Klemm – Abschied vom Phallozän

Gertraud Klemm

Abschied vom Phallozän

oder: Wann sprechen wir endlich vom Matriarchat. Eine Streitschrift

geb., 142 Seiten, 20,- €

Berlin 2025 (Matthes & Seitz Verlag)

von Marija Bogeljic-Petersen

Gertraud Klemm gehört zu den markanten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur. Ihren Essay Abschied vom Phallozän sollte man vor dem Hintergrund einer Kontroverse lesen, die 2025 um ihre feministische Position entbrannte: Der Leykam-Verlag strich ihren Beitrag aus dem geplanten Sammelband Das Pen!smuseum, nachdem ältere Äußerungen Klemms, in denen sie eine vom Queerfeminismus abweichende Position zum Verhältnis von Geschlecht und Feminismus vertrat, öffentlich kritisiert worden waren. Klemm widersprach der Darstellung Sie habe ihren Beitrag freiwillig zurückgezogen – eine Auseinandersetzung, die die Frage nach den Grenzen feministischer Debatten selbst zum Gegenstand machte.

Schon der Begriff „Phallozän“ gibt die Richtung des Essays vor. Klemm ersetzt die scheinbar neutrale anthropologische Perspektive des „Anthropozäns“ durch eine geschlechterpolitische Diagnose und macht das Patriarchat zum strukturierenden Prinzip gegenwärtiger ökologischer, ökonomischer und politischer Krisen. Musk, Trump, Zuckerberg und Andrew Tate erscheinen als Varianten einer von Macht, Technologie und ökonomischer Verfügung geprägten Männlichkeit. Dabei geht es ihr weniger um eine Analyse dieser einzelnen Figuren als um einen Perspektivwechsel: Das Patriarchat soll nicht länger als Teilproblem, sondern als gesellschaftliche Grundordnung betrachtet werden. Diese Perspektive durchzieht den gesamten Essay. Patriarchat bedeutet für Klemm nicht nur männliche Herrschaft über Frauen, sondern eine Ordnung, die sich in Familie, Ökonomie, Wissenschaft, Religion, Politik und Kultur eingeschrieben hat. Am Ende wird es zur „Weltdeutung“: Seine Macht beruhe gerade darauf, dass seine Kategorien als natürlich, universell und alternativlos erscheinen. Die Frage des Essays lautet deshalb nicht nur, wie Frauen innerhalb der bestehenden Ordnung gleichberechtigt werden können, sondern wie eine Gesellschaft aussehen könnte, deren grundlegende Maßstäbe andere wären.

Zunächst richtet Klemm diese Kritik gegen den gegenwärtigen Feminismus. Die erste und zweite Frauenbewegung hätten mit Frauenwahlrecht und rechtlicher Gleichstellung historische Durchbrüche erzielt; heute werde feministische Energie ihrer Ansicht nach zunehmend durch Identitäts-, Sprach- und Theoriedebatten gebunden. Während Gewalt gegen Frauen, ökonomische Ungleichheit und die ungleiche Verteilung von Care-Arbeit fortbestünden, zerfalle das feministische „Wir“. Die Diagnose ist zugespitzt, aber gerade darin liegt eine Schwäche. Klemm konstruiert einen Gegensatz zwischen „materiellen“ Frauenfragen und Identitäts- oder Sprachfragen, als wären letztere lediglich Luxusprobleme einer akademischen Elite. Dass Feminismus über Geschlecht, Sprache und Identität streitet, sagt jedoch wenig über seine politische Handlungsfähigkeit aus. Vor allem bleibt Klemms eigenes „Wir“ ungeklärt: Wer gehört ihm an, welche Unterschiede soll es aushalten? Ihre Kritik an der Fragmentierung droht so selbst in eine Vereinheitlichung umzuschlagen.

Produktiver ist ihr Blick auf die materiellen Voraussetzungen von Emanzipation. Die Kleinfamilie erscheint bei ihr als eine zentrale soziale Form des Patriarchats, weil Kindererziehung, Pflege und Fürsorge in ihr privatisiert und historisch vor allem Frauen übertragen wurden. Individuelle und sexuelle Selbstbestimmung verändern daran wenig, solange die gesellschaftliche Organisation der Fürsorge unangetastet bleibt. Damit verschiebt Klemm die Frage von individueller Freiheit zu sozialer Infrastruktur: Wer Kinder versorgt, Kranke pflegt und im Alter unterstützt – und wer dafür bezahlt wird –, entscheidet wesentlich über tatsächliche Autonomie.

Als Gegenmodell entwickelt sie das Matriarchat. Es sei weder ein „umgekehrtes Patriarchat“ noch eine Utopie, sondern eine historisch und teilweise bis heute existierende Gesellschaftsform. Klemm beschreibt es als egalitäre, mutterzentrierte Ordnung, in der Fürsorge, Verteilung und gemeinschaftliche Bedürfnisse an die Stelle von Herrschaft und Akkumulation treten. Sie nennt unter anderem die Mosuo, Minangkabau, Khasi, Akan und Hopi und verweist auf matrilineare Verwandtschaft, gemeinschaftliche Entscheidungsformen und andere Formen der Ökonomie. Gerade hier zeigt sich jedoch eine grundsätzliche Ambivalenz. Sehr unterschiedliche Gesellschaften werden unter dem Begriff „Matriarchat“ zu einem Gegenmodell zusammengeführt, dessen gemeinsame Eigenschaften teilweise stärker theoretisch konstruiert als historisch vergleichbar erscheinen. Das Matriarchat ist bei Klemm nicht nur Gegenstand historischer Forschung, sondern zugleich Beweis dafür, dass eine andere Gesellschaft möglich ist. Seine Funktion als normatives Gegenbild überlagert dadurch bisweilen die historische Differenz der von ihr angeführten Gesellschaften.

Daran schließt Klemms Kritik an der Vorstellung einer „ewigen“ oder naturgegebenen Patriarchatsordnung an. Archäologische und ethnologische Forschung sollen zeigen, dass die menschliche Geschichte keineswegs selbstverständlich patriarchal organisiert gewesen sei. Sesshaftigkeit, Viehzucht, veränderte Arbeitsteilung, Gewalt und religiöse Neuordnungen erscheinen als mögliche Bedingungen der Herausbildung patriarchaler Strukturen. Die noch existierenden matriarchalen Gesellschaften werden so zu „Bauplänen“ einer postpatriarchalen Ordnung. Hier gewinnt der Essay seine eigentliche erkenntnistheoretische Dimension. Klemm fragt zunehmend weniger nur, was geschehen ist, als wer festlegt, was als Geschichte, Wissen und Wirklichkeit gilt. Die europäische Geschichte sei vor allem als Geschichte von Kriegen, Eroberungen und Herrschern erzählt worden; friedliche Perioden und andere Formen gesellschaftlicher Organisation seien dagegen weitgehend unsichtbar geblieben. Ähnlich habe der europäische Imperialismus nicht nur Territorien und Ressourcen beherrscht, sondern auch festgelegt, was als Fortschritt, Zivilisation und Wissen gelten sollte.

Ihre zentrale Frage lautet: Was wurde durch diese Wissensordnung unsichtbar gemacht – und welches Wissen fehlt heute möglicherweise, weil es nicht in ihre Kategorien passte? Besonders konkret wird diese Kritik an der Wissenschaft. Der männliche Körper sei lange zum wissenschaftlichen Maßstab gemacht worden, während Frauen und nichtweiße Menschen als Abweichung oder weniger relevanter Forschungsgegenstand erschienen. Die Geschichte der Klitoris dient hier als prägnantes Beispiel. In der Primatenforschung seien männlich dominierte Gruppen lange als Modell menschlicher Gesellschaften herangezogen worden; in der Archäologie habe man Waffen vorschnell Männern, Schmuck und Textilarbeit Frauen zugeschrieben. Neue genetische und archäologische Forschungen hätten zahlreiche solcher Deutungen korrigiert. Die entscheidende Einsicht liegt hier nicht in der Behauptung, Wissenschaft sei bloß „patriarchal“, sondern in der Frage, mit welchen Kategorien wir überhaupt sehen. Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht nicht außerhalb gesellschaftlicher Voraussetzungen; Auswahl, Fragestellungen und institutionelle Autorität prägen, was untersucht und überliefert wird. Klemms stärkste Passagen sind deshalb jene, in denen sie nicht Wissenschaft als solche verwirft, sondern ihre blinden Flecken sichtbar machen will.

Ihre Kritik am Matilda-Effekt und am Geniekult führt diesen Gedanken weiter. Frauen seien nicht nur aus der Wissenschaft ausgeschlossen, sondern ihre Leistungen auch Männern zugeschrieben oder vergessen worden. Rosalind Franklin, Mileva Einstein-Marić und Lise Meitner stehen für eine Geschichte, in der weibliche Beiträge hinter männlichen Namen verschwinden. Ähnliches beobachtet Klemm im Kulturbetrieb, wo männliche Genialität problematisches oder gar kriminelles Verhalten lange entschuldigen konnte. Die Forderung, nicht nur vergessene Frauen nachträglich in den Kanon einzufügen, sondern die Mechanismen der Kanonbildung selbst zu untersuchen, gehört zu den überzeugenderen Gedanken des Essays: Wer entscheidet, was bedeutend ist; wer erhält Aufmerksamkeit, Geld und Überlieferung – und warum wird eine bestimmte Erfahrung als das Allgemeine ausgegeben? Diese Frage richtet Klemm schließlich gegen die Philosophie. Mit „Phalosophie“ pointiert sie die These, dass eine Tradition, die über Mensch, Vernunft, Moral, Staat und Wahrheit zu sprechen beansprucht, lange Zeit vor allem männliche Erfahrungen zum Maßstab des Allgemeinen gemacht habe. Von Platon und Aristoteles über Rousseau und Hegel bis Horkheimer und Adorno führt sie Äußerungen über Frauen an, die ihre These stützen sollen. Dennoch fordert sie keinen einfachen Kanonsturz. Philosophische Werke müssten historisch kontextualisiert und ihre Voraussetzungen offengelegt werden. Der Anspruch auf Allgemeingültigkeit soll nicht aufgegeben, sondern daraufhin befragt werden, unter welchen Bedingungen er entstanden ist. Eine spezifische, männlich dominierte Erfahrung darf nicht unbemerkt als universelle menschliche Erfahrung erscheinen. Allerdings zeigt sich hier auch Klemms grundlegendes Problem: Aus vielen treffenden Einzelbeobachtungen entsteht eine sehr große Gesamterklärung. Patriarchat erklärt bei ihr zugleich Familie, Kapitalismus, koloniale Wissensordnungen, Religion, wissenschaftliche Irrtümer, Geniekult, ökologische Zerstörung und Philosophie. Als Kritikmodell ist diese Verbindung anregend; als Erklärung droht sie jedoch kausale Unterschiede einzuebnen. Nicht jede Hierarchie, jede Form von Kapitalakkumulation oder jede wissenschaftliche Fehlannahme lässt sich ohne Weiteres auf dieselbe Ursache zurückführen.

Ähnlich ambivalent fällt die Religionskritik aus. Klemm vertritt die These, keine der großen Weltreligionen komme ohne misogynen Kern aus, und kritisiert religiöse Autorität dort, wo sie Geschlechterrollen, Sexualität, Fortpflanzung oder Familienrecht reguliert. Ihre interessante Frage lautet, wie weit eine als freiwillig erscheinende Lebensform tatsächlich frei ist, wenn sie durch soziale, religiöse und ökonomische Abhängigkeiten geprägt wird. Zugleich werden sehr unterschiedliche religiöse Traditionen und gesellschaftliche Kontexte bei ihr unter einem gemeinsamen Begriff zusammengefasst – auch hier zugunsten einer großen Diagnose.

Über die Care-Arbeit kehrt Klemm zu den materiellen Grundlagen des Patriarchats zurück. Eine Gesellschaft, die Frauen zugleich ökonomische Selbstständigkeit und einen großen Teil unbezahlter Fürsorgearbeit abverlangt, reproduziert Abhängigkeit auch bei rechtlicher Gleichstellung. Gender-Pay-Gap, Gender-Rente-Gap und Altersarmut erscheinen damit nicht als isolierte Ungleichheiten, sondern als Folgen einer Wertordnung, in der bestimmte Tätigkeiten als produktiv und andere als privat gelten. Patriarchat und Kapitalismus verschränken sich für Klemm dort, wo unbezahlte weibliche Arbeit die Voraussetzung bezahlter gesellschaftlicher Produktion bildet. Aus dieser Diagnose entwickelt sie ein politisches Programm: Trennung von Staat und Kirche, Gewaltschutz, ökonomische Gleichstellung, geschlechtergerechte Medizin, Revision von Lehrplänen und Forschung sowie neue Formen gemeinschaftlichen Wohnens, der Kinderbetreuung und des Alterns. Ihre „Exit-Strategie“ reicht von Boykott und Streik bis zur Verweigerung unbezahlter Care-Arbeit und reproduktiver Leistungen. Zugleich setzt sie auf lokale Projekte wie Baugruppen, Ökodörfer und Kulturvereine als soziale Experimente für andere Formen des Zusammenlebens. Auch der Kulturbetrieb wird in diese institutionelle Revision einbezogen. Klemm fragt nach der tatsächlichen Verteilung von Ressourcen, Aufmerksamkeit und Entscheidungsmacht hinter seinem progressiven Selbstverständnis.

Entpatriarchalisierung bedeutet für sie deshalb nicht nur mehr Frauen in bestehenden Institutionen, sondern eine Veränderung der Kriterien, nach denen Kompetenz, Bedeutung und Autorität verteilt werden. Am Ende laufen diese verschiedenen Ebenen wieder zusammen. Wissenschaft, Philosophie, Religion, Familie, Kultur und Ökonomie erscheinen als Institutionen, in denen sich dieselbe Ordnung reproduziert. Klemms eigentliche Forderung ist deshalb erkenntnistheoretisch und politisch zugleich: Das Patriarchat muss zunächst als historisch entstandene und damit veränderbare Ordnung erkannt werden, bevor es überwunden werden kann. Man müsse den „patriarchalen Code“ entschlüsseln, die Vergangenheit neu lesen und die Kategorien überprüfen, mit denen Gegenwart und Geschichte interpretiert werden. Darin liegt die produktivste Idee des Essays. Klemm fordert nicht lediglich, die Geschichte um einige Frauen zu ergänzen oder bestehende Institutionen gerechter zu besetzen. Sie fragt, warum eine historisch spezifische Perspektive überhaupt als universelle gelten konnte. Ihre Wissenschafts-, Philosophie- und Kanonkritik zielt damit auf die Voraussetzungen des Allgemeinen selbst. Gerade deshalb fällt umso stärker auf, wo der Essay hinter seinem eigenen Anspruch zurückbleibt. Klemm kritisiert Vereinfachungen und fordert einen Perspektivwechsel, arbeitet selbst aber häufig mit großen Gegensatzpaaren: Patriarchat und Matriarchat, Herrschaft und Fürsorge, Kapital und menschliche Arbeit, Autorität und Evidenz. Ihre Polemik erzeugt eine produktive Spannung, kann aber zugleich jene Komplexität reduzieren, die ihre eigene Wissenschafts- und Geschichtskritik einfordert.

Abschied vom Phallozän ist daher weniger ein geschlossenes Gesellschaftsmodell als ein Versuch, den Blickwinkel zu verschieben. Klemm überzeugt dort am meisten, wo sie Selbstverständlichkeiten aufbricht: die vermeintliche Natürlichkeit der Kleinfamilie, die Unsichtbarkeit von Care-Arbeit, die Neutralität wissenschaftlicher Kategorien, den männlichen Geniekult und den philosophischen Universalismus. Schwächer wird der Essay dort, wo aus dieser Kritik eine Totalerklärung wird und unterschiedliche historische und soziale Phänomene unter dem Begriff des Patriarchats zusammenfallen. Sein bleibender Wert liegt deshalb weniger in der Geschlossenheit seines Gegenentwurfs als in der Zumutung, die eigenen Begriffe nicht für selbstverständlich zu halten. Das „Phallozän“ bezeichnet am Ende nicht nur eine Epoche männlicher Herrschaft, sondern eine bestimmte Art, Welt zu ordnen und zu erkennen. Der Abschied davon wäre erst dann vollzogen, wenn nicht nur Frauen andere Plätze in der bestehenden Ordnung erhalten, sondern die Ordnung selbst daraufhin befragt wird, was sie unsichtbar macht, was sie als normal ausgibt und was sie zum Allgemeinen erklärt.

100. Geburtstag: Eribon – Michel Foucault. Eine Biographie

Michel Foucault

Eine Biographie – erweiterte Neuausgabe

geb., 639 Seiten, 38,- €

Berlin 2026 (Suhrkamp-Verlag)

von Alexander von Pechmann

Foucault, geboren 1926, stammt aus gutbürgerlich-katholischem Haus in der französischen Provinz. Sein Vater war Professor für Anatomie in Poitiers, der für seinen ältesten Sohn das Studium der Medizin vorgesehen hatte. Dem widersetzte sich der Sohn. Foucault war ein fleißiger und guter Schüler, aber er interessierte sich für Literatur und Geschichte und wollte Philosophie studieren, was er dank seiner Mutter schließlich auch konnte. Nach dem Abitur 1943, zur Zeit der deutschen Besatzung, bewarb er sich an der Eliteuniversität École normale superieure (ENS) in Paris, in die er allerdings erst nach dem zweiten Versuch 1946 aufgenommen wurde. Eribon schildert recht ungeschminkt, wie er sich dort als Außenseiter aus der Provinz und mit seiner homosexueller Orientierung im Kreis der Elitestudenten durchsetzte. „Er gerät mit jedermann in Streit, verfeindet sich mit allen und jedem und legt alle Anzeichen einer bemerkenswerten Aggressivität an den Tag, zu der sich überdies eine recht ausgeprägte Megalomanie gesellt“ (58). Er zerfetzt sich im Klassenraum mit einem Rasiermesser die Brust; ein ander Mal verfolgt er nächtens einen Kommilitonen mit dem Dolch in der Hand. 1948 unternimmt er einen Selbstmordversuch, der bestätigt, was man vermutet hatte: dass er „dem Wahnsinn nahe war“ (ebd.). Danach fand er sich in der Psychiatrie bei dem angesehenen Prof. Delay wieder, zu dem ihn sein Vater gebracht hatte. Der Arzt vermutete, dass „diese Störungen von einer sehr schlecht ausgelebten und verarbeiteten Homosexualität“ (59) herrühren. Dennoch – oder deshalb? – bestand Foucault im zweiten Anlauf seine Abschlussprüfungen an der ENS mit Bravour. (Er war allerdings wütend, nicht Erster geworden zu sein!, 79)

Nach dem Studium verweigerte Foucault den damals obligatorischen Eintritt in den staatlichen Schuldienst und bewarb sich 1951 bei der Fondation Thiers, einem Elitepensionat in Paris, das er jedoch wegen seiner ständigen Konflikte mit den Mitstipendiaten schon nach einem Jahr wieder verließ. Auf Betreiben von Louis Althusser und Jules Vuillemin, mit denen er an der ENS Freundschaft geschlossen hatte, wurde Foucault – 26-jährig – Assistent an der Universität Lille, um dort vor allem Psychologie zu lehren. Eribon schildert, wie in dieser Zeit seine intensive Beschäftigung mit der Geschichte des Wahnsinns begann, die dann in die Bücher über „Wahnsinn und Gesellschaft“ (1961) und „Die Geburt der Klinik“ (1963) mündete. Zudem trat er, erneut auf Betreiben Althussers, der KPF, der Partei der Arbeiterklasse, bei, die er jedoch nicht zuletzt seiner Homosexualität wegen, wie Althusser vermutete (108), 1954 wieder verließ, da in ihr die Homosexualität als Laster einer dekadenten Bourgeoisie galt, sodass er sich in dieser Partei niemals hätte wohlfühlen können.

