Axel Hutter – Wider die Unterbestimmung des Geistes. Ein Gespräch

Axel Hutter

Wider die Unterbestimmung des Geistes

Ein Gespräch

Widerspruch: Sie haben Ihr Studium ja mit einer recht ungewöhnlichen Konstellation begonnen: Medizin, Musik, Philosophie und Germanistik. Wie kam es dazu, und was waren die Gründe, sich letztlich für die Philosophie zu entscheiden?

Hutter: In der Schule war ich von Beginn an sehr gut in Mathematik; und da hat sich auf gewissermaßen „natürlichem Wege“ zunächst ein Interesse an Mathematik, Physik und Chemie herausgebildet. Mein erster Blick auf die Philosophie konzentrierte sich deshalb auf Philosophen, die diesen eigenen Interessen nahestanden. Der erste Philosoph, den ich so kennenlernte, ist Bertrand Russell gewesen, der ja offenbar etwas von Mathematik verstand und die Naturwissenschaft als Paradigma der Erkenntnis wertschätzte. Ich war damit am Anfang ganz zufrieden: Im Kerngebiet des Interesses standen Physik und Chemie, während der Philosophie eher die Rolle einer „Begleiterin“ zufiel.

Widerspruch: War Ihr Interesse auf das gerichtet, was die Welt im Innersten zusammenhält?

Hutter: Wenn Sie so wollen: ja, zum Teil sicherlich auch; aber mir imponierte wohl vor allem die Eleganz und Reichweite des „reinen Denkens“, wie es sich in der Mathematik manifestiert. – Im Alter von etwa sechzehn Jahren kam es dann zu einer nachhaltigen Erschütterung meines bis dahin recht simplen Weltbildes. Mein Vater war Journalist in Kassel, hatte mit dem Feuilleton und damit auch mit dem Theater und der Kunst zu tun. Zudem findet in Kassel alle vier bis fünf Jahre die „documenta“ als große Schau der modernen Kunst statt. Dies alles war in meinem Elternhaus unübersehbar. Und darüber fand ich nun bei Russell überhaupt nichts Hilfreiches. In mir erwachte deshalb eine bislang unbekannte intellektuelle Neugier, weil es etwas Beeindruckendes gab, das ich mir mit meinen naturwissenschaftlich orientierten Denkmitteln nicht verständlich machen konnte. Da wollte es der Zufall, dass ich im Bücherschrank meiner Eltern auf Adorno stieß, der offenkundig ein anspruchsvoller Denker war, der über Kunst und Literatur (ich hatte damals auch Kafka „entdeckt“) schrieb. Dadurch setzte bei mir langsam eine Horizontverschiebung ein: die Naturwissenschaften blieben mir zwar wichtig, wurden aber doch stark relativiert, weil sie sich als unzuständig oder inkompetent erwiesen für Phänomene, die mir zunehmend wichtiger wurden. Zudem kam mit Adorno natürlich das politische Thema der Gesellschaftskritik hinzu.

Widerspruch: Die Musik doch wahrscheinlich auch?

Hutter: Sicher, da haben Sie recht. Die unmittelbare Herausforderung ging allerdings von jenen Kunstformen aus, die zuhause vor allem präsent waren, also von der Literatur und der bildenden Kunst. Vor diesem Hintergrund bin ich durch Adorno zu einem Philosophiebegriff gekommen, der sich von dem, den ich anfangs bei Russell gefunden hatte, deutlich unterscheidet. Am meisten freilich habe ich von Adorno dadurch gelernt, dass er auf eine andere und ungleich intensivere Weise auf die klassischen Texte der Philosophie verweist. Adorno ist zwar ein entschieden moderner und gegenwartsorientierter Denker, aber – und das fand ich faszinierend und ungemein lehrreich – er kann zugleich vermitteln, dass man den Denkaufgaben der Gegenwart nicht gerecht wird, wenn man Kant und Hegel, Platon und Aristoteles nicht ernst nimmt.

Widerspruch: War das für Sie nicht ein Bruch: auf der einen Seite das klare und rationale Denken von Russell, und auf der anderen Seite das etwas Vagere und Interpretierende der Kunst? War es nicht auch der Abschied von einem Rationalitätsideal, das klar zwischen wahr und falsch zu unterscheiden weiß?

Hutter: Ich würde es anders formulieren: Es handelte sich damals für mich in erster Linie um eine Öffnung gegenüber neuen Erfahrungen, die im Denken zu reflektieren und zu verstehen waren. Ich sah es als die große Aufgabe an, Rationalität so weit und tief zu erfassen, dass man versteht, inwiefern es naturwissenschaftliche Rationalität und ästhetische Rationalität geben kann. Für mich ging es also um zwei Formen der Rationalität, nicht um einfache Gegensätze. Und hierin ist Adorno Stichwortgeber und Lehrer gewesen, weil er an einem weiteren und reicheren Begriff von Vernunft

festhält, d.h. die Beschränktheit einer positivistischen Rationalität sehr klar sieht, durch diese Kritik aber nicht ins Irrationale übergeht. Ich habe die Wissenschaft und die Kunst daher nie als zwei völlig getrennte Bereiche verstanden, für die man sich unter Verzicht auf die jeweils andere Seite entscheiden muss. Meine Überzeugung von der Macht der Vernunft war damals schon so gefestigt, dass ich die Schwierigkeit als eine faszinierende Herausforderung des Denkens akzeptiert habe: wenn die Sache schwieriger und komplexer ist, als anfangs vermutet, dann muss man sich eben mehr anstrengen und mit der Vernunft mehr machen als nur „rechnen“.

Und so stand ich dann vor der Frage: Was studieren? Als Antwort darauf habe ich mich einem „Adorno-Programm“ verschrieben: Philosophie, Germanistik und Musik; habe mich dann aber, aus einer ganzen Reihe von pragmatischen Überlegungen heraus, zusätzlich für ein Medizinstudium entschieden, das meinen naturwissenschaftlichen Interessen und Begabungen entgegenkam.

Widerspruch: Es waren also nicht die Eltern, die sagten, ein „Brotberuf“ müsse sein?

Hutter: Diesen „Hinweis“ gab es schon (allerdings sehr zurückhaltend) – er ist ja auch nicht ganz verkehrt. Nichtsdestotrotz blieb die Medizin in meiner persönlichen Hierarchie stets ganz eindeutig das vierte Fach. Freilich mache ich immer wieder die Beobachtung, dass bei denen, die von mir hören, was ich studiert habe, die Medizin immer an die Spitze der Hierarchie rutscht, weil sie ja gegenüber den anderen Fächern etwas „Ordentliches“ ist. Für mich ist sie jedoch immer das vierte, zusätzliche Fach gewesen. Diese Kombination hat sich für mich insgesamt recht gut bewährt: sie hat mir geholfen, gewisse Einseitigkeiten zu vermeiden, die in den geisteswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen „Parteien“ der Universität allzu sehr gepflegt werden.

Widerspruch: Es gibt ja auch philosophiehistorisch eine Menge Berührungspunkte zwischen Philosophie und Medizin, wo medizinische Erkenntnisse in die Philosophie übertragen wurden.

Hutter: Das ist richtig. Für mich war das Doppelstudium aber nicht in erster Linie darauf angelegt, am Ende eine Einheit zu bilden. Ich wollte vielmehr mit den beiden wissenschaftlichen „Hauptkompetenztypen“, wenn man so sagen kann, in Kontakt bleiben. Zudem ist die Medizin nicht nur eine Naturwissenschaft; sie hat auch und vor allem mit Krankheit und Tod zu tun. Und das wurde mir im Verlauf des Studiums immer wichtiger. Als Medizinstudent habe ich Erfahrungen gemacht und Einsichten gewonnen, die in einem philosophischen Seminar nicht vermittelt werden.

