Henning Schmidgen
Maschinische Normativität
Über Leben und Technik im digitalen Kapitalismus nach Félix Guattari
Pb., 206 Seiten, 39,- €; E-Book (pdf), Open Access
Bielefeld 2026 (transcript Verlag)
von Andreas Köpke
„Menschen sind Lebewesen, die sich selbst hervorbringen, bis hin zu ihren Werkzeugen und Organen. Im Zusammenwirken mit diesen bestimmen sie aktiv die Normen, nach denen sie leben wollen. Ihre Lebensformen sind ihre Lebensnormen“ (204). Mit diesen Sätzen beschließt Henning Schmidgen, Medienphilosoph an der Weimarer Bauhaus-Universität, sein aktuelles Buch „Maschinische Normativität“. Starke Worte, gerade in Zeiten eines sich explosionsartig im Windschatten der von ihm entfesselten KI ausbreitenden digitalen Kapitalismus.
„Maschinische Normativität“ ist eine leidenschaftliche Streitschrift voller Suchbewegungen für eine dringend erforderliche Selbstvergewisserung angesichts der KI-Revolution. Es geht Schmidgen um nicht mehr und nicht weniger als darum, dass wir die Normen, nach denen wir leben wollen, auch und gerade im Umgang mit KI selbst bestimmen – im Kleinen wie im Großen, kurzfristig und täglich neu, etwa im Umgang mit ChatGPT, Copilot, Gemini, Claude usf., sowie langfristig in grundlegender Perspektive. Schmidgens Text setzt sich dabei wohltuend von jenem dystopisch-apokalyptischen Untergangsgeraune ab, wie es etwa Asma Mhalla in „Cyberpunk. Das neue totalitäre System“ (2026) anstimmt und damit das französische wie deutsche Feuilleton in Wallung versetzt.
Mit seinen Analysen begibt sich Schmidgen mitten hinein in jene ambivalent-paradoxale Problemkonstellation, wonach digitale Technologien, allen voran KI, einerseits als das Leben ihrer Nutzer:innen produktiv unterstützende Techniken wahrgenommen werden, sich andererseits aber auch als von unersättlichem Datenhunger getriebene, energieintensive, algorithmengesteuerte, zunehmend ein Eigenleben ausbildende Instrumentarien erweisen, die steuernd, kontrollierend unseren Alltag mehr und mehr dominieren. An dieser Scharnierstelle setzt Schmidgen an, eruiert Möglichkeiten für einen selbstbestimmten und kreativen Umgang mit diesen Technologien. Das Ausgangsplateau hierfür findet er in den Arbeiten des französischen Philosophen, Psychoanalytikers und leidenschaftlichen Kommunisten Félix Guattari (1930-1992), jenes im Schatten von Deleuze, Derrida, Lyotard und Foucault gern übersehenen Denkers des französischen Poststrukturalismus.
Grundlegend für die Arbeiten Guattaris ist die marxistische Auffassung, dass Menschen und Maschinen untrennbar miteinander verwoben sind. Doch statt dieses Zusammenwirken schlicht, etwa im Sinne von Donna Haraways „Cyborg“ (1985), zu konstatieren, geht es Schmidgen mit Guattari darum, Maschinen und also gerade auch KI zur Entfaltung neuer ökologischer, emanzipatorischer und sozialer Lebensformen einzusetzen:„Deswegen betrachtet Guattari die Verkopplungen von Menschen und Maschinen auch nicht einfach unter Gesichtspunkten der Rationalisierung und der Effizienzsteigerung, mithin der Profitmaximierung. Im Vordergrund stehen nicht Fragen der Ergonomie, des Managements oder des ‚relativen Mehrwerts‘. Zentral ist vielmehr das Problem, wie der ‚Umgang mit Maschinen‘ zur selbstbestimmten Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens beitragen kann – oder wie er ihm entgegensteht“ (9).