1955 nahm Foucault auf Betreiben des einflussreichen Religions- und Sprachwissenschaftlers Georges Dumézil, den er an der ENS gehört und kennen gelernt hatte, die Stelle eines Französisch-Lektors im schwedischen Uppsala an. Sein Beweggrund, Frankreich zu verlassen, war nicht zuletzt seine Hoffnung, dort, im „Exil“, als Homosexueller ein liberaleres Klima vorzufinden. „Als ich Frankreich verließ,“ schrieb er später, „war die Freiheit, was das persönliche Leben anging, furchtbar eingeschränkt … Zu jener Zeit galt Schweden als ein viel liberaleres Land“ (136). Dies freilich, so Eribon, erwies sich als Trugschluss. Das kalte physische, aber auch soziale Klima machten ihm zu schaffen. Als er feststellen musste, dass sein Werk über „Wahnsinn und Gesellschaft“, an dem er während dieser Zeit intensiv weitergearbeitet hatte, nicht angenommen würde, verließ er 1958 Schweden, das er so wenig einladend empfunden hatte (157). Bald darauf, trat er, erneut durch Vermittlung Dumézils, in Warschau die Stelle des Direktors des Centre français an. Nach kurzer Zeit musste er allerdings Warschau wieder verlassen, weil er ein Verhältnis zu einem jungen Polen hatte, der für den Staatssicherheitsdienst arbeitete.

Aus eigenen Stücken, wie es scheint, ging er daraufhin nach Deutschland, dessen Sprache er schon früh erlernt hatte, um Kant, Hegel, Marx, Nietzsche und Heidegger im Original studieren zu können. Wie Sartre und Raymond Aron vor ihm wollte auch er „ein Jahr in einer großen deutschen Stadt … verbringen“ (163). Foucault wählte Hamburg. Dort ging es wieder darum, das französische Kulturinstitut zu leiten, die eingeladenen Referenten zu empfangen (u.a. Alain Robbe-Grillet, dem er St. Pauli und die Reeperbahn zeigte) sowie an der Universität Vorlesungen im Fachbereich Romanistik zu halten (164). Dort schloss er auch seine Thèse über „Wahnsinn und Gesellschaft“ ab. Als er 1960, erneut auf Betreiben Jules Vuillemins, den Ruf auf einen vakanten Lehrstuhl an der Universität Clermont-Ferrand erhielt, setzte er, wie Eribon ihn zitert, seinem bisherigen Dasein als „Botschafter der französischen Kultur in der Welt“ (166) bzw. seinem „Exil außerhalb Frankreichs ein vorläufiges Ende“ (165). Bis 1966 war Foucault dort erst Lehrbeauftragter, dann Lehrstuhlinhaber im Fachbereich Philosophie bzw. Psychologie, speziell für Psychopathologie (236).

War es bisher vor allem Dumézil gewesen, der den jungen Foucault gefördert hatte, sollte es jetzt Georges Canguilhem werden, den er gleichfalls an der ENS kennen gelernt hatte. Er war mit seiner Kritik an der Subjektphilosophie der Existentialisten und Phänomenologen zum „Vorläufer des Strukturalismus“ (186) geworden, und unternahm es nun, als Dekan das (positive) Gutachten der von Foucault verfassten Thèse zu erstellen. Im Herbst 1962 wurde das fast 1000-seitiges Werk schließlich von der Universität angenommen, und Foucault erhielt die Medaille des CNRS für das beste Werk im Fach Philosophie (207).

Überblickt man Eribons Schilderung von Foucaults Werdegang bis zum Jahr 1966, so war er offenbar ein gewiss hervorragender und fleißiger Gelehrter, aber auch ein eigenartiger Intellektueller mit reichlich spleenigen „Dandy“-Marotten, der auf dem Weg war, sich vor allem auf dem Gebiet der Psychologie und Psychiatrie in der akademischen Welt einen Namen zu machen. Zwar habe er häufig über Politik gesprochen, habe aber – bis auf jene kurze Phase in der KPF – weder einer Partei angehört noch sei er ein politisches Engagement eingegangen. „Seine früheren Kollegen“, fasst Eribon zusammen, „sind sich im Allgemeinen darin einig, ihn ‚eher links’ einzuordnen, obwohl diese Zuschreibung durchaus nicht einstimmig erfolgt“ (239). Der Staat als Monopolist der Gewalt war für ihn kein Thema.

Allerdings schien eine Art Politisierung einzusetzen, als er – durch Vermittlung des ehemaligen Botschafters in Warschau, Ètienne Burin des Roziers – sich für die Reform des Universitätswesens einzusetzen begann. Dies geschah zu der Zeit, 1965, als das Universitätswesen und dessen Reform zu einem Politikum ersten Ranges werden sollte, und „die Universität ins Leuchtfeuer der Aktualität“ (242) rückte. Seine Ernennung zum stellvertretenden Direktor des Universitätswesens im Erziehungsministerium scheiterte jedoch: „‚Stellen Sie sich einen Leiter des Universitätswesens vor, der homosexuell ist’, entrüsteten sich die Verächter Foucaults, die nicht zögern, sein polnisches Missgeschick in Erinnerung zu rufen“ (241). Dennoch nahm er an der vom Erziehungsminister eingerichteten Kommission zum höheren Bildungswesen teil. Er bereicherte die Kommission mit dem Vorschlag einer Abschaffung jener Tortur der Thèse principal, der sich selbst hatte unterziehen müssen, als einer solchen Anstrengung, „dass der Autor für den Rest seiner Tage erschöpft ist“ (244), sowie mit einem detaillierten Plan der Philosophielehre am Gymnasium und der Universität.

Bei allem hochschulpolitischen Engagement war (und blieb) Foucault heftiger Antikommunist. „Seit er die Kommunistische Partei verlassen und seit er in Polen gelebt hat, hat Foucault einen wilden Hass auf alles entwickelt, was auch nur, von fern oder nah, an den Kommunismus erinnert“ (246). So etwa hatte sich noch in Clermont-Ferrand der Philosoph Roger Garaudy, Mitglied des Politbüros der KPF, der auf Betreiben des Premierministers Pompidou Lehrstuhlinhaber in Philosophie geworden war, „der unversöhnlichen Feindschaft Foucaults zu erwehren“ (246). Foucault stritt Garaudy ab, ein Philosoph zu sein, und skandalisierte kleinlich jeden Fehler und jedes Missgeschick, das ihm unterlief. Foucault hatte, wie Eribon es deutet, offenbar noch eine alte Rechnung zu begleichen, da Garaudy damals schon großen Einfluss in der KPF hatte, während Foucault nur passiv eine Zeit lang „der Eintrittswelle in die Kommunistische Partei gehuldigt hatte“ (247).

Nach dem großen Erfolg seines Buches „Die Ordnung der Dinge“ im Jahre 1966 hielt es Foucault in Clermont-Ferrand nicht mehr aus. Doch, fragt Eribon, warum unternahm er nicht Anstrengungen, nach Paris zu gehen, dem geistigen Zentrum Frankreichs, sondern nahm, gerade zum Zeitpunkt seines beginnenden Ruhms, eine Stelle in Tunis an? Denn „dieses neue und freigewählte Exil [fällt] wieder eher in den Bereich einer Wartestellung. Was er will, ist ein Posten in Paris“ (302). Noch dazu, wo sich bald zeigte, dass in Tunis seine feindselige Ablehnung des Marxismus die Studenten in Verwirrung brachte, die ihn umso bereitwilliger „rechts“ einordneten. Er galt ihnen als „Vertreter der gaullistischen Technokratie“, als „zu westlich, um Tunesien verstehen zu können“ (304).

Als es dann auch in Tunis 1968 zu Unruhen und Ausschreitungen kam, zeigte sich Foucault höchst erschüttert vom Antisemitismus der Randalierer und fragte sich, „aufgrund welcher List (oder Dummheit) der Geschichte der Marxismus für all das Anlass (und Vokabular) geliefert hat“ (311). Gott sei Dank, so muss man Foucault verstehen, war die Reaktion der Regierung – anders als im „Mai 1968“ in Frankreich – „rasch, streng – allem Anschein nach auch aufrichtig“ (311). Als dann im März 1969 jedoch die Proteste an der Universität angesichts des Besuchs des amerikanischen Vizepräsidenten Humphrey in Tunesien erneut aufflammten und die Staatsmacht mit großer Härte reagierte, schloss sich Foucault überraschend nicht nur dem Lehrkörper an, der gegen die Verhaftungen und Folterungen der Staatsmacht protestierte. Er gewährte auch Studenten, die den Polizeirazzien entgangen waren, Unterschlupf; ließ in seinem Garten Flugblätter herstellen und versteckte dort die Kopiergeräte der Studenten. Hartnäckig, aber vergeblich trat er vor Gericht als Zeuge zugunsten der Studenten auf und wurde einmal sogar von einem tunesischen Polizisten zusammengeschlagen. Doch da er französischer Staatsbürger und sein Prestige zu groß war, blieb er offiziell unbehelligt (312 f.).

„Eines ist sicher,“ schreibt Eribon zu diesem Gesinnungswandel, „Foucault haben diese Ereignisse heftig aufgewühlt (313). „Ich war tief beeindruckt von diesen Mädchen und Jungen“, erklärte Foucault später, „die sich erheblichen Risiken aussetzten, wenn sie ein Flugblatt verfassten, es verteilten oder zum Streik aufriefen. Das war für mich eine wirkliche politische Erfahrung.“ Von all den bisherigen negativen Erfahrungen mit der KPF oder mit den Kliniken und psychiatrischen Anstalten „war mir eine etwas bittere politische Grundeinstellung geblieben, ein sehr spekulativer Skeptizismus … Dort, in Tunesien, sah ich mich veranlasst, den Studenten konkrete Hilfe zu leisten … Ich musste auf irgendeine Weise in die politische Auseinandersetzung eintreten“ (314).

Dennoch wollte Foucault weg von Tunis und – was er schon immer anstrebte – nach Paris. Er hatte während dieser Zeit intensiv an seinem neuen Buch „L’Archéologie du savoir“ gearbeitet, das er fertig gestellt hatte, als er Tunis Anfang 1969 verließ. Nach langen Überlegungen und Verhandlungen entschloss er sich schließlich, sich an der neu zu errichtenden Reformuniversität von Vincennes zu bewerben, die von der politischen Rechten einhellig als „linksradikale Versammlung“ (324), als „rote Bastion“ (325) denunziert wurde. Dem Komitee, das die Universität und den Lehrkörper organisieren sollte, gehörten unter anderen Michel Serres, Jean-Pierre Venant, Georges Canguilhem, Emanuel Roy Ladurie, Roland Barthes und Jacques Derrida an (323). Auf Betreiben Canguilhems fiel die Wahl auf den 43-jährigen Foucault, der den Fachbereich Philosophie organisieren sollte. Er kooptierte dafür seinerseits unter anderen Judith Miller, die Tochter Jacques Lacans, Francois Regnault, Étienne Balibar sowie Francois Châtelet und war, wie Eribon es deutet, bemüht, im Fachbereich Philosophie einen gewissen Ausgleich von Maoisten, Trotzkisten und orthodoxen Marxisten zu schaffen.

Als Anfang 1969 dann die Universität ihre Pforten öffnete, fanden allerdings statt Seminaren und Vorlesungen Fakultätsbesetzungen und Straßenschlachten mit der Polizei statt, wurden Tische, Stühle und Schränke zu Barrikaden ‚umfunktioniert’. Auch Foucault wurde verhaftet und erst am frühen Morgen wieder freigelassen. Am 10. Februar 1970 fand in der Universität ein großes Meeting statt, um gegen die Polizeimaßnahmen zu protestieren, auf dem neben Jean-Paul Sartre auch Michel Foucault sprach und die Maßnahmen als „berechnete Repression“ brandmarkte (331). Vercennes verfiel „in den Rhythmus von Vollversammlungen, Demonstrationen, Zusammenstößen mit der Polizei, Feldschlachten zwischen Kommunisten und extremen Linken und Grabenkämpfen zwischen linken Sekten“ (331). Zudem galt der Fachbereich Philosophie, den Foucault zu verantworten hatte, als die „Speerspitze dieser permanenten Unruhen“ (335), wobei er sich, wie Eribon berichtet, „mitunter mit Herzenslust an den verschiedensten Demonstrationen beteiligt, die sie Tag für Tag anzettelt“ (335). Trotz des Chaos setzte sich Foucault für seinen Fachbereich ein und verwies öffentlich auf die „Falle“, die die Obrigkeiten dem Fachbereich gestellt haben, „indem sie ihm vollste Freiheit zusicherten und sie unterdrückten, sobald er sie auch nutzen wollte“ (334). Bald jedoch ermüdeten ihn die permanenten und fruchtlosen Unruhen. „Ich hatte genug davon, ständig von Halbverrückten umgeben zu sein“ (336), schrieb er später.

Aus den zwei Jahren in Vercennes ging jedoch, so Eribon, ein ganz anderer Foucault hervor. „In weiter Ferne liegt der Akademiker, der an ministeriellen Kommissionen partizipierte … aus der Retorte von Vincennes steigt der engagierte Philosoph, der an allen Fronten eingreift, an der des Handelns wie an der des Denkens“ (337). Er habe jetzt auch Abschied von seinen trockenen ‚strukturalistischen’ Werken wie „Die Ordnung der Dinge“ genommen, interessant hingegen seien für ihn jetzt Bücher geworden, „aus denen eine gewisse ‚Leidenschaft’ spricht, das heißt, die von Wahnsinn, Verbrechen und Sexualität handeln“ (339).

Am 2. Dezember 1970 hielt Foucault dann seine Inauguralvorlesung am Collège de France, dem „Allerheiligste(n) des französischen Universitätswesens“ (342). Nach den jahrelangen Bemühungen seiner Förderer Jean Hyppolite, Dumézil, Vuillemin und Fernand Braudel erhielt er den für ihn geschaffenen Lehrstuhl für die „Geschichte der Denksysteme“. In deren Zentrum, so skizziert Foucault sein Lehrvorhaben, stehe die Untersuchung der Verbindung und Durchdringung „zwischen den bestehenden Wissenschaften (deren Geschichte so häufig verfasst wird) und der öffentlichen Meinung (die die Historiker zu bearbeiten wissen)“ (349), für die er dann die Begriffe des „Diskurses“ bzw. der „Episteme“ gebrauchen wird.

Statt sich jedoch akademisch auf die Ausarbeitung dieser Geschichte zu konzentrieren, gründete Foucault zwei Monate nach seinem Antritt, am 2. Februar 1971, die „Groupe d’information sur les prisons (GIP), die ein von ihm erarbeitetes Pamphlet mit dem Titel „Intolerable“, herausgab. Dort heißt es:

„Unerträglich sind:

die Gerichte, die Bullen,

die Krankenhäuser, die Narrentürme, die Schule,

der Militärdienst,

die Presse, das Fernsehen, der Staat.“ (359).

„Man behandelt die Inhaftierten wie Hunde. Die wenigen Rechte, die sie haben, werden nicht respektiert. Wir wollen diesen Skandal in die Öffentlichkeit tragen“ (364).

Nicht zuletzt unter seinem Einfluss wollte die Gruppe weder als „Stellvertreter“ noch als „Sprachrohr“ der Gefangenen dienen, sondern vielmehr den öffentlichen Raum schaffen, um das „Unerträgliche“ von den Gefangenen selbst zur Sprache zu bringen: „An ihnen ist es, den Kampf in die Hände zu nehmen, der die Unterdrückung hindern soll, sich auszubreiten“ (366). Die GIP, kommentiert Eribon, „das ist zu Beginn der 70er Jahre Michel Foucaults Hauptanliegen“ (368). Nicht nur der französische Justizminister prangerte die Aktionen der Gruppe als eine „gefährliche Agitation“ an, auch Kommunisten verlangten, „den Umtrieben dieses ‚Spitzbubensyndikats’ ein Ende zu machen“ (371). Trotz mancher Erfolge in der Öffentlichkeitsarbeit beklagte Foucault jedoch bald das Scheitern der Bewegung. „Michel“, erklärte Gilles Deleuze später, „hatte das Gefühl, dass alles zu nichts geführt hat“ (375). Und dennoch erschien 1975 als Folge dieses Engagements eines seiner wichtigsten Bücher: „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“, in dem er der humanwissenschaftlich basierten Technologie der Macht nachgeht, die sich auf den Körper erstreckt, um ihn zu unterwerfen und zu beherrschen.

In den 70er Jahren gab es offenbar zwei Foucaults. Zum einen nahm er seine Rolle als Gelehrter und Professor sehr ernst. Er hielt seine gewissenhaft ausgearbeiteten Vorlesungen zur „Geschichte der Denksysteme“ vor großem Publikum und wirkte konstruktiv in den Gremien mit. Zum anderen aber war er der öffentliche Intellektuelle der Demonstrationen und der Agitation, der sich vielfältig gegen alles „Unerträgliche“ engagierte. 1975 schloss er sich dem von Yves Montand, Costa-Gavras, Claude Mauriac, Régis Debray und Katharina von Bülow initiierten Protest gegen die Exekution von elf Frauen und Männern durch die franquistische Diktatur an, verfasste die Erklärung der Gruppe und reiste nach Madrid, wo der „ungebärdige Philosoph“ (428) mit dem Polizisten als Vertreter der Staatsmacht zusammenstieß. Er nahm 1977 an den Aktionen gegen die Auslieferung von Klaus Croissant, dem Anwalt der Baader-Meinhof-Gruppe, an den westdeutschen Staat teil.

Will man hier eine Klammer zwischen beiden Foucaults, dem Gelehrten und dem Agitator, sehen, so war es offenbar seine feste Überzeugung, dass sich aller sinnvolle und erfolgreiche Widerstand und Protest allemal auf das gewissenhafte Studium der Tatsachen gründen müsse. „Die Herstellung von Verbindungen zwischen Denkbewegungen, der Analyse von Institutionen und der Problematisierung des persönlichen, individuellen Alltagslebens“, zitiert ihn Eribon, „verleiht jener Bewegung Kraft, die dafür sorgt, dass die Ideen, die Institutionen und das Bild, das man sich von sich selbst und anderen hat, sich verändert“ (481).