Widerspruch: Wenn wir den philosophischen Faden fortspinnen: sind Sie von Adorno zu Kant oder zu Hegel gekommen?

Hutter: Wenn man mit siebzehn, achtzehn Jahren Adorno liest, dann steht, neben dem Freudomarxismus, natürlich Hegel als Held im Hintergrund. Man denkt irgendwie „dialektisch“, was auch immer das genau heißt. Kant war zwar ebenfalls wichtig, doch wurde er von mir zunächst nur als der philosophische Anfang verstanden, den Hegel dann konsequent zu Ende führt. Sie sehen: Als ich zum Studium nach Berlin ging, lebte ich in dem typischen, ziemlich engen und sehr fest gefügten Bild einer neueren Philosophiegeschichte, deren Hauptstationen von Kant und Hegel über Marx zu Freud und Adorno laufen. Das begann sich erst zu ändern, als ich im zweiten Semester ein Adorno-Seminar von Michael Theunissen besuchte.

Widerspruch: Hatte Theunissen nicht ein sehr kritisches Verhältnis zu Adorno?

Hutter: Ich würde sagen: ein sehr ambivalentes Verhältnis. Zu dem Zeitpunkt, als Theunissen das Seminar anbot, war er, glaube ich, Adorno am nächsten (es muss 1983 gewesen sein). Ich merkte freilich bald, dass Theunissens „Nähe“ zu Adorno reichlich unorthodox war. Es gab im Seminar immer wieder heftige (und sehr lehrreiche) Diskussionen über den wahren und richtigen Adorno. Theunissen versah Adorno mit einem starken metaphysisch-theologischen Akzent, der für die traditionelle Adorno-Orthodoxie überraschend und provozierend sein musste. Mittlerweile bin ich zu der Überzeugung gelangt: Theunissen hatte recht. Aber damals sah er sich konfrontiert mit einer breiten Front von orthodoxen, d.h. materialistischen Adorno-Lesern.

Widerspruch: … und dazu zählten Sie sich damals auch?

Hutter: Ja.

Widerspruch: Theunissen muss auch als philosophischer Lehrer sehr eindrucksvoll gewesen sein.

Hutter: Unbedingt. Seine Seminare und Vorlesungen waren häufig sehr intensive Denkanstöße durch die Leidenschaft seines Fragens nach dem „Wahrheitsgehalt“ einer bestimmten philosophischen Position. Theunissen verhalf mir so zu einer schrittweisen Loslösung aus meinem anfänglichen, allzu engen Bild der Philosophiegeschichte. Von ihm habe ich überhaupt erst von Schellings „Freiheitsschrift“ und Spätphilosophie erfahren. Das hat mich sehr fasziniert: dass es innerhalb der klassischen deutschen Philosophie eine Position gibt, die in der orthodoxen Kant-Hegel-Linie, die man normalerweise kennt, gar nicht berücksichtigt wird.

Widerspruch: Betrachtet man Ihre Entwicklung im Rückblick, so waren Sie sehr auf Systeme konzentriert: erst Anhänger von Russell, dann von Adorno und jetzt Schelling. Es war kein breites Studium, das mal den Störig durchmacht, sondern war von Beginn an auf gewisse philosophische Gesamtentwürfe konzentriert.

Hutter: Nun ja, einen allgemeinen Überblick über die Philosophiegeschichte habe ich mir nach und nach schon erarbeitet. Allerdings war mir stets, da haben Sie recht, eine Balance zwischen Wissensstoff und systematischem Verständnis wichtig. Ich musste eine allgemeine Perspektive haben, in die die Einzelheiten einzuordnen waren. Erst dadurch wurde der historische Stoff sozusagen „verdaubar“. Deshalb habe ich häufig versucht, mir zuerst einen Ansatz oder ein Problem im Allgemeinen klar zu machen, um im Anschluss daran die hierzu „passenden“ Einzelwerke gründlich zu studieren.

Widerspruch: Auf diese Weise kommt man natürlich gut von Adorno zu Hegel und Kant, aber nicht zu Schelling.

Hutter: Das Interesse an Schelling wurde erst durch meinen Lehrer Theunissen vermittelt. Ich habe seinerzeit mit Schellings „Freiheitsschrift“ begonnen, die ich nach wie vor für den besten Einstieg in seine spätere Philosophie halte. Mein eigenes Programm, das ich bei der Auseinandersetzung mit Schelling durchzuhalten versuchte, war ein Begriff von Vernunft, der kompetent genug ist, um so unterschiedliche Bereiche wie Geschichte, Politik oder Kunst angemessen thematisieren zu können. Dieses Programm war mittlerweile durch das spezifische Anliegen von Theunissen erweitert worden, sich den „menschlichen Abgründigkeiten“ zu stellen, wie sie etwa von der Existenzphilosophie thematisiert werden. Ich habe letzteres wiederum – worin ich mit Theunissen wohl nicht ganz einig gewesen bin – als eine neue Herausforderung für die Vernunft verstanden, nicht als eine Klippe, an der die Vernunft am Ende scheitern muss.

Widerspruch: Sie beziehen sich dabei auf Ihre Dissertation zur Spätphilosophie Schellings. Verstehen Sie Ihr Verfahren eher als eine Art der Gegenüberstellung und des Vergleichs konkurrierender Entwürfe, und nicht so sehr als eine Entwicklung, in der ein Schritt nach dem anderen kommt, bis man beim richtigen Philosophen ankommt?

Hutter: Nein. Die Absicht meiner Dissertation besteht vorrangig darin, den späteren Schelling auf eine eigentümliche Form der Vernunft hin verständlich zu machen. Dadurch bewegt sich das Buch gegen manche Strömung der Schelling-Deutung: Wenn man den späten Schelling verstehen will, dann muss man ihn nach meiner Überzeugung in der Fortführung des Kantischen Vernunft-Projektes verstehen. Wenn man erfahren will, wie Kants Projekt fortzusetzen ist, dann sollte man die weitere Entwicklung nicht ausschließlich – wie etwa Kroner – zu Hegel weiterführen, sondern ebenso zu Schelling, der in manchen Aspekten interessanter und lehrreicher als Hegel ist, weil er die „existentialistischen“ Aspekte stärker betont, die Theunissen stets im Blick hatte. Von Theunissen habe ich also gelernt, und halte das nach wie vor für eine wichtige Einsicht, dass es eine Linie gibt, die bei Kant einsetzt und durch die entscheidende Vermittlung des späten Schelling zu Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger und Adorno führt. Diese Linie ist auch eine klassische Linie, wenn man sie an den späten Schelling zurückbindet, kein simpler „Bruch“ mit den klassischen Entwürfen. Mir war dergestalt die These sehr wichtig, dass man die späteren Positionen erst dann gut und angemessen verstehen kann, wenn man ihre Anknüpfungspunkte bei den Klassikern findet.

Widerspruch: Sie wollten also nicht den jungen Schelling gegen den alten Schelling ausspielen, wie es manchmal gemacht wird, und den jungen als Vorstufe zu Hegel interpretieren, während der spätere dann als Irrationalist davon abweicht? Für Sie gehört er in seiner Rationalität in eine Linie, die von Kant zu Adorno führt.

Hutter: Ganz genau; so verstehe ich den ganzen Schelling. Er hat sich der Herausforderung immer wieder neu gestellt: Wie kann man philosophisch einen Begriff von Vernunft entwickeln und dadurch aufrechterhalten, der die Wirklichkeit nicht von vornherein so domestiziert, dass sie in eine allzu enge Vernunftform hineingepresst wird?

Widerspruch: Ich verstehe Schellings Programm, habe aber den Eindruck, dass er gescheitert ist und immer wieder neue Entwürfe präsentiert hat. War ihre Arbeit der Versuch, diese disparaten Entwürfe zusammenzubringen?

