Schmidgen – Maschinische Normativität

Henning Schmidgen

Maschinische Normativität

Über Leben und Technik im digitalen Kapitalismus nach Félix Guattari

Pb., 206 Seiten, 39,- €; E-Book (pdf), Open Access

Bielefeld 2026 (transcript Verlag)

von Andreas Köpke

„Menschen sind Lebewesen, die sich selbst hervorbringen, bis hin zu ihren Werkzeugen und Organen. Im Zusammenwirken mit diesen bestimmen sie aktiv die Normen, nach denen sie leben wollen. Ihre Lebensformen sind ihre Lebensnormen“ (204). Mit diesen Sätzen beschließt Henning Schmidgen, Medienphilosoph an der Weimarer Bauhaus-Universität, sein aktuelles Buch „Maschinische Normativität“. Starke Worte, gerade in Zeiten eines sich explosionsartig im Windschatten der von ihm entfesselten KI ausbreitenden digitalen Kapitalismus.

„Maschinische Normativität“ ist eine leidenschaftliche Streitschrift voller Suchbewegungen für eine dringend erforderliche Selbstvergewisserung angesichts der KI-Revolution. Es geht Schmidgen um nicht mehr und nicht weniger als darum, dass wir die Normen, nach denen wir leben wollen, auch und gerade im Umgang mit KI selbst bestimmen – im Kleinen wie im Großen, kurzfristig und täglich neu, etwa im Umgang mit ChatGPT, Copilot, Gemini, Claude usf., sowie langfristig in grundlegender Perspektive. Schmidgens Text setzt sich dabei wohltuend von jenem dystopisch-apokalyptischen Untergangsgeraune ab, wie es etwa Asma Mhalla in „Cyberpunk. Das neue totalitäre System“ (2026) anstimmt und damit das französische wie deutsche Feuilleton in Wallung versetzt.

Mit seinen Analysen begibt sich Schmidgen mitten hinein in jene ambivalent-paradoxale Problemkonstellation, wonach digitale Technologien, allen voran KI, einerseits als das Leben ihrer Nutzer:innen produktiv unterstützende Techniken wahrgenommen werden, sich andererseits aber auch als von unersättlichem Datenhunger getriebene, energieintensive, algorithmengesteuerte, zunehmend ein Eigenleben ausbildende Instrumentarien erweisen, die steuernd, kontrollierend unseren Alltag mehr und mehr dominieren. An dieser Scharnierstelle setzt Schmidgen an, eruiert Möglichkeiten für einen selbstbestimmten und kreativen Umgang mit diesen Technologien. Das Ausgangsplateau hierfür findet er in den Arbeiten des französischen Philosophen, Psychoanalytikers und leidenschaftlichen Kommunisten Félix Guattari (1930-1992), jenes im Schatten von Deleuze, Derrida, Lyotard und Foucault gern übersehenen Denkers des französischen Poststrukturalismus.

Grundlegend für die Arbeiten Guattaris ist die marxistische Auffassung, dass Menschen und Maschinen untrennbar miteinander verwoben sind. Doch statt dieses Zusammenwirken schlicht, etwa im Sinne von Donna Haraways „Cyborg“ (1985), zu konstatieren, geht es Schmidgen mit Guattari darum, Maschinen und also gerade auch KI zur Entfaltung neuer ökologischer, emanzipatorischer und sozialer Lebensformen einzusetzen:„Deswegen betrachtet Guattari die Verkopplungen von Menschen und Maschinen auch nicht einfach unter Gesichtspunkten der Rationalisierung und der Effizienzsteigerung, mithin der Profitmaximierung. Im Vordergrund stehen nicht Fragen der Ergonomie, des Managements oder des ‚relativen Mehrwerts‘. Zentral ist vielmehr das Problem, wie der ‚Umgang mit Maschinen‘ zur selbstbestimmten Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens beitragen kann – oder wie er ihm entgegensteht“ (9).

Seinen Ausgangspunkt findet der Maschinismusbegriff Guattaris in dessen jahrzehntelanger Tätigkeit in der reformpsychiatrischen Klinik La Borde in Cour-Cheverny nahe Blois, die er von 1955 bis zu seinem Tod 1992 maßgeblich prägte. Im Zentrum seiner dortigen Arbeit standen zahlreiche Bemühungen, welche auf die Partizipation der Patient:innen abzielten: „Neben der Mitarbeit in der Verwaltung, der Übernahme von Telefon- und Fahrdiensten sowie helfenden Tätigkeiten in Küche, Wäscherei und Apotheke beinhaltete dies vielfältige Angebote, die eine selbständige Nutzung von Medientechniken ermöglichten, beispielsweise von Schreibmaschinen, von Tonbandgeräten sowie von Photo- und Filmkameras“ (11). Die eigenaktive Nutzung solcher Medienmaschinen diente dazu, dass die Patient:innen ihre Alltags-, Lebens- und Subjektstrukturen in La Borde selbstbestimmt (re-)organisierten, etwa mit Hilfe einer eigenen Zeitung, von Kunst-, Theater- und Filmprojekten, was Schmidgen anhand einiger Fotografien zu den dortigen Filmarbeiten René Laloux‘ und Guattaris illustriert. Diese Erfahrungen bilden die Grundlage für Guattaris Maschinismus, den er in seinen diversen Arbeiten zu Kino, Kunst, Architektur, Ökologie usf. ausbaut, worüber Schmidgen ausführlich wie kenntnisreich informiert und diesem wie seinem eigenen Projekt einer maschinischen Normativität so Form und Format verleiht.

Spätestens an dieser Stelle wird ein zweiter französischer Denker für „Maschinische Normativität“ bedeutsam. Die Rede ist von Georges Canguilhem (1904–1995), dem Mediziner, Philosophen und Résistancekämpfer, der u. a. Foucault, Derrida, Deleuze, Bourdieu stark prägte. Richtungsweisend für Schmidgen ist Canguilhems biologisch-sozialer Normativitätsbegriff, wonach Leben inhärent normativ ist, was nicht weniger bedeutet, als dass Lebewesen ihre Umwelt nach eigenen Regeln und Maßstäben aktiv gestalten. Ein derart perspektiviertes Verständnis von Technik „als umweltgestaltende[m] Handeln“ (12) ist leitfigürlich für Schmidgens maschinische Normativität. Letztere bezeichnet demnach die biologisch-soziale Kompetenz, das Wirkgefüge zwischen Mensch und Maschine zur selbstbestimmten Gestaltung unseres Lebens einzusetzen. Hinsichtlich des digitalen Kapitalismus zielt maschinische Normativität auf einen Gebrauch von KI, der den Formen und Normen unseres Lebens folgt, was Schmidgen im Rückgriff auf Guattari beispielhaft als eine Praxis existentiellen Experimentierens anskizziert. Guattari geht es insofern um „echte Prozesshaftigkeit, eine tiefgehende und dauerhafte Verschränkung von Experiment und Existenz …, um das existenzielle Experimentieren ebenso wie das experimentierende Existieren“ (76), welche ihren normativen Kompass eben in der emanzipatorisch-experimentellen Verwendung von Maschinen finden.

Die Befreiung aus den Zwängen, Unterwerfungs- und Kontrollmechanismen digitaler Infrastrukturen erfordert genau dies – mutige, von Neugier und Kreativität getragene Akte der Selbstermächtigung, was Schmidgen plastisch vergegenwärtigt: „Unter den Bedingungen fortgeschrittener digitaler Medientechnik ist die überwiegende Mehrzahl von Texten und Bildern, die uns betrachtet, uns am Ärmel zieht und sich wie ein Saugnapf an uns heftet, letztlich darauf ausgerichtet, Kommerzialisierung und Kontrolle weiter voranzutreiben. Umso dringender wird es, dieser Gegenwart durch existenzielles Experimentieren und experimentierendes Existieren zu widerstehen“ (81).

„Maschinische Normativität“ ist ein mutmachender Weckruf, KI & Co. nicht nur als Kontrollinstrumente anonym-multinationaler Konzerne zu kritisieren, sondern sie durch einen existentiell-experimentellen Gebrauch für die Entwicklung neuer ökologischer, emanzipatorischer, solidarischer Lebensformen zu nutzen und so den digitalen Kapitalismus maschinisch-normativ zu begrenzen, im günstigen Fall ein Stück weit zu transformieren.

Hier lässt sich weiterdenken, hieran lässt sich anknüpfen. Schmidgens Streitschrift hätte vielleicht noch mehr gewonnen, wenn er den existentiell-experimentellen Gebrauch von Maschinen, insbesondere KI, weiter konkretisiert, mit Beispielen unterlegt hätte – fraglos keine leichte Aufgabe. Eine Herausforderung, der wir uns alle stellen sollten. Die Grundlagen hierfür hat Schmidgen mit „Maschinische Normativität“ allemal gelegt.