Am 8. September 1978, dem „Schwarzen Freitag“, richtete die Armee des persischen Schahs in Teheran ein Blutbad an. „Nahezu viertausend Tote waren der Preis“ (455). Im Auftrag der italienischen Zeitung Corriere della sera, für die Foucault eine Reihe von Beiträgen geschrieben hatte, flog er nach Teheran, um über die Unruhen zu berichten. Er gewann den Eindruck, dass der Massenprotest gegen das Schah-Regime nicht als rückwärts gewandter Protest gegen die Modernisierung zu verstehen sei, wie ihn die Vertreter der Moderne interpretierten. „Alt ist hier im Iran vor allem der Schah … er träumt den überholten Traum, sein Land durch Säkularisierung und Industrialisierung zu öffnen. Archaisch ist heute sein Modernisierungsprojekt, seine waffenstarrende Despotie, sein korruptes System. Archaisch ist dieses Regime“ (460). Im Iran sprach Foucault mit zahllosen Leuten, mit Führern der Opposition, mit Mullahs und Ayatollahs, mit Studenten und Passanten und stellte immer die selbe Frage: „Was wollt ihr?“ Und er erhielt die immergleiche Antwort: „Eine islamische Regierung“ (460). Ist, so fragte sich Foucault, dieser Wille zum islamischen Staat „als Versöhnung anzusehen oder als Widerspruch oder als Schwelle zu etwas Neuem?“ (461). Diesen gemeinsamen und unbedingten Willen, den er überall erfuhr, deutete er als etwas, was „bei uns seit der Renaissance und den großen Krisen des Christentums in Vergessenheit geraten ist, das Ziel einer politischen Spiritualität nämlich“ (461). Zurück in Paris schien Foucault „geradezu darauf (zu) brenn(en), die Persönlichkeit des Ayatollah Chomeni zu sehen, „deren bloßer Name bereits Millionen von Menschen in Bewegung setzt und die sich durch nichts aufhalten lassen, nicht einmal durch die Maschinengewehre einer Diktatur“ (462). Er erkenne darin „die Kraft eines mystischen Stroms“, der zwischen diesem alten, im Exil lebenden Mann und seinem Volk fließt, „das nach ihm ruft.“ (463). Vielleicht, spekuliert Foucault, ist diese Bewegung „die erste große Erhebung gegen die weltumspannenden Systeme, die modernste und irrsinnigste Form der Revolte“ (464). Ob sich diese Revolte aus dem „Geist des Islam“ zum Guten oder Schlechten wendet – Foucault war offenbar fasziniert von der Kraft dieses „mystischen Stroms“. Als Folge dieser Erfahrung, erzählt Bani Sadr, der erste Präsident der islamischen Republik, später, beschloss Foucault, „über den Begriff der Macht nachzudenken“ (464).

Nach dem Staatsstreich in Polen 1981 verfasste Foucault gemeinsam mit Pierre Bourdieu einen Aufruf an die neue linke Regierung unter Mitterand, im Sinne der Menschenrechte Stellung zum Verbot der Solidarnosc durch den polnischen General Jaruzelski zu nehmen, der in Frankreich eine ungeheure Wirkung haben sollte, die Regierung mit Beteiligung der KPF in große Verlegenheit stürzte und die „Einheit der Linken“ (489) an den Rand des Zusammenbruchs brachte. Er fuhr auf den Spuren seiner Vergangenheit nach Warschau, um dort Lech Walesa – vergeblich – im Gefängnis zu besuchen. Dieses Engagement für die „große Sonne der polnischen Freiheit“ (497) wurde allerdings, so Eribon im Rückblick, „die letzte Betätigung Michel Foucaults“ (496) auf dem Feld der Politik.

In den letzten Jahren machten sich bei Foucault eher Skeptizismus und Resignation breit. Er vermisste zunehmend die intensiven Debatten, das Ringen um Wahrheit und beklagte den Niedergang der „kritischen Funktion“ (477): „Der Meinungsaustausch, die Diskussionen und eventuell sogar die recht lebhafte Auseinandersetzung in Bezug auf unterschiedliche Ideen haben keinen Ort mehr, an dem sie sich zum Ausdruck bringen können“ (478 f.). Die Zeitschriften seien nicht mehr dieser Ort; sie seien entweder sektiererisch oder zu „Stützpunkten eines faden Eklektizismus“ (478) geworden. Und auch die Universitäten sah er auf dem „Rückzug“ (479) zu sich selbst.

In dieser Zeit wurden die USA zum Schwerpunkt seines Lebens. Dort hielt er viele Vorträge über allerlei Themen, hatte aber einen schweren Stand, weil seine Philosophenkollegen wie auch die Presse seine „opaken“ Theorien als „frag fog“, als „Nebel von Frosch-Essern“ (513) bespöttelten, Konservative ihm seine radikalen Positionen zum Vorwurf machten und ihm „die – sehr zahlreichen – Marxisten den verzweifelten ‚Nihilismus’“ (512) zuschrieben. Und dennoch musste alle Welt zur Kenntnis nehmen, dass der Name ‚Foucault‘ mittlerweile ganze Studentenmassen in die Hörsäle von Stanford, Berkeley und selbst von Burlington in den Wäldern Vermonts lockte (512). Zudem nutzte er die von ihm hoch gelobten amerikanischen Bibliotheken, um seine letzten Werke über den „Gebrauch der Lüste“ und die „Sorge um sich“ fertigzustellen.

„Die Vereinigten Staaten“, so Eribon, „– für Michel Foucault ist das die Lust an der Arbeit. Aber es ist auch die Lust schlechthin.“ Er genoss die Freiheit in New York und San Francisco mit ihren vitalen Homosexuellenvierteln. Diese „Möglichkeit, unseren Körper als mögliche Quelle für eine Mannigfaltigkeit von Lüsten zu gebrauchen,“ schrieb er, „ist etwas sehr Wichtiges“. Rückhaltlos gab er sich der SM-Sexualität hin (516). „Seit Beginn der achtziger Jahre“, beschreibt Eribon diese Lebensphase, „versucht er ganz ernsthaft, Frankreich und Paris hinter sich zu lassen, die er zunehmend schwerer erträglich findet, und sich in den Vereinigten Staaten einzurichten … Sonnenüberflutet, wunderbar.“ (519) Er trug sich mit dem Gedanken, das Collège de France zu verlassen, und sagte, wie Pierre Bordieu berichtet, dass er am Beginn des Jahres 1984 mit Sicherheit „meine Vorlesung nicht wiederaufnehmen“ (530) werde.

Am 2. Juni 1984 wurde Foucault in seiner Pariser Wohnung ohnmächtig und ins Krankenhaus gebracht. Er starb am 25. Juni an der neuen Krankheit AIDS. Auf Wunsch seiner Mutter, Madame Foucault, wurde er kirchlich auf dem Friedhof von Vondeuvre bestattet.

Wie anfangs gesagt, gelingt es Eribon in seiner Biographie vorzüglich, Foucaults geistige Arbeit, wie sie sich in seinen Texten über den Wahnsinn, die Macht und dann die Sexualität niedergeschlagen hat, mit seinem persönlichen Erfahren und Erleben zu verbinden. Folgt man der Biographie, so war es offenbar gerade diese Verbindung bzw. Spannung zwischen Foucaults impulsiver, zerrissener und grenzüberschreitender Persönlichkeit und der gründlichen und umsichtigen Gelehrsamkeit, die seine Werke kennzeichnen, die Foucault zu einem der kreativsten Denker des 20. Jahrhunderts gemacht hat.

Balibar – Rasse, Geschlecht, Gattung

Étienne Balibar

Rasse, Geschlecht, Gattung

Zur Frage der anthropologischen Differenzen

herausgegeben und mit einem Nachwort ergänzt von Manuela Bojadžijev und Ivo Eichhorn

Tb., 281 Seiten, 24,- €

Berlin 2025 (Suhrkamp Verlag)

von Marija Bogeljic-Petersen

Im Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe widmet Étienne Balibar den ersten Abschnitt mit dem Untertitel „Entgegengesetzte Traditionen“ den unterschiedlichen Wegen, auf denen die philosophische Anthropologie sich in Deutschland und Frankreich entwickelt habe. Die Idee einer philosophischen Anthropologie, die sich mit der Frage nach dem Menschen und seiner spezifischen Stellung beschäftigt, habe spätestens im 17. Jahrhundert Eingang in die europäische Philosophie gefunden und sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch Max Scheler ausdrücklich zu einem philosophischen Forschungsprogramm gemacht worden. In Deutschland habe sie daraufhin eine breite Debatte ausgelöst, in der sich verschiedene philosophische Schulen – von den Neukantianern bis zu Heidegger und später Gehlen und Plessner – mit der Frage nach dem menschlichen Wesen und der Condition humaine auseinandergesetzt hätten. Heidegger habe die Gleichsetzung von Philosophie und Anthropologie zwar ausdrücklich zurückgewiesen; mit seiner Bestimmung des Daseins und der „ontologischen Differenz“ jedoch zugleich selbst eine Antwort auf die Frage nach dem spezifisch Menschlichen nahegelegt.

Für Frankreich beschreibt Balibar eine grundsätzlich andere Entwicklung. Dort sei die Idee einer philosophischen Anthropologie zunächst ausdrücklich verworfen worden. Seine Generation sei in einem intellektuellen Umfeld geprägt worden, in dem verschiedene Strömungen – Heidegger, der französische Hegelianismus, die strukturalistische Anthropologie Lévi-Strauss’ sowie die Kritik des theoretischen Humanismus von Althusser und Foucault – zur Ablehnung einer philosophischen Bestimmung des Menschen beigetragen haben. Entscheidend sei dabei die Vorstellung gewesen, dass jeder Diskurs über ein „eigentliches Wesen“ des Menschen Gefahr laufe, zugleich Normen für das Verhalten von Individuen und Gruppen festzuschreiben. Foucault habe diese Kritik zudem mit einer Genealogie der Kategorien verbunden, durch die der Mensch zugleich als Subjekt und Objekt der Erkenntnis untersucht wurde. Balibar betont schließlich, dass er philosophische Anthropologie und theoretischen Humanismus später nicht mehr als synonym oder notwendig miteinander verbunden betrachtet hat. Gerade diese Unterscheidung habe es ihm ermöglicht, die Frage nach den „anthropologischen Differenzen“ weiterzuverfolgen. Angeregt worden sei diese Beschäftigung ursprünglich durch die zeitgenössischen Debatten über die Mutationen des Rassismus. Dabei habe sich sein Interesse allmählich auf eine allgemeinere Frage ausgeweitet: auf die gesellschaftlichen Bedingungen und Mechanismen, durch die Vorstellungen des „Menschlichen“ konstruiert bzw. zerstört wurden.

Die für das Buch ausgewählten Aufsätze entstanden zwischen 2004 und 2024. Die ersten drei – Elektion/Selektion; Differenz, Andersheit, Exklusion sowie Das genealogische Schema: Rasse oder Kultur? – behandeln aus unterschiedlichen, sich ergänzenden Perspektiven die Frage, wie Rassismus als ein für die bis heute hegemoniale, wenn auch zunehmend umstrittene „westliche“ Moderne konstitutiver Diskurs zu verstehen ist. Die wechselnde Verwendung des Begriffs „Rasse“ erscheint dabei lediglich als ein Beiprodukt eines tieferliegenden Mechanismus. Balibar ist an dieser Verankerung seiner Arbeit in einer zugleich philosophischen und politischen Fragestellung gelegen. Der Rassendiskurs als „Aufteilung des Menschlichen“ – als Unterteilung der Spezies, Hierarchisierung von Gruppen und Individuen und als Oszillation zwischen Ausbeutung und Auslöschung – sei für ihn prototypisch für jene Verfahren, die Vorstellungen von Differenzen mit Machtbeziehungen und universellen Herrschaftsstrukturen verbinden. Als Balibar in den 1980er Jahren begann, sich mit Rassismus zu beschäftigen, verschob sich die Form des Rassismus vom biologischen zum kulturellen. Dieser Wandel sei theoretisch durch die postkoloniale Kritik und praktisch durch die Stigmatisierung von Immigrant:innen aus dem globalen Süden geprägt gewesen, die in den Gesellschaften des globalen Nordens zunehmend ein neues Proletariat bildeten. Der Begriff der „anthropologischen Differenz“, dessen er sich dabei zu bedienen begann, habe es ihm ermöglicht, die Kontinuität hinter der Veränderung vom biologischen zum zivilisatorischen (kulturellen?) Vokabular sichtbar zu machen.

Damit lässt sich für Balibar verstehen, dass Rassen stets das Ergebnis einer „Rassialisierung“ sind – der Konstruktion von Individuen und sozialen Beziehungen entlang bestimmter Differenzen. In ihr verbinden sich politische und ökonomische Herrschaft: Sie teilt die bürgerliche Gemeinschaft, disqualifiziert einen Teil ihrer Mitglieder und steht zugleich in engem Zusammenhang mit den Formen der Arbeitsteilung im globalisierten Kapitalismus. Darüber hinaus versteht Balibar Rassismus als eine „interne Ergänzung“ des Nationalismus. Dieser könne in Krisenmomenten seine Funktion als integrierende Ideologie des Nationalstaates und als Medium eines gemeinschaftlichen Konsenses nur aufrechterhalten, indem er bestimmte „fremde Körper“ ausschließt. Rassismus ermögliche so zugleich die Regulierung der Bevölkerung und die Neutralisierung gesellschaftlicher Konflikte. Angesichts des Wiederauflebens und der Radikalisierung nationalistischer Bewegungen erscheint diese These aktueller denn je. Wo immer „Rassenformationen“ in historische Herrschafts-, Diskriminierungs- und Vernichtungssysteme eingebunden seien, zeigten sich nach Balibar gewaltsame Formen der Verallgemeinerung und Normalisierung anthropologischer Differenzen. Darin liegt für ihn die Möglichkeit eines philosophisch-anthropologischen Diskurses, der nicht nach dem „Wesen“ des Menschen fragt und auch kein humanistisches Zivilisationsideal entwerfen will, sondern die Gewalt sichtbar macht, die bereits in den Definitionen des Menschen selbst angelegt sein kann. Unterscheidungen wie ‚männlich und weiblich‘, ‚stark und schwach‘ oder ‚gesund und krank‘ seien demnach niemals bloß neutrale Beschreibungen: Sie strukturieren Wahrnehmungen, ordnen Menschen bestimmten Kategorien zu und können so zur Grundlage von Gruppenbildungen, Identitäten und Ausschlüssen werden.

Außerdem beziehen anthropologische Differenzen ihre Grundlage immer wieder aus der Abgrenzung des Menschen von der Natur, dem Göttlichen oder der Maschine. Doch die Grenzziehung zwischen dem Menschen und seinem jeweiligen „Anderen“ schlägt dabei immer wieder in Unterscheidungen und Hierarchien innerhalb der Menschheit um. Rassismus erscheint bei Balibar folglich nicht als ein abgrenzbares gesellschaftliches Problem, auf das sich universelle Kategorien von außen anwenden ließen, sondern als eine grundlegende philosophische Frage. An ihm zeige sich das ambivalente Verhältnis von Philosophie und Anthropologie: Philosophie könne sich nicht darauf beschränken, Definitionen des „Menschlichen“ zu analysieren, ohne zugleich ihre eigene Beteiligung an deren Hervorbringung und damit auch an der Möglichkeit von Unmenschlichkeit zu reflektieren. Die Frage nach dem Rassismus führt damit zurück auf eine grundlegendere Frage nach der Macht von Unterscheidungen selbst – und danach, wie aus anthropologischen Differenzen gesellschaftliche Hierarchien und Formen des Ausschlusses entstehen. Rassismus bestehe auch dort fort, wo die biologische Vorstellung von „Rassen“ längst aufgegeben wurde. An die Stelle des naturalistischen tritt ein soziales und kulturelles Paradigma, das Differenzen über Herkunft, Kultur oder Identität begründet. Entscheidend ist dabei nicht mehr ihre biologische Begründung, sondern die Vorstellung grundlegender, vererbter und kaum überschreitbarer Gruppendifferenzen. Der „Rassismus ohne Rasse“ reproduziert damit eine alte Logik in neuer Sprache: Kulturelle Differenzen werden mit territorialen Zuordnungen und der Vorstellung einer quasi- oder pseudokollektiven Genealogie verbunden. Anthropologische Hierarchien können so fortbestehen, obwohl ihre biologische Begründung verschwunden ist.

Die nächsten drei Aufsätze – Bürgerliche Universalität und anthropologische Differenzen; Ontologische Differenz, anthropologische Differenz und Gleichfreiheit sowie Intersektionalität und anthropologische Differenzen – untersuchen das Verhältnis von anthropologischen Differenzen, Staatsbürgerlichkeit, Gleichheit und Intersektionalität. Für Balibar ist die Frage der Differenz von Anfang an mit der modernen Staatsbürgerlichkeit verbunden. Unterschiede etwa nach Geschlecht, „Rasse“, Ethnie, Alter oder psychischer und moralischer Normalität markieren jene Grenzen, an denen der Anspruch auf universelle Rechte von innen her eingeschränkt wird. Der Universalismus erweist sich damit als widersprüchlich: Er beansprucht Gleichheit für alle und produziert doch zugleich Ausschlüsse, indem er festlegt, wer überhaupt als gleichberechtigtes Subjekt gilt. Aus der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 entwickelt Balibar hierfür den Begriff der „Gleichfreiheit“: Gleichheit und Freiheit seien keine voneinander zu trennenden Werte, sondern bedingten einander politisch. Zugleich bleibe auch der universelle Anspruch der Französischen Revolution an eine konkrete politische Geschichte und Sprache gebunden und könne daher nicht einfach als allgemeingültiges Modell vorausgesetzt werden. Emanzipation bedeutet für Balibar deshalb weder die Aufhebung aller Differenzen zugunsten einer abstrakten Gleichförmigkeit noch ihre Festschreibung als unveränderliche Identitäten. Entscheidend sei vielmehr, wie Differenzen gesellschaftlich hergestellt, institutionell verankert und mit Macht verbunden werden. Gerade darin liege ihr politischer Charakter: Differenzen sind nicht nur Gegenstand von Herrschaft; sie sind zugleich der Ort, an dem um Gleichheit und Freiheit gekämpft und ihre Grenzen neu bestimmt werden. Die „Gleichfreiheit“ ist heute als grundlegendes Prinzip in den Verfassungen zahlreicher Staaten und, nach den Erfahrungen des Faschismus und im Zuge der Dekolonisierung, auch in supranationalen Ordnungen verankert. Zugleich steht ihr universeller Anspruch in Spannung zu den fortbestehenden Herrschaftsverhältnissen, Diskriminierungen und sozialen Hierarchien. Dieser Widerspruch liegt für Balibar in der Gleichfreiheit selbst: Bürgerschaft sei kein bloß verliehener Status, sondern ein Verhältnis zwischen Gleichen, das sich in der wechselseitigen Anerkennung und Ausübung von Rechten verwirkliche. Sie begründe damit eine horizontale Souveränität und löse den Untertan durch den Bürger ab.

