischen Vorgängen und klimatischen Verhältnissen, das für den wachsenden Welthandel und die kolonialen Eroberungen gebraucht wurde. Aus dieser anthropo- oder, wohl besser, eurozentrischen Perspektive wurden diese Wissenschaften vom Wetter und vom Klima zunächst auf drei Ebenen aufgebaut: die Erhebung der meteorologischen Daten, ihre Vergleichung in einer „synoptischen Meteorologie“ und ihre Zusammenfassung in der Klimatologie.

Der Ausgangspunkt der Klimatologie ist also nicht der sinnliche Augenschein des Wetters und auch keine theoretische Definition des Klimas, sondern das enge Netz von Messstationen, das die Erdkugel umspannt, das je örtliche Wetter kontinuierlich erfasst und die Daten in Zentralen sammelt.

Diese örtlichen Klimata werden nun ihrerseits in den sog. „Klimakarten“ nach gewissen Klimazonen verzeichnet. Dabei gilt das von dem Geowissenschaftler Wladimir Köppen veröffentlichte Werk „Das geographische System der Klimate“ von 1936 als eine Klassifizierung des Klimas, die auch noch heute Verwendung findet. In ihm werden statt der bislang vier thermischen Großklimazonen (Tropen, Subtropen, Mittelbreiten, Polargebiete) auch die hygrischen Klimaelemente als fünfte Zone einbezogen. Sie werden ihrerseits wieder in ca. 30 Klimazonen unterteilt.

Somit verweist das Äußerliche und Subjektive in der Zusammenfassung und Ordnung der Klimate in möglichst anschaulichen Karten selbst darauf, dass die klimatischen Verhältnisse als solche oder „ihrem Wesen nach“ nicht in einem Bild darzustellen sind. Die tatsächlichen Wechselwirkungen und gegenseitigen Bedingtheiten sind vielmehr im Begriff des einen globalen Klimas zusammenzufassen, in dem all die unterschiedlichen Klimate Momente des Klimasystems sind. Das aber heißt: Die Klimatologie muss die bisherige bildlich-anschauliche Ebene verlassen, die zwar subjektiv praktisch ist zur Orientierung, die aber das Klima selbst nicht erfassen kann. Dessen Zusammenhänge sind nur begrifflich zu fassen. Mit diesem Übergang vom Bild zum Begriff aber wird die Klimatologie aus einer empirisch vergleichenden und klassifizierenden Wissenschaft zu einer Systemwissenschaft oder, wie es später dann heißen wird, Earth System Science.

Die beschriebenen Ebenen zusammenfassend beginnt also die Klimatologie als Wissenschaft mit der Erhebung der meteorologischen Messdaten, sie schreitet fort, die gemessenen Daten zu vergleichen und hinsichtlich ihrer Größen zu ordnen. Daraufhin wird der langjährige Durchschnitt gebildet, also die Klimata, und die Durchschnittswerte werden ihrerseits verglichen und geordnet. Ziel aber ist, diese Durchschnittswerte in einen objektiven Zusammenhang zu stellen, um sie so als Momente eines Systems zu begreifen. In diesem Klimasystem aber hängt nun in der Tat „alles mit allem zusammen“.

Die Erdsystemwissenschaft

Mit der Systemebene hat sich der Charakter der Klimatologie gewandelt. Denn ihr Ausgangspunkt ist jetzt nicht mehr die Mannigfaltigkeit all der örtlichen Messdaten, sondern das Klima als ein Ganzes. Ihre Aufgabe ist es daher, den umgekehrten Weg zu gehen, nämlich eben jene „Wechselwirkung und gegenseitige Bedingtheit“ der Elemente dieses Systems nachzuweisen, von der schon Julius von Hann gesprochen hatte. War es bei Herder jedoch noch die eine göttlich-organische Kraft, die diesen allgemeinen Zusammenhang stiftet, über den er allerdings nur in Metaphern oder Vermutungen reden konnte, und hatte auch von Humboldt das „physische Ganze“ mehr beschworen als begrifflich erfasst, so wurde es die Aufgabe der Klimatologie als Systemwissenschaft, diese globalen wechselseitigen Bedingtheiten und Bewirkungen auch in Begriffe, d.h. nach Gesetzen, zu fassen.

