Konrad Lotter
Heideggers Anti-Humanismus aus der Perspektive der Schwarzen Hefte
„Wer groß denkt, muß groß irren“ (GA 13)
Heideggers Brief Über den Humanismus, als Antwort auf eine Anfrage des französischen Philosophen Jean Beaufret entworfen (1946), überarbeitet und im Anhang zu seinem Buch über Platons Lehre von der Wahrheit (1947) veröffentlicht, wurde oftmals kommentiert und interpretiert. In aller Regel von Schülern und Anhängern, die sich im gleichen Gedankenkosmos bewegten und auch die gleichen Begriffe und Argumente verwendeten, so dass ihre Ausführungen ähnlich schwer zu verstehen sind wie Heideggers Brief selbst. Dabei lässt er sich, samt dem darin enthaltenen Begriff der Kehre, doch leicht entschlüsseln, wenn man ihn im Kontext von Heideggers Biografie und der Entwicklung seines Denkens liest: als Dokument seiner über das Jahr 1945 hinausgehenden Parteinahme für den Nationalsozialismus, wie sie zuletzt durch die Veröffentlichung der sog. Schwarzen Hefte bestätigt wurde.
Rundumschlag gegen alle Formen des Humanismus. Ausgangspunkt des Briefs ist ein Rundumschlag gegen alle traditionellen Formen des Humanismus. Abgelehnt wird der christliche und der italienische Humanismus der Renaissance, abgelehnt der Humanismus der Weimarer Klassik, abgelehnt der Humanismus von Karl Marx und von Jean-Paul Sartre. Das Argument, auf das sich Heideggers Ablehnung stützt: Alle diese Formen sind „metaphysisch“ und damit „seinsvergessen“. Sie betrachten den Menschen aus der Perspektive des „Seienden“ („der Natur, der Geschichte, der Welt, des Weltgrundes“) und definieren ihn als „Seiendes“ unter anderem „Seiendem“ (als animal rationale und damit in Abgrenzung gegen „Pflanze, Tier, Gott“) und fragen nicht nach dem „Sein des Seienden“. Zwar stellt auch „die Metaphysik … das Seiende in seinem Sein vor und denkt so auch das Sein des Seienden“, d.h. die Ursachen oder die gesetzmäßigen Bedingungen des Seienden. Aber, so Heideggers Vorwurf, „sie denkt nicht das Sein als solches“, sie „fragt nicht nach der Wahrheit des Seins selbst.“1 Mit dieser Wahrheit meint Heidegger nichts Natürliches, Gesellschaftliches oder Menschliches, sondern etwas Schicksalhaftes oder Göttliches. Dazu noch später.
Mit der Ablehnung der traditionellen Formen des Humanismus lehnt Heidegger freilich auch ab, wofür der Humanismus überhaupt steht: für die Zentrierung der Philosophie auf den Menschen, den Anspruch auf Selbstbestimmung und individuelle Autonomie oder den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Damit lässt sich der erste Grundgedanke von Heideggers Anti-Humanismus bzw. seines Denkens nach 1945 angeben: die Behauptung der Ohnmacht des Menschen, die prinzipielle Heteronomie des „Daseins“ und seines Ausgeliefert-Seins.