Diese Bewegung bezeichnet Balibar als „Bürger-Werden des Subjekts“ oder als die aufständische Seite der Bürgerschaft. Doch Gleichfreiheit kann nur verwirklicht werden, indem sie institutionell konkretisiert und damit zugleich begrenzt wird. In diesem Prozess entsteht die konstitutionelle Seite der Bürgerschaft, das „Subjekt-Werden des Bürgers“: Rechte werden an bestimmte Voraussetzungen und institutionelle Ordnungen gebunden, etwa an Eigentum oder nationale Zugehörigkeit. Die Verfassung verwirklicht die Gleichfreiheit somit nicht einfach, sondern bestimmt zugleich, wer unter welchen Bedingungen als gleich gilt. Gerade darin liegt die zentrale Dialektik: Die Institutionalisierung der Gleichfreiheit ist ihre notwendige Verwirklichung und zugleich ihre Begrenzung. Die dadurch entstehenden Ausschlüsse können wiederum im Namen eben jener Gleichfreiheit angefochten werden, auf der die Ordnung beruht. Balibar verdeutlicht dies anhand der Marx’schen Kritik der Menschenrechte: Die rechtliche Freiheit und Gleichheit der Lohnarbeit verdecke, dass diejenigen, die nur ihre Arbeitskraft besitzen, faktisch auf deren Verkauf angewiesen seien. Die rechtliche Gleichheit reproduziere damit ein ökonomisches Ungleichheitsverhältnis. Der „Aufstand“ steht für Balibar daher nicht einfach außerhalb oder gegen die „Verfassung“. Er bezeichnet vielmehr die Bewegung, durch die die in der Verfassung behauptete Gleichfreiheit gegen ihre eigenen Begrenzungen geltend gemacht und erweitert wird. Die Bürgerschaft bleibt damit in einer dauerhaften Spannung zwischen ihrer institutionellen Form und ihrem emanzipatorischen Anspruch – in einer Dialektik von Aufstand und Verfassung.

Im jüngsten Aufsatz des Bandes von 2024 Intersektionalität und anthropologische Differenzen nimmt Balibar die Intersektionalitätsdebatte zum Ausgangspunkt, um sie aus der Perspektive der anthropologischen Differenzen neu zu bestimmen. Dabei unterscheidet er zwei Modelle: die Addition bzw. Akkumulation verschiedener Herrschaftsverhältnisse und ihre Fusion bzw. Integration. Beide greifen seines Erachtens zu kurz, wenn sie Machtverhältnisse lediglich als sich überlagernde oder miteinander verschmelzende Strukturen begreifen. Entscheidend sei vielmehr, dass diese Verhältnisse Identitäten nicht nur festlegen und hierarchisieren, sondern sie zugleich hervorbringen, verändern und destabilisieren – sowohl innerhalb individueller Existenzen als auch innerhalb und zwischen Kollektiven. Daraus entwickelt Balibar eine zentrale These: Emanzipation kann nicht darin bestehen, bestehende Identitäten aus ihren jeweiligen Unterdrückungsverhältnissen zu „befreien“. Sie muss vielmehr die Subjekte und ihre Handlungsmöglichkeiten selbst verändern. Emanzipation ist deshalb notwendig transindividuell. Ein politisches Kollektiv entsteht nicht aus bereits feststehenden Identitäten, sondern im gemeinsamen Handeln von Menschen, deren Unterschiede fortbestehen und immer wieder neu ausgehandelt werden. Solidarität bedeutet folglich nicht, diese Unterschiede aufzuheben, sondern gemeinsames Handeln zu ermöglichen, ohne daraus eine einheitliche Identität zu machen. „Intersektionalität“ bezeichnet für Balibar folglich weder einen gegebenen Zustand noch eine fertige politische Strategie. Sie bezeichnet einen offenen Transformationsprozess: Emanzipation beginnt innerhalb der bestehenden Verhältnisse und vollzieht sich nicht als plötzlicher Sprung in eine andere Welt, sondern als nie abgeschlossener Übergang. Aus den miteinander verflochtenen Formen der Herrschaft müssen neue, ebenso vielfältige Formen von Handlungsmacht hervorgehen. Der politische Prozess verändert damit nicht nur die Bedingungen, unter denen Subjekte handeln, sondern auch die Subjekte selbst. Der entscheidende Unterschied liege also darin, ob Identifikationen als festgelegte und zwingende Identitäten verstanden werden oder als offene, veränderbare und damit grundsätzlich fragwürdige Identifikationen. Emanzipation bedeutet in diesem Sinne nicht, eine endgültige Antwort auf die Frage nach der eigenen Identität zu finden, sondern Identifikationen in Fragen zu verwandeln – und sie damit für Veränderung offenzuhalten.

Den letzten Aufsatz des Bandes Zum Menschengeschlecht gehören. Eines als viele bezeichnet Balibar im Vorwort als eine „nachträgliche Neuausrichtung der anthropologischen Frage … als abschließende Eröffnung“. Angeregt durch die Erfahrung der Covid-19-Pandemie fragt er, was es heißt, zum Menschengeschlecht, zur menschlichen Spezies zu gehören – und was „Zugehörigkeit“ bedeutet, wenn sie nicht nur ein Verhältnis der Individuen zu einem gemeinsamen Ganzen bezeichnet, sondern auf diese selbst zurückwirkt. Diese Frage sei zugleich politisch, genauer: metapolitisch, weil sie die allgemeinsten Formen menschlicher Institutionalisierung auf planetarischer Ebene berühre. In ihr liege zudem eine semantische Spannung: Zugehörigkeit könne bedeuten, Teil eines Ganzen zu sein, aber ebenso, jemandem oder etwas zu gehören. Damit stelle sich auch die Frage nach dem Menschengeschlecht als möglichem Besitzer oder Eigentümer seiner selbst.

Balibar geht davon aus, dass diese formal gleichbleibende Frage im Laufe der Geschichte ihren Bedeutungsrahmen mehrfach grundlegend verändert habe. Heute vollziehe sich erneut ein solcher Wandel – zum einen angesichts der ökologischen Katastrophe und der wissenschaftlichen Bestimmung des Anthropozäns, zum anderen durch die Erfahrungen und politischen Lehren der Pandemie. Daraus entwickelt er vier miteinander verbundene Thesen: Erstens bedeutet die Zugehörigkeit zur menschlichen Spezies die Zurückweisung der historischen Verleugnung des Menschseins; der Tatsache, dass immer nur bestimmten Menschen der Status des Menschen zuerkannt worden ist und diese Ausschließung bis in die Gegenwart fortwirkt. Zweitens verlangt sie die Aufnahme eines aktiven und passiven Solidaritätsverhältnisses, das durch die Pandemie besonders deutlich geworden sei und nach einer Kosmopolitik der Spezies verlange. Drittens verweist die wechselseitige, wenn auch asymmetrische Abhängigkeit des Menschen von anderen Lebewesen darauf, dass menschliche Existenz niemals nur einer einzigen Spezies angehört. Und viertens bedeutet Zugehörigkeit zugleich eine Differenz zu uns selbst: in unseren sozialen Beziehungen, in denen wir einander ergänzen, beherrschen und verletzen, bleiben wir selbst instabil und werden fortwährend zu Anderen.

Aus diesen vier Thesen ergibt sich Balibars eigentliche Pointe: Zum Menschengeschlecht zu gehören sei keine vorgegebene Eigenschaft und kein Zustand, den wir einfach vorfinden. Es sei eine konflikthafte Praxis, in der sich überhaupt erst entscheidet, wer als Mensch gilt, wem Solidarität zukommt und welche Beziehungen zwischen Menschen und anderen Lebewesen möglich sind. Das Menschengeschlecht existiere daher weder als fertige biologische Tatsache noch als bereits verwirklichte Gemeinschaft; es werde hergestellt, immer wieder infrage gestellt und neu bestimmt. Das Inhumane sei folglich nicht das Außen des Humanen, sondern eine Möglichkeit, die in seinen eigenen Beziehungen und Institutionen fortbesteht. Gerade deshalb stehe die Zugehörigkeit zum gemeinsamen Menschengeschlecht in jedem Konflikt erneut auf dem Spiel.

Étienne Balibar will in diesem Buch aufzeigen, dass das Menschliche keine feste Gegebenheit ist, sondern gesellschaftlich hergestellt und immer wieder infrage gestellt wird. Seine Stärke liegt darin, die Widersprüche des Universalismus und die Gewalt sichtbar zu machen, die in der Herstellung von Differenzen steckt. Doch je weiter er den Begriff der Emanzipation ausdehnt, desto abstrakter wird seine politische Perspektive: Aus der präzisen Analyse von Ausschluss und Herrschaft entsteht am Ende vor allem die Forderung, Gleichfreiheit immer wieder neu zu erkämpfen.

Gabriel – Moralische Tatsachen

Markus Gabriel

Moralische Tatsachen

Warum sie existieren und wie wir sie erkennen können

geb., 464 Seiten, 36,- €

München 2025 (C.H. Beck-Verlag)

von Bernhard Schindlbeck

„Hauptmann: Woyzeck, Er hat keine Moral! Moral, das ist,

wenn man moralisch ist, versteht Er. Es ist ein gutes Wort.“

(Georg Büchner, Woyzeck)

Einigermaßen berühmt ist der Anfang von John Leslie Mackies Ethik, deren erster Satz ganz lapidar lautet: „Es gibt keine objektiven Werte.“ Laut Wolfgang Stegmüller ist sie das „am besten durchdachte subjektivistische System“ der Ethik. Es steht in der Tradition von Pyrrhon von Elis und Sextus Empiricus, von Montaigne, Hume, Nietzsche, Ayer und Wittgenstein („Es ist klar, daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt.“), die alle die Möglichkeit der Objektivität moralischer Urteile bezweifeln. Ihnen zum Trotz und auch wenn heute die Welt in einem Chaos aus Krisen und Kriegen versinkt, wenn alle sogenannten Werte, alle Normen und Regeln sich aufzulösen drohen wie der weiße Zucker im schwarzen Kaffee, verkündet Markus Gabriel: Und es gibt sie doch! Es gibt die objektiven Werte und moralischen Tatsachen! Es muss sie geben. Und noch viel mehr: Sogar einen moralischen Fortschritt gibt es. Auch wenn es ganz und gar nicht so aussieht, die Menschheit wird immer besser im Erkennen der moralischen Tatsachen.

Na gut, denkt man sich, irgendjemand muss ja auch mal ein wenig Optimismus verbreiten. Vielleicht ist es ja das letzte Residuum, das der (ansonsten nutzlosen) akademischen Philosophie verblieben ist, warum also nicht? Schon 2024 nannte Gabriel sein moralphilosophisches Buch Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Diese als populärwissenschaftlich eingeordnete Schrift unterfüttert er nun ontologisch mit seinem im Buch Sinn und Existenz (2016) grundgelegten „neuen Realismus“, d.h. seiner „Sinnfeldontologie“. Er will der Moral nicht nur ein fundamentum in re geben; er erklärt sie in seiner Neuerfindung des moralischen Realismus gleich zu einer Wirklichkeit sui generis, zur Sache selbst. Der Trick dabei ist ziemlich einfach. „Zu existieren heißt, in einem Sinnfeld zu erscheinen“, definiert Gabriel in Sinn und Existenz, und: „Was in einem Sinnfeld erscheint, ist ein Gegenstand.“ Ferner: „Gegenstände existieren nur in Sinnfeldern.“ Und somit gibt es nichts, was nicht (wie etwa ein Salzfass, Gott, Darth Vader oder das Einhorn) in einem Sinnfeld erscheinen könnte. Man erinnert sich an Quines Feststellung (von 1948), dass das Problem der Ontologie mit drei Wörtern beschrieben werden könne: „Was gibt es?“ Und diese Frage lasse sich mit einem einzigen Wort beantworten: „Alles“. Dieses Bonmot wird durch Gabriels Sinnfeldontologie noch überboten. Denn auch jede Schimäre, alles nur Imaginierte existiert, weil es in einem Sinnfeld vorkommt. Sogar der quadratische Kreis, allein weil wir mit dem sprachlichen Ausdruck nach ihm fragen und anschließend die Existenz negieren können, kommt in einem Sinnfeld vor und existiert, obwohl wir wissen, dass es ihn nicht geben kann. Haben wir es mit einer Ontologie zu tun, die die Logik unterläuft? Nur „die Welt“ als umfassende Totalität gibt es in ihr nicht. (Dass wir „nie das Ganze des Seienden an sich absolut erfassen“, erklärte uns zwar schon Heidegger 1929 in seiner Freiburger Antrittsvorlesung Was ist Metaphysik?, und bereits Kant hatte in seiner ersten Kritik geschrieben, dass die Welt „nur im empirischen Regressus der Reihe der Erscheinungen und für sich selbst gar nicht anzutreffen“, somit „niemals ganz gegeben“ sei. Aber erst Gabriel machte mit seinem Warum es die Welt nicht gibt 2013 einen Spiegel-Bestseller daraus.) Dass es die Welt nicht gibt, hat, wie sich im letzten Kapitel zeigt, sogar etwas beruhigendes, denn: „Die Welt kann nicht untergehen, weil es sie niemals gab“ (332).

Da nun aber auch Sinnfelder „existieren“, muss auch wohl jedes spezifische Sinnfeld in einem anderen Sinnfeld erscheinen, und dieses ebenso, so dass sich die Sinnfelder unendlich iterieren. Das ist für Gabriel kein Einwand, denn es gibt ohnehin „indefinit viele Sinnfelder“. Einigermaßen problematisch ist allerdings der Sinnbegriff, den sich Gabriel (zum Teil) von Frege entlehnt (44 f. und 50 f.), wobei er aber zum einen einfach ausklammert, dass schon Freges sprachlogischer Sinnbegriff unbefriedigend ist, und zum anderen die existenziell-lebensweltliche Dimension des Sinnbegriffs in seiner Ethik unterschlägt. Sinn ist eben weit mehr als nur eine Art des Gegeben-Seins von Zeichen (Namen, Wortverbindungen, Sätze, Schriftzeichen). Dass die inzwischen doch recht abgenutzte Feld-Metapher hier wieder einmal überdehnt wird, sei nur am Rande bemerkt.

Ein einfacher Verfahrenstrick Gabriels besteht im Definieren nach dem Muster Unter z verstehe ich ein x, das y ist. „Unter einer Situation werde ich ein Sinnfeld verstehen, in dem sich Personen befinden, an die normative Erwartungen adressiert werden“ (39). – „Offensichtliche moralische Tatsachen sind solche, die faktisch niemand sinnvoll bestreitet“ (60). – „Akteure sind solche Lebewesen, die für die normative Spannung einer Situation empfänglich sind“ (186). – „Fortschritt ist wünschenswerter sozialer Wandel, Verbesserung der Verhältnisse“ (210). – „Moralischer Fortschritt ist eine bestimmte Form des positiven sozialen Wandels, namentlich derjenige, die an den ethischen Werten des Guten, Bösen und Neutralen bemessen wird“ (208). – „Das Böse ist eine partielle Abweichung vom Guten, so wie das Falsche eine partielle Abweichung vom Wahren ist“ (61). – „Arbeit ist dann entfremdet, wenn sie nicht mehr der Ausbildung der Fähigkeiten dient“ (148). – „Freiheit ist die Dimensionen [sic] unserer Handlungen, in der wir unser Selbst kontinuierlich bestimmen“ (254). Und so weiter.

Dass die Gut-Böse-Dichotomie und der daran angebundene Freiheitsbegriff ein Schellingsches Erbe sind, wird schnell erkennbar – und am Ende des Buches explizit bekräftigt: „Das Gute bedarf des Bösen nicht, um zu sein. Es existiert im Kontrast zu ihm, der durch unsere Freiheit aufgespannt ist, die, um mit Schellings Einsicht zu schließen, das ‚Vermögen des Guten und des Bösen‘ ist.“ (ebd.)

Man muss also nur die eigenen Definitionen (begrifflichen Festlegungen) so anlegen und gegebenenfalls nachjustieren, dass man dann alles, was man zeigen („beweisen“) möchte und für das Theoriegebäude braucht, daraus deduzieren, zumindest aber damit kompatibel machen kann. Ganz nach Maß und zumeist ad hoc, nämlich dann, wenn er gerade eine passende Definition braucht, definiert Gabriel etwa Existenz, Gegenstand, Wert, Ethik, Moral, Politik, Gesellschaft, Mensch, Person, Freiheit, Handlung, das Gute, Wirklichkeit, Situation, entfremdete Arbeit, Kapitalismus etc. – und natürlich „Tatsache“. Was ist eine Tatsache? Die Antwort fällt nicht ganz einfach aus: „Viele sinnvoll gestellte Fragen lassen sich beantworten. Eine Frage ist dabei insbesondere dann sinnvoll gestellt, wenn wir sie durch Angabe von Tatsachen beantworten können. Wer auf eine entsprechende Tatsachenfrage richtig antwortet, kennt die Wahrheit. Denn die Wahrheit lautet dann, dass es sich so und so verhält, und dass es sich soundso verhält, ist der Inhalt einer Tatsache“ (29). Üblicherweise hat eine Aussage (nicht eine Tatsache) einen Inhalt (nämlich das über die Tatsache ausgesagte). Leicht durchschaubar ist also der theoriestrategische Zweck der Behauptung, eine Frage sei „insbesondere dann sinnvoll gestellt, wenn wir sie durch Angabe von Tatsachen beantworten können.“ Natürlich sind auch jede Menge Fragen anderer Art sinnvoll gestellt. Aber Gabriel erschleicht sich mit dieser Behauptung, hinter der sich nichts anderes als die Abbildtheorie von Sprache und die Korrespondenztheorie der Wahrheit verbergen, wobei deren Problematiken durch die komplizierte Darstellungsform raffiniert verborgen werden, die Möglichkeit, die Differenz zwischen intellectus und res geschickt zu verwischen, sodass das ursprünglich nur im Denken seiende Sollen sich nun ontologisch in der Sachwirklichkeit auffinden lässt. So soll es möglich sein, „genuine ethische Urteile durch empirische Forschung zu stützen“, und es gibt „keinen ontologischen Graben zwischen Werten und Tatsachen, keine irgendwie geartete Dichotomie von Sein und Sollen, Faktizität und Geltung. Die Geltung ist selbst faktisch, das Sollen selbst ein Sein – nur nicht irgendein Sein, sondern eben das Sein des Sollens“ (58 f.). Den Ausdruck „Sein des Sollens“ findet man auch bei Hermann Cohen (Kants Begründung der Ethik, wo es sogar ein „Sollenssein“ genannt wird), aber eben nicht in einem ontologischen Sinn; es ist dort Erkenntnisgegenstand im transzendentalphilosophischen Sinn.

