Vittorio Hösle

Warum wir den Liberalismus reformieren müssen, statt ihn aufzugeben

Tb., 121 Seiten, 19,- €

Baden-Baden 2026 (Karl Alber-Verlag)

von Bruno Heidlberger

Der Ausgangspunkt von Hösles Essay ist die Hypothese des 2018 erschienenen Bestsellers Why Liberalism Failed seines Kollegen, des katholischen politischen Philosophen Patrick J. Deneen, wonach der Liberalismus an sich selbst gescheitert sei. Dessen Argumentation stützt sich vor allem auf Aristoteles, Thomas von Aquin und die katholische Soziallehre. Für Deneen hat der Liberalismus nicht nur seine politischen, sondern auch seine moralischen und kulturellen Grundlagen zerstört: Familie, lokale Gemeinschaften, Religion und Tugend seien durch Individualismus und Marktlogik geschwächt worden. Deneen verbindet eine protektionistische und arbeiterorientierte Wirtschaftspolitik mit einer konservativen Gesellschaftspolitik und plädiert für eine postliberale Ordnung, die auf starken lokalen Gemeinschaften, christlich geprägten Tugenden, regionaler Wirtschaft sowie auf Familie und Ehe aufbaut, die von einer neuen Elite, die sich durch besondere Tugendhaftigkeit auszeichnet, verwirklicht werden soll; eine Mischung aus Elitenherrschaft und Volkswille – ein Einfallstor für autoritäre Ordnungen.

Als Vertreter eines objektiven Idealismus zielt Hösle in seinem Essay weniger auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem realen Liberalismus als auf seine ethische Erneuerung und metaphysische Verankerung in einer absoluten Vernunftordnung. Denn die aktuellen Entwicklungen seien nicht nur Ausdruck der Krise der politischen Ordnung, sondern auch der Erschütterung ihrer philosophischen Grundlagen. Die Argumente von Deneen aufnehmend, argumentiert er, dass ein zügelloser Neoliberalismus, der alle Lebensbereiche rein ökonomisch betrachtet, soziale und moralische Verwerfungen erzeuge. Diese Destabilisierung treibe frustrierte Bürger in die Arme von Populisten. Für Hösle ist der Liberalismus jedoch eine große Errungenschaft der Moderne, deren Fortbestand allerdings von den moralischen Voraussetzungen abhänge, aus denen er hervorgegangen sei. Er kritisiert daher nicht den Liberalismus als solchen, sondern dessen Entkopplung von seinen ethischen und kulturellen Wurzeln. Der Schutz von Minderheiten und individuellen Freiheitsrechten müsse im Zweifel schwerer wiegen als ein bloßer Mehrheits- oder Volkswille, da die Demokratie sonst schnell in eine Tyrannei umschlagen könne.

Insgesamt diagnostiziert der Autor dem Liberalismus eine Krise, die sowohl auf innere Erosion als auch auf äußeren Druck zurückzuführen sei. Die „größte Gefahr der aktuellen Situation“ (117) sei nicht nur Russlands revanchistischer Imperialismus, sondern auch, dass die USA offen Gebietsansprüche selbst gegenüber Verbündeten wie Dänemark erwägen – ein Bruch mit ihrer Nachkriegstradition und ein Schritt, den selbst die Sowjetunion nach 1945 nicht vollzogen habe. Nach seiner Auffassung erfordere der Frieden eine glaubwürdige Abschreckung und Verteidigungsbereitschaft sowie die Durchsetzung des Völkerrechts, „einschließlich militärischer Gewalt“; insbesondere, „wenn sich der Aggressor gegen das Mitglied eines Verteidigungsbündnisses wendet“, sei es „moralisch geboten, dass die anderen Mitglieder sich seiner Verteidigung“ (116) anschließen.