Abkehr vom eigenen, elitären „Humanismus“ von Sein und Zeit. An diesen ersten Grundgedanken schließt sich sogleich ein zweiter an, der mit der „Kehre“ seines Denkens zusammenhängt, von der Heidegger selbst spricht. Zugleich mit der Ablehnung der traditionellen Formen des Humanismus nämlich findet auch eine Abkehr vom eigenen, früheren „Humanismus“ statt, wie er ihn noch in Sein und Zeit (1927) vertreten hatte. Dieser „Humanismus“, der freilich nur ein halber und elitärer Humanismus ist, lässt sich, wenn man sich vom Geraune von Heideggers Sprache nicht beeindrucken lässt, auf einfache Weise wiedergeben. Das „Dasein“ des Menschen, das zugleich ein „In-der-Welt-Sein“ und ein „Mit-Sein“ mit anderen Menschen ist, steht in seinem Alltag unter der Herrschaft eines anonymen „Man“, d.h. „in der Botmäßigkeit [den Vorgaben, Ansprüchen, Normen] der Anderen“. „Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns … zurück, wie man sich zurückzieht; wir finden ‚empörend‘, was man empörend findet.“2 Darin besteht gewissermaßen die existentielle Grundsituation des Menschen: Zuerst ist das „Selbst“ des Menschen ein „Man-Selbst“. „Jeder ist der Andere und Keiner er selbst. … Zunächst ‚bin‘ nicht ‚ich‘ im Sinne des eigenen Selbst, sondern die Anderen in der Weise des Man. Aus diesem her und als dieses werde ich mir ‚selbst‘ zunächst ‚gegeben‘.“ Entscheidend ist dabei nicht die Aussage „Zunächst ist das Dasein Man …“ – naturgemäß stehen Kinder noch ganz unter dem Einfluss ihrer Eltern, Erziehern und ihrer Umwelt. Entscheidend ist vielmehr die Aussage, die sich daran anschließt: „…und zumeist bleibt es so“3. An die Stelle der Eltern und Erzieher tritt dann die Fremdbestimmung durch die öffentliche Meinung, die Mode, die Massenmedien, die Werbung etc. Die meisten Menschen bleiben Massenmenschen, ohne in die „Lichtung“ des Seins und ihres eigenen Selbst zu treten. Von „Humanismus“ kann infolgedessen nur im Falle der Wenigen gesprochen werden, der Elite, die sich über das Man erhebt und sich im Widerspruch zu den an sie herangetragenen Ansprüchen der Masse in ihrem eigenen, privilegierten Selbst verwirklicht.
Von der Analytik des Daseins zur Ek-sistenz des Menschen. Im Vollzug der „Kehre“ wechseln „Dasein“ und „Sein“ die Seiten.4 Vor der Kehre denkt Heidegger vom Dasein aus, das in der Sphäre der Uneigentlichkeit (Man, Alltag, Heteronomie) befangen bleibt oder sich in Einzelfällen im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit und seines „Vorlaufs zum Tode“ zum gelichteten Sein des eigenen Selbst erhebt. Nach der Kehre beginnt Heideggers Denken dagegen beim bereits gelichteten Sein, in das der Mensch hinausgehalten wird. „Das Stehen in der Lichtung des Seins nenne ich die Ek-sistenz des Menschen. Nur dem Menschen eignet diese Art zu sein. … Ek-sistenz bedeutet inhaltlich Hin-aus-stehen in die Wahrheit des Seins.“5 Infolge der Kehre wird das Dasein oder der Mensch zu einem bloßen Adressaten oder Empfänger erniedrigt.
Heidegger selbst behauptet wiederholt, seine „Kehre“ beinhalte keine Änderung des Standpunktes von Sein und Zeit; der Humanismusbrief führe nur aus, was er in seinem früheren Werk gemeint hatte. Dieser Behauptung widerspricht freilich seine Verwendung der Begriffe des Entwurfs und der Geworfenheit. In seinem früheren, halben „Humanismus“ ist es das Dasein, das sich entwirft, das Man überwindet und einer Elite ermöglicht, in die Lichtung des Seins einzutreten. Dagegen wird der Mensch in seinem späteren Anti-Humanismus vom Sein geworfen. „Der Mensch ist … vom Sein selbst in die Wahrheit des Seins ‚geworfen‘“6; „das Werfende im Entworfenen ist nicht mehr der Mensch, sondern das Sein selbst, das den Menschen in die Ek-sistenz des Daseins als sein Wesen schickt.“7 Letztlich ist es also das Sein, das wählt, entscheidet und entwirft; der Mensch folgt nur noch, was ihm aufgetragen wird. Er ist nur noch ausführendes Organ, Befehlsempfänger, der keine Verantwortung für sein Tun mehr trägt.