Auf dem Fundament dieses Grundsatzes der Stabilität des Erdklimas bestand nun die Aufgabe der Klimatologie darin, die Ungleichverteilung der Wärme auf der Erdkugel, die durch die Rotation der Erde um sich und um die Sonne bewirkt ist, in all ihren einander bedingenden, wechselseitigen und damit rückläufig-zyklischen Verläufen und Prozessen zu erforschen und darzustellen. Diese Aufgabe hatte Julius von Hann so beschrieben: „Die ungleiche Vertheilung der Wärme in den unteren Luftschichten an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten, das hierdurch gestörte Gleichgewicht der Atmosphäre, das sich durch die ungleichen Barometerstände am Niveau des Meeres ausspricht, und durch die Luftströmungen eine Wiederherstellung sucht, endlich die verschiedene Vertheilung des Wasserdampfes, seine Ausscheidungen aus der Atmosphäre als Wolke, Regen und Schnee: das sind die Haupterscheinungen, deren gesetzmäßigen Zusammenhang darzustellen die Aufgabe der Meteorologie ist; deren Zusammenspiel an einem bestimmten Orte wir mit dem Worte Klima bezeichnen.

Wenn wir uns hier nur auf die wesentlichen Erkenntnisse der Klimatologie als Systemwissenschaft, die seither gewonnen wurden, konzentrieren, so lagen sie zum einen in der detaillierten Erforschung der physikalischen Vorgänge, dann aber auch der chemischen und biologischen Austausch- und Stoffwechselprozesse sowohl innerhalb als auch zwischen den Sphären der Luft, der Erde, des Wassers, des Lebens und des Menschen. Zum anderen wurde insbesondere mit den Beobachtungen des Klimasystems durch Satelliten sowie mit der Datenverarbeitung durch elektronische Rechner seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts der globale Kreislaufcharakter derjenigen Stoffe erkannt, die wie der Sauerstoff, der Kohlenstoff, der Stickstoff oder der Phosphor für die Stabilität des Klimasystems wesentlich sind. Sie zeigten, dass die physikalischen Vorgänge wie biochemischen Stoffwechselprozesse auf der Erde im Großen und Ganzen, gleichsam als Negation der Negation, rückläufig sind.

Das Resultat dieser Erkenntnisse wurde schließlich in den 70er Jahren von dem Chemiker und Geowissenschaftler James Lovelock und der Biologin Lynn Margalis in der sog. Gaia-Hypothese zusammengefasst, nach der das Erdsystem nicht nur ein thermodynamisches System im Gleichgewicht ist, sondern auch – wie ein Lebewesen – als ein sich selbst organisierendes und regulierendes System aufzufassen sei. Die Wechselwirkungen zwischen der Biosphäre und den anorganischen Erdsphären, der Atmo-, Hydro- und der Pedosphäre, seien demnach dergestalt, dass sie zugleich die Bedingungen für die Erhaltung des Lebens auf der Erde wiederherstellen. Diese Hypothese wurde zur Grundlage der sich in den 80er Jahren etablierenden „Earth System Science“, deren Begriff 1985 vom Vorsitzenden des von der NASA eingerichteten Komitees, Francis Bretherton, geprägt wurde. Ihr Ziel sei es, diese Selbstorganisation durch die Messungen der physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse in der Erdevolution zu verstehen.

Nun scheint diese neue Hypothese von der aktiven Selbstorganisation des Klimasystems wieder auf jene alte universelle „organische Kraft“ zurückzugreifen, die schon Herder im Zusammenwirken all der natürlichen und kulturellen Erscheinungen walten sah, oder auf jenen „Geist der Natur“, dessen Wirken Humboldt in und hinter den Erscheinungen begreifen wollte. Und eben diesen idealistischen „Geist“ hatte ja die Klimatologie als eine empirisch begründete bzw. datenbasierte Wissenschaft der Natur austreiben wollen. Mit der Gaia-Hypothese schien nun die Idee einer solch inneren organisierenden Kraft in die Klimatologie wieder zurückzukehren, gegen die ja schon Kant argumentiert hatte, weil sie Unerklärliches durch noch Unerklärlicheres erkläre.

