Herzog – Der neue Faschistische Körper

Dagmar Herzog

Der neue Faschistische Körper

Tb., 124 Seiten, 18,- €

Berlin 2025 (Wirklichkeit Books)

von Ottmar Mareis

Autoritarismus und Rechtsradikalismus bedrohen aktuell westliche Demokratien. Anlass genug für Dagmar Herzog, zu Beginn ihres Bandes auf zentrale Aspekte des postmodernen Faschismus einzugehen. Sie identifiziert drei Punkte, die sie mit typischen Wahlplakaten der AfD illustriert. Den markantesten Massenappeal kennzeichnet sie als „sexy Rassismus“. Zwar setze die AfD vordergründig auf Familienwerte, aber auf den Plakaten werden verdächtig oft weiße erotisierte Frauen/körper abgebildet. Sie sollen in ihrer übertriebenen Vulnerabilität vor finster dargestellten Migranten, PoC und „dubiosen Ethnien“ „beschützt“ werden. Sogar homosexuelle Paare werden verletzlich porträtiert, mit der angeblichen Selbstauskunft, vor „ausländischen, dunklen, autoritären Muslimen“ geschützt werden zu wollen. Die AfD umwerbe damit eine Wählergruppe, die sie in anderen Plakaten durch die Ästhetisierung der deutschen Normal-Familie, die durch „Genderirrsinn“ und „Homoehe“ bedroht sei, ansonsten verachtet und diskriminiert. Herzog betont, dass die erotisierten Frauen einen sexy Rassismus vermittels bitzelnder Erregung ausstrahlen. Sie erwähnt in diesem Band aber nicht, was Konsens vieler Faschismusanalysen der 70er Jahre war. Dass der „Besitz der Sexualität der Frau“ sowohl bei der AfD als auch besonders bei den Nazis an die „Züchtung“, treffender an den Wahn eines „reinrassigen Volks“, geknüpft ist. Nirgends scheint bei der Analyse des heutigen als auch des NS-Faschismus Wagners Beobachtung aus den „Meistersingern“ angebrachter: Wahn, Wahn, überall Wahn! (und Gier, Gier …!). Herzog zeigt auch ein Bild, auf dem Schaulustige sich auf Marktplätzen vor Schaukästen des NS-Propagandablatts „der Stürmer“ versammeln. Dort wurden erotische blonde Frauen abgebildet, die von Karikaturen jüdischer Männer und Schlangen mit jüdischen Namen bedrängt wurden. Sie spielten mit der Lust am Sex genau so, wie sie die Gefahren für das „Volk“ beschwörten.

Herzog analysiert die Sexualität in der NS-Propaganda als ein foucaultsches Relais, wobei ihre Referenzen auf Foucault wesentlich ausführlicher hätten ausfallen können, um das Sexdispositiv der Nazis noch transparenter zu machen. Denn die NS-Propaganda setzte Sexualität sehr strategisch und, falls nötig, ambivalent ein. Den protestantischen wie katholischen Kirchen gab sie in der Weimarer Republik wahltaktisch zu verstehen, dass sie bei der Machtergreifung traditionelle Familienwerte wie auch die konservative Sexualmoral wiedereinführen werde. Doch schon nach wenigen Jahren äußerten Priester, Pastoren und Kirchenräte ihren Ärger, dass dies nicht der Fall sei. Denn der NS propagierte gleichzeitig den aus der Jugendbewegung und dem Jugendstil kommenden nackten, wilden, schönen, jungen, vor Kraft und Reinheit strotzenden jugendlichen Körper, der mit viel Sexyness und Erotik aufgeladen war. In ihrem Vortrag im NS-Dokumentationszentrum in München (2026) sprach Herzog davon, dass die Weimarer Republik die bis dahin liberalste, experimentierfreudigste Sexualität hervorgebracht hatte, dass der Markt mit Ratgeberliteratur geflutet wurde. Magnus Hirschfeld, Sigmund Freud, Wilhelm Reich und Psychoanalytiker:innen waren während der 1920er Jahre in den unterschiedlichsten Medien en vogue. Die Psychoanalyse mit der daraus abgeleiteten Pädagogik faszinierten als neue populäre Wissenschaften. Eine der wichtigsten Erkenntnisse Herzogs ist jedoch, dass die Nazis diese erregende Body Positivity, mehr noch, diese Erfüllung verheißende Sexualpädagogik eben nicht, wie bisher angenommen, unterdrückt, sondern nach der Machtergreifung für die „arischen Deutschen“ weiter propagiert haben. Entgegen der repressiven Sexualmoral der Kirchen gaben sie sozusagen die Erlaubnis: „Du darfst.“ Herzog argumentiert damit, ohne dies zu thematisieren, gegen Wilhelm Reichs in der Massenpsychologie des Faschismus (1933) vertretene These, der NS basiere auf Sexualunterdrückung und der daraus entstehenden perversen, sadomasochistischen Aggression. Vor allem die Freudomarxisten der 68er Jahre beriefen sich auf Wilhelm Reichs Buch, das darüber hinaus lange den linken Diskurs über die psychoökonomischen Ursachen des Dritten Reichs bestimmte. Herzogs empirische Untersuchungen u. a. über Die Politisierung der Lust (2021) und der neue faschistische Körper (2025) widerlegen diese These, was das Tätervolk betrifft. Denn in ihrer Propaganda gingen die Nazis höchst selektiv vor: Für die Arier wurde zum lustvollen ehelichen und sogar außerehelichen Sex angespornt; der Sex mit Juden wurde jedoch als „schmutzig“, als strafrechtlich verfolgte „Rassenschande“ angeprangert. Alltägliche Ehen, Partnerschaften und Liaisons mit Juden wurden nach der Machtergreifung plötzlich repressiver Diskriminierung, Denunziation und KZ-Haft ausgesetzt. So schrieb sich der NS in den “Volkskörper“ ein. Aus der Opferperspektive hat Wilhelm Reich deshalb durchaus weiter Relevanz.

Die andere dunkle Seite des foucaultschen Relais der gehypten Sexualität, das die AfD und der NS teilen, ist die obsessiv abwertende Beschäftigung mit Behinderung respektive mit Menschen bzw. „Körpern“ mit Behinderung. Dies geht einher mit der propagandistischen Sorge über die angebliche Verminderung der Intelligenz (IQ) des „Volkes“ durch „Behinderte“ bzw. heute durch die Inklusionspädagogik. Sehr erhellend wird hierzu auf die Epoche des Präfaschismus seit Ende des 19. Jahrhunderts eingegangen. 1895 veröffentlichte Alfred Plötz die pseudowissenschaftliche, aber einflussreiche Schrift „Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen. Ein Versuch über Rassenhygiene und ihr Verhältnis zu den humanen Idealen, besonders zum Sozialismus“. Sie wurde später zum „Rassenhygiene Programm“ des NS. Zudem thematisiert Herzog die Niederlage im ersten Weltkrieg als kollektive narzisstische Kränkung, die sich über die Weimarer Republik hinaus auswirkte. Besonders in der vom Strafrechtler Karl Binding und einem der renommiertesten Psychiater der Weimarer Republik, Alfred Hoche, herausgegebenen Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (1920). In ihr wurde suggeriert, dass die prekäre Lage Deutschlands mit den „vielen Behinderten“ und „Schwachsinnigen“ korreliere. Herzog hätte diese Schriften noch mehr auf den Mainstream der damaligen politischen Romantik, universitären Biologie und Medizin beziehen können, der sich hauptsächlich mit Erblehre, Eugenik, Rassenkunde und Darwinismus beschäftigte. Allein diese eugenische Begrifflichkeit trägt den Horror schon in sich, den die Nazis später umsetzten. So ließ der damalige NS-Kultusminister in Bayern, Hans Schemm, verlauten, der NS sei angewandte Biologie, und Rudolf Hess sprach vom NS als angewandter Rassenkunde. Schon zum 1.1.1934 trat das sog. „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchs“ in Kraft. Es war die Rechtsgrundlage für das NS-Euthanasieprogramm und die T4-Aktion, denen ca. 350 000 Menschen zum Opfer fielen. Dies bedeutete zudem für mehr als 400 000 Menschen die Zwangssterilisation. Ärzt:innen, Erzieher:innen, Lehrer:innen und Sozialarbeiter:innen waren aufgefordert, Personen zu melden, die unter dieses Gesetz fallen; was sie gegen ihren Berufseid auf verstörend gründliche Weise taten. Solchermaßen schrieb sich der NS in viele Professionen ein. Am Ende stand die Zerstörung Europas, Eurasiens, die Shoa, d.h. ca. 60 Millionen Tote.

Sehr interessant ist auch das Nachwort von Alberto Toscano, der Herzogs Forschungen rekapituliert. Besonders wird hier die faschistische Obsession des schönen, starken, (jugendlichen) Körpers thematisiert. Viele Forschungen über den Faschismus, so Toskano, kommen zu dem Schluss, dass es praktisch unmöglich sei, „die somatischen Praktiken von den symbolischen, allegorischen und metaphorischen Verwendungen des Körpers“ in der NS-Propaganda zu trennen. Sie wollte, dass „all ihre Metaphern verkörpert werden und die Verkörperungen mit den Metaphern korrespondieren, … bis sie deckungsgleich werden“, woraus sich „vielfältige Umschlagpunkte und Verdichtungen zwischen Fantasie und Realität ergeben“. Der Körper wurde zur Projektionsfläche einer ausufernden „semantischen Produktivität“, wodurch die Metaphern des Politischen krass körperlich werden – vom „Staatskörper“ bis zum „Staatsoberhaupt“.

Die Forschungen über den Körper des Führers bilden inzwischen eine eigene Disziplin, die weiterer Explorationen bedarf. Denn im Faschismus wird der Körper sowohl Subjekt als auch Objekt – „von Erfahrungen über Prozesse der Bedeutungskonstitution hinaus oder ihnen unterliegend“. Nach Herzog erreiche „der Faschismus ein körperliches Unbewusstes, das nicht wie eine Sprache strukturiert ist“. So habe der italienische Psychoanalytiker Elvio Fachinelli dies in seiner Auseinandersetzung mit Lacan verdeutlicht. Freud folgend ergänzt er, dass es sich um „die große Macht unbewusster Ideen (handelt), die sich direkt auf den Körper auswirken“ und mit ihm rückgekoppelt sind. Dies weise auf „eine Sprache des Körpers hin, die sich nicht auf das universale System der Sprache reduzieren lässt“. Weiter führt Toscano aus, „man sollte auch von Reagan bis Trump über ein Schema der Identifikation hinausgehen, d.h. Propriozeption – die nonvisuelle Empfindung für die Verformung des Körpers in der Bewegung – einbeziehen, sowie die infralinguistische Faszination“, die der Körper des Führers in der Propaganda unterhalb der eigentlichen Sprachstruktur ausübt. Hier eröffnen sich in der Tat interessante Forschungsdimensionen.

Für all die angerissenen Themen ist das 120 Seiten-Bändchen allerdings zu schmal. Nicht mal angetippt sind in der Rezension die von Herzog angeführte heutige Körperoptimierung, Wellness, Lookmaxing und Fitnesspropaganda, die sie als gefährliche, disziplinäre Formen postmoderner Biopolitik interpretiert. Um all die Punkte themengerecht abzuhandeln, wäre ein Band von wesentlich größerem Umfang oder mehrere Bände nötig gewesen. Nur später im Buch kommt sie auf die schon von Horkheimer thematisierte Problematik zu sprechen, ohne ihn zu erwähnen, dass wer nicht vom Kapitalismus reden will, auch vom Faschismus schweigen müsse. Sie verweist darauf, dass in Verwertungs- und Reproduktionskrisen des Kapitalismus rechte wie konservative Stimmen laut werden, die Überschussbevölkerungen definieren, identifizieren und anprangern. In ihnen finden sich schnell alle, die „dem Staat nur Geld kosten“ respektive im Arbeitsprozess nicht integrierbar sind. Dieses Problem, das doch eigentlich eine große gesellschaftliche Fürsorge- und Sozialstaatskrise ist, wird in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit plus Krisenhaftigkeit des Kapitalismus gerne auf Minderheitsethnien ausgedehnt, die entbehrlich erscheinen. Zur damaligen Zeit waren dies vor allem „Juden“, „Zigeuner“, „Behinderte“, „Homosexuelle“ etc. Heute zählt Herzog, neben lateinamerikanische Migrant:innen in den USA und Migrant:innen generell, auch Palästinenser:innen zur postmodernen „Überschussbevölkerung“, denen je nach politischer Entwicklung „die Auslöschung drohen könnte“.

Nach der Lektüre des Buches wirken die Wahlplakate und Forderungen der AfD noch einmal schockierender. Es ist nun definitiv gewiss, dass wir in einer Zeit des wiederkehrenden Prä/Faschismus leben. Äußerst bedauerlich ist es daher für Deutschlands Universitäten, dass Dagmar Herzog an der City University of New York lehrt. Einmal mehr scheint New York ein Ort zu sein, wo Unmögliches möglich ist. Denn ihre Forschungen wären gerade für Deutschland wichtig. Doch mit Faschismusforschung bekommt man heute dort, wo es am nötigsten wäre, keine universitäre Zulassung. Alle hierfür Verantwortlichen sollten sich an die eigene Nase fassen.

Epochenbruch? – Umfrage des „Widerspruch“

Unsere Redaktion hat eine Umfrage zum Gegenwartsthema „Epochenbruch“ initiiert. An ihr haben bislang drei Wissenschaftler aus unterschiedlichen Perspektiven teilgenommen:

Christoph Demmerling, Dr. phil., Prof. für Theoretische Philosophie an der Universität Jena

Jens van Scherpenberg, Dr. rer. pol., ehem. Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik sowie Lehrbeauftragter für internationale politische Ökonomie an der Universität München

Klaus Weber, Dr. phil, Prof. für Psychologie an der Hochschule München und Vertrauensdozent der Rosa-Luxemburg- und Hanns Böckler-Stiftung.

Wir laden unsere Leser ein, mit Beiträgen oder Kommentaren an der Umfrage zum „Epochenbruch“ teilzunehmen.


Vier Fragen:

Vom „Epochenbruch“ ist die Rede:

  • Klimaforscher und Geologen debattieren seit Beginn des Jahrhunderts über das Anthropozän als einem Erdzeitalter, das menschliches Handeln mit der Ökologie in neuer Weise verbindet.
  • Ökonomen konstatieren, dass nach einer Phase der Globalisierung und Öffnung der Märkte wieder eine Rückkehr zur Abschottung der Waren- und Arbeitsmärkte erfolgt. Sie diskutieren deren Folgen für den ‚Wohlstand der Nationen‘.
  • Juristen und Politologen stellen nach einer Phase der Bemühungen um Kooperation und internationale Verträge wie dem Pariser Klimaabkommen die gegenläufige Tendenz zum Nationalismus und zur Remilitarisierung der geopolitischen Konflikte fest.
  • Soziologen und Sozialpsychologen erkennen weltweit eine wachsende Verunsicherung mit ihren irrationalen Folgen, die ein vormaliges Vertrauen in die Zukunftsbewältigung abzulösen droht.