Alles, die Kaffeetasse, Gott, das Einhorn, das Sollen, hat also sein Sein. Und so unterläuft Gabriel von Anfang an Humes Diktum, dass es keinen Übergang vom Sein zum Sollen gibt (für das auch eine Anmerkung mit Hinweis auf Humes Treatise fehlt). Das Sollen wird einfach ontologisch objektiviert, wodurch es sich, so die Absicht, der Bestreitbarkeit entzieht. Zu Gabriels weiterer Strategie gehört auch, dass er schon in der Einleitung die „mit der modernen Willensmetaphysik verbundene formale Normativität“ (d.h. Kants und Fichtes Ethik) etwas plump abräumt. Sie „entlarvte sich wohlgemerkt schon in der ersten Welle der Kantkritik – man denke hier an Jacobis begründeten Nihilismusvorwurf und Hegels überzeugenden Nachweis, dass der Formalismus des kategorischen Imperativs dazu führt, dass dieser keine Anwendungsbedingungen in realen Situationen haben kann, als illusionär, geistert aber immer noch in der Ethik herum“ (10). Es fällt auf, dass trotz Gabriels ansonsten extensivem Anmerkungsapparat ausgerechnet hier ein Hinweis auf Hegels Naturrechtsaufsatz von 1802/1803 fehlt. Eine genaue Hegel-Lektüre würde nämlich zeigen, inwiefern Hegel selber schon den kategorischen Imperativ missversteht und der angebliche „Nachweis“ seine Überzeugungskraft sofort verliert. Die berühmten Anfangssätze von Kants Grundlegung („Es ist überall nichts in der Welt …“) und den guten Willen nennt Gabriel „eine abwegige Auffassung, die das Gute in die Verfügungsgewalt des Wollens stellt, das sich durch die Form seiner Selbstbehauptung für gut erklärt“; sie seien „der Sündenfall der Moderne. Kant hat damit wider Willen den voluntaristischen Positionen von Nietzsche bis in die Untiefen vulgärer Relativismen der Gegenwart Tür und Tor geöffnet“ (9). Solch abwegiges Missverständnis geht nicht ohne böswilligen Vorsatz, da von einer „Verfügungsgewalt des Wollens“ in der Grundlegung nun wirklich nicht die Rede sein kann. Obwohl also Kant zunächst eskamotiert wird, bedient Gabriel sich seiner, immer wenn es sich gerade anbietet, so zum Beispiel, wenn er die „Menschheitsformel des kategorischen Imperativs“ (gemeint ist die Selbstzweckformel aus der Grundlegung) etwa als „wegweisenden Beitrag zur ‚definition of morality‘“ (81) betrachtet. Und sogar bei der „Willensmetaphysik“ Kants macht er später „eine Anleihe“, wenn er „den Willen im Allgemeinen als das Vermögen versteht, ‚nach der Vorstellung der Gesetze, d.i. nach Prinzipien zu handeln‘“ (146). Wenige Zeilen später jedoch ist der Wille wieder nur „dasjenige, was wir zu tun oder zu unterlassen wünschen“ (147). Gelegentlich gebricht es der Argumentation also erkennbar an Kohärenz.

Tatsachen werden in Gabriels Ontologie in nicht-moralische und moralische Tatsachen unterschieden. Letztere wiederum in offensichtliche und nicht-offensichtliche. „Eine moralische Tatsache ist offensichtlich, wenn es keines weiteren Gedankens bedarf, um sie zu erkennen“ (315). Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass man jemandem, der dennoch einen weiteren Gedanken auf eine von Markus Gabriel behauptete „offensichtliche moralische Tatsache“ aufwendet, entweder Dummheit oder Bosheit unterstellen müsste. Aber gerade für Philosophen ist es doch typisch, dass sie lieber noch einmal über etwas nachdenken, statt sich mit einem ersten Eindruck zufriedengeben. Um ein weiteres Mal gegen Kant zu polemisieren, schreibt Gabriel: „Wer sich angesichts eines ertrinkenden Kindes noch fragt, ob er es dem kategorischen Imperativ zufolge auch wirklich retten soll, hat damit ‚einen Gedanken zu viel‘, um eine berühmte Formulierung von Bernard Williams aufzugreifen“ (62). Nur am Rande: Auch schon das „one thought too many“ von Williams zeugt von einem krassen Missverständnis, denn der kategorische Imperativ verlangt keine Begründung dafür, dass man in einer Situation diese oder jene Person zuerst rettet.

Nicht-offensichtliche moralische Tatsachen sind wegen ihrer Komplexität schwer zu erkennen. Dies wiederum ist nicht einer sozialen, politischen oder sonstigen „externen“ Komplexität geschuldet, sondern nur der moralischen. Diese macht die Erkenntnis schwer.

Für die offensichtlichen moralischen Tatsachen liefert Gabriel auf Seite 60 gleich mehrere – wie er sie nennt – „Paradebeispiele“ (130), und weil sich seine Liste „beliebig erweitern“ lasse, schließt er, dass es „indefinit viele offensichtliche moralische Tatsachen“ gibt (60). Deren Offensichtlichkeit ist jedoch durchaus zweifelhaft. Das vor dem Ertrinken aus niedrigem Wasser zu rettende Kleinkind leuchtet als Beispiel für unbedingtes Sollen (wie mit Fichte zu formulieren wäre) unmittelbar ein, aber weshalb soll das eine Tatsache sein? Tatsachen sind üblicherweise Ergebnisse eines Geschehens. Gabriels „moralische Tatsachen“ jedoch kommen nicht zustande, sondern bestehen immer schon als solche und müssen, sofern sie nicht schon offensichtlich sind, nur immer noch besser erkannt werden. Sie sind überzeitlich und repräsentieren damit (auch wenn Gabriel des nicht so nennt) das absolut Gute, dem „wir“ uns im Lauf der Geschichte, die natürlich kein Ende hat, annähern. Das ist also eine seltsame Melange aus Positivismus und Hegelianismus. Aufgrund der „Überzeitlichkeit moralischer Tatsachen“ (289) lässt sich auch nicht feststellen, woher sie kommen, wie sie entstanden sind, kurz: warum sie existieren. Ergo: Der Untertitel des Buches nimmt (vielleicht im Zielen auf Bestseller-Listen) den Mund etwas zu voll.

Die Rettung des in den Teich gefallenen Kindes soll erst noch geschehen, kann also keine Tatsache als Ergebnis eines Geschehens (einer Handlung) sein. Gabriel will natürlich das schon vor der Rettung bestehende Sollen als Tatsache ausgeben, was er jedoch nur im Modus der Behauptung tun kann. Diese wiederholt er dann ad nauseam; einmal bringt er den Ausdruck „offensichtliche moralische Tatsachen“ vier Mal auf einer halben Seite (64), was den Eindruck einer befremdlichen Mischung aus Influencertum und kindlichem Trotz erweckt. Und sogar im Schlusskapitel noch einmal: „Es gibt moralische Tatsachen. Einige sind offensichtlich, andere nicht“ (320). Rhetorik (hier repetitio) muss immer wieder für die mangelnde Plausibilität einspringen. Wiederholungen gehören überhaupt zu Gabriels beliebtesten rhetorischen Mitteln. „Wir sind in die moralischen Tatsachen eingeschrieben.“ (157) Das ist eigentlich trivial, denn die moralische Tatsache (MT) besteht ja in nichts anderem, als dass das Subjekt S etwas Bestimmtes φ tun soll: „(MT) S soll φ.“ (182; manche Philosophen erfreuen sich offensichtlich an solchen der Logiknotation nachempfundenen, aber überflüssigen Formalisierungen.) Die Banalität „Der Mensch gehört zum Inhalt der moralischen Tatsachen …“ wird auf derselben Seite gleich wiederholt: „Hierbei gehören Menschen zum Inhalt dieser Tatsachen, nicht aber etwa zum Wahrheitsprädikat“ (157). Und wenige Seiten später abermals: „Der Mensch (und damit Subjekte) ist Inhalt moralischer Tatsachen … “ (163).

Bei vielen der angeführten Beispiele für „offensichtliche moralische Tatsachen“ fällt auf, dass die verwendeten Worte so interpretationsbedürftig sind wie die jeweilige Situation. Bei der Behauptung: „Man soll niemandem mit einem Messer in den Hals stechen“ kann man sich ja fragen, ob der heute hoch verehrte Attentäter Graf Schenk von Stauffenberg am 20. Juli 1944 statt eine Bombe zu verwenden, nicht doch lieber ein Messer in Hitlers Hals stechen hätte sollen. Die indefinit lange Liste angeblicher moralischer Tatsachen weitet sich bei genügend Nachdenken also nur zu einer so endlosen wie zweifelhaften Kasuistik aus. Dass Situationen stets interpretationsfähig und -bedürftig sind, unterschlägt Gabriel, der es sich mit seinem prima facie unabweisbaren Beispiel sehr einfach macht. Dass das Kind gerettet werden muss, erschließt sich jedoch nur dem, der die Situation richtig versteht. Woher weiß man denn, dass das Kind im Teich tatsächlich am Ertrinken ist? Es kann ja sein, dass es nur Theater spielt, und möglicherweise hat man im Augenblick eine andere unaufschiebbare lebenswichtige Verpflichtung, die einer irrtümlichen Interpretation Vorschub leistet. Dies bringt dann auch die berühmten moralischen Dilemmata ins Spiel, von denen Gabriel schlicht behauptet, dass es sie nicht gebe. In Philippa Foots Trolley Problem (das er als „Weichenstellerfalle“ (92) bezeichnet, vielleicht weil es eine Falle ist, in die jeder moralische Realismus tappt) sieht er die „theoretische Pointe“ darin, „dass sie für jede formulierbare ethische Theorie Szenarien generiert, die sich nur durch Anerkennung moralischer Dilemmata modellieren lassen.“ Er konzediert aber, „dass sich beliebig viele moralische Dilemmata generieren lassen, die durch keine ethische Theorie gelöst werden können“ (94). Auch der Dialetheismus einer parakonsistenten Logik bietet hier keinen Ausweg, und so kommt Gabriel zur Abgrenzung genuin moralischer von existenziellen Dilemmata und Tragödien. Letztere sind uns allen geläufig, erstere dagegen kann es, „beweist“ Gabriel, nicht geben. „Gäbe es sie, wäre dies der Anfang vom Ende der Ethik. Moralische Dilemmata untertunneln die Ethik, bis sie kollabiert. Doch damit heben sie sich selbst auf“ (96). Überzeugend ist diese Begründung nicht. Moralische Dilemmata gibt es nur zusammen mit der Ethik, aber gleichzeitig, so Gabriel, destruieren sie die Ethik, und deshalb, d.h. ohne Ethik, kann es sie nicht geben. Man müsste eher sagen, sie enthalten einen performativen Selbstwiderspruch. Allerdings übersieht Gabriel zum einen, dass moralische Dilemmata am Schreibtisch ausgedachte (oft abstrus unrealistische) Szenarien sind und, falls sie im realen Leben tatsächlich vorkommen, existentiell-tragisch sind; zum anderen, dass sie nur seine eigene, seine ontologische Tatsachen-Ethik „untertunneln“, keineswegs die Ethik. (Foots Trolley-Beispiel zielt ja primär auf Utilitaristen, die mit Menschenleben rechnen wie mit Gegenständen und durch das Dilemma zur intuitiven Einsicht gebracht werden können, dass etwas nicht stimmt an ihrer teleologisch-kalkülisierenden Ethik.)

Mit seiner moralischen Tatsachen-Ontologie will Gabriel offensichtlich dem Sollen seinen merkwürdigen modalen unentschiedenen Status zwischen problematischem Urteil (Möglichkeit) und apodiktischem Urteil (Notwendigkeit) nehmen, durch den Sollens-Aussagen in den Ruch „bloßer“ Subjektivität geraten. Aber diese Ontologie ergeht sich selber nur in Behauptungen, die „das Sein des Sollens“ gegen Zweifel immunisieren wollen. Weil aber diese ontologisierende Moralphilosophie alles zugleich will (Situationsgebundenheit und Allgemeinheit, Subjektbezug und Objektivität, Konkretheit und Universalisierung, Gefühlsgewissheit und Wissenschaftlichkeit) verheddert sie sich in Aporien, Paradoxien, Zirkelschlüssen und Tautologien, aus denen sie jeweils nur mit weiteren schlechthinnigen Behauptungen herausfindet. Die Gabriel widersprechende Feststellung etwa, dass es keine moralischen Tatsachen gibt, „nenne ich moralischen Nihilismus …“ (65). So einfach ist das. Wie unsinnig überzogen und pauschal diese Kategorisierung ist, könnte eine kurze Überlegung zeigen, wie viele und welche Philosophen da in die gleiche nihilistische Schublade gesteckt werden. Vor allem gegen Kant richtet sich der Nihilismus-Vorwurf immer wieder. „Kants nihilistischer Grundirrtum“ beruhe darauf, dass er die „Menschheit in meiner Person“ (als Struktur, „die Teil der geteilten Wirklichkeit ist“) im mundus intelligibilis verortet, weil er „die Wirklichkeit für subjekt- und wertfrei“ halte (183). Und kurz darauf, die Behauptung, dass „Kant die Freiheit in den mundus intelligibilis verlegen musste, womit er uns empirisch unfrei machte“ (194). Die anschließende Passage ist ein Musterbeispiel dafür, wie gründlich man den kategorischen Imperativ missverstehen kann. Gabriel versteht nicht, wie bei Kant Intelligibilität sich in der Empirie geltend macht, wie Vernunft über den bloßen Verstand hinausführt. Er weiß nur: „Die kantische Vernunft ist tot …“ (368).

Darüber hinaus versucht Gabriel, seine Moralphilosophie als eine empirische, wenn auch nicht „exakte“, so doch zuverlässige Wissenschaft auszugeben, wobei er sich gerne auf deren „gegenwärtigen Forschungsstand“ (64) beruft, der sich (vergleichbar den Naturwissenschaften) kontinuierlich weiterentwickle, sodass man stets auf weitere „ethische Forschungsergebnisse“ (323) und auf „die faktischen Erkenntnisse aus der progressiven Forschungslage der Geistes- und Sozialwissenschaften“ (342) hoffen darf. Die Menschheit ist ihm die einzige bisher bekannte „Spezies, die über explizite praktische Vernunft und wissenschaftliche Ethik verfügt“ (323). Und – er kann es nicht oft genug sagen –: „Die Ethik ist demnach eine Wissenschaft“ (69). Auch Georg Simmel z.B. verwendet bekanntlich den Ausdruck „Moralwissenschaft“, allerdings im Sinn eines mit wissenschaftlichen Standards betriebenen Nachdenkens über jeweils geltende Normen, Sitten, Moral, ethische Grundbegriffe, Moralphilosophien etc., während Gabriel meint, ganz konkrete moralische Gebote und Verbote (die er Tatsachen nennt) als wissenschaftlich begründet ausweisen zu können. Dabei setzt er sich ausdrücklich vom Szientismus ab: „Die Ethik ist auch Wissenschaft, wenn auch nicht ‚science‘ im Sinne des Szientismus. Das macht sie noch lange nicht zu einer bloßen Gefühlsangelegenheit, die sich in respektablem Unsinn bekundet, wie Wittgenstein dachte“ (136). Nun ist aber Gabriels eigene „Wissenschaftlichkeit“, die von allerlei Heuristiken, Modellierungen, Statistiken, Hirnforschung, Biologie, empirischer Psychologie und Soziologie bis zur Verhaltensökonomik und „Bewusstseinsforschung“ (370) alles aufrafft, was zu finden ist, auch nur eine Art multipler Szientismus. Hier wird die derzeit angesagte Wissenschaftsgläubigkeit unüberbietbar. Gabriel mag noch so sehr gegen Kants mundus intelligibilis wettern; dass eine transzendentale Kategorie wie Menschenwürde nur insofern Gegenstand empirischer Forschung ist, als diese herausfindet, was faktisch (von welchen Leuten und unter welchen Gegebenheiten etc.) darüber gedacht und gesagt wird, begreift er nicht.Und dass Wittgenstein dachte, Ethik sei eine bloße „Gefühlsangelegenheit, die sich in respektablem Unsinn bekundet“, ist nun wirklich grober, an Verleumdung grenzender Unfug. Gabriel hat schlicht nicht kapiert, worum es Wittgenstein geht.

Wittgenstein, glaubt Gabriel, bleibe in seinem Nachdenken über Ethik und Ästhetik „letztlich dem Weltbegriff des Tractatus“ verhaftet (136). Hier wird einmal mehr (wie schon bei Kant) einiges ziemlich falsch. Unmittelbar vorher bezieht sich Gabriel auf Wittgensteins Vortrag über Ethik von 1930, dessen Ende er ausführlich zitiert und dafür kritisiert, dass er „sich hier auf das Phantasma der Wissenschaft als ‚science‘ – sprich: den Szientismus – stützt, der uns vorgaukelt, wissenschaftliches Wissen sei theoretische Erkenntnis der Faktenlage von der Seitenlinie.“ (ebd.) Aber das stimmt schlicht nicht. Gabriel unterschlägt (oder hat nicht verstanden) Wittgensteins Unterscheidung zwischen deskriptiven und normativen Sätzen, die das Wort gut (resp. richtig) enthalten, wobei erstere einen mit einem realen Maßstab operieren („ein gutes Messer“; „ein guter Läufer“; die „richtige Straße nach Granchester“), während es für letztere einen solchen Maßstab nicht gibt, weshalb sie das absolut Gute bzw. Richtige zum Ausdruck bringen, das jedoch in der Sprache unserer Lebensform nicht formulierbar ist. Die, so Wittgenstein in besagtem Vortrag, absolut richtige Straße „wäre die Straße, die jeder wenn er sie erblickte mit logischer Notwendigkeit gehen müßte; ginge er sie nicht, müßte er sich schämen.“ Genau das unterschlägt Gabriel in seiner Bezugnahme auf den Wittgenstein-Text, und vermutlich deshalb, weil er selber in Anspruch nimmt, absolut gute Handlungsregeln ausweisen zu können, wobei diese aber immer nur die in „unserer“ (d.h. kapitalistischen) Gesellschaft und Kultur geltenden sind, für die, und vor allem für deren Entwicklung, er (bei aller grundsätzlichen Fallibilität) einen Maßstab zu haben glaubt. Er verobjektiviert und verabsolutiert in seiner Moral-Ontologie etwas Relatives, während Wittgenstein klar sieht, dass „unsere“ Lebensform gewiss keine absolut richtige ist. Wie ungenau Gabriel Wittgensteins Text rezipiert, zeigt eine Stelle, wo dieser von „the experience of feeling absolutely safe“ spricht, die Gabriel nach der englischen Ausgabe zitiert (135). „Dieses Gefühl hält er wohlgemerkt für ‚nonsense‘ …“ (ebd.) Dieses „Gefühl“ (Wittgenstein nennt es Erlebnis: „Ich bin in Sicherheit, nichts kann mir weh tun, egal, was passiert.“) war für Wittgenstein aber alles andere als Unsinn, wie man etwa bei Brian McGuinness, Norman Malcolm oder Joachim Schulte nachlesen kann. In Wittgensteins Text heißt es, „daß der sprachliche Ausdruck [H. v. m.] dieses Erlebnisses Unsinn ist.“ Und das ist bei Wittgenstein ein Unterschied (nämlich zwischen Erlebnis und sprachlichem Ausdruck) ums Ganze. Es gebricht Gabriel hier also an Genauigkeit in der Rezeption und der nachfolgenden Interpretation, was der Absicht geschuldet sein mag, sein eigenes Verständnis von „Ethik“ nicht mit dem Wittgensteins konfrontieren zu müssen und damit in Gefahr zu bringen. Wittgenstein zeigt ja, dass Absolutheit nicht ein Maßstab sein kann, an dem empirische Normen und deren Entwicklungen zu messen wären, während Gabriel die für ihn als absolut geltenden moralischen Tatsachen ausdrücklich als Maßstab für den moralischen Fortschritt verstanden wissen will.

