Lotter – Heideggers Antihumanismus

Konrad Lotter

Heideggers Anti-Humanismus aus der Perspektive der Schwarzen Hefte

„Wer groß denkt, muß groß irren“ (GA 13)

Heideggers Brief Über den Humanismus, als Antwort auf eine Anfrage des französischen Philosophen Jean Beaufret entworfen (1946), überarbeitet und im Anhang zu seinem Buch über Platons Lehre von der Wahrheit (1947) veröffentlicht, wurde oftmals kommentiert und interpretiert. In aller Regel von Schülern und Anhängern, die sich im gleichen Gedankenkosmos bewegten und auch die gleichen Begriffe und Argumente verwendeten, so dass ihre Ausführungen ähnlich schwer zu verstehen sind wie Heideggers Brief selbst. Dabei lässt er sich, samt dem darin enthaltenen Begriff der Kehre, doch leicht entschlüsseln, wenn man ihn im Kontext von Heideggers Biografie und der Entwicklung seines Denkens liest: als Dokument seiner über das Jahr 1945 hinausgehenden Parteinahme für den Nationalsozialismus, wie sie zuletzt durch die Veröffentlichung der sog. Schwarzen Hefte bestätigt wurde.

Mit der Ablehnung der traditionellen Formen des Humanismus lehnt Heidegger freilich auch ab, wofür der Humanismus überhaupt steht: für die Zentrierung der Philosophie auf den Menschen, den Anspruch auf Selbstbestimmung und individuelle Autonomie oder den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Damit lässt sich der erste Grundgedanke von Heideggers Anti-Humanismus bzw. seines Denkens nach 1945 angeben: die Behauptung der Ohnmacht des Menschen, die prinzipielle Heteronomie des „Daseins“ und seines Ausgeliefert-Seins.

Nimmt man alle vier Grundgedanken zusammen, so ist Heideggers Anpassung an den Nationalsozialismus, die 1933 mit der Übernahme des Rektorats an der Universität in Freiburg manifest wird und über 1945 hinaus reicht, leicht nachzuvollziehen. Man braucht das ominöse „Sein“ nur mit dem realen Nationalsozialismus oder gar mit Hitler selbst gleichzusetzen, den Heidegger bewundert und verehrt hat. Diese Gleichsetzung ist nicht aus der Luft gegriffen. Heidegger selbst bezeichnet die „Machtergreifung“ Hitlers 1933 wiederholt als „Ermächtigung des Seins“ (GA 94, 39).

Von der Allmacht des Seins über seine Entmächtigung zur neuen Ermächtigung. Ursprünglich, in der Philosophie der Vorsokratiker (Parmenides, Heraklit) war das Sein (qua Schicksal) allmächtig, der Mensch ein Spielball einer anonymen Macht. Von Platon und Aristoteles (bis hin zu Nietzsche) hatte die Philosophie, so Heidegger, das Sein entmächtigt: sie hatte das Sein in seinem Wesen erkannt, auf das Wirken des Menschen zurückgeführt oder durch Naturgesetze erklärt und damit der (technischen) Verfügung des Menschen zugeführt. Auf diese Weise entwickelte sich der Mensch zum Subjekt, zum Herrn über das Sein. Was Heidegger als Entmächtigung und damit als „Verfallsgeschichte“ des Seins bezeichnet, ist das Gleiche, was die Aufklärung als Aufstieg der Wissenschaft und als Fortschritt in der Beherrschung der Natur begreift und feiert. In Heideggers Denken aber (so sein Selbstverständnis) und in der Machtergreifung des Nationalsozialismus beginnt die Gegenbewegung: der Mensch wird wieder dem Sein (dieses Mal der Politik) unterworfen, gegen das es keinen Widerstand gibt.

Um sich zu salvieren, hat sich Heidegger nach 1945 nicht nur als Gefolgsmann eines übermächtigen Geschicks dargestellt, er hat dieses Sein zugleich in Zusammenhang mit dem Sieg der planetarischen Technik gebracht. Auf diese Weise hat er den Nationalsozialismus nicht als Diktatur, als mörderisches System, sondern als Widerstand gegen die seinsvergessene Übermacht der Technik hingestellt, die sich gegen das Blut und den Boden (die Heimat des Menschen) verselbständigt hat.