Angesichts dieser Vielfalt an gegenwärtigen Umbrüchen, die etablierte Gewissheiten in Frage stellen, erscheint uns die Frage naheliegend, ob sie unter dem Begriff eines „Epochenbruchs“ zusammengefasst werden können, der einerseits alte und überwunden geglaubte, andererseits neue und unerprobte Muster der Krisen- und Konfliktbewältigung hervorbringt.

1. Warum sollte man heute über einen möglichen Epochenbruch reflektieren, wenn sich Epochenbrüche doch erst im Rückblick feststellen lassen?

2. Gesetzt, es findet ein Epochenbruch statt; worin sehen Sie dessen wesentlichen Inhalt?

3. Wo machen Sie den Beginn der in der Gegenwart zu Ende gehenden Epoche fest?

4. Entwickeln sich gegen die genannten negativen Tendenzen auch emanzipatorische Momente? Welche Aufgaben stellen sich heute für ein emanzipatorisches Denken und Handeln?

Christoph Demmerling

ad 1.

Epochenbrüche oder Zeitenwenden lassen sich in der Tat häufig erst im Rückblick erfassen. Hinzu kommt, dass die Signatur einer Zeit von Zeitgenossen mitunter ganz anders wahrgenommen wird als von den Nachgeborenen. Der gelebte Augenblick ist dunkel, so hat Ernst Bloch einmal formuliert. Auf das Problem von Zeitdiagnosen angewandt, die sich auf die Gegenwart beziehen, müsste man sagen: Es bedarf eines Abstands, um klar zu sehen und erkennen zu können, was die grundlegenden Eigenschaften einer Zeit sind, die man unter kulturellen, sozialen, politischen und auch ökonomischen Gesichtspunkten als eine Einheit ansehen zu können glaubt. Andererseits kann die Nähe zu Umständen und die Vertrautheit mit Gepflogenheiten auch zu einer besonderen Sensibilität gegenüber den Eigentümlichkeiten einer Zeit führen. Im Rückblick werden viele Aspekte abgeschliffen und zurechtgestutzt, andere Maßstäbe einer Beurteilung werden zugrunde gelegt, was den Blick auch trüben kann und einen Verlust von Differenzierungen nach sich zieht. In diesem Sinne ist es eine offene Frage, ob der Blick auf die Gegenwart getrübter ist als der Blick auf die Vergangenheit. Aufs Ganze gesehen dürfte man gut beraten sein, wenn man Gegenwartsdiagnose und rückblickende Sichtungen als komplementäre Perspektiven auf eine Zeit ansieht, die zusammengenommen ein vollständigeres Bild ergeben können als jeweils nur für sich betrachtet.

Man sollte nicht jede Veränderung kultureller, sozialer, politischer oder ökonomischer Art gleich als einen Epochenbruch ansehen. Der Ausdruck legt nahe, dass es einen scharfen Schnitt zwischen einer Zeit vor und nach dem Bruch gibt. Geistesgeschichtlich wird häufig mit sehr groben und sehr großen Einteilungen gearbeitet, man denke etwa an die Unterscheidung von Antike, Mittelalter, Neuzeit und Moderne. Wer mehrere Jahrhunderte als eine Einheit ansieht, ist genötigt, von starken Vergröberungen Gebrauch zu machen. Umbrüche kommen zumeist ja nicht geradlinig, sondern auf Umwegen und mit Unterbrechungen zustande. Hinzu kommt, dass man es zu einer Zeit immer wieder auch mit vielfältigen Ungleichzeitigkeiten zu tun hat. Denken wir beispielsweise an die Rede von der Moderne. Für die aufgeklärten Gesellschaften des Westens mag man geltend machen, dass die Lebensverhältnisse in vielen Belangen als „modern“ anzusehen sind, in kultureller, politischer und auch in technischer Hinsicht. Für andere Weltregionen würde ich dies nicht unbedingt im selben Sinne geltend machen wollen. Und selbst innerhalb des Westens gibt es zum Teil gravierende Differenzen in Bezug auf die Modernität. Man denke an die Unterschiede zwischen Stadt und Land. So bin ich mir nicht einmal sicher, ob man in allen Winkeln der dem eigenen Selbstverständnis zufolge liberalen Demokratie und aufgeklärten Industrienation Deutschland davon sprechen kann, dass moderne Lebensformen vorherrschen. Darüber lässt sich sicher streiten.

Ganz unabhängig von den Schwierigkeiten, welcher der Gebrauch von Epochenbegriffen mit sich bringt, tut man sicher gut daran, und zwar zu jeder Zeit, darüber nachzudenken, ob und in welchem Sinne sich kulturelle, soziale, politische und ökonomische Verhältnisse verändern. Dies schult nicht nur die Sensibilität für die maßgeblichen Eigenschaften der eigenen Zeit, sondern kann auch die Entwicklung von Kriterien erlauben, auf deren Grundlage sich vielleicht die Frage beantworten lässt, ob Gesellschaften ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden, und mithin können so erwünschte und unerwünschte Entwicklungen voneinander unterschieden werden.

ad 2.

Die Rede von einem „Epochenbruch“ scheint mir für die Veränderungen, mit denen wir es heute zu tun haben, zu groß zu sein. Auch andere Begriffe wie „Zeitenwende“ oder die Metapher der „Weichenstellung“ bereiten mir Unbehagen. Ich will es einmal vorsichtiger formulieren und sagen, es gibt Entwicklungen, welche den Charakter einer Zäsur haben könnten. Ob und in welchem Umfang es so kommen wird, bleibt abzuwarten. Die Inhalte lassen sich wohl gar nicht aus einer neutralen Perspektive erfassen und benennen, sondern ich kann mich ihnen lediglich – wie man heute gerne sagt – als ein ‚situierter‘ Sprecher annähern. Als Mann und Exemplar der gegenwärtig oft als ‚Boomer‘ angesprochenen Generation bin ich in Westdeutschland und in Zeiten sozialliberaler Wohlfahrtspolitik aufgewachsen. Mein Beruf bereitet mir Freude und meine wirtschaftliche Situation führt nicht zu schlaflosen Nächten. Das ist aus der Sicht vieler eine privilegierte Situation. Ich bin aber nicht als älterer weißer Mann auf die Welt gekommen, sondern habe die historischen, politischen und kulturelle Entwicklungen in den Jahrzehnten meines Lebens und durchaus auch bis heute aus unterschiedlichen Perspektiven verfolgt.

Wenn ich nur die kulturellen, sozialen, politischen und technischen Entwicklungen nach dem zweiten Weltkrieg in den Blick zu nehmen versuche, dann sehe ich vor allem drei Stränge, die zu großen Veränderungen in den Lebensformen nicht nur der westlichen Welt, sondern auch in globaler Perspektive geführt haben. Es ist aus meiner Sicht heute noch nicht recht abzusehen, inwieweit diese Entwicklungen weitere Veränderungen nach sich ziehen, so dass man im Rückblick dann vielleicht von einem „Epochenbruch“ sprechen würde.

Ein erster Strang ist politischer Art: Es handelt sich um das Ende des so genannten kalten Krieges und den damit verbundenen Wegfall der Blöcke der kapitalistischen und der kommunistischen Welt. Durch diesen Wegfall hat sich die Ordnung der Welt deutlich verändert. Neben Freiheitsgewinnen und Entlastungen, die mit diesem Ereignis verbunden waren, sind in der Folge neue Instabilitäten und Bedrohungen entstanden. Die Solidarität in den Ländern des Westens hat nicht nur zu bröckeln begonnen, sondern sich zum Teil schon wahrnehmbar zersetzt. Ich denke an das Verhältnis zwischen Amerika und Europa, aber auch an die Rückkehr von nationalistischen Perspektiven in vielen Ländern Europas (und auch anderswo). Auf der anderen Seite steht Russland mit einer aggressiven Expansions- und Kriegspolitik in der eigenen Nachbarschaft und darüber hinaus. Das ist eine Situation, die man durchaus als bedrohlich empfinden kann.

Der zweite Strang ist technischer und kultureller Art: In den vergangenen fünfzig Jahren ist es zu bahnbrechenden Entwicklungen in der Computer- und Datentechnologie gekommen. Der Gebrauch von Computern, Handys, des Internets, Digitalisierungsprozesse in allen Lebensbereichen haben die menschliche Lebensform – weltweit, in einigen Regionen mehr, in anderen weniger – deutlich verändert. Mit Blick auf diese Entwicklung kann man vielleicht sogar tatsächlich von einem „Epochenbruch“ sprechen, vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks, der ja neben der Entdeckung Amerikas und der Reformation immer wieder als ein entscheidender Faktor im Zusammenhang mit dem Beginn der Neuzeit angeführt wird. Die Partizipation an Datenströmen und die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien haben die menschliche Lebensform bis in die entlegensten Winkel verändert. Die Geschichte dieses Umbruchs und seiner Konsequenzen für das Selbstverständnis des Menschen ist allenfalls in Ansätzen geschrieben.

Der dritte Strang ist politischer, kultureller und ökonomischer Natur und nicht immer leicht von dem zweiten Strang zu trennen: Zu diesem Strang gehören alle jene Entwicklungen, die man gemeinhin mit dem Begriff der Globalisierung zu bezeichnen pflegt. Durch die immer enger werdenden Verflechtungen innerhalb der gesamten Welt ist das Zusammentreffen und Zusammenleben von Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen zu regeln. Ökonomisch entstehen vielfältige Abhängigkeits- und auch neue Ausbeutungsverhältnisse, wenn etwa Kostendruck und Optimierungszwänge dazu führen, die Warenproduktion in Länder auszulagern, in denen Arbeitskraft günstiger zu haben ist als in den Zentren der westlichen Welt.

ad 3.

Das ist schwierig zu sagen. Womit beginnt unsere Gegenwart? Sind es die Revolutionen in Amerika und Frankreich im 18. Jahrhundert? Sind es die industriellen Revolutionen des 19. Jahrhunderts? Ist es in Deutschland das Ende des Kaiserreichs oder das des zweiten Weltkriegs? Leichter als über den Beginn fällt es mir über den Beginn des Endes zu reden. Sollte eine Epoche zu Ende gehen, dann würde ich den Beginn des Endes in den 1990er Jahren verorten: nach dem kalten Krieg und zu dem Zeitpunkt, an dem Computer- und Datentechnologien langsam in den Alltag einzusickern beginnen. Die Globalisierung beginnt sicher früher. In einem bestimmten Sinn lässt sich der Verlauf der gesamten Weltgeschichte als ein fortschreitender Prozess der Globalisierung auffassen. Aber mit der Verbreitung von Computer- und Datentechnologien kommt sicher noch einmal eine neue Dimension ins Spiel: Produktionsprozesse lassen sich nunmehr weltweit und von überall her steuern und abwickeln. Gleiches gilt im Übrigen auch für politische Prozesse oder Terrorakte, man denke an den 11. September 2001.

ad 4.

Ich habe das Ende des kalten Krieges, die Digitalisierung und die Globalisierung genannt. Von keinem dieser Ereignisse und keiner dieser Entwicklungen würde ich sagen, dass sich mit ihm bzw. ihnen ausschließlich negative Tendenzen verbinden. Das Ende des kalten Krieges ist zunächst einmal sicher ein erfreuliches Ereignis gewesen. Auch Digitalisierung und Globalisierung bringen für viele Menschen sehr große Vorteile mit sich. Es ist hier nicht der Ort, Gewinne und Verluste, die mit Digitalisierungsschüben und einer stets weiter um sich greifenden Globalisierung einhergehen, aufzuzählen. Über alle politischen und weltanschaulichen Lager hinweg wird sich sicher auch keine Einigkeit bezogen auf eine Bewertung der neueren Entwicklungen finden lassen. Aber bei allen Schattenseiten, welche Digitalisierung und Globalisierung haben mögen, sind mit ihnen mit Sicherheit auch eine Vielzahl emanzipatorischer Momente verbunden. Menschen können viele ihrer Bedürfnisse mit weniger Aufwand und schneller als in früheren Zeiten befriedigen, sie sind in der Lage, sich jederzeit und zügig eine Vielzahl von Informationen beschaffen zu können. Wo mehr Information im Umlauf ist und mehr Austausch stattfindet, ergibt sich immer auch eine Möglichkeit für mehr Aufklärung. Und da könnte eine Chance für emanzipatorisches Denken und Handeln liegen. Kulturelle, soziale, politische und ökonomische Entwicklungen sind in der Regel nur selten an und für sich betrachtet negativ oder positiv, vielmehr enthalten sie häufig unterschiedliche Potentiale. Sie können Wegbreiter für soziale Regression sein, aber auch zu Schrittmachern für Emanzipationsprozesse werden. Eine Aufgabe für das emanzipatorische Denken und Handeln würde ich darin sehen, diese Potentiale zu bergen und fruchtbar zu machen.

Jens van Scherpenberg

ad 1.

„Epochenbrüche“ zu identifizieren, ist eigentlich Sache der Historiker. Und je nachdem, ob sie mit der Lupe oder dem Weitwinkelobjektiv auf zurückliegende Entwicklungen blicken, mag die Antwort unterschiedlich ausfallen. Der „Weitwinkelblick“ wird zum Beispiel einen Epochenbruch zwischen Mittelalter und Neuzeit, also um das 15. und 16. Jahrhundert,konstatieren und ihn am Beginn der Renaissance in Italien, der Erfindung des Buchdrucks, der Entdeckung Amerikas und schließlich der Reformation festmachen.

Je näher der untersuchte Zeitraum an der Gegenwart liegt, desto eher ist man versucht, Brüche mit einem nahen Fokus zu betrachten und zu charakterisieren, wie es die Zeitgeschichtsforschung tut. Die Lupe aber nehmen vor allem die politischen Akteure in die Hand, um Ereignissen oder Entwicklungen die Überhöhung zukommen zulassen, die zugleich ihrer eigenen Bedeutung als Handelnde in dieser „kritischen Phase“ besonderes historisches Gewicht verleihen soll.

Gehört der von Friedrich Merz in seiner Regierungserklärung am 14. Mai 2025 ausgerufene „Epochenbruch“ in diese letztere Abteilung? Wird hier das normale Politikgeschäft mit seinen täglichen Krisen zum Ruhme der Akteure dramatisch überhöht?

Für die Bundesrepublik möchte ich das verneinen. Was seit 2022 die deutsche Politik bestimmt, die Außen- wie zunehmend auch die Innenpolitik, das dürfte auch aus dem Blick späterer Zeithistoriker als scharfer Einschnitt in der Geschichte Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg gelten. Siehe dazu: 2.

ad 2.