Die Frage nach dem Sein. Die nebulösen Antworten, die Heidegger auf die Frage nach dem Sein gibt, könnte als drittes Merkmal seiner Philosophie nach 1945 bezeichnet werden. Wenig hilfreich etwa ist die tautologische Antwort: Das Sein „‚ist‘ es selbst“. Nicht weniger nebulös sind die Antworten „Das Sein ist das Nächste … [und] bleibt dem Menschen am fernsten“ oder das Sein ist „gerade nicht ‚das Seiende‘“8. Am verständlichsten noch lässt sich „Sein“ mit „Schicksal“ oder „Geschick“ wiedergeben. Vom „Geschick“ leitet Heidegger ethymologisch das Verbum „zu-schicken“ ab und nennt das Sein das, was dem Menschen zugeschickt wird.9 Zwei Aussagen über das „Sein“ sind daher festzuhalten. Erstens: Das Sein ist etwas Außer-Menschliches, über das der Mensch keine Macht hat: „ob und wie es [das Sein] erscheint, ob und wie der Gott und die Götter, die Geschichte und die Natur in die Lichtung des Seins hereinkommen … entscheidet nicht der Mensch“10. Zweitens: Das Sein bestimmt, was aus dem Menschen wird. „Nicht der Mensch [ist] das Wesentliche …, sondern das Sein“11, in das der Mensch hinausgehalten wird. Gleichgültig, ob Schicksal oder Gott: Entscheidend ist nur die Abhängigkeit oder die Determination des Menschen durch eine höhere Macht, die den Menschen in ihre Gefolgschaft zwingt. Der Mensch ist nicht Herr seines Geschicks, er ist dem Geschick ausgeliefert und kann sich selbst nicht „retten“. Daher Heideggers letzte Weisheit, die er dem SPIEGEL in seinem Interview zu Protokoll gegeben hat: „Nur noch ein Gott kann uns retten.“12
Hatte sich Heidegger vor seiner Kehre vom „System des Katholizismus“ abgewandt und sein Denken als irreligiös bezeichnet, so wehrt er sich im Humanismusbrief gegen Sartre, der seine Existenzphilosophie als „atheistisch“ einordnet13, und betont die Offenheit seines Denkens auch gegenüber der Religion.
Der Mensch als „Hirte des Seins“. Ein vierter Grundgedanke von Heideggers Philosophie nach 1945 tritt uns in der irreführenden Formulierung entgegen, die den Menschen als „Hirt des Seins“ bezeichnet: „Der Mensch ist nicht Herr des Seienden. Der Mensch ist Hirt des Seins“; die „Würde“ des Hirten aber beruht darin, „vom Sein selbst in die Wahrnis seiner Wahrheit gerufen zu sein.“14 Richtiger müsste es heißen: Der Mensch ist „Mitläufer des Seins“. Bekanntlich haben es Hirten mit Herden zu tun, die sie bewachen, die sie anführen und denen sie die Richtung vorgeben. Wird das Sein dagegen in der Metapher der Herde gefasst, dann verhält es sich genau umgekehrt. Der Hirte hat seine Funktion verloren, er folgt der Herde, die ihrerseits die Führung übernommen hat und die Richtung vorgibt oder, um im Bilde zu bleiben: der Hirte blökt mit den Schafen. Viele Kritiker des Humanismusbriefes sehen das ähnlich. Richard Wolin etwa charakterisiert Heideggers Abkehr vom Humanismus als eine Art von „seinsgeschichtlichem Fatalismus“15: alle Selbstbestimmung des Menschen und damit alle Möglichkeit, sich dem nationalsozialistischen „Sein“ entgegenzusetzen, werden verneint. Noch deutlicher wird Günther Mensching, der den Kern des Humanismusbriefes so wiedergibt: „Das Subjekt [das selbstbestimmte Individuum] ist gerade das, was überwunden werden muss. An dessen Stelle tritt der Befehlsempfänger, der auf das je ankommende, sich entbergende Sein hört und ihm ausdrücklich ‚hörig‘ ist.“16
Nimmt man alle vier Grundgedanken zusammen, so ist Heideggers Anpassung an den Nationalsozialismus, die 1933 mit der Übernahme des Rektorats an der Universität in Freiburg manifest wird und über 1945 hinaus reicht, leicht nachzuvollziehen. Man braucht das ominöse „Sein“ nur mit dem realen Nationalsozialismus oder gar mit Hitler selbst gleichzusetzen, den Heidegger bewundert und verehrt hat. Diese Gleichsetzung ist nicht aus der Luft gegriffen. Heidegger selbst bezeichnet die „Machtergreifung“ Hitlers 1933 wiederholt als „Ermächtigung des Seins“ (GA 94, 39).