Kontinuität nationalsozialistischer Thesen und Überzeugungen (I): Von der Blut- und Boden-Ideologie zum Antisemitismus. Angesichts seiner Kritik an den „vulgären“ Zügen und dem Anspruch, den wahren Nationalsozialismus zu vertreten, erstaunt es, wie häufig Heideggers „tiefgründige“ Aussagen dann doch mit den krudesten Parolen der NS-Ideologie übereinstimmen. An erster Stelle steht das wiederholte Bekenntnis zum „Völkischen“ oder zur „Blut und Boden“-Ideologie, die der Philosophie die Aufgabe zuweist, „das volklich staatliche Geschehen in seiner Wirklichkeit [zu] entfalten“, „gegen das wurzel- und rang-lose Gezappel der neuen Geistigkeit sturmzulaufen“ und die „erwachende Wirklichkeit des deutschen Daseins“ zu seiner „wartenden Größe“ zu führen (GA 94, 110). Aus dieser „Blut und Boden“-Perspektive erklärt sich auch Heideggers Antisemitismus. Er richtet sich gegen die „Boden-“ und „Weltlosigkeit“ der Juden und den daraus entstandenen „Kosmopolitismus“, der nur die Konsequenz der „Boden-“ und „Weltlosigkeit“ darstellt. In theoretischer Hinsicht steht das Judentum für „Universalismus“ und „leere Rationalität“ (GA 96, 1939-1941, 46), in praktischer Hinsicht für „zähe Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens und Durcheinandermischens“ (GA 95, 97) sowie die Entwicklung der Technik. Beides macht die Juden für Heidegger zu Repräsentanten einer „Moderne“, die durch Parlamentarismus und Liberalismus, Entwurzelung des Menschen im großstädtischen, seinsvergessenen Leben und durch Massenmedien geprägt ist. Diese Moderne stößt auf seine strikte Ablehnung.

Zum einen gründet sich diese Überzeugung auf die Behauptung, die Deutschen seien die wahren Nachfahren und Erben der Griechen und damit das wahrhaft „metaphysische Volk“. Sie allein könnten „das Sein ursprünglich neu dichten und sagen“ (GA 94, 27), hätten einen privilegierten Zugang zur „Wahrheit des Seins“ und stellen somit die Elite unter den Völkern dar. „Nur von den Deutschen“, so sagte Heidegger 1943/44 in seinen Vorlesungen über den Anfang des abendländischen Denkens bei Heraklit, „kann, gesetzt, daß sie ‚das Deutsche‘ finden und wahren, die weltgeschichtliche Besinnung“ und damit die Rettung kommen (GA 55, 123). Zum anderen gründet die Mission der Deutschen in ihrer geopolitischen Lage als „Mittelmacht“ und in die „Zange“ genommen vom amerikanischen Kapitalismus im Westen und dem russischen Bolschewismus im Osten. Durch sie sei Deutschland ausersehen, die Katastrophe (Nihilismus, Technik) zu verhindern, von der das Abendland bedroht ist. Noch 1953, in der Veröffentlichung seiner Einführung in die Metaphysik, die auf Vorlesungen aus dem Jahr 1935 zurückgeht, spricht Heidegger von der „inneren Wahrheit und Größe“ der nationalsozialistischen Bewegung und ihrer seinsgeschichtlichen Mission. Denn „Russland [Sowjetunion] und Amerika“ seien „beide, metaphysisch gesehen, dasselbe“. In ihnen herrsche die gleiche Seinsvergessenheit und „dieselbe trostlose Raserei der Technik“ (GA 40, 208), die letztlich in die planetarische Katastrophe führt.