Mit der Zeitenwende, erst recht mit der Ansage von Bundeskanzler Merz, Deutschland solle zur führenden konventionellen Militärmacht in Europa werden, hat die deutsche Außenpolitik einen distinkt neuen Inhalt bekommen. Nach dem Ende der Sowjetunion ging es der deutschen Außenpolitik darum, nicht nur die osteuropäischen Staaten ökonomisch und politisch durch Aufnahme in die EU in den eigenen Einflussbereich zu integrieren. Auch Russland hoffte man durch das Angebot einer „strategischen Partnerschaft“ und wachsende wirtschaftliche Verflechtung immer mehr in ein von der EU mit Hausordnung versehenes, unter ihrer Regie verwaltetes „gemeinsames europäisches Haus“ zu integrieren. Das hätte für Russland bedeutet, auf seine eigene Rolle als nuklear hochgerüstete Weltmacht zu verzichten und seine Sicherheitsinteressen der einer „europäischen Friedensordnung“ unterzuordnen, dem Titel, unter dem die EU und ihre deutsche Führungsmacht ihre eigene ausgreifende Einflusszonenpolitik verfolgen.

Im Fall der Ukraine kam es zur erwartbaren Kollision. Dass Deutschland daraus – nach einigem Zögern – inzwischen die Konsequenz gezogen hat, „all in“ zu gehen, sich an die Spitze der militärischen Unterstützer der Ukraine zu stellen, hat nun auch entscheidende innenpolitische Konsequenzen. Die frühere „Friedensmacht“ will nun ihre Gesellschaft in wenigen Jahren kriegstüchtig und resilient, ihre Streitkräfte kriegsfähig machen für eine direkte Konfrontation mit Russland.

Dafür werden alle wirtschaftlichen Ressourcen der stärksten Wirtschaftsmacht der EU mobilisiert, vor allem ihre allen anderen EU-Staaten überlegene Verschuldungsfähigkeit.

Das droht zunehmend den inneren Zusammenhalt der EU zu sprengen. Vor allem die ambivalente Partnerschaft der beiden Rivalen um die Führung der EU, Frankreich und Deutschland, wird aufs äußerste strapaziert. Es ist zunehmend wahrscheinlich,dass aus den Präsidentschaftswahlen in Frankreich einer der beiden extremistischen Kandidaten, der Linke Jean-Luc Melenchon (La Françe Insoumise) oder Jordan Bardella vom rechten Rassemblement National als Sieger hervorgehen wird. Für beide ist der Kampf gegen die deutsche Dominanz der EU ein programmatischer Kernpunkt ihrer Kampagne. Aber auch Polen, das seinerseits die stärksten Landstreitkräfte in Europa aufbauen will und dafür inzwischen 5% des Bruttoinlandsprodukts aufwendet, sieht den deutschen militärischen Führungsanspruch mit großer Skepsis.

Das drastische Ausmalen des Szenarios einer Bedrohung Deutschlands durch Russland, wie es der Generalinspekteur der Bundeswehr Breuer praktiziert, wenn er feststellt, Russland bereite einen großen Krieg gegen die NATO vor, gegen den Deutschland bis spätestens 2029 abwehrfähig sein müsse, droht immer mehr zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden. Denn Russland sieht das seinerseits genauso, sieht sich nicht nur durch die massive militärische Unterstützung der NATO für die Ukraine, sondern auch durch deren eigene gewaltige Aufrüstung bedroht. Die jüngsten Äußerungen des Bundestagsabgeordneten Kiesewetter (Focus, 11.5.2026), Russland müsse dazu gebracht werden zu kapitulieren, werden in Moskau aufmerksam registriert und fließen in das eigene Bedrohungsszenario ein.

Aber auch der Begriff der „Abschreckung“, auch wenn er sich auf den zu Tode zitierten Spruch aus dem eroberungssüchtigen römischen Imperium beruft – „Si vis pacem, para bellum“ – hat mit Kriegsvermeidung nichts zu tun. Es geht um die Herstellung militärischer Überlegenheit gegenüber dem vermuteten Militärpotenzial des Großmachtrivalen, so dass dieser seinerseits auf die Durchsetzung seiner Großmachtinteressen von vorneherein verzichtet. Die Abschreckungsideologie nährt sich damit aus sich selbst. Denn Bezugspunkt für die Worst Case-Projektionen über die gegnerische Militärmacht sind die eigenen militärischen Potenzen, an denen laufend Schwachstellen ermittelt werden, um sie durch neue Rüstungsanstrengungen zu überwinden.

Da das für alle großen Mächte gilt, ist „Abschreckung als Kriegsvermeidung“ ein nie erreichtes und zudem grundfalsches Ideal, heißt Abschreckung im Gegenteil ständig vorangetriebenes konkretes militärisches Kräftemessen, ständige Kriegsbereitschaft – bis hin zur kriegerischen Entscheidung der anders nicht zu klärenden Hierarchie unter den Mächten.

Nicht den Durchmarsch von Putins Truppen bis nach Berlin, das von den Kriegspropagandisten aus Politik und Medien beschworene Szenario, gilt es zu verhindern. Den unterstellt kein ernsthafter Politiker und Militärstratege dem russischen Präsidenten als sein Ziel. Was an der russischen Machtdemonstration in der Ukraine stört, das ist das drohende Scheitern des deutsch-europäischen Großmachtanspruchs auf Einbeziehung der Ukraine in die eigene „europäische Friedensordnung“. Worum es also wirklich geht: zu verhindern, dass Russland durch einen militärischen Sieg über die Ukraine seinen Status als gleichrangige Weltmacht sichert.

Für diesen höchsten Zweck sind in der Ukraine inzwischen hunderttausende Menschen gestorben – ihr Tod belegt die bemerkenswerten beidseitigen Fortschritte in der militärischen Abschreckungsfähigkeit.

„The proof of the pudding is in the eating“ lautet ein englisches Sprichwort: Erfolgreiche Abschreckung beweist sich erst im Krieg.

ad 3.

Will man die Geschichte der Bundesrepublik in „Epochen“ im zeithistorischen Sinne unterteilen, dann bietet sich diese Dreiteilung an:

Von 1949 bis etwa 1972 (Kanzlerschaft Willy Brandts) war die BRD der Frontstaat im Kalten Krieg, mit ihrem Anspruch auf die DDR zugleich eine offen revisionistische Macht.

Von 1972 bis zum Ukrainekrieg 2022 verstand sich die Bundesrepublik mit ihrer Ostpolitik, ab 1990 auch als vereintes Deutschland, als „Friedensmacht“. Mit der Ostpolitik hatte sie den revisionistischen Anspruch gegenüber den östlichen Nachbarn DDR und Polen aufgegeben. Und gegenüber der Sowjetunion setzte sie auf „Wandel durch Annäherung“, konkreter: Wandel durch Handel. Damit verband sich die Hoffnung auf eine allmähliche Überwindung des Systemgegensatzes, der dem Ost-West-Konflikt zugrunde lag. Als dessen Ende mit der Auflösung des Ostblock und dem Ende der Sowjetunion Wirklichkeit wurde, reduzierte Deutschland – nunmehr „umgeben von Freunden“ – drastisch seine Militärmacht und setzte auf die friedliche wirtschaftliche Eroberung der osteuropäischen Staaten und Russlands, ihre Heranführung an die EU und ihre entgrenzte Ordnung eines einheitlichen Marktes für Güter, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräfte. Die enge wirtschaftliche Verflechtung mit Russland als Energielieferant verschaffte zumal der Bundesrepublik einen beträchtlichen wirtschaftlichen Aufschwung und erlaubte ihr, ihren Führungsanspruch in der EU zu festigen. Die militärische Absicherung dieser deutsch geführten Ausdehnung der EU-Einflusszone konnte angesichts kaum vorhandener Gegnerschaft seitens Russlands getrost outgesourct, der NATO und dem amerikanischen Nuklearschirm überlassen werden.

Diese Epoche der deutschen „Friedensmacht“ fand ihr hartes Ende, als der russische Präsident Putin im Februar 2022 gegen die absehbare Herauslösung der Ukraine aus ihrer engen Verbindung mit Russland militärisch intervenierte.

Damit war klar, dass das Projekt einer unter dem Titel der „europäischen Friedensordnung“ immer weiter nach Osten ausgreifenden EU an seine Grenzen gestoßen war. Vor allem wurde damit der Versuch für gescheitert erklärt, Russland durch enge wirtschaftliche Verflechtung allmählich friedlich in den Orbit der EU einzugliedern. Deutschland vollzog den abrupten Übergang von der „Friedensmacht“ zu einer kriegsfähigen Großmacht, die als nicht nur wirtschaftliche und politische, sondern nun auch militärische Führungsmacht der EU zusammen mit ihren europäischen Partnern in der Lage sein will, Russland als Weltmacht in die Schranken zu weisen – so lange der amerikanische Atomschirm hält.

ad 4.

Dieser Übergang erfordert nicht nur massive Aufrüstung, sondern auch eine erhebliche personelle Aufstockung der Bundeswehr und vor allem, wie Bundesverteidigungsminister Pistorius nicht müde wird zu fordern, eine kriegstüchtige, kriegsbereite Gesellschaft. War in den ersten Jahren der Bundesrepublik noch „Nie wieder Krieg“ die weit verbreitete Losung, als Lehre aus dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs, steht nun Kriegspropaganda und Feindbildpflege an. Abweichende Stellungnahmen – ob pazifistisch geprägt oder auch nur realpolitisch begründet – erfahren dagegen Ausgrenzung aus dem Kanon des politisch erwünschten gesellschaftlichen Diskurses.

Um so entschlossener und nachdrücklicher muss sich emanzipatorisches Denken und Handeln der von Staatsinstanzen und staatstragenden Medien betriebenen bellizistischen Öffentlichkeitsarbeit entgegenstellen. Emanzipatorisches Handeln muss deutlich machen, welchen staatlichen Zwecken Aufrüstung und Propaganda für eine kriegstüchtige Gesellschaft dienen und in welch krassem Widerspruch zu den Lebensinteressen der Menschen in Deutschland diese Zwecke stehen. Das kann gezeigt werden an den vielfältigen Beispielen der Kürzung sozialer Leistungen, an den Einschränkungen bürgerlicher Freiheiten wie Meinungsfreiheit, Wissenschaftsfreiheit, nicht zuletzt an der absehbaren staatlichen Inanspruchnahme junger Männer für den Kriegsdienst, sprich dafür, zur Verfolgung der Großmachtinteressen ihres Staates ihr Leben zu riskieren.

Autoren wie Ole Nymoen („Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“), wie auch ich mit meinem Buch „Großmachtsucht – Deutschland rüstet für die Führung Europas“, können hier aufklärend wirken. Die Schülerdemonstrationen gegen Aufrüstung und Wehrpflicht signalisieren den Willen zum Widerstand ebenso wie Proteste gegen Sozialkürzungen oder gegen die Unterordnung des wissenschaftlichen Diskurses unter außenpolitische Vorgaben des Staates. Praktisch wird dieser Widerstand zudem vor allem durch massenhafte Kriegsdienstverweigerung.

Was der bekannte Militärexperte Carlo Masala beklagt: „Es gibt zu wenige Demokraten und Demokratinnen, die für die Demokratie zu sterben bereit sind“, ist aus emanzipatorischer Sicht, die dem Leben Vorrang gibt, ein Hoffnungsschimmer.

Klaus Weber

Zeitenwenden werden ausgerufen. Vor Olaf Scholz, der damit die Aufrüstung Deutschlands zur stärksten Kriegsmacht in Europa propagierte (mit Unterstützung und Forcierung durch die Grünen, die von einem »Sieg« über Russland träumten) war es Hitlers Stellvertreter Franz von Papen, der am 21.2.1933 vor Berliner Studenten eine »Zeitenwende« ausrief. Mit etwas anderen Worten als Merz und die künftige vaterländische Koalition aus CDU und SPD stimmte von Papen die Zuhörer auf Krieg und Sozialabbau ein: »Ziel einer wirklichen Sozialpolitik muss sein, jeden Deutschen womöglichst in den Stand zu setzen, das eigene Lebensrisiko zu tragen«.

Aus der Geschichte lernen« heißt für die Vertreter_innen des bürgerlichen Blocks sie aktiv vergessen zu machen. »Die Vergangenheit wird nicht mehr über die Zukunft triumphieren«, lässt Scholz am 9. Mai 2023, anlässlich des Europatags, alle diejenigen wissen, die ein antifaschistisches, demokratisches Deutschland als Gegenentwurf zum sich entwickelnden Polizei- und Militärstaat imaginierten. Die deutschen Verbrechen durch Wehrmacht und Vernichtungsapparat, an der ein Großteil der »Volksgenossen« beteiligt war, können aus der Erinnerungskiste ausgesondert werden. Kein schlechtes Gewissen mehr wegen der 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs; der neue deutsche »Triumph des Willens« siegt über die in manchen Jahren von emanzipierten Kräften erhoffte »andere Republik«, die zumindest ein sozialdemokratisch eingehegter Kapitalismus sein sollte.

Nun wird das Land überschwemmt mit hohlen Erinnerungsphrasen und -ritualen an einen »Nationalsozialismus«, die den Deutschen geradezu die Pflicht auferlegen, einen neuen Krieg vorzubereiten und die Russen als barbarischen und unmenschlichen Feind zu propagieren. Aufrüstung verlangt von den Untertanen, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sie – wie von Papen wusste – ihr »Lebensrisiko« selbst tragen und an Essen, Wohnung, Urlaub, Genuss und Vernunft sparen sollen. Der Krieg wird vorbereitet, die Massen werden darauf eingeschworen – und die antimilitaristische Bewegung ist schwach. Ist das der »Epochenbruch«?

ad 1.

Ein Epochenbruch ist was? Das Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus, das Fredric Jameson als Stichwortautor nennt, weiß zu berichten, dass das griechische époché nichts anderes heißt wie »Aufhören, Einhalt, Unterbrechung« (1997, 659); er geht soweit zu erklären, dass »Epoche auch einen Bruch bezeichnen kann« (ebd., 660). Ein Zeitalter, »ein Zeitabschnitt der Geschichte, der durch bestimmte qualitative Merkmale zusammengefasst und dadurch von anderen Zeitabschnitten unterschieden werden kann« (Rupprecht 1990, 761), soll selbst ein »Bruch« sein? Da halte ich mich besser an die Marxsche Überlegung, dass die Veränderung der Produktivkräfte eine Veränderung der Produktionsweise(n) erheischt und damit die Arbeits- und Lebensweise der Subjekte eine radikale Umgestaltung erfährt, womit der Einschnitt zwischen zwei Epochen markiert wäre, Antonio Gramsci führt den Gedanken der »passiven Revolution« in die marxistische Debatte ein, mit der auch ein (vielleicht) aktueller Epochenbruch markiert werden könnte. In den Gefängnisheften bezieht sich der Begriff »auf diejenigen Länder, >die den Staat über eine Reihe von Reformen oder nationalen Kriegen modernisierten, ohne die politische Revolution radikal-jakobinischen Typs zu durchlaufen<« (Gramsci, zit.n. Rehmann 1998, 15). Veränderungen, auch radikale, werden nicht von den Menschen erkämpft oder erarbeitet; ein Übergang von einer Produktionsweise zu einer anderen findet statt, ohne dass die »Volksklassen« aktiv beteiligt wären; sie sind die Passiven in diesem Prozess, diejenigen, die ihn erleben, ertragen, erdulden müssen. Wieso – so die Frage der Redaktion, die eine durch kein Argument belegte Behauptung aufstellt – sollte eine Veränderung der Produktionsweise (als Folge einer Produktivkraftänderung) erst »im Rückblick« feststellbar sein. Auch wenn wir keine Hellseher sind, so haben wir doch als Marxist_innen ein enorm nützliches Handwerkszeug von Charlie an die Hand bekommen, um über die Gleichzeitigkeiten von Produktions-, Arbeits- und Lebensweisen nachzudenken. Alle Lebensbereiche sind heute durchsetzt von der High-Tech-Produktionsweise, durch KI und weiteren technologischen Neuerungen, die als Erfindungen von ein paar »great men« (Zuckerberg, Gates, Jobs und später Musk und Thiel,) gelten; doch solcherart Personalisierungen sollen nur ideologisch verschleiern, was eine Lehre von politischer Ökonomie erklären kann.