Von der Allmacht des Seins über seine Entmächtigung zur neuen Ermächtigung. Ursprünglich, in der Philosophie der Vorsokratiker (Parmenides, Heraklit) war das Sein (qua Schicksal) allmächtig, der Mensch ein Spielball einer anonymen Macht. Von Platon und Aristoteles (bis hin zu Nietzsche) hatte die Philosophie, so Heidegger, das Sein entmächtigt: sie hatte das Sein in seinem Wesen erkannt, auf das Wirken des Menschen zurückgeführt oder durch Naturgesetze erklärt und damit der (technischen) Verfügung des Menschen zugeführt. Auf diese Weise entwickelte sich der Mensch zum Subjekt, zum Herrn über das Sein. Was Heidegger als Entmächtigung und damit als „Verfallsgeschichte“ des Seins bezeichnet, ist das Gleiche, was die Aufklärung als Aufstieg der Wissenschaft und als Fortschritt in der Beherrschung der Natur begreift und feiert. In Heideggers Denken aber (so sein Selbstverständnis) und in der Machtergreifung des Nationalsozialismus beginnt die Gegenbewegung: der Mensch wird wieder dem Sein (dieses Mal der Politik) unterworfen, gegen das es keinen Widerstand gibt.
Um sich zu salvieren, hat sich Heidegger nach 1945 nicht nur als Gefolgsmann eines übermächtigen Geschicks dargestellt, er hat dieses Sein zugleich in Zusammenhang mit dem Sieg der planetarischen Technik gebracht. Auf diese Weise hat er den Nationalsozialismus nicht als Diktatur, als mörderisches System, sondern als Widerstand gegen die seinsvergessene Übermacht der Technik hingestellt, die sich gegen das Blut und den Boden (die Heimat des Menschen) verselbständigt hat.
Übernahme des Rektorats der Freiburger Universität und späterer Rücktritt. Schon 1932 erwartete Heidegger die „Machtergreifung“ Hitlers ungeduldig, mit Argumenten, die aus dem Arsenal der „Konservativen Revolution“ (Hans Grimm, Oswald Spengler, Ludwig Klages, Ernst Jünger, Möller van den Bruck u.a.) stammen: „Ein herrlich erwachender volklicher Wille steht hinein in ein großes Weltdunkel.“ (GA 94, 1931-1939, 109)17 Kaum ist Hitler an die Macht gekommen, tritt Heidegger in die NSDAP ein, lässt sich zum Rektor der Freiburger Universität ernennen und empfiehlt sich den neuen Machthabern durch seine Antrittsrede über Die Selbstbehauptung der deutschen Universität. „Selbstbehauptung“ meint dabei Einbindung der Wissenschaften „in die Volksgemeinschaft“ unter Wahrung ihrer „erd- und bluthaften Kräfte“ und in Abwehr gegen den blutleeren Universalismus der Aufklärung.18 In einem Zeitschriftenartikel, der Anfang Oktober 1933 zum Beginn des Wintersemesters erschienen ist. schwört Heidegger, noch ganz von der „Herrlichkeit und Größe des Aufbruchs“19 begeistert, die Studentenschaft auf den Führer ein: „Nicht Lehrsätze und ‚Ideen‘ seien die Regeln Eures Seins. Der Führer selbst und er vor allen ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz“ (GA 16, 184). Die „Machtergreifung“ Hitlers wird, wie schon zitiert, mit der „Ermächtigung des Seins“ (GA 94, 39) gleichgesetzt. Dass „der Führer eine neue Wirklichkeit erweckt hat, die unserem Denken die rechte Bahn und Stoßkraft gibt“, erfährt Heidegger als „große Erfahrung und Beglückung“ (GA 94, 111). Er empfiehlt sich dem neuen Staat als Staatsphilosoph, verbunden mit dem anmaßenden, an Größenwahn grenzenden Anspruch „den Führer selbst zu führen“.