Hutter: Wenn man sich die grundlegende Systematik bei Kant klar vor Augen führt, die sich insbesondere an der Leitdifferenz von theoretischer und praktischer Vernunft orientiert, dann hat man an ihr eine Art Schlüssel für die Systematik, die bei Schelling selbst auf den ersten Blick nicht so leicht zu erkennen ist. Dadurch treten die eigentümlichen Vernunftaspekte der Spätphilosophie Schellings hervor, die gegenüber jenen Deutungen ausdrücklich betont werden müssen, die Schellings Spätphilosophie gerade deshalb gerne rezipieren, weil in ihr die Vernunft angeblich verabschiedet wird.

Widerspruch: Dies ist wohl auch der Grund, warum Schelling bei Adorno nicht vorkommt und er bei Lukács quasi als der „Urbösewicht“ erscheint, der die Tradition der Vernunftfeindlichkeit begründet habe.

Hutter: Adorno hat sich allerdings von Lukács‘ Buch über die „Zerstörung der Vernunft“ sehr scharf distanziert; und wenn man sehr genau hinsieht, entdeckt man bei Adorno ganz erstaunliche Parallelen zum späteren Schelling (er hat übrigens einmal mit Horkheimer ein Seminar zu Schellings „Weltalter“ veranstaltet).

Widerspruch: Wie ging es weiter: von Schelling zu Kant; dann aber doch der Schwerpunkt in Hegel?

Hutter: Durch Schelling bin ich gewissermaßen auf eine „neue“ und lebendige Weise in die Philosophie Kants hineingekommen, durch den späteren Denker in den früheren. Dieses Vorgehen halte ich häufig für sinnvoll: Man darf die Klassiker nicht nur in einem antiquarischen Sinne „für sich“ studieren, sondern muss sie statt dessen in einem geeigneten Spiegel betrachten, in einer späteren historischen Form, die uns näher ist. Dies geschieht aber nicht mit dem Ziel, das frühere Denken zu vereinnahmen; vielmehr soll die spätere Form einen lebendigen Zugang zur Vergangenheit eröffnen.

Widerspruch: Sind Sie dann aber nicht mit den Einwürfen der Historiker konfrontiert, dass man auf diese Weise Maßstäbe formuliert, die den Autoren fremd sind?

Hutter: Nein. Denn es gibt ja durchaus ein untergründiges Fortwirken der früheren Philosophie im Denken der späteren Philosophen. Und das ist etwas ganz anderes als das äußerliche Subsumieren einer früheren Philosophie unter spätere Denkpositionen. Allerdings wird man den Gedanken, den man sich zunächst in der Form seiner späteren Wirkungsgeschichte klar macht, am Ende stets immanent, d.h. an den immanenten Maßstäben der früheren Philosophie zu überprüfen haben. Das Zurückgehen auf Kant bedeutete für mich in diesem Sinne eine verstärkte Hinwendung zu einer streng begrifflichen Philosophie, die sich aus sich selbst sehr genau explizieren kann.

Widerspruch: Geschah dieser Zugang zu Kant noch mit Theunissen?

Hutter: Nein, nicht mehr. Kant ist, wenn ich das recht sehe, für Theunissen nie von großer Bedeutung gewesen.

Widerspruch: Sie sind dann weg von Berlin.

Hutter: Mein Habilitationsprojekt zu Kant habe ich zwar noch bei Theunissen begonnen, bin dann aber mit Walter Jaeschke an die Ruhr-Universität nach Bochum und das dortige Hegel-Archiv gegangen. Das war ein ausgesprochener Glücksfall für mich, weil für Jaeschke das Denken Kants von eminenter Bedeutung ist (auch wenn es bei ihm hinter Hegels Bedeutung zurücksteht). Darüber hinaus gehört es zu den großen Stärken Jaeschkes, dass er andere Standpunkte, solange sie gut begründet sind, wirklich gelten lässt. Insofern hätte ich vielleicht in Bochum sogar über Schelling weiterarbeiten können; aber die Wende zu Kant war wohl insgesamt besser …

Widerspruch: … und wohl auch fruchtbarer.

Hutter: Davon bin ich überzeugt.

Widerspruch: Jaeschke hat doch auch ein großes Interesse an der nachhegelischen Philosophie, besonders an den Junghegelianern.

Hutter: Genau dieser Umstand hat sich als überaus fruchtbar erwiesen: für Jaeschke steht im Grunde ein ganz ähnlicher Ausschnitt der Philosophiegeschichte im Vordergrund, auch wenn unsere „Bewegungsrichtung“, wenn man es einmal so formulieren will, innerhalb dieses Ausschnitts entgegengesetzt ist. Jaeschkes Forschung bewegt sich von den Klassikern herkommend in die Richtung der junghegelianischen Überzeugungen; diese Bewegungsrichtung erschien mir, nachdem ich mich von meinem etwas naiven „Adorno-Weltbild“ gelöst hatte, allzu traditionell: ich fand die Klassiker nun viel spannender als die „kritischen“ Nachfolger. Deshalb begann ich an Kant und Hegel gerade diejenigen Momente zu betonen, die bei den Junghegelianern und dann im sogenannten „nachmetaphysischen“ Denken gerade abgelehnt werden. Mich faszinierte die systematisch begründete „Sperrigkeit“ von Kant und Hegel gegenüber dem heute allgemein eingeschliffenen „Auf-die-Füße-Stellen“, das immer schon zu wissen meint, was philosophisch erlaubt ist und was nicht.

Widerspruch: Der alte Gegensatz von „System und Dialektik“ hat Sie nicht nur nicht interessiert, sondern Sie sahen dafür auch gar keinen Grund?

Hutter: Von Adorno her war mir dieser Gegensatz natürlich bekannt; er hat mir aber von Anfang an nicht recht einleuchten wollen, da derart fixierte Gegensätze das Niveau des von Adorno anvisierten Denkens eigentlich unterbieten. Die bei Adorno zuweilen zu beobachtende Tendenz, zu sagen: es gibt auf der einen Seite einen „guten“ Hegel …

Widerspruch: … wie Croce: den lebendigen und den toten Hegel …

Hutter: … genau: und man soll beide säuberlich trennen können; solch ein Vorgehen war und ist mir fremd. Es ist doch gerade eine spannende Herausforderung für die Vernunft, das Ganze einer Philosophie in all ihrer Sperrigkeit für den späteren Standpunkt in den deutenden Blick zu nehmen. Denn das zunächst Sperrige oder, wenn man so will, die zunächst „unsympathischen“ Momente sind doch gerade diejenigen, die das heutige Denken aus seiner bornierten Selbstzufriedenheit herausführen können.

Widerspruch: Sie waren in Bochum auch am Hegel-Archiv. Waren Sie dafür denn prädestiniert, wenn Sie um Hegel eigentlich einen großen Bogen gemacht haben?

Hutter: Das ist so nicht ganz richtig. Hegel ist ja für mich von früh an stets sehr wichtig gewesen. Gleichwohl ist es mir lange nicht gelungen, mein Hegel-Verständnis aus der Bahn der eingeschliffenen Deutungsmuster zu befreien. Deshalb habe ich meine ersten größeren Studien Schelling und Kant gewidmet, zu denen ich schon einen eigenständigeren Zugang gefunden hatte. Dabei war Hegel freilich im Hintergrund präsent, allerdings eher als ein dunkles Rätsel, weil mir der linkshegelianisch verstandene Hegel immer fremder und unplausibler wurde. Daher bin ich am Ende erst über ein vertieftes Verständnis Kants wirklich zu Hegel gekommen. Denn Hegels Philosophie kann ja nicht zuletzt als eine großartige und tiefe Kant-Interpretation und Kant-Kritik verstanden werden. Wenn man nun meint, bei Kant etwas Wichtiges etwas genauer verstanden zu haben, dann liegt die Idee eigentlich recht nahe, die Probe auf dieses Kant-Verständnis in einer erneuten Beschäftigung mit Hegel zu machen. Und so bin ich dann von Bochum nach München gekommen mit dem Programm (oder besser: mit ersten Stücken daraus), dass man Hegels Philosophie des Geistes gerade dadurch auf eine rationale und argumentativ überzeugende Weise verstehen kann, indem man ihn nicht fortwährend „auf die Füße stellt“ oder in einige brauchbare Lehrstücke parzelliert.