Seinen Ausgangspunkt findet der Maschinismusbegriff Guattaris in dessen jahrzehntelanger Tätigkeit in der reformpsychiatrischen Klinik La Borde in Cour-Cheverny nahe Blois, die er von 1955 bis zu seinem Tod 1992 maßgeblich prägte. Im Zentrum seiner dortigen Arbeit standen zahlreiche Bemühungen, welche auf die Partizipation der Patient:innen abzielten: „Neben der Mitarbeit in der Verwaltung, der Übernahme von Telefon- und Fahrdiensten sowie helfenden Tätigkeiten in Küche, Wäscherei und Apotheke beinhaltete dies vielfältige Angebote, die eine selbständige Nutzung von Medientechniken ermöglichten, beispielsweise von Schreibmaschinen, von Tonbandgeräten sowie von Photo- und Filmkameras“ (11). Die eigenaktive Nutzung solcher Medienmaschinen diente dazu, dass die Patient:innen ihre Alltags-, Lebens- und Subjektstrukturen in La Borde selbstbestimmt (re-)organisierten, etwa mit Hilfe einer eigenen Zeitung, von Kunst-, Theater- und Filmprojekten, was Schmidgen anhand einiger Fotografien zu den dortigen Filmarbeiten René Laloux‘ und Guattaris illustriert. Diese Erfahrungen bilden die Grundlage für Guattaris Maschinismus, den er in seinen diversen Arbeiten zu Kino, Kunst, Architektur, Ökologie usf. ausbaut, worüber Schmidgen ausführlich wie kenntnisreich informiert und diesem wie seinem eigenen Projekt einer maschinischen Normativität so Form und Format verleiht.
Spätestens an dieser Stelle wird ein zweiter französischer Denker für „Maschinische Normativität“ bedeutsam. Die Rede ist von Georges Canguilhem (1904–1995), dem Mediziner, Philosophen und Résistancekämpfer, der u. a. Foucault, Derrida, Deleuze, Bourdieu stark prägte. Richtungsweisend für Schmidgen ist Canguilhems biologisch-sozialer Normativitätsbegriff, wonach Leben inhärent normativ ist, was nicht weniger bedeutet, als dass Lebewesen ihre Umwelt nach eigenen Regeln und Maßstäben aktiv gestalten. Ein derart perspektiviertes Verständnis von Technik „als umweltgestaltende[m] Handeln“ (12) ist leitfigürlich für Schmidgens maschinische Normativität. Letztere bezeichnet demnach die biologisch-soziale Kompetenz, das Wirkgefüge zwischen Mensch und Maschine zur selbstbestimmten Gestaltung unseres Lebens einzusetzen. Hinsichtlich des digitalen Kapitalismus zielt maschinische Normativität auf einen Gebrauch von KI, der den Formen und Normen unseres Lebens folgt, was Schmidgen im Rückgriff auf Guattari beispielhaft als eine Praxis existentiellen Experimentierens anskizziert. Guattari geht es insofern um „echte Prozesshaftigkeit, eine tiefgehende und dauerhafte Verschränkung von Experiment und Existenz …, um das existenzielle Experimentieren ebenso wie das experimentierende Existieren“ (76), welche ihren normativen Kompass eben in der emanzipatorisch-experimentellen Verwendung von Maschinen finden.
Die Befreiung aus den Zwängen, Unterwerfungs- und Kontrollmechanismen digitaler Infrastrukturen erfordert genau dies – mutige, von Neugier und Kreativität getragene Akte der Selbstermächtigung, was Schmidgen plastisch vergegenwärtigt: „Unter den Bedingungen fortgeschrittener digitaler Medientechnik ist die überwiegende Mehrzahl von Texten und Bildern, die uns betrachtet, uns am Ärmel zieht und sich wie ein Saugnapf an uns heftet, letztlich darauf ausgerichtet, Kommerzialisierung und Kontrolle weiter voranzutreiben. Umso dringender wird es, dieser Gegenwart durch existenzielles Experimentieren und experimentierendes Existieren zu widerstehen“ (81).
„Maschinische Normativität“ ist ein mutmachender Weckruf, KI & Co. nicht nur als Kontrollinstrumente anonym-multinationaler Konzerne zu kritisieren, sondern sie durch einen existentiell-experimentellen Gebrauch für die Entwicklung neuer ökologischer, emanzipatorischer, solidarischer Lebensformen zu nutzen und so den digitalen Kapitalismus maschinisch-normativ zu begrenzen, im günstigen Fall ein Stück weit zu transformieren.
Hier lässt sich weiterdenken, hieran lässt sich anknüpfen. Schmidgens Streitschrift hätte vielleicht noch mehr gewonnen, wenn er den existentiell-experimentellen Gebrauch von Maschinen, insbesondere KI, weiter konkretisiert, mit Beispielen unterlegt hätte – fraglos keine leichte Aufgabe. Eine Herausforderung, der wir uns alle stellen sollten. Die Grundlagen hierfür hat Schmidgen mit „Maschinische Normativität“ allemal gelegt.