Weder bei den Machthabern noch bei den Studenten stößt Heideggers Anbiederung allerdings auf nachhaltiges Interesse. Sein sendungsbewusster Narzissmus wird dadurch empfindlich gekränkt. Schon nach zehn Monaten tritt er vom Amt des Rektors zurück und wendet sich polemisch vom „Vulgärnationalsozialismus“ ab (GA 94. 142, 146)20, der seinem Elite-Nationalsozialismus nicht folgen wollte, und kommentiert sarkastisch: „Mein Amt zur Verfügung gestellt, weil eine Verantwortung nicht mehr möglich. Es lebe die Mittelmäßigkeit und der Lärm!“ (GA 94, 162) Schüler und Anhänger deuteten den Rücktritt später fälschlicherweise als Kritik, wenn nicht sogar als Widerstand gegen das System. Treffender ist die Aussage von Ernesto Grassi, dem ehemaligen Schüler und späteren Kritiker, der Heidegger (ironisch) als den „vielleicht … einzigen wirklichen Nationalsozialisten“21 bezeichnet, was wohl Heideggers (ernst gemeintem) Selbstverständnis entsprach. Diesem Selbstverständnis zufolge verstand er sich selbst (vielleicht gemeinsam mit Hitler) als den „eigentlichen“ Nationalsozialisten, im Gegensatz zu den vielen „uneigentlichen“, „seinsvergessenen“ Nationalsozialisten, die sich über das Wesen ihrer geschichtlichen Sendung gar nicht im Klaren waren. In den Schwarzen Heften heißt es dazu: „Die Notwendigkeit seiner Bejahung [d.h. der Bejahung des Nationalsozialismus] … aus denkerischen Gründen“ ergibt sich erst „aus der vollen Einsicht in die frühere [bei den Nationalsozialisten selbst verbreiteten] Täuschung über das Wesen und die geschichtliche Wesenskraft des Nationalsozialismus“ (GA 95, 1938-1939, 408).
Kontinuität nationalsozialistischer Thesen und Überzeugungen (I): Von der Blut- und Boden-Ideologie zum Antisemitismus. Angesichts seiner Kritik an den „vulgären“ Zügen und dem Anspruch, den wahren Nationalsozialismus zu vertreten, erstaunt es, wie häufig Heideggers „tiefgründige“ Aussagen dann doch mit den krudesten Parolen der NS-Ideologie übereinstimmen. An erster Stelle steht das wiederholte Bekenntnis zum „Völkischen“ oder zur „Blut und Boden“-Ideologie, die der Philosophie die Aufgabe zuweist, „das volklich staatliche Geschehen in seiner Wirklichkeit [zu] entfalten“, „gegen das wurzel- und rang-lose Gezappel der neuen Geistigkeit sturmzulaufen“ und die „erwachende Wirklichkeit des deutschen Daseins“ zu seiner „wartenden Größe“ zu führen (GA 94, 110). Aus dieser „Blut und Boden“-Perspektive erklärt sich auch Heideggers Antisemitismus. Er richtet sich gegen die „Boden-“ und „Weltlosigkeit“ der Juden und den daraus entstandenen „Kosmopolitismus“, der nur die Konsequenz der „Boden-“ und „Weltlosigkeit“ darstellt. In theoretischer Hinsicht steht das Judentum für „Universalismus“ und „leere Rationalität“ (GA 96, 1939-1941, 46), in praktischer Hinsicht für „zähe Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens und Durcheinandermischens“ (GA 95, 97) sowie die Entwicklung der Technik. Beides macht die Juden für Heidegger zu Repräsentanten einer „Moderne“, die durch Parlamentarismus und Liberalismus, Entwurzelung des Menschen im großstädtischen, seinsvergessenen Leben und durch Massenmedien geprägt ist. Diese Moderne stößt auf seine strikte Ablehnung.
Kontinuität nationalsozialistischer Thesen und Überzeugungen (II): Die weltgeschichtliche Mission der Deutschen. Nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte konzentrierte sich die Kritik auf Heideggers Antisemitismus und bewegte sich dabei zwischen zwei extremen Positionen. Auf der einen Seite warf sie ihm vor, sein Antisemitismus „grenze an justiziable Holocaustverleugnung und Volksverhetzung“22. Auf der anderen Seite wird Heideggers Antisemitismus als „seinsgeschichtlicher“ oder „metaphysischer“ Antisemitismus verharmlost23, der mit dem Holocaust in keiner direkten Verbindung stehe. Noch vor dem Antisemitismus steht m.E. allerdings Heideggers Einverständnis mit der NS-Ideologie in einer anderen Hinsicht: in der Überzeugung nämlich, die Deutschen seien ein auserwähltes Volk und hätten eine welthistorische Mission zu erfüllen.