Die Vorstellung, hätte ich meiner Großmutter erzählt, ich sendete ihr aus dem Urlaub einen Film zu, den sie auf ihrem Telefon mit Bildschirm anschauen könne, hätte bei ihr die Frage nach meiner Psychiatrieeinweisung eher nahegelegt denn eine Frage wie: »Wie soll denn das funktionieren?« Diese Vorstellung kann uns zeigen, wie in wenigen Jahren und Jahrzehnten eine neue Produktivkraft alles umwälzte, was vorher Sicherheit und Klarheit verrschaffte. Wenn das kein Epochen-Umschlag ist, was dann?

ad 2 und 3.

Neben den neuen Produktivkräften und mit ihnen wird – auch das ist Marx – mehr als jemals zuvor der arbeitende Mensch und die Natur mit ihm vernichtet. Wenn wir »Stoffwechselpolitik« von Simon Schaupp (2024) oder »Die Revolte der Erde« von Heinrich Detering lesen, der eine ein junger kluger Ökosoziologe, der andere ein alter, konservativer Literaturwissenschaftler und Katholik, so kommen beide, explizit oder implizit, in ihrer Analyse der ökologischen Wirklichkeit nicht aus ohne das berühmte Marx-Zitat aus dem ersten Band des Kapital: »Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprocesses, indem sie zugleich die Springquellen dieses Reichthums untergräbt: die Erde und den Arbeiter« ([1890] 1979, 529/30). Wer nachlesen will, wie KI, wie die »clouds« (ein harmloser Name für gigantische Rechnereinheiten, die in kalten Gegenden der Welt stehen und von dort aus die Welt zerstören) und wie andere technologische »Neuerungen« Energiequellen in ungeahnten Größenordnungen verbrauchen, der kann wie ich froh sein, dass er die 60 bereits überschritten hat und die ökologichen Katastrophen, die auf uns zukommen, nicht mehr miterleben muss. In der ersten Fußnote von Schaupps Buch ist zu lesen, dass 2024 bereits »sechs von neun planetaren Grenzen überschritten« (2024, 365) waren. Detering nennt den Kapitalismus als weltzerstörende Wirtschaftsform »die tödliche Stoffwechselstörung dieses Leibes« (bezugnehmend auf ein Marxzitat von der Natur als dem »Leib des Menschen«, 2025, 57).

Soviel zur Vernichtung der Natur. Die Zerstörung des Menschen, der zweite »Sprinquell« eines Reichtums, den sich wenige auf Kosten der Vielen aneignen, ist in den Industrieländern an den Zahlen zur psychischen und körperlichen Erschöpfung und Erkrankung nicht nur der »poor workers« zu erkennen, in den Ländern der Peripherie an der (im Verhältnis zu Europa und den USA) immer noch kurzen Lebensdauer der Ausgebeuteten, deren tägliches Leid durch unsere »imperiale Lebensweise« (Ulrich Brand) und die Externalisierung unseres Drecks, unseres Plastikabfalls und der bei uns verbotenen Arbeitsvorgänge (Asbestarbeiten an Tankern etc.) erzeugt wird. Doch der Gedanke ist gleichzeitig falsch: Ein »wir« gibt es nicht und gibt es doch. Wir alle leben auf Kosten anderer; trotzdem ist nicht zu vergessen, dass die meisten von uns keinen Einfluss auf die Warenproduktion haben, deren einziges Ziel der Profit und nicht die Herstellung sinnvoller Waren ist.

Auch hier ist die Frage zu stellen: Handelt es sich um einen Bruch oder nicht vielmehr um einen Übergang im kapitalistischen Wirtschaften, der – wie so oft – als das Ende des Kapitalismus und mit ihm der Erde bedeutet?

ad 4.

Emanzipatorische Momente? »Gegen die genannten negativen Tendenzen«? Für Bloch ist die Analyse der Gegenwart in all ihrer Deutlich- und Grausamkeit der »Kältestrom des Marxismus«, der den »Wärmestrom« benötigte, damit eine zukunftsweisende Perspektive mit und für die Menschen möglich ist. Bei Gramsci ist es der »Pessimismus der Intellligenz und der Optimismus der Tat«. Mein Optimismus geht gegen Null, Hoffnung habe ich keine – so steht es auch in dem Briefwechsel, den ich mit meinem Freund, dem holländischen evangelischen Pfarrer und Kommunisten Dick Boer führte (»Hoffen gegen jede Hoffnung. Klima – Krieg – Kapitalismus«). Doch darin ist auch ein Handke-Zitat zu finden, das mir ein gemeinschaftliches Arbeiten mit anderen für eine bessere Welt immer noch ermöglicht: »Hoffnungslos ist nicht verzweifelt«. Und dann ist da noch – gegen jeden täglichen Propagandadreck der bürgerlichen Presse – der Blick, den ich durch meinen potsdamer Freund Wolfram Adolphi auf China werfen kann. Er, Japan- und Chinaexperte in der DDR, selbstverständlich »abgewickelt« wie alle klug und dialektisch denkenden Wissenschaftler_innen der DDR, schafft es immer wieder, mir durch seine Romane (drei Stück über China) und Sachbücher deutlich zu machen, dass der chinesische Weg nicht einfach so etwas wie »westlicher Kapitalismus« ist. Und sicher ist das chinesische Experiment nicht das, was sich viele Linke – und auch ich – als utopischen »Verein freier Menschen« imaginieren. Doch eins ist offensichtlich: Die ökologische Vernichtung der Welt ist durch die KP Chinas erkannt und kein westliches Land ist in der Lage, die dortigen Anstrengungen auch nur ansatzweise zu »toppen« (außer vielleicht Uruguay). Und: Aus China kommt kein Wort zu einem Krieg, der zu führen wäre (und schon gar nicht zu gewinnen sein soll), sondern es kommen vom großen Vorsitzenden immer wieder Aufforderungen zur weltweiten Zusammenarbeit der Nationen – für eine menschheitliche Zukunft.

Wir laden unsere Leser ein, mit Beiträgen oder Kommentaren an der Umfrage zum „Epochenbruch“ teilzunehmen. Die Redaktion

Peña Aguado – Philosophieren zwischen den Grenzen


María Isabel Peña Aguado (geb. 1962) studierte Philosophie an der Universidad Autónoma de Madrid und wurde an der Universität Würzburg promoviert. Sie war Professorin für Philosophie und Ästhetik an der Akademie der Bildenden Künste München sowie am Instituto de Filosofía der Universidad Diego Portales in Santiago de Chile, dem sie weiterhin verbunden ist. Sie ist Life Member des Clare Hall College der University of Cambridge und wirkt zudem als interkulturelle Mediatorin sowie als philosophische Beraterin für Frauen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Ästhetik, Postmoderne, Feminismus und Gender Studies. Sie ist auch literarisch tätig; ihr neuestes Buch „FrauRMord“ erscheint im November 2026.

María Isabel Peña Aguado

Philosophieren zwischen den Grenzen

Ein Gespräch mit der spanischen Philosophin

Widerspruch: Kannst du erzählen, wie du als Spanierin zur Philosophie ge kommen bist?

Peña Aguado: Ja, gern. Was mich aber wundert, ist die Frage, wie man a) in Spanien und b) als Frau zur Philosophie kommt. Als Spanierin kommt man dazu, weil auch wir eine philosophische Tradition haben, die vielleicht weniger bekannt ist, weil sie zum Teil mit unserer Literatur verflochten ist und weniger in Form von Traktaten veröffentlicht wurde. Es wird auch gern vergessen, welchen Einfluss einige unserer Philosophen innerhalb der europäischen Tradition gehabt haben: Ich meine nicht nur Autoren wie Ramon Llull, Francisco Suárez, sondern auch Baltasar Gracián oder Dono so Cortés und Ortega y Gasset. Ich finde interessant, dass in Spanien Philosophie zwei Jahre lang Pflichtfach war, und zwar für alle Abiturienten, was in deutschen Gymnasien nicht der Fall war und ist. Und als Frau bin ich zur Philosophie so gekommen, wie man wohl auch als Mann dazu kommt, nämlich aus Neugierde und Freude am Denken. Ich kann mich erinnern, wie schwer es für mich war, als ich mich mit fünfzehn Jahren zwischen Mathematik, Physik und Chemie oder Latein und Griechisch entscheiden musste. Ich konnte nicht verstehen, warum ich nicht, wie bis dahin, alles machen könnte, denn ich fand alles spannend. Die Philosophie war ein Trost, denn unter ihrer Obhut schien diese Trennung etwas überbrückbarer zu sein. Dazu kam, dass ich immer gern geschrieben habe und dachte, Philosophie sei auch eine gute Übung für das Schreiben. Später musste ich dann meine Meinung etwas revidieren; denn ein zu formales Denken kann die Sinnlichkeit und den imaginativen Gehalt literarischen Schreibens doch beeinträchtigen.

Widerspruch: Es war also kein bestimmter Philosoph wie Sartre oder eine bestimmte Richtung wie der Existentialismus, die dein Interesse geweckt haben?

Peña Aguado: Nein, das kann ich so nicht sagen. Ich hatte schon als Teenager viel Freude am Lesen und Denken und habe gerne, auch mit anderen zusammen, nachgedacht. Für mich war die Philosophie schon immer mit einer gewissen Haltung verbunden. Das ist sie immer noch. Es ist klar: wenn man auf der Suche ist, liest man bestimmte Bücher, die einen weiter bringen und motivieren. Ich habe in dieser Zeit Sartre gelesen, den literarischen Sartre, aber auch spanische Philosophen und Schriftsteller, die als Existentialisten gelten, z.B. Miguel De Unamunos „Del sentimiento trágico de la vida en los hombres y en los pueblos (Das tragische Lebensgefühl). Das hat mich auf meinem Weg bestärkt. Aber es war nicht so, dass ich ein Buch gelesen und gedacht habe: „Oh, das müsste ich auch machen.“ Ich war und bin immer noch auf der Suche und die Philosophie ist eine große Hilfe; denn für mich bietet sie mehr Fragen als Antworten.

Widerspruch: Es macht sicher einen Unterschied, wenn man Philosophie schon in der Schule hat. Deutsche Abiturienten wissen meist gar nicht, was Philosophie ist, und müssen sie dann erst entdecken.

Peña Aguado: In den letzten Abiturjahren haben wir Geschichte der Philosophie gemacht. Wir mussten Platon und Aristoteles lesen und sind die wichtigsten Meilensteine der Geschichte der Philosophie bis zu Sartre durchgegangen. Als ich mit dem Studium an der Universidad Autónoma de Madrid anfing, war ich 18 Jahre. Das war die Zeit des Umbruchs in Spanien; Franco war gerade fünf Jahre tot und unsere Demokratie sehr jung. Damals war Madrid eine höchst lebendige Stadt, in der alles vibrierte und man in der „Movida“, in dieser Bewegung, alles Mögliche ausprobiert hat. Es war eine Zeit großer Kreativität, gerade in der Musik und Kunst. Das war sensationell, denn die Spanier waren freiheitshungrig und haben die neue Freiheit sehr zu schätzen gewusst. Madrid wurde eine Art europäisches Kulturzentrum, nicht zuletzt weil wir damals einen sozialistischen Bürgermeister hatten, Enrique Tierno Galván, der diese Bewegung sehr unterstützt hat. Er selber war ein brillanter Intellektueller, Jurist und Philo soph, der unter anderem Wittgensteins „Traktatus“ auf Spanisch übersetzt hatte. Eine der zentralen Figur dieser Movida war übrigens der Filmregisseur Pedro Almodóvar. Zwischendurch kam der Putschversuch der Franquisten, und ich kann mich erinnern, was da an der Uni ablief, wie entschlossen die Leute sich für das Bestehen der Demokratie eingesetzt haben Allerdings musste ich gleichzeitig mein Studium verdienen. Ich habe 8 Stunden täglich bei der spanischen Bahn gearbeitet, und das hat mir sehr wenig gefallen, weil ich mich nicht ganz dem Studium der Philosophie hingeben konnte. Wenigstens 8 Stunden pro Tag musste ich zurück in die Realität.

Widerspruch: Wie lange hast du das gemacht?

Peña Aguado: Fast sechs Jahre. In dieser Zeit dachte ich, dass ich kaum eine Chance habe, an der Uni Fuß zu fassen; denn wenn man neben dem Studi um arbeitet, sind die Ergebnisse, trotz aller Mühe, natürlich nicht so brillant wie bei den anderen. Vom Beginn des Studiums an hatte ich einen Profes sor, der bei seinen Vorlesungen so viele deutsche und griechische Wörter verwendet hat, dass man den Eindruck hatte, nur die Präpositionen und Konjunktionen sind spanisch und der Rest besteht aus Fremdwörtern. Irgendwann wurde mir klar, dass ich Deutsch lernen muss, wenn ich es mit der Philosophie ernst meine.

Widerspruch: Warum ausgerechnet deutsch?

Peña Aguado: Vielleicht durch Vermittlung dieses Professors, Felix Duque, den ich damals sehr bewundert habe.

Widerspruch: Hatte er deutsche Philosophie gelehrt?

Peña Aguado: Ja, aber auch Aristoteles zum Beispiel. Er hatte gleich mit der „Metaphysik“ angefangen; und einige haben das Studium bald abgebrochen, weil sie dachten, das nie zu schaffen. Es war sehr anstrengend zu Beginn. Dieser Professor ist immer noch tätig und seine Begeisterung für die deutsche Philosophie hat kein bisschen nachgelassen.

Widerspruch: Du hast fünf Jahre lang studiert. Womit hast du abgeschlossen?

Peña Aguado: Mit dem Magister.