  1. Alexander von Humboldt, Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, Bd. 1, Stuttgart 1845, 5 f. ↩︎
  2. Siehe: Bernhard Hunger, Spurensuche einer Rezeptionsgeschichte Alexander von Humboldt und Johann Gottfried Herder. ↩︎
  3. Alexander von Humboldt, Kosmos, a.a.O., 5. ↩︎
  4. ebd. ↩︎
  5. ebd., 6 f. ↩︎
  6. siehe: Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Reinbek 2005, 238. ↩︎
  7. Alexander von Humboldt, Kosmos, a.a.O., 378. ↩︎
  8. ebd., 386. ↩︎
  9. ebd. ↩︎
  10. siehe zur Geschichte der IMO: wettermuseum.de/meteorologie/internationale-organisation. ↩︎
  11. Julius Hann, Handbuch der Klimatologie, Stuttgart 1883, 4. ↩︎
  12. ebd., 3. ↩︎
  13. ebd. ↩︎
  14. ebd., 1. ↩︎
  15. Wladimir Köppen, Das geographische System der Klimate, Berlin 1936, 6. ↩︎
  16. Julius Hann, Handbuch der Klimatologie, a.a.O., 3. ↩︎
  17. ebd. ↩︎
  18. ebd., 6. ↩︎
  19. So hatte noch von Humboldt in „Kosmos“, Bd. 1, 340 das Klima folgendermaßen definiert: „Der Ausdruck Klima bezeichnet in seinem allgemeinen Sinne alle Veränderungen in der Atmosphäre, die unsere Organe merklich affizieren.“ (H.v.m.) ↩︎
  20. Julius Hann, Handbuch der Klimatologie, a.a.O., 5. ↩︎
  21. ebd., 6. ↩︎
  22. ebd. ↩︎
  23. „Das Weltall bildet die Umwelt des Erde-Atmosphären-Systems. In weiterer Folge wird dafür der Ausdruck Klimasystem verwendet … Mit seiner Umwelt, dem Weltall, steht das Klimasystem im Strahlungsgleichgewicht. Dabei erhält dieses System kurzwellige Strahlung (kleiner als m) von der Sonne und emittiert in gleichem Maße langwellige Strahlung (größer als ca. 4 mym)“ Energiebilanz der Erde (www.zamg.ac.at) ↩︎
  24. S. Arrhenius, The Influence of Carbonic Acid in the Air upon Temperature of the Ground., 254. ↩︎
  25. Julius Hann, Die Erde als Weltkörper. Ihre Atmosphäre und Hydrosphäre, Leipzig 1884, 70. ↩︎
  26. Wernadski sagte die Umgestaltung der Biosphäre zur „Noosphäre“ im Interesse der frei denkenden und demokratisch verfassten Menschheit voraus. ↩︎
  27. Erich Jantsch, Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist, mit einem Vorwort von Paul Feyerabend, München 1982, 33. ↩︎
  28. Grégoire Nicolis, Ilya Prigogine, Die Erforschung des Komplexen. Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis der Naturwissenschaften, München 1987, 12. ↩︎
  29. ebd., 20. ↩︎
  30. ebd., 11. ↩︎
  31. Erich Jantsch, Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist, München 1982, 19. ↩︎

Hartle, Schweppenhäuser – Universale Vermittlung

Johan F. Hartle / Gerhard Schweppenhäuser

Universale Vermittlung

Zur kritischen Theorie des digitalen Medienkapitalismus

geb., 415 Seiten, 38,- €

Berlin 2025 (Matthes & Seitz)

von Frank Beiler

Johan F. Hartle und Gerhard Schweppenhäuser unternehmen in ihrem Buch den Versuch, die Medien der digitale Gegenwart nicht als partikulare, strategische Kommunikationsmittel, sondern als materialisierte soziale Vermittlung zu begreifen. Die Grundthese des Buches lautet, dass digitale Kultur nichts anderes als reelle Subsumtion unter das Kapital ist. Digitalität ist keine neue Sphäre, sondern die jüngste Ausprägung der kapitalistischen Vergesellschaftung. Daten, Bilder, Plattformen sind Kapitalverhältnisse, nicht bloß ihre Begleiterscheinung.

In Universale Vermittlung legen Hartle und Schweppenhäuser eine materialistische Theorie des digitalen Medienkapitalismus vor, die den Anspruch erhebt, historische Tiefenschärfe mit Gegenwartsanalyse zu verbinden. Ihr zentrales Argument, dass digitale Medien als Apparaturen kapitalistischer Realabstraktion zu begreifen sind und nicht als immaterielle Datenwolken, ist ein Gegengewicht zu kulturtheoretischen Strömungen, die digitale Machtverhältnisse vorwiegend als Diskursphänomene verstehen. Mit dem Fokus auf Infrastruktur und Ökonomie – von extraktiven Ressourcenketten bis zu Plattformregimen – können Verhältnisse aufgearbeitet werden, wie sie beispielsweise auch in Digitaler Kolonialismus: Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen (Beck-Verlag) von Ingo Dachwitz und Ingo Hilbig untersucht werden.

Das erste Kapitel entwickelt die grundlegende These des Buches: Digitale Kultur ist weder bloß technologischer Fortschritt noch kulturelle Spielart, sondern Ausdruck der reellen Subsumtion sozialer Praxis unter das Kapital. Plattformen, Datenströme und Nutzeraktivitäten werden als wertförmige Prozesse begriffen, deren Struktur der Warenform entspricht. Digitale Kultur erscheint damit als historische Fortsetzung kapitalistischer Vermittlungsweisen – zugleich totalisierend und von einem Universalitätsversprechen begleitet, das politische Kämpfe nicht überflüssig macht, sondern erst motiviert. Dieses Kapitel legt die theoretische Matrix frei, in der sich alle folgenden Überlegungen bewegen.

