Eberhard Simons

Die „Neue Oikonomia“

Ein Gespräch

Widerspruch: Herr Simons, wie sind Sie zur Philosophie gekommen?

Simons: Als Gymnasiast habe ich gar nicht gewusst, was Philosophie ist. Man studierte damals auch nicht Philosophie.

Widerspruch: Weil die Eltern sagten, Philosophie sei brotlose Kunst?

Simons: Nein, weil es abseitig war. Fast so abseitig wie Hethitologie. In der Oberstufe bekam ich dann einen Deutschlehrer, der uns – und zwar fakultativ – einen Zugang zur Philosophie vermittelte. Nun hatte ich aber noch immer nicht Philosophie studieren wollen, sondern Theologie. Ich begann mein Studium in Innsbruck; und da war es obligatorisch, vor der Theologie vier Semester Philosophie zu studieren. Wer mich dann aber eigentlich zur Philosophie brachte, das war ein Theologe, nämlich Karl Rahner. Er hat so gute Vorlesungen gehalten, in denen er versuchte, wirklich theologisch zu denken – einer der wenigen denkenden Theologen. Ich habe ihn sehr bewundert. Durch ihn wurde ich darauf gebracht, dass man Theologie nicht mehr in herkömmlicher Weise betreiben kann – zumal er zwar immer die Folie „scholastische Theologie“ zugrundelegte, dann aber anhob, in Abgrenzung dazu eine neue denkende Theologie zu entwickeln, die er philosophisch „Transzendentalmetaphysik“ nannte. Ich merkte bald, dass man Theologie eigentlich nicht ohne Philosophie studieren kann. Und so ging ich 1963 dann nach München.

Widerspruch: Rahner kam ein Jahr später nach München. Er ist ihnen sozusagen gefolgt.

Simons: Hahaha. Ja. Er kam auf den Guardini-Lehrstuhl. Und ich war bei den Jesuiten als Externer. Mein Lizenziat oder meinen Magister ich habe dann bei Johann Baptist Lotz gemacht, der am Berchmannskolleg in München-Pullach und an der Gregoriana war. Mein Magisterthema war damals recht hochgegriffen: „Der Seinsbegriff bei Thomas von Aquin und bei Heidegger“.

Danach wandte ich mich der Transzendentalphilosophie zu. Mein Terrain wurde: Kant, Fichte, Fichte, Kant – und so kam ich zu Reinhard Lauth, dem Herausgeber der ersten kritischen Fichte-Ausgabe. Lauth brachte mich zu der Erkenntnis, dass die „Transzendentalmetaphysik“, die von Heidegger kam und in München von Lotz, Rahner und Max Müller vertreten wurde, zur Transzendentalphilosophie werden müsse. Und über die Mängel der Transzendentalmetaphysik, dass sie keine Interpersonali­tätstheorie und keine zureichende Geschichtstheorie hatte, habe ich dann in Auseinandersetzung mit einer bestimmten religionsphilosophischen Schrift Karl Rahners meine Dissertation verfasst.

Widerspruch: Bei Reinhard Lauth? Transzendentalmetaphysik contra Wissenschaftslehre?

Simons: Ja. Das Buch hieß „Philosophie der Offenbarung“ und erschien bei Kohlhammer. Es erregte denn auch bei den Jesuiten recht großes Aufsehen und wurde in der Akademie der Wissenschaften diskutiert. Aber sie kamen mit ihrer Kritik nicht durch. Rahner selbst war mit der Kritik sehr einverstanden und meinte, es sei eine der besten Kritiken, die er je in seinem Leben erfahren habe. Ja – und das alles machte ich eigentlich nur als Vorbereitung, um Theologie zu studieren.

Widerspruch: Wann war das?

Simons: Ende der 60er Jahre. Bald kamen mir aber doch große Bedenken bezüglich des Berufes der Theologie. Denn damals waren Laien in der theologischen Fakultät nicht gefragt, und außerdem hatte ich eine Lebensgefährtin kennen gelernt. Jedenfalls, mit Priester-Werden war nichts mehr drin.

Widerspruch: Hatten Sie auch Probleme wegen der Kritik in Ihrer Dissertation?

