Konrad Lotter
Anmerkungen zur Enzyklika „Magnifica Humanitas“
Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz von Papst Leo XIV.
I.
Die Namen, die sich Päpste selbst geben, sind nicht zufällig, sondern beinhalten ein Programm. Sie ordnen sich damit in die Geschichte des Papsttums ein und setzten das Werk des so gewählten Namensvorgängers fort. Wie die erste Enzyklika von Leo XIV. Magnifica humanitas („Die großartige Menschheit“) zeigt, bedeutet die Wahl seines Namens sogar mehr als das. Leo XIII. bezeichnet für ihn eine Zäsur und einen Wendepunkt. Vor dem Jahr 1891, in dem er seine Enzyklika Rerum novarum („Vom Geist der Erneuerung“) veröffentlichte, dominierte ein antimodernes, menschenfeindliches und, in diesem Sinne, dummes Papsttum. In der Zeit danach gewann dagegen mit der Fortentwicklung der katholischen Soziallehre eine moderne, weltoffene und der Geschichte zugeneigte Richtung an Einfluss.
Ihren Höhepunkt erlebte das dumme Papsttum 1864 mit der Enzyklika Syllabus errorum („Verzeichnis der Irrtümer“), mit der sich Papst Pius IX. gegen besseres Wissen sträubte, die Vorurteile des Mittelalters gegen die Aufklärung verteidigte und sich dem „Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“ entgegenstellte. Unter anderem bekämpfte er darin die Proklamation der Menschenrechte, in denen mit der Freiheit von Wissenschaft und Religion auch die Trennung von Staat und Kirche gefordert wurde. Leo XIV. erklärt die angeprangerten „Irrtümern“ nun seinerseits kurzerhand zu einem Irrtum. Im Gegensatz zur Absicht von Pius IX., Staat und Kirche wieder zu einer Einheit zu verbinden, besteht er (im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil) auf der Trennung beider Institutionen und einer Kirche, die sich nicht mehr anmaßt, „die Aufgaben zu übernehmen, die dem Staat obliegen“ (24). Im Gegensatz zu Pius IX., der die Menschenrechte erbittert als ein Werk des „Antichristen“ bekämpfte, erklärt Leo die Menschenrechte (im Anschluss an Johannes Paul II.) zu einem „wahren Meilenstein auf dem Weg des moralischen Fortschritts der Menschheit“ (55) und räumt den Menschen überraschend das „universale und unveräußerliche“ Recht ein, sich ihre Religion selbst zu wählen.
Nicht genug damit. Zu den „Irrtümern“ der Aufklärung zählte die Kirche offenbar auch deren Ächtung der Sklaverei, die stillschweigend geduldet wurde. Erst in den Jahren 1888/89 fand eine „formale, absolute und universale Verurteilung der Sklaverei“ (141) statt, was Leo ebenfalls seinem Namens-Vorgänger als Verdienst anrechnet. Ihm selbst scheint es (im Jahr 2026) an der Zeit und angebracht zu sein, die betroffenen und längst verstorbenen Menschen und Völker wegen der durch das Fehlverhaltens der Kirche verursachten Schmerzen und Demütigungen „aufrichtig um Vergebung“ zu bitten (142).
II.
Durch die Abkehr von der Dummheit entstehen zwar intelligente, aber noch keine guten Menschen. Dazu gehört noch mehr, nämlich ein guter Wille, der sich im Fall der Päpste in der Abfassung menschenfreundlicher Sozial-Enzykliken niedergeschlagen hat. An ihre Geschichte erinnert Leo XIV. nicht nur, weil er sich dieser Tradition zugehörig begreift, sondern auch, weil er diese Tradition fortsetzen und bereichern möchte. An ihrem Anfang steht die bereits genannte Enzyklika Rerum novarum. Sie bildet den Grundstein der katholischen Soziallehre und handelt von der „Würde der Arbeit und des Arbeiters“, klagt „das Recht auf einen gerechten Lohn“ ein und räumt dem Menschen den „Vorrang vor Kapital und Arbeit“ ein (33). Davon ausgehend werden in späteren Enzykliken weitere soziale Themen angesprochen, die die katholische Soziallehre – entlang der „Herausforderungen der Zeit“ (47) – weiterentwickelt und vervollständigt hat:
Quatrogesimo anno (1931 von Pius XI.) etwa prangert „die Konzentration der Wirtschaftsmacht in den Händen weniger“ an. Mater et magistra (1961 von Johannes XXIII.) kritisiert die „wachsende Ungleichheit“ zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern und propagiert eine neue (globale) „Ordnung“ des Zusammenlebens. Populorum progressio (1967 von Paul VI.) erweitert den Friedensauftrag der Kirche und verbindet „Frieden“ mit der ungehinderten Entwicklung der eigenen Fähigkeiten, nicht nur der Individuen, sondern auch der Völker der „Dritten Welt“. Centesimus annus (1991 von Johannes Paul II.) feiert – zwei Jahre nach dem Kollaps des Realen Sozialismus – die liberale Demokratie und die soziale Marktwirtschaft. Laudato siʼ und Fratelli tutti (2015 und 2020 von Franziskus) verurteilen die Armut des globalen Südens und die ökologischen Schäden der Umwelt, fordern „Klimagerechtigkeit“ und klagen über die Abschottung der reichen Länder gegenüber Migranten.