Tatjana Schönwälder-Kuntze – ‚Selbst‘-Portrait

Tatjana Schönwälder-Kuntze (geb. in München) hat in Philosophie, Logik und Wissenschaftstheorie sowie in Psychologie promoviert. 2007 habilitierte sie sich in Philosophie und ist seit 2014 außerplanmäßige Professorin für Philosophie an der Ludwig- Maximilians-Universität München.

Tatjana Schönwälder-Kuntze

‚Selbst‘-Portrait

Was ist ein Werk? Was ist ein Autor? Gibt es einen roten Entwicklungsfaden zum Hier und Heute im Leben der Menschen im Allgemeinen und in dem der Wissenschaftlerin im Besonderen? Diese identitätskritischen Fragen an Identität stiftende Verfahren stellen sich mir ausnahmsweise nicht theoretisch, sondern aktuell, weil ich aufgefordert bin, für den Widerspruch ein ‚Selbstporträt’ zu verfassen. Da mein Interesse an der Philosophie bislang vor allem gesellschafts- und subjektkritischen Positionen gilt, sollte ich ein paar Antworten auf diese Fragen zur Hand haben …

Mit Jean-Paul Sartre und Michel Foucault könnte beispielsweise gesagt werden, dass die geforderte Porträtierung ein Narrativ ist, das nicht nur jederzeit aus der Position der Gegenwart möglich ist, sondern auch einen gegenwärtig nicht zu unterschätzenden Zweck zu erfüllen vermag. Selbstdarstellungen dienen aus deren Perspektive nämlich nicht nur der nachträglichen oder retrospektiven Sinnfindung im eigenen Lebensweg, sondern zugleich der Identitätsbildung, so dass neben der Selbstlegitimationspraxis auch noch der Forderung nachgekommen wird, die Porträtierte als autonome Herrin über das eigene Gewordensein und zugleich als berechenbaren Vertragspartner in einer unberechenbaren Welt auszuweisen. Fragt man also dekonstruktiv nach den Denkvoraussetzungen einer solchen Aufforderung zum Selbstporträt, dann zeigt sich darin ein Instrument zur Identitätsbildung schlechthin und diese wiederum die uneingeschränkt vorausgesetzte Notwendigkeit, überhaupt eine narrativierbare Identität aufweisen zu können. In diesem Sinne würde Judith Butler antworten, dass wir zwar – aus den genannten Gründen – einem sozio-kulturellen und damit historisch gewordenem Zwang zur Selbst-Narration unterliegen, dass wir diesem aber nur vermeintlich gerecht werden können, weil ‚unser Selbst’ immer vor allem von anderen abhängig ist und formiert wird und es vielleicht überhaupt nur in Erscheinung tritt, weil andere von uns solche Selbsterzählungen und -darstellungen fordern und so das erzählende und zu erzählende ‚Selbst’ erst generieren.

Was bedeutet das aber in Bezug auf die vorliegende konkrete Erwartung, der Aufforderung, eine solche Erzählung über mich zu verfassen, nachzukommen? Zunächst den Widerspruch auszuhalten und trotz besseren Wissens um das dreifache Nichtzutreffen des Genres ‚Selbstporträt’ – es gibt weder das autonome ‚Selbst’, das von sich aus porträtieren wollte, noch ein fixes Selbst, das nur porträtiert zu werden brauchte, und es wird auch nicht gezeichnet – ein solches dennoch zu ‚skizzieren’, und zwar so, wie es mir aus der heutigen Perspektive retrospektiv erscheint.

Warum habe ich ausgerechnet Philosophie studiert und nicht Jura, wie ich es mir während der Schulzeit erträumt hatte? Weil sie mich von Anfang an herausgefordert hat mit ihrer Hinterfragung der scheinbaren Selbstverständlichkeiten des Alltags und ihren merkwürdigen Themen? Weil sie dem Fragen einfach keine Grenzen setzt, ohne deshalb undiszipliniert auszuschweifen, und sich meist nicht mit Einzelheiten zufrieden gibt, sondern das Ganze in den Blick nehmen will? Weil sie sich nicht mit Zufälligkeiten, sondern mit dem profunden Ganzen und dem Prinzipiellen beschäftigt?

Wenn ich mich frage, wie ich zu diesem ‚Orchideenfach’ gekommen bin, dann lautet die Antwort wie folgt: Nach dem Abitur an einem Münchner Mädchengymnasium mit den Leistungskursen Geschichte und Mathematik fing ich zunächst an, Neuere und Neueste Geschichte zu studieren, weil ich dort zu erfahren glaubte, wie das, was uns als gottgegebene und unausweichliche Normalität und Realität erscheint, eigentlich geworden ist. Philosophie wagte ich ebenso wie Psychologie nur als Nebenfach zu wählen. Das Studium der Geschichte war mir dann aber zu langweilig, weil zu detailversessen in Bezug auf das Konkrete, während mich die Philosophie vor allem in der Person Peter Reisingers immer mehr faszinierte: Da saß ich in der Vorlesung über Modelle des Absoluten bei Spinoza, Hegel und Schelling, hörte meine eigene Sprache und stellte erstaunt fest, dass ich zwar Worte hörte, die ich kannte, deren Bedeutung und Bedeutungszusammenhang sich mir jedoch vollständig entzogen – womit die Leidenschaft (in all ihrer Ambivalenz) zur Philosophie geweckt war und die Herausforderung, so viel und so lange das Philosophieren zu lernen, bis ich verstehen könnte, worum es ihr nun ‚eigentlich’ ginge …

Bis zum Magister studierte ich vor allem bei Rolf Schönberger und Anton Koch, das hieß, zum einen semesterlang systematisch die von Platon bis Sartre je verschieden gefassten Begriffe der Spontaneität zu untersuchen, und zum anderen Schritt für Schritt Hegels Logik zu lesen. Beide, aber auch der Logiker Matthias Varga von Kibéd, der politische Philosoph Hans Maier und der Wirtschaftsphilosoph Karl Homann stehen trotz ihrer unterschiedlichen inhaltlichen Ausrichtung für mich vor allem für zwei philosophische Tugenden oder Praktiken: Eine fast unbegrenzte akademische Offenheit gegenüber anderen Denkrichtungen und -stilen sowie für die ungebrochene Bereitschaft zur Hinterfragung des eigenen Standpunktes. Deshalb sah ich mich nie gezwungen, mir eine philosophische Identität, ein Profil zu definieren, durch das ich mich dem einen oder anderen Lager hätte zuordnen können, das mich systematisch oder philosophiehistorisch festgelegt hätte. Auch wenn mich die europäische Moderne nicht mehr losgelassen hat und immer mehr fesselt – ist sie es doch, die unser Heute und Jetzt mit ermöglicht hat.

Dem Magister – Thema der Arbeit war Jean-Paul Sartres Bewusstseinskonzeption, auf deren Basis ich herausfinden wollte, was ‚Denken’ ist – folgte ein dreijähriger Ausflug in den Journalismus, der aber mangels geistiger Herausforderung zunehmend unbefriedigend wurde, weshalb ich das Angebot, das damals neu etablierte Philosophie-Propädeutikum für zwei Semester zu übernehmen, erfreut annahm. So bin ich von der Lernenden zur Lehrenden geworden und habe die damals irrigerweise ‚Erziehungsurlaub’ genannte Zeit nach der Geburt unserer Kinder genutzt, um mit Hilfe des Graduiertenstipendiums der LMU meine Dissertation zur Grundlegung der Sartreschen Ethik in seiner Ontologie zu verfassen. Kurz zusammengefasst, lässt sich das Ergebnis wie folgt formulieren: Die Strukturen des modernen oder cartesischen Bewusstseins, die von Sartre in Anlehnung an Hegel, Husserl und Heidegger in Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie beschrieben werden, zeigen ein ‚falsches’, weil einen unauthentischen Entwurf verfolgendes Bewusstsein. Das liegt vor allem daran, dass dieses moderne Bewusstsein nach Sartre werden will, was es niemals sein kann: Ein mit sich identisches, kohärentes Seiendes, dessen Leben keine Brüche aufweist, und das etwas geworden ist. So wie ein Baum ein Baum geworden ist: fest stehend, sicher, authentifizierbar – und eben erzählbar.

Diesem unauthentischen, der Realität des eigenen Daseins entfliehenden Entwurf lässt sich aber nach Sartre durch eine radikale conversion entkommen, indem der/die Einzelne gleichsam de-ontologisierend sich dem Faktum stellt, ‚nur’ als bewusstes Sein zu existieren und damit gerade nicht den gleichen ontologischen Status besitzt wie das materielle Sein. Das ist für Sartre gleichbedeutend damit, als reine Freiheit zu existieren – der ethische Appell geht dann dahin, auf dieser Grundlage und nicht gegen sie zu leben. Das beinhaltet beispielsweise unser ominöses ‚Selbst’, das derzeit z.B. in Form eines Profils von uns erwartet wird, und das immer wichtiger zu werden scheint, vollständig zu vergessen bzw. nicht mehr wichtig sein zu lassen und sich stattdessen unmittelbar den sachlichen Inhalten zu widmen. Oder noch einmal anders formuliert geht es in dieser Ethik in Bezug auf den Einzelnen darum, das Handeln an der Sache zu orientieren und nicht am Porträt oder an der (zukünftigen) Narration, die durch diese oder jene Handlung erzeugt werden. Das würde, so banal es zunächst erscheinen mag, eine wahrlich radikale Abkehr von den durch unser (unauthentisches) Selbstverhältnis bestimmten Praktiken bedeuten.