Im zweiten Kapitel analysieren die Autoren, wie die digitale Vermittlungsform das Subjekt affektiv und wahrnehmungsökonomisch prägt. Die Bildproduktion der sozialen Medien, die permanente Sichtbarkeit und das algorithmisch geordnete Zeigen und Gesehenwerden erzeugen neue Formen subjektiver Orientierung, die zugleich Selbstinszenierung und Kontrollform sind. Unter Rückgriff auf Adorno, Benjamin und phänomenologische Ansätze zeigen sie, dass das Digitale nicht nur äußere Bedingungen verändert, sondern tief in die leiblich vermittelten Grundlagen der Wahrnehmung eingreift. Subjektivierung im digitalen Kapitalismus vollzieht sich als Teil der Wertschöpfungsprozesse der Plattformökonomie.

Das dritte Kapitel beschreibt, wie die digitale Kultur ihre eigenen Formen des Wissens hervorbringt. Daten werden zu neuen Realabstraktionen, deren algorithmische Verarbeitung den kapitalistischen Zugriff verstärkt, indem sie Verhalten quantifizierbar und vorhersagbar macht. Die Autoren lesen diese Entwicklung als epistemische Zuspitzung der Warenform: Wissen wird funktionalisiert, Wahrheit durch statistische Wahrscheinlichkeit ersetzt und die algorithmische Rationalität verlagert die gesellschaftliche Steuerung in opake technische Systeme. Damit zeigt das Kapitel, wie Digitalität nicht nur ökonomische Prozesse, sondern auch Erkenntnisformen in Richtung verwertbarer Informationsflüsse transformiert.

Ausgehend von der Frage nach der „conditio humana“ zeigt das vierte Kapitel, wie digitale Medien leibliche und praktische Grundlagen menschlichen Handelns verändern. Hartle und Schweppenhäuser sprechen von einer kulturindustriellen Durchdringung des Leibes, in der Wahrnehmungsdispositionen, Handlungsbereitschaften und soziale Erwartungen zunehmend von digitalen Protokollen gelenkt werden. Diese Verschiebung betrifft nicht nur Verhaltensmuster, sondern die Grundformen des In-der-Welt-Seins. Die Anthropologie des Digitalen wird dadurch zu einem zentralen Baustein kritischer Medienanalyse, weil sie zeigt, dass die Transformation der Medien immer auch eine Transformation menschlicher Möglichkeitsräume ist.

Das Abschlusskapitel richtet den Blick auf die politischen Implikationen der zuvor analysierten Prozesse. Digitale Vermittlung eröffnet neue Kooperationsformen; doch diese entfalten ihr Potenzial nur innerhalb und gegen die kapitalistische Struktur, die sie hervorbringt. Die Autoren nehmen hier die Tradition von Negt und Kluge auf und diskutieren Möglichkeiten kollektiver Gegenmacht, demokratischer Mediengestaltung und alternativer Eigentumsformen. Gleichzeitig zeigen sie die Grenzen digitaler Emanzipation auf: Ohne Bruch mit der kapitalförmigen Organisation der Medien bleibt Kooperation stets vorläufig und gefährdet. Das Kapitel verdeutlicht, dass politische Handlungsmöglichkeiten existieren – aber nur gegen die strukturelle Logik digitaler Verwertung.

Gerade dort, wo das Buch seine Stärken entfaltet, offenbaren sich jedoch zugleich auch seine Grenzen. Die Autoren wollen eine Ontologie der digitalen Vermittlung formulieren, die dem Kapital als universaler Form sozialer Beziehung gerecht wird. Diese Pointe ist zwar treffend: Die digitale Welt operiert nicht jenseits politischer Ökonomie – sie ist deren jüngster Modus. Das Buch bleibt aber in einer Dialektik verhaftet, die zwar die Ambivalenz digitaler Technologien betont, die jedoch die spezifische Dynamik gegenwärtiger Subjektivierungsprozesse streckenweise unterbelichtet.

Die Passagen zur Selbstinszenierung, Sichtbarkeit und Bildkultur greifen die klassische Kritische Theorie auf; doch die Frage, was das zeitgenössische Subjekt im digitalen Kapitalismus wirklich formt – die Unbestimmbarkeit, die affektive Modulation, die permanente Erzeugung von Kontingenz – erscheint nur am Rand. Begriffe aus einem poststrukturalistischen Feld (Archäologie, Genealogie, Macht, Maschine, Disziplinargesellschaft, Kontrollgesellschaft etc.) werden verkürzt beziehungsweise kritisch gewendet. Das erlaubt dann auch Schlussfolgerungen wie die, dass Marx‘ „Begriff der Maschinerie wesentlich dem voraus[geht], was Michel Foucault Dispositiv nennt: nämlich die technisch-räumliche Anordnung der gesellschaftlichen Praxis“ (vgl. 91). Der Dispositivbegriff ist jedoch anders ausgerichtet. Denn Foucault untersucht historisch kontingente Macht-Wissens-Arrangements, die Körper, Räume, Diskurse und Subjektivierungsformen bestimmen, die jedoch weder notwendig durch ökonomischen Kategorien bestimmt noch machtanalytisch strukturell angeordnet sind. Macht ist für Foucault relational, heterogen und produktiv, nicht repressiv.

