Gertraud Klemm

Abschied vom Phallozän

oder: Wann sprechen wir endlich vom Matriarchat. Eine Streitschrift

geb., 142 Seiten, 20,- €

Berlin 2025 (Matthes & Seitz Verlag)

von Marija Bogeljic-Petersen

Gertraud Klemm gehört zu den markanten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur. Ihren Essay Abschied vom Phallozän sollte man vor dem Hintergrund einer Kontroverse lesen, die 2025 um ihre feministische Position entbrannte: Der Leykam-Verlag strich ihren Beitrag aus dem geplanten Sammelband Das Pen!smuseum, nachdem ältere Äußerungen Klemms, in denen sie eine vom Queerfeminismus abweichende Position zum Verhältnis von Geschlecht und Feminismus vertrat, öffentlich kritisiert worden waren. Klemm widersprach der Darstellung Sie habe ihren Beitrag freiwillig zurückgezogen – eine Auseinandersetzung, die die Frage nach den Grenzen feministischer Debatten selbst zum Gegenstand machte.

Schon der Begriff „Phallozän“ gibt die Richtung des Essays vor. Klemm ersetzt die scheinbar neutrale anthropologische Perspektive des „Anthropozäns“ durch eine geschlechterpolitische Diagnose und macht das Patriarchat zum strukturierenden Prinzip gegenwärtiger ökologischer, ökonomischer und politischer Krisen. Musk, Trump, Zuckerberg und Andrew Tate erscheinen als Varianten einer von Macht, Technologie und ökonomischer Verfügung geprägten Männlichkeit. Dabei geht es ihr weniger um eine Analyse dieser einzelnen Figuren als um einen Perspektivwechsel: Das Patriarchat soll nicht länger als Teilproblem, sondern als gesellschaftliche Grundordnung betrachtet werden. Diese Perspektive durchzieht den gesamten Essay. Patriarchat bedeutet für Klemm nicht nur männliche Herrschaft über Frauen, sondern eine Ordnung, die sich in Familie, Ökonomie, Wissenschaft, Religion, Politik und Kultur eingeschrieben hat. Am Ende wird es zur „Weltdeutung“: Seine Macht beruhe gerade darauf, dass seine Kategorien als natürlich, universell und alternativlos erscheinen. Die Frage des Essays lautet deshalb nicht nur, wie Frauen innerhalb der bestehenden Ordnung gleichberechtigt werden können, sondern wie eine Gesellschaft aussehen könnte, deren grundlegende Maßstäbe andere wären.

Zunächst richtet Klemm diese Kritik gegen den gegenwärtigen Feminismus. Die erste und zweite Frauenbewegung hätten mit Frauenwahlrecht und rechtlicher Gleichstellung historische Durchbrüche erzielt; heute werde feministische Energie ihrer Ansicht nach zunehmend durch Identitäts-, Sprach- und Theoriedebatten gebunden. Während Gewalt gegen Frauen, ökonomische Ungleichheit und die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit fortbestünden, zerfalle das feministische „Wir“. Die Diagnose ist zugespitzt, aber gerade darin liegt eine Schwäche. Klemm konstruiert einen Gegensatz zwischen „materiellen“ Frauenfragen und Identitäts- oder Sprachfragen, als wären letztere lediglich Luxusprobleme einer akademischen Elite. Dass Feminismus über Geschlecht, Sprache und Identität streitet, sagt jedoch wenig über seine politische Handlungsfähigkeit aus. Vor allem bleibt Klemms eigenes „Wir“ ungeklärt: Wer gehört ihm an, welche Unterschiede soll es aushalten? Ihre Kritik an der Fragmentierung droht so selbst in eine Vereinheitlichung umzuschlagen.

Produktiver ist ihr Blick auf die materiellen Voraussetzungen von Emanzipation. Die Kleinfamilie erscheint bei ihr als eine zentrale soziale Form des Patriarchats, weil Kindererziehung, Pflege und Fürsorge in ihr privatisiert und historisch vor allem Frauen übertragen wurden. Individuelle und sexuelle Selbstbestimmung verändern daran wenig, solange die gesellschaftliche Organisation der Fürsorge unangetastet bleibt. Damit verschiebt Klemm die Frage von individueller Freiheit zu sozialer Infrastruktur: Wer Kinder versorgt, Kranke pflegt und im Alter unterstützt – und wer dafür bezahlt wird –, entscheidet wesentlich über tatsächliche Autonomie.