Die Dissertation ließ mich mit zwei brennenden Fragen zurück: Zum einen der nach den faktischen Möglichkeitsbedingungen von Authentizität überhaupt, die Sartre vor allem in der allgemeinen und individuellen ökonomischen Situation verortet, denen der/die Einzelne ausgesetzt ist. Hier scheint es mir, dass das konkrete Handeln aufgrund dieses Ethikentwurfes gerade darin bestehen müsste, zur Verbesserung der gegenwärtig vorzufindenden ökonomischen Bedingungen seinen Teil beizutragen. Die zweite Frage galt der Authentizität der Theorien selbst, insofern sich bei Sartre immer wieder latent und auch explizit eine scharfe Kritik an der ethischen Theoriebildung der Moderne, in der Philosophie wie in den Sozial- und Geisteswissenschaften, findet. So stellte sich die Frage, ob sich nicht bereits in diesen Theorien die Konzepte finden, die das ‚falsche Bewusstsein’ (mit)hervorbringen, indem sie es als erstrebenswert und allgemeine Norm beschreiben – neben den ökonomischen Bedingungen und der Flucht vor der spontanen Freiheit, die für Sartre den Stoff ausmacht, aus dem sich Bewusstsein strukturiert und realisiert. Beiden Fragen konnte ich glücklicherweise nachgehen, weil ich mit ihnen bei Karl Homann, Inhaber des damals neu etablierten Stiftungs-Lehrstuhls für Philosophie und Ökonomik, auf offene Ohren gestoßen war und weil mir erst ein Post-doc-Stipendium und dann die Arbeit am Lehrstuhl als Assistentin ein tiefes Verständnis für die modernen ökonomischen Zusammenhänge und die philosophische Theoriebildung erlaubt haben.

Wiederum unorthodox habe ich mich für meine weiteren Forschungen, die einer kritischen Offenlegung der impliziten Grenzen unseres modernen, (moral-)theoretischen Denkens und deren möglicher Überschreitung gelten, mit der Systemtheorie Niklas Luhmanns sowie mit der Differenzlogik Spencer Browns beschäftigt. Parallel dazu aber auch mit der Kritischen Theorie und mit den archäologischen und genealogischen Analysen Michel Foucaults, der als ‚kritischer Ontologe’ in der Tradition einer ideologiekritischen Aufklärung steht, die über die Definition der Grenzen des Wissbaren hinausgeht. Wenn es einen passenden Ort für mein Interesse an der Feministischen Theorie und Theoriebildung gibt, dann müsste er wohl hier angesiedelt werden, da wir es hier ebenfalls mit dem Versuch zu tun haben, eine der ältesten, aufklärungsresistentesten und zugleich zutiefst Gesellschaft formierenden Ideologien und Praktiken aufzudecken: die der binären Geschlechtskonstruktion.

In der Habilitationsschrift Freiheit als Norm? habe ich bezogen auf das Sujet ganz konservativ und in archäologischer Absicht diekritische Moralphilosophie Kants einer umfassenden Konstruktionsanalyse unterzogen, da sie, nicht nur von Sartre, als eine der ‚unauthentischen Moraltheorien’ par excellence bewertet worden ist. Unauthentisch in dem Sinne, als sie genau die Form von Freiheit zur (moralischen) Norm erklärt, in der sich das moderne Bewusstsein seit Descartes entwirft: als seiende Identität, die selbstbestimmt erreicht werden könnte. Die Arbeit zeigt im Resultat, dass der Raum, den Kant mit seiner Bestimmung des praktischen Freiheitsbegriffes aufgemacht hat, bis heute zu weiten Teilen die Grenzen festschreibt, innerhalb derer philosophisch-ethische, aber auch angewandte ethische Fragen gestellt und beantwortet werden. Mit anderen Worten bestimmt die Kantische Konstruktion praktischer Freiheit bis heute den normativen Raum, innerhalb dessen wir ‚praktische Probleme’ überhaupt denken und (philosophisch) zu lösen versuchen.

Der Kantische coup, wenn man so will, besteht einerseits darin, dass er bei der Reformulierung des Freiheitsbegriffes theoretische Prinzipien – d.i. Identität, Kausalität und Zweckgerichtetheit – in praktische Prinzipien transformiert. Auf diese Weise gelingt es Kant – wenn auch möglicherweise nolens volens – einen Freiheitsbegriff zu etablieren, der in ständigem Wechsel mit den Naturwissenschaften diese sowohl legitimiert als auch durch sie legitimiert wird. Dass die Naturwissenschaften heute versuchen, z.B. durch neurophysiologische Forschungen ‚Freiheit’ zu negieren, zeigt gerade die enge Kopplung an dieses Paradigma und stellt die Frage in den Raum, welche Wissenschaftskultur sich von welcher anderen eigentlich ihre Fragen diktieren lässt: definieren vielleicht die älteren philosophischen Fragen die gegenwärtigen der Naturwissenschaften?

Darüber hinaus entwickelt Kant seinen Freiheitsbegriff als immer schon mit der Menschheit vermittelten Begriff, so dass bereits hier die Idee individueller Freiheit aufgrund (geordneter) gesellschaftlicher Strukturen gedacht wird – und nicht erst, wie häufig konstatiert wird, durch Hegel. Der wichtigste Aspekt scheint mir aber, dass die Analyse zeigen kann, dass Kants Praktische Philosophie keinesfalls gegen die Ökonomie und deren Anforderungen an den Einzelnen konzipiert worden ist, sondern im Gegenteil gerade die Idee des selbstbestimmten, sich selbst Zwecke setzenden und sich autonom verwirklichenden Subjektes ausformuliert, die durch und durch anschlussfähig war und ist an das moderne Arbeitsethos und die dies auch noch als moralische und universell geltende Norm propagiert. So hat die vorgenommene Rekonstruktion der Kantischen Theoriebildung in Bezug auf die praktische Philosophie zugleich kritisch und dekonstruktiv die Grenzen des Denkraumes gegenwärtiger ethischer Diskurse aufgedeckt und trägt so vielleicht ihren Teil zu einer Öffnung bei, die uns unser Freisein und unser gesellschaftliches Miteinander nochmals in einer anderen, neuen Form denkbar werden lässt – bleibt die Frage, ob die akademische und professionelle Philosophie derzeit an so einer Öffnung oder Grenzüberschreitung interessiert ist.

aus aktuellem Anlass – Gemeineigentum

Gemeineigentum

Widerspruch – Münchner Zeitschrift für Philosophie, Nr. 73

geb., 163 Seiten, 12,- €

München (Widerspruch-Verlag)

Der Band „Gemeineigentum“ diskutiert praktische wie theoretische Alternativen, die nicht auf dem exklusiven Privateigentum, sondern auf gemeinschaftlichem und demokratisch organisiertem Eigentumsrecht beruhen.

Jenny Stupka, eine der Sprecher:innen, stellt die Initiative „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ vor. Ihr geht es – erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik – nicht nur darum, der Wohnungsnot durch staatliche Zuschüsse oder Eingriffe in den Markt zu begegnen, sondern fordert zum Zweck bezahlbaren Wohnens die Vergesellschaftung des großen, bislang privaten Wohnungsbestands in Berlin und dessen Überführung in eine Anstalt des öffentlichen Rechts, in der Bewohner:innen wie die Stadtbevölkerung das Recht der Mitbestimmung besitzen.

Silke van Dyk, Sprecherin des Sonderforschungsbereichs „Strukturwandel des Eigentums“ an den Universitäten Jena und Erfurt, geht der Frage nach: „Wem gehört das Öffentliche?“ Sie plädiert dafür, dass die zentralen Elemente der „Daseinsvorsorge“, Existenzsicherung, Gesundheit, Bildung, Kommunikation usw., die Rechtsgestalt eines „Sozialeigentums“ erhalten, die allen den Zugang zu den öffentlichen Gütern garantiert und dem gesellschaftlichen Kollektiv die Verfügungsgewalt über die Gestaltung des Öffentlichen zuerkennt.

Die Ökonomin und Historikerin Friederike Habermann hebt hervor, dass die gegenwärtig vorherrschende Form des Privateigentums eine neue Erfindung war, die die vormaligen gemeinwirtschaftlichen Praktiken mit brachialer Gewalt abgelöst und die Menschen in die Abhängigkeit entfremdeter Lohnarbeit geführt habe. Sie plädiert für eine menschengerechte und solidarische Ökonomie jenseits der Arbeit und des Eigentums. In deren Zentrum stehen nicht Markt und Tausch, sondern das Teilen, das gegenseitige Geben und Nehmen, sowie die Arbeit als selbstbestimmte Tätigkeit. Ihr Vorbild hat sie in Netzwerken wie dem „Now-Net“, in dem praktische Erfahrungen ausgetauscht und theoretische Überlegungen diskutiert werden.