Widerspruch: Bezieht sich das Programm der Hegelschen Kantinterpretation nicht eher auf den jungen Hegel in Bern und Frankfurt?

Hutter: Der junge Hegel lässt sich in diesem wichtigen Punkt nicht gegen den späteren Hegel ausspielen. Im Übrigen: will man wirklich den ganzen Hegel verstehen, wird man um die Annahme nicht herumkommen, dass er sich als reifer Philosoph in Berlin schon selbst recht gut verstanden hat. Deshalb wird man wohl seine späteren Werke, vor allem die letzte Fassung der „Enzyklopädie“, als reifste Form seines Denkens und als Maßstab für ein insgesamt angemessenes Verständnis nehmen müssen. Man hat an ihr eine authentische, von Hegel selbst formulierte Systematisierung, in der seine Denkentwicklung zu einer gewissen Vollendung gekommen ist. Und in dieser Perspektive wird nicht nur klar, dass alles wirkliche Verständnis – gut hegelisch – am Ende, d.h. am Resultat hängt, sondern dass dieses Resultat bei Hegel der absolute Geist ist, der Kunst, Religion und Philosophie umfasst. Wollte man also den absoluten Geist, der dem heutigen Denken unbequem ist, einfach streichen und sich mit einigen Lehrstücken aus dem subjektiven und objektiven Geist begnügen, dann würde alles schief und verwirrt.

Widerspruch: Welche Rolle spielt bei Ihnen Hegels Ästhetik? Sie haben nicht versucht, über Ihre Kunsterfahrungen in Kassel, über Adornos und Schellings Ästhetik zu Hegel zu kommen?

Hutter: Am Beginn meines Studiums habe ich das durchaus versucht, während meiner ersten Adorno-Hegel-Phase. Davon habe ich mich dann erst einmal ein Stück weit entfernt, um einen freieren Standpunkt zu gewinnen. Heute interessiert mich die Ästhetik wieder mehr, vor allem die Frage nach der systematischen Stellung ästhetischer Probleme innerhalb der Philosophie. Oder konkreter formuliert: Wie kann man im Anschluss an Hegel einen wirklich angemessenen Vernunft- oder Geistbegriff für die Gegenwart explizieren, der die Gestalten des absoluten Geistes ganz ausdrücklich einbegreift? Hierbei spielt nun die Kunst als eine von Hegel ausgezeichnete Zugangsweise zum absoluten Geist eine wichtige Rolle, aber eben nur eine Rolle. Was mich also weniger interessiert, ist eine isolierte Ästhetik, sondern eine wirklich philosophische Ästhetik als wichtiger Bestandteil eines philosophischen Systems.

Widerspruch: Ihr Anliegen ist nicht nur, den ganzen Hegel zu vermitteln, sondern ihn auch für die Gegenwart fruchtbar zu machen.

Hutter: Was mich angesichts der aktuellen Debatten in der Philosophie besonders interessiert, ist eine stärkere Profilierung des Geistbegriffs. Es ist historisch relativ einfach zu belegen, dass das, was man heute im Deutschen sehr bezeichnend die „Geisteswissenschaften“ nennt, als Verfallsprodukt aus der Philosophie Hegels hervorgegangen ist. Aus diesem Verfallsprozess lassen sich viele Krisenphänomene in den Geisteswissenschaften, aber auch in der Universität insgesamt erklären. Sie leiden, systematisch gesagt, an einer Unterbestimmung des Geistes, weil die einzelnen Fächer eben nichts Gemeinsames und konkret Verbindendes mehr haben, in dem sie sinnvoll kommunizieren können. Die einzelwissenschaftlichen Partikularisierungen haben sich völlig verfestigt – zum Schaden einer übergreifenden Idee von Universität.

Widerspruch: Werden Sie sich mit Ihrer Profilierung des Geistbegriffs nicht mit der analytischen Philosophie und der angelsächsischen Tradition anlegen müssen, wenn Sie ihr vorhalten, sie habe einen reduzierten Geistbegriff, und es sei nicht Geist, was sie transportiert?

Hutter: Das sehe ich viel entspannter. Mittlerweile ist schon gar nicht mehr so ganz klar, wo eigentlich die härteren Positivisten sitzen – in den angelsächsischen Ländern oder auf dem weitgehend historistisch geprägten Kontinent. Ich verstehe das als große Chance. Die analytische Philosophie hat doch mittlerweile eine enorme Entwicklung durchgemacht. Von ihr wird das Projekt einer erneuerten Geistphilosophie sicherlich lernen können, die philosophischen Leitbegriffe nicht so antiquarisch und museal zu behandeln, wie es in rein „historischen“ Untersuchungen zuweilen geschieht. Zudem ist festzustellen, dass die analytische Philosophie sich aus eigenen, teilweise selbstkritischen Antrieben heraus in eine überraschende Nähe zu Hegelschen Motiven bewegt hat, weil die holistischen Motive in ihr immer stärker und wirksamer geworden sind. Der späte Wittgenstein, Quine und Sellars haben eine grundlegende Wende eingeleitet, deren Konsequenzen nach wie vor noch gar nicht absehbar sind, in jedem Fall aber zu einer spürbaren Entdogmatisierung der analytischen Philosophie geführt haben.

Es besteht deshalb aus meiner Sicht heute eine geradezu historische Chance, die lange getrennten Diskurse der Gegenwartsphilosophie zusammenzuführen, indem man z.B. ein an Hegel orientiertes und zugleich gegenwartsgesättigtes Konzept eines neuen holistischen Denkens entwickelt. Hierbei ist es sicherlich auch hilfreich, dass die ebenfalls ziemlich dogmatische, rein historistische Verwaltung der klassischen deutschen Philosophie langweilig geworden ist. Man ist heute also auf doppeltem Wege aufeinander neugierig geworden, von analytischer und nicht-analytischer Seite her. Wir sind neugierig geworden auf unsere eigenen Texte, und die analytische Philosophie sucht Orientierungspunkte, an denen sie sich abarbeiten kann. Es gibt somit eine Menge Möglichkeiten, in undogmatischer Weise an der holistischen Wende der analytischen Philosophie mitzuarbeiten. Ich würde der analytischen Philosophie dabei durchaus zugestehen, dass sie argumentative Maßstäbe gesetzt hat, die man mit Gewinn übernehmen kann, solange sie nicht dogmatisch mit inhaltlichen Prämissen verbunden sind. Umgekehrt sollten wir selbstbewusst genug sein, um die Erwartung zu hegen, dass sich die traditionellen Konzepte der klassischen deutschen Philosophie auch auf analytisch formulierte Weise vertreten lassen.

Widerspruch: Der Geistbegriff betrifft nicht nur die Philosophie, sondern auch – Sie haben es angesprochen – die Einheit der Wissenschaften und damit einer Universität, die heutzutage immer weniger mit dem Einheitsgedanken etwas anfangen kann. Hat das Projekt für Sie auch hochschulpolitische Konsequenzen, weil der Weg der Universitäten derzeit ja in die andere Richtung zu gehen scheint?