Auch die Bezüge zu Deleuze sind im Rückgriff auf den Begriff der Maschine und der Kontrollgesellschaft (vgl. 149 f.) nicht stimmig. So geht die Kontrollgesellschaft für Deleuze weit über eine „digitale Konditionierung im ‚Daten-Behaviourismus‘“ (ebd.) hinaus, und der Maschinenbegriff ist in den Arbeiten von Deleuze und Guattari prozessual, produktiv, anti-organisch und anti-repräsentational angelegt, d.h. er überschreitet die kapitalistische Infrastruktur der Verwertung und Kontrolle. Kontrolle ist für Deleuze nicht Behaviorismus, sondern eine offene, metastabile Form der Beeinflussung. Die digitale Kultur ist für ihn nicht nur ein System der Konditionierung, sondern vor allem ein Gefüge der Anomie, der permanenten Destabilisierung – ein Feld, das nicht allein durch Begriffe wie „reelle Subsumtion“ oder „Datenpositivismus“ kartiert werden kann.

Das geopolitische Moment – die autoritäre Versuchsanordnung vieler Regime im digitalen Zeitalter – wird treffend herausgearbeitet. Zugleich drängt sich jedoch Frage auf, ob die gegenwärtige Phase des Kapitalismus überhaupt noch dialektisch in klassischer Weise beschreibbar ist. Die neuen Formen des Kontrollverlusts, der irrationalen Überlagerung von Ideologie und Realitätsverweigerung, die Durchsetzung politischer Fantasien mittels digitaler Infrastrukturen – sie lassen sich nicht restlos in das Modell kritischer Aufklärung ökonomischer und infrastruktureller Machtverhältnisse einpassen. Eine Theorie, die den Zusammenhang zwischen digitaler Fragmentierung, irreversiblen Ambivalenzen und gesellschaftlicher Desorientierung ernst nimmt, hätte Neukonfigurationen von Subjektivität, Affekt und politischer Organisation mehr Raum geben müssen.

Frank, Berchtold (Hg) – Ethos der Macht

Johann Frank, Johannes Berchtold (Hg)

Ethos der Macht

br., 740 Seiten, 59,90 €

Duncker & Humblot, Berlin 2025

von Alexander von Pechmann

Ethos der Macht – die Analyse der Zuordnung und Verknüpfung dieser zwei schillernden Grundbegriffe dürfte nicht nur für Philosophen von Interesse sein. Doch höchst irritierend ist auf den zweiten Blick, dass als Herausgeber dieses umfangreichen Sammelbands die Landesverteidigungsakademie in Wien, Stiftsgasse 2a firmiert und mit ihr der Generalmajor Johann Frank sowie der vormalige Leiter der „Männerpolitischen Grundsatzabteilung“ im österreichischen Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Johannes Berchtold. Die Irritation löst sich jedoch bald, da die Herausgeber im Nachwort klar bekennen, dass die Beiträge zum Ethos der Macht angesichts der globalen Herausforderungen dem „Ziel der Stärkung EUropäischer Handlungsmacht“ (731) dienen. Das Werk verhandelt also in diesem militärpolitischen Kontext die Frage nach der geistig-moralischen Aufrüstung der europäischen Bürgerinnen und Bürger, um der Europäischen Union im Konzert der Weltmächte (wieder) einen ‚Platz an der Sonne’ zu verschaffen oder, wie es heißt, „ihre Rolle im internationalen Machtgefüge neu (zu) bestimmen, wenn sie nicht zum ‚Werk anderer’ werden“ will (733).