Zum einen gründet sich diese Überzeugung auf die Behauptung, die Deutschen seien die wahren Nachfahren und Erben der Griechen und damit das wahrhaft „metaphysische Volk“. Sie allein könnten „das Sein ursprünglich neu dichten und sagen“ (GA 94, 27), hätten einen privilegierten Zugang zur „Wahrheit des Seins“ und stellen somit die Elite unter den Völkern dar. „Nur von den Deutschen“, so sagte Heidegger 1943/44 in seinen Vorlesungen über den Anfang des abendländischen Denkens bei Heraklit, „kann, gesetzt, daß sie ‚das Deutsche‘ finden und wahren, die weltgeschichtliche Besinnung“ und damit die Rettung kommen (GA 55, 123). Zum anderen gründet die Mission der Deutschen in ihrer geopolitischen Lage als „Mittelmacht“ und in die „Zange“ genommen vom amerikanischen Kapitalismus im Westen und dem russischen Bolschewismus im Osten. Durch sie sei Deutschland ausersehen, die Katastrophe (Nihilismus, Technik) zu verhindern, von der das Abendland bedroht ist. Noch 1953, in der Veröffentlichung seiner Einführung in die Metaphysik, die auf Vorlesungen aus dem Jahr 1935 zurückgeht, spricht Heidegger von der „inneren Wahrheit und Größe“ der nationalsozialistischen Bewegung und ihrer seinsgeschichtlichen Mission. Denn „Russland [Sowjetunion] und Amerika“ seien „beide, metaphysisch gesehen, dasselbe“. In ihnen herrsche die gleiche Seinsvergessenheit und „dieselbe trostlose Raserei der Technik“ (GA 40, 208), die letztlich in die planetarische Katastrophe führt.
Bei allen „feinsinnigen“ Vorbehalten gegen das nationalsozialistische Regime „zweifelte Heidegger nie daran, dass Deutschland, in direkter Tradition mit den alten Griechen stehend, das einzige Volk sei, in dem sich der Wandel zum Positiven vollziehen könne, und dass der Nationalsozialismus ein notwendiger Schritt auf diesem Wege sei“24, so Thomas Rohkrämer. Die Eliminierung des jüdischen Einflusses ist diesem Ziel untergeordnet, eine notwendige Maßnahme, um dieses Ziels zu erreichen.
Wie flexibel Heidegger auf die Vorgaben der nationalsozialistischen Politik reagierte, zeigen seine Bemerkungen aus der Zeit des Hitler-Stalin-Pakts, die zu der genannten doppelten Gegnerschaft in einem auffallenden Widerspruch stehen. Er zieht darin in Erwägung, dass die „Reinigung und Sicherung der [arischen] Rasse“ auch durch „eine große Mischung“ des Deutschtums mit den „Slaventum“ zustande kommen könnte. Schließlich sei den Russen „der Bolschewismus nur aufgedrängt“ und stelle deshalb „nichts Wurzelhaftes“ der slavischen Rasse dar (GA 95, 402). Aus der Verbindung der „Unerschöpflichkeit der russischen Erde“ und der „Unwiderstehlichkeit des deutschen Planens und Ordnens“ (GA 95, 403), so denkt Heidegger um 1940, könne eine Gegenkraft zur jüdisch dominierten Moderne erwachsen.
Rechtfertigung des Holocaust. In ihrer extremsten, menschenverachtendsten Form rechtfertigt Heidegger die „seinsgeschichtliche Mission“ der Deutschen allerdings durch die Vernichtung derer, die dieser Mission entgegenstehen. Wörtlich spricht er nicht, wie die NS-Propaganda, von der arischen Herrenrasse, deren Existenz von den jüdischen Untermenschen bedroht ist. Stattdessen spricht er vom deutschen „Volk der Metaphysik“, dem Gefahr vom jüdischen Volk der Berechnung und der Technik droht. Wenn Heidegger den Einzug der Technik in die Landwirtschaft, die „motorisierte Ernährungsindustrie“ (gemeint ist wohl der Einzug des Kapitalismus in die Landwirtschaft), mit der Technik der „Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern“ in Beziehung setzt, miteinander vergleicht und identifiziert (GA 79, 27), so gibt er, wie oftmals interpretiert wird25, den Juden als dem Volk der Technik nicht nur eine Mitschuld an ihrer eigenen Vernichtung, so dass die Opfer als Erfüllungsgehilfen der Täter erscheinen. Er rechtfertigt die industriell betriebene Vernichtung der Juden darüber hinaus durch die industriell betriebene Schändung deutschen Bodens mit Hilfe „jüdischer Technik“ als eine Art von „Selbstbehauptung“.