Hutter: Ich habe in der Tat die Hoffnung, dass sich ein philosophisch erneuerter Geistbegriff auch gerade dadurch auszeichnet, dass er eine Einheit zu denken erlaubt, die keinen uniformierenden Effekt hat. Das ist für mich die spezifische Stärke des Geistbegriffs bei Hegel, der mir deshalb attraktiv und aktuell zu sein scheint. Wir müssen aus der schlechten Alternative zwischen einer gewaltsamen Vereinheitlichung und, aus Angst davor, einer Verabsolutierung des bloß Fragmentarischen und Partikularen herauskommen. Hegel hat sehr ausführlich gezeigt – und ich halte das für nachdenkenswert –, dass ein philosophisch angemessener Begriff von Einheit nur so zu denken ist, dass er Differenz einschließt. Umgekehrt lässt sich wahrhafte Differenz nur im Hinblick auf Einheit artikulieren. Man darf demnach beide Momente, Einheit und Differenz, nicht nur immer gegeneinander ausspielen, wie das etwa in der vernunftkritischen Diskussion immer wieder aufs Neue gemacht wird.

Widerspruch: Die Einheit der Wissenschaften wäre dann nicht ihre Nützlichkeit als ein externer Maßstab, an dem sie sich heute zu orientieren haben, sondern, als Hegelscher Gegenbegriff, die Form einer inneren und lebendigen Einheit.

Hutter: Ja, ganz genau. Man darf nicht vergessen, dass zwischen Hegels Philosophie des Geistes und der sogenannten „Humboldt-Universität“ eine echte Wahlverwandtschaft besteht. Deshalb sprechen hochschulpolitisch für eine Erneuerung und Stärkung des Geistbegriffs vor allem zwei Dinge. Einmal gibt es unübersehbar – speziell in den geisteswissenschaftlichen Bereichen – das Defizit, dass die einzelnen Fächer Schwierigkeiten haben, zu einer echten Zusammenarbeit zu kommen, weil ihnen ein Einheitsbegriff fehlt, der die speziellen Bereiche aus den allzu engen Fachgrenzen befreit und nicht uniformiert. Zum anderen ist es so, dass die Geisteswissenschaften den Geist, den sie ja selbst zum Thema haben, ständig unterbieten, weil sie das absolute Moment des Geistes, in der Kunst zum Beispiel, unter einzelwissenschaftlichen Aspekten ganz ungenügend reflektieren können. Angesichts der seit 150 Jahren bestehenden Tendenz einer Entgeistung der Einzelwissenschaften scheint mir der Versuch angezeigt zu sein, die noch vorhandenen Erinnerungen an die genuin geistige Verfassung so zu stärken, dass man sie wieder als das definierende Element der Geisteswissenschaften versteht, in dem sie miteinander kommunizieren können. Auf längere Sicht hätte das hoffentlich zur Folge, dass diese geisteswissenschaftlichen Forschungsbereiche wieder zu einem stärkeren Selbstbewusstsein ihrer inneren Organisation kommen, das sich aus ihrem eigenen Selbstverständnis ergibt und ihnen nicht extern übergestülpt wird.

Widerspruch: Das hätte etwas mit Totalität zu tun, mit Zusammenschau. Nicht die Vereinzelung, sondern die entgegengesetzte Richtung, die Vereinzelung aufzuheben.

Hutter: Wobei ich darauf verweisen möchte, dass der Begriff „Totalität“ heutzutage unter einem kaum mehr eigens begründeten Generalverdacht steht. Dies kann man als Ausdruck einer gewissen Geistfeindschaft verstehen, die das Gegenteil von dem erreicht, wofür sie oberflächlich plädiert. Der Geist ist nämlich gerade jene Form von Zusammenhang, die es überhaupt erlaubt, Besonderheiten wahrzunehmen und sie als solche zu achten.

Widerspruch: Fehlt da nicht das kritische Moment, dass der Hegelsche Geist doch etwas Vereinnahmendes und Zuschneidendes hat? Hegel hat zwar den Anspruch einer Einheit, die dennoch die Besonderheiten berücksichtigt, …

Hutter: … nein, viel stärker: Nicht eine Einheit, die „dennoch“ die Besonderheiten berücksichtigt, sondern eine Einheit, die Besonderheit überhaupt erst ermöglicht! Das hegelsche Verhältnis zwischen Allgemeinem und Besonderem, Einheit und Differenz ist kein Mittelweg, kein Kompromiss. Das Besondere bekommt nur sein in der Moderne gefordertes Recht, weil es im Allgemeinen ist. Wenn man diesen Gedanken einmal verstanden hat, dann hat man den Zugang zu einem zeitgemäßen Geistprojekt, das sich ganz strikt von einem Projekt der Unterdrückung von Differenzen unterscheiden lässt, weil es jene Differenzen überhaupt erst zu artikulieren erlaubt, die alle zu verteidigen vorgeben.

Widerspruch: Ihr Schwerpunkt ist nicht nur die Geistphilosophie. Sie haben auch ein Forschungsprojekt zu Hegel nach München gebracht.

Hutter: Im Rahmen meiner Berufung an die LMU habe ich eine großzügige Anschubfinanzierung von der Universität erhalten, um eine Hegelforschungsstelle an meinem Lehrstuhl einzurichten.

Widerspruch: In Konkurrenz zu Bochum?

Hutter: Nein, in sehr guter und arbeitsteiliger Kooperation. Wir werden in München innerhalb der historisch-kritischen Gesamtausgabe, die in Bochum herausgegeben wird, die Briefe Hegels edieren. Neben der Edition sind aber auch Forschungen zu Hegel in einem systematischeren Sinne geplant, sowie Tagungen, die im Idealfall die Edition und die Forschung befruchten sollen. Ich habe die Hoffnung, dass sich all diese Teilprojekt am Ende zu einem sinnvollen „Geistprojekt“ in dem bereits angesprochenen Sinne zusammenfügen werden. Im Moment steht die Münchner Hegel-Forschungsstelle aber noch ganz am Anfang und ist im Aufbau begriffen.

Widerspruch: Wie Sie wissen, sind Sie als Vertreter einer an Hegel orientierten Geistphilosophie auf einen Lehrstuhl berufen worden, den als erster Schelling innehatte. Wie werden Sie damit umgehen?

Hutter: Daraus ergibt sich für mich die ganz konkrete Aufgabe und Chance – und das hat erneut mit „Geist“ zu tun –, den unseligen Parteigeist aus den einschlägigen Diskussionen herauszunehmen. Dass man sagt: „mein Schelling, dein Fichte, sein Hegel“, das ist zu einem großen Hindernis der philosophischen Forschung im Bereich der klassischen deutschen Philosophie geworden. Ich strebe daher für mich selbst, aber auch für die Sache an, so weit wie irgend möglich die Gemeinsamkeiten und die Möglichkeiten der Kooperation zwischen den einzelnen Entwürfen zu betonen.

Widerspruch: Das wäre eine gute Sache. Herr Hutter, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führten Konrad Lotter und Alexander von Pechmann

Lotter – Heideggers Antihumanismus

Konrad Lotter

Heideggers Anti-Humanismus aus der Perspektive der Schwarzen Hefte

„Wer groß denkt, muß groß irren“ (GA 13)

Heideggers Brief Über den Humanismus, als Antwort auf eine Anfrage des französischen Philosophen Jean Beaufret entworfen (1946), überarbeitet und im Anhang zu seinem Buch über Platons Lehre von der Wahrheit (1947) veröffentlicht, wurde oftmals kommentiert und interpretiert. In aller Regel von Schülern und Anhängern, die sich im gleichen Gedankenkosmos bewegten und auch die gleichen Begriffe und Argumente verwendeten, so dass ihre Ausführungen ähnlich schwer zu verstehen sind wie Heideggers Brief selbst. Dabei lässt er sich, samt dem darin enthaltenen Begriff der Kehre, doch leicht entschlüsseln, wenn man ihn im Kontext von Heideggers Biografie und der Entwicklung seines Denkens liest: als Dokument seiner über das Jahr 1945 hinausgehenden Parteinahme für den Nationalsozialismus, wie sie zuletzt durch die Veröffentlichung der sog. Schwarzen Hefte bestätigt wurde.