Haben die Enzykliken irgendwelche sozialen Fortschritte und Besserungen bewirkt? Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Die angeprangerte Konzentration der Wirtschaftsmacht in den Händen weniger hat immer größere Dimensionen angenommen; wie in Russland herrschen auch in den USA und anderen Ländern kleine Cliquen von milliardenschweren Oligarchen. Statt die „Dritte Welt“ in ihrer nachholenden Entwicklung zu fördern, haben die Mitgliedsländer der OECD die Entwicklungshilfe von 223,9 Milliarden US-Dollar (2024) auf 174,3 Milliarden (2025) gekürzt. Statt Frieden scheint der Krieg als Dauerzustand institutionalisiert, offenbar als gutes Geschäft für die Rüstungsindustrie: Seit 11 Jahren sind die weltweiten Militärausgaben kontinuierlich auf zuletzt 2,9 Billionen US-Dollar (2025) gestiegen. Nicht die liberale Demokratie und die soziale Marktwirtschaft haben sich seit dem angeblichen „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) durchgesetzt; stattdessen sind rechtsradikale und fundamentalistische Parteien auf dem Vormarsch. Sozialleistungen werden unter dem Einfluss neoliberaler Wirtschaftspolitik gekürzt. Der drohenden Umwelt- und Klimakrise wird immer weniger entgegeggesetzt, der Zeitpunkt der angestrebten Klimaneutralität immer weiter nach hinten verschoben, nicht zuletzt aus Unterwürfigkeit gegenüber Donald Trump, der Windräder und Sonnenpaneele hasst und amerikanisches Fracking-Öl und -Gas verkaufen will.
Ein Scheitern der katholischen Soziallehre auf der ganzen Linie! Die Päpste zeigen mit ihren Sozialenzykliken nur, dass sie guten Willens sind. Von Hegel freilich hätten sie lernen können, dass „die Lorbeeren des guten Willens niemals gegrünt haben“. Bewundernswert ist allerdings der Realismus Leos XIV., der dieses Scheitern an verschiedenen Stellen seines Buches einräumt und das Scheitern vieler Versuche, den „wirtschaftlichen Rückstand der armen Völker aufzuholen“ (42), oder das Scheitern der Friedensbemühungen angesichts der Macht der Rüstungskonzerne (155 ff.) selbst zur Sprache bringt. Realistische Gedanken darüber, woran dieses Scheitern liegen könnte, macht er sich allerdings keine. Symptome werden benannt und angeklagt, die Ursachen – bedauert wird nur eine mangelnde „Zivilisation der Liebe“ – bleiben im Vagen. Am Privateigentum halten die Soziallehre und Leo XIV. gleichermaßen fest, wobei zwischen dem Privateigentum an den Produktionsmitteln, das die private Aneignung des gesellschaftlich erzeugten Mehrwerts ermöglicht, und dem Privateigentum an dem Haus, das jemand selbst bewohnt, nicht differenziert wird.
Neben der Würde des Menschen, dem Gemeinwohl, der Subsidiarität und der Solidarität steht die Gerechtigkeit im Wertesystem der Soziallehre an erster Stelle. Gerechtigkeit soll verwirklicht werden und zur Herrschaft gelangen. Nicht zur Kenntnis nimmt Leo dabei, dass Gerechtigkeit doch längst, seit über 200 Jahren, verwirklicht und zur Herrschaft gekommen ist: selbstredend in ihrer kapitalistischen Form. Früher herrschte die feudale Gerechtigkeit, bei der die Leibeigenen zur Scholle gehörten, dem Landesherrn den „Zehnten“ schuldeten und die Handwerker rigiden Zunftordnungen unterstellt waren. Unter kapitalistischen Verhältnissen wurden die Arbeiter frei und können selbst entscheiden, wem sie ihre Arbeitskraft verkaufen wollen. Auch die Käufer sind frei und konnen die Arbeitskraft kaufen, wenn sie ihnen nützlich ist und sie Gewinn daraus erzielen können – oder dem Arbeiter kündigen, wenn das nicht mehr der Fall ist. Aus dieser Freiheit, verbunden mit dem (von der Soziallehre akzeptierten) Privateigentum an den Produktionsmitteln, das den Kapitalisten in die Lage versetzt, die Arbeitskraft zu kaufen, sind eben die Probleme entstanden, die die Soziallehre anprangert: allen voran die Konzentration des Kapitals und der Wirtschaftsmacht oder die wachsende Kluft zwischen Reichtum und Armut.