Mit seinen insgesamt 24 Beiträgen umfasst der Band in der Tat ein breites Themenspektrum, das von der Analyse prägender Machtkonstellationen in der Geschichte Europas über die begrifflich-systematische Erörterung des Machtbegriffs bis hin zu Untersuchungen der Bedingungen und Potentiale europäischer Machtpolitik reicht. Zwar werden die Artikel etwas großspurig als „Forschungsbeiträge“ zu dieser Thematik vorgestellt, sie sind jedoch einzelne, relativ selbständige Aufsätze, die sich sowohl methodisch als auch der Qualität nach stark unterscheiden. Sie kreisen allerdings allesamt um die Thematik und Problematik der Herstellung eines „europäischen Identitätsbewusstseins“. An diesem Projekt haben Autoren – um nur die bekanntesten zu nennen – wie Peter Sloterdijk mit einem einleitenden Beitrag zum europäischen „Geist selbstverstärkender Prozesse“, Herfried Münkler zur Militärgeschichte der frühen Neuzeit sowie zum Ukrainekrieg, der Linzer Philosoph Max Gottschlich zum Begriff der Macht sowie zu Fragen des „kulturellen Verfalls“, der Hagener Philosoph Klaus Honrath zum Vorstellungswandel vom „gerechten Krieg“ bei Thomas Mann sowie zum Konzept der Friedenssicherung bei Kant mitgewirkt sowie schließlich der umstrittene Rostocker Historiker Egon Flaig mit seiner streckenweise ermüdenden Philippika „Ohne Opferbereitschaft können Demokratien nicht überleben“, die sich gegen einen unpatriotisch selbstgefälligen ‚Zeitgeist’ richtet. Erwähnenswert sind darüber hinaus die thematisch etwas quer liegenden Beiträge des Wiener Philosophen Valentin Schwab zur „Anerkennung als konstitutive(m) Moment der Selbstbestimmung“ sowie des Amsterdamer Philosophen Christian Krijnen über die „Vielfalt der Kulturen und die Macht der Freiheit“, die sich in ihren Argumentationen nicht nahtlos ins Schema der geistig-moralischen Aufrüstung einfügen.

Sieht man angesichts dieser Themenvielfalt auf die politisch-ideologische Gemeinsamkeit der beitragenden Autoren, so nehmen sie im Blick auf Europa überwiegend eine liberal-konservative Perspektive ein, die sich – mehr oder weniger – nach rechts von einem dumpfen und revisionistischen Nationalismus, vor allem aber nach links von einem ‚kritisch-zersetzenden’ Individualismus oder ‚unpatriotischen’ Kosmopolitismus abgrenzt.

Überraschend oder nicht ist der Hintergrund und die Folie der meisten Beiträge zum „Ethos der Macht“ die Philosophie Hegels, die bei den Explikationen des Begriffs der Macht hinsichtlich deren innerer Logik, ihrer natürlichen Dynamik sowie ihrer geistigen Wirksamkeit, aber auch bei den Interpretationen der real-geschichtlichen Machtverhältnisse Pate steht. Hegel, so der Tenor der Beiträge, der vor allem im ersten Teil des Bandes ausgearbeitet wird, habe das (Vor-)Bild von einem „Ethos der Macht“ geliefert, in dem die Grundbegriffe der Freiheit, des Ethischen, des Rechts sowie der Macht und ihrer Ausübung in ein solch dialektisches, einander ergänzendes System gebracht sind, das sich in die Formel einer „vernunftbestimmten Freiheitsordnung“ fassen lässt. Und das moderne Europa bzw. die Europäische Union gilt den Autoren als der historische wie räumliche Hort einer solchen vernunftbestimmten Freiheitsordnung, die allerdings immer wieder von innen wie besonders auch von außen bedroht und gefährdet und daher zu verteidigen sei.

Um diese Idee von Europa kreisen die Beiträge, ob historisch ihrer Genese bei den alten Griechen wie in der Neuzeit und Moderne nachgegangen wird, ob es um die Verankerung dieser Idee in der Gefühlswelt der Bürger qua Bildung oder um die Analyse und Konzeption einer europäischen Machtpolitik sowohl nach innen als auch nach außen in den Machtbeziehungen zu nicht-europäischen Kulturen bzw. Machtzentren geht.

Ein wesentlicher, auf Hegel zurückgehender Gedanke ist dabei, dass es abstrakt sei, die inner- wie zwischenstaatlichen Beziehungen auf die bloße Macht ohne Ethos zu reduzieren, sondern dass beide, Ethos und Macht, zusammengehören, weil die Ausübung von Macht immer schon mit einem bestimmten Ethos, d.h. mit Werten und Überzeugungen, verbunden sei, und dass daher den diversen Machtspielen unterschiedliche, auch gegensätzliche Wertsysteme zugrunde liegen. In diesem Sinne bilden die sogenannte ‚realistische’ sowie die ‚idealistische’ Perspektive auf Machtverhältnisse keinen Gegensatz, sondern gehören in Wirklichkeit zusammen und sind nur mühsam voneinander zu trennen (wobei dann die strikte Trennung beider Sphären ihrerseits wieder zu einem Wert bzw. Ethos werden kann).