Widerspruch: Wie war das Studium aufgebaut? Es gibt ja die spanische Tradition, die hauptsächlich auf Aristoteles und der scholastischen Tradition basiert. Knüpft man daran noch an?

Peña Aguado: Es gibt eine Tradition in Spanien, die nicht nur mit der Scholastik zu tun hat. Francisco Sánchez El escéptico z. B. war ein Zeitgenosse von Suárez, der bereits vor René Descartes sich des Zweifelns als Methode bedient hat. Damals hat man deswegen Descartes als Plagiator von Sánchez angesehen. Aber es gibt auch die Schule von Ortega y Gasset, die allerdings durch den Bürgerkrieg vertrieben wurde. Sie hätten die Lehrer meiner Lehrer sein müssen. Von ihnen hat jedoch vor allem Lateinamerika profitiert, weil die meisten von ihnen dorthin ins Exil gingen. Ortega y Gasset hatte sich schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr bemüht, die spanische Philosophie wieder zu beleben und dafür gesorgt, dass auch vieles von außen nach Spanien kommt. Er selbst war in Deutschland gewesen und hat Deutsch gelernt. 1905 hat er bei Wundt in Leipzig dessen Psychologievorlesungen gehört, Kant gelesen und später, als er Professor in Madrid war, viele wichtige philosophische Texte ins Spanische übersetzen lassen. Allerdings gab es schon vor Ortega y Gasset einige Leute, die nach Deutschland kamen und hier Krause gelesen haben. Daraus entstand Ende des 19. Jahr hundert in Spanien der Krausismo, den hier kein Mensch kennt. Aber er hat eine ganze Generation bis zum Beginn des spanischen Bürgerkriegs beein flusst.

Widerspruch: War Krause nicht ein Kantianer?

Peña Aguado: Ja, ich kenne ihn als Kantianer. Er stand für eine bestimmte ethische Haltung, die auch in der Institution Libre de Enseñanza weitergegeben wurde. Aus ihr sind Pädagogen entstanden, die mehrere Generationen in Spanien stark beeinflusst haben.

Aber zurück zu Ortega y Gasset. Er hat in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts viel für die spanische Philosophie getan und die Richtung der spanischen Philosophie in entscheidender Weise bestimmt. 1923 gründete er die Revista de Occidente, wo die wichtigsten Autoren und Tendenzen der Zeit auf Spanisch übersetzt und bekannt wurden. Es gab damals schon eine Gruppe, auch von Frauen, die philosophisch sehr aktiv war und ihn sehr verehrt hat. Eine seiner bekanntesten Schülerinnen war María Zambrano, die Anfang der 90er Jahre gestorben ist. Sie musste am Ende des spanischen Bürgerkrieges auch ins Exil gehen.

Widerspruch: Hast du sie noch kennen gelernt?

Peña Aguado: Naja, von ‚Kennenlernen‘ kann nicht die Rede sein. Als ich 19 Jahre alt war, kam María Zambrano aus dem Exil zurück. Sie hatte sich lange überlegt, ob sie zurückkehren sollte. Ich hatte ein Mal die Gelegenheit sie kurz zu begrüßen. Sie war eine alte, gebrechliche Dame. Mehr geärgert hat mich jedoch, dass wir an der Uni nichts von ihr gelesen haben. Wir mussten zwar die Geschichte des spanischen Denkens lernen. Sie wurde aber nicht erwähnt. Ich fand das umso schlimmer, da sie gerade zurückgekommen war. Sie wäre für uns ein lebendiger Zeuge dieser Zeit gewesen.

Widerspruch: Fand in dieser Zeit nicht auch ein Umbruch in der Philosophie statt?

Peña Aguado: Auf jeden Fall. Meine Generation hat von der Scholastik nichts mehr gehört. Das waren die Reaktionäre. Stark vertreten waren noch die Natur- und Sprachphilosophie und die Logik. Wir haben uns aber neben der deutschen Philosophie, Kant und dem deutschen Idealismus, vor allem mit den Franzosen, Foucault oder Deleuze, beschäftigt. Es waren allerdings die jüngeren Dozenten, die damit angefangen hatten. Auch Habermas fand viel Zuspruch. Ich habe ihn noch in Madrid erlebt. Mir wurde bald klar, dass für das, was mich interessierte, deutsch oder altgriechisch wichtig sind. Schließlich habe ich mich für Deutsch entschieden.

Widerspruch: Hast du deutsch noch in Spanien gelernt?

Peña Aguado: Ich habe versucht, nebenbei Deutsch zu lernen, was sehr schwer war. Ich konnte nur sehr früh morgens, bevor ich zur Uni ging, das deutsche Kulturinstitut besuchen, und es gelang mir nicht recht. Als ich dann nach Deutschland kam, habe ich mir eingebildet, vielleicht ein oder zwei Sätze sagen zu können, musste aber feststellen, dass ich, außer zu wissen, dass ich deklinieren muss, nicht viel mehr konnte. Wie es dazu kam, dass ich nach Deutschland ging, ist eine sehr lustige Geschichte. Ich weiß nicht, ob ihr das hören wollt?

Widerspruch: Doch.

Peña Aguado: Ich hatte damals bei der spanischen Eisenbahn in einem großen Bahnhof in Madrid, Chamartín, Auskunft gegeben. Im Sommer kamen deutsche Jugendliche, eine Gruppe von sechs oder sieben, und einer von ihnen hatte alles mitsamt Reisepass und Interrailfahrkarte im Zug liegen gelassen. Ich habe ihnen geholfen und dem, der seine Sachen verloren hatte, erzählt, dass ich Philosophie studiere und danach sehr gerne nach Deutschland möchte; wenn ich allerdings für die Bundesrepublik kein Geld habe, dass ich dann vielleicht in die DDR gehen werde. Da hat er gesagt: Um Gottes willen. Wie es der Zufall oder das Schicksal wollte, haben wir seine Sachen gefunden, und sie sind dann weitergefahren. Aber wir haben Kontakt gehalten. Eines Tages hat er mir geschrieben, ich könne nach Deutschland kommen, da seine Schwester nach England geht und ich ihr Zimmer haben könnte. Am Anfang war ich etwas unentschlossen. Doch einige Professoren an der Universität waren schon öfters in Deutschland gewesen und haben mir Mut gemacht. Ich habe mich mein letztes Jahr sehr bemüht, alle Prüfungen zu machen und zu bestehen. Ende Juni hatte ich meinen Magister in der Tasche und im September war ich in Deutschland.

Widerspruch: Wann war das und wo?

Peña Aguado: Das war im Jahr 1985 in der Nähe von Würzburg. Ich habe dann tatsächlich einige Monate in diesem Zimmer für wenig Geld gewohnt. Es war ein Kaff, aber so nahe an Würzburg, dass ich immer zur Uni gehen konnte. Eigentlich kam ich für drei Monate; inzwischen sind daraus 26 Jahre geworden. Damals wurde mir relativ schnell klar, dass man diese Sprache nicht in drei Monaten lernt. Dafür ist sie viel zu komplex. Ich konnte an der Universität „Deutsch für Ausländer“ besuchen und hatte einen ausgesprochen guten Deutschlehrer, vor allem auch das Glück, viel mit Deutschen zusammen zu sein. Dann kam die Entscheidung, ob ich zurück nach Spanien gehe oder hier bleibe.

Widerspruch: Nach den 3 Monaten?

Peña Aguado: Ja. Ich musste auch das Zimmer wieder räumen. In diesen Monaten hatte ich jedoch den Direktor des Sprachlabors der Universität Würzburg kennen gelernt, der ausgesprochen gut Spanisch sprach und für Spanisch eine neue Lehrmethode entwickelt hatte. Hinzu kam, dass zu der Zeit fast jeder Spanisch lernen wollte, und sie nicht wussten, wohin mit den vielen Studenten. Er hat mir deshalb einen Lehrauftrag angeboten. Ich bin daraufhin kurz nach Spanien zurück, um mich wieder beurlauben zu lassen, bin dann wiedergekommen, um den Lehrauftrag anzunehmen, und musste mir nun ein neues Zimmer suchen.

Diese Zimmersuche ist eine Geschichte, die sehr persönlich ist, die ich aber doch erzählen möchte. Da mein Deutsch recht schlecht war, verwies mich der Direktor des Sprachlabors an einen Kartographen, der in der Nähe wohnte und Zimmer für Studenten vermietete. Er meinte, dessen Frau sei mal in Spanien gewesen und spräche Spanisch. Ich habe mich mit ihnen in Verbindung gesetzt, und es stellte sich heraus, dass diese Frau 1949 im Alter von elf Jahren nach Spanien geschickt wurde. Damals hatte die Caritas deutsche Kinder in verschiedene, vor allem katholische Länder wie Portugal, Irland oder Spanien vermittelt. Kinderreiche Familien durften nach dem Krieg für ein Jahr ein Kind zur Entlastung weggeben. Und dieses Mädchen, das nicht einmal wusste, wo Spanien liegt, und auch nicht dorthin wollte, wurde dahin geschickt und kam nach Pamplona, die Hauptstadt von Navarra, die Region, wo ich herkomme. Sie kam in einem Kloster an und sollte, weil sie sehr dünn und mager war, an eine der Familien verteilt werden. Sie wurde von einer Familie abgeholt, die in La Rioja lebte und sehr reich war. Denn 1949, 10 Jahre nach dem spanischen Bürgerkrieg, konnten nur sehr reiche Leute noch ein Kind aufnehmen. Sie, die hier, wie sie mir immer wieder erzählte, nicht einmal einen Mantel hatte, kam zu einer reichen Familie, die sie sofort zur Schneiderin brachte, die für sie tolle Kleider nähte. Ein ganzes Jahr wurde sie von der Tochter des Hauses, die damals 27 Jahre alt war, wahnsinnig verwöhnt und hat von einer Privatlehrerin Spanisch gelernt. Als sie zurück nach Deutschland kam, hat sie die Schule fertig gemacht und ging, bevor sie ihre Ausbildung begann, wieder für ein Jahr zurück nach Spanien und hatte dort eine wunderbare Zeit. Als sie mich kennen gelernt hat, sagte sie zu mir, dass sie mehr als 30 Jahre auf die Gelegenheit gewartet habe, das wieder zurückgeben zu können. Dann kam ich, und sie hat mir wirklich sehr viel gegeben.

Widerspruch: Kennst du diese spanische Familie?

Peña Aguado: Persönlich nicht. Ich weiß nur, dass sie Winzer in der Nähe meiner Heimat waren, die ein sehr florierendes Geschäft hatten. Das Schicksal wollte es, dass, nachdem ich schon einige Monate bei dieser Familie wohnte, Besuch aus Spanien kam. Sie haben einen Wein aus La Rioja mitgebracht, und als sie ihr die Flasche überreichten, kamen ihr die Tränen. Wir waren alle verblüfft. Es hat sich dann herausgestellt, dass der Wein von dieser Winzerfamilie war. Damals dachte ich mir: Ja, hier musste ich landen. Seitdem sind sie sozusagen meine Adoptiveltern, und sie ist die Patentante meiner Tochter.

Als ich dann mit meinem noch miserablen Deutsch in der Uni in Würzburg angefangen habe, Philosophieseminare zu besuchen, kam ich mir mit 24 Jahren zunächst sehr alt vor. Ich habe dort sehr nette Leute kennen gelernt, aber ich war verblüfft, als ich merkte, dass sie älter sind als ich und noch immer nicht wissen, in welche Richtung sie gehen wollen. Auch wenn mir bewusst ist, wie kontrovers die Diskussion um Bachelor und Master und die Verschulung der Universitäten ist, – ich muss zugeben, dass ich zu der Zeit dachte, was für ein Glück ich hatte, dass mein Studium so verschult war. Wir konnten zwar im letzten und vorletzten Jahr ein paar Fächer selber auswählen, hatten dann aber schon einen Überblick über das, was die Philosophie bietet. Natürlich hatten wir keine Anwesenheitspflicht und waren sehr frei – was bei dem neuen Modell von Bachelor und Master leider nicht der Fall ist. In Würzburg habe ich Studierende kennen gelernt, die drei oder vier Seminare über dasselbe Thema besuchten, aber kaum einen Überblick über die Geschichte der Philosophie hatten. Das hat mich schon sehr verwundert. Andererseits habe ich auch gedacht: Mensch, leben die Studenten hier gut. Die Universität war mehr oder weniger umsonst; in Spanien mussten wir Studiengebühren zahlen und konnten es uns deswegen nicht leisten, ewig zu studieren. Die Studenten hier hatten Geld, Wohnungen, lebten unabhängig, immer noch an der Uni, 13 Semester, 17 Semester, da war ich schon sehr verblüfft.

Widerspruch: Du hast dann in Würzburg weiterstudiert?

Peña Aguado: Ja, ich wollte promovieren. Ich hatte das Glück, dass ich ein Promotionsstipendium von der Friedrich-Ebert-Stiftung bekommen habe.

Widerspruch: Und wie bist du zu deinem Promotionsthema gekommen?

Peña Aguado: In Madrid hatte ich, als ich wählen konnte, zunächst ein Jahr Metaphysik gemacht, das nächste Jahr dann Ästhetik, die mir großen Spaß gemacht hat. Denn ich hatte die Literatur sehr geliebt und selber auch geschrieben, und hatte den Eindruck, dass sich diese beiden Interessen gut vereinen lassen. Zudem hatte ich einen Professor, Valeriano Bozal, den ich sehr bewundert habe und bei dem ich gern promoviert hätte, wäre ich in Madrid geblieben. Er hat mir schon damals empfohlen, eine Arbeit über den Begriff des Erhabenen zu schreiben.

Widerspruch: Wie heißt das auf Spanisch?

Peña Aguado: Lo sublime. Als ich in Würzburg dann angefangen habe, mich nach Professoren und Dozenten zu erkundigen, die meine Arbeit betreuen könnten, haben mir Kommilitonen von Wolfgang Welsch erzählt, der damals Privatdozent in Würzburg war. Ich habe ihm von meiner Idee über das Erhabene erzählt, und er hat gesagt: „Das ist doch ein gutes Thema.“ So kam ich dazu, darüber zu promovieren. Es gab Zeiten, in denen ich mich geärgert habe, das Thema genommen zu haben, weil dann der ganze Diskurs über die Postmoderne und mit François Lyotard über das Erhabene kam. Jeder hat darüber geredet. Ich fand das schlimm und dachte mir: Warum hast du nicht über Wilhelm von Ockham promoviert oder jedenfalls über ein Thema, das nicht so ‚in’ ist?