Alexander von Pechmann, Philosoph und Mitherausgeber des „Widerspruch“, richtet die Aufmerksamkeit auf die Bewältigung der globalen ökologischen wie sozialen Krise in diesem Jahrhundert. Er plädiert für eine notwendig gewordene internationale Kooperation, in der die letzte Verfügungsgewalt die „Vereinten Nationen“ als Repräsentantin der Menschheit insgesamt innehaben.

Der anschließende Beitrag befasst sich mit den zwei Eigentumsartikeln im deutschen Grundgesetz. Während Art. 14 GG das private Eigentum zum Inhalt hat, enthält Art. 15 GG die Grundsätze der Vergesellschaftung und der Überführung in Gemeineigentum. Die Rekonstruktion ihrer Entstehungsgeschichte zeigt, dass den „Müttern und Vätern des Grundgesetzes“ nicht die „Soziale Marktwirtschaft“ vor Augen stand, sondern die alternative Wahl zwischen Privat- und Gemeineigentum.

Abschließend setzt sich Bernhard Schindlbeck kritisch mit den rechtsphilosophischen Begründungen des Privateigentums durch Kant, Hegel und Fichte auseinander sowie mit den historisch unterschiedlichen Theorien von Aristoteles bis zum Liberalismus des 20. Jahrhunderts. Sie haben das vermeintliche Recht auf das Eigentum an der Arbeitskraft anderer und damit der Ausbeutung zu legitimieren versucht.

Der Rezensionsteil des Hefts bespricht Bücher u.a. von Michael Jäger, Stefan Lessenich, Sabine Nuss und Halina Wawzyniak.

Der Band ist über den Widerspruch-Shop in der Rubrik ‚Hefte‘ erhältlich.

Hösle – Warum wir den Liberalismus reformieren müssen

Vittorio Hösle

Warum wir den Liberalismus reformieren müssen, statt ihn aufzugeben

Tb., 121 Seiten, 19,- €

Baden-Baden 2026 (Karl Alber-Verlag)

von Bruno Heidlberger

Der Ausgangspunkt von Hösles Essay ist die Hypothese des 2018 erschienenen Bestsellers Why Liberalism Failed seines Kollegen, des katholischen politischen Philosophen Patrick J. Deneen, wonach der Liberalismus an sich selbst gescheitert sei. Dessen Argumentation stützt sich vor allem auf Aristoteles, Thomas von Aquin und die katholische Soziallehre. Für Deneen hat der Liberalismus nicht nur seine politischen, sondern auch seine moralischen und kulturellen Grundlagen zerstört: Familie, lokale Gemeinschaften, Religion und Tugend seien durch Individualismus und Marktlogik geschwächt worden. Deneen verbindet eine protektionistische und arbeiterorientierte Wirtschaftspolitik mit einer konservativen Gesellschaftspolitik und plädiert für eine postliberale Ordnung, die auf starken lokalen Gemeinschaften, christlich geprägten Tugenden, regionaler Wirtschaft sowie auf Familie und Ehe aufbaut, die von einer neuen Elite, die sich durch besondere Tugendhaftigkeit auszeichnet, verwirklicht werden soll; eine Mischung aus Elitenherrschaft und Volkswille – ein Einfallstor für autoritäre Ordnungen.

Als Vertreter eines objektiven Idealismus zielt Hösle in seinem Essay weniger auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem realen Liberalismus als auf seine ethische Erneuerung und metaphysische Verankerung in einer absoluten Vernunftordnung. Denn die aktuellen Entwicklungen seien nicht nur Ausdruck der Krise der politischen Ordnung, sondern auch der Erschütterung ihrer philosophischen Grundlagen. Die Argumente von Deneen aufnehmend, argumentiert er, dass ein zügelloser Neoliberalismus, der alle Lebensbereiche rein ökonomisch betrachtet, soziale und moralische Verwerfungen erzeuge. Diese Destabilisierung treibe frustrierte Bürger in die Arme von Populisten. Für Hösle ist der Liberalismus jedoch eine große Errungenschaft der Moderne, deren Fortbestand allerdings von den moralischen Voraussetzungen abhänge, aus denen er hervorgegangen sei. Er kritisiert daher nicht den Liberalismus als solchen, sondern dessen Entkopplung von seinen ethischen und kulturellen Wurzeln. Der Schutz von Minderheiten und individuellen Freiheitsrechten müsse im Zweifel schwerer wiegen als ein bloßer Mehrheits- oder Volkswille, da die Demokratie sonst schnell in eine Tyrannei umschlagen könne.

Insgesamt diagnostiziert der Autor dem Liberalismus eine Krise, die sowohl auf innere Erosion als auch auf äußeren Druck zurückzuführen sei. Die „größte Gefahr der aktuellen Situation“ (117) sei nicht nur Russlands revanchistischer Imperialismus, sondern auch, dass die USA offen Gebietsansprüche selbst gegenüber Verbündeten wie Dänemark erwägen – ein Bruch mit ihrer Nachkriegstradition und ein Schritt, den selbst die Sowjetunion nach 1945 nicht vollzogen habe. Nach seiner Auffassung erfordere der Frieden eine glaubwürdige Abschreckung und Verteidigungsbereitschaft sowie die Durchsetzung des Völkerrechts, „einschließlich militärischer Gewalt“; insbesondere, „wenn sich der Aggressor gegen das Mitglied eines Verteidigungsbündnisses wendet“, sei es „moralisch geboten, dass die anderen Mitglieder sich seiner Verteidigung“ (116) anschließen.

Hösle räumt ein, dass die Definition des Liberalismus schwierig ist, da es viele Ausprägungen gebe und der Begriff politisch aufgeladen sei. Für ihn selbst besteht der Kern des Liberalismus in der Anerkennung individueller Rechte, die allen Menschen zustehen, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück, sowie in der Forderung, dass die Legitimität des Staates wesentlich auf dem Schutz dieser Rechte und auf Zustimmung beruht. Er unterscheidet dabei zwischen den negativen Abwehrrechten, z. B. dem Schutz vor staatlichen Eingriffen, und den positiven Leistungsrechten, z. B. Anspruch auf Bildung oder soziale Sicherheit. Jedes dieser Rechte impliziere aber auch Pflichten anderer, und deren Durchsetzung setze institutionelle Verfahren voraus.

Wie schon Kant spricht auch Hösle dem Rechtssystem eine herausragende Bedeutung für die Kultivierung, Gestaltung und Stabilisierung demokratischer Systeme zu. Das „Rechtssystem müsse so gestaltet sein, dass jeder durch Arbeit zu einem Zustand der Unabhängigkeit aufsteigen könne“ (26). Im Unterschied zu Hobbes und Locke sieht Hösle daher in Kants Ansatz die erste wirklich tragfähige Grundlage für den Liberalismus. Denn da Kant moralische Normen nicht aus der Natur, aus Gottes Willen oder aus empirischen Tatsachen ableite, sondern aus der Autonomie der Vernunft, könne er Freiheit und Rechte auf einer eigenständigen normativen Grundlage begründen. Kant habe erkannt, dass das Sollen sich nicht aus einem Sein ableiten lasse. Damit liefere er eine objektive, rationale Begründung für individuelle Rechte und Freiheiten und biete daher „als Erster eine solide Grundlage für den Liberalismus“ (30). Gemeinschaften bleiben dabei individuellen Rechten oder moralischer Selbstvervollkommnung untergeordnet.

Dies, so Hösle, ändert sich jedoch mit Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts: Sein Begriff der „Sittlichkeit“ bezeichne die soziale Wirklichkeit von Familie, bürgerlicher Gesellschaft und Staat, die dem abstrakten Recht und der Moralität übergeordnet werde. Hegel argumentiere, dass Freiheit nicht allein durch Rechte gesichert werden könne. Er verbinde deshalb den liberalen Gedanken individueller Freiheit mit der kommunitaristischen Einsicht, dass Menschen nur innerhalb traditioneller Gemeinschaften wirklich frei leben können. Damit versucht Hösle, Kant und Hegel miteinander zu versöhnen: zwar habe Kant Freiheit richtig begründet, sie aber zu sehr vom objektiven Sein und von den sittlichen Institutionen getrennt. Hegels „Verbindung von Liberalismus und Kommunitarismus“ (31) mache die besondere Stärke dessen politischer Philosophie aus.