Statt im Weiteren in die Details zu gehen, möchte ich hier nur der philosophisch interessanten Frage nach der inneren Konsistenz der zugrundegelegten Idee von Europa nachgehen sowie der Frage, warum sich gerade Hegels Philosophie als Folie eignet, um die auch militärische Handlungsmacht der Europäischen Union bestimmen und stärken zu können. Bekanntlich hat Hegel – im Gegensatz zu Kant – den Gedanken von „Vereinten Nationen“ als Endziel aller menschlichen Anstrengungen in seiner „Rechtsphilosophie“ strikt abgelehnt. Für ihn ist die Geschichte der Menschheit zwar der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit, das zunächst innerlich im christlichen Europa, im Bewusstsein der Freiheit und Gleichheit aller Menschen vor Gott, seinen Ausdruck fand und sich dann zu seiner Zeit in der Gestalt des Rechtstaats, der die gleiche Freiheit aller anerkennt, auch äußerlich realisiert und institutionalisiert hat. Hegel hat sich jedoch entschieden gegen die kantische Idee gewandt, dass ein solcher Fortschritt zum Rechtsstaat auch auf der Ebene zwischen den Staaten stattfinden könne und müsse. Für Hegel ist und bleibt der rechtlich verfasste Volks- oder Nationalstaat die „höchste Macht auf Erden“, und daher befinden sich die Beziehungen dieser Mächte notwendigerweise in einem rechtlos natürlichen Zustand, der jederzeit die Gewalt, d.h. Kriege zwischen den souveränen Staaten, möglich macht. Daher bleibt für ihn die Idee von im Recht vereinten Nationen, so sein Einwand gegen Kant, das bloß moralische Sollen einer abstrakt praktischen Vernunft, das ohne jede geschichtliche Wirksamkeit sei.

Und es ist offensichtlich dieser unaufgelöste Gegensatz in Hegels Geschichtsphilosophie zwischen dem erreichten rechtlich-friedlichen Zustand der Staaten im Inneren und dem rechtlos-natürlichen Zustand im Äußeren, der der Landesverteidigungsakademie auf der einen Seite dazu dient, in den Beiträgen mit Hegel das Ethos einer „vernunftbestimmten Freiheitsordnung“ zu entfalten, das heute – über den Nationalstaat hinaus – die Europäische Union trägt, auf der anderen jedoch dazu, die machtpolitischen ‚Notwendigkeiten’ formulieren zu können, um im globalen Machtkampf weiter zu bestehen. Diese ‚Notwendigkeiten’ kreisen insbesondere im letzten Teil des Bandes, neben der wirtschaftlichen und politischen, vor allem um die militärische Macht.

Meist implizit, manchmal auch explizit wird damit der Gedanke Kants von den „Vereinten Nationen“ oder eines „globalen Rechtsstaats“ als politischem Handlungsziel verworfen. Denn würde man hierin nicht Hegel, sondern Kant folgen, so wäre in militärischer Hinsicht Abrüstung die notwendige Konsequenz dieser Zielstellung. „Stehende Heere (miles perpetuus [Berufssoldaten]) sollen mit der Zeit ganz aufhören“, heißt es im dritten Präliminarartikel zum „Ewigen Frieden“. Stehende Heere, so Kants Argumente, bedrohen schon durch ihre schiere Existenz „andere Staaten unaufhörlich mit Krieg“, sie reizen an, sich gegenseitig zu übertreffen, kosten oft im Frieden mehr als im Krieg und sie machen einen Gebrauch vom Menschen „als bloßen Maschinen und Werkzeugen“ in der Hand des Staates, „der sich nicht wohl mit dem Rechte der Menschheit in unserer eigenen Person vereinigen lässt.“ Diese kantische Forderung der Abrüstung freilich hätte für die Landesverteidigungsakademie langfristig die bittere Folge, sich überflüssig zu machen. Doch wer will das schon?

Bezeichnenderweise wird denn auch nirgends auf den Widerspruch in der Realität verwiesen, dass die Nationalstaaten, ganz im Sinne Kants, einerseits mit ihrem Beitritt zu den „Vereinten Nationen“ in ihrem Verhältnis zueinander ausdrücklich auf die Androhung und Ausübung von Gewalt verzichtet haben, um Streitigkeiten durch friedliche Mittel beizulegen, dass andererseits aber zugleich die militärtechnischen Innovationen und die Militärinvestitionen dieser Staaten immer wieder kaum vorstellbare Dimensionen annehmen. Offensichtlich besteht bei allen Autoren des Bandes die stillschweigende Übereinkunft, dass der ehrwürdige Grundsatz des Völkerrechts „pacta sunt servanda“ – für Rechtsphilosophen wie Hans Kelsen die Quelle allen Rechts – in der gegenwärtig „unerlösten Welt“ ohne Bedeutung und damit die Vernunft in ihrer Gesetzgebung machtlos sei.