Wie flexibel Heidegger auf die Vorgaben der nationalsozialistischen Politik reagierte, zeigen seine Bemerkungen aus der Zeit des Hitler-Stalin-Pakts, die zu der genannten doppelten Gegnerschaft in einem auffallenden Widerspruch stehen. Er zieht darin in Erwägung, dass die „Reinigung und Sicherung der [arischen] Rasse“ auch durch „eine große Mischung“ des Deutschtums mit den „Slaventum“ zustande kommen könnte. Schließlich sei den Russen „der Bolschewismus nur aufgedrängt“ und stelle deshalb „nichts Wurzelhaftes“ der slavischen Rasse dar (GA 95, 402). Aus der Verbindung der „Unerschöpflichkeit der russischen Erde“ und der „Unwiderstehlichkeit des deutschen Planens und Ordnens“ (GA 95, 403), so denkt Heidegger um 1940, könne eine Gegenkraft zur jüdisch dominierten Moderne erwachsen.

Kritik an der ausbleibenden Selbstkritik. Nach 1945 wurde Heidegger oftmals vorgeworfen, sich von seinen „Verstrickungen“ in den Nazi-Terror nicht distanziert, seinen „Irrtum“ nicht eingestanden, angesichts der Millionen von Ermordeten keine wirkliche „Scham“ empfunden zu haben. Diese Vorwürfe gehen, wie der Humanismusbrief belegt, an Heideggers Denken vorbei. Vermutet werden könnte, dass die darin vorgenommene Absage an den traditionellen Humanismus genau diesen Zweck erfüllen sollte: zu zeigen, dass diese Vorwürfe ins Leere laufen. Wem sich das Sein zuschickt, der handelt im Auftrag einer höheren Macht. Er trägt keine Verantwortung, steht außerhalb moralischer Normen, ist niemandem rechenschaftspflichtig. Heideggers Rundumschlag gegen alle Formen des Humanismus enthält in seinem seinsgeschichtlichen Fatalismus einen Persilschein für alle Mitläufer, für sich selbst und alle anderen. Dass es auch Deutsche gab, die sich der Zuschickung des Seins durch Emigration, durch passiven oder aktiven Widerstand, verweigert haben, steht außerhalb von Heideggers Denkhorizont.

Zuletzt vergleicht und relativiert Heidegger die Gräuel des Nationalsozialismus, mit den „Gräueln“ infolge der Reeducation und der bevorstehenden Amerikanisierung Deutschlands. 1945 war für Heidegger nicht das Jahr der Befreiung von der Diktatur des Nationalsozialismus, nicht das Jahr der Beendigung der äußersten Inhumanität eines verbrecherischen Regimes durch den Sieg der Aliierten. Es war das Jahr, in dem die seinsgeschichtliche Mission Deutschlands endgültig vernichtet wurde, die die Welt hätte erretten und der zentrifugalen Ausweitung der Technik eine zentripetale Bewegung entgegensetzen können. Die planetare Katastrophe ereignete sich für Heidegger nicht in den zwölf zurückliegenden Jahren; sie steht „der abendländischen Geschichte … erst bevor“. (GA 97, 375)

Nachzutragen wäre noch: Die Schüler und Anhänger sprechen nicht vom Anti-Humanismus, sondern, wie Heidegger selbst, von einem neuen „seinsgeschichtlichen Humanismus“. Der Ausdruck ist freilich ein Widerspruch in sich selbst. Geleugnet wird, was doch das Grundprinzip des Humanismus ist: dass die Menschen (als Subjekte) auf der Grundlage vorgefundener gesellschaftlicher Verhältnisse ihre Geschichte selbst machen. Stattdessen werden sie (als fremdbestimmt Daseiende) zu Mitläufern einer „Seinsgeschichte“ degradiert, die, wenn nicht doch noch ein Gott rettend eingreift, auf eine planetare Katastrophe zurast.