Als Gegenmodell entwickelt sie das Matriarchat. Es sei weder ein „umgekehrtes Patriarchat“ noch eine Utopie, sondern eine historisch und teilweise bis heute existierende Gesellschaftsform. Klemm beschreibt es als egalitäre, mutterzentrierte Ordnung, in der Fürsorge, Verteilung und gemeinschaftliche Bedürfnisse an die Stelle von Herrschaft und Akkumulation treten. Sie nennt unter anderem die Mosuo, Minangkabau, Khasi, Akan und Hopi und verweist auf matrilineare Verwandtschaft, gemeinschaftliche Entscheidungsformen und andere Formen der Ökonomie. Gerade hier zeigt sich jedoch eine grundsätzliche Ambivalenz. Sehr unterschiedliche Gesellschaften werden unter dem Begriff „Matriarchat“ zu einem Gegenmodell zusammengeführt, dessen gemeinsame Eigenschaften teilweise stärker theoretisch konstruiert als historisch vergleichbar erscheinen. Das Matriarchat ist bei Klemm nicht nur Gegenstand historischer Forschung, sondern zugleich Beweis dafür, dass eine andere Gesellschaft möglich ist. Seine Funktion als normatives Gegenbild überlagert dadurch bisweilen die historische Differenz der von ihr angeführten Gesellschaften.

Daran schließt Klemms Kritik an der Vorstellung einer „ewigen“ oder naturgegebenen Patriarchatsordnung an. Archäologische und ethnologische Forschung sollen zeigen, dass die menschliche Geschichte keineswegs selbstverständlich patriarchal organisiert gewesen sei. Sesshaftigkeit, Viehzucht, veränderte Arbeitsteilung, Gewalt und religiöse Neuordnungen erscheinen als mögliche Bedingungen der Herausbildung patriarchaler Strukturen. Die noch existierenden matriarchalen Gesellschaften werden so zu „Bauplänen“ einer postpatriarchalen Ordnung. Hier gewinnt der Essay seine eigentliche erkenntnistheoretische Dimension. Klemm fragt zunehmend weniger nur, was geschehen ist, als wer festlegt, was als Geschichte, Wissen und Wirklichkeit gilt. Die europäische Geschichte sei vor allem als Geschichte von Kriegen, Eroberungen und Herrschern erzählt worden; friedliche Perioden und andere Formen gesellschaftlicher Organisation seien dagegen weitgehend unsichtbar geblieben. Ähnlich habe der europäische Imperialismus nicht nur Territorien und Ressourcen beherrscht, sondern auch festgelegt, was als Fortschritt, Zivilisation und Wissen gelten sollte.

Ihre zentrale Frage lautet: Was wurde durch diese Wissensordnung unsichtbar gemacht – und welches Wissen fehlt heute möglicherweise, weil es nicht in ihre Kategorien passte? Besonders konkret wird diese Kritik an der Wissenschaft. Der männliche Körper sei lange zum wissenschaftlichen Maßstab gemacht worden, während Frauen und nichtweiße Menschen als Abweichung oder weniger relevanter Forschungsgegenstand erschienen. Die Geschichte der Klitoris dient hier als prägnantes Beispiel. In der Primatenforschung seien männlich dominierte Gruppen lange als Modell menschlicher Gesellschaften herangezogen worden; in der Archäologie habe man Waffen vorschnell Männern, Schmuck und Textilarbeit Frauen zugeschrieben. Neue genetische und archäologische Forschungen hätten zahlreiche solcher Deutungen korrigiert. Die entscheidende Einsicht liegt hier nicht in der Behauptung, Wissenschaft sei bloß „patriarchal“, sondern in der Frage, mit welchen Kategorien wir überhaupt sehen. Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht nicht außerhalb gesellschaftlicher Voraussetzungen; Auswahl, Fragestellungen und institutionelle Autorität prägen, was untersucht und überliefert wird. Klemms stärkste Passagen sind deshalb jene, in denen sie nicht Wissenschaft als solche verwirft, sondern ihre blinden Flecken sichtbar machen will.

