Thomas Arnold, Thomas Fuchs
Das unersättliche Selbst
Phänomenologie des Narzissmus
geb., 250 Seiten, 28.- €
Berlin 2026 (Suhrkamp-Verlag)
von Fritz Reheis
Selfis, Tatoos und Likes sind überaus beliebte Praktiken eines Lebensstils, bei dem sich fast alles um das Selbst des Menschen dreht. Es will wahrgenommen, anerkannt, wertgeschätzt, es will geliebt werden – und leidet darunter, dass es nie genug kriegen kann, dass es nie wirklich satt wird. Das Gefühl der Zufriedenheit, der ersehnte Zustand von Geborgenheit und Liebe, will sich nicht einstellen, das Verlangen nach Mehr ist übermächtig. In „Das unersättliche Selbst“ präsentieren Thomas Arnold und Thomas Fuchs eine „Phänomenologie des Narzissmus“, in der sie philosophische, soziologische und psychologischen Diskurse zusammenführen und so die Diagnose „Narzissmus“ zugleich psychiatrisch und gesellschaftstheoretisch verorten. Die beiden Autoren lehren und forschen an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Arnold als Akademischer Rat am Philosophischen Seminar, Thomas Fuchs als Karl-Jaspers-Professor für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie. Fuchs wurde für sein Werk („Das überforderte Subjekt“, „Verteidigung des Menschen“ und „Verkörperte Gefühle“) unter anderem mit dem Erich-Fromm-Preis ausgezeichnet.
Narzissmus ist für die Autoren weder eine Modediagnose noch eine anthropologische Grundbestimmung des Menschen. Der übersteigerten Selbstliebe und Ichbezogenheit liege, so die Autoren, eine „tiefe, innere Leere“, ein „Mangel an eigenem Sein“, an „Selbstgefühl, Selbstwert, aber auch Selbstkongruenz, im Sinne einer Übereinstimmung mit sich selbst“ zugrunde. Dem Narzissten gelingt es nicht, mit sich selbst befreundet zu sein. Weil äußere Güter diesen Mangel nicht zu stillen vermögen, suche der Narzisst verzweifelt danach, sich durch andere Menschen spiegeln zu können, um sich seiner selbst zu versichern. „Videor ergo sum, ich werde gesehen (bzw. gespiegelt), also bin ich…“ (15, Herv. i. Orig.). Aber der Spiegel eröffnet keinen echten, keinen leiblich spürbaren Raum, sondern nur einen virtuellen. Die Enttäuschung bleibt, es droht eine unendliche Spiegelung, ein „Abgrund des Scheinens“ – mit einem „immensen Sog“. Jede Gelegenheit zur Spiegelung zieht das narzisstische Subjekt magisch an und verfehlt zugleich den leiblichen Kontakt immer mehr (16).
Das narzisstische Subjekt sei also „gewissermaßen zwischen zwei Leeren eingespannt, der inneren Leere des Selbst und der äußeren Leere der Spiegel, die es sucht“ (17). Die Unersättlichkeit, so weiter, sei „Ausdruck einer doppelten Leere: Hunger, Gier und Mangel, Spiegelungssucht und zugleich deren Vergeblichkeit, schließlich eine existenzielle Verzweiflung – dies zeichnet die narzisstische Subjektivität aus“ (ebd.). Der Narzissmus sei zutiefst in der spätmodernen Lebenswelt verankert, in deren kapitalistischer Grundstruktur. Denn die „zentrale Triebfeder“ des Kapitalismus sei der Mangel, der nie wirklich gestillt werden dürfe, „sondern durch neue Bedürfnisse, neue Waren und ihren ‚Verbrauch‘ stets von Neuem erzeugt, ja immer weiter gesteigert werden muss“ (18). Die strukturelle Unersättlichkeit des Kapitalismus zeige sich auch in der „Virtualität des Finanzkapitalismus“, dessen immer neue Kreationen (Derivate, Leerverkäufe) an unendliche Spiegelungen erinnern. Und sie zeige sich in den „Spiegelspielchen der Sozialen Medien“ sowie den Filterblasen und Echokammern des Internets (ebd.).
Kapitel 1 erzählt Ovids Spiegelmythos, in dem viele Themen dieses Buches bereits angesprochen sind. Kapitel 2 kennzeichnet den Narzissmus als existenzielle Leere. Kapitel 3 fragt nach der Möglichkeit eines gesunden Narzissmus. Kapitel 4 beleuchtet die Leiblichkeit vor dem Hintergrund narzisstischer Phänomene. Kapitel 5 analysiert den Zusammenhang zwischen Narzissmus und Zeitlichkeit. Kapitel 6 untersucht die Intersubjektivität narzisstischer Verhältnisse. Kapitel 7 behandelt den Zusammenhang zwischen Narzissmus und Geschlecht. Kapitel 8 beschreibt narzisstische Strukturen in Kultur und Gesellschaft. Kapitel 9 thematisiert schließlich therapeutische Möglichkeiten. Ein Schlusskapitel bietet eine knappe Zusammenfassung. Insgesamt ein wichtiges und ausgesprochen gut lesbares Buch.
Dass sich die Autoren bei den Therapiemöglichkeiten auf die individuelle Perspektive beschränken, enttäuscht und irritiert freilich. Einmal, weil die Autoren in der Einführung den Kapitalismus mit seiner strukturellen Unersättlichkeit treffend charakterisiert haben und man sich fragt, wie individuelle Therapien, die am Verhalten ansetzen, angesichts gesellschaftlicher Strukturen, die die Verhältnisse betreffen, überhaupt nachhaltig greifen können. Und der Rezensent vermisst eine Erweiterung der therapeutischen Perspektive über das Individuelle hinaus auch deshalb, weil im Schlusskapitel zwar die Notwendigkeit der Umorientierung vom „Haben“ zum „Sein“ angesprochen wird, Erich Fromms Überlegungen in „Haben oder Sein“ zur Notwendigkeit der Heilung der „kranken“ Gesellschaft jedoch in „Das unersättliche Selbst“ nicht einmal in den Anmerkungen auftauchen. In der nunmehr weiter fortgeschrittenen Spätmoderne – in Vergleich zu den 1960er Jahren Fromms – darf die „Therapie“ der Gesellschaft in Gestalt einer radikalen Transformation ihrer Wirtschafts- und Lebensweise meines Erachtens aus dem Narzissmus-Diskurs nicht ausgeblendet werden.