Dass er (wenn es ihm dienlich ist) auch, anders als bei Kant und Wittgenstein, sehr genau am rezipierten Text arbeiten kann, zeigt Gabriel auf den lesenswerten Seiten (174-180), wo er Hegels Ausführungen zu Identität und Unterschied in der Enzyklopädie (§§ 115-120) interpretiert.

Im zweiten Kapitel (Praktische Erkenntnis) geht es um die „Epistemologie der moralischen Wirklichkeit“, darum also, wie und wodurch die moralischen Tatsachen erkannt werden. Praktische Erkenntnis manifestiert sich in Verantwortung, die „eine Kategorie der praktischen Erkenntnis ist“ (144) und, insofern letztere „insgesamt fallibel“ ist, im Gewissen; dieses „ist eine Form des Wissens, eben das Ge-Wissen“ (ebd.). Es meldet sich als Gefühl, und diese „Erkenntnisquelle vermeldet, dass wir uns in einer Situation befinden, in der wir eine Entscheidung treffen müssen“ (146). Diese Einsicht ist so alt und trivial wie die folgende: „Weil wir wollen können, was wir nicht tun sollen, sind wir frei“ (ebd.). Das „alltäglich jedem bekannte Bauchgefühl spielt gerade in moralisch relevanten Situationen eine wichtige Rolle, was psychologisch, neurowissenschaftlich und kognitionstheoretisch in der Theorietradition der ‚bounded rationality‘ gut erforscht ist“ (152). Einerseits ist das Gewissen also Gegenstand empirischer Wissenschaften, gleichzeitig ist es ein kollektives Gefühl. „Wir haben Gefühle, nicht ich oder du“ (ebd.). Hier wird die Erschleichung einer unterstellten gemeinsamen Erkenntnis manifest, denn nun ist das (sozusagen kollektive) Gewissen „der Inbegriff unserer praktischen Erkenntnis“ (153).

Nun ist nicht mehr das individuelle Subjekt, sondern das Wir „Bestandteil der moralischen Wirklichkeit“ (158). Damit beginnen die endlosen Wiederholungen des „Wir“, mit dem die Affirmation der bestehenden Gesellschaft begründet werden soll. „Es steckt ein ‚Wir‘ in der moralischen Wirklichkeit. Dieses Wir sind Menschen als Adressaten moralischer Tatsachen, die in ihre Inhalte eigeschrieben sind“ (ebd.). „Das Wir der moralischen Tatsachen sind wir alle, ohne Ausnahme“ (159). „Das Wir bildet sich als historisches Sein der moralischen Tatsachen“ (161).

Dabei bleibt bei aller Universalisierung die „anthropologische Diversität (…) ein Wertträger.“ (181) Das Wir stellt sich gegen die Polarisierung der Gesellschaft und bedeutet vor allem, wie man es von unzähligen Politikerappellen kennt, Zusammenhalt. Nicht zufällig rutscht Gabriels Text hier wie an anderen Stellen in den pastoralen Tonfall von billigen Sonntagspredigten und Plattitüden ab. „Die konkrete Ethik versteht das Gute als ein lebendiges gemeinsames Wachsen, als das Gedeihliche“ (192). „Alles Lebendige soll in seinem Gedeihen gefördert werden …“ (196). „Wir müssen in der Ethik stets berücksichtigen, dass wir mit Anderen und mit Anderem zusammenleben“ (197). „Das Gute ist das lebendige Gute, dasjenige, was uns wachsen und gedeihen lässt“ (203). „Was wir tun sollen, ist immer auch etwas, was Menschen guttut“ (361). Dass der politisch-ökonomische Rahmen dieses Gedeihlichen der „demokratische Kapitalismus“ ist, der „Staat und Wirtschaft mit dem Ziel fairen Wettbewerbs und gelingender Umverteilung verschweißt“ (201), liegt dann nahe. Der liberale demokratische Rechtsstaat als „eine unter mehreren normativen Sphären“ (337) ist für Gabriel, der die handelsübliche Ideologie unkritisch übernimmt, als a priori gut und wertvoll nicht hinterfragbar. Wie in den Subreptionen aller Apologeten des Kapitalismus üblich, gibt auch Gabriel den liberalen Rechtsstaat als eine Lebensform aus, die wir angeblich alle teilen, und weil wir sie teilen (soll heißen: gemeinsam wollen) ist sie gut und schön. Man sieht hier, wie mit der doppeldeutigen Semantik des Wortes „teilen“ Schindluder getrieben wird. Nur weil man notgedrungen irgendwo lebt, d.h. Zeit und Raum mit anderen gemeinsam hat („teilt“), heißt das nicht, dass man die dort etablierte Herrschaftsform und alle weiteren Regeln auch genuin will. Mit dem Wir werden Bürger, Untertanen, Subalterne seit ewigen Zeiten zum Zusammenhalt mit den Herrschenden überredet. Bekanntlich gelang das schon Agrippa Menenius Lanatus, der 494 v. Chr. im Auftrag der Patrizier die streikenden Plebejer Roms dazu überredete, wieder zu kooperieren. Und auch Gabriel propagiert dasselbe, was uns seit Locke und Rousseau über Hegel bis Habermas, Honneth & Co. immer wieder bis zum Überdruss erzählt wird, dass wir doch so tun sollten, als hätten wir alle die Gesetze und Regeln dieses Staates gemeinsam gemacht. Ohne Ende wird die Basisideologie der bürgerlichen Demokratie neu aufgewärmt. Zwar versucht Gabriel an einer Stelle sein Wir als eine Form des objektiven Geistes auszugeben, ergeht sich dabei aber nur in substanzlosen, vagen und letztlich tautologischen Wortgebilden: „Nationalstaaten sind zwar die moderne Form, in der wir moralischen Fortschritt institutionell verankern, anerkennen und damit erst verwirklichen. ‚Wir‘ bedeutet dabei natürlich nicht, dass es irgendeine sehr große Gruppe gibt, die Entscheidungen darüber trifft, welchen Verlauf die Geschichte nimmt. ‚Wir‘ haben das Schicksal der menschlichen Schicksalsgemeinschaft nicht in diesem Sinn in der Hand. Institutionen sind vielmehr als Formen des objektiven Geistes soziale Formationen auf verschiedenen Skalen, die als juridische Konfigurationen überwiegend nationalstaatlich verankert sind, aber durch ihre Werturteile imstande sind, Grenzen zu überschreiten“ (287). Aber auch damit wird nicht klar, was „Wir“ bedeuten soll. Es ist ein Wort mit einem fliehenden, sich entziehenden Denotat, das dadurch beliebige ideologische Funktionen erfüllen kann.

Moralischer Fortschritt ist das dritte Kapitel überschrieben, in dem zum Begriff des Fortschritts eine reichlich platte Definition gegeben wird: „Fortschritt ist wünschenswerter sozialer Wandel, Verbesserung der Verhältnisse“ (210). Was kurz später wiederholt wird: „Fortschritt ist eine Form des sozialen Wandels, nämlich eine positive“ (233). Gabriel erwähnt zwar Adornos Aufsatz Fortschritt von 1962 (zitiert auch daraus), kann aber nichts davon für die eigenen Überlegungen fruchtbar machen.

„Moralischer Fortschritt ist eine bestimmte Form des positiven sozialen Wandels, namentlich diejenige, die an den ethischen Werten des Guten, Bösen und Neutralen bemessen wird“ (208). Gabriels Beispiele sind die üblichen Verdächtigen: Sozialstaat, Arbeitnehmerrechte (deren Abbau durch die neoliberale Politik seit den 1980er Jahren er ausdrücklich kritisiert), historische Erfolge des Feminismus, insbesondere das Frauenwahrecht und die Überwindung der Sklaverei. In Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten von 2024 schrieb er in einem Einwand gegen den Kulturrelativismus noch über Aristoteles: „Es ist grober Unfug zu meinen, diejenigen, die versklavt werden, seien sozusagen schon vorher von Natur aus Sklaven. Aristoteles täuscht sich hier. Und selbstverständlich war es auch für Aristoteles nicht, dass es Sklaven von Natur aus gibt, weshalb er umso vehementer dafür argumentierte und versuchte, die herrschende Sklaverei zu rechtfertigen.“ Dass Sklaverei eine natürliche und dadurch gerechtfertigte Angelegenheit sei, „war nur die Ideologie von moralisch verwerflichen Sklavenhaltern, der Aristoteles (der selbst Sklavenhalter war) sich in einigen seiner Schriften anschloss.“ In Moralische Tatsachen hingegen fällt sein Urteil milder aus: „Sollte die historische Forschung zum Ergebnis kommen, dass Aristoteles‘ Lebensform sich von unserer derart radikal unterschied, dass es ihm und allen anderen in einer vergleichbaren Lage geradezu so erscheinen musste, als wären Sklaven ‚lebendige Werkzeuge‘, die sich mehr oder weniger nach Belieben instrumentalisieren lassen, wäre die athenische Sklaverei damit nicht moralisch gerechtfertigt, Aristoteles aber teilweise entschuldigt“ (165). Im vorhergehenden Buch bestand Gabriel noch darauf, dass durchaus nicht alle die Sklaverei billigten, z.B. mehrere Stoiker, und dass viele wussten, dass sie falsch ist, vor allem die Sklaven selbst.

Gabriels „Theorie des moralischen Fortschritts“ erlaubt es, „Geschichte als Akkumulation praktischer Erkenntnis aufzufassen.“ Und das wiederum bedeutet: „Fortschritt setzt als Akkumulation gerade voraus, dass ein einmal erkanntes Gutes nicht schlecht oder gar böse werden kann“ (206). Dennoch vollzieht sich dieser Fortschritt nicht linear, „weil es keine temporale (geschichtliche) Linie gibt, in die er sich einschreibt. Vielmehr können wir hier Hegels Einsicht aufgreifen, dass selbst die reine Form des Fortschreitens (der Wissenschaften) einen ‚Kreis von Kreisen‘, d.h. Spiralen oder Wirbel bildet“ (286). Den „Kreis von Kreisen“ nimmt Gabriel aus Hegels Wissenschaft der Logik, ignoriert jedoch, dass deren basales Prinzip die Dialektik ist, welche Gabriel keinesfalls (etwa als antreibenden Motor) in seiner Theorie des moralischen Fortschritts dulden will, „weil moralischer Fortschritt nicht dialektisch ist“ (290). Moralischer Fortschritt „ist nicht linear, er bildet vielmehr einen Kreislauf, der im Idealfall als Spirale verläuft. Dieser Kreislauf wird liberal, d.h. autonom orchestriert, er kann kein Automatismus sein“ (321). Unter dieser ‚autonomen Orchestrierung‘ kann man sich vorstellen, was immer man will. Mehr als großspurige Rhetorik steckt nicht dahinter.

Akkumulierte praktische Erkenntnis wird „mit institutioneller Anerkennung“ verbunden und dadurch gesichert, weshalb „die Institutionen des liberalen demokratischen Rechtsstaats Vehikel des moralischen Fortschritts“ sind, „weil sie praktische Erkenntnis durch demokratische Verfahren akkumulieren“ (207). Mithin gilt: „Der faktisch erreichte moralische Fortschritt der Moderne“ (233) findet sich im liberalen Rechtsstaat manifestiert und wahrnehmbar dargestellt. „Die Schnittstelle der Überzeitlichkeit moralischer Tatsachen und ihrer historischen Verankerung verläuft nicht durch das individuelle Subjekt und auch nicht von Gruppen von Subjekten, sondern verkörpert sich in Institutionen, die der Willkür der Einzelnen (und damit auch derjenigen aller Einzelnen, die gerade existieren) entzogen ist [sic]. Auf diese Weise überwindet der Begriff des moralischen Fortschritts die vermeintliche Dialektik des Fortschritts. Der Begriff des Fortschritts ist nicht ‚dialektischer Natur‘“ (289).

Wichtig ist es Gabriel, „die Kollateralschäden eines gegebenen moralischen Fortschritts zu berücksichtigen, um sie in einem weiteren moralischen Fortschritt aufzuheben“ (286). Dieses „aufheben“ darf man freilich nicht hegelianisch verstehen, es meint nur: beseitigen und wieder gut machen. Aber mit den „Kollateralschäden“ macht es sich Gabriel wieder sehr leicht. War denn der Genozid an der indigenen Bevölkerung Nordamerikas beim Entstehen und Aufbau der liberaldemokratischen Institutionen der heutigen USA ein Kollateralschaden? Und wie ließe er sich „aufheben“? War er nicht eher die Voraussetzung? Genauso wie der transatlantische Sklavenhandel und die Sklaverei in den britischen und anderen Kolonien in Amerika, ohne die der „demokratische Kapitalismus“ dort nicht ins Laufen gekommen wäre. Den Blick zurück des Angelus Novus von Walter Benjamin (Über den Begriff der Geschichte), der auch den vom vermeintlichen Fortschritt hinterlassenen und zum Himmel wachsenden „Trümmerhaufen“ sieht, kennt Markus Gabriel nicht.

Im vierten Kapitel (Die Verdunkelung und die neue Aufklärung) stellt der Autor sein Konzept einer notwendig gewordenen neuen Aufklärung vor, die durch die seit Jahren in Politik, Moral und Gesellschaft stattfindende „Verdunkelung“ notwendig wurde. Für letztere werden die gängigen Verdächtigen (Trump, Putin, die einschlägigen Autokraten und Rechtspopulisten in aller Welt, der Islamismus, die Tech-Oligarchen, rechte Wahlerfolge, Menschenrechtsverletzungen, die in Kriegen an der Tagesordnung sind) als Repräsentanten genannt. „Die Neue Aufklärung“, die der Verdunkelung entgegentritt, „ist ein transdisziplinäres Projekt menschlicher Selbstbestimmung. Sie ist im starken Sinne transdisziplinär, indem sie eine sowohl interdisziplinäre wie transsektorale Kooperation darstellt. Die Humanwissenschaften in ihrer gesamten (und somit freilich auch natur- und technowissenschaftlichen) Bandbreite tragen gemeinsam mit den großen Sektoren der Moderne (Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaft) sowie den nicht auf Ethik reduzierbaren Normsystemen (Kunst, Recht, Religion) zur Heuristik der ethischen Erkenntnis bei. Auf diese Weise verspricht sie einen Vorschein einer erreichbaren neuen ‚Vision des Guten‘“ (303). [Den Ausdruck „Vision des Guten“ borgt sich Gabriel von dem Chicagoer Rechtsphilosophen Brian Leiter aus dessen Buch Why Tolerate Religion, 2014.] Unter dieser verheißungsvollen Ansammlung von allerlei (nach Belieben und Gutdünken verbundenen) Begriffen und Ausdrücken kann man sich nun wieder einmal vorstellen, was man will. Sicher ist allemal, dass eine „Vision des Guten“, worin immer sie bestehen mag, herauskommt. Mehrere Seiten später liest sich die wortreiche Verheißung so: „Die Epistemologie für die realistische Metaethik und Ethik der Neuen Aufklärung sind demnach die Humanwissenschaften im umfassenden Sinn aller Wissenschaften, die uns erlauben, die Tatsachen menschlicher Existenz festzustellen. Je genauer wir uns selbst verstehen, desto besser kann es uns gelingen, neue moralische Tatsachen zu erkennen und damit die Akkumulation ethischer Erkenntnis voranzutreiben“ (320). Eine Konkretisierung all seiner vagen Visionen des Guten muss Gabriel natürlich schuldig bleiben. Er weiß nur, dass es Sache nicht der Ethik selbst ist, sondern anderer Normsysteme wie Politik, Wirtschaft und Recht, in der Praxis die neu erkannten moralischen Tatschen „zu habitualisieren“ (ebd.).

Mehrfach nennt Gabriel Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung, jedoch ohne sich inhaltlich auf das Buch einzulassen, er bedient sich nur des berühmten Titels. „Die negative Dialektik der Aufklärung muss durch eine positive Ausrichtung, eine Orientierung ergänzt werden, die es erlaubt, das Gute dingfest zu machen. An die Stelle der Negativität und Kritik der alten Aufklärung tritt in der neuen Aufklärung die Positivität und damit der Begriff der Guten“ (311 f.).

„Das Vokabular einer Neuen Aufklärung“ sei, so Gabriel, in den Reaktionen auf mehrere Krisen seit den 1980er Jahren, beginnend mit den „neoliberalen Reformen“ in den USA, England und der EU entstanden. (317). Den Neoliberalismus Friedrich von Hayeks und Milton Friedmans, auch ihre Unterstützung von Pinochets Militärdiktatur in Chile ab 1973, kritisiert Gabriel als eine Verkürzung des Ordo-Liberalismus um dessen „moralisch-werthafte“ Dimension (349 f.). Die Neue Aufklärung geht Hand in Hand mit einem unverzichtbaren „zeitgemäßen Liberalismus“, der nach Lösungen strebt, „die Freiheitserweiterungen für alle vorsehen, weshalb er an Gerechtigkeit und damit am Rechtsstaat interessiert ist, der Interessenkonflikte, die zwangsläufig unter Freiheitsbedingungen auftreten, durch universal akzeptierte Spieregeln überwindet, die es erlauben die Interessen anderer als berechtigt anzuerkennen. Die Grenze findet auch diese Freiheit an den moralischen Tatsachen, da es keine freie Gesellschaft geben kann, in der einige auf Kosten anderer ihre individuellen Handlungsspielräume erweitern“ (347). Dass in einer Konkurrenzgesellschaft mehr Freiheit des einen zwangsläufig auf Kosten der Freiheit des anderen geht, will Gabriel nicht sehen. Dass in der kapitalistischen Gesellschaft Freiheit immer von Geld abhängig ist (was derzeit am besten im Wohnungsmarkt sichtbar wird, in dem für manche die Freiheit zu wohnen unbezahlbar wird), ignoriert Gabriel wie alle Liberalen. Er hält es mit Rawls‘ „Differenzprinzip“, als wäre dessen Mangel an Plausibilität nicht offensichtlich. Die Frage, wie Ungleichheit ursprünglich zustande kam, stellen Liberale tunlichst nicht. Sowohl in der Antike als auch in der frühen Neuzeit wurde man Großgrundbesitzer – auch John Locke wusste und verschwieg es – niemals ohne Gewalt. Ungleichheit wird von Gabriel, wie auch das Eigentum, als nicht zu hinterfragende Gegebenheit behandelt; dass sich Privateigentum an Grund und Boden (vor allem Großgrundbesitz) philosophisch nicht plausibel (weder von Locke noch von Kant oder Hegel) begründen lässt, stört Gabriel nicht. Er stellt sich die Begründungsfrage gar nicht. Ihm genügt es, wenn er es als „modernes Privateigentum“ deklarieren kann, „das kollektiv durch Rechtsstaaten abgesichert ist“ (345). Zweimal zitiert er den Artikel 14 des Grundgesetzes, dass „Eigentum verpflichtet“, und diese unverbindliche Rechtfertigungsfloskel genügt ihm als Legitimation von Privateigentum. „Es ist die Verantwortung der besonders Vermögenden, Sorge für diejenigen zu tragen, die sich am untersten Ende des Wohlstands befinden … Wenn dieser contrat social verletzt wird, wird eine Gesellschaft unmenschlich, es kommt zu Gewalt“ (318). Weshalb es die „besonders Vermögenden“ hier und die Habenichtse dort überhaupt gibt, danach fragt Gabriel nicht. Und die Fiktion eines Vertrags zwischen Armen und Reichen hält er für Realität.