Simons: Nein. Sie kam eigentlich recht gut an. Ich hatte also vor, weiter Philosophie zu betreiben und mich zu habilitieren. Und da traf es sich, dass gerade Hermann Krings von Saarbrücken nach München kam. Bei ihm habe ich dann – damals musste man noch fragen, ob man auch genommen wird – als Habilitand gearbeitet und schließlich über die philosophische Gottesfrage habilitiert, dargestellt an Ernst Blochs „Geist der Utopie“.

Widerspruch: Wie sind Sie denn auf dieses Thema gekommen?

Simons: Über einige „Umsteiger“. Anfangs wollte ich über Nikolaus von Kues’ Schrift „De visione dei“ habilitieren – eine wunderschöne Schrift, die er 1451 seinem Freund am Tegernsee geschenkt hatte. Krings meinte, ob sich das nicht etwas aktualisieren ließe, und so kam Feuerbach dazu. Bloch war dann natürlich auch naheliegend. Und so hatte ich drei Autoren. Ich sagte Krings: „Nee, also drei, das ist zuviel.“ Cusanus und Feuerbach habe ich fallen lassen und mich ganz auf den Bloch gestürzt.

Widerspruch: Unter welcher Thematik?

Simons: Eben nicht mehr unter dem Gottesbegriff; denn bei Bloch gibt es zwar ein Transzendieren, aber ohne Transzendenz. Das Buch hieß: „Freiheit und Methode“, worin ich neue Methoden entwickelt habe, die die Kategorien und die Logik künstlerischer Produktion und Imagination betrafen.

Widerspruch: Dies geschah in Auseinandersetzung mit Bloch?

Simons: Ja. In Darstellung und Auseinandersetzung mit Ernst Bloch. Ich hatte damals das Glück, dass von den fünf Gutachtern jeder in meiner Habilitationsschrift sein Kapitel fand. Denn zunächst zweifelte ich, ob ich meine Bloch-Schrift in München überhaupt durchkriege. Wir hatten nämlich in München eigentlich nur zwei Schulen: die eine war die „Metaphysik“ – von Platon über Plotin bis kurz vor Descartes –; die andere ging von Descartes bis zu Schelling, Fichte und dem früheren Hegel. Mehr gab’s nicht. Und dementsprechend gab es auch zwei Fußballmannschaften: die Metaphysiker und die Transzendentalen.

Widerspruch: Und da lag Bloch nicht nur dazwischen, sondern ganz daneben.

Simons: Ja. Aber es war damals eben auch die Zeit der Studentenbewegung, 1971 und folgende. Und da kam ich nicht nur recht, sondern – gewissermaßen wie die Jungfrau zum Kinde – auch zum Einsatz. Denn die „Roten Zellen“ und dann die „Marxistische Gruppe“ setzten den Herren sehr zu, teils mit faulen Eiern und Tomaten, aber auch mit sehr gezielten Sit-ins. Und die Professoren dachten, dass jetzt ein Junger an die Front müsse, und so verfiel man auf mich und hat mich an die vorderste „MG-Front“ geschickt. Aber dazu musste ich Hegel studieren; denn mit Fichte allein ging das nicht. Also: Kritische Theorie, Hegel und Marx, das waren die Schwerpunkte. Ich habe dann selbständig Hegel studiert, und in der Folgezeit 10 Semester Hegels „Logik“ und daraufhin noch mal 10 Semester die „Phänomenologie des Geistes“ gelehrt.

Widerspruch: Aber „Subjekt-Objekt“ von Bloch, das ist im Grunde doch Hegel. Und Sie hatten sich damals noch nicht damit befasst?

Simons: Nein. Es war nicht das Thema meiner Arbeit gewesen, sondern das Geschichts- und Religionsphilosophische bei Bloch, vor allem in seinem Frühwerk „Geist der Utopie“.

Widerspruch: Es überrascht, dass die Auseinandersetzung damals so koordiniert geschah, und man vom Fachbereich an die „vorderste Front“ geschickt wurde. Gab es dafür wenigstens auch Meriten?