Mit der Ablehnung der traditionellen Formen des Humanismus lehnt Heidegger freilich auch ab, wofür der Humanismus überhaupt steht: für die Zentrierung der Philosophie auf den Menschen, den Anspruch auf Selbstbestimmung und individuelle Autonomie oder den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Damit lässt sich der erste Grundgedanke von Heideggers Anti-Humanismus bzw. seines Denkens nach 1945 angeben: die Behauptung der Ohnmacht des Menschen, die prinzipielle Heteronomie des „Daseins“ und seines Ausgeliefert-Seins.

Nimmt man alle vier Grundgedanken zusammen, so ist Heideggers Anpassung an den Nationalsozialismus, die 1933 mit der Übernahme des Rektorats an der Universität in Freiburg manifest wird und über 1945 hinaus reicht, leicht nachzuvollziehen. Man braucht das ominöse „Sein“ nur mit dem realen Nationalsozialismus oder gar mit Hitler selbst gleichzusetzen, den Heidegger bewundert und verehrt hat. Diese Gleichsetzung ist nicht aus der Luft gegriffen. Heidegger selbst bezeichnet die „Machtergreifung“ Hitlers 1933 wiederholt als „Ermächtigung des Seins“ (GA 94, 39).

Von der Allmacht des Seins über seine Entmächtigung zur neuen Ermächtigung. Ursprünglich, in der Philosophie der Vorsokratiker (Parmenides, Heraklit) war das Sein (qua Schicksal) allmächtig, der Mensch ein Spielball einer anonymen Macht. Von Platon und Aristoteles (bis hin zu Nietzsche) hatte die Philosophie, so Heidegger, das Sein entmächtigt: sie hatte das Sein in seinem Wesen erkannt, auf das Wirken des Menschen zurückgeführt oder durch Naturgesetze erklärt und damit der (technischen) Verfügung des Menschen zugeführt. Auf diese Weise entwickelte sich der Mensch zum Subjekt, zum Herrn über das Sein. Was Heidegger als Entmächtigung und damit als „Verfallsgeschichte“ des Seins bezeichnet, ist das Gleiche, was die Aufklärung als Aufstieg der Wissenschaft und als Fortschritt in der Beherrschung der Natur begreift und feiert. In Heideggers Denken aber (so sein Selbstverständnis) und in der Machtergreifung des Nationalsozialismus beginnt die Gegenbewegung: der Mensch wird wieder dem Sein (dieses Mal der Politik) unterworfen, gegen das es keinen Widerstand gibt.

Um sich zu salvieren, hat sich Heidegger nach 1945 nicht nur als Gefolgsmann eines übermächtigen Geschicks dargestellt, er hat dieses Sein zugleich in Zusammenhang mit dem Sieg der planetarischen Technik gebracht. Auf diese Weise hat er den Nationalsozialismus nicht als Diktatur, als mörderisches System, sondern als Widerstand gegen die seinsvergessene Übermacht der Technik hingestellt, die sich gegen das Blut und den Boden (die Heimat des Menschen) verselbständigt hat.

Kontinuität nationalsozialistischer Thesen und Überzeugungen (I): Von der Blut- und Boden-Ideologie zum Antisemitismus. Angesichts seiner Kritik an den „vulgären“ Zügen und dem Anspruch, den wahren Nationalsozialismus zu vertreten, erstaunt es, wie häufig Heideggers „tiefgründige“ Aussagen dann doch mit den krudesten Parolen der NS-Ideologie übereinstimmen. An erster Stelle steht das wiederholte Bekenntnis zum „Völkischen“ oder zur „Blut und Boden“-Ideologie, die der Philosophie die Aufgabe zuweist, „das volklich staatliche Geschehen in seiner Wirklichkeit [zu] entfalten“, „gegen das wurzel- und rang-lose Gezappel der neuen Geistigkeit sturmzulaufen“ und die „erwachende Wirklichkeit des deutschen Daseins“ zu seiner „wartenden Größe“ zu führen (GA 94, 110). Aus dieser „Blut und Boden“-Perspektive erklärt sich auch Heideggers Antisemitismus. Er richtet sich gegen die „Boden-“ und „Weltlosigkeit“ der Juden und den daraus entstandenen „Kosmopolitismus“, der nur die Konsequenz der „Boden-“ und „Weltlosigkeit“ darstellt. In theoretischer Hinsicht steht das Judentum für „Universalismus“ und „leere Rationalität“ (GA 96, 1939-1941, 46), in praktischer Hinsicht für „zähe Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens und Durcheinandermischens“ (GA 95, 97) sowie die Entwicklung der Technik. Beides macht die Juden für Heidegger zu Repräsentanten einer „Moderne“, die durch Parlamentarismus und Liberalismus, Entwurzelung des Menschen im großstädtischen, seinsvergessenen Leben und durch Massenmedien geprägt ist. Diese Moderne stößt auf seine strikte Ablehnung.

Zum einen gründet sich diese Überzeugung auf die Behauptung, die Deutschen seien die wahren Nachfahren und Erben der Griechen und damit das wahrhaft „metaphysische Volk“. Sie allein könnten „das Sein ursprünglich neu dichten und sagen“ (GA 94, 27), hätten einen privilegierten Zugang zur „Wahrheit des Seins“ und stellen somit die Elite unter den Völkern dar. „Nur von den Deutschen“, so sagte Heidegger 1943/44 in seinen Vorlesungen über den Anfang des abendländischen Denkens bei Heraklit, „kann, gesetzt, daß sie ‚das Deutsche‘ finden und wahren, die weltgeschichtliche Besinnung“ und damit die Rettung kommen (GA 55, 123). Zum anderen gründet die Mission der Deutschen in ihrer geopolitischen Lage als „Mittelmacht“ und in die „Zange“ genommen vom amerikanischen Kapitalismus im Westen und dem russischen Bolschewismus im Osten. Durch sie sei Deutschland ausersehen, die Katastrophe (Nihilismus, Technik) zu verhindern, von der das Abendland bedroht ist. Noch 1953, in der Veröffentlichung seiner Einführung in die Metaphysik, die auf Vorlesungen aus dem Jahr 1935 zurückgeht, spricht Heidegger von der „inneren Wahrheit und Größe“ der nationalsozialistischen Bewegung und ihrer seinsgeschichtlichen Mission. Denn „Russland [Sowjetunion] und Amerika“ seien „beide, metaphysisch gesehen, dasselbe“. In ihnen herrsche die gleiche Seinsvergessenheit und „dieselbe trostlose Raserei der Technik“ (GA 40, 208), die letztlich in die planetarische Katastrophe führt.

Wie flexibel Heidegger auf die Vorgaben der nationalsozialistischen Politik reagierte, zeigen seine Bemerkungen aus der Zeit des Hitler-Stalin-Pakts, die zu der genannten doppelten Gegnerschaft in einem auffallenden Widerspruch stehen. Er zieht darin in Erwägung, dass die „Reinigung und Sicherung der [arischen] Rasse“ auch durch „eine große Mischung“ des Deutschtums mit den „Slaventum“ zustande kommen könnte. Schließlich sei den Russen „der Bolschewismus nur aufgedrängt“ und stelle deshalb „nichts Wurzelhaftes“ der slavischen Rasse dar (GA 95, 402). Aus der Verbindung der „Unerschöpflichkeit der russischen Erde“ und der „Unwiderstehlichkeit des deutschen Planens und Ordnens“ (GA 95, 403), so denkt Heidegger um 1940, könne eine Gegenkraft zur jüdisch dominierten Moderne erwachsen.