  1. Martin Heidegger, Über den Humanismus, Frankfurt/Main 112010, 13, 14, 15. ↩︎
  2. Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 161986, 126 f. Heideggers spätere (direkte) Wendung zum Nationalsozialismus zeichnet sich bereits in diesem Werk ab. Dort nämlich, wo er das Dasein als In-der-Welt-sein und Mit-sein mit Anderen als „Geschick“ oder „Schicksal“ bezeichnet, als „das Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes“, als ohnmächtiges Sich-Einfügen in eine geschichtliche „Übermacht“. „Das schicksalhafte Geschick des Daseins in und mit seiner ‚Generation‘ macht das volle, eigentliche Geschehen des Daseins aus.“ (384 f.) ↩︎
  3. ebd., 128 f. ↩︎
  4. In der Literatur wird Heideggers Kehre verschieden datiert, vgl. Dieter Thomä (Hg), Heidegger-Handbuch, Stuttgart/Weimar 2003, 154 ff. (Beitrag von Dieter Thomä). Hier ist ausschließlich von der Kehre zwischen Sein und Zeit und dem Humanismusbrief die Rede. ↩︎
  5. Über den Humanismus, a.a.O., 15 f., 18. ↩︎
  6. ebd., 22. ↩︎
  7. ebd., 29. – Vgl. Dieter Thomä (Hg.): Heidegger-Handbuch, a.a.O., 252f. (Beitrag von Dirk Mende). ↩︎
  8. ebd., 29. – Vgl. Dieter Thomä (Hg.): Heidegger-Handbuch, a.a.O., 252f. (Beitrag von Dirk Mende). ↩︎
  9. ebd., 28, 29. ↩︎
  10. ebd., 22. ↩︎
  11. ebd., 25 f. ↩︎
  12. SPIEGEL-Interview vom 23. September 1966 (SPIEGEL Nr. 23, 1976, 193). ↩︎
  13. Jean-Paul Sartre, Ist der Existentialismus ein Humanismus? In: Drei Essays, Frankfurt/Main u.a. 1975, 9. ↩︎
  14. Über den Humanismus, a.a.O., 34. ↩︎
  15. www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2015_3_4_wolin.pdf, 6. ↩︎
  16. Günther Mensching, Seinsfrage, Seinsgeschichte und die Vernichtung der Metaphysik. In: Martin Heideggers Schwarze Hefte, hg. von Marion Heinz und Sidonie Kellerer, Berlin 2016, 66. ↩︎
  17. Martin Heidegger, Gesamtausgabe (GA), hg. von Peter Trawny u.a., Frankfurt/Main 2015 ff. ↩︎
  18. Im schon zitierten SPIEGEL-Interview verdreht Heidegger seine Übernahme der Blut- und Boden-Ideologie und deutet die „Selbstbehauptung“ als Widerstand gegen die von der nationalsozialistischen Studentenschaft geforderten „Politischen Wissenschaft“, d.h. die Funktionalisierung der Wissenschaft für den „faktischen Nutzen für das Volk“. ↩︎
  19. So in der Rektoratsrede. ↩︎
  20. Z.B. kritisiert er das „sozialistische Getue“ und die „blödeste Romantik“ der Studenten, die mit sog. Arbeitern zusammensitzen und saufen, nur „ausgemachte Spießbürger“ und keine wirklichen Nationalsozialisten sind (GA 94, 146f.). ↩︎
  21. Ernesto Grassi, Reisen ohne anzukommen. In: Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie, Nr. 18 (1990), 65. [widerspruch.com/2025/07/03/ernesto-grassi-reisen-ohne-anzukommen/] ↩︎
  22. So gibt Marion Heinz, die (Mit-) Herausgeberin von „Martin Heideggers Schwarze Hefte“, a.a.O., 24, die Kritik von Reinhard Mehring wieder, die er in seiner Rezension der Schwarzen Hefte der Jahre 1942-1948 geübt hat. ↩︎
  23. Peter Trawny, Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung, Frankfurt/Main 2014, 16; Donatella di Cesare, Heidegger, die Juden, die Shoah, Frankfurt/Main 2016. – Gemessen an Max Horkheimers „Typologie des Antisemitismus“ war Heidegger in vieler Hinsicht ein Antisemit, bis hin zum Wahn einer jüdischen Weltverschwörung und zur Denunziation jüdischer Kollegen. Alfred J. Noll bezieht sich in: Der rechte Werkmeister. Martin Heidegger nach den „Schwarzen Heften“, Köln 2016, 186-198l auf Max Horkheimer, Zur Psychologie des Antisemitismus (1943). In: Gesammelte Schriften, Frankfurt/Main, Bd. 12, 178-180). ↩︎
  24. Thomas Rohkrämer, Heidegger, Kulturkritik und völkische Ideologie. In: Martin Heideggers Schwarze Hefte, hg. von Marion Heinz und Sidonie Kellerer, a.a.O., 273. ↩︎
  25. So etwa von Anna Pia Ruoppo oder Anton M. Fischer in ihren Beiträgen in dem von Marion Heinz und Sidonie Kellerer herausgegebenen Buch, a.a.O., 350 und 432. ↩︎