Simons: Ja, nämlich ein gutes Gehalt. Es gab auch Neid-Unmeriten. Denn der Hörsaal, wo ich las, war bis auf den letzten Notsitz krachend voll. Einem älteren Kollegen, der auch teilnehmen wollte, erging es so, dass er keinen Platz fand und schließlich wieder abziehen musste. So etwas sollte man mit 32 Jahren nicht tun. Da gab es panischen Neid. Der hat mich dann so erwischt, dass, wenn bei den Berufungsverhandlungen gefragt wurde, man mich immer über alles gelobt hat. Ich dachte immer: „was wollen die denn nun?“ – Man hat dann auch gesagt, es sei ja leicht, heute mit „Kritischer Theorie“, Hegel und Marx alles voll zu haben. Und so wurde ich schließlich auf die Antike angesetzt: Platon, Aristoteles, Vorsokratiker usw.

Widerspruch: Aber Sie hatten doch eine freie Wahl Ihrer Themen.

Simons: Hatte ich schon. Aber wenn man damit Geld verdienen will, darf man nicht. Da ich damals eine C3-Stelle vertrat, musste ich antike Philosophie machen. Ich hab’s auch gerne gemacht. Und da geschah dasselbe wieder: erst waren es wenige – und man meinte, ich müsse jetzt auch mal das trockene Brot kennen lernen –, aber dann wurde es auch da immer voller. Und so habe ich mir auch die antike Philosophie angeeignet.

Widerspruch: Sehen Sie im Rückblick auf ihre Arbeiten so etwas wie einen „roten Faden“, der Ihr Philosophieren durchzieht?

Simons: Ja. Es gibt einen „roten Faden“, der immer stärker wurde, zumal ich als Nebenfächer noch Kunst- und Kulturgeschichte und auch Ökonomie studiert habe. Also, ich sage das mal etwas schematisch: Die Scholastik mit Thomas von Aquin, die in der katholischen Kirche ja bis zum 2. Vatikanum für alle Theologen und alle philosophischen Hochschulen verbindlich war, hatte ich spätestens mit meiner Kritik an Rahners Transzendentalmetaphysik ad acta gelegt und mit der Hinwendung zur Transzendentalphilosophie überwunden. Dann kam Hegel dazu, der vor allem durch die Kategorienlehre in seiner „Logik“ eine ganze weitere Dimension eröffnet hat. Ich kam so zu einem dialektischen Denken. Schließlich kam noch ein Weiteres hinzu. Das dialektische Denken war für mich – wie soll ich sagen – keine reine Dialektik, sondern von Marx her gedacht auf die Ökonomie bezogen, zumal der junge Hegel ja auch sehr viel ökonomisch gearbeitet hatte. Es war zwar anders als bei Marx, aber doch auf Ökonomie bezogen. Was nun die Ökonomie anlangt, so kam ich bald auf eine neue Erkenntnis, nämlich einen neuen Begriff des Handelns. Aristoteles kennt als Handlungsbegriffe ja nur die Techne, die Praxis und die Energeia. Im Timaios jedoch, in seiner Kosmologie, spricht Platon vom „drãn“, vom göttlichen Handeln, woher das Wort „Drama“ stammt. Und dies dramatische Handeln hat es mir angetan: das dialektisch-dramatische Handeln. Denn es eröffnet ganz besondere Möglichkeiten in der Umsetzung des Dialektischen auf die Ökonomie, aber auch auf die Um- und Lebenswelt. Und da lag es nahe, dramatisches Handeln von Nietzsche her neu zu durchdenken. Die „Tragodia“ und die „Komodia“, das sind ja die beiden Eröffnungen des dramatischen Handelns. Ich stürzte mich also auf Nietzsche und bemerkte, dass er ungeheuer viel Antikes hatte und es umgeprägt hat, und dass er Fragen behandelt, die sehr nahe an einer Lebensökonomie sind.

Widerspruch: War Ihr dramatischer Handlungsbegriff mehr ethisch oder geschichtsphilosophisch gemeint, oder alles übergreifend, wenn man so sagen will?