Ihre Kritik am Matilda-Effekt und am Geniekult führt diesen Gedanken weiter. Frauen seien nicht nur aus der Wissenschaft ausgeschlossen, sondern ihre Leistungen auch Männern zugeschrieben oder vergessen worden. Rosalind Franklin, Mileva Einstein-Marić und Lise Meitner stehen für eine Geschichte, in der weibliche Beiträge hinter männlichen Namen verschwinden. Ähnliches beobachtet Klemm im Kulturbetrieb, wo männliche Genialität problematisches oder gar kriminelles Verhalten lange entschuldigen konnte. Die Forderung, nicht nur vergessene Frauen nachträglich in den Kanon einzufügen, sondern die Mechanismen der Kanonbildung selbst zu untersuchen, gehört zu den überzeugenderen Gedanken des Essays: Wer entscheidet, was bedeutend ist; wer erhält Aufmerksamkeit, Geld und Überlieferung – und warum wird eine bestimmte Erfahrung als das Allgemeine ausgegeben? Diese Frage richtet Klemm schließlich gegen die Philosophie. Mit „Phalosophie“ pointiert sie die These, dass eine Tradition, die über Mensch, Vernunft, Moral, Staat und Wahrheit zu sprechen beansprucht, lange Zeit vor allem männliche Erfahrungen zum Maßstab des Allgemeinen gemacht habe. Von Platon und Aristoteles über Rousseau und Hegel bis Horkheimer und Adorno führt sie Äußerungen über Frauen an, die ihre These stützen sollen. Dennoch fordert sie keinen einfachen Kanonsturz. Philosophische Werke müssten historisch kontextualisiert und ihre Voraussetzungen offengelegt werden. Der Anspruch auf Allgemeingültigkeit soll nicht aufgegeben, sondern daraufhin befragt werden, unter welchen Bedingungen er entstanden ist. Eine spezifische, männlich dominierte Erfahrung darf nicht unbemerkt als universelle menschliche Erfahrung erscheinen. Allerdings zeigt sich hier auch Klemms grundlegendes Problem: Aus vielen treffenden Einzelbeobachtungen entsteht eine sehr große Gesamterklärung. Patriarchat erklärt bei ihr zugleich Familie, Kapitalismus, koloniale Wissensordnungen, Religion, wissenschaftliche Irrtümer, Geniekult, ökologische Zerstörung und Philosophie. Als Kritikmodell ist diese Verbindung anregend; als Erklärung droht sie jedoch kausale Unterschiede einzuebnen. Nicht jede Hierarchie, jede Form von Kapitalakkumulation oder jede wissenschaftliche Fehlannahme lässt sich ohne Weiteres auf dieselbe Ursache zurückführen.

Ähnlich ambivalent fällt die Religionskritik aus. Klemm vertritt die These, keine der großen Weltreligionen komme ohne misogynen Kern aus, und kritisiert religiöse Autorität dort, wo sie Geschlechterrollen, Sexualität, Fortpflanzung oder Familienrecht reguliert. Ihre interessante Frage lautet, wie weit eine als freiwillig erscheinende Lebensform tatsächlich frei ist, wenn sie durch soziale, religiöse und ökonomische Abhängigkeiten geprägt wird. Zugleich werden sehr unterschiedliche religiöse Traditionen und gesellschaftliche Kontexte bei ihr unter einem gemeinsamen Begriff zusammengefasst – auch hier zugunsten einer großen Diagnose.