Hampe – Krise der Aufklärung

Michael Hampe

Krise der Aufklärung

Über die Fortsetzbarkeit einer Lebensform

Tb, 208 Seiten, 22,- €

Berlin 2025 (Suhrkamp-Verlag)

von Franco Zotta

Michael Hampe hat ein in mehrfacher Hinsicht eigentümliches Buch geschrieben. Der bis vor kurzem an der ETH Zürich lehrende Philosoph versammelt in „Krise der Aufklärung“ mehrere Aufsätze, an denen er seit 2016 arbeitete, und die zwischen 2018 und 2024 erschienen sind. Laut Verfasser sind sie aber so gut gealtert, dass man sie 2025, wenn auch überarbeitet, noch einmal veröffentlichen kann, obwohl sie in weiten Teilen als philosophische Reflexion zeitgenössischer Entwicklungen im genannten Zeitraum in Politik und Gesellschaft gehalten sind. Diesem interpretatorischen Gestus ist geschuldet, dass der Autor eine große Zahl von Themen aufgreift, die in der Öffentlichkeit seither virulent waren und sind: Bildungskrise, Ukraine-Krieg, Putin, Trump, Klimawandel, KI-Disruption, Elon Musk, Peter Thiel & Co (die Hampe unter dem unmissverständlichen Stichwort „Technofaschismus“ abhandelt), Rechtsextremismus und das globale Erstarken autoritärer Kritiker:innen der liberalen Demokratie – man wird Mühe haben, ein vergleichbar prominentes Thema nicht behandelt zu finden auzf den 208 Seiten, die Hampe vorgelegt hat.

Die Themenfülle korreliert beinahe zwangsläufig mit einem erzählerischen Stil, den man eher selten in philosophischen Texten findet, dafür oft aus feuilletonistischen Beiträgen kennt: Hampe hat erkennbar keine Scheu, einem philosophischen Weltgeist gleich selbst disparateste Themen diagnostisch so zu bündeln, dass wenige Ursachen einen Großteil der erwähnten Weltprobleme mit Erklärungsmustern versehen. Da der Autor sich dabei einer auch ohne großes philosophisches Vorwissen zugänglichen Sprache bedient und anschaulich formulieren kann, liest sich „Krise der Aufklärung“ wie das essayistische Resümee eines vor allem besorgten und warnenden Philosophen, der am Ende seiner akademischen Lehrtätigkeit im Dienste der Aufklärung einem größeren Publikum eloquent darlegen muss, dass und wieso ausgerechnet das Zeitalter der Aufklärung sich am Vorabend einer möglichen globalen Barbarei wiederfindet.

Nun dürfte es selbst Voltaires Candide schwerfallen, angesichts der Fülle an Problemlagen, mit denen Hampes Zeitdiagnose zwangsläufig konfrontiert ist, sich in der besten aller Welten zu wähnen. Die Krisensymptome sind unübersehbar, die mit ihren verknüpften Szenarien, die Hampe dem Lesenden immer wieder klar vor Augen führt, beängstigend. Hampe wähnt die „kultivierte Fortpflanzungsgemeinschaft“ an einem Scheideweg: Wenn sie sich, verstanden als Aufklärung über die Aufklärung, nicht schonungslos konfrontiert mit den zerstörerischen Potenzialen, die diese entfesselte Gemeinschaft mit ihrem „Projekt Moderne“ zugleich groß gemacht und an den Abgrund geführt hat, dann werden die politischen und ökologischen Mega-Krisen in einem globalen Zivilisationsbruch münden.