Widerspruch: Als du über das Erhabene gearbeitet hast, war da das Thema schon in der Diskussion? Peña Aguado: Und wie. Nachdem ich das Thema mit Welsch abgesprochen hatte, gab es einen Artikel von Lyotard über „Das Erhabene und die Avantgarde“, der hier eine große Diskussion auslöste. In Spanien dagegen hat der Diskurs über das Erhabene im Zusammenhang mit der Postmoderne überhaupt keine Rolle gespielt. Zwar haben sich gleich nach Francos Tod viele Sänger als postmodern bezeichnet und über die „postmodernidad“ gesprochen, aber kein Mensch hat über das Erhabene geredet. Es ist schon interessant, wie verschieden Diskurse in verschiedenen Ländern rezipiert werden. Dass es in Deutschland mehr Gewicht hatte, liegt sicher auch daran, dass Lyotard sich sehr auf Kant, auf die deutsche Tradition bezogen hatte.

Widerspruch: Das Ästhetische war auch das, was du weiterverfolgt hast. Hat dich das Thema auch als Frau interessiert, weil im Ästhetischen doch eine Art zu Denken vorherrscht, die nicht dieses streng Rationale ist?

Peña Aguado: Wenn wir so beginnen, dann frage ich: Was heißt: „das streng Rationale?“ Ist Philosophie nur dies streng Rationale? Ich denke, gerade in der Ästhetik gibt es viele Ansätze, die für die Philosophie absolut relevant sind. Vielleicht hört sich das für einige skandalös an, aber ich denke, dass die Ästhetik viel mehr Gewicht in der Philosophie haben sollte, weil es dort vieles gibt, was für das Denken wichtig ist. Man kann über vieles reflektieren, was uns zum Menschen macht, unsere ganze Sinnlichkeit, aber auch unsere Rationalität, die viel umfassender ist, als die Vorstellung nahelegt, dass wir getrennt wären in sinnliche und in transzendentale Wesen. Das Rationale lebt auch von dieser Sinnlichkeit; selbst Kant hat das schon gemerkt. Deshalb denke ich, dass die Ästhetik mehr Gewicht haben müsste. Vor allem lässt sich mit Hilfe von Kunst und Literatur vieles sagen, was man vielleicht nicht benennen, aber zeigen kann. Wenn man davon ausgeht, dass Philosophie nur mit logischen Argumenten arbeiten könne und dies allein ihr Organon sei, dann ist die Ästhetik natürlich fehl am Platz. Aber ich denke, die Philosophie ist viel mehr als das. Allerdings muss ich zugeben, dass ich zu jener Zeit noch wenig darüber nachgedacht habe, ob das aus der Sicht meines Daseins als Frau resultiert. Ich war blind zu dieser Zeit.

Widerspruch: Feministisch blind?

Peña Aguado: Ich habe damals mit großem Nachdruck an die Neutralität des Denkens geglaubt. Ich dachte, wenn ich denke, spielt es doch keine Rolle, ob ich Frau oder Mann bin, so wenig es eine Rolle spielt, ob meine Augen braun oder blau oder meine Haare lang oder kurz sind. Da musste ich, gerade in Deutschland, schnell umdenken. Ich musste selber in meinem Promotionsverfahren erleben, dass man als Frau anders wahrgenommen und geprüft wird. Ich möchte mich darüber nicht ausbreiten; aber das waren bittere Erfahrungen.

Widerspruch: Das war deine Erfahrung: An und für sich denken Männer und Frauen gleich; aber in der Wirklichkeit verhält es sich anders?

Peña Aguado: Heute würde ich sagen, dass man nicht gleich denkt, weil man anders in der Welt ist.

Widerspruch: So siehst du das heute, aber damals?

Peña Aguado: Damals habe ich wirklich gedacht, dass „das Denken“ neutral sei …

Widerspruch: … und die Männer haben das noch nicht kapiert, und deswegen werden die Frauen ausgegrenzt. Es waren diese Erfahrungen der Ausgrenzung?

Peña Aguado: Ja. Es war die Erfahrung, auf das Biologische zurückgeworfen zu werden. Dass das Nachdenken und die Freude am Denken einen anderen Wert bekommen, weil man eine Frau ist. Ich habe mich dadurch auf eine sehr unproduktive Art und Weise auf meine Weiblichkeit zurückgeworfen gesehen.

Widerspruch: War das im akademischen Bereich?

Peña Aguado: Nicht nur, aber hauptsächlich im akademischen Bereich.

Widerspruch: Wenn es um Posten und Chancen geht?

Peña Aguado: Schon in den Seminaren. Ich habe Kommentare gehört, die nicht mich, aber andere Kommilitoninnen betroffen haben, die ich absolut demütigend fand. Ich kann mich an eine Studentin erinnern, die sehr engagiert und leidenschaftlich bei der Sache war, aber nicht besonders gut, auch nicht besonders weiblich aussah. Als wir einmal vor der Sitzung auf den Professor und andere Studenten warteten, wurde das zu meiner Verblüffung auf einmal zum Thema. Da dachte ich: ‚Moment mal, würde einer von euch im Seminar so reden, dann hieltet ihr ihn für großartig.‘ Aber wenn eine Frau kommt, die fundiert etwas sagt, dann wird das nicht nur außer Acht gelassen, sondern es wird betont, wie sie aussieht. Das hat mich so verblüfft, dass ich mich fragen musste, ob wir paar anderen toleriert wurden, weil wir der Schmuck in der Runde waren.

Widerspruch: Das war Ende der 80er Jahre?

Peña Aguado: Ja. Dazu gehörten auch so Kommentare en passant wie: „Sie haben sicher sehr gut gearbeitet, weil Sie so gut aussehen.“ Das sind keine Komplimente, sondern eine Demontage der eigenen Arbeit. Mit diesen Strategien schafft man Unbehagen und Verunsicherung. Deswegen habe ich gesagt, ich wurde auf eine sehr unproduktive Art und Weise auf meine Weiblichkeit zurückgeworfen. Diesen Aspekt habe ich auch in meinen Publikationen zum Feminismus thematisiert.

Widerspruch: Ist denn der Machismo in Spanien nicht ausgeprägter als in Deutschland?

Peña Aguado: Nein. Das glauben die Deutschen gerne, aber er ist in Deutschland viel stärker, immer noch. In Spanien kann es dir passieren, dass einer auf der Straße sagt: „He, du siehst ja toll aus!“ Dagegen kann man sich wehren und sagen: „Du Idiot!“ Aber in Deutschland habe ich viel subtilere Mechanismen erlebt, durch die viele Frauen verunsichert werden. Es entsteht ein Unbehagen und die Frauen wissen öfters keinen Weg, sich dagegen zu wehren.

Widerspruch: Du würdest sagen, dass diese Mechanismen in Deutschland stärker sind, gerade im akademischen Bereich?

Peña Aguado: Viel stärker.

Widerspruch: Wo man bei uns doch darauf stolz ist, dass das in den südlichen Ländern passiert, nicht bei uns.

Peña Aguado: Ich habe viele Frauen meiner Generation in Deutschland kennengelernt, die ein erfolgreiches und noch dazu kostenloses Studium und später gute Jobs hatten, aber spätestens bei der ersten Schwangerschaft zu arbeiten aufgehört haben. Das war für meine Generation in Spanien undenkbar. Das habe ich nur hier erlebt. Jedenfalls habe ich damals angefangen, etwas wacher zu werden und das in einem Artikel verarbeitet: „Man kommt nicht als Frau zur Universität, man wird dazu gemacht“ – eine Paraphrase von Simone de Beauvoirs Satz: „Man kommt nicht als Frau zur Welt.“ Das hat mich sehr beschäftigt und mich auch zur feministischen Philosophie gebracht.

Widerspruch: Du würdest also sagen, dass das Ästhetische und das Feministische bei dir zunächst zwei Stränge waren.

Peña Aguado: Ja, kann man so sagen. Ich habe dann aber einige Artikel geschrieben, in denen ich versucht habe, sie zusammenzubringen. Denn im 18. Jahrhundert diente die Ästhetik ja durchaus dazu, eine gesellschaftliche Ordnung und eine Ordnung der Geschlechter zu etablieren und zu rechtfertigen, die anhand der Unterscheidung vom „Schönen“ und dem „Erhabenen“ gemacht wurde. Das kann man sehr schön am Beispiel von Edmund Burke und Immanuel Kant sehen. Ich habe dann auch einiges über den Begriff der Urteilskraft geschrieben, den ich nach wie vor sehr spannend finde, weil er Ansatzpunkte für ein Denken liefert, das auch für das feministische Denken ein Gewinn sein kann.

Widerspruch: Dann hast du die Sache für dich letztlich doch produktiv gemacht.

Peña Aguado: Naja. Nachdem ich bei Wolfgang Welsch promoviert habe, bin ich für eine kurze Zeit nach München gekommen und dann aus privaten Gründen nach Leipzig gegangen. Dort habe ich sehr schnell Anschluss an die Universität gefunden und angefangen, mit Lehraufträgen Ästhetik, aber auch Feminismus zu lehren. Ich glaube, ich war die erste, die an diesem Institut die feministische Theorie eingeführt hat.

Widerspruch: Wann war das?

Peña Aguado: Das war 1996. Ich habe dort erlebt, dass ich für die Einführung in feministische Philosophie einen Lehrauftrag problemlos bekommen habe; als dann aber die Studentinnen ihren Schein geltend machen wollten, wurde ihnen gesagt: Nein, das sei keine Philosophie. So raffiniert war man. Zum Glück haben die Studentinnen sich erfolgreich gewehrt, und der Schein wurde anerkannt. Das war wirklich eine wichtige Erfahrung.

Widerspruch: Ging das von der Universitätsleitung oder der philosophischen Fakultät aus?

Peña Aguado: Von den Philosophen. Ich war auch die erste, die in Leipzig Hannah Arendt gelesen hat. In der Kollegiumssitzung, in der die Lehraufträge besprochen wurden, wurde mir gesagt: Aber das ist doch keine Philosophin. Solche Sachen hörte man immer wieder.

Widerspruch: Waren das die Professoren, die aus dem Westen gekommen waren?

Peña Aguado: Ja. Interessant waren auch die Erfahrungen mit den Frauen aus dem Osten. Ich hatte eine Gruppe von Studentinnen, in der einige aus dem Osten waren, und die mir gesagt haben: Ach ja, der Feminismus ist ein Wessi-Problem. Wir haben dieses Problem nicht, wir waren schon immer emanzipiert. Ich habe dann gefragt: Hattet ihr keine Doppelbelastung? Doch, wir haben auch zu Hause gearbeitet. – Wie war es denn bei der Parteiführung? Waren da viele Frauen dabei? Jahre später hat mir eine Studentin geschrieben: Wie recht du hattest. Jetzt macht sie auch feministische Theorie und hat inzwischen über das Thema zwei Bücher herausgegeben.

Widerspruch: Wie ging es dann in Leipzig weiter?

Peña Aguado: Ich habe dort mit der ehemaligen Frauenbeauftragten, einer Germanistin, der Professorin Ilse Nagelschmidt, das Zentrum für Frauen und Geschlechterforschung namens FraGes gegründet, das nun gut in der Leipziger Universität verankert ist. Wir haben viel Arbeit investiert und auch eine Tagung organisiert, aus der ein Buch entstand, das wir herausgegeben haben. Enttäuschend war, dass am Ende, als das Zentrum institutionalisiert war, nur Professorinnen und diejenigen, die einen festen Vertrag hatten, dort weiter machen konnten.

Widerspruch: Und du warst außen vor.

Peña Aguado: Leider ja, denn ich hatte das alles als Lehrbeauftragte gemacht. Deshalb hatte ich mich in dieser Zeit gefragt, ob ich als Frau und Ausländerin überhaupt eine Chance habe, an der Universität voranzukommen. Als ich mich mehr oder weniger aus dem akademischen Betrieb schon verabschiedet hatte, kam ein Angebot von der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Professor Christoph Türcke, der mein Buch über das Erhabene kannte, bot mir die Vertretung seiner Professur an. Anfangs war ich etwas unsicher, schließlich aber sagte ich doch zu. Für mich war das eine Entdeckung, weil die Arbeit mit den Künstlern ganz anders war.

Widerspruch: Mit den Studenten wie den Dozenten?

Peña Aguado: Vor allem mit den Studenten. Sie waren vielleicht nicht so belesen, dafür aber sehr reflektiert. Vor allem haben sie einfach geredet, diskutiert, gefragt und waren interessiert. In der letzten Zeit hatte ich die Universität so erlebt, dass ich mich gefragt habe, ob wir die Leute nicht eher zum Schweigen als zum Denken bringen. An der HGB Leipzig war es anders. Ich habe dort einige Diplomarbeiten betreut, und das war ein Vergnügen, weil sie so unbeschwert mit der Tradition umgegangen sind. Sie hatten nicht diese ganze Angst, dass wenn man diesen oder jenen nicht gelesen hat, sich gar nicht anmaßen kann, überhaupt einen Satz zu sagen. Das war sehr befreiend und hat richtig Spaß gemacht. Ich hatte auch das Glück, mit einigen Professorinnen wie Alba d’Urbano oder Tina Bara zusammenarbeiten zu können. Bara ist Professorin für Fotografie und Alba D’Urbano für Computergraphik und Intermedia, eine Italienerin übrigens. Ich habe an einem Projekt teilgenommen, das „Bellissima“ hieß und mir viel Freude bereitet hat.

Widerspruch: Ich hatte den Eindruck, dass die Frauen in der DDR selbstbewusster waren als hier. Hier gab es den konservativen Druck, dass die Frau im Zweifelsfall Mutter ist. Trügt dieser Eindruck?

Peña Aguado: Also, für mich war der Umzug nach Leipzig im Nachhinein die Rettung, weil ich in München gerade ein Kind bekommen hatte und hier als Intellektuelle zu Grunde gegangen wäre. Hier herrschte ein Diskurs über das Muttersein, den ich erdrückend fand, verheerend für die Frauen. Es lief viel auf der Ebene der Schuldgefühle, und das fand ich sehr manipulativ. Ich hatte zu dieser Zeit eine Nachbarin, auch eine Spanierin und Juristin, die gerade ein Kind bekommen hatte. Sie hat Dinge erlebt, die für uns in Spanien undenkbar gewesen wären. Ihr wurde auf dem Jugendamt beigebracht, dass sie mit der Arbeit aufhören müsse, um sich um das Kind zu kümmern. Ich fand auch diesen Diskurs verheerend, der damals herrschte: Ach, die arme Frau; sie kann nicht zu Hause bleiben, weil ihr Mann nicht genug verdient. In diesem Punkt war Leipzig für mich eine Befreiung. Dort gab es Kindergärten, die ab 6 Uhr morgens bis 6 Uhr abends geöffnet waren, und kein Mensch hat sich gewundert, wenn man die Kinder ab einem bestimmten Alter in den Kindergarten gab. Ich habe mich nicht als Mutter in Frage gestellt gesehen, weil ich zur Universität gegangen bin. Später habe ich die andere Seite kennengelernt, dass es nämlich auch im Osten Frauen gab, die gern bei ihren Kindern geblieben wären. Ihnen hat man ein schlechtes Gewissen gemacht nach dem Motto: Wie kannst du deswegen deine Arbeit vernachlässigen? Keine von den beiden Haltungen fand ich in Ordnung. Jede Frau muss doch die Möglichkeit haben, ohne schlechtes Gewissen zu entscheiden, ob und wann sie ihre Kinder in die Einrichtung bringt.