Kritik an der ausbleibenden Selbstkritik. Nach 1945 wurde Heidegger oftmals vorgeworfen, sich von seinen „Verstrickungen“ in den Nazi-Terror nicht distanziert, seinen „Irrtum“ nicht eingestanden, angesichts der Millionen von Ermordeten keine wirkliche „Scham“ empfunden zu haben. Diese Vorwürfe gehen, wie der Humanismusbrief belegt, an Heideggers Denken vorbei. Vermutet werden könnte, dass die darin vorgenommene Absage an den traditionellen Humanismus genau diesen Zweck erfüllen sollte: zu zeigen, dass diese Vorwürfe ins Leere laufen. Wem sich das Sein zuschickt, der handelt im Auftrag einer höheren Macht. Er trägt keine Verantwortung, steht außerhalb moralischer Normen, ist niemandem rechenschaftspflichtig. Heideggers Rundumschlag gegen alle Formen des Humanismus enthält in seinem seinsgeschichtlichen Fatalismus einen Persilschein für alle Mitläufer, für sich selbst und alle anderen. Dass es auch Deutsche gab, die sich der Zuschickung des Seins durch Emigration, durch passiven oder aktiven Widerstand, verweigert haben, steht außerhalb von Heideggers Denkhorizont.

Zuletzt vergleicht und relativiert Heidegger die Gräuel des Nationalsozialismus, mit den „Gräueln“ infolge der Reeducation und der bevorstehenden Amerikanisierung Deutschlands. 1945 war für Heidegger nicht das Jahr der Befreiung von der Diktatur des Nationalsozialismus, nicht das Jahr der Beendigung der äußersten Inhumanität eines verbrecherischen Regimes durch den Sieg der Aliierten. Es war das Jahr, in dem die seinsgeschichtliche Mission Deutschlands endgültig vernichtet wurde, die die Welt hätte erretten und der zentrifugalen Ausweitung der Technik eine zentripetale Bewegung entgegensetzen können. Die planetare Katastrophe ereignete sich für Heidegger nicht in den zwölf zurückliegenden Jahren; sie steht „der abendländischen Geschichte … erst bevor“. (GA 97, 375)

Nachzutragen wäre noch: Die Schüler und Anhänger sprechen nicht vom Anti-Humanismus, sondern, wie Heidegger selbst, von einem neuen „seinsgeschichtlichen Humanismus“. Der Ausdruck ist freilich ein Widerspruch in sich selbst. Geleugnet wird, was doch das Grundprinzip des Humanismus ist: dass die Menschen (als Subjekte) auf der Grundlage vorgefundener gesellschaftlicher Verhältnisse ihre Geschichte selbst machen. Stattdessen werden sie (als fremdbestimmt Daseiende) zu Mitläufern einer „Seinsgeschichte“ degradiert, die, wenn nicht doch noch ein Gott rettend eingreift, auf eine planetare Katastrophe zurast.

  1. Martin Heidegger, Über den Humanismus, Frankfurt/Main 112010, 13, 14, 15. ↩︎
  2. Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 161986, 126 f. Heideggers spätere (direkte) Wendung zum Nationalsozialismus zeichnet sich bereits in diesem Werk ab. Dort nämlich, wo er das Dasein als In-der-Welt-sein und Mit-sein mit Anderen als „Geschick“ oder „Schicksal“ bezeichnet, als „das Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes“, als ohnmächtiges Sich-Einfügen in eine geschichtliche „Übermacht“. „Das schicksalhafte Geschick des Daseins in und mit seiner ‚Generation‘ macht das volle, eigentliche Geschehen des Daseins aus.“ (384 f.) ↩︎
  3. ebd., 128 f. ↩︎
  4. In der Literatur wird Heideggers Kehre verschieden datiert, vgl. Dieter Thomä (Hg), Heidegger-Handbuch, Stuttgart/Weimar 2003, 154 ff. (Beitrag von Dieter Thomä). Hier ist ausschließlich von der Kehre zwischen Sein und Zeit und dem Humanismusbrief die Rede. ↩︎
  5. Über den Humanismus, a.a.O., 15 f., 18. ↩︎
  6. ebd., 22. ↩︎
  7. ebd., 29. – Vgl. Dieter Thomä (Hg.): Heidegger-Handbuch, a.a.O., 252f. (Beitrag von Dirk Mende). ↩︎
  8. ebd., 29. – Vgl. Dieter Thomä (Hg.): Heidegger-Handbuch, a.a.O., 252f. (Beitrag von Dirk Mende). ↩︎
  9. ebd., 28, 29. ↩︎
  10. ebd., 22. ↩︎
  11. ebd., 25 f. ↩︎
  12. SPIEGEL-Interview vom 23. September 1966 (SPIEGEL Nr. 23, 1976, 193). ↩︎
  13. Jean-Paul Sartre, Ist der Existentialismus ein Humanismus? In: Drei Essays, Frankfurt/Main u.a. 1975, 9. ↩︎
  14. Über den Humanismus, a.a.O., 34. ↩︎
  15. www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2015_3_4_wolin.pdf, 6. ↩︎
  16. Günther Mensching, Seinsfrage, Seinsgeschichte und die Vernichtung der Metaphysik. In: Martin Heideggers Schwarze Hefte, hg. von Marion Heinz und Sidonie Kellerer, Berlin 2016, 66. ↩︎
  17. Martin Heidegger, Gesamtausgabe (GA), hg. von Peter Trawny u.a., Frankfurt/Main 2015 ff. ↩︎
  18. Im schon zitierten SPIEGEL-Interview verdreht Heidegger seine Übernahme der Blut- und Boden-Ideologie und deutet die „Selbstbehauptung“ als Widerstand gegen die von der nationalsozialistischen Studentenschaft geforderten „Politischen Wissenschaft“, d.h. die Funktionalisierung der Wissenschaft für den „faktischen Nutzen für das Volk“. ↩︎
  19. So in der Rektoratsrede. ↩︎
  20. Z.B. kritisiert er das „sozialistische Getue“ und die „blödeste Romantik“ der Studenten, die mit sog. Arbeitern zusammensitzen und saufen, nur „ausgemachte Spießbürger“ und keine wirklichen Nationalsozialisten sind (GA 94, 146f.). ↩︎
  21. Ernesto Grassi, Reisen ohne anzukommen. In: Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie, Nr. 18 (1990), 65. [widerspruch.com/2025/07/03/ernesto-grassi-reisen-ohne-anzukommen/] ↩︎
  22. So gibt Marion Heinz, die (Mit-) Herausgeberin von „Martin Heideggers Schwarze Hefte“, a.a.O., 24, die Kritik von Reinhard Mehring wieder, die er in seiner Rezension der Schwarzen Hefte der Jahre 1942-1948 geübt hat. ↩︎
  23. Peter Trawny, Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung, Frankfurt/Main 2014, 16; Donatella di Cesare, Heidegger, die Juden, die Shoah, Frankfurt/Main 2016. – Gemessen an Max Horkheimers „Typologie des Antisemitismus“ war Heidegger in vieler Hinsicht ein Antisemit, bis hin zum Wahn einer jüdischen Weltverschwörung und zur Denunziation jüdischer Kollegen. Alfred J. Noll bezieht sich in: Der rechte Werkmeister. Martin Heidegger nach den „Schwarzen Heften“, Köln 2016, 186-198l auf Max Horkheimer, Zur Psychologie des Antisemitismus (1943). In: Gesammelte Schriften, Frankfurt/Main, Bd. 12, 178-180). ↩︎
  24. Thomas Rohkrämer, Heidegger, Kulturkritik und völkische Ideologie. In: Martin Heideggers Schwarze Hefte, hg. von Marion Heinz und Sidonie Kellerer, a.a.O., 273. ↩︎
  25. So etwa von Anna Pia Ruoppo oder Anton M. Fischer in ihren Beiträgen in dem von Marion Heinz und Sidonie Kellerer herausgegebenen Buch, a.a.O., 350 und 432. ↩︎