Die Neue Aufklärung entwickle, so ihr fabulierender Prophet, „einen neuen tatsachenbasierten Liberalismus, der sowohl politisch als auch ökonomisch ist. Politisch ist er, weil eine gute Gesellschaft darin besteht, dass sie auf die größtmögliche Erweiterung positiver, sozialer Freiheit ausgerichtet ist; und ökonomisch ist er, weil er die negativen Freiheiten des Kapitalismus (d.h. Vertragsfreiheit im Kontrast zum Lehnswesen sowie Freiheit des Marktes im Unterschied zu einer durchgängigen Planwirtschaft) als Grundlage einer auch moralisch wertvollen Wertschöpfung auffasst“ (321). Dass in der Bereitstellung bezahlbaren Wohnraums keine Planwirtschaft so sehr versagen kann wie gegenwärtig der „freie Markt“, blendet Gabriel einfach aus.

In einer arg vereinfachenden Gegenüberstellung lehnt er den Konservatismus wegen dessen ungerechter Umverteilung von unten nach oben ebenso ab wie den Sozialismus, dessen Umverteilung von oben nach unten nicht minder ungerecht sei. Gerechtigkeit verbürge dagegen der Liberalismus (351).

In seinen Vorstellungen von Eigentum, Liberalismus, Vertrag und Kapitalismus sieht man, was Gabriel nicht reflektiert und deshalb einfach übergeht. Nicht zufällig waren Väter des Liberalismus wie Locke und Jefferson Apologeten der Sklaverei. Denn die wichtigste Freiheit ist für jeden (ob Ordo-, Neo-, tatsachenbasierten oder sonstigen) Liberalismus, die unternehmerische Freiheit, sich die Arbeitskraft anderer Menschen anzueignen. Sklaverei ist das Ursprungsparadigma dieser Verwendung von Menschen, als wären sie Dinge. In der kapitalistischen Lohnarbeit geschieht diese Verdinglichung nicht durch Gewalt, sondern mit Geld. Wer reich genug ist (egal, wie er zu diesem Reichtum gekommen ist), sich die Arbeitskraft anderer zu kaufen, die sonst nichts besitzen als diese Arbeitskraft, muss selbst nicht arbeiten, sondern lebt von der Arbeit anderer und vermehrt seinen Reichtum dadurch. Es geht um das „Ausgenommensein von Arbeit kraft der Verfügung über fremde“, so Adorno in Minima Moralia. Wer über genügend Eigentum (vulgo Reichtum) verfügt, isst sein Brot nicht im Schweiße seines Angesichts und fährt nicht einmal sein Auto selbst, sondern lässt sich vom Chauffeur fahren. Freilich hält er dabei die Verwaltung und Vermehrung seines Reichtums für Arbeit. Der „Torf, den mein Knecht gestochen“, weiß Locke, ist „mein Eigentum.“ Man kann das nun für moralisch in Ordnung halten – oder auch nicht. Wenn nicht, kann man es Ausbeutung nennen. Man könnte sogar die (irgendwann noch zu entdeckende) moralische Tatsache postulieren, dass man sich grundsätzlich nicht (egal ob mit Gewalt oder Geld) die Arbeitskraft anderer Menschen aneignen soll. Dass Gabriel dafür das nötige Erkenntnisvermögen und die Heuristik fehlen, versteht sich von selbst.

Die Aneignung fremder Arbeitskraft ist auch das Grundprinzip der liberalen Vertragsfreiheit, wie sie sich im Arbeitsvertrag geltend macht. Die vom politischen Liberalismus so hoch gehaltenen Freiheiten (Religions-, Meinungs-, Versammlungsfreiheit usw.) sind sekundär und camouflieren die primäre Freiheit der Aneignung fremder Arbeitskraft.

Was den Kapitalismus betrifft, kümmert sich Gabriel nicht um die Theorie von Karl Marx. Dessen Name dient ihm lediglich dazu, einen heute angeblich beliebten und an „Theoriemangel“ leidenden „Pauschalverdacht gegen den Kapitalismus“, dem „die vage Marx-Referenz als Autoritätsargument dient“ (360), abzuweisen. Definiert werde der Kapitalismus von seinen Kritikern „vor allem über versteckte Ausbeutung, illegitime Kapitalakkumulation, Wirtschaftskriminalität und Naturzerstörung“ (ebd.). Mit dem Wesen des Kapitals, das in der Selbstverwertung besteht, im tendenziell unaufhaltbaren Immer-mehr-werden, beschäftigt sich Gabriel nicht. Man muss ja durchaus kein Marxist sein, man muss nicht einmal Marx lesen, um dieses Wesen zu erkennen, man muss nur den Investoren, den Konzernvorständen, den Banken und Börsenakteuren usw. bei ihrem Schalten und Walten zusehen und die einschlägigen Zeitungen und Magazine lesen.

Profit, so Markus Gabriel, sei keineswegs (er zitiert dazu Colin Mayer) „das Ergebnis von Ausbeutung und damit Ergebnis einer Machtlücke, die sich dadurch auftut, dass diejenigen, die über investierbares Privateigentum verfügen, die Arbeitskraft anderer einsetzen können, um diese dann in Profit zu verwandeln“ (ebd.). Diese Formulierung trifft zwar den Sachverhalt ziemlich genau, aber Gabriel sagt einfach ganz dogmatisch: So ist es nicht. Denn „Profit bedeutet ursprünglich (von proficere) dasjenige, was nützlich ist, jemandem wohltut“ (ebd.). Die dabei übergangene Frage ist eben nur, wem der Profit wohltut. In erster Linie wohl dem Unternehmer resp. Aktionär, der sich qua „Machtlücke“ (d.h. qua Reichtum) die Arbeitskraft anderer kaufen kann. Zum Wesen von Kapital gehört nicht nur, dass es sich verwerten und mehr werden will, sondern auch, dass das in möglichst kurzer Zeit geschieht, weshalb technologische Innovationen von Fordismus und Taylorismus bis zur künstlichen Intelligenz von heute auf den Plan treten. Davon weiß Gabriel nichts. Ebenso wenig versteht er, dass das durch die Sklaverei in die Welt gekommene Prinzip der Verdinglichung von Menschen nicht dadurch aufhört, dass die fremde Arbeitskraft nicht mehr durch Gewalt, sondern durch Geld angeeignet wird. Lohnarbeit statt Sklaverei wird gemeinhin (sogar von Marxisten) als Fortschritt interpretiert. Man übersieht dabei jedoch, dass jede Form von Verdinglichung von Menschen und ihrer Arbeitskraft (wozu die Sklaverei der ursprüngliche Einstieg ist) eine nachhaltige Zerstörung gelingender Intersubjektivität bedeutet und eine grundlegend falsche Lebensform präjudiziert, aus der auch die Tatsache, dass irgendwann fremde Arbeitskraft nicht mehr durch Gewalt, sondern durch Geld angeeignet wird, nicht herausführt. Die Verdinglichung wird nur subtiler, umfassender, besser verborgen und undurchschaubarer, sodass sie gar nicht mehr wahrgenommen wird. Alles wird zu Ware, zu einem Ding gemacht, alles wird käuflich – und dieses ganze Unwahre (um mit Adorno zu reden) wird an allen Ecken und Enden als Freiheit ausgegeben. Die vom Liberalismus so hoch gehaltene unternehmerische Freiheit ist ein bloßes Verfügen über Menschen und Natur und wirkt sich letztlich immer zerstörerisch aus. Verfügt wird nicht nur über die Arbeitskraft; auch als Konsument wird der Mensch verdinglicht zum würdelosen Objekt der (auf Sozial- und Humanwissenschaften basierenden) Lifestyle-, Werbe- und sonstigen Manipulationsindustrie; an seiner Kaufkraft, einem Faktor in der auf endloses Wachstum ausgelegten gesamtwirtschaftlichen Rechnung, machen sich Status, Anerkennung und Selbstwertgefühl fest. Reichtum (Vermögen) gilt der liberalen Gesellschaft als erstrebenswert, wenn nicht gar als Ziel des Lebens – und damit einher geht wieder die Möglichkeit, von anderer Menschen Arbeit zu leben, andere zu verdinglichen. In der modernen Demokratie gilt diese misslingende Intersubjektivität als eine gute Gesellschaftsform.

Markus Gabriels eigene Definition des Kapitalismus geht so: „Der Kapitalismus ist ein loses Bündel seiner Bedingungen, die aber zusammen genommen kein System, sondern einen Haufen bilden, der von keinem übergeordneten Prinzip (und schon gar nicht von einer Menschengruppe, sei sie klein oder groß) zusammengehalten wird. Als dynamisches, offenes Ganzes sozioökonomischer Transaktionen ist er mithin an-archisch, was Teil der – letztlich irregeleiteten – Auffassung ist, die freiheitsfördernden Aspekte des Kapitalismus richteten sich prinzipiell gegen politische Herrschaft, sofern sie über einen gerade noch gerechtfertigten Minimalstaat hinausgeht“ (352). Zu dieser „extern“ genannten Bedingung kommen die „internen Bedingungen“, als da sind: „1. Die negative Freiheit vom Feudalismus durch positive Vertragsfreiheit. 2. Die negative Freiheit von der Planwirtschaft durch unkontrollierbare Märkte. 3. Die Existenz von kollektiv-institutionell gesichertem Privateigentum. 4. Damit Kapital investiert und reinvestiert werden kann, was Teil der Wertschöpfungskette ist, wird ein Bankensystem benötigt …“ (ebd.). Niemand bezweifelt das Erfordernis solcher Institutionen, aber sie alle können das Faktum des Wachstums nicht erklären. Dieses Verständnis von Kapitalismus ist also entscheidend unterbelichtet.

Des Weiteren greift Gabriel auf Martin Wolfs (The Crisis of Democratic Capitalism) Unterscheidung zwischen demokratischem und autoritärem Kapitalismus zurück, um sodann seine eigene Unterscheidung, zwischen autoritärem und ethischem Kapitalismus in den Raum zu stellen.

Leider muss man hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass Arbeitnehmer keinerlei Mitsprache bei Entscheidungen von Konzernleitungen über Investitionen, Stellenabbau, Werksschließungen, Werksverlagerungen ins Ausland usw. haben, um zu zeigen, dass der Ausdruck „demokratischer Kapitalismus“ ein so billiger wie unverschämter Euphemismus ist. Nirgendwo auf der Welt gibt es demokratischen Kapitalismus. Wozu diese Pseudounterscheidungen dienen, zeigt sich alsbald: „Dass der autoritäre Kapitalismus böse ist, erkennt man daran, dass er beabsichtigt, durch das erkennbare Tun des Bösen (wie Imperialismus, Kolonialismus, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, rücksichtlose Naturzerstörung, illegale Ausbeutung, Erpressung und viele andere Schandtaten) kurzfristigen Profit zu erwirtschaften. Der autoritäre Kapitalismus ist eine Ökonomie des Bösen und nicht nur eine ideologische Verblendung derjenigen, die von ihm profitieren“ (365). Realistischerweise muss man sich also die Frage stellen, ob es jemals einen anderen als den autoritären Kapitalismus und dessen Tun des Bösen gegeben hat. Dass er überwunden werden muss, ist für Gabriel klar. „Dass es den autoritären Kapitalismus zu überwinden gilt, ist eine moralische Tatsache, die sich als Handlungsoption der ökonomischen Sphäre erweist“ (364). Und nun hagelt es wieder Verheißungen: „Der ethische Kapitalismus betrachtet Wertschöpfung als ethisch und ökonomisch. Nachhaltige und tradierbare Wertschöpfung (im Unterschied etwa zum zufälligen Börsengewinn, der einem Zufallstreffer im Casino gleicht) ist kein Glücksspiel, sondern setzt eine Kenntnis menschlicher Bedürfnisse und Probleme voraus, die jemand mit unternehmerischen Mitteln lösen kann. Die dabei entstehenden, vorab unvorhersehbaren Probleme, die die Problemlösung erzeugt, lassen sich wieder unternehmerisch lösen, sodass sich im Idealfall eine Fortschrittsspirale ergibt“ (361). So weit, so naiv. Der Verbrennungsmotor im Pkw als unternehmerische Lösung des Bedürfnisses nach Mobilität hat nicht zu einer Fortschrittsspirale, sondern in die Klimakatastrophe geführt, für die auch die Elektromobilität keine moralisch einwandfreie Lösung ist, solange die dafür nötigen Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Mangan im Globalen Süden von Kindern in Sklavenarbeit mit den Händen ausgegraben werden.

„Der ethische Kapitalismus versteht Mehrwertproduktion somit nach einem freilich modifizierten Modell des höchsten Gutes, das Glückseligkeit (Präferenzbefriedigung) und Glückswürdigkeit (dank des Tuns des moralisch Guten) verschweißt“ (362). Hier also doch wieder mal Kant, obwohl dessen Vernunft längst für tot erklärt ist. Was bei Kant im Kanon der reinen Vernunft unter der Frage „Was darf ich hoffen?“ verhandelt wird, interpretiert Gabriel so: „Anders als Kant sich dies ausmalte, kann diese Synthese nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden. Eine irgendwie geartete karmische prästabilierte Harmonie, die bösen Profit abstraft und guten irgendwie belohnt, ist auch nicht intendiert“ (ebd.). Wenn man Kants höchstes Gut für den ethischen Kapitalismus einspannt, kann nur verqueres Zeug („Sankt-Nimmerleins-Tag“, „karmische prästabilierte Harmonie“ usw.) herauskommen. Dass Gabriel hier einfach Kants etwas primitives Verständnis von Glückseligkeit (in der Metaphysik der Sitten: „Daß es dir alles und immer nach Wunsch und Willen gehe.“) als „Präferenzbefriedigung“ abkupfert, ist enttäuschend, zumal sich hier mit der neueren Übersetzung von eudamonia als „gelingendes Leben“ ein Ansatz zu einer echten Ethik bieten würde, in der die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen des individuellen Lebens kritisch reflektiert und als einem Gelingen abträglich erkannt werden.

„Der ethische Kapitalismus“, heißt es weiterhin, „nimmt … an, dass das höchste Gut durch Freiheit sowohl erkennbar als auch erreichbar ist.“ Schön. Aber wie? „Es besteht demnach nicht darin, dass dasjenige, was jemand tut, um seine Präferenzen zu befriedigen, in irgendeiner Zeitdimension in einigen Fällen belohnt und in anderen Fällen bestraft wird. Vielmehr gibt es ein irreduzibel ethisches Erfolgsmaß, das ökonomische Handlungen (auf allen Skalen vom individuellen Konsum bis hin zum Großkonzern oder der Wirtschaftspolitik) bewertet“ (ebd.). Wie aber werden dieses ethische Erfolgsmaß und die durch es ermöglichten Bewertungen konkretisiert? Worin drückt es sich aus? In Zahlen, Raten, Quoten, Indizes? Wenn nicht in geldwerten Größen, wie dann? Gabriel weiß es nicht. Das „ethische Erfolgsmaß“ ist nur eine Schimäre, wie sie eben in einem „Sinnfeld“ jederzeit vorkommt. Und mit der contradictio in adjecto des „ethischen Kapitalismus“ kommt man schließlich wieder beim quadratischen Kreis an.

Da Gabriel das Wesen des Kapitalismus nicht begreift, kann er ohne Begriff nach Belieben dahinfabulieren. Und „eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein“, könnte man mit Goethe sagen. Das sich bei Markus Gabriel einstellende Wort ist „ethisch“, das heutzutage einen so guten Klang hat (nicht zufällig gibt es so viele „Ethik-Räte“) und sich einem nicht begriffenen Kapitalismus jederzeit ohne weiteres andichten lässt. Auf dessen „mutabor“ wird man allerdings vergeblich warten.

Den Abschluss des Buches bilden, ohne substantiell Neues zu bieten, die Abschnitte „Ökosozialer Liberalismus“ und „Progressive Politik und rationaler Widerstand“. Hier wird noch allerlei (vom Mutter-Kind-Verhältnis über personale Identität und deren Leiblichkeit, Religion und Heiligkeit, die Nicht-Gegensätzlichkeit von individueller und sozialer Freiheit bis hin zur politischen Polarisierung) aufgerafft, um den Leser mit der beruhigenden Note zu entlassen: „Die moralischen Tatsachen und die moralische Wirklichkeit, die aus ihnen besteht, sind nämlich keine Autoritäten, sondern sanfte Mächte, die uns das Gute zeigen, damit aber auch das Böse zulassen, ohne es freilich zu wollen oder auf irgendeine andere Weise zu befördern“ (385). Sanfte Mächte sind bekanntlich nicht weit von süßen Träumen.

Das Interessante an dem Buch ist, was der Autor alles ausblenden und ignorieren muss, um seine moralontologische Ideologie ausbreiten zu können. Eine Antwort auf die sinnvoll gestellte Frage, wie und von wem (von welchen Investoren, wenn nicht sowieso wieder mal ganz einfach von uns allen) all die netten und reizvollen Formulierungen Gabriels („Ideen“ wäre zu viel gesagt) konkretisiert und „umgesetzt“ werden sollen, bleibt Markus Gabriel – wie nicht anders zu erwarten – schuldig. Stattdessen läuft (um nicht zu sagen marschiert) er im Wahrheitsregime der liberal-bürgerlichen Demokratie mit und schwadroniert mit den Wörtern frei, gerecht, sozial usw. herum wie Politiker im Wahlkampf. Dass auch im hoch gelobten Herrschaftsmodell Demokratie das Ressentiment eine herausragende Rolle spielt, versteht er – obwohl es in jedem Wahlkampf als Ressource dient – so wenig wie die Tatsache, dass dieses Herrschaftsmodell seine Versprechen (Selbstbestimmung, Aufstieg, Glück etc.) nicht einlösen kann und an dieser Unmöglichkeit scheitert. Weder für die allumfassende, teils offene, teils verdeckte Verdinglichung in der modernen Gesellschaft noch für die auch im Kapitalismus notwendige Sklaverei an seiner Peripherie (also im Globalen Süden) hat er einen Blick. Auch ein akademischer Philosoph könnte wissen, dass die unteren Schichten in den Staaten des liberal-demokratischen Kapitalismus ihre Kleidung nur deshalb so billig kaufen können, weil diese in der Dritten Welt in Sklavenarbeit von Menschen hergestellt wird, die somit den Preis für den sozialen Frieden hierzulande bezahlen. Markus Gabriel erwähnt zwar Lieferketten, aber über die Frage, weshalb europäische Unternehmer gegen das vor nicht langer Zeit beschlossene und dann wieder (so gut wie) abgeschaffte „Lieferkettengesetz“, das kapitalistische Unternehmen auf die Beachtung von Menschenrechten nicht nur im eigenen Land verpflichten wollte, ihren Lobbyeinfluss zum Einsatz brachten (Tenor: Einhaltung von Menschenrechten ist ein Wettbewerbsnachteil, den wir uns nicht leisten können), schweigt er sich aus. An den ganz konkreten Fragen, die Gabriels Moralphilosophie, obwohl sie eine „konkrete Ethik“ sein will, gar nicht auf dem Bildschirm hat, erkennt man, warum sich die endlosen Phrasen vom ethischen Kapitalismus mit so unendlich viel Versatzstücken aus der abendländischen (darüber hinaus asiatischen) Philosophie umgeben müssen. Etwas zu „hinterfragen“ hält Gabriel für „eine Einstiegsdroge in die Verschwörungstheorie“ (383), deshalb hält er sich lieber die Augen zu. Einige „Fehlstellungen“ des Kapitalismus benennt er, aber die sind durch „sanfte Mächte“ überwindbar.