Auch Hösle geht, wie die klassische Naturrechtslehre, von moralischen Normen aus, die er aus einer objektiven Vernunftordnung begründet, gegen die allerdings sowohl naturwissenschaftliche Erklärungen wie die Evolutionstheorie als auch das Vorhandensein von Leid und Unordnung sowie die philosophische Kritik sprechen. Dabei grenzt er sich freilich von Thomas von Aquin ab; denn im Zeitalter der Moderne könne das Naturrecht nicht mehr allein durch den Verweis auf Gott begründet werden. Vielmehr bedürften moralische Normen einer rationalen, philosophischen Letztbegründung. Zudem übernimmt er zentrale Errungenschaften der Aufklärung – insbesondere Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat. Seine Philosophie kann so als ein anspruchsvoller Versuch verstanden werden, das klassische Naturrechtsdenken und dessen Glaube an die Schöpfung mit dem universalistischen Erbe der Aufklärung zu verbinden. Aus kantischer Sicht stellt sich jedoch die Frage, ob eine philosophische Letztbegründung tatsächlich autonom sein kann, wenn ihre metaphysische Grundlage ihrerseits nicht rational begründbar ist? Hösles Philosophie verschiebt das Begründungsproblem lediglich von der Theologie auf die Metaphysik.

  1. Vgl. Patrick J. Deneen, Warum der Liberalismus gescheitert ist, Wien/Salzburg 2019, insb. Kap. 3. ↩︎
  2. Krise des Liberalismus in transatlantischer Perspektive. Katholische Akademie Berlin, 1.7.2025 [www.youtube.com/watch?v=rYvjT0ourts&t=47s] ↩︎
  3. Frauke Steffens: Hierarchie und Hetze, FAZ 16.12.2026, 12. ↩︎
  4. Vgl. Arnd Henze: Mit Gott gegen die Demokratie. Warum der christliche Nationalismus alle angeht, Gütersloh 2026. ↩︎
  5. Elisabeth Zoll im Interview mit Arnd Henze: „Donald Trump als Rächer der Frommen“, Heidenheimer Zeitung, 18.6.26, 4 ↩︎
  6. Krise des Liberalismus in transatlantischer Perspektive [www.youtube.com/watch?v=rYvjT0ourts&t=9s] ↩︎
  7. Papst Leo XIV, Nachfolger von Papst Franziskus, hatte auf seinem Account bei X wiederholt Kritik an Donald Trump und JD Vance geübt. So am 3.2.2025 im Artikel: „JD Vance liegt falsch: Jesus verlangt von uns nicht, unsere Liebe zu anderen abzustufen.“ [www.zeit.de/gesellschaft/2025-05/papst-leo-kritik-donald-trump-jd-vance-migration] ↩︎
  8. Papst Franziskus: Enzyklika Fratelli Tutti: Über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft. [www.vatican.va/content/francesco/de/ encyclicals/documents/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html] ↩︎
  9. Papst Johannes XXIII: Enzyklika Pacem In Terris [www.vatican.va/content/john-xxiii/de/encyclicals/documents/hf_j-xxiii_enc_11041963_pacem.html] ↩︎
  10. ebd. ↩︎
  11. Thomas Migge: Staat und Religion. Der Vatikan und die Menschenrechte, 9.1.2015 [www.deutschlandfunk.de/staat-und-religion-der-vatikan-und-die-menschenrechte-100.html] ↩︎
  12. Maßnahmen wie Abtreibung und Euthanasie werden als schwerer Verstoß gegen die Menschenwürde abgelehnt. Medizinische Geschlechtsumwandlungen und die sogenannte „Gender-Theorie“ lehnt der Vatikan ab. [www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2024-04/vatikan-erklaerung-menschenwuerde-dignitas-infinita-glaube-recht.html?utm_source=chatgpt.com] ↩︎
  13. praefaktisch.de/interview/objektiver-idealismus-fragen-an-vittorio-hoesle/ ↩︎
  14. „Der objektive Idealismus hält diese objektive Vernunft nicht für eine Seinssphäre neben anderen, sondern für das Wesen aller realen Sphären […] und jene Objektive Vernunft für den Grund allen Seins. Sie ist zugleich der Grund aller Geltungsansprüche, aller Normen und Werte.“ Vittorio Hösle: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. München 19973, 208. ↩︎
  15. Vgl. Vittorio Hösle: Gott als Vernunft, Berlin/Heidelberg 2021. [link.springer.com/book/10.1007/978-3-662-62683-2] ↩︎
  16. Vittorio Hösle: „Gott ist wichtiger als wir“. Ein Gespräch mit dem Philosophen Vittorio Hösle über die Krise und die Zukunft des Christentums in Europa. 11.7.2024. [www.die-tagespost.de/kultur/feuilleton/vittorio-hoesle-gott-ist-wichtiger-als-wir-art-253096?utm_source=chatgpt.com] ↩︎
  17. Interview mit Vittorio Hössle: Weil wir zur Wahrheit fähig sind. FAZ, 5.2.2017 [www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/philosophischer-idealismus-ein-gespraech-mit-vittorio-hoesle-14781890.html] ↩︎
  18. Thomas von Aquin: Summa Theologiae (I–II, q. 91–94) und ihrer Rezeption im Katechismus der Katholischen Kirche (Nr. 1954–1960). Siehe: Thomas von Aquin: Naturgesetz und Naturrecht, 1996, Buchvertrieb und Verlag GmbH [www.stiftung-utz.de/file/1/NaturgesetzundNaturrecht.pdf] ↩︎
  19. Gero Bauer, Regina Ammicht Quinn, Ingrid Hotz-Davies (Hg.): Die Naturalisierung des Geschlechts. Zur Beharrlichkeit der Zweigeschlechtlichkeit, Bielefeld 2018. ↩︎
  20. „Von der Entmystifizierung des Muttertriebes in den 1970er Jahren über die soziale Konstruktion von Heterosexualität hin zu aktuellen Studien zur Sexualisierung der Natur hat die Entlarvung der Deutung sozialer Phänomene als natürliche immer einen wesentlichen Schwerpunkt der Gender Studies gebildet.“ Naturalisierung von Geschlecht – Einleitung: Martina Löw und Mechthild Bereswill [www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/36064/ssoar-2008-low_et_al-Naturalisierung_von_Geschlecht_-_Einleitung.pdf] ↩︎
  21. Frauke Steffens: Hierarchie und Hetze, FAZ 16.12.2026, 12. ↩︎
  22. Harald Seubert: Der Unbestechliche. Hans Albert zum 100. Geburtstag, Aufklärung und Kritik 2/2021, 29 [gkpn.de/Albert100_Seubert.pdf] ↩︎
  23. Hans Albert: Hösles Sprung in den objektiven Idealismus: Über die Verwirrungen eines ganz gewöhnlichen Genies. In: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie / Journal for General Philosophy of Science, Vol. 20, No. 1 (1989), 124-131, [www.jstor.org/stable/25170834] ↩︎
  24. Nach Albert nähert sich wissenschaftliche Erkenntnis der Wahrheit nicht durch endgültige Beweise, sondern durch kritische Prüfung und Falsifikation von Hypothesen, wodurch fehlerhafte Annahmen schrittweise ausgeschieden werden. Siehe: Zum Tod des Philosophen Hans Albert, 24.10.2023 [www.giordano-bruno-stiftung.de/meldung/zum-tod-des-philosophen-hans-albert] ↩︎
  25. Vgl. Albert, Hans: Traktat über kritische Vernunft. 5. verbesserte und erweiterte Auflage. Tübingen 1991. ↩︎
  26. Ernst Cassirer: Vom Mythus des Staates, Hamburg 2002, 339. ↩︎
  27. Emanuel Kapfinger: Hegel und die Revolution, 9.9.2025 [praefaktisch.de/hegel/hegel-und-die-revolution/] ↩︎
  28. „Er erkannte keine höhere ethische Ordnung als die, welche in der Sitte erscheint. Die Prinzipien eines wahren politischen Lebens können wir nicht in Tradition und Routine finden. Diese Prinzipien gründen nicht in ‚richtiger Meinung‘ (Doxa), sondern im ‚Wissen‘ (episteme), jener neuen Form von Rationalität und moralische Bewußtheit, die von Sokrates entdeckt worden war. ‚Vernunft‘ ist für Hegel nicht von dieser platonischen Art.“ (Ernst Cassirer: Vom Mythus des Staates, Hamburg 2002, 326f.) ↩︎
  29. www.information-philosophie.de/habermas-religion.html ↩︎
  30. Moyn verortet sich dezidiert in der Tradition des emanzipatorischen und utopischen Projekts der Aufklärung und der Französischen Revolution. Freiheit bedeutet für ihn die kollektive Gestaltung der Gesellschaft durch echte Demokratie und vor allem die Überwindung materieller Ungleichheit – ganz im Geiste einer unvollendeten, fortschrittlichen Aufklärung. – Siehe: Der Liberalismus gegen sich selbst und die Rückkehr des Kalten Krieges. Ein Gespräch mit Samuel Moyn – Teil 1, 9.4.2024. [www.theorieblog.de/index.php/2024/04/der-liberalismus-gegen-sich-selbst-und-die-rueckkehr-des-kalten-krieges-ein-gespraech-mit-samuel-moyn/] ↩︎
  31. Moyn wirft den Denkern des Kalten Krieges (wie Isaiah Berlin, Hannah Arendt oder Karl Popper) vor, den Liberalismus aus Angst vor dem Totalitarismus „gezähmt“, beschnitten und verängstigt zu haben. Sie hätten das utopische Element gestrichen und den Liberalismus zu einer reinen „Abwehr-Ideologie“ degradiert. Moyn argumentiert, dass der heutige Liberalismus dadurch zu einer reinen Abwehr-Ideologie geschrumpft ist, der nur noch „das Schlimmste verhindern“ will, statt das Beste zu wagen. ↩︎
  32. Jana Katharina Funk: Liberalismus als politisches Ordnungssystem. Positive Freiheit und die Frage nach dem guten Leben, Bielefeld 2023, 200. ↩︎