Über die Care-Arbeit kehrt Klemm zu den materiellen Grundlagen des Patriarchats zurück. Eine Gesellschaft, die Frauen zugleich ökonomische Selbstständigkeit und einen großen Teil unbezahlter Fürsorgearbeit abverlangt, reproduziert Abhängigkeit auch bei rechtlicher Gleichstellung. Gender-Pay-Gap, Gender-Rente-Gap und Altersarmut erscheinen damit nicht als isolierte Ungleichheiten, sondern als Folgen einer Wertordnung, in der bestimmte Tätigkeiten als produktiv und andere als privat gelten. Patriarchat und Kapitalismus verschränken sich für Klemm dort, wo unbezahlte weibliche Arbeit die Voraussetzung bezahlter gesellschaftlicher Produktion bildet. Aus dieser Diagnose entwickelt sie ein politisches Programm: Trennung von Staat und Kirche, Gewaltschutz, ökonomische Gleichstellung, geschlechtergerechte Medizin, Revision von Lehrplänen und Forschung sowie neue Formen gemeinschaftlichen Wohnens, der Kinderbetreuung und des Alterns. Ihre „Exit-Strategie“ reicht von Boykott und Streik bis zur Verweigerung unbezahlter Care-Arbeit und reproduktiver Leistungen. Zugleich setzt sie auf lokale Projekte wie Baugruppen, Ökodörfer und Kulturvereine als soziale Experimente für andere Formen des Zusammenlebens. Auch der Kulturbetrieb wird in diese institutionelle Revision einbezogen. Klemm fragt nach der tatsächlichen Verteilung von Ressourcen, Aufmerksamkeit und Entscheidungsmacht hinter seinem progressiven Selbstverständnis.

Entpatriarchalisierung bedeutet für sie deshalb nicht nur mehr Frauen in bestehenden Institutionen, sondern eine Veränderung der Kriterien, nach denen Kompetenz, Bedeutung und Autorität verteilt werden. Am Ende laufen diese verschiedenen Ebenen wieder zusammen. Wissenschaft, Philosophie, Religion, Familie, Kultur und Ökonomie erscheinen als Institutionen, in denen sich dieselbe Ordnung reproduziert. Klemms eigentliche Forderung ist deshalb erkenntnistheoretisch und politisch zugleich: Das Patriarchat muss zunächst als historisch entstandene und damit veränderbare Ordnung erkannt werden, bevor es überwunden werden kann. Man müsse den „patriarchalen Code“ entschlüsseln, die Vergangenheit neu lesen und die Kategorien überprüfen, mit denen Gegenwart und Geschichte interpretiert werden. Darin liegt die produktivste Idee des Essays. Klemm fordert nicht lediglich, die Geschichte um einige Frauen zu ergänzen oder bestehende Institutionen gerechter zu besetzen. Sie fragt, warum eine historisch spezifische Perspektive überhaupt als universelle gelten konnte. Ihre Wissenschafts-, Philosophie- und Kanonkritik zielt damit auf die Voraussetzungen des Allgemeinen selbst. Gerade deshalb fällt umso stärker auf, wo der Essay hinter seinem eigenen Anspruch zurückbleibt. Klemm kritisiert Vereinfachungen und fordert einen Perspektivwechsel, arbeitet selbst aber häufig mit großen Gegensatzpaaren: Patriarchat und Matriarchat, Herrschaft und Fürsorge, Kapital und menschliche Arbeit, Autorität und Evidenz. Ihre Polemik erzeugt eine produktive Spannung, kann aber zugleich jene Komplexität reduzieren, die ihre eigene Wissenschafts- und Geschichtskritik einfordert.

Abschied vom Phallozän ist daher weniger ein geschlossenes Gesellschaftsmodell als ein Versuch, den Blickwinkel zu verschieben. Klemm überzeugt dort am meisten, wo sie Selbstverständlichkeiten aufbricht: die vermeintliche Natürlichkeit der Kleinfamilie, die Unsichtbarkeit von Care-Arbeit, die Neutralität wissenschaftlicher Kategorien, den männlichen Geniekult und den philosophischen Universalismus. Schwächer wird der Essay dort, wo aus dieser Kritik eine Totalerklärung wird und unterschiedliche historische und soziale Phänomene unter dem Begriff des Patriarchats zusammenfallen. Sein bleibender Wert liegt deshalb weniger in der Geschlossenheit seines Gegenentwurfs als in der Zumutung, die eigenen Begriffe nicht für selbstverständlich zu halten. Das „Phallozän“ bezeichnet am Ende nicht nur eine Epoche männlicher Herrschaft, sondern eine bestimmte Art, Welt zu ordnen und zu erkennen. Der Abschied davon wäre erst dann vollzogen, wenn nicht nur Frauen andere Plätze in der bestehenden Ordnung erhalten, sondern die Ordnung selbst daraufhin befragt wird, was sie unsichtbar macht, was sie als normal ausgibt und was sie zum Allgemeinen erklärt.

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