Natürlich strebt Leo XIV. nach einer „höheren“, nicht kapitalistischen Form der Gerechtigkeit. Dem Arbeiter soll der „Vorrang vor Kapital und Profit“ (33) eingeräumt werden. Der Unternehmer soll ihm also nicht gleich kündigen, wenn er keine Aufträge hat, sein Kapital also nicht verwerten und damit keinen Gewinn aus der gekauften Arbeitskraft ziehen kann. Das wäre freilich nur der Weg, um den Unternehmer in Konkurs zu treiben. Kein Zweifel: Die Arbeitnehmer sind heute durch Kranken-, Unfall-, Renten- und Arbeitslosenversicherung besser abgesichert, als sie es zur Zeit der Enzyklika Rerum novarum im 19. Jahrhundert waren. Das ist freilich ein Verdienst der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, denen Bismarck, aus Angst vor einem Sieg der Sozialdemokratie, entgegengekommen ist, und 1883 bis 1889 die Sozialgesetzgebung eingeführt hat. Leo XIII. ist mit seiner Enzyklika dieser Entwicklung nur hinterhergerannt.
III.
Nach der Abkehr von der antimodernen, menschenfeindlichen und dummen Ausrichtung früherer Päpste und der Geschichte der katholischen Soziallehre (samt ihrem Scheitern) behandelt Leos Enzyklika Magnifica humanitas ein drittes Thema, auf dem ihr eigentlicher Schwerpunkt liegt. Es geht um die Fortentwicklung der Soziallehre unter den technischen Bedingungen der Gegenwart und, wie es im Untertitel heißt, um die „Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“. Leo entfaltet darin ein ganzes System von Gefahren der KI, das von psychischen Schäden der User (intellektuelle Trägheit, Suchtverhalten), über ökologische Folgeerscheinungen (hoher Energie- und Wasserbedarf der Rechenzentren mit entsprechendem CO2-Ausstoß und Klimaschäden), die Verzerrung zwischenmenschlicher Kommunikation (Mobbing, Ausgrenzung, Cyber-Kriminalität) bis zu menschenunwürdigen Formen der Arbeit (Prekariat, Kinderarbeit bei undurchsichtigen Lieferketten, „neue Sklaverei“) führt. Am Ende warnt er vor dem Transhumanismus, der Gottes Werk, die Erschaffung der „großartigen Menschheit“ nach seinem Ebenbilde, durch die Erschaffung von „Hybriden aus Mensch und Maschine“ (97) „verbessern“, aber eigentlich zunichte macht.
Die gegenwärtig größten Gefahren der KI sieht Leo in der Manipulation von Fakten und der Verbreitung von Lügen. Wahrheit verliere so ihre verbindende Kraft und führe (wie er Hannah Arendt zitiert) „zu einem langsamen aber unaufhaltsamen Abgleiten zum Totalitarismus“ (112). Weiterhin bietet die KI die Möglichkeit, massenhafte Daten ihrer Nutzer abzugreifen, zu „Profilen“ zu verdichten, die Menschen wie noch nie zuvor zu überwachen und in ihren Entscheidungen (als Konsumenten oder Wähler) zu beeinflussen. (137). Zuletzt verbreiten sich auch noch die Risiken durch mögliche Fehler autonomer Waffensysteme, denen die Entscheidung über militärische Aktionen übertragen wurde.