Schönher – Die Naturphilosophie von Deleuze

Mathias Schönher

Die Naturphilosophie von Deleuze

System und Methode seines späten Hauptwerks „Was ist Philosophie?“

Tb., 378 Seiten, 49.- € (und open access)

Bielefeld 2025 (transcript-Verlag)

von Olaf Sanders

Mathias Schönher legt eine profunde Auslegung von Deleuzes letztem Buch vor. Er liest das Buch, das Gilles Deleuze wie zuvor Anti-Ödipus, Kafka und Tausend Plateaus gemeinsam mit dem – wahlweise – Nicht-Philosophen, Psychoanalytiker oder politischen Aktivisten Félix Guattari geschrieben hat als Naturphilosophie, was zugleich nahe- und fernliegt. Naheliegend erscheint Schönhers Einordnung vor dem Hintergrund, dass Deleuze sich selbst als Spinozist verstand, der Spinozas eine Substanz in Bewegung gesetzt und als dahinwirbelnden Materiestrom konzipiert hat. Diese eine Substanz nennt Spinoza „Gott“. Wolfgang Bartuschat hat wiederholt darauf hingewiesen, dass man sie auch „Natur“ nennen könne. Nicht ganz so naheliegend erscheint Schönhers Auslegung angesichts des Umstands, dass es in Was ist Philosophie? zwar um das unaufhebbare Verhältnis der Philosophie zur Nicht-Philosophie geht – und als Nicht-Philosophie interessieren sich Deleuze und Guattari vor allem für Kunst und Wissenschaft einschließlich der Naturwissenschaften, nicht aber im engeren Sinn für diese oder andere Naturverständnisse. Auch dass es sich bei Was ist Philosophie? um Deleuzes „spätes Hauptwerk“ handelt, ist – wie Schönher selbst ausführt – alles andere als unumstritten. Gemeinhin wird Differenz und Wiederholung als dessen Hauptwerk genannt, was Schönher aus guten Gründen für falsch hält (335), wohingegen seine Kollaborationen mit Guattari außerhalb der internationalen Deleuze-Community manchmal gar nicht der Philosophie zugeschlagen werden.

Schönher schlägt drei Hauptwerke vor, die jeweils eine Werkphase von Deleuze abschließen: Logik des Sinns für das Frühwerk, Tausend Plateaus für die mittlere Phase und Was ist Philosophie? für die späte Periode. Diese Auswahl begründet Schönher plausibel durch ihren auf die Spitze getriebenen Stil (334 ff.). Logik des Sinns funktioniere seriell, Tausend Plateaus bilde ein Rhizom und Was ist Philosophie? buchstabiere die schöpferischen Vermögen des Zusammenspiels von Philosophie und Nicht-Philosophie, also vor allem Kunst und Wissenschaft, aus. Dass Schönher den Anteil Guattaris an den gemeinsam verfassten Büchern tendenziell, wie üblich, zu unterschätzen droht, resultiert nicht wie zumeist aus Deleuzes größerem Bekanntheitsgrad. Er begründet seine Wahl damit, dass Deleuze dem Buch Was ist Philosophie? nicht nur – wie bei den anderen gemeinsamen Büchern auch – den letzten Schliff gegeben habe, sondern es mit seiner zunächst rätselhaften Botschaft noch stärker in seinem Denken verwurzelt sei als die früheren Bücher. Immerhin widmet Schönher Guattari zwischen den beiden ersten Teilen zum System der Natur, über die Logik der Ereignisse und der Theorie der zerebralen Gefüge, und dem zweiten Teil über die Methode der philosophischen Schöpfung einen Exkurs, der Guattaris Animismus aufklärt. Guattaris Bedeutung zu ermessen, wird anderen Büchern vorbehalten bleiben.

Bei den Begriffen System (Hegel) und Methode (Descartes) werden sich der einen oder anderen Deleuze-Leser:in die Nackenhaare aufstellen – und ich möchte offen lassen, ob nicht ‚Gefüge‘ und ‚Experiment‘ geeignetere Begriffe aus Deleuzes Vokabular gewesen wären. Gemessen an dem, was Schönher mit seinem Buch gelingt, scheinen derartige Einwände gering. Sein gleichermaßen gut lesbares und sehr informiertes Buch führt nicht nur in Was ist Philosophie? ein, sondern belegt nebenbei, dass es sich lohnt, Deleuze „von hinten“ zu lesen und genealogische Linien zu ziehen, wodurch es Wege in dessen Gesamtwerk bahnt, dem es zeitlebens darum ging, etwas Neues zu schaffen und zu verhindern, dass Philosophie zur Ware verkommt (vgl. 21 und 25).

Schönher folgt Deleuze in dessen Lektüren und lässt auf diese Weise eine Mannigfaltigkeit – multiplicité ist neben ensemble, Menge, ein Schlüsselbegriff in Deleuzes Philosophie – plastisch werden, in der Progogine und Stengers, Heidegger und Badiou, Platon, Bergson und Blanchot, Leibniz, Simondon, Uexküll und Foucault sowie Spinoza immer wieder, aber auch Kant, Russell und Whitehead sowie Mallarmé und Melville ihre Linien ziehen. Kreise gibt es bei Deleuze nicht, nur Rundes. Mit Melville schließt Deleuze in Was ist Philosophie? an Motive aus Tausend Plateaus an; und Schönher erinnert daran, wie das Anomal, der weiße Wal Moby Dick, Kapitän Ahab in ein Wal-Werden hineinzieht und ihm so ermöglicht, „die unsichtbaren Kräfte des Ozeans in einer Vision zu erfassen“ (328). Schönher unterfüttert seine Ausführungen auch hier durch umsichtig modifizierte Zitate, wobei die Übersetzung von Was ist Philosophie? meines Erachtens zu den gelungeneren Deleuze-Übersetzungen zählt. Ahab ist eine ästhetische Figur (Kunst), die Deleuze von Begriffspersonen (Philosophie) und psycho-sozialen Typen (Wissenschaft) unterscheidet. Als prominente Begriffspersonen nennen Deleuze und Guattari u.a. Platons Sokrates, Nikolaus von Kues‘ Idiot oder Nietzsches Zarathustra. Warum Schönher den Idioten, anders als Deleuze, Descartes zuschlägt, erschließt sich mir nicht; seine Bezugnahme auf einen der paradigmatischen glatten Räume von Deleuze/Guattari dafür umso mehr. So gerät auch der Surfer in den Fokus – und zwar als Begriffsperson von Deleuze (vgl. 326) und als psycho-sozialer Typ in der Kontrollgesellschaft im Verband mit Snowboardern, Windsurfern oder Drachenfliegern. Schönher stellt fest, dass „der Mensch der Kontrollgesellschaft für Deleuze wellenhaft“ (323) sei. Nun bedeutet Welle-Werden bekanntlich nicht wie eine Welle zu werden, sondern eher die Welle zu bewohnen, wie Deleuze im Abécédaire im Hinblick auf Wellenreiter äußert, die ihm geschrieben hatten, genau das zu tun, was er in Die Falte, seinem Buch über Leibniz und den Barock, beschreibt. Trotz des auch seinerzeit schon länger andauernden Surf-Booms scheint mir Deleuzes, von Schönher aus dem Postskriptum über die Kontrollgesellschaften zitierte, Beobachtung, dass das Surfen überall schon die alten Sportarten abgelöst habe, empirisch selbst heute unhaltbar, wo die Entwicklung viel weiter fortgeschritten ist und es in der Welle bisweilen eng wird. Als psychosoziale Typen wirken Surfer:innen dennoch eher als schöpferische Kritiker:innen der Kontrollgesellschaft, weil sie mit den Kräften, die sie vorfinden, Neues schaffen. Deleuze selbst war kein Surfer und wohl nicht einmal ein guter Schwimmer; und auch Schönher scheint keine Wellen zu reiten. Das ist kein Manko. Er hat ein lesenswertes Buch geschrieben, das dank open access so frei zugänglich ist wie der Ozean und mit dem sich – ganz im Sinn von Deleuze und Guattari – etwas anfangen lässt.