Kritik an der ausbleibenden Selbstkritik. Nach 1945 wurde Heidegger oftmals vorgeworfen, sich von seinen „Verstrickungen“ in den Nazi-Terror nicht distanziert, seinen „Irrtum“ nicht eingestanden, angesichts der Millionen von Ermordeten keine wirkliche „Scham“ empfunden zu haben. Diese Vorwürfe gehen, wie der Humanismusbrief belegt, an Heideggers Denken vorbei. Vermutet werden könnte, dass die darin vorgenommene Absage an den traditionellen Humanismus genau diesen Zweck erfüllen sollte: zu zeigen, dass diese Vorwürfe ins Leere laufen. Wem sich das Sein zuschickt, der handelt im Auftrag einer höheren Macht. Er trägt keine Verantwortung, steht außerhalb moralischer Normen, ist niemandem rechenschaftspflichtig. Heideggers Rundumschlag gegen alle Formen des Humanismus enthält in seinem seinsgeschichtlichen Fatalismus einen Persilschein für alle Mitläufer, für sich selbst und alle anderen. Dass es auch Deutsche gab, die sich der Zuschickung des Seins durch Emigration, durch passiven oder aktiven Widerstand, verweigert haben, steht außerhalb von Heideggers Denkhorizont.
Zuletzt vergleicht und relativiert Heidegger die Gräuel des Nationalsozialismus, mit den „Gräueln“ infolge der Reeducation und der bevorstehenden Amerikanisierung Deutschlands. 1945 war für Heidegger nicht das Jahr der Befreiung von der Diktatur des Nationalsozialismus, nicht das Jahr der Beendigung der äußersten Inhumanität eines verbrecherischen Regimes durch den Sieg der Aliierten. Es war das Jahr, in dem die seinsgeschichtliche Mission Deutschlands endgültig vernichtet wurde, die die Welt hätte erretten und der zentrifugalen Ausweitung der Technik eine zentripetale Bewegung entgegensetzen können. Die planetare Katastrophe ereignete sich für Heidegger nicht in den zwölf zurückliegenden Jahren; sie steht „der abendländischen Geschichte … erst bevor“. (GA 97, 375)
Nachzutragen wäre noch: Die Schüler und Anhänger sprechen nicht vom Anti-Humanismus, sondern, wie Heidegger selbst, von einem neuen „seinsgeschichtlichen Humanismus“. Der Ausdruck ist freilich ein Widerspruch in sich selbst. Geleugnet wird, was doch das Grundprinzip des Humanismus ist: dass die Menschen (als Subjekte) auf der Grundlage vorgefundener gesellschaftlicher Verhältnisse ihre Geschichte selbst machen. Stattdessen werden sie (als fremdbestimmt Daseiende) zu Mitläufern einer „Seinsgeschichte“ degradiert, die, wenn nicht doch noch ein Gott rettend eingreift, auf eine planetare Katastrophe zurast.