Simons: Na ja, also. Bei Nietzsche ist dieser Handlungsbegriff sehr durchgängig: eine gänzliche Umwandlung der Moral. Und bei mir wandelten sich die Vernunftkonzepte: erst eine metaphysische Vernunft, dann eine transzendentale und eine dialektische Vernunft, schließlich die dialektisch-dramatische Vernunft. Und die letztere hat es mir angetan. Diesen Vernunftbegriff habe ich durchentwickelt; und da zeigte sich, dass, was als roter Faden erst klein anfing, sich als das Tragfähigste erwies. Nämlich eine neue Ökonomie, die eine Ökonomie des Lebens, des Kosmos und auch der Welt umfasst. An der bin ich jetzt dran, und habe dazu eine Stiftung gegründet, die Europäische Stiftung „Neue Oikonomia für Wirtschaft und Kultur“, die ganz schöne Erfolge hat und sich für die heutige Wirtschaft als sehr ergiebig erweist. Mit ihr hat man die Chance, wirklich philosophisch zu arbeiten, hat es aber zugleich auch mit sehr konkreten Projekten zu tun.

Widerspruch: Können Sie das erläutern?

Simons: Die Oikonomia?

Widerspruch: Ja. Und ihre Verbindung mit dem dramatischen Handlungsbegriff und mit Nietzsche.

Simons: Ich sage Ihnen erst mal etwas zur Hardware der Oikonomia. Sie beinhaltet ein Beratungs- und Führungswissen. Und die Software der Oikonomia ist eine zyklische Risikokalkulierung. Denn wenn man kalkulierend etwa auf Erwartungen erwartend eingeht und diese Erwartung ihrerseits erwartet, dann kann man das nicht mehr linear darstellen. Während die gängige Kalkulation linear ist, verwenden wir eine zyklische. Wir setzen sie an einzelnen, teils ganz aktuellen Punkten und Themen an. Das Dramatische an ihr ist, dass man auf Konflikte nicht regulativ eingeht, sie wegreguliert, sondern dass man sie austrägt. Und aus dieser, auch ökonomischen, Konfliktaustragung kommt etwas in Gang, was im anderen Fall unterdrückt wird.

Widerspruch: Denkt man diese Konfliktaustragung mit Hegel oder Marx, dann ist sie mit einem Begriff vom Fortschritt verbunden: ein Fortschritt in und durch Gegensätze und Widersprüche. Mit Nietzsche aber lässt sich das wohl kaum verbinden.

Simons: Nein, so nicht mehr. Also, den Marx habe ich schon rauf- und runterstudiert; allein schon wegen der „MG“. Nein, in diesem Sinne gibt es keinen Fortschritt. Es ist aber auch kein Rückschritt, sondern eine Art von …

Widerspruch: Lebensbewältigung?

Simons: Ja, genau. Ich denke schon auch, dass es Fortschritte gibt; aber im Sinne einer Geschichtslogik des Fortschritts meine ich das nicht.

Widerspruch: Wenn es Konflikte gibt, dann muß es entweder Regeln zu ihrer Bewältigung geben oder sie werden ausgetragen. Man braucht dann aber eine Art Fundament, das den Optimismus begründet, dass es keiner Regeln bedarf, sondern die Konflikte sich selber tragen. Was ist das?

Simons: Die Konflikte teilen sich mit. Und aus der Mitteilung der Konflikte kommt etwas in Gang.

Widerspruch: Und das, was in Gang kommt, ist nicht schlecht, sondern gut.

Simons: Ja, das ist gut.

Widerspruch: Woher wissen Sie das?

Simons: Das ist gewissermaßen die Grundvoraussetzung der Oikonomia, daß Konfliktaustragung etwas bringt. Sie bringt von selber etwas aus sich selbst. Zu ihr gehört deshalb auch wesentlich die Initiation des Anfangs. Die Oikonomia – und das ist ganz frühe Antike – ist nicht ausschließlich zielorientiert, um nicht zu sagen: zielhypnotisiert, wie die moderne Ökonomie, sondern sie ist anfangserschlossen. Sie ist ein Denken ex arches. Und die Arche ist es, um die es geht. Mein Freund Albert – wenn ich mir erlauben darf, so zu reden – wen hatte der denn als seinen Lehrer? Parmenides. Mit Parmenides, dem Arche-Denker, hat Albert Einstein die Gegenwart als das Jetzt wiederentdeckt. Denn physikalisch war die Zeit ja verschwunden und war Dimension des Raumes oder ein Punkt. Einstein hat die Zeit und die Zeitigung der Gegenwart wiederentdeckt, und diese Gegenwartswiederentdeckung hat uns von der „Weltraumwelt“ zu einem neuen Universum gebracht – und kam durch Parmenides.