Weiss – Katechon

Volker Weiss

Katechon

Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart

Tb., 128 Seiten, 18.- €

Stuttgart 2026 (Cotta-Verlag)

von Konrad Lotter

Während die Religion im täglichen Leben, zumindest in Europa, immer mehr an Bedeutung verliert, feiert sie in der Politik, in Form der politischen Theologie, fröhliche Urständ. Wer dafür nach Gründen sucht, kommt schnell auf die allgemeine Stimmungslage. Klimakastastrophe, nicht endende Kriege mit Atomkriegspotenzial, unberechenbare Politiker, Rückfall in den Naturzustand oder Künstliche Intelligenz, die den Menschen tendenziell überflüssig macht, vermitteln den Eindruck einer Endzeit, die an biblische Vorstellungen der Apokalypse erinnert. Damit tut sich ein Tummelfeld für rechte und religiöse Fundamentalisten auf, auf dem der Begriff des Katechons gegenwärtig Karriere macht und die theologischen und politischen Feuilletons durchgeistert.

Wörtlich aus dem Griechischen übersetzt, heißt Katechon der „Aufhalter“ oder „Verzögerer“. Seinen Ursprung hat er im zweiten Paulus-Brief an die frühchristliche Gemeinde in Thessaloniki, die die Sorge wegen des bevorstehenden Weltuntergangs, verbunden mit der Hoffnung auf die Wiederkehr Christi, umtrieb. Paulus versuchte, sie zu beruhigen. Bevor die Welt untergeht, so schreibt er, wird erst der Antichrist auftreten, der Böse, der sich „erhebt über alles, was Gott oder Heiligtum heißt“, der sich auf den Thron Gottes setzt und „vorgibt, er sei Gott“. Erst dann wird Christus zurückkehren, den Bösen besiegen und sein Reich errichten. Vorläufig aber, so heißt es im Paulus-Brief weiter, herrscht noch der „Aufhalter“, der sich der Ankunft des Antichristen entgegensetzt. Damit hat der Katechon freilich von Anfang an etwas Paradoxes und Zweideutiges an sich. Zum einen bezeichnet er etwas Wünschenwertes, da er die Ankunft des Antichristen verhindert, zum anderen verzögert er aber auch die Wiederkehr Christi, die diese Ankunft zur Voraussetzung hat. Nur so kann es ja zum „Endkampf“ des Guten mit dem Bösen und die „Erlösung“ der Menschheit kommen.

Es liegt nahe, diese phantastische Geschichte zu säkularisieren und mit realen, geschichtlichen Ereignissen zu assoziieren. Schon kurz nach dem Ableben des Paulus hatten die frühen Christen das römische Kaisertum als Katechon und „Aufhalter“ des Weltuntergangs begriffen. Auch viele Kaiser des Mittelalters hatten sich selbst so verstanden und präsentiert. Auf diese lange Geschichte geht Volker Weiss, Historiker und Spezialist für die Geschichte der „Konservativen Revolution“, allerdings nur im Vorübergehen ein. Sein Hauptinteresse liegt auf der Gegenwart, in der das Katechon-Motiv von rechten und rechtsextremen Aktivisten in Anspruch genommen wird. Dabei verdeutlicht er nicht nur, wie beliebig die politischen Ziele sein können, für die es funktionalisiert wird, sondern auch, wie verkürzt es als „Aufhalter“ des Bösen eingesetzt wird.

Der Propagandist der deutschen und österreichischen Identitären, Markus Sellner, etwa versuchte zur Zeit der Corona-Pandemie in der Rolle des „Bremsers, ‚Aufhalters‘ und Bewahrers“ – gegen den „Teufelskreis der Technik“ gerichtet – auf Stimmenfang zu gehen. Der Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah hält dagegen Donald Trump für den Katechon. Er nämlich „bringt den Wandel, den wir immer beschrieben, gefordert und erhofft haben“, d.h. den Wandel hin zu einer neuen „Großraumordnung“ und bekämpft das „‘rules-based‘ Losertum à la Baerbock“ (und offenbar überhaupt der UNO). Beide stehen in der Nachfolge des Nazi-Kronjuristen Carl Schmitt, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg folgendes Bekenntnis zu Papier gebracht hat: „Ich glaube an den Katechon, er ist für mich die einzige Möglichkeit, als Christ Geschichte zu verstehen und sinnvoll zu finden“. Den Historikern schreibt er in diesem Zusammenhang die Aufgabe zu, „für jede Epoche der letzten 1948 Jahre den Katechon“ zu benennen, der die Menschheit vor dem Bösen und dem Untergang bewahrt hat.

Seinen prominentesten Schüler hat Carl Schmitt gegenwärtig freilich in dem Tech-Milliardär und Trump-Unterstützer Peter Thiel, der mit seinem Meister auch die Schreckensvision teilt, der sich der Katechon entgegenstellen soll. Es sind die länderübergreifenden Allianzen und überstaatlichen Organisationen (UNO, NATO, WHO, EU etc.), auf die die Politik seit 1945 zusteuert und am Ende in einen „Weltstaat“ einmünden könnten. Einen solchen Weltstaat kann sich Thiel nur in Form eines globalisierten Nordkoreas vorstellen: „Wenn die ganze Welt Nordkorea ist, haben wir die Herrschaft des Antichrists.“ Wodurch aber kann die Entwicklung hin zu einem totalitären Weltstaat aufgehalten werden? Verbreitet ist die Meinung, der sich auch Weiss anschließt: Der Katechon in diesem Fall seien die IT-Entwickler oder „Tech-Nerds“, was natürlich sofort die Frage aufwirft, ob nicht Thiel mit seiner Überwachungs-Software Palantir selbst die Entwicklung in die Richtung vorantreibt, die er als Apokalypse anprangert. Weiss erkennt darin ein widersprüchliches Verhalten: Die Parallelen zwischen den Zielen von Palantir und Thiels dystopischen Zukunfsvisionen sind „frappierend“, schreibt er. „Letztlich beschreiben seine Warnungen die eigene Tätigkeit, doch schafft er es, seine Unternehmungen darzustellen, als stünden sie im Kampf gegen das Böse“.

Dazu wäre (in Kritik und Ergänzung) allerdings an das bereits genannte Paradoxe und Zweideutige des Katechons zu erinnern, der nicht nur den Antichristen, sondern darüber hinaus auch die Wiederkehr Christi und die „Erlösung“ ausbremst, die im Auftritt des Antichristen ihre Voraussetzung hat. Palantir wäre somit das geeignete Mittel, die von Thiel so gehasste Demokratie zu überwinden und (durch das Ausbremsen des Katechons) auf schnellstem Weg zu jenem Punkt zu kommen, in dem die Demokratie, die Herrschaft des Demos, ins „Reich des Libertarismus“ umschlägt, in dem die Autokraten und Oligarchen vom Schlage Thiels, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und Konsorten das Sagen haben und die Welt wie die CEOs von Aktiengesellschaften beherrschen. Damit wäre Thiel auf den „Akzellerationismus“ des britischen Philosophen und „dunklen Aufklärers“ Nick Land eingeschwenkt, der die Zerstörung der Demokratie (von der in den USA sowieso nicht mehr viel übrig ist) beschleunigen will, weil er sich dadurch die „Singularität“ erhofft: den Sprung in die „libertäre Gesellschaft“, wie sie sich die Tech-Milliardäre vorstellen.

In kenntnisreicher und und differenzierter Weise zeigt Volker Weiss die Parallelen zwischen den USA und Russland auf, die sich gleichermaßen als „heilsgeschichtliche Mächte“ darstellen. Trump und Putin handeln, ihrem eigenen Verständnis nach, im direkten göttlichen Auftrag, um die Welt vor dem „Bösen“ zu retten. In den USA sind es die Evangelikalen, die hinter ihrem Präsidenten stehen, der sich als Katechon gegen Terrorismus, Islamismus, natürlich gegen den Kommunismus (der für ihn bereits bei der gesetzlich geregelten Krankenversicherung beginnt), gegen illegale Einwanderer oder „Wokeness“ präsentiert. In Russland ist es die orthodoxe Kirche, die sich, neben dem Religionsphilosophen Wladimir Solowjev oder dem Ultranationalisten Alexander Dugin, mit ihrem Präsidenten, der „Ausbreitung der westlichen Dekadenz“ entgegenstellen.

Jenseits der politischen Theologie leitet sich, wie Weiss aufzeigt, das abendländisch-christliche Verständnis der „Zeit“ überhaupt aus dem Begriff des Katechons ab. Der rechte, Carl Schmitt-devote Armin Mohler und Jacob Taubes, der sich als „politisch links“ verstand, stimmen darin weitgehend überein, dass die Geschichte, christlich gesehen, stets als eine Art von „Galgenfrist“ verstanden wird: als immer wieder aufgeschobene „Parusie“. Mit diesem Begriff benennt die Theologie die Wiederkehr Jesu Christi, die die Urgemeinde glaubte, noch zu Lebenszeit erleben zu können. Durch den stets neu interpretierten Katechon wird die Geschichte dagegen zu einem fortwährenden „Aufschub“, der den Menschen die Chance bietet, sich zu bewähren und „das Richtige zu tun“.