- Martin Heidegger, Über den Humanismus, Frankfurt/Main 112010, 13, 14, 15. ↩︎
- Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 161986, 126 f. Heideggers spätere (direkte) Wendung zum Nationalsozialismus zeichnet sich bereits in diesem Werk ab. Dort nämlich, wo er das Dasein als In-der-Welt-sein und Mit-sein mit Anderen als „Geschick“ oder „Schicksal“ bezeichnet, als „das Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes“, als ohnmächtiges Sich-Einfügen in eine geschichtliche „Übermacht“. „Das schicksalhafte Geschick des Daseins in und mit seiner ‚Generation‘ macht das volle, eigentliche Geschehen des Daseins aus.“ (384 f.) ↩︎
- ebd., 128 f. ↩︎
- In der Literatur wird Heideggers Kehre verschieden datiert, vgl. Dieter Thomä (Hg), Heidegger-Handbuch, Stuttgart/Weimar 2003, 154 ff. (Beitrag von Dieter Thomä). Hier ist ausschließlich von der Kehre zwischen Sein und Zeit und dem Humanismusbrief die Rede. ↩︎
- Über den Humanismus, a.a.O., 15 f., 18. ↩︎
- ebd., 22. ↩︎
- ebd., 29. – Vgl. Dieter Thomä (Hg.): Heidegger-Handbuch, a.a.O., 252f. (Beitrag von Dirk Mende). ↩︎
- ebd., 29. – Vgl. Dieter Thomä (Hg.): Heidegger-Handbuch, a.a.O., 252f. (Beitrag von Dirk Mende). ↩︎
- ebd., 28, 29. ↩︎
- ebd., 22. ↩︎
- ebd., 25 f. ↩︎
- SPIEGEL-Interview vom 23. September 1966 (SPIEGEL Nr. 23, 1976, 193). ↩︎
- Jean-Paul Sartre, Ist der Existentialismus ein Humanismus? In: Drei Essays, Frankfurt/Main u.a. 1975, 9. ↩︎
- Über den Humanismus, a.a.O., 34. ↩︎
- www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2015_3_4_wolin.pdf, 6. ↩︎
- Günther Mensching, Seinsfrage, Seinsgeschichte und die Vernichtung der Metaphysik. In: Martin Heideggers Schwarze Hefte, hg. von Marion Heinz und Sidonie Kellerer, Berlin 2016, 66. ↩︎
- Martin Heidegger, Gesamtausgabe (GA), hg. von Peter Trawny u.a., Frankfurt/Main 2015 ff. ↩︎
- Im schon zitierten SPIEGEL-Interview verdreht Heidegger seine Übernahme der Blut- und Boden-Ideologie und deutet die „Selbstbehauptung“ als Widerstand gegen die von der nationalsozialistischen Studentenschaft geforderten „Politischen Wissenschaft“, d.h. die Funktionalisierung der Wissenschaft für den „faktischen Nutzen für das Volk“. ↩︎
- So in der Rektoratsrede. ↩︎
- Z.B. kritisiert er das „sozialistische Getue“ und die „blödeste Romantik“ der Studenten, die mit sog. Arbeitern zusammensitzen und saufen, nur „ausgemachte Spießbürger“ und keine wirklichen Nationalsozialisten sind (GA 94, 146f.). ↩︎
- Ernesto Grassi, Reisen ohne anzukommen. In: Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie, Nr. 18 (1990), 65. [widerspruch.com/2025/07/03/ernesto-grassi-reisen-ohne-anzukommen/] ↩︎
- So gibt Marion Heinz, die (Mit-) Herausgeberin von „Martin Heideggers Schwarze Hefte“, a.a.O., 24, die Kritik von Reinhard Mehring wieder, die er in seiner Rezension der Schwarzen Hefte der Jahre 1942-1948 geübt hat. ↩︎
- Peter Trawny, Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung, Frankfurt/Main 2014, 16; Donatella di Cesare, Heidegger, die Juden, die Shoah, Frankfurt/Main 2016. – Gemessen an Max Horkheimers „Typologie des Antisemitismus“ war Heidegger in vieler Hinsicht ein Antisemit, bis hin zum Wahn einer jüdischen Weltverschwörung und zur Denunziation jüdischer Kollegen. Alfred J. Noll bezieht sich in: Der rechte Werkmeister. Martin Heidegger nach den „Schwarzen Heften“, Köln 2016, 186-198l auf Max Horkheimer, Zur Psychologie des Antisemitismus (1943). In: Gesammelte Schriften, Frankfurt/Main, Bd. 12, 178-180). ↩︎
- Thomas Rohkrämer, Heidegger, Kulturkritik und völkische Ideologie. In: Martin Heideggers Schwarze Hefte, hg. von Marion Heinz und Sidonie Kellerer, a.a.O., 273. ↩︎
- So etwa von Anna Pia Ruoppo oder Anton M. Fischer in ihren Beiträgen in dem von Marion Heinz und Sidonie Kellerer herausgegebenen Buch, a.a.O., 350 und 432. ↩︎