Widerspruch: Sie meinen, die Relativitätstheorie wäre ohne Parmenides nicht möglich gewesen?

Simons: Ja. Und so anfangsorientiert ist die Neue Oikonomia auch. Sie ist nicht mehr einfach zielorientiert. Sie hat keinen Gott im Sinne einer causa prima, die die Schöpfung macht, aber auch nicht im Sinne eines zielbestimmten metaphysischen Seins als finaler Kausalität. Die Anfangserschlossenheit ist das Eigentümliche der Oikonomia. Sie ermöglicht daher nicht nur Innovationen, sondern auch Initiationen. Sie bedenkt: „Woher kommen die Einfälle?“ „Was ist die Einbildungskraft, die sie hervorbringt?“ Und: „Wie kann man Einfälle erschließen?“ Daher gibt es in der Oikonomia auch als Spezial- und Sonderthemen etwa eine Ökonomie des Geizes und daraus dann eine Ökonomie des Gewinns. Das ist natürlich ganz aktuell.

Widerspruch: Dann ist hier also die Initiierung der Ausgangspunkt. Wenn was mal aufs richtige Gleis gesetzt ist, dann …

Simons: Wenn das nicht mechanisch gedacht ist, dann ja. Dann geht’s gut.

Widerspruch: Nun hat der Anfang jedoch die zwei Seiten: einerseits ist noch nichts da, sonst wär’s nicht der Anfang; andererseits ist aber doch etwas da. Und darin soll nun gleichsam keimförmig Vieles angelegt sein. Woher weiß man denn, dass das am Anfang gut ist?

Simons: Es ist eben nicht am Anfang, so daß er am Anfang eingeordnet ist, sondern es ist aus dem Anfang: ex arches. Und aus dem Anfang geschieht ein bleibendes Anfangen. Es bleibt der Anfang der Vergegenwärtigung der Welt aus dem Zeitigen von Zeit als Gegenwart. Der Anfang bleibt. Es ist eben ein Unterschied, ob man zielorientiert oder anfangsorientiert denkt. Auch die Transzendentalphilosophie ist ja anfangsorientiert, wenn sie die Gegenständlichkeit der Gegenstände überhaupt und die Selbstbewusstseinsvoraussetzungen für Gegenständlichkeit behandelt. Sie ist eine Anfangs-, Aprioriforschung.

Widerspruch: Aber bei Ihnen ist dieses Apriori doch nicht transzendental gemeint, sondern selbst geschichtlich.

Simons: Ja. Und wir haben wegen dieser Geschichtlichkeit auch die Chance, so etwas wie eine Schicksalsökonomie zu betreiben. Wir können zum Beispiel die Frage verhandeln, was daraus folgt, dass Deutschland über 600 Jahre ein königs- und führungsloses Land war. Und warum Deutschland zu den ganz wenigen Ländern gehört, in dem bis zum hohen Mittelalter die Sonne – wie sonst überall auch – maskulin war: „der Sun“. Vom 12. bis 16. Jahrhundert dann aber feminin wurde: „die Sunna“. Man kann sagen, das seien läppische Geschichten, aber schicksalsökonomisch ist das, glaube ich, bedeutsam.

Widerspruch: Wollen Sie sagen, die Sonne wurde feminin, weil die Staufer-Herrschaft zerbrochen ist?

Simons: Ja, natürlich. Denn danach gab es keinen deutschen König mehr; es folgte eine führungslose Zeit von 600 Jahren, wo mit Deutschland alle machen konnten, was sie wollten. Die Herrschaft ging über an die Habsburger und die haben sich um Deutschland nicht gekümmert. Einer kam zwar zur Zeit der Reformation mal kurz herein, verschwand aber schnell wieder. Es gab freilich auch Ludwig den Bayern, der ja hier an der Oper eine Akademie gegründet hat. Aber das blieb Episode. Die 600 Jahre Führungslosigkeit zeigen viel von Deutschland, und daraus kann man schicksalökonomisch einiges entdecken und neue Zugänge zur Deutschlandfrage entwickeln. Wir machen das in unser Stiftung, die das theoretisch erforscht und dazu Veranstaltungen macht.