Hampe – Krise der Aufklärung

Michael Hampe

Krise der Aufklärung

Über die Fortsetzbarkeit einer Lebensform

Tb, 208 Seiten, 22,- €

Berlin 2025 (Suhrkamp-Verlag)

von Franco Zotta

Michael Hampe hat ein in mehrfacher Hinsicht eigentümliches Buch geschrieben. Der bis vor kurzem an der ETH Zürich lehrende Philosoph versammelt in „Krise der Aufklärung“ mehrere Aufsätze, an denen er seit 2016 arbeitete, und die zwischen 2018 und 2024 erschienen sind. Laut Verfasser sind sie aber so gut gealtert, dass man sie 2025, wenn auch überarbeitet, noch einmal veröffentlichen kann, obwohl sie in weiten Teilen als philosophische Reflexion zeitgenössischer Entwicklungen im genannten Zeitraum in Politik und Gesellschaft gehalten sind. Diesem interpretatorischen Gestus ist geschuldet, dass der Autor eine große Zahl von Themen aufgreift, die in der Öffentlichkeit seither virulent waren und sind: Bildungskrise, Ukraine-Krieg, Putin, Trump, Klimawandel, KI-Disruption, Elon Musk, Peter Thiel & Co (die Hampe unter dem unmissverständlichen Stichwort „Technofaschismus“ abhandelt), Rechtsextremismus und das globale Erstarken autoritärer Kritiker:innen der liberalen Demokratie – man wird Mühe haben, ein vergleichbar prominentes Thema nicht behandelt zu finden auzf den 208 Seiten, die Hampe vorgelegt hat.

Die Themenfülle korreliert beinahe zwangsläufig mit einem erzählerischen Stil, den man eher selten in philosophischen Texten findet, dafür oft aus feuilletonistischen Beiträgen kennt: Hampe hat erkennbar keine Scheu, einem philosophischen Weltgeist gleich selbst disparateste Themen diagnostisch so zu bündeln, dass wenige Ursachen einen Großteil der erwähnten Weltprobleme mit Erklärungsmustern versehen. Da der Autor sich dabei einer auch ohne großes philosophisches Vorwissen zugänglichen Sprache bedient und anschaulich formulieren kann, liest sich „Krise der Aufklärung“ wie das essayistische Resümee eines vor allem besorgten und warnenden Philosophen, der am Ende seiner akademischen Lehrtätigkeit im Dienste der Aufklärung einem größeren Publikum eloquent darlegen muss, dass und wieso ausgerechnet das Zeitalter der Aufklärung sich am Vorabend einer möglichen globalen Barbarei wiederfindet.

Nun dürfte es selbst Voltaires Candide schwerfallen, angesichts der Fülle an Problemlagen, mit denen Hampes Zeitdiagnose zwangsläufig konfrontiert ist, sich in der besten aller Welten zu wähnen. Die Krisensymptome sind unübersehbar, die mit ihren verknüpften Szenarien, die Hampe dem Lesenden immer wieder klar vor Augen führt, beängstigend. Hampe wähnt die „kultivierte Fortpflanzungsgemeinschaft“ an einem Scheideweg: Wenn sie sich, verstanden als Aufklärung über die Aufklärung, nicht schonungslos konfrontiert mit den zerstörerischen Potenzialen, die diese entfesselte Gemeinschaft mit ihrem „Projekt Moderne“ zugleich groß gemacht und an den Abgrund geführt hat, dann werden die politischen und ökologischen Mega-Krisen in einem globalen Zivilisationsbruch münden.

Das Buch ist folglich durchsetzt mit meist düsteren, oft kapitalismuskritischen Analysen, die kontrastiert werden mit Appellen, sich als Weltgemeinschaft von der exzessiv Ressourcen verbrauchenden Selbstverwirklichungsmetaphysik zu lösen, die die dominierende anthropozentrische Aufklärungserzählung letztlich zum Schaden von Mensch und Natur hervorgebracht hat. Hampe will die hybride Gestalt der großen Aufklärungserzählung dekonstruieren zugunsten einer geläuterten Aufklärungsidee, die, ausgehend von wenigen, bescheidenen Annahmen über das auf Sozialität angelegte und auf eine intakte Natur angewiesene Menschengeschlecht, eine neue Ethik begründet, die inklusiv, empathisch, lösungsorientiert, kooperativ daherkommt und dabei auf starke Wahrheitspostulate und -lehren der Vergangenheit konsequent verzichtet.

Möchte man eine durchgehende Grundmelodie der diversen Aufsätze ausmachen, so ist sie sicherlich das stetig wiederkehrende Angebot Hampes, auf dem Boden eines pragmatischen Philosophieansatzes die Aufklärung anders zu justieren. Was einst Hampes Bruder im Geiste Gianni Vattimo „pensiero debole“, also schwaches Denken, nannte, ist auch für Hampe der Weg aus der konstatierten Krise der Aufklärung: Erst wenn die Menschheit sich von den fragwürdigen Metanarrationen löst, die letztlich der Omnipotenzillusion verhaftet sind, allein starke Geltungs- und Wahrheitsansprüche können das Richtige vom Falschen trennen und menschlichen Kollektiven so klare, weil unbestreitbare moralische Wegweiser an die Hand geben, – erst durch diese Elimination der Anfangsmythen der frühen Aufklärung also könne der Raum geöffnet werden, in dem Subjekte dialogisch und mit Rekurs auf weitgehend geteilte common sense-Bestände Regeln zur Minimierung von Leid und zur Bewahrung der Lebensgrundlagen finden.

Das ist grundsympathisch. Wenig von dem, was Hampe am Zustand der Welt kritisiert, als verantwortliche Ursachen benennt und als erstrebenswerten Gegenentwurf skizziert, stößt beim Rezensenten auf grundsätzliche Ablehnung. Gleichwohl hinterlässt die Generalabrechnung mit der großen Aufklärungserzählung, die Hampe im Kern für vieles Beklagenswerte in der Welt mindestens mittelbar verantwortlich macht, auf Dauer einen schalen Beigeschmack. Weniger deshalb, weil an dieser Erzählung nichts zu kritisieren wäre, sondern weil Hampe zu seinem Gegenentwurf des schwachen Denkens die kritische Distanz vermissen lässt. Man muss sich jedoch nicht sonderlich anstrengen, um im Konzept des schwachen Denkens selbst eine mehr als nur denkbare Ursache für viele Phänomene zu sehen, an denen der Autor sich kritisch abarbeitet. Wer Emanzipationszugewinne vor allem mittels zersetzender Kritik an als fundamentalistisch gegeißelten Motiven der frühen Aufklärung und ihres emphatischen Vernunfts- und Wahrheitsbegriffs zu erzielen sucht, öffnet eben zugleich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit jenen sinistren Gestalten Tür und Tor, deren Weltsicht bereits im Kern inkompatibel war mit jenen großen Vernunfts- und Wahrheitsregimen, die nun als universale Problemursache herhalten müssen.

Die Renaissance des antidemokratischen Autoritarismus oder die Wiedergeburt faschistoider Gesellschaftskonzepte, die genüsslich alternative Fakten produzieren, antiszientistischem Gedankengut frönen und unter Meinungspluralismus primär verstehen, alles wieder sagen und denken zu dürfen, was die große Aufklärungserzählung in den Giftschrank des Unvernünftigen verbannt hatte, ist die Kehrseite einer schwachen Theorie, die ihre Geltungsansprüche primär mit pragmatischen Verweis auf historisch gewachsene Bestände zu begründen sucht, die der Volksmund wohl mit gesundem Menschenverstand umschreiben würde. Nun aber ist die Büchse der Pandora wieder sperrangelweit geöffnet. Die Frage, die auch Hampe nicht beantwortet, wird sein, wie man den Deckel wieder geschlossen bekommt. Ein wenig mehr Verteidigung des robusten Wahrheitsfundamentalismus könnte da durchaus helfen.