Hösle räumt ein, dass die Definition des Liberalismus schwierig ist, da es viele Ausprägungen gebe und der Begriff politisch aufgeladen sei. Für ihn selbst besteht der Kern des Liberalismus in der Anerkennung individueller Rechte, die allen Menschen zustehen, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück, sowie in der Forderung, dass die Legitimität des Staates wesentlich auf dem Schutz dieser Rechte und auf Zustimmung beruht. Er unterscheidet dabei zwischen den negativen Abwehrrechten, z. B. dem Schutz vor staatlichen Eingriffen, und den positiven Leistungsrechten, z. B. Anspruch auf Bildung oder soziale Sicherheit. Jedes dieser Rechte impliziere aber auch Pflichten anderer, und deren Durchsetzung setze institutionelle Verfahren voraus.

Wie schon Kant spricht auch Hösle dem Rechtssystem eine herausragende Bedeutung für die Kultivierung, Gestaltung und Stabilisierung demokratischer Systeme zu. Das „Rechtssystem müsse so gestaltet sein, dass jeder durch Arbeit zu einem Zustand der Unabhängigkeit aufsteigen könne“ (26). Im Unterschied zu Hobbes und Locke sieht Hösle daher in Kants Ansatz die erste wirklich tragfähige Grundlage für den Liberalismus. Denn da Kant moralische Normen nicht aus der Natur, aus Gottes Willen oder aus empirischen Tatsachen ableite, sondern aus der Autonomie der Vernunft, könne er Freiheit und Rechte auf einer eigenständigen normativen Grundlage begründen. Kant habe erkannt, dass das Sollen sich nicht aus einem Sein ableiten lasse. Damit liefere er eine objektive, rationale Begründung für individuelle Rechte und Freiheiten und biete daher „als Erster eine solide Grundlage für den Liberalismus“ (30). Gemeinschaften bleiben dabei individuellen Rechten oder moralischer Selbstvervollkommnung untergeordnet.

Dies, so Hösle, ändert sich jedoch mit Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts: Sein Begriff der „Sittlichkeit“ bezeichne die soziale Wirklichkeit von Familie, bürgerlicher Gesellschaft und Staat, die dem abstrakten Recht und der Moralität übergeordnet werde. Hegel argumentiere, dass Freiheit nicht allein durch Rechte gesichert werden könne. Er verbinde deshalb den liberalen Gedanken individueller Freiheit mit der kommunitaristischen Einsicht, dass Menschen nur innerhalb traditioneller Gemeinschaften wirklich frei leben können. Damit versucht Hösle, Kant und Hegel miteinander zu versöhnen: zwar habe Kant Freiheit richtig begründet, sie aber zu sehr vom objektiven Sein und von den sittlichen Institutionen getrennt. Hegels „Verbindung von Liberalismus und Kommunitarismus“ (31) mache die besondere Stärke dessen politischer Philosophie aus.

Auch Hösle geht, wie die klassische Naturrechtslehre, von moralischen Normen aus, die er aus einer objektiven Vernunftordnung begründet, gegen die allerdings sowohl naturwissenschaftliche Erklärungen wie die Evolutionstheorie als auch das Vorhandensein von Leid und Unordnung sowie die philosophische Kritik sprechen. Dabei grenzt er sich freilich von Thomas von Aquin ab; denn im Zeitalter der Moderne könne das Naturrecht nicht mehr allein durch den Verweis auf Gott begründet werden. Vielmehr bedürften moralische Normen einer rationalen, philosophischen Letztbegründung. Zudem übernimmt er zentrale Errungenschaften der Aufklärung – insbesondere Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat. Seine Philosophie kann so als ein anspruchsvoller Versuch verstanden werden, das klassische Naturrechtsdenken und dessen Glaube an die Schöpfung mit dem universalistischen Erbe der Aufklärung zu verbinden. Aus kantischer Sicht stellt sich jedoch die Frage, ob eine philosophische Letztbegründung tatsächlich autonom sein kann, wenn ihre metaphysische Grundlage ihrerseits nicht rational begründbar ist? Hösles Philosophie verschiebt das Begründungsproblem lediglich von der Theologie auf die Metaphysik.