Zudem ist an der Münchner Fakultät eine Zusatzausbildung für eine Managerausbildung von zwei Semestern vorgesehen, die mit einem „Master of consulting“ abschließt. Dieser Studiengang soll interdisziplinär mit Betriebswirten, Ökonomen und anderen betrieben werden. Der Rektor hat schon verkündet, dass die Münchner Universität eine Hohe Schule der Managerausbildung wird. Und dabei haben wir mit unserer Stiftung eine wichtige Funktion.

Widerspruch: Das hat aber nun nichts mit der Schicksalsökonomie zu tun, sondern bezieht sich doch wohl eher auf das zyklische Management, das Sie beschrieben haben.

Simons: Na ja; ich halte jetzt eine Vorlesung über „Neue europäische Vernunft“. Und da kommen doch auch schon schicksalsökonomische Fragestellungen herein.

Widerspruch: Sie haben längere Zeit Vorlesungen über Ägypten gehalten. Haben diese auch mit jenem Anfangs-Gedanken zu tun?

Simons: Ja. Denn das normale Schema sagt doch: Europa hat zwei Wurzeln, die eine ist das Juden- und Christentum, und die andere das Griechen- und Römertum. Völlig ausgeblendet wird dabei jedoch, dass die Wiege Europas am Nil stand. So ist die ganze griechische Kultur die Fortsetzung der ägyptischen Weltauslegung, die über Kreta, die minoische Kultur, bis zur mykenischen Kultur reicht, bis dann die Dorer den ägyptischen Mythos umformuliert haben und die griechische Dichtung entstand, wo auch die Philosophie ihre Anfänge hat. Die Griechen jedenfalls haben sich immer als die Söhne Ägyptens verstanden. Auch die Juden sind ja Söhne Ägyptens. Wenn wir annehmen, dass Moses eigentlich „Tutmosis“ hieß, vielleicht sogar ein Pharaosohn war, dann wird das evident. Dass Ägypten aus dem europäischen Kulturhorizont so herausgefallen ist, liegt daran, dass für die Juden immer der Exodus entscheidend war, und Ägypten das Land der Knechtschaft. Und das hat sich durchgesetzt, so daß wir den ägyptischen Kulturhorizont nicht mehr haben.

Widerspruch: Historisch mag das ja stimmen. Aber liegt der Anfang nicht da, wo es nicht kontinuierlich weitergeht, sondern wo es Brüche gibt: Anfänge, die ein Feld eröffnen, das vorher nicht schon vorhanden war? In Griechenland ist geistesgeschichtlich doch etwas passiert, was sich nicht von Ägypten her erschließen läßt. Meinen Sie wirklich, das parmenideisches Denken sei schulmäßig ägyptisches Denken?

Simons: Ja. Denn der Lehrer von Parmenides war Pythagoras. Und Pythagoras hatte „Bünde“ geschaffen, aus denen Parmenides hervorgegangen ist. Ich sage ja nicht, daß es unmittelbar folgt, sondern nur, dass Parmenides davon inspiriert war, und dass er das nun in eine andere Sprache übersetzt hat. Insofern sehe ich hierin eine Kontinuität, die übrigens bis zu Alexander dem Großen weitergeht.

Widerspruch: Es gibt aber doch den Streit zwischen Ägypten und Israel. Auch wenn man den monotheistischen Gedanken vielleicht ansatzweise bei den Ägyptern schon finden kann; aber dass der Gott der Juden ein moralischer Gott war mit Verpflichtungen, Sünden und Aspekten der Freiheit – das wird doch als Kontrapunkt gegenüber dem Ägyptischen verstanden. Selbst wenn man den einen oder anderen Pharao nennen mag, der dem Monotheismus nahe kommt.

Simons: Amenophis Echnaton.

Widerspruch: Etwa. Juden und Christen würden dennoch behaupten, daß bei allem Vergleichbaren eine entscheidende Differenz bleibt.