Widerspruch: Du hast vorher erzählt, Studentinnen hätten gesagt, der Feminismus sei ein Wessi-Problem. Wie du es jetzt schilderst, hatten die Frauen im Osten tatsächlich diese Probleme nicht. Dass du im akademischen Betrieb aber als Frau wahrgenommen wurdest, deren Leistung anders beurteilt wird als die eines Mannes, das war ja im Osten auch so, als du dort warst. Lag das daran, dass fast lauter Männer aus dem Westen an die Universitäten im Osten geströmt sind, und dass dann dasselbe Klima herrschte wie an den Universitäten im Westen?

Peña Aguado: Ja, so würde ich das sehen. Aber auf der sozialen Ebene war es einfacher, Mutter zu sein, weil keiner dir ein schlechtes Gewissen gemacht hat, wenn du deine Kinder in den Kindergarten gebracht hast.

Widerspruch: Und der Eindruck, dass die Frauen im Osten selbstbewusster waren?

Peña Aguado: Auf eine gewisse Art waren die Frauen schon selbstbewusster, da sie gewohnt waren, dass alle arbeiten, und sie daher finanziell unabhängig waren. Ich muss natürlich sagen, dass der Kontrast besonders krass war, weil ich aus München, aus Bayern nach Leipzig kam. Es war eine gute Erfahrung, als Ausländerin in den „wilden Osten“ zu kommen, der doch gar nicht so wild war.

Widerspruch: 2003 bist du nach England gegangen. Wie war es dort als Philosophin?

Peña Aguado: Cambridge ist ein Paradies – mit allen wunderschönen und allen gefährlichen Aspekten, die ein Paradies eben hat. Ich hatte das große Glück, dort mit meiner Familie in einem College zu leben. Das war das Clare Hall College, dessen Life Member ich noch immer bin. Es war bis vor kurzem das einzige College in Cambridge, wo man mit der Familie leben konnte. Ansonsten ist die Struktur der Cambridge Universität sehr konservativ und patriarchal. Man muss bedenken, dass die Ursprünge in der Kirche liegen, die geholfen hat, die Universität zu gründen. Und diese Colleges wurden so gegründet, dass man ein monastisches Leben zu führen hatte. In ihnen waren Frauen nicht zugelassen, und auch die fellows mussten, sobald sie geheiratet haben, das College verlassen. Man muss sich im Klaren sein, dass wir von einer Universität sprechen, die bis 1948 keinen Titel, kein Diplom an Frauen vergab. Man denkt, das liegt 200 Jahre zurück; aber so ist das nicht. Es gab zwar Frauen, die studiert haben; sie konnten aber keinen Abschluss machen. Und die paar weiblichen Colleges waren ganz außerhalb, damit die jungen Männer nicht in Versuchung kamen. Das bekannte Newnham College, in dem Virginia Wolff den berühmten Vortrag gehalten hat: A Room of One’s Own war damals außerhalb. Übrigens ist dieses College nach wie vor nur für Frauen, aus dem sehr tatkräftige Frauen herausgekommen sind. Die Schriftstellerin Silvia Plath, die Wissenschaftlerin Rosalind Elsie Franklin oder die Philosophin Onora O’Neill sind gute Beispiele dafür. Mir war bewusst, wie patriarchalisch diese College-Struktur ist. Mein College jedoch, das als eine Art Center for advanced studies gegründet wurde, war und ist viel offener. Es hat keine Studenten, sondern nur Promovierende und Professoren aus der ganzen Welt, die für ein Forschungsjahr kommen. Es gab die Variante, dass Männer forschten und ihre Frauen dazu kamen, aber auch umgekehrt, dass Männer ihre Frauen begleiteten. Dort habe ich erlebt, dass es viele Professorinnen aus den USA und aus England gab, die Kinder hatten. Das war überhaupt keine Frage. In Deutschland hingegen sind viele Professorinnen aus Karrieregründen immer noch kinderlos. Und das konnten die Frauen, die ich dort kennengelernt habe, nicht verstehen. Ich wurde auch angesprochen: „Wie kannst du in Deutschland leben? Wir haben gehört, wie schlimm es dort mit den Männern ist, so konservativ und patriarchal.“ Jedenfalls war es für mich eine wunderschöne Zeit, weil ich das alles ohne Probleme vereinbaren konnte. In dieser Zeit habe ich weniger gelehrt als geforscht und geschrieben. Auf dem College gab es eine sehr aktive Frauengruppe, und ich durfte meine Arbeiten vorstellen. Ich habe mit meiner guten Freundin und Philosophin, Bettina Schmitz, in Deutschland ein Buch publiziert, das heißt: Das zerstückelte Leben. Es ist ein fiktiver Briefwechsel zwischen zwei Philosophinnen. Das Buch ist 2004 in Deutschland erschienen. Wir haben dazu mehrere Lesungen in Deutschland und in Österreich gemacht und einen Teil daraus ins Englische übersetzen lassen, den ich auf dem College vortragen durfte. Die Begeisterung war so groß, dass einige das Buch auf deutsch gekauft haben, obwohl sie kein deutsch konnten, und Amerikanerinnen wollten, dass es sofort auf englisch erscheint. Das war eine tolle Erfahrung. Damals habe ich mehr meinen feministischen Teil ausgelebt, auch in der Theorie.

Widerspruch: Gibt es vergleichbare Institutionen in Deutschland? Das Wissenschaftszentrum in Berlin?

Peña Aguado: Ja, oder die Max-Planck-Institute, z.B. für Wissenschaftsgeschichte. Aber das sind Institutionen, wo man sich trifft, jeder jedoch woanders wohnt. Wir aber haben in diesem großen Areal zusammengelebt. Ich bekam auch ein foundation’s visiting Fellowship, so dass ich zusätzlich etwas Geld für meine Forschung hatte, was ja eine große Ehre war. Während dieser Zeit habe ich über ein Thema gearbeitet, das mich immer noch sehr beschäftigt. Es geht um intellektuelle Frauen und ihre Räume. Und das fand viel Zuspruch dort. Das Buch wird, wie ich hoffe, bald in Spanien erscheinen.

Widerspruch: Das ging bis 2006?

Peña Aguado: In Cambridge habe ich bis 2007 gelebt, im College bis 2005. Denn die College-Zeit war ja begrenzt.

Widerspruch: Wie lange warst du insgesamt in England?

Peña Aguado: 2003 bin ich angekommen. Meinen Ruf nach München habe ich im September 2006 bekommen und hier im Dezember 2006 angefangen.

Widerspruch: Wieder nach München, so konservativ und verstockt?

Peña Aguado: Ja, aber ich kam in die Akademie der bildenden Künste. Ich habe mich dort beworben, nachdem ich schon längere Zeit in England war, und habe eigentlich gedacht, dass ich keine große Chance habe. Umso schöner war es, dass ich doch die Professur bekam. Ein Jahr lang bin ich dann zwischen Cambridge und München gependelt und lebe hier seit 2007. Also, wie ist die Philosophie an der Akademie? Jedenfalls ist der Stand der Theoretiker im Hause nicht einfach.

Widerspruch: Du hast nur Studenten der Akademie?

Peña Aguado: Ab und zu kommen auch Studenten der LMU oder der Hochschule für Philosophie. Ich habe versucht, die Studenten hier zu gewinnen, und eine Art „Gespräch im Atelier“, so nenne ich das, eingeführt, wo ich selber die Klassen besuche. Ich habe nicht gewartet, bis sie kommen, sondern habe mich einladen lassen und wenigstens einen Tag mit ihnen über Ästhetik geredet. Auf diese Weise kamen einige Studenten zur Philosophie, andere haben überhaupt registriert, dass es so etwas gibt. Es ist schwierig, weil hier ein Diskurs herrscht, der sehr mit Genialität und großer Freiheit zu tun hat. Manche kommen gerne, aber nicht regelmäßig, weil sie Exkursionen machen oder Ausstellungen vorbereiten müssen. Andere nehmen in den ersten Semestern an den Seminaren teil; dann werden es immer weniger, weil sie Ausstellungen haben oder sich die Zeit des Diploms nähert. Das muss man akzeptieren. Wir bilden hier keine Philosophen, sondern Künstler aus. Damit muss man umgehen können.

Widerspruch: Gibt es ein Kontingent, das sie machen müssen?

Peña Aguado: Nein, die freien Künstler nicht. Ich kenne das anders aus Leipzig an der Hochschule für Graphik und Buchkunst. Dort sind die ersten zwei Jahre für alle Studenten gemeinsam, und sie müssen auch Theorie belegen. Hier haben wir um die 700 Studenten. Ungefähr 250 machen Kunstpädagogik, einige verbinden das mit freier Kunst; wir haben eine kleine Gruppe für das Aufbaustudium der Kunsttherapie und eine kleine Gruppe für Architektur. Die Mehrheit bilden die freien Künstler, die zu nichts verpflichtet sind. Sie kommen von Anfang an in eine bestimmte Klasse. Und es kommt dann darauf an, wie der Professor oder die Professorin gegenüber allgemeinem Wissen oder der Theorie eingestellt ist. Von den Studenten gibt es natürlich die, die so frei sind, dass sie kommen, egal was sie hören; aber es gibt auch die, die nicht kommen, weil sie der Meinung sind, dass es nicht relevant ist.

Widerspruch: Welche Themen bietest du an?

Peña Aguado: Eine Zeit lang habe ich eine Vorlesung über Ästhetik im Kontext angeboten. Meine Absicht war, anhand der Geschichte der Ästhetik einen Überblick über die Geschichte der Philosophie zu vermitteln. Das war eine Mischung aus Vorlesung und Seminar. Zuerst habe ich etwa eine Stunde Vorlesung gehalten, dann haben wir gemeinsam Texte gelesen. Darüber hinaus habe ich Seminare abgehalten und darauf geschaut, Klassiker der Ästhetik oder Autoren anzubieten, die interessant sind. Zusätzlich zu den regelmäßig stattfindenden Seminaren biete ich Blockseminare an, die sehr gut ankommen. Die Studenten nehmen sich dann wirklich die Zeit, sind von nichts anderem abgelenkt und die Zusammenarbeit ist großartig. Ich habe zwei Mal kurz nach der Jahresausstellung Blockseminare angeboten. Die Studenten haben dann schon ausgestellt, sind schon etwas freier und können sich konzentrieren. Das sind kleine Gruppen, mit denen man sehr gut zusammenarbeiten kann.

Widerspruch: Am Wochenende?

Peña Aguado: Nicht nur; Dienstag und Donnerstag oder Freitag und Samstag. Nächste Woche lesen wir Foucaults „Geschichte der Sexualität“, 1. Band. Mit den Kunsttherapeuten habe ich in zwei Seminaren „Wahnsinn und Gesellschaft“ gelesen, weil viele von ihnen danach in der Psychiatrie arbeiten. Das war für alle Beteiligten, auch für mich, sehr schön und interessant.

Widerspruch: Sind nicht die Kunstpädagogen dazu verpflichtet?

Peña Aguado: Inzwischen schon. Mit der Einführung des Bachelors und Masters für den Studiengang Kunstpädagogik ist die Philosophie mit zwei Modulen im Studiengang der Kunstpädagogen vertreten.

Widerspruch: Und das machst du?

Peña Aguado: Ja. Eine Sache, die mir sehr am Herzen liegt, sind die „Schelling Lectures“, die ich 2008, dem Jubiläumsjahr des 200-jährigen Bestehens der Akademie, initiiert habe. Die Anregung hatte ich durch meine Erfahrung in Cambridge. Die Idee dieser internationalen Vorlesung ist, renommierte Persönlichkeiten einzuladen, die interdisziplinär arbeiten. Sie kommen hierher, um ein Seminar für unsere Studenten und dann eine öffentliche Vorlesung zu halten, damit die Akademie im Bewusstsein Münchens einen Platz bekommt und nicht nur als ein Ort wahrgenommen wird, an dem Kunst ausgestellt wird, sondern auch Ideen, und an dem man sich austauscht. Zu meiner großen Freude wurde diese Idee in der Akademie positiv aufgenommen. Die Leitung war angetan und hat mich sehr unterstützt. Wir haben 2008 gleich im Januar, dem Geburtstag Schellings, begonnen. Die Schelling Lectures werden auch dank der großzügigen Unterstützung der Ingrid Werndl-Laue Stiftung jährlich beim Deutschen Kunstverlag veröffentlicht. Die Reihe heißt auch so: „The Schelling Lectures“.

Widerspruch: Warum Schelling?

Peña Aguado: Es geht nicht um Schelling-Forschung. Der Name der Reihe ist eine Hommage an den Gründer der Akademie; aber die Themen sind sehr verschieden. Der erste, der kam, war der Historiker und Kulturwissenschaftler aus Cambridge, Peter Burke. Dann kam eine Architektin und Komponistin aus Barcelona, Anna Bofill Levi; ihr Bruder Ricardo, mit dem sie gearbeitet und wichtige Werke mitgestaltet hat, ist ja ebenfalls sehr bekannt. Inzwischen ist sie eine sehr interessante Komponistin, so dass sie auch ihre Musik vorgestellt hat. Im folgenden Jahr war die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt hier, die einige Essays über Kunst geschrieben hatte, aber auch den Roman What I loved, in dem es um die Künstlerszene in New York geht. Letztes Jahr hatten wir Hans-Peter Dürr, den Physiker hier und im Januar 2012 kommt Humberto Maturana.

Widerspruch: Bei Herrn Dürr war das ja nicht so schwierig.

Peña Aguado: So würde ich es nicht sagen. Ich musste ihn überreden und ihm klar machen, dass seine Arbeit auch für Künstler von Interesse ist. Die Studenten waren begeistert von ihm. Die alte Aula war total voll. Auch bei Siri Hustvedt mussten wir die Türen zumachen.

Widerspruch: Noch einmal zurück zu den Blockseminaren. Was bietest du an?

Peña Aguado: Ich versuche eine Mischung zwischen Klassiker der Ästhetik und aktuellen Themen zu finden, vor allem im philosophischen Kontext. Zurzeit arbeiten wir am Begriff der Revolution, weil dieses revolutionäre Potential jetzt sehr präsent ist. In Madrid waren es viele Künstler und Künstlergruppen, die der Bewegung den Input gegeben haben. Zudem behandelt eine Kunsthistorikerin die politische Praxis in der bildenden Kunst. Das ergänzt sich sehr gut. Was aber für mich unabhängig von den Themen oder Inhalten von äußerster Wichtigkeit ist, ist, in meiner Lehre die Erfahrung des Denkens zu vermitteln, dass die Studierenden einen kritischen Geist entwickeln und selbständig reflektieren können.