Das Buch ist folglich durchsetzt mit meist düsteren, oft kapitalismuskritischen Analysen, die kontrastiert werden mit Appellen, sich als Weltgemeinschaft von der exzessiv Ressourcen verbrauchenden Selbstverwirklichungsmetaphysik zu lösen, die die dominierende anthropozentrische Aufklärungserzählung letztlich zum Schaden von Mensch und Natur hervorgebracht hat. Hampe will die hybride Gestalt der großen Aufklärungserzählung dekonstruieren zugunsten einer geläuterten Aufklärungsidee, die, ausgehend von wenigen, bescheidenen Annahmen über das auf Sozialität angelegte und auf eine intakte Natur angewiesene Menschengeschlecht, eine neue Ethik begründet, die inklusiv, empathisch, lösungsorientiert, kooperativ daherkommt und dabei auf starke Wahrheitspostulate und -lehren der Vergangenheit konsequent verzichtet.

Möchte man eine durchgehende Grundmelodie der diversen Aufsätze ausmachen, so ist sie sicherlich das stetig wiederkehrende Angebot Hampes, auf dem Boden eines pragmatischen Philosophieansatzes die Aufklärung anders zu justieren. Was einst Hampes Bruder im Geiste Gianni Vattimo „pensiero debole“, also schwaches Denken, nannte, ist auch für Hampe der Weg aus der konstatierten Krise der Aufklärung: Erst wenn die Menschheit sich von den fragwürdigen Metanarrationen löst, die letztlich der Omnipotenzillusion verhaftet sind, allein starke Geltungs- und Wahrheitsansprüche können das Richtige vom Falschen trennen und menschlichen Kollektiven so klare, weil unbestreitbare moralische Wegweiser an die Hand geben, – erst durch diese Elimination der Anfangsmythen der frühen Aufklärung also könne der Raum geöffnet werden, in dem Subjekte dialogisch und mit Rekurs auf weitgehend geteilte common sense-Bestände Regeln zur Minimierung von Leid und zur Bewahrung der Lebensgrundlagen finden.

Das ist grundsympathisch. Wenig von dem, was Hampe am Zustand der Welt kritisiert, als verantwortliche Ursachen benennt und als erstrebenswerten Gegenentwurf skizziert, stößt beim Rezensenten auf grundsätzliche Ablehnung. Gleichwohl hinterlässt die Generalabrechnung mit der großen Aufklärungserzählung, die Hampe im Kern für vieles Beklagenswerte in der Welt mindestens mittelbar verantwortlich macht, auf Dauer einen schalen Beigeschmack. Weniger deshalb, weil an dieser Erzählung nichts zu kritisieren wäre, sondern weil Hampe zu seinem Gegenentwurf des schwachen Denkens die kritische Distanz vermissen lässt. Man muss sich jedoch nicht sonderlich anstrengen, um im Konzept des schwachen Denkens selbst eine mehr als nur denkbare Ursache für viele Phänomene zu sehen, an denen der Autor sich kritisch abarbeitet. Wer Emanzipationszugewinne vor allem mittels zersetzender Kritik an als fundamentalistisch gegeißelten Motiven der frühen Aufklärung und ihres emphatischen Vernunfts- und Wahrheitsbegriffs zu erzielen sucht, öffnet eben zugleich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit jenen sinistren Gestalten Tür und Tor, deren Weltsicht bereits im Kern inkompatibel war mit jenen großen Vernunfts- und Wahrheitsregimen, die nun als universale Problemursache herhalten müssen.

Die Renaissance des antidemokratischen Autoritarismus oder die Wiedergeburt faschistoider Gesellschaftskonzepte, die genüsslich alternative Fakten produzieren, antiszientistischem Gedankengut frönen und unter Meinungspluralismus primär verstehen, alles wieder sagen und denken zu dürfen, was die große Aufklärungserzählung in den Giftschrank des Unvernünftigen verbannt hatte, ist die Kehrseite einer schwachen Theorie, die ihre Geltungsansprüche primär mit pragmatischen Verweis auf historisch gewachsene Bestände zu begründen sucht, die der Volksmund wohl mit gesundem Menschenverstand umschreiben würde. Nun aber ist die Büchse der Pandora wieder sperrangelweit geöffnet. Die Frage, die auch Hampe nicht beantwortet, wird sein, wie man den Deckel wieder geschlossen bekommt. Ein wenig mehr Verteidigung des robusten Wahrheitsfundamentalismus könnte da durchaus helfen.