Simons: Also. Normalerweise ist es das Schema, dass der Monotheismus als höher angesehen wird als der sogenannte Polytheismus, von dem allerdings vor dem 9. Jahrhundert niemand geredet hat. Aber die Monokratie – jetzt sag ich es mal so – war für Europa verheerend. Denn wir haben die größten Konflikte und Kriege der Monokratie, also der Einmannherrschaft bis hin zu Stalin und Hitler, zu verdanken. Die Monokratie war überhaupt kein Segen für Europa, sondern eher ein Unglück. Und von daher halte ich die Auskunft, der Monotheismus sei das bei weitem Höhere und das andere das „Heidnische“, für obsolet. Die Sprache nicht nur der Ägypter, sondern auch der Griechen war nicht nur monokratisch. Sie hatten zum Beispiel auch ein Verhältnis zu den Tieren. Das war nicht übles Heidentum, sondern Zeus selbst hatte ein Verhältnis zu den Tieren, zum Stier, zum Schwan, zur Schlange sogar und zum Adler. Er verwandelte sich in einen Stier, als er die Europa nach Kreta holt. Aber auch die Juden schielten nach Ägypten oder nach dem Baal und wollten gern einen Stierkult haben. Als Moses auf dem Berg Horeb war, haben sie es gewagt, nur ein Stierlein, das berühmte „Goldene Kalb“, zu verehren. Da gab es gleich ein Donnerwetter sondergleichen. Lesen Sie das bitte mal nach. Man kann diese Geschichte aber auch ganz anders herum lesen.

Im Ägyptischen jedenfalls war es eben nicht einfach der Pharao, sondern es war die Pharaofamilie: Isis und Osiris mit Horus. Das ist eine ganz andere Weltauffassung als die Weltauslegung, wie sie in der Moderne dann zum Tragen kam. Bei Kant z.B. haben wir ja so etwas wie die eine „Rund-um-die-Uhr-Erkenntnis“, das transzendentale Bewusstsein. Ägyptisch konnotiert aber wäre es, wenn wir auf die Unterschiede zwischen einer Morgen- und Abend-, Mittags- und Mitternachtserkenntnis achten würden.

Widerspruch: Sie sagen damit, dass die neue Oikonomia in der Rückbesinnung auf ägyptische Denkformen vieles wiederentdecken kann.

Simons: Ja. Eben auch als Heilungsökonomie. Wir halten auch Tagungen in der Oase Siwa ab, einem herrlichen Oliven- und Palmenhain mit Quellen, südlich von Alexandrien. Dort wurde Alexander der Große zum Pharao und zum Sohn Gottes ernannt; erst in Memphis, dann in Siwa. Er hat eine für das alexandrinische Reich äußerst wichtige, friedensstiftende Oikoumene geschaffen, indem er zwischen „Jupiter“, dem Gott der Römer, „Zeus“, dem Vatergott der Griechen, „Ammon“, dem ägyptischen Gott und dann, durch die Hochzeit zwischen Perserinnen und Griechen, auch die Mesopotamier und Perser versöhnte. Alexander konnte im Gesamtreich aus Feinden Freunde machen. Das ist schon allerhand.

Widerspruch: Wie kommen Sie denn, der Sie theologisch angefangen haben, mit der Differenz zwischen solch sog. heidnischem und christlichem Denken klar? Wenn man das, was Sie sagen, mit dem christlichen Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist verbinden will, dann hat man doch ganz schön zu tun.

Simons: Na ja, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist. Da muss man erstmal darstellen, weshalb das eine erlösende Bedeutung haben kann. Ich will jetzt mal etwas einbringen, worüber wir philosophisch noch nicht genügend nachgedacht haben. Mit Nietzsche haben wir zwei Kategorien des dramatischen Denkens: die Tragodia und die Komodia. Das Dritte, eigentlich Christliche, aber ist amnos, das Lamm. Und damit wäre die sog. „Amnologie“ eine ganz neue friedensstiftende Versöhnungsart, die in der christlichen Liturgie als „agnus dei“ erscheint: dona nobis pace. Aus ihr kommt die friedensstiftende Welt des Geistes hervor. Und von daher ist hinsichtlich der Verbindung, nach der Sie fragten, schon einiges möglich. Der dreifaltige Gott der christlichen Theologie ist kein Monokrat.

Widerspruch: Mir stand jetzt auch mehr die augustinische Theologie vor Augen.

Simons: Seit der Spätantike gibt es aber auch ganz andere Zugänge und Wurzeln, z.B. die griechische Theologie, die koptische oder die armenische.