  1. Vgl. Patrick J. Deneen, Warum der Liberalismus gescheitert ist, Wien/Salzburg 2019, insb. Kap. 3. ↩︎
  2. Krise des Liberalismus in transatlantischer Perspektive. Katholische Akademie Berlin, 1.7.2025 [www.youtube.com/watch?v=rYvjT0ourts&t=47s] ↩︎
  3. Frauke Steffens: Hierarchie und Hetze, FAZ 16.12.2026, 12. ↩︎
  4. Vgl. Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht, Gütersloh 2026. ↩︎
  5. Elisabeth Zoll im Interview mit Arnd Henze: „Donald Trump als Rächer der Frommen“, Heidenheimer Zeitung, 18.6.26, 4 ↩︎
  6. Krise des Liberalismus in transatlantischer Perspektive [www.youtube.com/watch?v=rYvjT0ourts&t=9s] ↩︎
  7. Papst Leo XIV, Nachfolger von Papst Franziskus, hatte auf seinem Account bei X wiederholt Kritik an Donald Trump und JD Vance geübt. So am 3.2.2025 im Artikel: „JD Vance liegt falsch: Jesus verlangt von uns nicht, unsere Liebe zu anderen abzustufen.“ [www.zeit.de/gesellschaft/2025-05/papst-leo-kritik-donald-trump-jd-vance-migration] ↩︎
  8. Papst Franziskus: Enzyklika Fratelli Tutti: Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft. [www.vatican.va/content/francesco/de/ encyclicals/documents/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html] ↩︎
  9. Papst Johannes XXIII: Enzyklika Pacem In Terris [www.vatican.va/content/john-xxiii/de/encyclicals/documents/hf_j-xxiii_enc_11041963_pacem.html] ↩︎
  10. ebd. ↩︎
  11. Thomas Migge: Staat und Religion. Der Vatikan und die Menschenrechte, 9.1.2015 [www.deutschlandfunk.de/staat-und-religion-der-vatikan-und-die-menschenrechte-100.html] ↩︎
  12. Maßnahmen wie Abtreibung und Euthanasie werden als schwerer Verstoß gegen die Menschenwürde abgelehnt. Medizinische Geschlechtsumwandlungen und die sogenannte „Gender-Theorie“ lehnt der Vatikan ab. [www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2024-04/vatikan-erklaerung-menschenwuerde-dignitas-infinita-glaube-recht.html?utm_source=chatgpt.com] ↩︎
  13. praefaktisch.de/interview/objektiver-idealismus-fragen-an-vittorio-hoesle/ ↩︎
  14. „Der objektive Idealismus hält diese objektive Vernunft nicht für eine Seinssphäre neben anderen, sondern für das Wesen aller realen Sphären […] und jene Objektive Vernunft für den Grund allen Seins. Sie ist zugleich der Grund aller Geltungsansprüche, aller Normen und Werte.“ Vittorio Hösle: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. München 19973, 208. ↩︎
  15. Vgl. Vittorio Hösle: Gott als Vernunft, Berlin/Heidelberg 2021. [link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-62683-2] ↩︎
  16. Vittorio Hösle: „Gott ist wichtiger als wir“. Ein Gespräch mit dem Philosophen Vittorio Hösle über die Krise und die Zukunft des Christentums in Europa. 11.7.2024. [www.die-tagespost.de/kultur/feuilleton/vittorio-hoesle-gott-ist-wichtiger-als-wir-art-253096?utm_source=chatgpt.com] ↩︎
  17. Interview mit Vittorio Hössle: Weil wir zur Wahrheit fähig sind. FAZ, 5.2.2017 [www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/philosophischer-idealismus-ein-gespraech-mit-vittorio-hoesle-14781890.html] ↩︎
  18. Thomas von Aquin: Summa Theologiae (I–II, q. 91–94) und ihrer Rezeption im Katechismus der Katholischen Kirche (Nr. 1954–1960). Siehe: Thomas von Aquin: Naturgesetz und Naturrecht, 1996, Buchvertrieb und Verlag GmbH [www.stiftung-utz.de/file/1/NaturgesetzundNaturrecht.pdf] ↩︎
  19. Gero Bauer, Regina Ammicht Quinn, Ingrid Hotz-Davies (Hg.): Die Naturalisierung des Geschlechts. Zur Beharrlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit, Bielefeld 2018. ↩︎