Dennoch blitzt in manchen Beiträgen der Gedanke auf, dass die Gewalt, ihre Androhung und Ausübung nicht das Letzte ist. So etwa formuliert Max Gottschlich am Schluss seiner Analyse des Machtbegriffs in Sinne Kants: „In der Überwindung des Naturzustands … durch eine vernunftbestimmte Ordnung liegt die Hauptaufgabe der Gestaltung der internationalen Beziehungen“ (69). Aber er deutet diese „vernunftbestimmte Ordnung“ sofort wieder im Sinne der europäischen Tradition, nach der andere Kulturen und ihre politischen Systeme als defizitär beurteilt werden, so dass ein solcher Austritt aus dem Naturzustand nur dann als möglich erscheint, wenn andere Kulturen sich dem entworfenen Modell europäischer Vernunft anschließen. In eben dieser Bedingung sieht nun aber Valentin Schwab in seinem Aufsatz „Anerkennung als konstitutives Moment der Selbstbestimmung“ die Gefahr, „dass das eigentlich freiheitskonstitutive Anerkennungsgeschehen nicht zum Frei-Setzen des jeweils anderen kommt, sondern in der bestimmenden Vorschreibung eines Sollens stecken bleibt“ (209). Für ihn ist diese frei-setzende Anerkennung des anderen „die Bedingung der Erkenntnis dessen, ‚was im [des anderen Staates] Innern vorgeht“ (209). Was allerdings diese Erkenntnis des ‚Innern’ des anderen Staates, dessen Geschichte und Tradition, dessen Ethos, d.h. Welt- und Gesellschaftsverständnisses, wäre, wird nirgends ausgeführt. Man beruhigt sich stattdessen meist bei der abstrakten Gegenüberstellung eines freiheitlichen vs. autoritären Systems, die den ganz unterschiedlichen Kulturen und ihren Werte- und Rechtssystemen übergestülpt wird.

Mit Recht stellt daher Christian Krijnen in seinem Aufsatz „Die Vielfalt der Kulturen und die Macht der Freiheit“ die Frage, wie sich „angesichts heutiger Diskussionen über Rassismus und Kolonialismus noch Wertunterschiede zwischen bzw. Fortschrittsstufen von Kulturen unterscheiden lassen? Sind sie nicht als Kultur alle das Werk des Geistes und damit der Freiheit?“ (362). Würde ein Anerkennungsgeschehen „nicht geradezu verhindert, wenn die Philosophie von der Überlegenheit der Moderne ausgeht und dem Anderen durch ihre Macht ein ihm äußerliches Modell aufdrängt oder aufzudrängen sucht?“ (ebd.) Allerdings ist seine Antwort auf diese berechtigte Frage nur eine höchst ausführliche Rekonstruktion des Hegelschen Gesamtsystems als einer „Philosophie der Freiheit“. Dieser Philosophie entsprechend müssen dann, so seine Schlussfolgerung, „Staaten, Kulturen, Identitäten usw. … als Konkretisierung des Prinzips der Freiheit gedacht werden können. Nur insofern sind sie anzuerkennen“ (379). Allerdings räumt er bei diesem „Gedachtwerden“ ein, dass im Rahmen einer solchen vergleichenden interkulturellen Philosophie nicht ‚wir’ den Inhalt vorgeben, sondern „dass die Repräsentanten der thematischen Kultur … die Freiheitsbestimmtheit ihrer Kultur selbst dartun und damit das Material für die dialogische philosophische Reflexion vorgeben“ (385). Auf der Grundlage dieses Materials wäre dann, so Krijnen, „aus Hegel’scher Sicht zu prüfen, was es mit der Freiheitsbestimmtheit auf sich hat“ (ebd.). Wer die Note „6“ bekommt, fliegt raus. Nicht ansatzweise wird in dem Sammelband die Breite der methodischen und inhaltlichen Debatten und Resultate im Rahmen der interkulturellen Dialoge zur Kenntnis genommen.

Gänzlich außen vor bleibt schließlich die große geistige Herausforderung, wie das „Ethos der Macht“ denn im gegenwärtigen Zeitalter des Anthropozäns zu bestimmen wäre. Sie müsste Antworten auf den Machtgebrauch unter den Bedingungen des rasanten Klimawandels, des Artensterbens, der Umweltverschmutzung etc. geben. Dafür dürfte freilich weder Hegels Philosophie der Freiheit, die doch ihre Zeit auf den Begriff zu bringen unternahm, die rechte Folie sein, noch dürfte die militärische Stärkung der „Europäischen Handlungsmacht“ das rechte Mittel sein, um die langfristig bedrohte Fortexistenz der Weltgesellschaft dauerhaft zu sichern. Aus einer solch planetaren Perspektive haben all diese Bemühungen um eine wehrhafte „europäische Identität“ etwas Kläglich-Provinzielles und Verantwortungsloses. So enthält der Band, abgesehen von der beträchtlichen Gelehrsamkeit der Autoren, leider nichts, was über die Gewalt, ihre Androhung und mögliche Ausübung, sowie über deren ethische Legimitation hinausweist.