Widerspruch: Man kann also die Trinitätslehre als Abminderung oder Relativierung des Monotheismus interpretieren.

Simons: Ja, das kann man. Aber das wäre dann auch die Aufgabe, sie aus einer solchen Agnologie heraus zu entwickeln. Vielleicht bin ich der erste, der so etwas macht. Wenn man einmal dramatisch durchdenkt, was das bedeutet, dann bringt das was: Das Dramatische nicht als eine Trag-odia, als „Bocksgesang“, sondern als Lammlied: Christus das Lamm. Die griechischen Tempel sind zweifelsohne wunderbare Gebilde, die sehr nach Griechenland passen; aber das spezifisch Christliche ist das menschlich Nahe, wie das Lamm es symbolisiert.

Jedenfalls scheint mir ein monokratisch verfaßter Vernunftbegriff heute obsolet zu sein. Wir sehen das doch schon bei Adorno. Bei ihm wird die Vernunft zum Prinzip der Herrschaft, weil vernünftig denken heißt: Identifizieren mit Begriffen; und das ist schlechthin das Wesen von Herrschaft. Die Vernunft ist keineswegs nur Aufklärung, sondern ungeheuer unterdrückend. Mit anderen Worten: hier setzt die Auflösung der Vernunft ein. Derrida macht da weiter – auch wenn er mit der Chora bei Platon dann etwas anderes beginnt. Angesichts einer solchen Zerrüttung des Vernunftanspruchs ist aber ein neuer Anfang wichtig. Den kann Adorno meines Erachtens jedoch nicht mehr machen. Bei ihm ist mit dem vor-ichlichen Impuls sozusagen Schluß. Und daher ist wichtig, was über Adorno herausführt. Für die Moderne ist das Denken Verallgemeinerung und die Vernunft die Verallgemeinerungsfähigkeit. Und das setzt voraus, daß alle Menschen ungefähr das gleiche Bewußtsein und die gleiche Wahrnehmung haben. Für die Antike jedoch war es ganz wesentlich, Denken lernen zu können, das heißt, eingeweiht zu werden. Ohne „Einweihung“, ohne Initiation, ist kein Denken zu lernen. Dieser Sinn für den Kultus der Einweihung fehlt in der Moderne vollständig. Er ist ja nicht nur irgendeine religiöse Geschichte, sondern ist für das Bewußtwerden des Gegenwärtigen selber wesentlich. Wenn man die Vernunft so denkt, dann wird die bislang generalisierende Vernunft in eine initiierende Vernunft umgewandelt.

Widerspruch: Muß man nicht sagen, daß es einigermaßen verwegen erscheint, wenn wir Europäer jetzt auch noch meinen, aus unserem Zentrismus heraus einen neuen Vernunftbegriff kreiieren zu müssen? Geht es an, daß wir die Kritik an unserer eigenen Tradition auch noch selbst leisten? Wenn es so ist, daß eine bestimmte Form von Vernunft diskreditiert ist, muß man in Zeiten der Globalität dann nicht vielleicht warten, ob sich etwas Neues herauskristallisiert, das nicht mehr nur aus Europa kommt, sondern das aus den Zugängen, den Archai, der anderen Kulturen entsteht?

Simons: Ich meine, dass man erstmal nicht darum herumkommt, daß andere Kulturen keine Philosophie erfunden haben.

Widerspruch: Aber sie denken doch auch.

Simons: Ja. In ihrer Weise schon. Aber das weltweite wissenschaftlich-technisch-ökonomische Reproduktionssystem haben sie nicht erfunden. Das waren die Europäer. Wissen Sie, das soll sich ja nicht ausschließen. Die Europäer können zu einem neuen Anfang finden, gerade wenn sie nicht generalisieren. Sie müssen nicht sagen: „das gilt jetzt weltweit“. Das Generalisierungsparadigma ist heute typisch für Amerika; Europa muß das nicht machen. Aber ganz ohne Eigenes wäre es verheerend. Erst wenn die Europäer ihr Eigenes haben wie die anderen auch, erst dann wird man das, was man hat, mit anderen auch kommunizieren können.

Widerspruch: Herr Simons, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führten Franz Piwonka und Alexander von Pechmann

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