Widerspruch: Der Studentenstreik vor zwei Jahren hat ja hier, in der Akademie, angefangen. Merkt man das an den Studenten, dass sie wacher, interessierter, offener oder auch kreativer sind als an der Universität?

Peña Aguado: Es ist schon eine andere Art und Weise der Arbeit. Sie haben, wie gesagt, weniger Berührungsängste und sind offener, auch wenn sie reden. Manchmal entdecken sie das Mittelmeer. Aber egal; das ist ihr Mittelmeer, und es ist gut so. Es gibt natürlich Studenten, die auf der Suche sind und mit interessanten und aufregenden Themen kommen. Manchmal zeigen sie mir auch ihre künstlerische Arbeit. Das war vor allem, als wir Umberto Ecos Das offene Kunstwerk gelesen haben. Sie waren alle interessiert und wollten ihre Arbeit zeigen. Das erlebe ich als sehr offen. Es gibt auch eine Gruppe von Studenten, die sehr aktiv ist und selbst Vorträge organisiert, wie zum Beispiel die Initiative „Jour Fixe“, in deren Rahmen der spanische Künstler Santiago Sierra vorgetragen hat. Es gibt auch einen sogenannten „Salong“. Hier gibt es viele, die Initiative haben; andere gehen dabei unter. Bei diesem System besteht immer ein wenig die Gefahr, dass einige untergehen, die sich nicht so gut orientieren können. Aber die es schaffen, sind großartig. Für etliche ist es das zweite Studium, und sie wissen zu schätzen, was die Akademie ihnen bietet. Es ist phantastisch, was es für Ateliers und Werkstätten gibt. Für mich aber kommt bei aller Kreativität derzeit leider das Denken, Reflektieren und die Forschung etwas zu kurz. Das Wort „Forschung“ wird in der Akademie nicht so gern gehört. Das sind leider Vorurteile. Es gilt noch immer diese Trennung zwischen Wissenschaft und Kunst, als ob Künstler für ihre Arbeiten nicht auch forschen würden oder für die Wissenschaftler Kreativität nicht vonnöten wäre.

Widerspruch: Liebe Frau Peña Aguado. Wir danken für das Gespräch.

Das Gespräch führten Sibylle Weicker und Alexander von Pechmann.

Arnold/Fuchs – Das unersättliche Selbst

Thomas Arnold, Thomas Fuchs

Das unersättliche Selbst

Phänomenologie des Narzissmus

geb., 250 Seiten, 28.- €

Berlin 2026 (Suhrkamp-Verlag)

von Fritz Reheis

Selfis, Tatoos und Likes sind überaus beliebte Praktiken eines Lebensstils, bei dem sich fast alles um das Selbst des Menschen dreht. Es will wahrgenommen, anerkannt, wertgeschätzt, es will geliebt werden – und leidet darunter, dass es nie genug kriegen kann, dass es nie wirklich satt wird. Das Gefühl der Zufriedenheit, der ersehnte Zustand von Geborgenheit und Liebe, will sich nicht einstellen, das Verlangen nach Mehr ist übermächtig. In „Das unersättliche Selbst“ präsentieren Thomas Arnold und Thomas Fuchs eine „Phänomenologie des Narzissmus“, in der sie philosophische, soziologische und psychologischen Diskurse zusammenführen und so die Diagnose „Narzissmus“ zugleich psychiatrisch und gesellschaftstheoretisch verorten. Die beiden Autoren lehren und forschen an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Arnold als Akademischer Rat am Philosophischen Seminar, Thomas Fuchs als Karl-Jaspers-Professor für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie. Fuchs wurde für sein Werk („Das überforderte Subjekt“, „Verteidigung des Menschen“ und „Verkörperte Gefühle“) unter anderem mit dem Erich-Fromm-Preis ausgezeichnet.

Narzissmus ist für die Autoren weder eine Modediagnose noch eine anthropologische Grundbestimmung des Menschen. Der übersteigerten Selbstliebe und Ichbezogenheit liege, so die Autoren, eine „tiefe, innere Leere“, ein „Mangel an eigenem Sein“, an „Selbstgefühl, Selbstwert, aber auch Selbstkongruenz, im Sinne einer Übereinstimmung mit sich selbst“ zugrunde. Dem Narzissten gelingt es nicht, mit sich selbst befreundet zu sein. Weil äußere Güter diesen Mangel nicht zu stillen vermögen, suche der Narzisst verzweifelt danach, sich durch andere Menschen spiegeln zu können, um sich seiner selbst zu versichern. „Videor ergo sum, ich werde gesehen (bzw. gespiegelt), also bin ich…“ (15, Herv. i. Orig.). Aber der Spiegel eröffnet keinen echten, keinen leiblich spürbaren Raum, sondern nur einen virtuellen. Die Enttäuschung bleibt, es droht eine unendliche Spiegelung, ein „Abgrund des Scheinens“ – mit einem „immensen Sog“. Jede Gelegenheit zur Spiegelung zieht das narzisstische Subjekt magisch an und verfehlt zugleich den leiblichen Kontakt immer mehr (16).

Das narzisstische Subjekt sei also „gewissermaßen zwischen zwei Leeren eingespannt, der inneren Leere des Selbst und der äußeren Leere der Spiegel, die es sucht“ (17). Die Unersättlichkeit, so weiter, sei „Ausdruck einer doppelten Leere: Hunger, Gier und Mangel, Spiegelungssucht und zugleich deren Vergeblichkeit, schließlich eine existenzielle Verzweiflung – dies zeichnet die narzisstische Subjektivität aus“ (ebd.). Der Narzissmus sei zutiefst in der spätmodernen Lebenswelt verankert, in deren kapitalistischer Grundstruktur. Denn die „zentrale Triebfeder“ des Kapitalismus sei der Mangel, der nie wirklich gestillt werden dürfe, „sondern durch neue Bedürfnisse, neue Waren und ihren ‚Verbrauch‘ stets von Neuem erzeugt, ja immer weiter gesteigert werden muss“ (18). Die strukturelle Unersättlichkeit des Kapitalismus zeige sich auch in der „Virtualität des Finanzkapitalismus“, dessen immer neue Kreationen (Derivate, Leerverkäufe) an unendliche Spiegelungen erinnern. Und sie zeige sich in den „Spiegelspielchen der Sozialen Medien“ sowie den Filterblasen und Echokammern des Internets (ebd.).

Kapitel 1 erzählt Ovids Spiegelmythos, in dem viele Themen dieses Buches bereits angesprochen sind. Kapitel 2 kennzeichnet den Narzissmus als existenzielle Leere. Kapitel 3 fragt nach der Möglichkeit eines gesunden Narzissmus. Kapitel 4 beleuchtet die Leiblichkeit vor dem Hintergrund narzisstischer Phänomene. Kapitel 5 analysiert den Zusammenhang zwischen Narzissmus und Zeitlichkeit. Kapitel 6 untersucht die Intersubjektivität narzisstischer Verhältnisse. Kapitel 7 behandelt den Zusammenhang zwischen Narzissmus und Geschlecht. Kapitel 8 beschreibt narzisstische Strukturen in Kultur und Gesellschaft. Kapitel 9 thematisiert schließlich therapeutische Möglichkeiten. Ein Schlusskapitel bietet eine knappe Zusammenfassung. Insgesamt ein wichtiges und ausgesprochen gut lesbares Buch.

Dass sich die Autoren bei den Therapiemöglichkeiten auf die individuelle Perspektive beschränken, enttäuscht und irritiert freilich. Einmal, weil die Autoren in der Einführung den Kapitalismus mit seiner strukturellen Unersättlichkeit treffend charakterisiert haben und man sich fragt, wie individuelle Therapien, die am Verhalten ansetzen, angesichts gesellschaftlicher Strukturen, die die Verhältnisse betreffen, überhaupt nachhaltig greifen können. Und der Rezensent vermisst eine Erweiterung der therapeutischen Perspektive über das Individuelle hinaus auch deshalb, weil im Schlusskapitel zwar die Notwendigkeit der Umorientierung vom „Haben“ zum „Sein“ angesprochen wird, Erich Fromms Überlegungen in „Haben oder Sein“ zur Notwendigkeit der Heilung der „kranken“ Gesellschaft jedoch in „Das unersättliche Selbst“ nicht einmal in den Anmerkungen auftauchen. In der nunmehr weiter fortgeschrittenen Spätmoderne – in Vergleich zu den 1960er Jahren Fromms – darf die „Therapie“ der Gesellschaft in Gestalt einer radikalen Transformation ihrer Wirtschafts- und Lebensweise meines Erachtens aus dem Narzissmus-Diskurs nicht ausgeblendet werden.

Ott – Sittlichkeit und Nachhaltigkeit

Konrad Ott

Sittlichkeit und Nachhaltigkeit

Aussichten auf eine bürgerliche Postwachstumsgesellschaft

geb., 975 Seiten, 69.- €

Baden-Baden 2026 (Karl Alber-Verlag)

von Fritz Reheis

Transformationen gab es in der Menschheitsgeschichte schon viele. Die anstehende Nachhaltigkeitstransformation, so Konrad Ott, Professor für Philosophie und Ethik der Umwelt, hat den Anspruch, die erste „ihrer selbst bewusste, d.h. eine wissentliche (epistemische) und willentliche (volitive)“ Transformation zu sein (34). Um diesem Anspruch gerecht zu werden, holt Ott weit aus. Er weist nicht nur alle auf Marx aufbauenden und an die Kritische Theorie anschließenden Perspektiven, etwa die seines japanischen Kollegen Kohei Saito („Systemsturz“), vehement zurück, sondern auch andere Anhänger von Postwachstumskonzepten, die nicht explizit „bürgerlich“ sind (Muraca, Schmelzer/Vetter). Ihnen wirft er vor, sich mit der bloßen Umkehrung der bestehenden Verhältnisse („abstrakte Negation“) zu begnügen. Da Marx jedoch längst widerlegt sei, müsse eine sich selbst bewusste Transformation den Umweg über Marx beenden und sich auf Hegels Phänomenologie des Geistes besinnen. Das Buch wolle, so heißt es in der Vorrede, eine „bestimmte Negation des Bestehenden“ anbieten: „eine theoretisch robuste, ethisch seriöse und politisch wirklichkeitsnahe Alternative“, „eine Konzeption des transformativen Wandels hin zu einer nachhaltigen Postwachstumsgesellschaft (WNPWG) auf dem Boden der modernen bürgerlichen Gesellschaft, die für deren Mitglieder überwiegend zustimmungswürdig sein kann.“ (35, Hervorhebung im Original). Aus der Hegelschen Perspektive der Phänomenologie des Geistes sei die WNPWG im Kern nichts anderes als eine Hervorbringung des „objektiven Geistes“.

Im ersten Kapitel begründet Ott am Beispiel Deutschlands, warum dystopische Narrative über das Projekt des Umbaus der Industriegesellschaft falsch sind. Das zweite Kapitel legt die normativen Voraussetzungen der WNPWG dar: eine Verbindung von Diskursethik, anthropozentrischer Umweltethik und starker Nachhaltigkeit. Das dritte Kapitel ist „ein Krebsgang durch die maßgeblichen Gesellschaftstheorien“ und plädiert für eine „Befreiung“ von Marx und der Kritischen Theorie. Das vierte Kapitel enthält Otts Hegel-Deutung, wobei er die Idee der Freiheit als „absolute Idee des Geistes“ bestimmt. Im fünften Kapitel werden daraus Folgerungen für das positive Recht und für den strategischen Ansatz bei der Staatszielbestimmung (Art. 20 a GG) gezogen; das Konzept der Rechte für die Natur wird jedoch zurückgewiesen. Das sechste und siebte Kapitel behandelt aus diskursethischer Perspektive Fragen der Bereichsethiken (Moral, Moralität, Moralismus) und der Stufungen von Familiarität (Familie, Gemeinschaft, Kultur). Im achten Kapitel plädiert Ott für einen „grünen Kapitalismus“, im neunten für eine „environmental deliberative democracy“. Das zehnte Kapitel widmet sich schließlich der Ebene der internationalen Politik. Ott betont, was seit 1948 global erreicht worden sei, räumt aber ein, dass dies möglicherweise auch wieder durch eine „Geopolitik multipolarer Einflusssphären und Raubbau an der Natur zunichte gemacht“ werden könnte (56).

Das Urteil des Rezensenten ist zwiegespalten. Einerseits ist die breit angelegte theoretische Grundlegung einer Postwachstumsgesellschaft, die sich vom Zwang des Wachstums des in Geld gemessenen Sozialprodukts befreit, beeindruckend. Dazu gehört auch die Sprache und die gute Erschließbarkeit der fast eintausend Seiten durch ein Personen- und ein Sachregister. In Letzterem fehlen jedoch Begriffe, die für eine umfassende Thematisierung von „Nachhaltigkeit“ und „Transformation“ nach Auffassung des Rezensenten unverzichtbar sind, wenn diese Thematisierung auch an naturwissenschaftliche Diskurse anschließbar sein soll: die Begriffe „Entropie“ und „Syntropie“ („Negentropie“), „Leben“, „Kreislauf“ und vor allem „Zeit“. Allein schon die bloße Definition von „Nachhaltigkeit“ erfordert zwingend den Rekurs auf die Zeitdimension (Veränderung, Erneuerung, Geschwindigkeit, Dauer). Und ohne die banale Tatsache, dass menschliches Wirtschaften mit der Wirtschaft der Natur irgendwie synchronisiert sein muss, Menschen das Werk der Natur also immer nur fortsetzen können (Vandana Shiva), lässt sich ökologische Nachhaltigkeit nicht verstehen. Im Text wird dies unter dem Stichwort „Kreislauf- und Bioökonomie“ vielfach angesprochen, ohne jedoch die Temporalität als Kern von Nachhaltigkeit herauszuarbeiten. Bezeichnenderweise führt Ott in seinem Personenregister zwar Hermann Daly als Pionier eines starken Nachhaltigkeitsverständnisses an, übergeht aber dessen Konzept einer konsequenten Regenerativität (die sogenannten Daly-Regeln). Im Text erwähnte Autoren wie Sabine Hofmeister und Adelheid Biesecker, die aus einem zeitökologischen Interesse heraus das Thema Reproduktivität ins Zentrum des Transformationsdiskurses geholt haben, fehlen im Personenregister. Die fundamentale Bedeutung des Tutzinger Projekts einer „Ökologie der Zeit“ für den Nachhaltigkeitsdiskurs ist Ott offenbar völlig entgangen. Der Rezensent fragt sich, wie Ott die „tendenziell totalitäre“ und „kolonisierende“ Wirkung von Geld als allgemeines Äquivalent einräumen kann (661), ohne die Möglichkeit auch nur anzudeuten, dass die Zeit als Maßstab für Heterogenes, als „Zweitcode für Systeme“ (Luhmann), eine freiheitlichere (Hegel!) Alternative zu jener „Zeit-ist-Geld“-Formel sein könnte, die uns offensichtlich immer mehr in die Irre führt.