Lemke – Buddha in der Küche

Harald Lemke

Buddha in der Küche

Fernöstliche Esskultur und globale Ethik

Tb., 583 Seiten, 39,– €

Bielefeld 2025 (Transcript-Verlag)

von Olaf Sanders

Am Ende des ersten Teils legt Harald Lemke die Intention seines dicken und gewichtigen Buches offen: „25 Jahre nach [s]einem ‚gastrosophischen Erwachen‘“ (173) – als Gastrosophie bezeichnet er die Suche nach der „Wahrheit unserer Esskultur“ (172) – sei es an der Zeit, ein ‚Upgrade‘ vorzunehmen, um „mehr Menschen zu erreichen und von der Ethik zu überzeugen, die ihren Anfang und ihr Ende in einer globalen Ernährungswende hat und als Herzstück einer Utopie der konvivialen Gesellschaft den abenteuerlichen Weg zu einem Post-Neo-Pan-Superhumanismus weist“ (173). Sein Interesse habe sich im Laufe seiner gastrosophischen Arbeit auf „andere, über die Gastrosophie hinausgehende, weiterführende Themen der praktischen Ethik und der Philosophie des guten Lebens“ (172) verschoben. Davon zeugt sein Buch.

Im zweiten Teil (175–447) verfeinert Lemke unter dem Titel Eintopf als Weltspiegel vor allem sein gastrosophisches Besteck. Dies geschieht im Blick auf die fernöstliche Esskultur, in der er eine „Essthetik“ am Werk sieht, die das global maßstabbildende „alltägliche Gemetzel auf den Tellern westlicher Gesellschaften“ durch den „unkritischen Einsatz von Messer und Gabel“ (407) infrage stellt und für eine Alternative votiert, das Essen mit Essstäbchen, das auf „an sich unnötige[.] Gewalttätigkeit“ (405) verzichtet. Das oben angekündigte quasi-religiöse Alpha und Omega besteht folglich in der Verschränkung von „Kulinarik und Essthetik“ (408), die auf kleinteiligen kommunalen Praxen der Nahrungsmittelerzeugung aufruht. Weder Tieren noch der Erde soll unnötige Gewalt angetan werden. Diesen Imperativ buddhistisch zu fundieren erscheint auf den ersten Blick durchaus sinnvoll, verspricht Lemke doch, den „Zen-Buddhismus“ zu einem „Euzen-Konvivialismus“ weiterzuentwickeln, was für ihn „gleichbedeutend [ist] mit der Erlösung von allem unnötigen Leiden“ (440). Ein Widerspruch deutet sich allerdings ausgangs des zweiten Teils an, wo diese „Utopie der konvivialen Gesellschaft“ (447) zugleich als „bereits überall und jeden Tag massenhaft praktizierte“ beschrieben wird und ihre „weltgeschichtliche Ausbreitung“ zugleich eine offene Frage der Zukunft sei, die in einem von Lemke angekündigten zweiten Band zu fernöstlicher Ethik und globaler Esskultur behandelt werden soll. Der Schlüssel liegt für Lemke offenbar im japanischen Begriff „Kaizen“, was „wörtlich gute Veränderung, Veränderung zum Besseren oder einfach Verbesserung“ (25) bedeutet.

Der erste und der dritte Teil klammern den zweiten Teil ein. In Den richtigen Einstieg (45-173) formuliert Lemke elf Thesen zu einem Buch des japanischen Marxisten Kohei Saito – und zwar zu Systemsturz (2023). Der dritte Teil, Ohnmacht oder Supermacht der Philosophie ( 451-563), mündet dann in einer „Kraftsuppe à la Marx“, die den Appetit auf die „Rezepte für einen gastrosophischen Postmarxismus“ (481-563) anregen soll. Insgesamt geht es Lemke um Großes: Marx gilt ihm als „der potenzielle Gastrosoph“ (484); und eine „ausgereifte Gastrosophie“ komme in dialektischer Beschleunigung tendenziell wenigstens „der Erfindung des Marxismus gleich“ (482), den Lemke durch seine Neuerfindung, die nebenbei Marx als Utopisten retten soll (vgl. 488), weiterzuentwickeln gedenkt. In diesem Sinn beginnt Lemke seine „gastrosophische Dekonstruktion des Marxismus“ mit seiner „Ausarbeitung eines gastrosophischen Marxismus“. Durch die Verwendung des unbestimmten Artikels kehrt zumindest eine gewisse rhetorische Bescheidenheit zurück, die mir durchaus geboten scheint für die folgende Verengung von Gesellschafts- auf Tischgesellschaftstheorie.

Sowohl der Vorschlag, „dass die Menschen ihre Lebensmittel wieder selbst produzieren“ (520), wodurch sie dann zu „Avant Gardening Utopist[en]“ (521) werden wie Marx, der sich im Verlauf von Lemkes Untersuchung zu einem „expliziten Agrargastrosophen“ entwickelt, der er nach Lemkes Auffassung gewesen sein soll, als auch die Idee, dass dem Weltkapitalismus durch „Konsumzurückhaltung“ (533) oder „subversiven Prosumismus“ (542) beizukommen sei, scheinen mir eher durch Generalisierung und Überbewertung eines spezifischen Lebensstils motiviert zu sein als durch eine materialistische Analyse der Lebensbedingungen in kapitalistischen Gesellschaften. Denn diesen Lebensstil muss man sich leisten können: „Wer den ethischen Konsum wählt, wählt das ethisch Gute, dass seinen Preis hat“ (541).

Schleichend kehrt Lemke in seiner „Begriffsküche“ (534) die philosophiegeschichtliche Bewegung von der individuellen Ethik (Kant) zur kollektiven Sittlichkeit (Hegel), die Marx auf ihre materialistischen Füße stellt und als historisch zu erkämpfen beschreibt, um, um im Rückgriff auf die von Marx links liegengelassene „Tradition der philosophischen Lusttheorie“ (358) alles einer durch Foucault inspirierten Ethik der Lebenskunst unterzuordnen. So wünschenswert und vernünftig eine „globale Agrarwende“ (522) auch wäre, so unwahrscheinlich scheint mir, dass die „gastrosophische Revolution“ der „intelligenten Mitproduzenten und guten Gärtner“, die der Natur in ihrer Lebenswelt wieder Wert zuschreiben, hinreicht, auch nur einen „Agrarkommunismus“ (523) hervorzubringen. Auch dass Fragen des Wohnens, der Kleidung oder der Teilhabe an der Zukunftsmitgestaltung jenseits von Küche und Esstisch als elementar-menschliche Bedürfnisse unthematisiert bleiben, lässt den „gastrosophischen Marxismus“ eher zu einer gastrosophischen Facette eines Maxismus schrupfen, die selbst weiter auszuarbeiten wäre.

Genau dies tut Saito in seiner lesenswerten Dissertation Natur gegen Kapital (2016), die den Untertitel Marx’ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus trägt, auf die Lemke sich leider nicht bezieht. Saito hat sich bei seiner Arbeit zu dem von ihm betreuten MEGA-Band so tief in Marx‘ Exzerpthefte hineingegraben, dass er tatsächlich begründen kann, aufgrund welcher ungelösten Probleme der Vielschreiber Marx „das Kapital“ so wenig zu Ende gebracht hat wie Foucault sein ursprüngliches Projekt zu Sexualität und Wahrheit, woran auch Lemke erinnert. Zudem trägt er auch Neues zu Marx Liebig-Rezeption bei, der – das sei nebenbei bemerkt – kein Biologe war (vgl. 505) und sicher auch nicht als der Erfinder des Vollkornbrots (503) gelten kann, schon weil bis zur Erfindung des Auszugsmehls alles Brot Vollkornbrot war. Dass Lemke elf Thesen über Saito schreibt wie Marx einst über Feuerbach, offenbart einen Fortschrittsanspruch, der (noch) nicht eingelöst wird. Das Problem besteht nicht darin, dass es Lemke zufolge „dem jungen Nachwuchsphilosophen“ (65) – diese und ähnliche Zuschreibungen kommen öfter vor, Saito wird im kommenden Jahr 40 – an Fantasie fehle, sondern dass dieser Marxist die Degrowth-These, die sich implizit auch bei Lemke findet, allerdings individualisiert und ummantelt als gastrosophische Lebenskunst, vorwegnimmt. Ob Lemkes Entwurf vor dem „französischen Marxologe[n] Alois Althusser“ (486) – ein wirklich lustiger Verschreiber, es gibt weitere – bestehen könnte, sei dahingestellt. Mal sehen, was der zweite, hoffentlich nicht minder unterhaltsame Band an Erkenntnisgewinn bringt.