  20. „Von der Entmystifizierung des Muttertriebes in den 1970er Jahren über die soziale Konstruktion von Heterosexualität hin zu aktuellen Studien zur Sexualisierung der Natur hat die Entlarvung der Deutung sozialer Phänomene als natürliche immer einen wesentlichen Schwerpunkt der Gender Studies gebildet.“ Naturalisierung von Geschlecht – Einleitung: Martina Löw und Mechthild Bereswill [www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/36064/ssoar-2008-low_et_al-Naturalisierung_von_Geschlecht_-_Einleitung.pdf] ↩︎
  21. Frauke Steffens: Hierarchie und Hetze, FAZ 16.12.2026, 12. ↩︎
  22. Harald Seubert: Der Unbestechliche. Hans Albert zum 100. Geburtstag, Aufklärung und Kritik 2/2021, 29 [gkpn.de/Albert100_Seubert.pdf] ↩︎
  23. Hans Albert: Hösles Sprung in den objektiven Idealismus: Über die Verwirrungen eines ganz gewöhnlichen Genies. In: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie / Journal for General Philosophy of Science, Vol. 20, No. 1 (1989), 124-131, [www.jstor.org/stable/25170834] ↩︎
  24. Nach Albert nähert sich wissenschaftliche Erkenntnis der Wahrheit nicht durch endgültige Beweise, sondern durch kritische Prüfung und Falsifikation von Hypothesen, wodurch fehlerhafte Annahmen schrittweise ausgeschieden werden. Siehe: Zum Tod des Philosophen Hans Albert, 24.10.2023 [www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/zum-tod-des-philosophen-hans-albert] ↩︎
  25. Vgl. Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft. 5. verbesserte und erweiterte Auflage. Tübingen 1991. ↩︎
  26. Ernst Cassirer: Vom Mythus des Staates, Hamburg 2002, 339. ↩︎
  27. Emanuel Kapfinger: Hegel und die Revolution, 9.9.2025 [praefaktisch.de/hegel/hegel-und-die-revolution/] ↩︎
  28. „Er erkannte keine höhere ethische Ordnung als die, welche in der Sitte erscheint. Die Prinzipien eines wahren politischen Lebens können wir nicht in Tradition und Routine finden. Diese Prinzipien gründen nicht in ‚richtiger Meinung‘ (Doxa), sondern im ‚Wissen‘ (episteme), jener neuen Form von Rationalität und moralische Bewußtheit, die von Sokrates entdeckt worden war. ‚Vernunft‘ ist für Hegel nicht von dieser platonischen Art.“ (Ernst Cassirer: Vom Mythus des Staates, Hamburg 2002, 326f.) ↩︎
  29. www.information-philosophie.de/habermas-religion.html ↩︎
  30. Moyn verortet sich dezidiert in der Tradition des emanzipatorischen und utopischen Projekts der Aufklärung und der Französischen Revolution. Freiheit bedeutet für ihn die kollektive Gestaltung der Gesellschaft durch echte Demokratie und vor allem die Überwindung materieller Ungleichheit – ganz im Geiste einer unvollendeten, fortschrittlichen Aufklärung. – Siehe: Der Liberalismus gegen sich selbst und die Rückkehr des Kalten Krieges. Ein Gespräch mit Samuel Moyn – Teil 1, 9.4.2024. [www.theorieblog.de/index.php/2024/04/der-liberalismus-gegen-sich-selbst-und-die-rueckkehr-des-kalten-krieges-ein-gespraech-mit-samuel-moyn/] ↩︎
  31. Moyn wirft den Denkern des Kalten Krieges (wie Isaiah Berlin, Hannah Arendt oder Karl Popper) vor, den Liberalismus aus Angst vor dem Totalitarismus „gezähmt“, beschnitten und verängstigt zu haben. Sie hätten das utopische Element gestrichen und den Liberalismus zu einer reinen „Abwehr-Ideologie“ degradiert. Moyn argumentiert, dass der heutige Liberalismus dadurch zu einer reinen Abwehr-Ideologie geschrumpft ist, der nur noch „das Schlimmste verhindern“ will, statt das Beste zu wagen. ↩︎
  32. Jana Katharina Funk: Liberalismus als politisches Ordnungssystem. Positive Freiheit und die Frage nach dem guten Leben, Bielefeld 2023, 200. ↩︎

Schreibe einen Kommentar