Nicht einmal die „handelsüblichen Gedankenexperimente“ wie etwa das von John Rawls und das von Harry G. Frankfurt (Dieses gibt er sogar in eigenen Worten leicht umgedichtet und noch absurder als das Original wieder) hinterfragt er daraufhin, ob sie wirklich überzeugen. Sie tun es nicht. Aber weil er nicht hinterfragt, weiß er es nicht.

Typischerweise konstatiert das Buch nur eine „dunkle Aufklärung“, bietet aber keinerlei Ansatz für ein Verstehen der gegenwärtigen (politischen, ökonomischen und ökologischen) Entwicklungen und ihrer Ursachen; das liegt an seinem hartnäckigen – für einen Philosophen ungewöhnlichen – Nicht-Wissen-Wollen. Denn am Ende will Markus Gabriels Buch ja vor allem eine (das Wort „ethisch“ missbrauchende) verheißungs- und wortreiche prokapitalistische PR-Kampagne eines philosophierenden liberalen Influencers sein. Mehr nicht. Seriöse Philosophie geht anders.

Lotter – zur Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV.

Konrad Lotter


Anmerkungen zur Enzyklika „Magnifica Humanitas“

Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz von Papst Leo XIV.

I.

Die Namen, die sich Päpste selbst geben, sind nicht zufällig, sondern beinhalten ein Programm. Sie ordnen sich damit in die Geschichte des Papsttums ein und setzten das Werk des so gewählten Namensvorgängers fort. Wie die erste Enzyklika von Leo XIV. Magnifica humanitas („Die großartige Menschheit“) zeigt, bedeutet die Wahl seines Namens sogar mehr als das. Leo XIII. bezeichnet für ihn eine Zäsur und einen Wendepunkt. Vor dem Jahr 1891, in dem er seine Enzyklika Rerum novarum („Vom Geist der Erneuerung“) veröffentlichte, dominierte ein antimodernes, menschenfeindliches und, in diesem Sinne, dummes Papsttum. In der Zeit danach gewann dagegen mit der Fortentwicklung der katholischen Soziallehre eine moderne, weltoffene und der Geschichte zugeneigte Richtung an Einfluss.

Ihren Höhepunkt erlebte das dumme Papsttum 1864 mit der Enzyklika Syllabus errorum („Verzeichnis der Irrtümer“), mit der sich Papst Pius IX. gegen besseres Wissen sträubte, die Vorurteile des Mittelalters gegen die Aufklärung verteidigte und sich dem „Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“ entgegenstellte. Unter anderem bekämpfte er darin die Proklamation der Menschenrechte, in denen mit der Freiheit von Wissenschaft und Religion auch die Trennung von Staat und Kirche gefordert wurde. Leo XIV. erklärt die angeprangerten „Irrtümern“ nun seinerseits kurzerhand zu einem Irrtum. Im Gegensatz zur Absicht von Pius IX., Staat und Kirche wieder zu einer Einheit zu verbinden, besteht er (im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil) auf der Trennung beider Institutionen und einer Kirche, die sich nicht mehr anmaßt, „die Aufgaben zu übernehmen, die dem Staat obliegen“ (24). Im Gegensatz zu Pius IX., der die Menschenrechte erbittert als ein Werk des „Antichristen“ bekämpfte, erklärt Leo die Menschenrechte (im Anschluss an Johannes Paul II.) zu einem „wahren Meilenstein auf dem Weg des moralischen Fortschritts der Menschheit“ (55) und räumt den Menschen überraschend das „universale und unveräußerliche“ Recht ein, sich ihre Religion selbst zu wählen.

Nicht genug damit. Zu den „Irrtümern“ der Aufklärung zählte die Kirche offenbar auch deren Ächtung der Sklaverei, die stillschweigend geduldet wurde. Erst in den Jahren 1888/89 fand eine „formale, absolute und universale Verurteilung der Sklaverei“ (141) statt, was Leo ebenfalls seinem Namens-Vorgänger als Verdienst anrechnet. Ihm selbst scheint es (im Jahr 2026) an der Zeit und angebracht zu sein, die betroffenen und längst verstorbenen Menschen und Völker wegen der durch das Fehlverhaltens der Kirche verursachten Schmerzen und Demütigungen „aufrichtig um Vergebung“ zu bitten (142).

II.

Durch die Abkehr von der Dummheit entstehen zwar intelligente, aber noch keine guten Menschen. Dazu gehört noch mehr, nämlich ein guter Wille, der sich im Fall der Päpste in der Abfassung menschenfreundlicher Sozial-Enzykliken niedergeschlagen hat. An ihre Geschichte erinnert Leo XIV. nicht nur, weil er sich dieser Tradition zugehörig begreift, sondern auch, weil er diese Tradition fortsetzen und bereichern möchte. An ihrem Anfang steht die bereits genannte Enzyklika Rerum novarum. Sie bildet den Grundstein der katholischen Soziallehre und handelt von der „Würde der Arbeit und des Arbeiters“, klagt „das Recht auf einen gerechten Lohn“ ein und räumt dem Menschen den „Vorrang vor Kapital und Arbeit“ ein (33). Davon ausgehend werden in späteren Enzykliken weitere soziale Themen angesprochen, die die katholische Soziallehre – entlang der „Herausforderungen der Zeit“ (47) – weiterentwickelt und vervollständigt hat:

Quatrogesimo anno (1931 von Pius XI.) etwa prangert „die Konzentration der Wirtschaftsmacht in den Händen weniger“ an. Mater et magistra (1961 von Johannes XXIII.) kritisiert die „wachsende Ungleichheit“ zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern und propagiert eine neue (globale) „Ordnung“ des Zusammenlebens. Populorum progressio (1967 von Paul VI.) erweitert den Friedensauftrag der Kirche und verbindet „Frieden“ mit der ungehinderten Entwicklung der eigenen Fähigkeiten, nicht nur der Individuen, sondern auch der Völker der „Dritten Welt“. Centesimus annus (1991 von Johannes Paul II.) feiert – zwei Jahre nach dem Kollaps des Realen Sozialismus – die liberale Demokratie und die soziale Marktwirtschaft. Laudato siʼ und Fratelli tutti (2015 und 2020 von Franziskus) verurteilen die Armut des globalen Südens und die ökologischen Schäden der Umwelt, fordern „Klimagerechtigkeit“ und klagen über die Abschottung der reichen Länder gegenüber Migranten.

Haben die Enzykliken irgendwelche sozialen Fortschritte und Besserungen bewirkt? Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Die angeprangerte Konzentration der Wirtschaftsmacht in den Händen weniger hat immer größere Dimensionen angenommen; wie in Russland herrschen auch in den USA und anderen Ländern kleine Cliquen von milliardenschweren Oligarchen. Statt die „Dritte Welt“ in ihrer nachholenden Entwicklung zu fördern, haben die Mitgliedsländer der OECD die Entwicklungshilfe von 223,9 Milliarden US-Dollar (2024) auf 174,3 Milliarden (2025) gekürzt. Statt Frieden scheint der Krieg als Dauerzustand institutionalisiert, offenbar als gutes Geschäft für die Rüstungsindustrie: Seit 11 Jahren sind die weltweiten Militärausgaben kontinuierlich auf zuletzt 2,9 Billionen US-Dollar (2025) gestiegen. Nicht die liberale Demokratie und die soziale Marktwirtschaft haben sich seit dem angeblichen „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) durchgesetzt; stattdessen sind rechtsradikale und fundamentalistische Parteien auf dem Vormarsch. Sozialleistungen werden unter dem Einfluss neoliberaler Wirtschaftspolitik gekürzt. Der drohenden Umwelt- und Klimakrise wird immer weniger entgegeggesetzt, der Zeitpunkt der angestrebten Klimaneutralität immer weiter nach hinten verschoben, nicht zuletzt aus Unterwürfigkeit gegenüber Donald Trump, der Windräder und Sonnenpaneele hasst und amerikanisches Fracking-Öl und -Gas verkaufen will.

Ein Scheitern der katholischen Soziallehre auf der ganzen Linie! Die Päpste zeigen mit ihren Sozialenzykliken nur, dass sie guten Willens sind. Von Hegel freilich hätten sie lernen können, dass „die Lorbeeren des guten Willens niemals gegrünt haben“. Bewundernswert ist allerdings der Realismus Leos XIV., der dieses Scheitern an verschiedenen Stellen seines Buches einräumt und das Scheitern vieler Versuche, den „wirtschaftlichen Rückstand der armen Völker aufzuholen“ (42), oder das Scheitern der Friedensbemühungen angesichts der Macht der Rüstungskonzerne (155 ff.) selbst zur Sprache bringt. Realistische Gedanken darüber, woran dieses Scheitern liegen könnte, macht er sich allerdings keine. Symptome werden benannt und angeklagt, die Ursachen – bedauert wird nur eine mangelnde „Zivilisation der Liebe“ – bleiben im Vagen. Am Privateigentum halten die Soziallehre und Leo XIV. gleichermaßen fest, wobei zwischen dem Privateigentum an den Produktionsmitteln, das die private Aneignung des gesellschaftlich erzeugten Mehrwerts ermöglicht, und dem Privateigentum an dem Haus, das jemand selbst bewohnt, nicht differenziert wird.

Neben der Würde des Menschen, dem Gemeinwohl, der Subsidiarität und der Solidarität steht die Gerechtigkeit im Wertesystem der Soziallehre an erster Stelle. Gerechtigkeit soll verwirklicht werden und zur Herrschaft gelangen. Nicht zur Kenntnis nimmt Leo dabei, dass Gerechtigkeit doch längst, seit über 200 Jahren, verwirklicht und zur Herrschaft gekommen ist: selbstredend in ihrer kapitalistischen Form. Früher herrschte die feudale Gerechtigkeit, bei der die Leibeigenen zur Scholle gehörten, dem Landesherrn den „Zehnten“ schuldeten und die Handwerker rigiden Zunftordnungen unterstellt waren. Unter kapitalistischen Verhältnissen wurden die Arbeiter frei und können selbst entscheiden, wem sie ihre Arbeitskraft verkaufen wollen. Auch die Käufer sind frei und konnen die Arbeitskraft kaufen, wenn sie ihnen nützlich ist und sie Gewinn daraus erzielen können – oder dem Arbeiter kündigen, wenn das nicht mehr der Fall ist. Aus dieser Freiheit, verbunden mit dem (von der Soziallehre akzeptierten) Privateigentum an den Produktionsmitteln, das den Kapitalisten in die Lage versetzt, die Arbeitskraft zu kaufen, sind eben die Probleme entstanden, die die Soziallehre anprangert: allen voran die Konzentration des Kapitals und der Wirtschaftsmacht oder die wachsende Kluft zwischen Reichtum und Armut.

Natürlich strebt Leo XIV. nach einer „höheren“, nicht kapitalistischen Form der Gerechtigkeit. Dem Arbeiter soll der „Vorrang vor Kapital und Profit“ (33) eingeräumt werden. Der Unternehmer soll ihm also nicht gleich kündigen, wenn er keine Aufträge hat, sein Kapital also nicht verwerten und damit keinen Gewinn aus der gekauften Arbeitskraft ziehen kann. Das wäre freilich nur der Weg, um den Unternehmer in Konkurs zu treiben. Kein Zweifel: Die Arbeitnehmer sind heute durch Kranken-, Unfall-, Renten- und Arbeitslosenversicherung besser abgesichert, als sie es zur Zeit der Enzyklika Rerum novarum im 19. Jahrhundert waren. Das ist freilich ein Verdienst der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, denen Bismarck, aus Angst vor einem Sieg der Sozialdemokratie, entgegengekommen ist, und 1883 bis 1889 die Sozialgesetzgebung eingeführt hat. Leo XIII. ist mit seiner Enzyklika dieser Entwicklung nur hinterhergerannt.

III.

Nach der Abkehr von der antimodernen, menschenfeindlichen und dummen Ausrichtung früherer Päpste und der Geschichte der katholischen Soziallehre (samt ihrem Scheitern) behandelt Leos Enzyklika Magnifica humanitas ein drittes Thema, auf dem ihr eigentlicher Schwerpunkt liegt. Es geht um die Fortentwicklung der Soziallehre unter den technischen Bedingungen der Gegenwart und, wie es im Untertitel heißt, um die „Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“. Leo entfaltet darin ein ganzes System von Gefahren der KI, das von psychischen Schäden der User (intellektuelle Trägheit, Suchtverhalten), über ökologische Folgeerscheinungen (hoher Energie- und Wasserbedarf der Rechenzentren mit entsprechendem CO2-Ausstoß und Klimaschäden), die Verzerrung zwischenmenschlicher Kommunikation (Mobbing, Ausgrenzung, Cyber-Kriminalität) bis zu menschenunwürdigen Formen der Arbeit (Prekariat, Kinderarbeit bei undurchsichtigen Lieferketten, „neue Sklaverei“) führt. Am Ende warnt er vor dem Transhumanismus, der Gottes Werk, die Erschaffung der „großartigen Menschheit“ nach seinem Ebenbilde, durch die Erschaffung von „Hybriden aus Mensch und Maschine“ (97) „verbessern“, aber eigentlich zunichte macht.

Die gegenwärtig größten Gefahren der KI sieht Leo in der Manipulation von Fakten und der Verbreitung von Lügen. Wahrheit verliere so ihre verbindende Kraft und führe (wie er Hannah Arendt zitiert) „zu einem langsamen aber unaufhaltsamen Abgleiten zum Totalitarismus“ (112). Weiterhin bietet die KI die Möglichkeit, massenhafte Daten ihrer Nutzer abzugreifen, zu „Profilen“ zu verdichten, die Menschen wie noch nie zuvor zu überwachen und in ihren Entscheidungen (als Konsumenten oder Wähler) zu beeinflussen. (137). Zuletzt verbreiten sich auch noch die Risiken durch mögliche Fehler autonomer Waffensysteme, denen die Entscheidung über militärische Aktionen übertragen wurde.

Leos Kritik gehen in Richtung Silicon Valley: Die „Machtkonzentration in der digitalen Welt“ ist weder mit der „unveräußerlichen Würde des Menschen“ noch mit dem „Gemeinwohl“ zu vereinen (84). Die KI müsse der „Logik des …Wettbewerbs“ entzogen werden. Es reiche nicht aus, sie durch den Staat „zu regulieren“, sie „muss entwaffnet … werden“ (95). Starke Worte und berechtigte Forderungen, bei denen allerdings der Hinweis auf die Möglichkeit einer Enteignung der Tech-Giganten außer Acht bleibt. Auch die Möglichkeit der Verwaltung der IT-Konzerne durch unabhängige Institutionen, deren Ausrichtung auf das „Gemeinwohl“ transparent ist und überprüft werden kann, wird nicht in Erwägung gezogen. Am Privateigentum rüttelt, wie schon gesagt, weder Leo XIV. noch die katholische Soziallehre. Auf diese Weise wird die Ursache vieler Missstände beibehalten, die durch moralische Appelle beseitigt werden sollen.

Im Besonderen richtet sich Leos Kritik am Silicon Valley gegen den Marktradikalismus der Neoliberalen, deren Thinktanks wie etwa dem einflussreichen Ludwig von Mises Institute, Center for Libertarian Studies die Tech-Giganten nahestehen, da sie im „freien Markt“ die Garantie ihrer wirtschaftlichen Macht besitzen. „Im Zeitalter von KI und Robotik“, schreibt Leo, ist es nicht mehr möglich, sich „allein auf die ‚unsichtbare Hand‘ des Marktes zu verlassen“. Auch hier, in wirtschaftlicher Hinsicht, spricht er dem Staat die Aufgabe zu, „die wirtschaftlich-technischen Dynamiken auf das Gemeinwohl auszurichten“ (132). Das ist, wie er klar sieht, nicht ohne „internationale Zusammenarbeit“ und eine staats-übergreifende Verständigung auf „gemeinsame Strategien“ möglich. Einzelne Namen nennt Leo XIV. nicht; es ist jedoch klar, wen er mit seiner Kritik meint. Der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Hermann Hoppe, der einflussreiche Blogger Curtis Yarvin oder der Investor Peter Thiel huldigen einhellig der Meinung, dass Freiheit – ihre Freiheit – nicht mit Demokratie zu vereinen sei, dass die Fortschritte der Technologie durch demokratische Vorgaben (wie Datenschutz, Wettbewebsrecht, Schutz des geistigen Eigentums, Kinder- und Jugendschutz u.a.) behindert werden, dass Demokratie infolgedessen abgebaut werden sollte. Vor allem bekämpfen sie überstaatliche Organisationen, von denen sie Kontrolle und Einschränkungen ihrer Wirtschaftsmacht befürchten. Ihre politischen Vorstellungen gehen stattdessen dahin, die bestehenden Staaten zu zerschlagen und in Aktiengesellschaften zu verwandeln, bei denen CEOs an die Stelle gewählter Präsidenten treten. Indem sich Leo diesen Tendenzen entgegenstellt, schließt er sich den Bestrebungen von Jürgen Habermas oder Hans Jonas an, die versucht haben, die Herrschaft der Demokratie über die verselbständigte Technik zurückzugewinnen: nicht allerdings durch Kommunikation und die Macht der öffentlichen Meinung (wie Habermas) oder die an Kant orientierte Ethik der Verantwortung (wie Jonas), sondern durch die katholische Soziallehre.

Auf keinen Fall möchte Leo den Eindruck erwecken, seine Kritik an den unheilvollen Begleiterscheinungen der KI und den politischen Vorstellungen ihrer Entwickler erstrecke sich auch auf die KI selbst. Er möchte nicht als Technikfeind angesehen werden. Vielmehr bezeichne die KI ein „wertvolles Hilfsmittel“, das aber „Vorsicht erfordert“ (87). Im Gegensatz zu den vielen Nebenwirkungen, die er benennt, sind Beispiele, wofür die KI als „wertvolles Hilfsmittel“ dienen könnte, in der Enzyklika allerdings kaum zu finden. Dominant ist vielmehr die Kritik an der zunehmenden Macht des „technologischen Paradigmas“, das alle persönlichen, politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen dem Maßstab „der Effizienz, der Kontrolle und des Profits“ unterwirft (82). Die Technik habe sich dem Menschen gegenüber verselbständigt, führe ein Eigenleben, erniedrige die „großartige Menschheit“ und mache sie zu „Opfern ihrer eigenen Errungenschaften“. (83) Dieses Argument ist nicht neu; es ist seit Marx bekannt und zu einem Stereotyp der Technikkritik geworden. Im Gegensatz zu Leo hat Marx allerdings die Genese der genannten Entfremdung detailliert dargestellt und damit die Ursachen der Entfremdung benannt. Sie sind es letztlich, die beseitigt werden müssten, wenn das „Gemeinwohl“ die Herrschaft über die Technik erringen soll.