Leos Kritik gehen in Richtung Silicon Valley: Die „Machtkonzentration in der digitalen Welt“ ist weder mit der „unveräußerlichen Würde des Menschen“ noch mit dem „Gemeinwohl“ zu vereinen (84). Die KI müsse der „Logik des …Wettbewerbs“ entzogen werden. Es reiche nicht aus, sie durch den Staat „zu regulieren“, sie „muss entwaffnet … werden“ (95). Starke Worte und berechtigte Forderungen, bei denen allerdings der Hinweis auf die Möglichkeit einer Enteignung der Tech-Giganten außer Acht bleibt. Auch die Möglichkeit der Verwaltung der IT-Konzerne durch unabhängige Institutionen, deren Ausrichtung auf das „Gemeinwohl“ transparent ist und überprüft werden kann, wird nicht in Erwägung gezogen. Am Privateigentum rüttelt, wie schon gesagt, weder Leo XIV. noch die katholische Soziallehre. Auf diese Weise wird die Ursache vieler Missstände beibehalten, die durch moralische Appelle beseitigt werden sollen.
Im Besonderen richtet sich Leos Kritik am Silicon Valley gegen den Marktradikalismus der Neoliberalen, deren Thinktanks wie etwa dem einflussreichen Ludwig von Mises Institute, Center for Libertarian Studies die Tech-Giganten nahestehen, da sie im „freien Markt“ die Garantie ihrer wirtschaftlichen Macht besitzen. „Im Zeitalter von KI und Robotik“, schreibt Leo, ist es nicht mehr möglich, sich „allein auf die ‚unsichtbare Hand‘ des Marktes zu verlassen“. Auch hier, in wirtschaftlicher Hinsicht, spricht er dem Staat die Aufgabe zu, „die wirtschaftlich-technischen Dynamiken auf das Gemeinwohl auszurichten“ (132). Das ist, wie er klar sieht, nicht ohne „internationale Zusammenarbeit“ und eine staats-übergreifende Verständigung auf „gemeinsame Strategien“ möglich. Einzelne Namen nennt Leo XIV. nicht; es ist jedoch klar, wen er mit seiner Kritik meint. Der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Hermann Hoppe, der einflussreiche Blogger Curtis Yarvin oder der Investor Peter Thiel huldigen einhellig der Meinung, dass Freiheit – ihre Freiheit – nicht mit Demokratie zu vereinen sei, dass die Fortschritte der Technologie durch demokratische Vorgaben (wie Datenschutz, Wettbewebsrecht, Schutz des geistigen Eigentums, Kinder- und Jugendschutz u.a.) behindert werden, dass Demokratie infolgedessen abgebaut werden sollte. Vor allem bekämpfen sie überstaatliche Organisationen, von denen sie Kontrolle und Einschränkungen ihrer Wirtschaftsmacht befürchten. Ihre politischen Vorstellungen gehen stattdessen dahin, die bestehenden Staaten zu zerschlagen und in Aktiengesellschaften zu verwandeln, bei denen CEOs an die Stelle gewählter Präsidenten treten. Indem sich Leo diesen Tendenzen entgegenstellt, schließt er sich den Bestrebungen von Jürgen Habermas oder Hans Jonas an, die versucht haben, die Herrschaft der Demokratie über die verselbständigte Technik zurückzugewinnen: nicht allerdings durch Kommunikation und die Macht der öffentlichen Meinung (wie Habermas) oder die an Kant orientierte Ethik der Verantwortung (wie Jonas), sondern durch die katholische Soziallehre.
Auf keinen Fall möchte Leo den Eindruck erwecken, seine Kritik an den unheilvollen Begleiterscheinungen der KI und den politischen Vorstellungen ihrer Entwickler erstrecke sich auch auf die KI selbst. Er möchte nicht als Technikfeind angesehen werden. Vielmehr bezeichne die KI ein „wertvolles Hilfsmittel“, das aber „Vorsicht erfordert“ (87). Im Gegensatz zu den vielen Nebenwirkungen, die er benennt, sind Beispiele, wofür die KI als „wertvolles Hilfsmittel“ dienen könnte, in der Enzyklika allerdings kaum zu finden. Dominant ist vielmehr die Kritik an der zunehmenden Macht des „technologischen Paradigmas“, das alle persönlichen, politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen dem Maßstab „der Effizienz, der Kontrolle und des Profits“ unterwirft (82). Die Technik habe sich dem Menschen gegenüber verselbständigt, führe ein Eigenleben, erniedrige die „großartige Menschheit“ und mache sie zu „Opfern ihrer eigenen Errungenschaften“. (83) Dieses Argument ist nicht neu; es ist seit Marx bekannt und zu einem Stereotyp der Technikkritik geworden. Im Gegensatz zu Leo hat Marx allerdings die Genese der genannten Entfremdung detailliert dargestellt und damit die Ursachen der Entfremdung benannt. Sie sind es letztlich, die beseitigt werden müssten, wenn das „Gemeinwohl“ die Herrschaft über die Technik erringen soll.